Eine ungeheure Aufregung ergriff die Leute, welche es nicht fassen
konnten, daß der Landesherr nicht kommen will. Alles schrie wirr
durcheinander, jeder fragte nach dem Grund des Fernbleibens in solcher
Not.
Der Stadthauptmann forderte Ruhe und begann den Reiter auszufragen mit
dem überraschenden Ergebnis, daß der Bote meldete, der Erzbischof, vom
Kämmerling aufgeweckt, habe gesagt: „Brennt es, so lasse man es
brennen!“
Das war den Bürgern Salzburgs in ihrer Erregung und Sorge zu viel, die
Leute hingen liebend an ihrem Dom, die Gleichgültigkeit Wolf Dietrichs
gegen den Dombrand entfaltete einen Tumult, allgemein ward der Verdacht
ausgesprochen, daß der Erzbischof, von dem es bekannt war, daß er den
Dom in seiner bisherigen Gestalt nicht leiden mochte, den Brand selbst
verursacht habe! Geschäftige boshafte Zungen verbreiteten das Gerücht,
das Feuer sei im erzbischöflichen Oratorium entstanden, der Fürst hätte
dort einen brennenden Wachsstock zurückgelassen, und dadurch wäre erst
der Chorstuhl, dann alles andere vom Feuer ergriffen worden.
Der Erzbischof Brandstifter seines Domes! So absurd und ungeheuerlich
diese gehässige Anklage lautete, sie wurde geglaubt und weiter
verbreitet ins stiftische Land wie auch nach Bayern und München, wo man,
dem Fürsten ohnehin gram, die schlechte Nachricht gierig aufnahm und gar
nach Rom übermittelte.
Am nächsten Tage kam Wolf Dietrich nach Salzburg zurück. Seine ruhige
Haltung verstärkte den Verdacht, insonders der Erzbischof kein Wort des
Bedauerns ob des vernichteten Domes laut werden ließ.
Auf sein Geheiß wurden die geretteten Gegenstände bei Skt. Peter und in
der Pfarrkirche unter gebracht. Da der Gottesdienst im Dom nicht mehr
abgehalten werden konnte, ließ Wolf Dietrich sogleich einen hölzernen
Gang von der Residenz in die Pfarrkirche bauen, woselbst fürder
celebriert werden mußte. Die Hochämter und Predigten wurden bei Skt.
Peter abgehalten.
Wo alles tuschelte und boshaft wisperte in der Bischofstadt, konnte es
nicht anders sein, als daß auch dem Domkapitel und den Hofbeamten der
fürchterliche Verdacht einer fürstlichen Brandstiftung zu Ohren kam.
Allein weder die Domherren noch die Hofchargen wagten es, dem Erzbischof
diese handgreifliche Verleumdung mitzuteilen.
Da raffte sich Graf Lamberg auf, dem Freunde und Gebieter Gelegenheit
zur Entkräftung des Verdachtes zu verschaffen und erbat sich bei Wolf
Dietrich eine Audienz.
Lamberg traf den Fürsten übelgelaunt, fast bereute der treue Freund,
sich in dieser Angelegenheit gemeldet zu haben. Doch die Erwägung, daß
der Argwohn nicht auf dem Gebieter lasten dürfe, gab den Ausschlag.
Wolf Dietrich unterbrach seine Zimmerpromenade und blickte den
Kapitulator forschend an. „Kommst du in politicis Lamberg? Ist neue
Kunde von Prag eingelaufen?“
„Nein, Hochfürstliche Gnaden! Es ist eine Salzburger Angelegenheit, die
ich unterbreiten möchte unserem gnädigen Herrn.“
„Der Thuemb ist ausgebrannt, ich wüßte nicht, was ansonsten Neues zu
vermelden wäre in meiner Stadt!“
„Dieser Dombrand hat viel Zungen in eine Bewegung verbracht, die mir
will gefährlich erscheinen.“
Wolf Dietrich horchte auf, sein forschender Blick musterte den Grafen
durchdringend. „Schwatzen die Salzburger, nun daran will ich sie nicht
hindern!“ meinte der Fürst dann geringschätzig.
„Mit Vergunst, gnädiger Herr! Es giebt ein Schwatzen, das der Ehr' kann
gefährlich werden.“
„Wohinaus will Lamberg zielen?“
„Ein Ziel möchte ich gesetzt wissen einer niederträchtigen Verleumdung,
die vor dem Thron nicht Halt zu machen weiß.“
„So züngelt die Schlange Verleumdung gar herauf zu meiner Höhe? Pah, ein
Tritt und es endigt schmählich solch' Gewürm!“
„Will mein gnädiger Herr ein offen Wort in bemeldter Sache mir
verstatten?“
„Sprich aus, Lamberg, was deine treue Freundesseele so bewegt!“
„Der Schlange Verleumdung ein End' zu machen, ist es hohe Zeit, doch
vermeine ich: nicht ein gewaltsam Tritt sei hier am Platze, nein, besser
deucht mir ein Akt fürstlicher Noblesse und politischer Klugheit
zugleich.“
„Wie? Will der Kapitular dem Erzbischof vorschreiben, was der Fürst und
Herr zu thun und lassen habe?!“
„Mit nichten, Hochfürstliche Gnaden! In Treuen nur wär' meine
unterthänige Meinung, der weit verbreiteten Verleumdung anjetzo durch
eine restauratio aedis sacrae ein End' zu setzen.“
„Ha, capisco! Daß ich kein Freund des klotzigen Thuembes gewesen, wird
mir wohl anjetzo eingekerbt?!“
„Viel schlimmer, gnädiger Herr!“
„Wie?“
„Hart wast's auszusprechen das schwere Wort, das Flügel hat gefunden und
zweifelsbar das Ohr hämischer Freunde zu München erreicht haben dürfte.“
„Sprich deutlicher, Lamberg! Wessen werd' ich verdächtigt?“
„Der Brand....“
„Ha, verstumme! Oder mein Zorn erreicht auch den Freund und wirft ihn
nieder!“
Lamberg verbeugte sich tief und schwieg, während Wolf Dietrich mit
hastigem Schritt das Gemach durchmaß. Zurückkehrend war der Fürst
ruhiger geworden, er reichte dem Freunde die Hand und sprach: „Niente di
male, amico! Nun aber sage mir alles, ich bin ruhig und will beherrschen
das heiße Blut.“
„Soll ich vielleicht zu gelegenerer Stunde einfinden mich?“
„Nein, Lamberg! Also meine Unterthanen verdächtigen mich, den Thuemb
wohl gar in Brand gesteckt zu haben?! Ich verarg' es ihnen aber
nicht....“
Jetzt rief Lamberg überrascht: „Wie? Hochfürstliche Gnaden finden solch'
infamen Argwohn entschuldbar?“
„Un poco, si! Zu einem Teil, da ich nie ein Hehl daraus gemacht, daß
widerwärtig ist mir das alt' Gebäu des Thuembes! Wissen das die
Salzburger, ist's nur ein kleiner Schritt zum Argwohn, daß Mißgunst ward
zum Brandstifter.“
Bei aller diplomatischen Schulung vermochte Lamberg seine Überraschung
nicht zu verbergen, und über diese Anzeichen seiner Verblüffung zeigte
sich Wolf Dietrich amüsiert.
„Gnädiger Herr wollen doch nicht solchen Argwohn in die Halme schießen
lassen?“
„Nein! Doch weiß ich zur Stunde nicht, wo anzulegen ist die Axt, mit der
abgehauen wird des Giftbaumes zähe Wurzel!“
„Mit Vergunst, die Stelle für die trennend' Axt kann ich bezeichnen!“
„So sprich, teurer Freund!“
„Zerstreuen wird jeglichen Argwohn die Wiederherstellung des alten
Domes.“
„Das häßliche Gebäu restaurieren? Das ist fürwahr nicht nach Geschmack!“
„Es bleibt kein ander Weg, gnädiger Herr! Was später wird, mag
vorbehalten bleiben einer besseren Zukunft.“
„Das klingt besser mir ins Ohr! Gut denn! Ich werde flicken lassen, doch
Türme kommen nimmer auf den alten Bau! Und so ich zu leben habe, will
einen neuen Thuemb ich bauen, der Salzburg soll zur Ehr gereichen.“
Froh dieses Erfolges, den wankelmütigen Fürsten umgestimmt zu haben,
konnte Graf Lamberg die Residenz verlassen.
Wolf Dietrich hielt Wort; er ließ von welschen Maurern ein Dach aus
Estrich und Mörtel eilig aufsetzen, die Quadermauern waren intakt
geblieben. Diese Vorkehrungen besänftigten die Murrenden, der Verdacht
schlummerte ein.
Als der Schlauere erwies sich aber doch wieder der baulustige Fürst; wie
im voraus berechnet, konnte das in Eile und sehr schlauderhaft erbaute
Dach den Unbilden der salzburgischen Witterung nicht lange widerstehen,
der Regen sickerte durch das dünne Mauerwerk, es begann ein stetig
Abbröckeln, und eines Tages stürzte ein großer Teil des Notdaches ein.
Nun hatte Wolf Dietrich den gewünschten Vorwand. Was an Altären im Dom
noch vorhanden, wurde abgetragen, ebenso der Sarg des hl. Vigil; auch
die Grüfte und Kapellen samt Inhalt wurden entfernt und in anderen
Kirchen provisorisch untergebracht.
Die Salzburger errieten mählich des Erzbischofs Absichten und begannen
zu murren. Da erließ Wolf Dietrich ein Mandat des Inhalts, daß er als
Erzbischof — nicht verantworten könne, das Leben der Dombesucher einer
Gefahr auszusetzen; die Domkirche sei in hohem Maße gefährlich baufällig
und müsse daher abgetragen werden.
Dabei blieb es; eine Schar welscher Arbeiter begann mit dem Abbruch der
massigen Quadermauern, worüber Jahre vergingen. Aber eines Tages war das
Ziel doch erreicht, — der alte häßliche Dom niedergelegt, der Platz bis
auf den Grund geräumt.
Nun konnte Wolf Dietrich einen neuen Dom nach seiner Geschmacksrichtung
erbauen.