Ließ Wolf Dietrich auf dem Regensburger Reichstag durch seine Gesandten
in beweglichen Worten klagen, daß er gerne alles Menschenmögliche
leisten würde, aber nichts Namhaftes bewilligen könne, weil in des
Erzstiftes „armen und schlechten Gebirge die Bergwerke so stark
abgefallen seien“, — zum Bauen in seiner Residenzstadt hatte der
Erzbischof Geld genug aus vielerlei, oft zwangsweise eröffneten Quellen,
wie er auch für sich, Salome und den inzwischen erfolgten
Familienzuwachs, sowie für seine nach Salzburg berufenen Brüder in
überreichem Maße sorgte und Kapitalien anhäufte, die zinsbringend
ausgeliehen wurden.
Wo immer es angängig ward, wurden alte Häuser, Keuchen und Hütten
angekauft oder eingetauscht und niedergerissen; so in der Pfeifergasse,
am Brotmarkt, wo halbe Gassen dem Erdboden gleich gemacht wurden. Der
uralte mit der „Freyung“ begabte Haunsperger-Hof wurde gleichfalls
abgebrochen und dadurch verschwand für immer die kaiserliche Freyung,
die einem Totschläger auf drei Tage Zuflucht vor den Gerichtsknechten
gewährte. Die Erbauung des Friedhofes zu Skt. Sebastian war Wolf
Dietrichs Werk, ebenso der „Neubau“, welcher zur zweiten Residenz
bestimmt war, jedoch stecken gelassen wurde. Die Unruhe, der Wankelmut
des Fürsten offenbarte sich in diesen Bauten; abbrechen, aufbauen und
vor Vollendung stecken lassen, das ereignete sich des öfteren. Für
seinen Bruder Jakob Hannibal, Obristen und Hofmarschall, erbaute er
nördlich dem Neubau auf dem Platte, wo ehedem drei Häuser standen, die
geschleift wurden, einen großen Palast, der 80000 Gulden Baukosten
verschlungen haben soll. Wenige Jahre darauf entzweiten sich die Brüder,
Hannibal wurde gezwungen, Salzburg zu verlassen und reiste mit
wohlgezählten achtzehn Wagen voll Schätzen in Gold und Silber nach
Schwaben ab. Im Zorn ließ Wolf Dietrich den Hannibalpalast niederreißen
und der Erde gleich machen. Unzählig sind die Verschönerungs- und
Verbesserungsbauten, die mählich der Stadt einen anderen Charakter zu
verleihen begannen. Der Lieblingsplan Wolf Dietrichs begann sich zu
verwirklichen, Salzburg veränderte sein Stadtbild und nahm ein
italienisches Gepräge an durch die Neubauten, es gewann den
eigentümlichen, bestrickenden Reiz der Renaissance. Insgesamt mußten
fünfundfünfzig Häuser verschwinden, um prächtigen Neubauten Platz zu
machen.
Wolf Dietrich verstand alle Schwierigkeiten zu überwinden, so sie
seinen Bauplänen sich entgegenstellten, er entwickelte ebenso große
Energie wie Fähigkeit. Das beweist zum Beispiel die Baugeschichte des
prachtvollen Marstalles. Vom Franziskanerkloster am Fuße des
Mönchsberges erstreckte sich bis zum Bürgerspittel eine dem Stift Skt.
Peter gehörige Fläche, der sogenannte Frongarten, welcher von den
Benediktinern als Obstgarten, Krantacker und Heufeld benutzt wurde. Im
Frühling bis auf Georgi war es den Bürgern Salzburgs gestattet, in
diesem langgestreckten Garten zu spazieren, und die salzburgische Jugend
konnte mit Ball- und Kegelspiel sich dort erlustieren. Am Georgstage
aber ward der Frongarten gesperrt und blieb geschlossen das Jahr
hindurch bis zum nächsten Frühling.
Die in der Kirch- und Getreidegasse wohnenden Bürger hatten die
Erlaubnis ersehnt, die Rückseiten ihrer Häuser zu öffnen, auf daß sie
Fenster und Thüren anbringen und von frischer Luft und von dem Blick in
den Frongarten Gewinn erzielen könnten. Die Benediktiner wollten von
solchem Begehren nichts wissen. Da wurden die pfiffigen Bürger beim
Fürsten vorstellig, und Wolf Dietrich fand den Gedanken vortrefflich und
wußte Rat. Auf sein Geheiß boten die beteiligten Bürger die Reichung von
Burgrechtspfennigen an, wofür richtig die Mönche die Öffnung der Häuser
der Kirch- und Getreidegasse zum Frongarten bewilligten. Damit war ein
Prinzip durchbrochen, der Anfang gemacht. Kaum war die Bewilligung
erfolgt, trat Wolf Dietrich auf: der Landesherr begehrte einen Teil des
Frongartens für seine Zwecke und bot Ersatz aus seinem Grundbesitz. Die
Benediktiner zögerten, sie mochten wohl Unheil wittern.
Wolf Dietrich ward wie immer ungeduldig, ließ monieren, und erreichte
sein Ziel. Sofort ließ er einen langen und breiten Tummelplatz zum
Ringelstechen, Turnieren und Abrichten der Pferde herstellen, dazu
Holzbauten, was insgesamt gegen 4000 Gulden verschlang. Ein Jahr später
kam es dazu, was die Patres befürchtet hatten vom Anbeginn: der
Erzbischof forderte jetzt den ganzen Frongarten und bot zum Tausch die
ihm gehörende Stockaner Wiese bei Bernau im Glanegger Gerichte.
Widerspruch war bei einem Wolf Dietrich nicht ratsam, die Benediktiner
willigten ein. Nun gab der Fürst seinen Unterthanen den ganzen Garten
das ganze Jahr hindurch frei, ließ im Winter dortselbst einen Steinbruch
eröffnen, aus dessen Material der große herrliche Marstall erbaut wurde,
ein Meisterwerk der Baukunst.
Im Bestreben, aus Salzburg ein Klein-Rom zu gestalten, zeigte sich Wolf
Dietrich von einer ihm sonst fremden Konsequenz und scheute vor keinem
Opfer zurück. Und glücklich machte es ihn, wenn Salome seinen Plänen und
Bauten volles Lob spendete, ihn erinnerte an jene Stunden, da er um
Salomens Liebe warb und von seinen hochfliegenden Ideen schwärmte. Ein
Fürst von solcher Kunstbegeisterung konnte an dem düsteren wuchtigen Dom
mit den fünf Türmen keine Freude haben. Des öfteren klagte Wolf Dietrich
in stillen Stunden seiner Salome, daß er sich nicht Rats wisse, wie
Salzburg einen schönen Dom bekommen könnte, ein Gotteshaus nach seinem
Geschmack.
Und Salome, die kluge Frau, wußte da auch keinen Rat, denn an einen
Abbruch des zwar düsteren, doch immer majestätischen alten Domes konnte
im Ernst nicht gedacht werden; einmal nicht wegen der Salzburger Bürger,
die an ihrer alten Kathedrale hingen, und dann nicht wegen der
zweifellos enormen Kosten.
Winter ward es im stiftischen Land und der Dezember brachte Schnee und
steife Kälte. So zart Salome gewesen, an einer fröhlichen Schlittenfahrt
in warmer Pelzumhüllung hatte sie ihre Freude, und so wurde an einem
frischen Dezembertag ein Ausflug gegen Hallein unternommen an dem sich
in einem zweiten Schlitten auch Wolf Dietrich, gefolgt von Dienerschaft
und Kümmerlingen in weiteren Kufenschlitten, beteiligte. In einem
erzbischöflichen Lusthause wurde das vom vorausgeschickten
Küchenpersonal bereitete Mahl eingenommen und fröhlich gezecht. Salome
zeigte sich von besonderer Munterkeit, die Schlittenfahrt in frischer
Luft hatte sie erquickt, und als frühzeitig der Abend sich ins stille
Gelände senkte, schlug die Herzensdame dem Gebieter vor, im guterwärmten
Lusthause die Nacht zu verbringen und erst am nächsten Tage nach
Salzburg zurückzureisen. Dem allerliebsten Schmeicheln und Betteln
vermochte Wolf Dietrich nicht zu widerstehen. Da die Kämmerer, welche
freilich lieber ins Palais gekehrt wären, devot verkündeten, daß
Nachtquartier bereit gestellt, die Räume gut geheizt werden könnten, so
wurde die Übernachtung beschlossen.
Eine mondhelle, bitterkalte Winternacht brach an mit all' ihrem Zauber,
es flimmerte und glitzerte geisterhaft, weißstarrend, im Silberlicht
schimmernd ragten die Berge ringsum auf wie die Burg Hohensalzburg.
In der Stadt waren die letzten Zecher längst aus der Trinkstube in ihre
Häuser zurückgekehrt, Salzburg schlief, das Mondlicht leuchtete still
durch die Fenster.
Vom Dom kündete die Glocke die Geisterstunde, da quoll eine Rauchsäule
aus dem Dachstuhl der Kathedrale, kerzengerade aufzeigend in die klare
Luft der stillen Winternacht und immer dichter werdend. Unheimlich
knisterte es, bald züngelten Flämmchen hervor, ein Prasseln hub an, das
Feuer verbreitete sich mit rasender Schnelligkeit, es flammte ein Turm
nach dem andern auf, bald glühten alle fünf Türme des Domes, das Feuer
leckte Eis und Schnee hinweg, die wabernde Lohe brachte die Bleidächer
zum Schmelzen, die glühende Masse floß zischend an den Quadermauern
nieder, im Schnee aufprasselnd und zerstiebend im heißen Gischt. Die
Glocken schmolzen und fielen durch das brennende Chaos im schweren Fall.
Nun wurde es lebendig in den Häusern des Domviertels, der Schreckensruf:
„Der Thuemb brinnet!“ brachte die Bürger auf die Beine. Der
Viertelsmeister erschien und forderte zur Hilfe auf.
Die ungeheuere Flamme lohte zum nächtlichen Himmel und schon flogen
feurige Brände hernieder zu den Dächern der umliegenden Häuser und auf
die Residenz.
Die Hitze war so groß, daß niemand sich der Brandstätte nähern konnte;
man mußte warten, bis das glühende Blei völlig abgeflossen sei.
Inzwischen bemühten sich die Bürger, Stadtknechte und Landsknechte sowie
die Dienerschaft des Erzbischofs die benachbarten Häuser und die
Residenz zu retten.
Besonders Mutige wagten sich ins Schiff des Domes hinein, ergriffen
Altäre, Schmuckgegenstände, ja selbst die Orgel konnte zerlegt und
ausgebracht werden, wenn auch nur unter schwerer Gefahr und nicht ohne
begreifliche Beschädigung einzelner Pfeifen.
Im Jammer um das verlorene, mächtige Gotteshaus erinnerten sich die
Salzburger ihres Erzbischofs und Fürsten und schickten nach ihm in die
Residenz, auf daß der Gebieter selbst die Rettungsarbeiten dirigiere und
anordne, wohin die aus dem Dom gebrachten Gegenstände getragen werden
sollen.
In der Residenz hatte man aber den Kopf verloren, und der Fürst weilte
zudem auswärts. Knechte und Dienerschaft, alles beeilte sich, Hab' und
Gut zusammenzuraffen in der Angst, daß auch noch das Palais werde ein
Opfer der furchtbaren Feuersbrunst werden.
Ein Reiter ward aus der Residenz abgeschickt, dem Fürsten das große
Unglück eiligst zu vermelden, der Mann mußte in bitterkalter Winternacht
hinaus auf die Straße gen Hallein, und im Lusthause versuchen, das
Gefolge wachzubringen, auf daß dem Erzbischof Kunde vom Dombrand werde.
Mit Sehnsucht erwartete man auf der Brandstätte das Erscheinen des
Landesherrn.
Die Türme stürzten krachend ein, ein ungeheures Funkenmeer stob auf,
richtete aber dank der Windstille kein weiteres Unheil mehr an, und die
Funken erloschen auf den schneebedeckten Dächern der umliegenden Häuser.
Endlich jagte ein Reiter über die Salzachbrücke und kam im Galopp zur
Brandstatt gesprengt. Aus hunderten Kehlen ward ihm entgegengerufen,
alles fragte nach dem Erzbischof.
Der erschöpfte Reiter ward von der schreienden Menge umringt und konnte
nur mit Mühe den erschreckten Gaul meistern.
„Wo ist der Fürst?“ hieß es.