Vierter Auftritt

Die _Vorigen_, und _Barthold_.

_Barth._ Nun, meine Kinder, habt Ihr angefangen?

_Kolombine._ Nein, Papa! In der Sache sind wir eins; wir

können uns nur über die Rolle nicht vergleichen. Herr Harlekin

will es besser wissen als ich, und mich dünkt, in diesem Stück

könnte ich lange sein Meister seyn. Ich bin von Iugend auf bey

dem Schauspiele erzogen; bin so mannichmal Braut gewesen, und

muß es vermuthlich besser wissen als er.

_Barth._ Nun, Harlekin, so sollten Sie sich auch weisen

lassen. Kolombine führet Sie gewiß keinen unbekannten Weg.

_Kolombine._ O nein! Ich dachte es eben so zu machen wie

die selige Mama.

_Barth._ Wie ich meine selige Frau heirathete, folgte ich

ihr blindlings, und unsere Ehe würde nicht so gesegnet gewesen

seyn, wenn ich minder folgsam gewesen wäre. Sie war allzeit

fertig mich zu unterweisen, und ihr Exempel that bisweilen die

besten Dienste. Oft war mir ihr Unterricht sehr ungelegen; aber

das war, der Himmel weiß, ihre Schuld nicht.

_Harl._ Das Schlimmste sind meine Scrupel; und ich

begreife noch nicht, Herr Barthold, wie solche durch unsre

Comödie werden gehoben werden. Stellt Kolombine die Braut gut

vor, so werde ich denken: sie versteht ihre Rolle; und stellt

sie solche nicht gut vor, so werde ich denken, sie versteht

_noch_ eine Rolle. Und der Himmel weiß, ob sie nicht noch eine

dritte versteht. Es ist doch schlimm, daß man das Ding nicht

auf die Goldwage bringen kann.

_Barth._ Die beste Goldwage ist ein gutes Vertrauen; wer

das nicht hat, der ist schon wirklich betrogen; und wer es hat,

der ißt seinen Salat, schluckt eine Schnecke mit hinunter, und

findet ihn noch schmackhafter.

_Harl._ Ich mögte darauf Ihr Gast nicht seyn. Wer heiraten

will, muß nicht Blinde-Kuh spielen, sondern wohl zusehen was er

greift.

_Kolombine._ Oho! Herr Harlekin! itzt verstehe ich das

Ding mit der Goldwage. Auf ein Paar Aeßchen können Sie gewiß

rechnen, die ich schon verloren habe. Denn der Schneider hat

mir gar kein Eisen in meine neue Schnürbrust gemacht. Indeß,

da die Comödie aus ist, habe ich die Ehre mich Ihren Scrupeln

zu empfehlen.

_Barth._ Ich meyne es auch so. Beschlafen Sie die Sache!

Ein guter Traum ist im Heirathen oft die beste Entscheidung.

(Sie gehn Beyde ab.)

Fünfter Auftritt.

_Harlekin_. _Scapin_ und _Peter_.

_Harl._ (vor sich) O weh! der erste Versuch ist nicht zum

Besten abgelaufen. Itzt mögt' _ich_ wohl, nun will _sie_ nicht.

_Scapin._ Wird denn heute nicht gespielt? Herr Barthold hat

mich herbestellt, um den Freyer mit vorzustellen. Ich sehe aber

keine Anstalten.

_Peter._ Ich sollte auch einen vorstellen--

_Harl._ Ha, mein guter Peter, magst Du es denn gern thun?

_Peter._ O ja. Ich muß sonst immer nur die Lichter putzen;

wenn aber der Freyer gespielet wird, so--so küsse ich, wollt'

ich sagen, Cathrinchen.

_Harl._ Und Du, Scapin?

_Scapin._ Meine Rolle in diesem Stück ist immer nur ein

Puckel voll Schläge, und ich könnte eben nicht sagen, daß ich

solche jetzt nöthig hätte.

_Harl._ Hör' einmal, mein lieber Scapin! Ich weiß, Du bist

schlauer als mancher Dieb, der gehangen wird; ich muß Dir eins

im Vertrauen sagen.

_Peter._ Ich hoffe doch nichts von Cathrinchen?

_Harl._ Ich wäre wohl gesonnen, des Herrn Bartholds jüngste

Tochter Kolombinchen in allen Ehren zu heirathen--

_Peter._ Giebt es denn auch Heirathen in Unehren?

_Harl._ Allein, ich besorge, sie mögte schon--

_Peter._ Was mögte sie schon?

_Scapin._ Schweig, Peter, ich verstehe schon was

Harlekin meynt. Er besorgt, sie mögte schon einnal in

Unehren geheirathet haben.

_Peter._ Nun verstehe ich es auch--

_Harl._ Was meynst Du nun? Wie fange ich es an, um hinter

die Wahrheit zu kommen?

_Scapin._ Du mußt sie vorher probiren.

_Peter._ Bey meiner Treu, das ist vernünftig.

_Harl._ Allein, wie mache ich das?

_Peter._ O, das will ich wohl thun, wenn Sie es nicht

verstehen.

_Scapin._ Ich weiß was zu thun ist. Wolltest Du wohl,

Harlekin, ihr zu gefallen, eine Tracht Schläge vorlieb nehmen?

_Harl._ Die Schläge wohl, aber den Schimpf nicht.

_Scapin._ Nun da ist Rath zu. Höre, ich will Dir das Kleid

meines Herrn verschaffen. Du weißt, er ist Hauptmann, und eine

Uniform hat heut zu Tage viele Freyheiten; damit sollst Du

diesen Abend zu ihr gehen. Läßt sie Dich nun zum Hause hinaus

prügeln, so kannst Du glauben, daß sie die Krone von allen

ehrlichen Mädchen ist. Nimmt sie Dich aber an, küßt und umarmt

Dich, so nimmst Du das auf dem Marsche vorlieb, und weißt wie

viel die Glocke geschlagen.

_Harl._ O mein lieber Scapin, das ist unvergleichlich.

Ich danke Dir tausendmal für Deinen guten Rath. Mache mich

nur geschwind zum Hauptmann. Ich brenne vor Verlangen, jene

glückliche Tracht Schläge zu empfangen.

_Peter._ Ich wahrhaftig nicht. In meiner Heimath probirt

man die Mädchen ganz anders.

_Scapin._ In meiner auch. Aber man bekömmt zuweilen etwas,

was einem noch weit unangenehmer ist, als eine Tracht Schläge.

Nicht wahr, Harlekin?

_Harl._ O Scapin, Du bist der klügste Schelm, den ich in

meinem Leben gekannt habe. Mache nur geschwind, daß ich das

Kleid von Deinem Herrn bekomme. Ich hoffe doch nicht, daß er

es übel nehmen wird, wenn der Schimpf hiernächst darauf sitzen

bleibt?

_Scapin._ O im geringsten nicht. Eben das Kleid, was ich

Dir verschaffen will, hat schon mehrmal herhalten müssen. Ich

will hingehen um es Dir zu bringen. Du mußt mir aber auch

einmal wieder zu gefallen seyn, wenn Du nun ein Ehemann seyn

wirst.

(Scapin geht ab)

Die Tugend auf der Schaubühne oder: Harlekins Heirath; Ein Nachspiel in einem Aufzuge · 第 7 / 11 题