Sechster Auftritt

_Harlekin_ und _Peter_.

_Harl._ Du sagtest ja erst, Peter, man hätte in Deiner

Heimath eine andere Probe, um zu erfahren, ob die Braut noch

ächt sey.

_Peter._ O ja, das haben wir auch.

_Harl._ Wie macht Ihr denn das?

_Peter._ Da kommen wir her und suchen uns eine aus, die

uns gefällt.

_Harl._ Das kann ich wohl denken.

_Peter._ Dann nehme ich mein Spinnrad, und gehe des Abends

zu ihr ins Haus, setze mich neben ihr hin und wir spinnen denn

alle Beyde.

_Harl._ Nun, spinnt Ihr denn immer fort?

_Peter._ Von ungefähr geht dann einmal die Lampe aus.

_Harl._ Das kömmt der Sache näher--

_Peter._ Spinnt die Braut nun im Finstern fort, ohne den

Faden zu verlieren, so ist das ein gutes Zeichen.

_Harl._ Das ist wirklich so dumm nicht--

_Peter._ Steht aber das Rad stille, bricht der Faden und

die Schnur schlägt wohl gar ab: so hohle es der Henker!

_Harl._ Wahrhaftig, die Leute sind klug; und wer hat euch

das so gelehret?

_Peter._ Ich glaube, es muß so von Vater auf Sohn

gekommen seyn. Denn wie unser Pastor einmal das Zusammenspinnen

abschaffen wollte, so sagten die Aeltesten im Dorfe: ihre Väter

hätten es gethan, ihre Großväter hätten es gethan, und ihre

Kinder sollten auch thun.

_Harl._ In dem Dorfe mögte ich wohnen!

Siebenter Auftritt.

_Scapin_ mit einem Kleide unterm Arme,

und die _Vorigen_.

_Scapin._ Stille! stille! wir wollen einen rechten Aufzug

haben. Isabelle und Valer kommen daher, um ihre Rolle zu

spielen. Es geht ihnen wie mir. Sie meynen, der Freyer werde

gespielet, und weil an ihnen die Reihe ist, aufzutreten, wenn

ich zum andernmale abgehe: so will ich itzt ganz ernsthaft

herausgehn. Ihr aber geht auf die Seite so lange. Hier ist

das Kleid, Harlekin, welches du immittelst anziehen kannst.

_Harl._ Vortrefflich!

_Peter._ Das ist des Henkers Comödie.

(Gehn ab.)

Achter Auftritt.

_Isabelle_ und _Valer_.

_Isabelle._ Nein, mein werthester Graf, so schmeichelhaft

es mir auch ist von Ihnen geliebt zu werden, und so sehr ich

von Ihren rechtschaffenen Absichten überzeuget bin, so wenig

finde ich mich vermögend Ihnen meine Hand zu geben. Mein

Schicksal hat mich einmal auf die Schaubühne geführt; ich

bin der Welt nichts mehr als eine Comödiantinn; und ich müßte

Sie, mein werthester Graf, minder hochschätzen und minder

lieben, wenn ich in Ihre Verbindung einwilligen und uns Beyde

beschimpfen sollte: Sie, daß Sie Sich so weit herablassen und

mich, daß ich einen Mann genommen, der so wenig Empfindung und

so wenig Zärtlichkeit gegen seine eigne Ehre gehabt hatte.

_Valer._ Großmüthige Isabelle, je edler Sie Sich zeigen,

je weniger ist es mir möglich Ihren Befehlen zu gehorchen.

Ich kann ohne Sie nicht leben. Mein ganzes Glück beruhet auf

unsre Verbindung. Das Recht ist auf der Seite der Tugend, der

Schönheit und der Liebe. Vorurtheile dürfen uns nicht irre

machen.

_Isabelle._ O! es giebt ehrwürdige, heilige Vorurtheile;

und die Wahrheit muß sich oft erst in unsre eigne Meynung, in

unser Vorurtheil verwandeln, ehe sie ihr Recht behaupten kann.

_Valer._ Aber Ihre Geburt ist der meinigen nicht ungleich.

Sie sind von guter Familie, und daß das Schicksal Sie auf die

Bühne geführt--

_Isabelle._ Nichts mehr hievon. Sie wissen, wie die

Welt denkt. Sie wissen, mit welchen übeln Vermuthungen sie

diejenigen verfolgt, welche sich der Bühne widmen, und es

sollte mir ewig leid seyn, als Comödiantinn einen Mann zu

beschimpfen, den ich als Prinzessinn glücklich zu machen

wünschte.

_Valer._ Göttliche Isabelle!

(Er will ihre Hand nehmen.)

_Isabelle._ Auch diese Hand nicht, mein werthester Graf.

Ich bin stolz, stolz auf Sie, stolz auf mich; und da ich Muth

genug habe, meine Liebe Ihrer Ehre aufzuopfern, so müssen Sie

auch so billig seyn, und der meinigen schonen.

_Valer._ Sie sind grausam. Sie handeln ungerecht mit

Sich, ungerecht mit mir. Ich und mein Unglück bleibt zu Ihrer

Verantwortung.

_Isabelle._ Ich kenne diese Sprache; aber ich weiß was ich

mir von Ihrer Vernunft zu versprechen habe. Ueberlegen Sie nur

einmal Selbst, wie empfindlich es Ihnen und mir seyn würde,

wenn man in allen Gesellschaften vor uns fliehen, wenn jeder

Blick Ihnen einen Vorwurf und mir eine Verachtung zeigen,

wenn Ihre ganze Familie Sie hassen und mich verfolgen,

wenn jedermann argwohnen würde--

_Valer._ Quälen Sie mich wenigstens nicht, wenn Sie mich

nicht glücklich machen wollen. Ich habe das alles, und noch

ein mehrers überlegt; ich habe mir alle diese Wahrheiten so

deutlich vorgestellt, daß ich glauben konnte, unparteyisch zu

urtheilen; und doch, schönste Isabelle, fiel der Schluß dahin

aus, daß das Glück unsrer Vereinigung Alles das unendlich

überwiegen würde.

_Isabelle._ Sie wissen, Herr Graf, daß ich gegen dieses

Glück nicht unempfindlich bin. Sie wissen, daß mein ganzer

Stolz durch diese Verbindung befriedigt werden würde. Verzeihen

Sie mir aber, daß ich Sie auf eine zärtlichere Art liebe, und

meinem Vorsatze getreu bleibe.

_Valer._ Sie begegnen einem Ieden sonst so gütig, Sie--

_Isabelle._ Keine Vorwürfe, Herr Graf. Da ich die Bühne

betrete, so ist es meine Schuldigkeit, allen die dahin kommen,

Höflichkeit und Dankbarkeit zu zeigen. Ich würde sonst unsrer

Gesellschaft schaden, und eine Unanständigkeit begehen, die

in den Umständen worin ich bin, für den Einen oder Andern

beleidigend seyn könnte. Glauben Sie aber um deswillen ja

nicht, mein lieber Herr Graf, daß wir mit unsrer Gütigkeit

verschwendrischer sind als andre. Ieder Stand erfordert ein

eignes Betragen; und wenn man das weiß, so macht man keine

falsche Schlüsse.

_Valer._ Ich glaube nicht, daß Sie mir dergleichen

Schuld geben können. Meine aufrichtige Liebe ist die beste

Widerlegung, und die sicherste Probe, daß ich Ihre Gütigkeit

in keinem Verdachte habe.

Neunter Auftritt.

Die _Vorigen_. _Harlekin_ und _Peter_.

_Harl._ Ha! ha! ha! Spielen Sie hier eine Comödie?

_Isabelle._ Nun, was fällt Dir ein, Harlekin? Die Reihe ist

ja gar nicht an Dir.

_Harl._ Die Reihe mag an mir seyn oder nicht, so muß ich

Ihnen sagen, daß Herr Barthold sich versehen, und daß heute

gar nicht gespielt, sondern in allem Ernste an einer Heirath

gearbeitet wird.

_Valer._ Aber, was bedeutet denn das?

_Harl._ Was das bedeutet, wenn man heirathet?

_Peter._ Wissen Sie das nicht?

_Valer._ Herr Barthold und Ihr alle seyd verrückt. Ein

andermal soll man es mir zweymal sagen, ehe ich hierher kommen

und meine Rolle spielen will.

(Geht ab.)

_Isabelle._ Kann ich denn wohl so glücklich seyn, zu

erfahren, was es für eine Heirath sey, woran heute gearbeitet

wird?

_Harl._ Sie soll zwischen einem Bräutigam der sich Scrupel

macht, einer Seits, und zwischen einer Braut die sich keine

macht, ander Seits, geschlossen und nicht geschlossen werden.

_Isabelle._ Aus diesem räthselhaften Geschwätze schließe

ich, Harlekin, daß Du es bist, der sich Scrupel macht.

_Harl._ Der Henker traue den Mädchen! Ich glaube, sie lesen

einem aus den Augen was man denkt. Aber, was hat man denn auch

anders in den Augen, wenn man erst zu Verstande kömmt, als die

Lust zu heirathen? Sehen Sie mir das nicht gleich an?

_Isabelle._ O! das habe ich Dir lange angesehen, und

Kolombinen ebenfalls.

_Harl._ Ey, schau doch, wie listig sie das Geheimniß

herauslocken will!

_Isabelle._ So war denn doch die Heirath zwischen Dir und

Kolombinen das Geheimniß? Nun, so wünsche ich Dir viel Glück

damit; es ist ein braves Mädchen.

_Harl._ Dürfte ich wohl unterthänigst fragen, was Sie

durch ein braves Mädchen verstehen? Ich habe sonst gemeint,

die Pferde würden nur brav genannt.

_Isabelle._ Ich will damit nur sagen, daß Kolombine ihre

Rolle gut spielt, daß sie sehr geschickt, sehr schön, sehr

lustig, sehr gutherzig--

_Harl._ Aber nicht auch sehr tugendhaft sey?

_Isabelle._ O! das versteht sich von selbst; und ich kann

Dir zur guten Nachricht sagen, daß sie noch gar kürzlich ein

paar brillantene Ohrringe ausgeschlagen hat.

_Harl._ Aber der Freyer, der sie ihr angeboten, sollte der

nicht so gewisse Vermuthungen gehabt haben, daß sie solche wohl

annehmen würde?

_Isabelle._ Ich glaubte, Harlekin, Du dächtest besser

von unsrer Schaubühne. Wenn man alle diejenigen von uns

verurtheilen wollte, welche etwa einen freundlichen Blick

vergelten, oder sich eine Versuchung zuziehen, so würde man

sehr ungerecht gegen uns seyn.

_Peter._ Nein, der Faden muß wenigstens abbrechen und die

Schnur vom Rade fallen, sonst kann man seiner Probe nicht

sicher seyn.

_Isabelle._ Das dünkt mich auch, Peter; und wo ich Dich

recht kenne, so würdest Du mein Cathrinchen gern nehmen, ohne

Scrupel; und Du, Harlekin, thätest auch wohl, von der Probe

nach der Hochzeit zu reden.

_Harl._ Das ist verflucht gefährlich, und zu seiner Zeit

eben nicht tröstlich.

_Isabelle._ Ich wünsche Euch mit einander ein Paar Weiber,

die Euch die Köpfe zurechte setzen; und wenn Herr Barthold

seine selige Frau noch hätte, so würde er mich nicht hieher auf

April geschickt haben. Das sagt ihm nur, wenn Ihr ihn sehet.

(Geht ab.)

Zehnter Auftritt.

_Harlekin_ und _Peter_.

_Harl._ Nun, Peter, wo hast Du meine Companie gelassen?

_Peter._ Hier ist sie (indem er ihm das Kleid holet und

übergiebt).

_Harl._ (Zieht das Kleid über das seinige, und macht dabey

ein Theaterspiel).

Elfter Auftritt.

Die _Vorigen_ und _Scapin_.

_Scapin._ Ha! willkommen, mein werthester Herr Hauptmann!

_Harl._ Wie, Scapin, kennest Du mich denn nicht mehr?

_Scapin._ In der That, wenn Dich Deine Stimme nicht

verrathen hätte, so würde ich Dich schwerlich erkannt haben.

_Peter._ Aber die Hosen?

_Scapin._ O! die kann man bey jedem Kleide tragen, und ein

Witwer mag sie so gar in der Trauer anziehn.

_Peter._ Bey uns sagt man, es ist kein Herr so groß, oder

der Narr blickt irgendwo hervor.

_Harl._ Ich bitte Dich, Peter, mache doch solche dumme

Vergleichungen nicht. Ich habe diese Hosen mit Fleiß behalten;

denn sollte die Probe unglücklich ablaufen, so hänge ich das

Kleid sogleich an den Nagel, und bin wieder der ich war. Aber,

was denkst Du, Scapin, sollte man mich wohl aus Achtung für die

Uniform ungeschlagen zurückschicken?

_Scapin._ Mache Dir doch nur solche Skrupel nicht. Wenn

Kolombine ein ehrliches Mädchen ist, und Du es recht bey ihr

anfängst, so mußt Du Deine Schläge bekommen, oder ich verliere

fünf Gulden.

_Harl._ Gut! es ist ein Wort.

_Peter._ Wahrhaftig, ich wette mit, Herr Harlekin.

Kolombine ist ein ehrliches Mädchen. Sie bekommen die Schläge

zuverlässig, und ich gewinne mein Geld, oder Sie haben es nicht

recht darnach angefangen.

_Harl._ Peter, es gilt fünf Batzen; und mit Freuden will

ich sie euch beyden auszahlen. Eins fällt mir aber itzt bey:

ich habe gar kein Geld in der Tasche. Ich müßte doch wohl,

wenn ich einen Versuch wagen will, so irgend einen Beutel mit

Dukaten haben.

_Scapin._ Glaubst Du denn nicht, daß ich weiß, was Dir in

solchen Fällen nöthig ist? Fühle nur einmal in die Taschen.

In der einen steckt meines Herrn leerer Geldbeutel mit

Zahlpfennigen, und in der andern das Futteral von seinen

Schuhschnallen. Kolombine wird Dukaten und Iuwelen darin

vermuthen, und wenn Du es ihr anbietest, Dir gewiß Beydes

an den Kopf werfen, ohne zuzusehen was darin ist.

_Harl._ Weißt Du dies gewiß?

_Scapin._ So gewiß als Du den Glauben auf den Puckel

bekommen wirst.

_Peter._ Viel Glücks dazu.

_Harl._ (zu Scapin) Wolltest Du mich wohl bey Kolombinen

melden?

_Scapin._ Ey, warum nicht? Ich diene meines Herrn Uniform,

und schäme mich nicht, solche bey Kolombinen anzumelden.

_Harl._ So gehe geschwind.

Zwölfter Auftritt.

_Harlekin_ und _Peter_.

_Harl._ Der Scapin ist doch ein durchtriebner Kopf, und

weiß zu allem Rath.

_Peter._ Nach meinem dummen Verstande gehört eben nicht

viel Witz dazu, Ihnen zu einer guten Tracht Schläge zu

verhelfen. Das wollte ich auch wohl thun.

_Harl._ O mein guter Peter, das ist weit über Deinen

Horizont. Du weißt es nicht, wie angenehm mir diese Schläge

seyn werden.

_Peter._ Nun, meinethalben. Alles wie Sie wollen. Wenn ich

nur meine fünf Batzen gewinne. Ich fange aber nunmehro an zu

fürchten, Sie werden, wenn die Wette verloren geht, in den

Beutel mit Zahlpfennigen greifen.

_Harl._ Du sollst Deine fünf Batzen gewiß haben, oder ich

heiße nicht Hauptmann von Astaroth.

_Peter._ Ach, meynen Sie nicht, daß die Leute Sie erkennen

werden? Ihre Stimme verräth Sie gleich.

_Harl._ Die weiß ich schon zu verstellen. Ich will die

ordentliche Rolle eines Hauptmanns spielen, so wie ich sie

gelernt habe.

Die Tugend auf der Schaubühne oder: Harlekins Heirath; Ein Nachspiel in einem Aufzuge · 第 8 / 11 题