Zu Lauriyá Navandgarh (Abb. 9) tritt uns eine unversehrte As

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Die altindische Säule.

Die altindische Säule.

Ein Beitrag zur

Säulenkunde

von

Dr.-Ing. Hans Sohrmann.

Mit 57 Abbildungen.

[Illustration]

DRESDEN.

Verlag von Gerhard Kühtmann.

1906.

[Illustration]

Inhalt.

Seite

Einführung.

A. Einzelsäulen.

Kapitel 1. Indopersischer Typus 7

Kapitel 2. Indoklassischer Typus 27

B. Konstruktive Säulen.

Kapitel 3. Steinzaunpfeiler 35

Kapitel 4. Deckentragende Säulen 43

Kapitel 5. Das Polsterkapitell 59

Kapitel 6. Das Vasenkapitell 66

Schlußwort 75

Verzeichnis der Abbildungen mit Angabe der Quellen 77

Verzeichnis der hauptsächlich benutzten Quellenwerke 79

[Illustration]

[Illustration]

Vorwort.

Schon beim Vorentwurfe dieser Abhandlung, welche erst nach mehrfachem

Umarbeiten die vorliegende Gestalt annahm, entschloß ich mich, den

ersten Abschnitt des indischen Säulenbaues -- als indisches Altertum --

bis ins 8. Jahrhundert n. C. auszudehnen. Einmal führt eine untrennbare

Entwicklungsreihe bis zu dieser Zeit, und zum anderen weist alsdann die

Architekturgeschichte Indiens eine 300jährige Lücke vor, nach welcher

unvermittelt die wesentlich verschiedene Formensprache des Mittelalters

einsetzt.

Das Anschauungsmaterial, dessen Fundstätten in der Übersichtskarte

durch volle Punkte gekennzeichnet sind, habe ich einer selbständigen

Bearbeitung unterzogen, wenn sich eine Quelle für hier gegebene

Zwecke nicht ausreichend zeigte. So ist eine beträchtliche Anzahl von

Quellenangaben im Illustrationsverzeichnisse gewissermaßen nur als

Hauptanhaltspunkte meiner Darstellung aufzufassen, welche noch andere

Werke zu ergänzendem Aufschlusse heranzog.

Hans Sohrmann.

[Illustration]

[Illustration]

Einführung.

Auf dem Studium des Alten, auf der bauschaffenden Überlieferung als

Grundlage kann allein eine Moderne im besten Sinne des Wortes erstehen.

Wie aber schaute es allgemein bis vor wenigen Jahren noch mit diesem

Quellenstudium in Wirklichkeit aus! Es fühlte und schuf der Architekt

nach klassischem und mittelalterlichem Muster, ganz abgesehen dabei,

mit wieviel eigenem Verdienst. Diese Vorbilder galten ihm als höchste

Instanz, als die festen Wertungen aller vergleichenden Kritik. Unwürdig

und überwunden aber mußte solch landläufig beschränkte Tradition

unserer neuen Richtung erscheinen, vielmehr verlangt dieser kraftvoll

einsetzende Pulsschlag nach ununterbrochener, sich ausgleichend

ergänzender Säfteaufnahme aus dem gesamten historischen Formenvorrat

des Bauschaffens. So galt es denn seit dem Auftreten der befreienden

Strömung, stetig Umschau zu halten nach frischer Anregung, nach

ergiebigen Fundstätten eigenartiger Formenharmonie. Die köstlichsten

Schätze bietet altvaterländische Bauweise. Doch so recht das Kind

seiner Zeit, die unter dem Zeichen des Verkehrs die entferntesten

Gebiete der Forschung erschließt, schweift der Geist der Moderne auch

weit über die Grenzen der Heimat, die Sprachen fremder Kunst intensiv

zu erfassen und originell zu verwerten. Muten nicht beispielsweise

manche neuzeitliche Werke in ihrer zuweilen gar übertriebenen Wucht

an wie Schöpfungen aus Ägypten etwa oder dem Zweistromlande? -- Und

doch ist eine der reichsten Fundgruben für ein lebenzeugendes Studium

vergangener Architektur heute künstlerisch noch kaum erst entdeckt,

noch völlig unausgebeutet -- die indische Formenwelt. --

In Holz, das wohl bearbeitbar der Gestaltungskraft des Künstlers einen

freien Spielraum ließ, bauten im Anfange alle Indogermanen. So wird

unser fachliches Interesse in leicht erkennbarer Gedankenfolge von

selbst nach der fernen Wiege des gewaltigen Völkerzweiges gewiesen, auf

die früheste Baukunst Indiens. Nur die persische Architektur erreicht

zu gewissem Grade das bestimmende Gepräge des Holzbauursprunges dieser

Hindukunst. Während jedoch persische Formen im Steinbau des Westens

zur letzten Konsequenz entwickelt und abgeschlossen wurden durch das

Griechentum, bleibt die indische Baukunst durch natürliche Lage streng

abgetrennt als ein Architekturkosmos für sich. Im Lande gezeugt,

schwebt sie zur Zeit noch als lebendige Tradition dem Architekten bei

seinen Bauten vor, nicht erstarrt zum bloßen Dekorationsapparat, wie

in gewissem Sinne die klassische Formenwelt, die als fremdes Moment in

fremdem Gebiete, in fremdem Volksgeiste weitergeführt wird.

In dieser lokalen Abgeschiedenheit muß auch der Grund erblickt werden,

weshalb erst in verhältnismäßig jüngster Zeit genauere Kunde über

Indiens Bauschaffen nach Europa gedrungen ist. Dank den Aufschlüssen

englischer und französischer Forscher haben sich nun Ausblicke in eine

ferne Kunstblüte erschlossen, die in ihrer Herrlichkeit wie Erträumtes

anmutet. In dem alten Märchenlande, das dem Westen auf literarischem

Gebiete so erhabene, so reizvolle, so tiefinnige Schöpfungen schenkte,

bietet auch die bildende Kunst in der Architektur ungeahnte Schätze.

Darum Licht in die mystischen Vorstellungen von indischen Höhlen-

und Pagodenzerrbildern, wie sie in unserer Mitte noch spuken. Sollte

denn ein Volk, das in Philosophie, Dichtkunst und Ethik ebenbürtig an

geistiger Größe der Antike zur Seite steht, in der »_Erz_kunst« versagt

haben? Je mehr der forschende Architekt eindringt in das innerste

Wesen jener eigenartigen, abseits stehenden Kunstentwickelung, desto

überzeugter und begeisterter wird er dem berühmtesten Kenner indischen

Bauschaffens, Fergusson, zu seinem Urteile beipflichten:

»Whether successful or not, it seems well worth while that an attempt

should be made to interest the public in Indian architectural art;

first, because the artist and architect will certainly acquire broader

and more varied views of their art by its study than they can acquire

from any other source.«[1]

Wahrhaftig, ein tüchtiges Stück Arbeit ist es allerdings,

hindurchzudringen durch das Labyrinth indischen Bauschaffens, zumal

ausführlichere Literatur über dieses Gebiet sehr sporadisch in der

Kunstgeschichte auftritt. Erst 1903 half Le Bons Illustrationswerk

»Les Monuments de l'Inde« in Frankreich dem dringendsten Bedürfnis

einer einigermaßen Aufschluß bietenden Quelle ab. England ist

bisher bahnbrechend der einschlägigen Forschung vorangeschritten.

Dem deutschen Volke aber ist leider noch kein auch nur zu gewissem

Grade erschöpfendes Werk beschieden. Sollte es dem Verfasser des

vorliegenden bescheidenen Essays gelingen, wenigstens ein Kleines

mitzuwirken, das Verlangen unserer baukünstlerischen Kreise nach einer

grundlegenden Behandlung dieses vielversprechenden Abschnittes der

Architekturgeschichte zu wecken und damit ihr Erscheinen näher zu

rücken, so würde er sich reich belohnt schätzen. Denn Pflicht ist es

jedes Architekten, der den Werdegang seines Faches verstehen will und

soll, auch diese ferne Kunstblüte in ihrer glänzenden Einzelstellung

zu studieren, zu würdigen als das künstlerische Vermächtnis eines

hochbegabten, ästhetisch fein geschulten Völkerzweiges von gewaltiger

Mächtigkeit.

Außer diesem allgemein kunsthistorischen Werte fesselt Indiens

Bauschaffen im besonderen durch ein tatsächlich einzig dastehendes

Kapitel, welches dem umfassenden Studium architektonischer Tradition

eine hochwichtige, abschließende Ergänzung zu gewähren vermag, -- das

unübertroffene dekorative Genie des indischen Volksgeistes! Wenn wir im

ägyptischen und mesopotamischen Altertum überwältigende Monumentalität,

in der Antike ein bis ins Feinste durchdachtes Gesetz der Verhältnisse,

im Mittelalter eine energische Betonung des konstruktiven

Grundgedankens, in der Renaissance ein selbstschöpferisches

Verschmelzen abgeschlossener Bauformen und Bauprinzipien zu

meisterlicher Vollendung geleitet sehen, so bietet vorzüglich Indiens

Altertum köstliche Beispiele, dem Auge des Architekten den Höhepunkt

dekorativer Gestaltungsfreiheit und durchgebildetster Ornamentik

vorzuführen. Und nie wird diese ungezügelte Urkraft einer unendlich

reich befruchteten Phantasie an den alten Hinduwerken, da noch Ornament

und konstruktiver Organismus harmonisch ineinander greifen, ihres

eigentümlichen Zaubers entbehren.

Mit gutem Rechte werden die Werke des Altertums nach jeweiliger

Zahl ihrer Deckenstützen gekennzeichnet, denn es bot ja vor dem

Auftreten raumbildender Wölbung die Säule allein die Möglichkeit des

Deckenabschlusses größerer Räume. Naturgemäß sprachen sich gerade

an diesem Konstruktionsgliede die jedem Stile eigenen Merkmale

bedeutungsvoll aus. Auch im indischen Altertum zeigt ein Überblick

durchweg Säulenbau. Denn abgesehen von den Stúpas, welche als gewaltige

Steinhaufen -- wenn anders solch drastische Bezeichnung erlaubt sein

mag -- architektonisch kaum in Betracht kommen, läßt diese Baukunst

Láts oder Stambhas, die Einzelsäulen, und Steinbalkenzäune, Chaityas

oder Kultuszwecken dienende Versammlungshallen und Viháras oder Klöster

erstehen, -- also entweder selbständige Säulen- und Pfeilergebilde oder

lediglich durch solche erzielte Raumschöpfungen. Begründet erscheint

es so, daß die Säule zu eingehender Betrachtung herausgegriffen wird,

um eine Kristallisation indischen Baustiles in seiner reinsten Epoche,

im Altertum, zu bieten. Mag darum die Entwickelung der Säule in das

Empfinden und Schaffen jenes eigenartigen Kunstgeistes einweihen, mag

sie uns einen sicheren Weg weisen durch das weite Brachfeld einer

neuen, unerschöpflich reichen Formenwelt!

[Illustration]

[Illustration: Abbildung 1.]

[Illustration]

A. Einzelsäulen.

Kapitel 1.

Indopersischer Typus.

Wenn überhaupt eine der indischen Säulenarten all die Eigenheiten,

Vorzüge wie Schwächen, der alten Kunst der Halbinsel zu verkörpern

vermöchte, so wäre es die Einzelsäule. In ununterbrochener Folge

von Asokas Zeit (276-240 v. C.) bis zum Eintritt in das Mittelalter

ist die historische Entwicklung der Stambhas aufs engste verknüpft

mit dem Ringen und Verflachen dieses fernen Kunstlebens. Zu

Hunderten haben diese Láts Altindien kennzeichnend geschmückt,

sei es als ragende Wahrzeichen des Glaubens auf Hügelrücken und

vor heiligen Stätten oder als Wegrichten einer Pilgerstraße, sei

es als Reichsgrenzen eines Monarchen oder als Siegesmale auf dem

Schlachtfelde. -- Manches nach klassischem Schönheitsideale geschulte

Auge freilich wird durch die schlichten Monolithe, besonders

frühester Zeit, vielleicht nicht auf den ersten Blick gefesselt

werden, doch ist eine künstlerische Berechtigung, ein gewisses

Gesetz eigenartiger Harmonie diesen ehrwürdigen Resten altindischer

Kultur keinesfalls abzusprechen. Am besten wird meines Dafürhaltens

dem originellen Wesen der Láts Gerechtigkeit zu teil werden, wenn

die Möglichkeit geboten wird, sich eigenes Urteil durch ein genaues

Eingehen auf diese Werke zu bilden, an der Hand einer Auslese von

interessanten und besterhaltenen Beispielen. --

Allerorts, wo es im orientalischen Altertum galt, die Macht des

Herren darzustellen, findet sich als typisches Symbol ein Phallus

errichtet, der realistische Ausdruck männlicher Zeugungskraft,

-- so in babylonisch-assyrischen Grab- und Grenzstelen oder im

göttlich verehrten Lingam Zentralasiens. Auf gleiche Urbedeutung muß

wahrscheinlich die buddhistische Einzelsäule zurückgeführt werden.

Berichtet doch Cunningham in seinen Reports[2], daß gegenwärtig noch

die Asokasäule von Navandgarh im Volksmunde »Laur«, das ist eben

Phallus, genannt werde. Und in ganz entgegengesetzten Teilen der

Halbinsel kehrt diese Bezeichnung wieder.

[Illustration: Abbildung 2.]

Im Stein zwar treten die ältesterhaltenen Láts aus dem dritten

Jahrhundert v. C. auf, doch in ihrer Gesamtgestaltung unabweisbar an

Holzcharakter gemahnend. Einem stolz aufstrebenden Nadelholzstamme

gleich mutet der überschlanke Stambhaschaft an. Wie käme auch der

Steinmetz darauf, immerhin schon vertraut mit dem neuen Material,

Rundsäulen von mehr als 12 U.D. Höhe monolith aus dem Bruche

herauszuarbeiten, wenn nicht Erinnerung an den Holzbau Einfluß gehabt

hätte? Zudem tritt ja die Erscheinung ähnlicher Säulengebilde aus

entrindeten Bäumen übereinstimmend in der architektonischen Kindheit

der verschiedensten Völker auf. Assyrische Reliefs beispielsweise

zeigen Zeltpfähle, die ebenso elegant wie energisch in tierischen

Einzelfiguren ihren Abschluß finden. Und zur Zeit noch künden in

Alaska Stämme, die von geschnitzten Tier- und Götzengestalten bekrönt

sind, in grellen Farben den Anlaß ihrer Errichtung. Wahrscheinlich

mit Vorbedacht wurde als Material der Láts ein feinkörniger Sandstein

gewählt, der leicht bearbeitbar zum Übergange von Holz zu Stein

insonderheit geeignet erschien.

[Illustration: Abbildung 3.]

Ohne jedwede Basis oder Gliederung weist der sorgfältig geglättete

Schaft mit energischer Betonung zu dem wichtigsten Teile des Monoliths

empor, zur Kapitellbildung. Ein herabhängender Kranz von Lotosblättern

umschmiegt die Säule derart, daß sein Umriß wohl am besten als

Glockenform charakterisiert sein dürfte. Für das naturalistische

Urmotiv dieses Gliedes stehen sich verschiedene Deutungen gegenüber.

Die eine läßt an den Stamm jene schilfartigen Blätter binden, die

heruntersinkend sich überschlagen und dadurch ihren Halt verdecken.

Eine andere, besonders von Adamy verfochtene Hypothese geht von der

Betrachtung aus, daß ein Blumenkelch als tragendes Kapitellglied

logische Verwendung finde, wenn der Blattkranz nicht vom Abakus

heruntergedrückt, sondern nach Herausnahme der Blütenkrone gleichsam

umgekehrt über den Schaft gestülpt sei. Ein vergleichender Blick auf

persische Kapitellform läßt aber noch eine dritte Annahme aufkommen.

Deutlich unterscheiden sich dort (Abb. 2) ein aufstrebender und ein

überfallender Blätterkranz. Sollte vielleicht diese Anordnung als

Rest einer Palmenkrone aufzufassen sein? Wenngleich stilisiert und

von rechter Größe reduziert, scheint die Gesamtanlage dieser floralen

Kapitellteile einer solchen Vermutung nicht entgegenzustehen. Um nun

unter gleichem Gesichtspunkte den indischen Typus zu betrachten, so

hätte dabei der Künstler, bewußt oder nicht, nur die übergebogene

Laubkrone dargestellt. -- Nächstdem soll geprüft werden, inwieweit

wohl persische und indische Kapitellgestaltung verwandt sind, hier

aber genüge als vorläufige Rechtfertigung der herangezogenen Analogie,

auf die auffällige Ähnlichkeit der Hals- und Deckplattendekoration

hinzudeuten. Unmittelbar erinnern Eierstab, Perlstab, Lotos-,

Geißblatt- oder Kugelornament an persische Formen, wofür Abbildung 3

einen überzeugenden Beleg bieten mag. Je älter der Stambha, desto

schärfer tritt dies hervor. Denn bald wird der fremde Schmuck in

heimische Bildungen umgesetzt, wie etwa Blattgewinde, einen Schwarm

heiliger Gänse, Tierprozessionen oder auch abstrakte Muster und

emblematische Formen des Glaubens. Diese Symbole (Abb. 4) erscheinen

kurzer Erwähnung wohl wert, da häufig ihre Gegenwart allein auf den

verschlungenen Pfaden indischen Bauschaffens die Zugehörigkeit zum

Buddhismus und damit wichtige Fingerzeige für die Altersschätzung eines

Monumentes angibt. Der Dreizack ist einer dogmatischen Dreifaltigkeit

entsprungen. Verquickt mit diesem sogenannten Trisúl oder selbständig

findet sich das Rad, welches auf eine Vorstellung des göttlichen

Gesetzes als Sinnbild der Gerechtigkeit zurückzuführen ist. Für

Schild und Lotosblüte wurde bisher noch keine zweifellos erwiesene

Bedeutung beigebracht. Auch als skulpturale Bekrönungen des rund,

quadratisch und rechteckig auftretenden Abakus bildet der Architekt

diese Glaubenssymbole aus, obgleich in den weitaus häufigsten Fällen

Tiergestalten diesem Zwecke dienen, einzeln oder in Gruppen, in steter

Variation.

[Illustration: Abbildung 4.]

[Illustration: Abbildung 5. (Nach Relief.)]

[Illustration: Abbildung 6. (Nach Relief.)]

Gesamt- wie Einzelgestaltung der ältesten Látkapitelle weisen

so augenfällig auf den persischen Typus hin, daß es unerläßlich

erscheint, diese Analogie mitsamt einer historischen Erklärung näher

zu beleuchten. Münzenfunde und Keilinschriften stempeln den Bericht

Herodots zu geschichtlicher Tatsache, daß ein ausgedehntes Gebiet

Nordindiens bis weit östlich vom Indusnetze unter dem Namen Arachosien

eine der Zwanzig Satrapien des Achmenidenreiches bildete. Etwa auf die

Zeit vom 5. bis 3. Jahrhundert v. C. ist eine Verschmelzung beider

Kulturen einzuschätzen. Der späte Übergang des indischen Bauschaffens

von Holz zu Stein im 3. Jahrhundert v. C. macht sichere Aufschlüsse

über Zeitdauer und Art des fremden Einflusses, der sich in der

Hauptsache an der Säule kundtut, vor diesem Wendepunkte unmöglich.

Doch von seinem Grade und seiner Ausbreitung ein klares Bild zu

gewähren, genügen die _indopersischen_ Látreste, wie Cunningham diese

Stilmischung bezeichnet. Zu Tausenden liefern im Indusstromgebiet

Reliefs von Säulengebilden durch Zahl wie engstes Anlehnen an persische

Urform das in geographischer Hinsicht nahezu selbstverständliche

Ergebnis, daß der fremde Stil auf diesem Wege nach dem Herzen der

Halbinsel gedrungen ist. Zu vorliegendem Punkte sei nicht unterlassen,

Cunninghams Fund von arischen Lettern, welche nur in Nordindien

gebräuchlich waren, an Balustern von Bhárhut in Zentralindien

anzuführen.[3] -- Ein Repräsentant des persischen Typus (Abb. 2) und

andrerseits einige charakteristische Säulenbeispiele nach Reliefs aus

der Landschaft Yusufzái im äußersten Nordwesten (Abb. 5 u. 6) mögen nun

zu einem Vergleiche zusammentreten. Da erscheint denn unabweisbar, daß

die ältesten Säulenformen Indiens als künstlerisch zu verschiedenem

Grade erfaßte Nachgestaltungen des persischen Musters zu deuten sind,

-- von der fast vollzählig übernommenen Kapitellgliederfolge in roher

Umrißlinie bis zum einfachen Blattkranz einer Asokasäule (Abb. 7). Wie

nun ist dabei der Wegfall des aufstrebenden Laubes und der aufrechten

Doppelvoluten zu erklären? Bekanntlich bestand zwar außer dem voll

ausgebildeten Perserkapitell noch die schlichtere Form des unvermittelt

dem Schafte aufgelegten Sattelholzes (Abb. 8), möglicherweise also

auch eine Variante, welche nur der vorgenannten Teile entbehrte. Doch

Achtung vor altindischem Kunststreben läßt mich eher annehmen, daß der

Architekt diese einer starken Kopflast entgegenwirkenden Funktionen mit

Fleiß bei den Einzelsäulen als überflüssig ausschaltete. Läßt doch die

gesamte Durchbildung des Stambhakapitelles erkennen, wie vertraut der

Künstler mit dem inneren Wesen der persischen Formen geworden, daß er

gelernt hat, auf ihnen fußend originell weiterzuschaffen.

[Illustration: Abbildung 7.]

[Illustration: Abbildung 8.]

Wohlerklärliche Sympathie fesselte jene ersten Steinbaumeister von

Mathurá oder Bhárhut an die persische Architektur. Einen Vorläufer

des eigenen Stilwerdeganges erblickten sie in dem nachbarlichen

Säulentypus, der gleicherweise wie zur Zeit der heimische vom Holzbau

auf den monumentalen Baustoff übertragen worden war, und zwar unter

Beibehaltung aller kennzeichnenden Züge. Ganz abgesehen von der starken

Glaubwürdigkeit, die ein assyrisch-persischer Einfluß in der Periode

altindischen Holzbaues für sich hat, bot die persische Säule dem

Hindu eine willkommene Norm während des unsicheren Übergangsstadiums.

Zudem regte eben dieser persische Stil zu weiterem Ausbaue an, wies

nicht völlig in Steincharakter umgesetzte, abgeschlossene Formen

auf, wie die klassischen Ordnungen, denen sich trotz ihrer viel

längeren Berührung mit indischer Kunst kein Interesse, keine willige

Aufnahme bot. Ausschlaggebend stellte in Indien ein grundandrer

künstlerischer Rassegeist der intellektuellen Harmonie des Westens die

Herrschaft des Impulsiven, einer von paradiesischer Natur befruchteten

Phantasie gegenüber. Findet doch diese ausgeprägte naturalistische

Detailfreude auch die Behandlung des Perserkapitelles schematisch

und sinnentsprechend zu wenig durchgeführt. Darum zeichnet sich

bei Vermeidung jedweder Motivhäufung der Lát besonders durch feine

Naturbeobachtung wie elegante Linie aus. Dort eine quastenähnliche

Laubstilisierung, hier graziöse Blattschwellung. Dort das starre

Einhornkragglied, hier ein lebendiger Wechsel der krönenden Skulptur,

deren grundlegender Sattelholzgedanke an der Einzelsäule aufgegeben ist.

Diese Gliederentwickelung führt uns auf ein eingehendes Befassen mit

der eigentlichen Entstehungstheorie der Láts. Folgende Punkte sind dazu

nach meinem Dafürhalten als besonders wichtig in Erwägung zu ziehen.

Erst als der Buddhismus um 250 v. C. zur Staatsreligion erhoben wird,

tritt die Steinsäule auf. Die älteste Kapitellgestalt schließt sich

eng an den persischen Typus an, während schon nach verhältnismäßig

kurzer Frist nur die Grundform noch übrig geblieben, alle Ornamentik

aber durch spezifisch indische ersetzt worden ist. Nie wieder tauchen

im Altertum fremde Schmuckformen auf, mit Ausnahme der klassischem

Einflusse unterliegenden Grenzlandschaften. Diese Hauptdata fügen eine

Hypothese zusammen, die wohl ein gut Teil Wahrscheinlichkeit für sich

hat.

Während der Brahmaismus allgemein die Vertreter arischer Rasse

umfaßte, fand der Buddhismus als neuer Glaube in den Turaniern, des

Landes geborenen Künstlern, seine begeisterten Anhänger, in Asoka an

ihrer Spitze, dem bedeutendsten Großkönig der indischen Geschichte.

Denn die Lehre Gautamas ist nicht asketisch finster, sie gestattet

ihren Bekennern eine freie Betätigung künstlerischer Sinnenfreude.

Verkehr mit den Völkern jenseits des Indus hatte ein Bild gegeben

von der vornehmen Monumentalität des Steinbaues. So taucht der

Gedanke auf, der neuen, erhabenen Lehre jene ihrem Charakter würdige,

unvergängliche Bauweise zu weihen. Asoka berief darum Künstler des

benachbarten, steinbaukundigen Volkes der Perser als Sendlinge der

neuen Technik. Am nächsten lag es nun für den königlichen Schützer

des jungen Glaubens, die Grundzüge der Staatsreligion in allen Teilen

seines gewaltigen Reiches an den Symbolen seiner Herrschermacht

kundzutun. An Stelle der alten Holzstambhas ließ er seine berühmten

Ediktsäulen errichten. Der teilweise, auffallend enge Anschluß an

assyrisch-persische Motive im Gliederdetail deutet auf die statthabende

Übernahme der fremden Steintechnik hin, während die allgemeine

Kapitellgestaltung sich vielleicht schon im früheren Holzbau zu einer

originell indischen Abart des persischen Urbildes entwickelt hatte. Das

rasche Verschwinden dieser bloßen Dekoration läßt darauf schließen,

daß sofort nach grundlegender Erkenntnis der Steinbehandlung die

hochbegabten, eingeborenen Schüler der persischen Meister aus eigner

Kraft schufen. Lediglich Glocke und Abakusskulptur bleiben bestehen,

deren Weiterbildung die anschließende Beispielreihe verfolgen soll.

[Illustration: Abbildung 9.]

Zu Lauriyá Navandgarh (Abb. 9) tritt uns eine unversehrte Asokasäule

entgegen, schlicht im Entwurf und vornehm in ihrer Wirkung. Ein

hochstrebender, glatter Schaft von ca. 12 m Länge, ohne Basis, doch

mit fein abgewogenem Kapitell. Als Halsglieder vermitteln Kugelschnur

und Perlstab zu dem frei umrissenen Laubkranz. Die einzelnen Blätter

sind wohl unterschieden, andrerseits aber wieder im Detail entsprechend

der Fernwirkung modelliert. Sie enden, entgegen dem geraden Abschluß

persischer Art, in naturalistisch eingezogenen Spitzen. Wenn in der

beigebrachten Skizze der Durchmesser der Glockenform zu groß erscheinen

will, so frißt ja bekanntlich die Luft und bewirkt dadurch am Orte

nach dem Urteile von Augenzeugen einen harmonischen Eindruck. Als

eine weitere Feinheit sei bei dieser Gelegenheit die Schaftverjüngung

gewürdigt. Während der Inder bei seinen stützenden Säulen allgemein

ähnliche Verhältnisse wie das klassische Altertum innehält, ist bei

dem Stambha das Schwinden des Durchmessers infolge der bedeutenden

Säulenhöhe durch nur geringes Reduzieren des oberen Radius unterstützt.

Eine kräftige, runde Deckplatte mit krönendem Symbol schließt den

schlanken Monolith energisch ab. Durch die Inschrift der Säule ist

sicher erwiesen, daß das Werk aus Asokas Regierung stammt, und

doch hat bereits ein echt indisches Tierornament, ein Zug Gänse,

das persische Geißblatt verdrängt. Dies läßt die Lauriyásäule mit

Sicherheit als Schöpfung eines eingeborenen Künstlers betrachten.

Auf den durchgebildeten Löwen hat eine zusammenhängende Untersuchung

der Látskulpturen Bezug. Carlleyle hat am Säulenfuße mit folgendem

Ergebnis nachgegraben[4]. Etwa 60 cm unter der Oberfläche, also

zur Zeit der Errichtung, da man auf beiläufig 30 cm Erdschicht ein

Jahrtausend rechnet, in Erdgleiche, war ein Ring von geringer Abmessung

angearbeitet. Nach einiger Fortführung saß dann der Schaft unmittelbar

auf quadratischem Unterbaue auf. Selbstredend war derartige Gründung

nicht Regel, sondern es entschied die jeweilige Bodenbeschaffenheit.

So ist der Lo-Lát zu Rúp-bás in Rájputána ohne Abschnitt in Felsboden

eingelassen, während andre Stambhas wiederum in ähnlicher Weise mit

einem Unterbaue in festgefügter Verbindung stehen. -- Obwohl im Detail

abweichende Züge erscheinen, weist das Kapitell von Rámpurwa denselben

typischen Charakter des letztbehandelten Beispieles auf (Abb. 7).

Insgemein zeichnen sich die Bildwerke der ersten Láts durch

Entwurfsfreiheit und tadellose Technik aus. Wie ist wohl der hohe

Entwicklungsgrad dieser Plastik aus dem 3. Jahrhundert v. C., da

der Steinbau im Lande eben seinen Anfang genommen, zu erklären? Die

Möglichkeit zweier Annahmen besteht, -- eines eigenen Emporringens

oder einer Übernahme von außen her. Die letztere dünkt mir die

rechte. Hätte sich die altindische Skulptur allmählich entwickelt, so

müßten Spuren vorangegangener Phasen entdeckt worden sein. Denn wenn

vom Relief abgesehen wird, ist eine plötzliche Schwenkung etwa von

hochentwickelter Holzschnitzerei zu der völlig wesensverschiedenen

Freiskulptur in Stein undenkbar. Und würde nicht ein befähigtes Volk

wie das indische, wenn es aus eigener Kraft bis zu diesem Hochstande

aufgestiegen, weitere Fortschritte gezeitigt haben! Zumal in jener

Epoche, da eine geistesverwandte Kunst ihm in der Behandlung des neuen

Baustoffes umfassende Erkenntnis soeben übermittelt hatte. So bleibt

nur das Aufpfropfen eines fremden Kunstreises anzunehmen, das im

Folgenden Gegenstand eingehenderer Betrachtung bilden soll.

[Illustration: Abbildung 10.]

Wie ein selbständiges Kapitel ausführen wird, erstreckte die

klassische Formenwelt ihre Machtsphäre bis an die Nordwestgrenze

der Halbinsel, ohne indes im gesamten eigentlichen Indien Fuß

fassen zu können. Es weist vielmehr die vorzügliche Arbeit der

ältesten Látskulpturen unverkennbar auf die straffgeführte Plastik

mesopotamischer Völker hin. Dieselbe Stilisierung des Haares, dieselbe

sorgfältig studierte Anatomie der Muskulatur, dieselbe durchgebildete

Behandlung, beispielsweise der Löwenpranken mit Hinterzehe und den

einzelnen Krallen. Die dekorationsfreudige Phantasie des Inders verhält

sich im allgemeinen abweisend gegen fremde Kunst, auch im vorliegenden

Ausnahmefalle erscheint ihr insonderheit das schmückende Beiwerk zu

kalt und dürftig. Jedes fremd zugeführte Motiv taucht in dem Quickborn

heimischer Ornamentik unter, um eine neue, eigen indische Gestaltung

anzunehmen. Bis heute hat sich die Hindukunst diese formenflüssige

Verarbeitungsfähigkeit bewahrt. Bereits nach der dritten Kopie

glaubt man ausgesprochen indische Formen vor sich zu sehen. Ähnliche

Erscheinung ist am Kopfschmuck der Stambhas zu verfolgen, wie als

Entwicklungsphase ein prächtiges Kapitell aus Sankissa (Abb. 10)

veranschaulicht. Obwohl es in Umrißproportion und Detail noch am

Grundcharakter der ältesten Ediktsäulen festhält, zeigt der Elefant als

Sinnbild des Buddha schon rein indische Eigenheit.

Kurz nach Asoka versperrte nun das Auftreten des klassischen Stiles

im Nordwesten dem Zuströmen persischer Belehrung den Weg. Einer

Kunsterscheinung ohne eigene, grundlegende Entwicklung aber mußte es

naturgemäß schwer fallen, die fremden Elemente zu weiteren Erfolgen

zu führen. Deutlich verraten die Látskulpturen bereits ein halbes

Jahrhundert nach dem Eintritt in den Steinbau Spuren des Niederganges.

Unmögliche Verhältnisse und Ausdruckslosigkeit im Entwurf greifen

immer mehr um sich. Noch kurz vor Fertigstellung eines Lát konnte der

Steinmetz, um nach manchen späteren Beispielen recht scharf, aber wahr

zu urteilen, aus dem Elefanten einen Löwen oder Spaltfüßler durch

geringe Änderung entstehen lassen. -- Auf diesen kurz beschriebenen

Gesichtspunkt muß die Gesamtheit der Betrachtungen über altindische

Plastik hinleiten.

Durch das weite Reich Asokas wurde der Typus der steinernen Láts

aufgenommen und vorerst völlig gleichartig entwickelt. Voran schritt

Besnagar als eine Residenz des Großkönigs, darum ist der folgende

Stambha (Abb. 11) von erhöhtem Interesse. Als Grundzug macht sich

dekorative Bereicherung des Kapitells geltend. Zu dem ursprünglichen,

langblättrigen Kranz der Glocke tritt ein zweiter, kürzerer an

der oberen Schwellung. Ein geflochtener Rundstab leitet zu dem

bedeutenden, gegliederten Abakus über, welcher wie aus den runden und

quadratischen Deckplatten älterer Beispiele zusammengesetzt erscheint.

Auf das Steinzaunband als buddhistisches Dekorationskriterion sei

hier nur im voraus hingedeutet. Oberhalb dieses Ornamentes fällt die

Kapitellbildung im Vergleich zu den unteren Gliedern ab. Das Polster,

welches sich späterhin zu einem Hauptmotive der Hindukunst entwickelt,

ist selten zur Entstehungszeit der Säule. Schlechthin als verfehlt

zu bezeichnen ist das Magara oder Krokodil mit seiner gezwungenen

Vereinigung von Kopf, Schwanz und den viel zu kleinen Flossen. Die

Vermutung, daß diese abschließende Skulptur etwa einer weit späteren

Epoche zuzuschreiben sei, wird durch den monolithen Zusammenhang des

Látkopfes hinfällig. Auch dieses verunglückte Tierstück diene als

Illustration zur vorentwickelten Skulpturtheorie. Es zeigt das Gebilde,

daß die Kunst des Bildhauers, da nicht in dem Grade geschult, wie

nur eigenes Emporstreben ermöglicht, an diesem neuartigen Vorwurfe,

dessen Lösung kein westliches Vorbild bot, versagte. Das Alter der

Besnagarsäule kann auf nur wenige Jahrzehnte nach Asoka eingeschätzt

werden, wie sich aus den Maßverhältnissen der Glocke ergibt, deren Höhe

7/10 des größten Durchmessers beträgt.

[Illustration: Abbildung 11.]

Diese Altersdefinition fußt auf einer Regel General Cunninghams[5],

welche sich sorgfältigen und umfassenden Messungen zufolge noch stets

bewährt hat. Der Forscher führt an einer ganzen Reihe von Beispielen

aus, was hier nur kurz berührt werden kann. An der Asokasäulenglocke

überschreitet das Verhältnis von Höhe zu Maximaldiameter nie 2:3. Bei

den späteren Phasen jedoch wächst die Höhe, von dieser Proportion

ausgehend, allmählich und fast gleichmäßig bis gegen Ende des 3.

Jahrhunderts n. C., um dann weit rascher dem Höchstpunkte des doppelten

Durchmessers im 4. Jahrhundert zuzustreben.

Diese wichtige Erscheinung wird nach meiner Ansicht durch folgende

Betrachtung erklärlich. Mit gutem Grunde hatte der erste Meister,

welcher den schlanken Lát als selbständiges Denkmal schuf, einen

energischen Kopfabschluß als vorteilhaft erkannt. Ein gedrungener

Kapitellcharakter nur konnte als Gegensatz zur starken Vertikaltendenz

des Schaftes jene stolze Ruhe des Monumentes bewirken. Unbewußt aber

wurde der indische Künstler von seinem formalen Schönheitsgefühle dahin

geführt, zuliebe einer graziösen Glockenlinie die gedrückte Form durch

Vergrößern des Höhenmaßes mit feinfühlender Hand zu ändern, gleitender

zu gestalten. Und dies allmählich so lange fort, bis der Gedanke an

den Urzweck jener niederen, kräftigen Asokaglocken entschwunden war.

Was lag näher, als daß der Architekt nun mit Fleiß den Blattkranz

entsprechend der gesamten Láterscheinung langgestreckt darstellte. An

den anschließenden Stambhabeispielen soll fernerhin auf die Theorie

Cunninghams durch Angabe der Glockenproportion Bezug genommen werden.

Wie mächtig auch der phantastisch-dekorative Trieb allgemein im

indischen Bauschaffen zur Betätigung drängte, verharrte doch der

Architekt gar lange bei seiner Überzeugung, daß die alte Einzelsäule

in ihrer abgeschlossenen Eigenheit durch jede bedeutendere Änderung

an Vornehmheit verlieren würde. Darin liegt gewiß ein gut Teil

Wahrheit, aber leider verführte gerade solche Erwägung den Künstler

zum anderen Extrem, zu kleinlichem Archaïsmus. Die Folgen der

Unterdrückung architektonischen Rasseempfindens blieben nicht aus.

Trotz aller archaïstischen Eifersüchtelei schlichen sich im Laufe

der Zeit Verhältniswechsel und Gliederungsversuche ein, die, als

rechtlos in ihrem vollen Ausleben gehemmt, den edlen Charakter der Láts

beeinträchtigen mußten.

[Illustration: Abbildung 12.]

Als eine Phase solchen Vorganges sei der Monolith von Bhitari

(Abb. 12), dessen Alter etwa auf 100 n. C. zu setzen ist, erwähnt. Der

schlichte, schlanke Stambha der frühesten Epoche hat sich verkürzt

und quadratische, hohe Basis angenommen, worauf die Inschrift von

der Mitte des Asokaschaftes überführt ist. Deutlich verrät sich eine

tendenziöse Einfachheit an den Übergängen zur Glocke, und doch hat die

Behandlung der Vermittelungsglieder die ansprechende Eigenheit der

Vorläufer eingebüßt. Der Blattkranz selbst, dessen Höhe beiläufig 9/10

seines größten Durchmessers erreicht, steht in seiner matten Schwellung

hinter jener kraftvollen Linienführung der ältesten Werke zurück. An

dem Gesamturteile des Rückschrittes, das sich aus diesen Einzelheiten

kristallisiert, vermöchte wohl ein Auffinden des fehlenden Abakus nebst

Kopfschmuck kaum etwas zu ändern.

[Illustration: Abbildung 13.]

Allerdings bekundet gerade die abschließende Skulptur als einzige

Stelle des Lát, wo sich die dekorative Schaffensfreude des Hindu frei

und unbeschadet der altertümelnden Gesamtgestaltung geben konnte,

entschieden einen beredten Zug des Vorwärtsstrebens. Nur durch den

geschilderten Niedergang der Plastik wird häufig die Freude an

diesen Schöpfungen einer hervorragenden Dispositionsgabe getrübt. --

Das einzelne Tierbild der Ediktsäule wandelt sich in der Folge der

Zeit zu einer Fülle stetig wechselnder Neuwerte um. Ein Tierpaar in

geradliniger oder überschnittener Anordnung trat wohl zuerst auf. Zu

Mathurá (Abb. 13) dann zwei Paare liegender Fabelwesen mit Löwen- und

Ochsenleibern, deren menschliche Köpfe entsprechend den Abakusecken

gerichtet sind. An einem Beispiele von Sánchi (Abb. 14) ist ebenfalls

zentrale Gruppierung von vier sitzenden Löwen angewandt. Die Tiere

pflegen gemeinsam eins der buddhistischen Symbole, meist Dharma-chakra,

das heilige Rad, zu tragen. Zu Chaumuhá[6] fand Cunningham zwischen

jedem Löwenpaar eine weibliche Gestalt, eine Hand auf die volle Hüfte

gestützt, die andre mit einer Blume erhoben. Zu Benares[7] halten acht

Löwen ein Lotospolster empor, das wiederum als Träger zweier Rücken

an Rücken stehender Krieger dient. Zu der mannigfachen Verwendung von

Tier- und Menschengestalten tritt noch die der Flora. Kalpa-drúm,

der mythische Glücksbaum der Inder, oder pflanzlich stilisierte

Buddhistenembleme sitzen oft unmittelbar auf der immer massiger

entworfenen Deckplatte. -- Kurzum, ein unerschöpflicher Wechsel in

Motiv und Gruppierung! Mag immerhin schematische, oft rohe Technik

nicht zu leugnen sein, das _eine_ beweisen die indischen Künstler

an jedem Beispiele aufs neue, -- die Meisterschaft einer großzügigen

Dekoration. Jede Gruppe, jeder Aufbau ornamentaler Elemente ist mit

sicherem, auf das Ganze gerichteten Blick gewählt und getroffen.

[Illustration: Abbildung 14.]

[Illustration: Abbildung 15.]

Selbstredend mußte die einseitige Entwicklung der krönenden Funktion

doch einmal dazu führen, mit der archaïstischen Behandlung der Säule

selbst zu brechen. Der Architekt überträgt auch auf den Látschaft

die indischer Kunst ureigene Gliederung durch Variation polygonalen

Querschnittes, welche, wie in dem Kapitel von der Stütze des näheren

ausgeführt, dem Holzbaue des Landes entstammt. Damit wird eine

Haupteigenheit der Einzelsäule aufgegeben. Hatte doch der Stambha

bisher, im Gegensatz zu der konstruktiven Säule mit gebrochener

Grundrißlinie, stets streng am runden Schafte festgehalten. Ein Typus

von Besnagar (Abb. 15) aus dem 2. Jahrhundert n. C. ist als eins der

frühesten Beispiele dieser markanten Entwicklungsstufe beigebracht.

Der Schaft wechselt von dem Achteck zum Sechzehneck, um sich darauf

in das achteckige Lotosblütenglied zurückzuformen. Von dem früheren

Kreisquerschnitt bleibt lediglich 1 m, etwa 1/5 der ganzen Säule. Die

Höhe der ohne vermittelndes Ornamentband ansetzenden Glocke beträgt

9/10 ihres größten Durchmessers. Der bedeutende Abakus geht aus dem

Kreis ins Oktogon und davon ins Quadrat über. Als krönendes Motiv dient

ein Trisúlemblem, welches über quadratischer Grundform geschmackvoll in

Palmwedeln stilisiert ist.

[Illustration: Abbildung 16.]

Gleicherweise wie der berühmte Lohá-Khambha zu Delhi (Abb. 17)

verkörpert der Guptamonolith zu Eran (Abb. 16), welcher im 4.

Jahrhundert errichtet worden ist, eine der jüngsten Generationen

direkter Stambhaentwicklung. Die insgesamt 13 m hohe Säule setzt

quadratisch an, um nach 6 m in ein achteckiges Schaftstück von 2,5 m

Länge überzufasen. Die langgestreckte Glockenform weist eine Höhe von

1,05 m bei 0,90 m Maximaldurchmesser auf. In herkömmlicher Art ist zum

Abakus übergeleitet, dessen lastende Funktion durch einen kubischen

Block verstärkt wird. Glatt an der unteren Hälfte, zeigt der Würfel

an der oberen jedseitig zwei in einer Linie, aber entgegengesetzt

gelagerte Löwen im Relief angearbeitet. Zwei Rücken an Rücken stehende

Kriegergestalten schließen den Säulenkopf ab. -- Zu solcher Phase

hat sich der ursprüngliche indopersische Typus ausgebildet! Zwar ist

auch in diesem schlanken Abkömmling noch ein Nachklang jener stolzen

Eigenheit der Asokasäulen geblieben, doch verrät sich im übrigen so

augenfällig das künstlich Gehaltene und unselbständig Gezwungene des

Gebildes, daß das Ende dieser unmittelbaren Entwicklungslinie binnen

kurzem fällig erscheint. Es bedurfte neuartiger Anregung, um den alten

Vorwurf dem künstlerischen Weiterschreiten der Zeit anzuschließen! --

[Illustration: Abbildung 17.]

Weniger in stilistischer als vielmehr in technischer Hinsicht ist

die nie rostende Eisensäule von Delhi (Abb. 17) des Interesses wert.

Wohl wird von dem ehernen Weltwunder zu Rhodos berichtet, wohl

haben werkfromme Buddhisten etwa seit dem 1. Jahrhundert n. C.

gigantische Erzstatuen ihres Religionsstifters errichtet, aber alle

diese Schöpfungen waren hohl, aus einzelnen Platten von Kupfer oder

irgend welcher Legierung zusammengefügt. Der Delhilát indes ist massiv

aus reinem Schmiedeeisen und bedeutet so bei seinen Abmessungen ein

Siegesmal altindischer Technik. Eine Basis fehlt, der schlichte

Rundschaft erreicht die Höhe von etwa 7 m bei einem unteren Durchmesser

von 41 cm. Von der Glocke leiten außer dem Rundstab drei gerippte

Polsterglieder zu einem fast würfelförmigen Abakus über, dessen

krönender Schmuck nicht auffindbar ist. Für das wahrscheinliche Alter

dieses Meisterwerkes der Schmiedekunst darf die zweite Hälfte des

4. Jahrhunderts gelten. -- Als bedeutsames Moment dünkt es mir, daß

der späte Nachkomme der alten Ediktsäulen in einem neuen Materiale

erscheint, auf welches der Charakter eines ganz wesensverschiedenen

Stoffes unmittelbar übertragen worden ist. Ein beredtes Zeichen des

Stillstandes in der Látentwicklung! Der Künstler griff, um bei strenger

Formentradition doch etwas Originelles zu schaffen, zu einem weit

schwerer bildsamen Stoffe. Lediglich eine lokale Kunstlaune ist in

der Eisensäule zu erblicken, ein letztes Aufflackern jener falschen

archaïstischen Pietät zu einer Zeit, da gerade die volle Betätigung

einer neubelebten Säulenausbildung einsetzte.

Mit dieser Umwälzung taucht der letzte unmittelbar erhaltene Rest

persischen Kunsterbes in heimischer Formenwelt unter. Zugleich aber

verschwindet ein gut Teil der organischen Klarheit, welche jenen alten

Beispielen ihre stolze Ruhe verlieh. Die Dekoration übernimmt im Laufe

der folgenden Látentwicklung die Alleinherrschaft und durchbricht damit

den harmonischen Zusammenklang von System und Ornamentik, welchen die

Einzelsäule der ersten Meister verkörpert. Oft ist das Schmuckwerk,

im einzelnen betrachtet, von höchstem Reiz und Formenreichtum, doch

in seiner Gesamtheit bedeutet es in der Architektur den Ausfluß

ebenderselben zügellosen Phantasie, welche die älteste Literatur

Indiens mit ihren Schöpfungen unübertroffener poetischer Zartheit und

ethischer Größe auf Irrwege geführt hat.

Während der zweiten Hälfte des Altertums gewinnen die Láts hinsichtlich

verschiedenartiger Verwendung stetig mehr Feld. Außer den eingangs

dieses Kapitels erwähnten Funktionen finden sie besonders als

Ehesäulen, als Maste farbenprächtiger Banner, als Satísäulen, d. h.

Denkzeichen des freiwilligen Flammentodes einer Witwe, oder als

Leuchtenträger vor heiligen Stätten Verbreitung. Dieser vielseitige

Zweck aber, zumal bei den einzelnen Glaubensspaltungen und der immer

stärker mitsprechenden lokalen Verschiedenheit der Halbinsel, mußte

wesentlich dazu beitragen, fernere Einheit des Látcharakters zu

verhindern. Ja, es kann überhaupt von einem eigentlichen Stil der

Einzelsäule nicht mehr die Rede sein, denn die entscheidende Stimme

in der Säulenentwicklung steht etwa seit dem 2. Jahrhundert n. C.

der Stütze zu. So läßt denn das Zusammenwirken dieser Verhältnisse

die Látgestaltung bald episodenhaft aussetzen, bald auf Seitenpfaden

sprungweise vorwärts eilen; so beginnen denn auch mehrere Typen

nebeneinander herzuschreiten. Es kann bei den engen Grenzen dieser

Abhandlung nicht einmal der Versuch unternommen werden, einen

Ausblick zu bieten auf die verschlungenen Wege der Stambhaformen in

den verschiedensten Teilen des Landes, bei den Dschainas, Saivas und

Vaischnavas samt den untergeordneten Sekten. Dies müßte der besonderen

Aufgabe eines (beabsichtigten) Essays über die mittelalterliche

Säulenbildung Indiens einbegriffen werden. Hier sei nur erwähnt,

daß bereits um 700 infolge innerer Wirren der Halbinsel ein

undurchdringlicher Schleier vor der indischen Kunstgeschichtsforschung

niedersinkt. Erst gegen 1000 enthüllen die einzelnen Glieder des

Säulenstammbaumes zugleich ihre Züge in abgeschlossener Eigenheit. --

Kapitel 2.

Indoklassischer Typus.

Erst nachdem das indische Kunstschaffen dem assyrisch-persischen

Elemente Aufnahme gewährt hatte, erweiterte die klassische

Formensprache ihre Machtsphäre bis zur Nordwestgrenze der Halbinsel.

Altindiens architektonische Reste erweisen diese Priorität des

indopersischen Stiles zweifellos. Wie erwähnt, bildete der Nordwesten

eine persische Provinz, wovon die Verbreitung einzelner Motive

ihren Ausgang nahm. Westlich vom Indus und Satledsch verdrängt nun

klassischer Einfluß die alte Kunstschule, ohne indessen im gesamten

übrigen Hindulande seinen Vorgänger abzulösen. Vielmehr erhebt

er sich lediglich als ein Damm, der weiteren Zufluß persischer

Formenlehre abschneidet. Die indische Volksseele wies im Gegensatz

zu der Sympathie, welche sie jenen Motiven orientalischen Ursprunges

entgegenbrachte, klassische Stilgebung entschieden ab. Höchstens etwa

hatte eine Art kaum indirekt erkennbaren Ausgleiches statt, ähnlich der

neuzeitlichen Erscheinung zwischen Europas und Japans künstlerischen

Bestrebungen. Wie aber vermochte dann überhaupt die klassische

Kunst bis zum Herzen Asiens, bis in jenes schon durchaus indische

Grenzgebiet vorzudringen? Wie vermochte sie hier so festen Fuß zu

fassen, so nachhaltige Spuren zu hinterlassen, nur dem Moslemitentum

noch vergleichbar? Es lassen sich diese Fragen nicht mit Bestimmtheit

beantworten. Alter, Abschluß und Eigenart dieser klassischen Strömung

bilden in maßgebenden Gelehrtenkreisen Streitfragen, die noch der

Erledigung harren. Denn die bisherigen Architekturfunde haben zu oft

gerade entgegengesetzten Auslegungen und Vermutungen Anlaß gegeben.

Sei es auch mir vergönnt, meine Ansicht über die historische und

künstlerische Entwicklung indoklassischen Stiles in aller Kürze zu

vertreten.

Das hellenistische Königreich Baktrien stand im 3. Jahrhundert v. C.

in höchster Blüte. Erwiesenermaßen suchte die klassische Welt bereits

damals wie in der nächsten Folge Beziehungen bis zum Indus anzuknüpfen,

doch ohne wesentlichen Erfolg. Erst im 2. Jahrhundert v. C. leiteten

die Yuetschi oder Skythen, aus dem Norden vorstoßend, ein neues Kapitel

in der Geschichte des Gebietes von Baktrien bis zu den Ufern des

Satledschs ein. Das Indusstromland, in der Hauptsache Gándhára und

Pendschab, unterfiel der Herrschaft jenes skythischen Volkszweiges,

welcher nach Kreuzung mit eingeborener Rasse ethnographisch

als indoskythisch gekennzeichnet wird. In der anschließenden,

indoskythischen Epoche der Grenzlandschaften nun unternimmt die

klassische Formensprache den stärksten Anlauf gegen altindische

Kunst, dessen Nachwirkungen bis ins Mittelalter angehalten haben. Das

Indoskythentum gründet hier jene eigenartige Kolonie westlicher Kunst,

während die späteren klassischen Strömungen, sei es nun aus Antiochia

oder Rom oder Byzanz, in der Hauptsache wohl lediglich bewirken, dieser

Kunstgemeinde der Diaspora frische Lebenskraft zuzuführen.

[Illustration: Abbildung 18.]

Die altindische Säule: Ein Beitrag zur Säulenkunde · 第 1 / 5 段