XII.

Ließ Wolf Dietrich auf dem Regensburger Reichstag durch seine Gesandten

in beweglichen Worten klagen, daß er gerne alles Menschenmögliche

leisten würde, aber nichts Namhaftes bewilligen könne, weil in des

Erzstiftes „armen und schlechten Gebirge die Bergwerke so stark

abgefallen seien“, — zum Bauen in seiner Residenzstadt hatte der

Erzbischof Geld genug aus vielerlei, oft zwangsweise eröffneten Quellen,

wie er auch für sich, Salome und den inzwischen erfolgten

Familienzuwachs, sowie für seine nach Salzburg berufenen Brüder in

überreichem Maße sorgte und Kapitalien anhäufte, die zinsbringend

ausgeliehen wurden.

Wo immer es angängig ward, wurden alte Häuser, Keuchen und Hütten

angekauft oder eingetauscht und niedergerissen; so in der Pfeifergasse,

am Brotmarkt, wo halbe Gassen dem Erdboden gleich gemacht wurden. Der

uralte mit der „Freyung“ begabte Haunsperger-Hof wurde gleichfalls

abgebrochen und dadurch verschwand für immer die kaiserliche Freyung,

die einem Totschläger auf drei Tage Zuflucht vor den Gerichtsknechten

gewährte. Die Erbauung des Friedhofes zu Skt. Sebastian war Wolf

Dietrichs Werk, ebenso der „Neubau“, welcher zur zweiten Residenz

bestimmt war, jedoch stecken gelassen wurde. Die Unruhe, der Wankelmut

des Fürsten offenbarte sich in diesen Bauten; abbrechen, aufbauen und

vor Vollendung stecken lassen, das ereignete sich des öfteren. Für

seinen Bruder Jakob Hannibal, Obristen und Hofmarschall, erbaute er

nördlich dem Neubau auf dem Platte, wo ehedem drei Häuser standen, die

geschleift wurden, einen großen Palast, der 80000 Gulden Baukosten

verschlungen haben soll. Wenige Jahre darauf entzweiten sich die Brüder,

Hannibal wurde gezwungen, Salzburg zu verlassen und reiste mit

wohlgezählten achtzehn Wagen voll Schätzen in Gold und Silber nach

Schwaben ab. Im Zorn ließ Wolf Dietrich den Hannibalpalast niederreißen

und der Erde gleich machen. Unzählig sind die Verschönerungs- und

Verbesserungsbauten, die mählich der Stadt einen anderen Charakter zu

verleihen begannen. Der Lieblingsplan Wolf Dietrichs begann sich zu

verwirklichen, Salzburg veränderte sein Stadtbild und nahm ein

italienisches Gepräge an durch die Neubauten, es gewann den

eigentümlichen, bestrickenden Reiz der Renaissance. Insgesamt mußten

fünfundfünfzig Häuser verschwinden, um prächtigen Neubauten Platz zu

machen.

Wolf Dietrich verstand alle Schwierigkeiten zu überwinden, so sie

seinen Bauplänen sich entgegenstellten, er entwickelte ebenso große

Energie wie Fähigkeit. Das beweist zum Beispiel die Baugeschichte des

prachtvollen Marstalles. Vom Franziskanerkloster am Fuße des

Mönchsberges erstreckte sich bis zum Bürgerspittel eine dem Stift Skt.

Peter gehörige Fläche, der sogenannte Frongarten, welcher von den

Benediktinern als Obstgarten, Krantacker und Heufeld benutzt wurde. Im

Frühling bis auf Georgi war es den Bürgern Salzburgs gestattet, in

diesem langgestreckten Garten zu spazieren, und die salzburgische Jugend

konnte mit Ball- und Kegelspiel sich dort erlustieren. Am Georgstage

aber ward der Frongarten gesperrt und blieb geschlossen das Jahr

hindurch bis zum nächsten Frühling.

Die in der Kirch- und Getreidegasse wohnenden Bürger hatten die

Erlaubnis ersehnt, die Rückseiten ihrer Häuser zu öffnen, auf daß sie

Fenster und Thüren anbringen und von frischer Luft und von dem Blick in

den Frongarten Gewinn erzielen könnten. Die Benediktiner wollten von

solchem Begehren nichts wissen. Da wurden die pfiffigen Bürger beim

Fürsten vorstellig, und Wolf Dietrich fand den Gedanken vortrefflich und

wußte Rat. Auf sein Geheiß boten die beteiligten Bürger die Reichung von

Burgrechtspfennigen an, wofür richtig die Mönche die Öffnung der Häuser

der Kirch- und Getreidegasse zum Frongarten bewilligten. Damit war ein

Prinzip durchbrochen, der Anfang gemacht. Kaum war die Bewilligung

erfolgt, trat Wolf Dietrich auf: der Landesherr begehrte einen Teil des

Frongartens für seine Zwecke und bot Ersatz aus seinem Grundbesitz. Die

Benediktiner zögerten, sie mochten wohl Unheil wittern.

Wolf Dietrich ward wie immer ungeduldig, ließ monieren, und erreichte

sein Ziel. Sofort ließ er einen langen und breiten Tummelplatz zum

Ringelstechen, Turnieren und Abrichten der Pferde herstellen, dazu

Holzbauten, was insgesamt gegen 4000 Gulden verschlang. Ein Jahr später

kam es dazu, was die Patres befürchtet hatten vom Anbeginn: der

Erzbischof forderte jetzt den ganzen Frongarten und bot zum Tausch die

ihm gehörende Stockaner Wiese bei Bernau im Glanegger Gerichte.

Widerspruch war bei einem Wolf Dietrich nicht ratsam, die Benediktiner

willigten ein. Nun gab der Fürst seinen Unterthanen den ganzen Garten

das ganze Jahr hindurch frei, ließ im Winter dortselbst einen Steinbruch

eröffnen, aus dessen Material der große herrliche Marstall erbaut wurde,

ein Meisterwerk der Baukunst.

Im Bestreben, aus Salzburg ein Klein-Rom zu gestalten, zeigte sich Wolf

Dietrich von einer ihm sonst fremden Konsequenz und scheute vor keinem

Opfer zurück. Und glücklich machte es ihn, wenn Salome seinen Plänen und

Bauten volles Lob spendete, ihn erinnerte an jene Stunden, da er um

Salomens Liebe warb und von seinen hochfliegenden Ideen schwärmte. Ein

Fürst von solcher Kunstbegeisterung konnte an dem düsteren wuchtigen Dom

mit den fünf Türmen keine Freude haben. Des öfteren klagte Wolf Dietrich

in stillen Stunden seiner Salome, daß er sich nicht Rats wisse, wie

Salzburg einen schönen Dom bekommen könnte, ein Gotteshaus nach seinem

Geschmack.

Und Salome, die kluge Frau, wußte da auch keinen Rat, denn an einen

Abbruch des zwar düsteren, doch immer majestätischen alten Domes konnte

im Ernst nicht gedacht werden; einmal nicht wegen der Salzburger Bürger,

die an ihrer alten Kathedrale hingen, und dann nicht wegen der

zweifellos enormen Kosten.

Winter ward es im stiftischen Land und der Dezember brachte Schnee und

steife Kälte. So zart Salome gewesen, an einer fröhlichen Schlittenfahrt

in warmer Pelzumhüllung hatte sie ihre Freude, und so wurde an einem

frischen Dezembertag ein Ausflug gegen Hallein unternommen an dem sich

in einem zweiten Schlitten auch Wolf Dietrich, gefolgt von Dienerschaft

und Kümmerlingen in weiteren Kufenschlitten, beteiligte. In einem

erzbischöflichen Lusthause wurde das vom vorausgeschickten

Küchenpersonal bereitete Mahl eingenommen und fröhlich gezecht. Salome

zeigte sich von besonderer Munterkeit, die Schlittenfahrt in frischer

Luft hatte sie erquickt, und als frühzeitig der Abend sich ins stille

Gelände senkte, schlug die Herzensdame dem Gebieter vor, im guterwärmten

Lusthause die Nacht zu verbringen und erst am nächsten Tage nach

Salzburg zurückzureisen. Dem allerliebsten Schmeicheln und Betteln

vermochte Wolf Dietrich nicht zu widerstehen. Da die Kämmerer, welche

freilich lieber ins Palais gekehrt wären, devot verkündeten, daß

Nachtquartier bereit gestellt, die Räume gut geheizt werden könnten, so

wurde die Übernachtung beschlossen.

Eine mondhelle, bitterkalte Winternacht brach an mit all' ihrem Zauber,

es flimmerte und glitzerte geisterhaft, weißstarrend, im Silberlicht

schimmernd ragten die Berge ringsum auf wie die Burg Hohensalzburg.

In der Stadt waren die letzten Zecher längst aus der Trinkstube in ihre

Häuser zurückgekehrt, Salzburg schlief, das Mondlicht leuchtete still

durch die Fenster.

Vom Dom kündete die Glocke die Geisterstunde, da quoll eine Rauchsäule

aus dem Dachstuhl der Kathedrale, kerzengerade aufzeigend in die klare

Luft der stillen Winternacht und immer dichter werdend. Unheimlich

knisterte es, bald züngelten Flämmchen hervor, ein Prasseln hub an, das

Feuer verbreitete sich mit rasender Schnelligkeit, es flammte ein Turm

nach dem andern auf, bald glühten alle fünf Türme des Domes, das Feuer

leckte Eis und Schnee hinweg, die wabernde Lohe brachte die Bleidächer

zum Schmelzen, die glühende Masse floß zischend an den Quadermauern

nieder, im Schnee aufprasselnd und zerstiebend im heißen Gischt. Die

Glocken schmolzen und fielen durch das brennende Chaos im schweren Fall.

Nun wurde es lebendig in den Häusern des Domviertels, der Schreckensruf:

„Der Thuemb brinnet!“ brachte die Bürger auf die Beine. Der

Viertelsmeister erschien und forderte zur Hilfe auf.

Die ungeheuere Flamme lohte zum nächtlichen Himmel und schon flogen

feurige Brände hernieder zu den Dächern der umliegenden Häuser und auf

die Residenz.

Die Hitze war so groß, daß niemand sich der Brandstätte nähern konnte;

man mußte warten, bis das glühende Blei völlig abgeflossen sei.

Inzwischen bemühten sich die Bürger, Stadtknechte und Landsknechte sowie

die Dienerschaft des Erzbischofs die benachbarten Häuser und die

Residenz zu retten.

Besonders Mutige wagten sich ins Schiff des Domes hinein, ergriffen

Altäre, Schmuckgegenstände, ja selbst die Orgel konnte zerlegt und

ausgebracht werden, wenn auch nur unter schwerer Gefahr und nicht ohne

begreifliche Beschädigung einzelner Pfeifen.

Im Jammer um das verlorene, mächtige Gotteshaus erinnerten sich die

Salzburger ihres Erzbischofs und Fürsten und schickten nach ihm in die

Residenz, auf daß der Gebieter selbst die Rettungsarbeiten dirigiere und

anordne, wohin die aus dem Dom gebrachten Gegenstände getragen werden

sollen.

In der Residenz hatte man aber den Kopf verloren, und der Fürst weilte

zudem auswärts. Knechte und Dienerschaft, alles beeilte sich, Hab' und

Gut zusammenzuraffen in der Angst, daß auch noch das Palais werde ein

Opfer der furchtbaren Feuersbrunst werden.

Ein Reiter ward aus der Residenz abgeschickt, dem Fürsten das große

Unglück eiligst zu vermelden, der Mann mußte in bitterkalter Winternacht

hinaus auf die Straße gen Hallein, und im Lusthause versuchen, das

Gefolge wachzubringen, auf daß dem Erzbischof Kunde vom Dombrand werde.

Mit Sehnsucht erwartete man auf der Brandstätte das Erscheinen des

Landesherrn.

Die Türme stürzten krachend ein, ein ungeheures Funkenmeer stob auf,

richtete aber dank der Windstille kein weiteres Unheil mehr an, und die

Funken erloschen auf den schneebedeckten Dächern der umliegenden Häuser.

Endlich jagte ein Reiter über die Salzachbrücke und kam im Galopp zur

Brandstatt gesprengt. Aus hunderten Kehlen ward ihm entgegengerufen,

alles fragte nach dem Erzbischof.

Der erschöpfte Reiter ward von der schreienden Menge umringt und konnte

nur mit Mühe den erschreckten Gaul meistern.

„Wo ist der Fürst?“ hieß es.

Celsissimus: Salzburger Roman · 第 21 / 27 题