VII.

Streng ward der Winter, der frühzeitig mit Kälte begonnen hatte. Die

Folgen des Mißwachses vom letzten Jahr bekamen die Salzburger zu fühlen,

es trat Teuerung, Kornmangel ein, und die Armen überliefen die

Ratsherren, bestürmten den Bürgermeister, auf daß dieser Hilfe schaffe.

Ludwig Alt hatte ein Herz für die Notleidenden, er gab willig aus

eigenen Mitteln, beriet sich mit den Mitgliedern des engeren Rates,

sprach wohl auch mit dem Stadtkastner, aber mit den geringen Mitteln aus

der Stadtkasse konnte der Kalamität in keiner Weise begegnet werden. So

mußte von selbst der Gedanke entstehen, den Landesherrn um Hilfe

anzugehen, Wolf Dietrich zu bitten, einzugreifen. In einer Ratssitzung

ward dieser Gedanke ausgesprochen und sogleich mit epischer Breite

debattiert, wobei an verschiedenen Maßnahmen des Fürsten bitterböse

Kritik geübt wurde. Sagte ein Ratsherr offen, daß die Verabreichung der

Ritterzehrung an fremde Landsknechte ein Frevel sei, indessen die

eigenen Unterthanen Not litten, ein anderer Senator beklagte mit

leidenschaftlich erregten Worten die schwere Schädigung des Handels

durch die rücksichtslos eingetriebenen Steuern und donnerte gegen den

Langmut der Salzburger, die sich vom verschwenderischen Landesherrn

völlig auspressen ließen. Vergeblich wehrte der Bürgermeister solchen

scharfen Worten durch die Glocke, die Redner ließen sich nicht beirren,

auch nicht, als Ludwig Alt durch Zwischenbemerkungen auf die Gefahr

aufmerksam machte, die entstände, wenn der Fürst von solchen bösen

Worten Kenntnis erlange. Bürger, die nicht stimmberechtigt in der

Landschaft waren, machten ihrem Unwillen Luft, daß der Ausschuß stets Ja

und Amen zu den unerträglichen Steuermandaten sage und sogar mehr

bewillige, als der Fürst gefordert, wie das bei der Türkensteuer der

Fall gewesen sei. Bei einem so überaus klugen, scharfsehenden Herrn

müsse die Überzeugung kommen, daß die Bürgerschaft noch mehr geschröpft

werden könne, und es werde nicht lange mehr dauern, so habe man eine

neue Bescherung auf dem Hals: die Landsknechtsteuer.

Schwitzend vor Angst rief der Bürgermeister dem Redner ein „Haltet ein!“

zu, doch unentwegt polterte dieser weiter und führte aus, daß es höchste

Zeit sei, dem Fürsten klar zu machen: Weiter gehe es nicht mehr! Wolle

der Erzbischof das Landsknechtgesindel nobel verpflegen, so solle er das

aus eigenem Säckel bestreiten.

Stundenlang währte die scharfe Debatte, bis sich die Redewut erschöpfte

und der Bürgermeister die Sitzung schließen konnte, die nach der

praktischen Seite hin nicht das geringste Ergebnis aufwies. Ludwig Alt

überlegte in seiner Amtsstube lange, was zu beginnen sei, um Wolf

Dietrich zum Eingreifen zu bewegen. Die Entsendung einer städtischen

Deputation erschien aus dem Grunde sehr bedenklich, weil der Fürst

möglicherweise von den abfälligen Reden Kenntnis haben oder aus

unvorsichtigen Bemerkungen mutmaßen könnte, daß scharfe Kritik im

Stadthause geübt worden sei. Ludwig Alt hatte seine eigene

Unvorsichtigkeit beim damaligen Bankett nicht vergessen und sich

hinterdrein selbst die bittersten Vorwürfe über die seinerzeitige

Schwatzhaftigkeit gemacht, wenngleich es an sich wahrscheinlich gewesen

war, daß der in Steuerangelegenheiten so überaus findige Landesherr auch

auf die Weinbelastung gekommen wäre. Nach den gefährlich scharfen Reden

einzelner Ratsherren dem Fürsten persönlich die Bitte um Hilfe aus

Landesmitteln zu unterbreiten, wagte der Bürgermeister nicht; zwei

seiner intimsten Vertrauten, die bei ihm in der Amtsstube saßen,

sprachen sich auf Befragen auch dahin aus, daß der schriftliche Weg

sicherer und weniger gefährlich sei. Und so ließ denn der Bürgermeister

eine Bittschrift in beweglichen Worten vom Syndikus säuberlich

schreiben, die dann mit den nötigen Unterschriften versehen und an den

Erzbischof in die Residenz geschickt wurde.

Große Erwartungen hegte der Bürgermeister nicht, so sehr er für die

Armen baldige Hilfe wünschte. Zum großen Erstaunen Ludwig Alts erschien

schon am nächsten Tage ein Beamter im fürstlichen Auftrage und

vermeldete dem Stadtoberhaupt, daß der Landesherr mit Betrübnis von der

Bittschrift Kenntnis genommen und Befehl erteilt habe, es solle an die

vom Bürgermeister zu bezeichnenden Armen Korn in hinreichender Menge aus

der stiftischen Kornkammer unentgeltlich verabreicht werden. Bestünde

sonst noch Bedarf in Kreisen, die einigermaßen über Geldmittel verfügen

können, so sollten diese Sippen Korn zu ermäßigtem Preise erhalten. Der

Beamte fügte dem bei: „Hochfürstliche Gnaden versehen sich bei diesem

Gnadenakte keinerlei Dankes, Hochdieselben wollen damit nur beweisen,

daß das Herz des Landesherrn allzeit schlage für die Unterthanen.“

Der Bürgermeister in maßloser Überraschung empfand das mißliche

Schlingen und Würgen im Hals, das ihm schon einigemal so überaus fatal

geworden ist und immer just dann, wenn Alt schnell und doch wohlgesetzt

sprechen sollte. Jetzt heißt es den tiefgefühlten Dank der Stadt in

passende Worte kleiden. Rede einer aber gut und schön in einer

Überraschung, die jeglichen Gedanken lähmt! Ludwig Alt ächzte, er

kämpfte um Worte und gegen Willen und Absicht kam es über die zuckenden

Lippen: „Die unterthänige Stadt dankt Seiner Hochfürstlichen Gnaden, sie

hätt' es nicht geglaubt....“

„Wie meint der Herr Bürgermeister?“ fragte erstaunt der Beamte.

„Ich hätt's nicht geglaubt!“

„Was?“

„Die Hilf' vom gnädigen Fürsten, nein, will sagen, ich glaub's

eigentlich nicht, sieht ihm nicht gleich....“

Die Augen des fürstlichen Beamten wurden immer größer.

„Mit Vergunst! Mir nimmt die freudige Überraschung die Gab' der Rede!

Auf die bösen Reden doch die Hilf', schier kann ich's nicht glauben....“

stammelte in höchster Verwirrung der Bürgermeister.

„Eurer Rede Sinn will mir nicht klar erscheinen, drum bitt' ich Euch,

deutlicher zu werden, auf daß Bericht ich kann erstatten dem gnädigsten

Herrn!“

„Das ging mir just noch ab! Nein, nein, verzeiht, vieledler Herr — den

schuldigen Dank will schriftlich ich erstatten, das geht leichter und

derweil legt sich alles. Ist's Euch genehm, wollen wir gleich vornehmen

die Verteilung! Nicht länger mehr sollen die Armen hungern! Dank, Dank

dem gnädigen Fürsten! Er hat halt doch das Herz am rechten Fleck und

Mitgefühl für die notleidende Menschheit!“

„Das haben Hochfürstliche Gnaden noch jederzeit erklecklich bekundet,

daher will befremden mich der Ton Eurer Rede!“

„Mit Vergunst, mit nichten! Achtet nicht auf Ton und Wort, mir ist die

Gab' der Rede nicht beschieden!“

Der fürstliche Hofbeamte schüttelte verwundert den Kopf und erklärte

sich bereit, die Kornkammer öffnen zu lassen.

Der Vereinfachung halber ließ der Bürgermeister ausschellen, daß binnen

einer Stunde die Armen der Stadt an der fürstlichen Kornkammer

erscheinen und die Kornspende des Landesherrn in Empfang nehmen sollten.

Das gab eine freudige Bewegung in der Stadt; mit Zeggern, Bütten,

Tonnen, was eben den Leuten in die Hände kam, ward ausgezogen, im

Sturmlauf ging's der Kornkammer zu, und ungestüm drängte die Menge,

wobei es Püffe regnete und wohl auch die Kornverteiler mit Ellbogen und

Fäusten der armen Leute Bekanntschaft machten.

Der Akt solcher Wohlthätigkeit brachte einen völligen Umschwung in der

Stimmung der Salzburger hervor, er zeitigte innige Dankbarkeit, der nur

die besser situierten Kreise, die Kaufherrensippe und Gilden kühl

gegenüber blieben. Wolf Dietrich ward als guter Landesvater gepriesen

von den Armen.

Ludwig Alt konnte es nun wagen, persönlich in der Residenz zur

Dankeserstattung erscheinen. Er meldete sich zur Audienz und wurde

gleich vorgelassen.

Mit gewinnender Liebenswürdigkeit, huldvoll und leutselig ging Wolf

Dietrich dem Bürgermeister einige Schritte im hohen Empfangssaale

entgegen und begrüßte ihn mit herzlichen Worten.

Wieder empfand Ludwig Alt das fatale Würgen im Halse, doch energisch

raffte der Stadtvater sich auf und sprach langsam, doch deutlich und

ohne Stottern: „Hochfürstliche Gnaden! Ich komme schuldbeladen, nein,

ich komme nicht...!“

„Wie meint der Bürgermeister?“

„Meinen thät' ich's schon recht, aber recht sagen kann ich's nicht!

Mein Gott, der Unterschied ist halt zu groß: Da der gnädigste Herr und

Fürst, der hochwürdigste Erzbischof und ich, der einfache Bürger und

Stadtvater, der nix zu sagen hat als den unterthänigsten Dank der Armen

für die gnädige Hilf' mit Korn in dieser Zeit der Not und Bedrängnis!“

„Recht so, mein lieber Bürgermeister! Es ist ganz gut, so er des

Unterschiedes sich bewußt bleibet und den Sippenstolz zu Hause lasset.

Den Dank der Armen begehr' ich nicht; es ist mir ein Bedürfnis, in

solcher Not zu helfen nach Kräften. Ich danke Ihm für seine Meldung, in

der Vertrauen ich erblicke zum Landesherrn. Wo Vertrauen, findet sich

der richtige Weg, das Volk soll immer Vertrauen zu seinem Fürsten haben.

Zur rechten Zeit solche Meldung über Vorgänge lob' ich; nur will ich

nicht überlaufen werden!“

„Ganz richtig! Dräng' dich nicht an deinen Fürst', so du nicht gerufen

wirst!“ plapperte Alt heraus.

Im Feuerauge Wolf Dietrichs blitzte es zornig auf und unmutig sprach der

Fürst: „Laß Er solch' Gerede! Dafür sage Er mir, wer ist nach seiner

Meinung schuld an bemeldter Teuerung?“

„Allweil der Mißwachs, dann halt die Kornwucherer und zuletzt die

Bäcker, die immer höher hinauffahren mit den Preisen!“

„Für den Mißwachs können wir alle miteinander nichts. Den Kornwucher

hoff' ich noch zu stürzen. Wer billig kaufen will, soll Korn von mir

erhalten, solang der Vorrat reicht. Die Bäcker aber werd' ich Mores

lehren.“

„Hochfürstliche Gnaden! Das könnt' nicht schaden, wird aber die Bäcker

rebellisch machen!“

„Rebellen mehr und minder seid Ihr alle, so Euch was nicht in den

Alltagskram passet. Ich werde nachforschen lassen nach der letzten

Verkaufsordnung für die Bäcker, und darnach Entschließung erlassen.“

Im Bürgermeister dämmerte eine Ahnung auf, daß eine solche Maßregel das

Übel nur verschlimmern müsse, weil ganz unzeitgemäß. Ludwig Alt fand

plötzlich die Gewalt über Gedankengang und Sprache wieder und setzte dem

Gebieter klar auseinander, daß Wiederaufrichtung einer veralteten

Ordnung nicht nur bei den Bäckern, sondern auch im Volke selbst Unwillen

hervorrufen müsse. Es liege im Zug der Zeit, daß alle Lebensmittel

teurer werden, es lasse sich daher ein Preis aus früherer Zeit nicht

erzwingen ohne Gewichtsverringerung.

„Ich werde solche Verringerung bestrafen!“

„Dann wandern uns auch noch die Bäcker aus!“

Wolf Dietrich horchte auf; das Wort der Auswanderung machte ihn nach den

letzten Erfahrungen stutzig, erregte stets seinen Unwillen. „Genug

davon! Ihr werdet das weitere noch vernehmen! Vermeldet meinen Gruß den

Unterthanen!“

Damit war der Bürgermeister entlassen.

Bald darauf fand im Arbeitskabinett eine Beratung statt, zu welcher

einige Hofräte und der in Steuerangelegenheiten maßgebende Dr. Lueger

befohlen waren. Zu Graf Lamberg war gleichfalls geschickt worden, doch

der Kapitular weilte auswärts.

Folgenschwer gestaltete sich diese Beratung in ihren Ergebnissen, da

niemand der Herren es wagte, dem hitzigen Fürsten zu widersprechen. Wolf

Dietrich dekretierte den zehnten Pfennig von aller liegenden und

fahrenden Habe für jene Salzburger, die ihre Heimat verlassen, ferner

ward auf Grund eines Referates der Brotverkauf nach der alten Ordnung

vom Jahre 1480 befohlen. Besonders verhängnisvoll ward der Vortrag Dr.

Luegers über die abermalige schlechte Finanzlage und die hohen Kosten,

welche die Ritterzehrung verursache.

Wolf Dietrich hatte solchem Referat aufmerksam zugehört und blieb eine

Weile schweigend im Stuhle sitzen. Dann verkündete er den Räten, daß

eine Landsknechtsteuer eingehoben werden solle, und zwar von je hundert

Gulden vierundzwanzig Kreuzer.

Fr. Lueger wagte einzuwenden, daß in dieser Zeit der Teuerung die

Einhebung auf Schwierigkeiten stoßen werde; über die Ungeheuerlichkeit,

neben der Türkensteuer, welche von je hundert Gulden jährlich sechs

Schillinge nimmt, und all' den neueingeführten Steuern der letzten zwei

Jahre auch noch eine Landsknechtsteuer zu erheben, sprach sich der

Finanzgewaltige im Rate nicht aus.

Wolf Dietrich erwiderte, gereizt schon durch den leisen Einwand, scharf:

„Die Einhebung ist seine Sache! Kommt Er nicht durch, so mache Er's auf

Augsburger Art. Jeder Unterthan hat unter leiblichem Eide genau sein

Vermögen anzugeben. Wer lügt, soll die ganze Schwere der Strafe

empfinden, so da sein soll: confiscatio in toto!“

Dr. Lueger guckte überrascht, verbeugte sich und murmelte: „Euer

Hochfürstliche Gnaden Befehl soll pünktlich befolget werden!“

Nach Schluß dieser Sitzung in der Residenz und auf dem Weg zur Kanzlei

war es dem Steuerrat Lueger doch nicht so recht wohl, er empfand ein

dumpfes Gefühl, daß die Augsburger Art einer Steuereinhebung im

salzburgischen Lande kaum sich glatt durchführen lassen werde. Lueger

wußte wohl durch Mitteilungen eines Amtsbruders in Innsbruck, daß diese

Art nach Augsburger Muster auch für Tirol geplant sei, ebenso gut wußte

er aber auch, wie schlimm es mit der Steuerkraft im Salzburgischen

bestellt ist. Hinterdrein machte sich der Finanzgewaltige doch Vorwürfe,

den Fürsten nicht auf die thatsächlich bestehende Schwächung der

Steuerkraft aufmerksam gemacht zu haben. Und eine Ahnung sagte Lueger,

daß zum mindesten mit der Ausführung des fürstlichen Befehles etwas

gewartet werden müsse. Immerhin konzipierte er den Befehl und legte das

gefährliche Aktenstück zur Seite, hoffend auf eine Rücksprache mit dem

einflußreichen Grafen Lamberg, dem vielleicht es doch gelingen könnte,

eine Sinnesänderung beim Fürsten herbeizuführen.

Allein schon die nächsten Tage brachten andere Verhältnisse. Der

fürstliche Kastner mußte erklären, daß die Neuforderungen für

Verpflegung der Landsknechte wegen Geldmangel nicht mehr befriedigt

werden könnten, ja daß der Fürst ihn habe wissen lassen, es müsse

Geld in größerer Menge bereit gehalten werden für würdigen Empfang

einiger zu Besuch angesagten Herren, und außerdem sei des Fürsten

Almosenschatulle[9], beinahe leer.

Da hatte Dr. Lueger nun die Bescherung. Nichts als Anforderungen an die

Hofkammer, Zahlbefehle in Massen, dazu kein Geld in den Kassen,

Steuerrestanten überall, die Steuerkraft geschwächt, und eine neue

Steuer in Sicht, vor deren Ausschreibung dem Finanzmanne allein schon

graut. Viel Zeit zum sinnieren blieb ihm nicht, denn schon am nächsten

Tage ließ der Fürst wissen, daß seine Armen ihr Almosen unter allen

Umständen bekommen müßten, also Dr. Lueger Geld beschaffen müsse. Das

„Wie“ sei seine Sache. Gewisse Reserven hat nun wohl jeder

Finanzkünstler, Dr. Lueger hatte sie auch und schickte eine Summe Geldes

an den Hofkastner. Zugleich aber und ohne auf Graf Lambergs Rückkehr zu

warten, ward das Mandat fertig gestellt und die Unterschrift des Fürsten

eingeholt.

Das neue Steuermandat trat in Kraft und wirkte bei der Bevölkerung in

höchst aufregender Weise. Zuerst waren es die Städter, die

remonstrierten, den Eid zur Vermögensangabe nicht leisten wollten. Die

Kommission machte aber nicht viel Federlesens und erzwang den Eid.

Als Dr. Lueger die schriftlichen Vermögensangaben vorliegen hatte, fand

er schon bei flüchtiger Durchsicht, daß die ihm nach Geschäft und

Vermögen einigermaßen bekannten Leute ihren Besitz viel zu gering, also

fälschlich angegeben hatten. Wenn solche Fälschungen in der

Residenzstadt schon vorkommen, wie muß es da erst im Lande draußen

werden!

Dr. Lueger nahm sich seinen Kollegen Riz zum Assistenten und beide

gingen nun gemäß dem fürstlichen Befehl mit aller Strenge an die

Durchführung des neuen Mandates, und zwar bei hoch und nieder.

Bei einigen Salzburgern wurde schlankweg die Einziehung des Vermögens

als Strafe für die verübte Falschmeldung verhängt und weggenommen, was

an Bargeld vorgefunden ward. Um Lärm und Protest kümmerte sich die

Kommission nicht weiter, die Leute sollen nur schimpfen, ihr Geld

wanderte in die fürstlichen Kassen, das war zunächst die Hauptsache.

Lueger befand sich im schönsten Fahrwasser und griff auch alsbald in die

Rechte des Adels ein, indem er zu inventarisieren begann. Eines der

wenigen Rechte, welche Erzbischof Johann Jakob dem Adel noch übrig

gelassen hatte, bestand darin, daß die Adeligen allein die

Verlaßenschaft ihrer Grundholden zu inventarisieren und darüber zu

verfügen hatten. Lueger und Riz nahm aber auch dieses Recht im Namen des

Fürsten hinweg, was natürlich den Adel erbittern mußte. Die Hofkammer

schickte dann die schärfsten Befehle zu Inventarisierungen ins Land

hinaus, besonders an die Pfleger des Pinzgaues, welcher Landesteil im

Steuerzahlen immer etwas säumig und in Bezug auf Religion mehr auf der

lutherischen Seite war.

Der erste eingelaufene Bericht ließ erkennen, daß Fälschungen in den

Vermögensangaben in größerem Umfange vorgekommen sein mußten, der

Pfleger hatte dazugeschrieben, daß man amtlicherseits mit den Bergbauern

nicht mehr auszukommen wisse und die Hofkammer gut thun würde, wenn sie

die Inventarisierungen selbst vornehme. Sofort erstattete Lueger

hierüber Meldung beim Fürsten und sprach den Verdacht aus, daß die

Pfleger wohl nicht ohne Mitschuld an den Fälschungen sein dürften. Das

heiße Blut Wolf Dietrichs wallte auf, sein zorniger Befehl lautete auf

Untersuchung, Lueger und Riz wurden beauftragt in den Pinzgau zu reisen

und mit rücksichtsloser Schärfe gegen die Betrüger vorzugehen.

Dieser Befehl deckte die Kommissare und nahm von ihnen die

Verantwortung, Lueger und Riz können schalten und walten nach Gutdünken,

die Schuld fällt auf den Gebieter, falls die Kommissionsreise übel

ausgeht, die Bauern rebellieren sollten.

* * * * *

Dem alten Schlosse Kaprun, das den Ausgang des herbschönen Kapruner

Tauernthales beherrscht und einen entzückenden Blick auf die Fluren und

Berge Pinzgaus bietet, so ritt der greise Pfleger Kaspar Vogel von Zell

auf einem derbknochigen Pinzgauer Rosse langsam, nachdenklich, wie

betrübt. Der seit reichlich dreißig Jahren den salzburgischen

Landesfürsten und Erzbischöfen dienende Beamte genoß bei der Bevölkerung

der Bergwelt des Pinzgaues großes Vertrauen, und auch zu Salzburg wußten

höhere fürstliche Beamte den pflichttreuen Pfleger zu schätzen. Bei Hof

kannte man den greisen Kaspar Vogel allerdings nicht, denn der Zeller

Pfleger kam oft jahrelang nicht in die Bischofstadt, und wenn er je in

dringlichen Amtsgeschäften nach Salzburg mußte, so ward der Dienst immer

schnell erledigt und sogleich die Heimreise angetreten. Der würdige

Greis fühlte sich in Salzburgs engen Gassen und Mauern nicht wohl, er

war zu sehr an die Bergwelt gewöhnt und nahm willig alle Entbehrungen

hin, die ein ständiger Aufenthalt im Pinzgau mit sich bringt. Weib und

Kinder hätten wohl manchmal Luft verspürt, all' die märchenhaft

gepriesenen Hoffeste zu Salzburg zu sehen, doch der alte Pfleger litt

dergleichen Ausflüge nicht und erklärte, daß ein Humpen guten Weines

viel schöner und zuträglicher sei, als salzburgisches Possenspiel. Ohne

ein veritabler Trinker zu sein, hielt Vogel viel auf ein vollgeaicht

Viertel Weines, nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Mancher Ritt in

Amtsangelegenheiten tief hinein in unwirtliche Thäler zu Einödbauern

brachte ohnehin Abbruch am gewohnten Weingenuß, und solche Entbehrung

that dem alten Pfleger weher denn etwa die körperlichen Strapazen.

Warm schien die Sonne an diesem Junitage herab, als Kaspar Vogel auf

seinem Braunen ins Kapruner Thal einbog. Der erste Blick galt dem alten

Gemäuer der Burg, dann aber sah der Pfleger aufmerksam zum Dorfe Kaprun

hinüber, und beim Anblick einer größeren Menge von Bergbauern flüsterte

Vogel: „Dacht' ich's doch! Also auch die Kapruner stehen auf wie die

Mittersiller! Es wird ein Kreuz werden mit dieser Steuer!“

Entschlossen wohl wie immer die Pflicht zu erfüllen, ritt der greise

Pfleger nun in lebhafterer Gangart dem Schlosse zu, wo Amtstag

abgehalten werden sollte. Sein Erscheinen mußte bemerkt worden sein,

denn die Bauern begannen zu laufen, der Haufen Leute bewegte sich

schreiend dem Schlosse zu, das die Bauern gleichzeitig mit dem Reiter

erreichten.

Vogel rief den ungeduldigen Bauern zu: „Nur Zeit lassen, Männer! Alles

hat seine Zeit! Laßt mich nur mein Roß versorgen, und mir gönnt einen

Schluck vorher!“

Ein stämmiger älterer Gebirgler, Namens Rieder, trat vor, nahm den Hut

ab und erwiderte: „Mit Vergunst, Pfleger, wohl wohl! Aber Eil' thut

not!“

„Wirst es wohl erwarten können, Rieder!“ gab Vogel zur Antwort und stieg

flinker, als man es dem alten Manne zutrauen mochte, vom Pferde. Ein

Knecht vom Schlosse kam hinzu und führte den Braunen in den Stall.

Die Bauern wagten in Gegenwart des Pflegers nicht zu lärmen, aber ihre

Ungeduld und Erregung gab sich in einem Murmeln kund, das Vogel ganz

richtig in Verbindung mit den aufregenden Nachrichten von dem scharfen

Vorgehen der fürstlichen Steuerkommission im Lande brachte. Die in ihrer

ganzen Existenz schwer bedrohten, aufgerüttelte Leute in Angst und

schwerer Sorge nun hinzuhalten, brachte der joviale alte Beamte nicht

über das Herz, lieber verzichtet er auf den stärkenden Trunk und nimmt

das Anliegen der Bauern vor. Zu dem Rädelsführer gewendet, sprach der

Pfleger: „Nun, Rieder, red'! Ich will Euch gleich hier im Burghof

hören!“

Die Bauern umringten den Beamten wie ihren Sprecher, Kopf an Kopf

standen sie dicht im Kreise. Rieder begann sogleich: „Mit Verlaub! Es

ist ein Teufel wie der ander, der Riz wie der Lueger, bei uns herinnen

ist's der Riz, der die Bauern schindet und alles aufhocht (d.h. die

Abgaben erhöht). So viel wert ist kein Gehöft und kein Grund, wir müssen

verderben dabei, selle neu eingeschatzte Steuer können wir nicht

erschwingen!“

„So ist es!“ riefen die erregten Bauern.

Und Rieder sprach in großer Beweglichkeit weiter: „Wir müssen

supplizieren! Wir begehren einen Brief (eine Verbriefung der alten

Rechte) ehnder (bevor) der Riz kommt und der Pfleger muß nun helfen,

sonst ist's g'fehlt!“

Tiefernst blickte Vogel, der die Gefahr der Bewegung im Bergvolk genau

erkannte, und langsam sprach er: „Wegen dem Supplizieren kann ich Euch

nichts sagen. Schon zu Zell sind die Bürgermeister von den Landgemeinden

bei mir gewesen und haben gleichfalls um Verbriefung gebeten. Das ist ja

ganz in der Ordnung: Wer ein Anliegen hat, soll mit dem Pfleger reden.

Ich kann aber, es thut mir selber leid, nichts in der Sache thun.“

Rieder unterbrach den Beamten: „Dann ist's g'fehlt! Wir supplizieren zum

Fürsten!“

Vogel erwiderte in seiner bedächtigen Art: „Übereilt nichts! Der Herr

Riz wird demnächst schon wegen der Urbarsbeschreibung gegen Mittersill,

und wenn er daselbst gerichtet, alsdann in das Gericht Zell kommen.

Vielleicht wird es doch nicht so schlimm, als Ihr befürchtet!“

Erregt schrie Rieder: „Wer da noch hofft, verliert die eigene Haut!

Kommt der Riz und fängt er zu richten an, ist's g'fehlt und wir sind

verloren! Soweit dürfen wir's nicht kommen lassen! Manner, ich hoff', es

kommt was drunter, ich hoff', seller Steuerteufel findet den Weg nicht

in unser Gericht!“

Besorgt, erschreckt rief der Pfleger: „Leut', seid gescheit! Die Sach'

ist gefährlich, sie kann Euch noch mehr als Hab' und Gut kosten!

Gerichtet wird überall auf neue Weis', es wird bei uns, im Zeller

Gericht keine Ausnahm' gemacht werden können!“

„Ein schlechter Trost! Hilft uns der Pfleger nicht, so helfen wir uns

selber! Den Teufel lassen wir gleich gar nicht herein, und mit uns

supplizieren noch mehrere Gerichte! Sell' wird der Erzbischof schon dann

merken!“

Nochmals mahnte Vogel: „Nehmt Vernunft an, Leute! Ich rat' Euch nicht

dazu, Ihr werdet schlechten Bescheid bekommen! Wie die Sachen liegen,

wird die Supplikation für Rebellion angesehen, Ihr für rebellisch

gehalten werden!“

„Sell' sollen sie halten, wie sie wollen! Wir vom Volk haben ein Recht,

den Landesherrn um Genade zu bitten, und selles Recht darf uns der

Steuerteufel nicht verkümmern!“

In seiner Sorge rief Vogel, ohne viel zu überlegen: „So reicht das

Gesuch ein, aber in aller Demut! Der Fürst verträgt kein ander Wort!“

Die Bauern drangen nun in den Pfleger, auf daß er ihnen ein solches

Gesuch aufsetze, und Rieder versicherte auf das bestimmteste, daß noch

andere Gerichte sich zum Anschluß an die Zeller Bittschrift bereit

erklärt hätten.

Der Pfleger verlor die Ruhe, ihm schwante Unheil, da er die Auffassung

der Hofkammer wie der Steuerkommission aus dem schriftlichen Verkehr

sehr wohl kannte und wußte, wie schlimm die kleinste Weigerung, der

leiseste Versuch einer Renitenz schon kriminell beahndet zu werden

pflegte. In seiner Bestürzung rief Vogel den rabiaten Bauern zu: „Ich

will Euch wohl helfen, Ihr dürft aber nichts sagen, daß ich euch zur

demütigen Supplikation geraten!“

Aus der Menge gröhlte ein besonders Unzufriedener: „Selle Demut nutzt

uns nixen und die Supplikatur auch nixen! Hauen wir selle Kommission

durchs Landl außi, sie vergißt aftn (hernach) schon das Wiederkommen!“

Dieser Meinung schienen noch mehr Bauern zu sein, die den Hetzer lebhaft

akklamierten und brüllten: „Z'ammhauen, totschlagen die Bauernschinder!“

Vergeblich suchte der Pfleger mit seiner Stimme im Gewirr durchzudringen

und zu beruhigen. Die Mehrzahl tobte und zeterte, ja es fielen Worte,

die sogar den alten, ehrlichen Beamten verdächtigten der Mitschuld an

der Bauernvernichtung und des Einverständnisses mit der

Steuerkommission.

Rieder forderte Ruhe, und den Moment eintretender Stille benützte

Pfleger Vogel, um mit tiefbewegter Stimme zu rufen: „Habt Ihr das

Vertrauen zum alten Pfleger verloren, der Euren Vätern schon Freund und

Helfer gewesen, gut, schlagt mich nur gleich nieder! Der trete vor und

steh' Aug' in Aug' zu mir, der mich unehrlich nennen kann! Als Pfleger

muß ich Ordnung schaffen und halten, der Fürst und Erzbischof ist mein

Herr, seiner Regierung Befehle muß ich, der Pfleger, vollziehen. Bis zu

dieser Stund' bin ich dabei doch der Freund und Helfer der Bauern

gewesen! So weh mir ist, der Kommission kann und darf ich mich nicht

widersetzen, und die Bauern auch nicht! Der Fürst hat befohlen, er ist

unser Herr!“

Rieder schrie dazwischen: „Der kann auch zum Teufel gejagt werden! Ein

geldgieriger Verschwender ist er, der Wölfen Dieter! Derweil er mit

Weibern das Geld verjubelt, müssen wir verhungern!“

„Schlagt ihn tot! Nieder mit der ganzen Bande!“ gröhlten die Rabiaten.

In tiefster Betrübnis ließ Vogel das weißhaarige Haupt sinken; steht es

so weit, dann ist an offener Rebellion nicht mehr zu zweifeln. Wehe dem

Volk, wenn die Kommission von solcher Stimmung und dem Hasse Kenntnis

erhält.

Die wilderregten Bauern begannen abzuziehen, gröhlend schritten sie

durch den Burghof den Weg zum Dorf hinab. Nur Rieder blieb noch einen

Augenblick beim Pfleger stehen und fragte, wenn er die Schrift haben

könne.

Wehmütig sprach Vogel: „Das nützt nun alles nichts mehr! Der Stein ist

im Rollen, das Unglück nimmt seinen Lauf!“

„So steht Ihr um in der Stunde der größten Gefahr? Das sollt Ihr büßen,

Pfleger! Gehen wir zu Grund, Ihr müßt mit! Aber erst sollen die Teufeln

Pinzgauer Fäuste kennen lernen!“

Und weg schritt Rieder, der sonst besonnene Mann, schimpfend und

fluchend.

Ächzend vor Weh und Sorge trat Vogel ins Schloß und nahm in dem Gemach,

das er auf Dienstreisen stets bewohnte, Aufenthalt.

Lange sann der Pfleger nach, was in dieser schlimmen, gefährlichen Zeit

zu thun sei. Daß der am Leben schwer bedrohten Kommission eine Warnung

vor dem Betreten des Zeller Gerichtes zugemittelt werden müsse,

erachtete Vogel als notwendig, doch ist auch solche Warnung gefährlich,

weil möglicherweise die Kommissionsherren sie falsch auffassen könnten,

gewissermaßen als Mittel zur Abschreckung, andernteils aber ein Bote von

den Rebellen aufgefangen werden könnte, was dem Pfleger wie dem Boten

das Leben kosten kann.

Je mehr der treue Beamte nachdachte, desto mehr reifte der Entschluß,

das Wagnis selbst zu vollbringen, zur Kommission, die mutmaßlich in

Tagesrittnähe sein dürfte, zu eilen und den Rat Riz zu warnen. Vogel

nahm schnell einen Schluck Weines und ließ den Braunen satteln. Von

einer Amtshandlung nach altem Brauch kann keine Rede mehr sein, die

Bauern hören ja nicht mehr auf die Behörde, jegliche Autorität ist

vernichtet, die Rebellion herrscht im Pinzgau.

In der Meinung, die Herren der schwer bedrohten Kommission in Mittersill

zu treffen, ritt Vogel am Abend das Salzachthal aufwärts und erreichte

diesen Ort zur Nachtzeit. Die gesuchten Herren waren nicht in

Mittersill. Am scheuen, mißtrauischen Verhalten konnte der greise Beamte

erkennen, daß der Geist des Aufruhrs auch hier schon um sich gegriffen

hat.

Vogel übernachtete im Schloß zu Mittersill und ritt am nächsten

Vormittag wieder nach Kaprun, in dessen Burg er zu seiner größten

Überraschung fürstliche Landsknechte unter dem Befehl eines Leutnants

Kaiser vorfand.

Kaum aus dem Sattel gestiegen, kündigte der herbeigeholte Offizier dem

Pfleger die Verhaftung an, und Vogel ward im altgewohnten Gemach

gefangen gesetzt. Aus dem Munde des Offiziers erhielt Vogel die

Mitteilung, daß die Kommission vom Aufruhr der Pinzgauer Bauern

rechtzeitig Kenntnis bekommen und Hilfe vom Fürsten verlangt habe. An

150 Mann Landsknechte und bewehrte Bürger seien unter Führung des

Obersten Walter zu Waltersweil in Eilmärschen über Werfen in den Pinzgau

gerückt. Der Leutnant habe in Bruck den Befehl zur Sistierung des Zeller

Pflegers erhalten und unterwegs von dessen Aufenthalt im Schloß Kaprun

erfahren. Weitere Auskunft wußte der Offizier nicht zu geben, auch nicht

zu sagen, weshalb die Verhaftung erfolgt sei und wie lange die Haft

dauern werde.

Sorge wegen seines Schicksals empfand der Pfleger nicht, aber der

Gedanke an die Bauern und ihr Geschick unter den Händen der Soldateska

erfüllte ihn mit Angst.

In Zell am See, dem stillen Ort, sollte sich das Drama der

Bauernrebellion und des Einschreitens bewaffneter Macht abspielen.

Obrist Waltersweil hatte vom erbitterten Fürsten den Befehl zur

rücksichtslosen Niederwerfung der Rebellion empfangen, und der

Soldatenführer ging dementsprechend vor. Trabanten und Landsknechte

begannen eine Menschenjagd und fingen die flüchtigen Bauern gleich

Hunden ein. Ein Befehl des Obristen zitierte die gesamte männliche

Bevölkerung auf den Marktplatz vor dem Pfleggericht in Zell, wohin alle

Männer, so sie nicht freiwillig erschienen, zwangsweise geschleppt und

von der Soldateska dicht umringt wurden. Ein Entweichen machte der Wald

von Spießen im Kreise zur Unmöglichkeit. Der Obrist zu Roß hielt an die

eingefangene Rebellenmenge eine grimmige Anrede, hielt den Bauern ihr

schändlich Verhalten vor und kündigte schwere Strafe an Leib und Leben

an, so die Leute nicht allsogleich dem gnädigen Fürsten Treu und Glauben

schwören und unterm Eid geloben, fortan ihres unbefugten Vorhabens

abzustehen, gehorsam die auferlegten Steuern zu bezahlen und jegliche

Wehr und Waffen abzuliefern, wasmaßen schon der Besitz von Waffen mit

fünfzig Gulden pro Kopf gepönt werde. Wer im Geheimb offenbare, daß ein

anderer ein Wehr und Waffe verhalte, dem solle eine Belohnung von

achtzig Gulden versprochen sein.

In der Angst vor der Hinrichtung durch das Schwert leistete Mann für

Mann der gefangenen Bauern den verlangten Eid, die neue Huldigung

erfolgte unter solchem militärischen Zwang, worauf der Obrist befahl,

die Bauernkerle und unverbesserlichen Rebellen mit Stricken zu binden

und nach Salzburg zur Aburteilung zu treiben.

Schreie der Angst, der Wut ertönten; Weiber, Mütter und Töchter

zeterten. Rücksichtslos trieben die Spießknechte das Volk von dannen.

Die Bauern wurden gefesselt und truppweise, ohne Verpflegung, auf der

Straße über Werfen, Hallein nach Salzburg transportiert.

Wer von Salzburgs Bevölkerung diese kriegsmäßige Exkursion mitgemacht,

hatte pro Mann drei Gulden bar und ganze Verpflegung bekommen. Die

Waffen mußten nach erfolgter Heimkehr wieder an das fürstliche Zeughaus

abgeliefert werden.

Die Rebellen wurden in der Veste interniert und alsdann prozessiert. Der

größte Teil wurde wieder entlassen, nur sieben der Rädelsführer blieben

für lange Zeit im Gefängnis, drei der obersten Rebellen fanden den Tod

durch das Schwert.

Nach Kaprun war der Befehl ergangen, es solle der Pfleger Vogel sich auf

Ehrenwort in Salzburg zur Vernehmung stellen. Demgemäß ließ der Leutnant

seinen Häftling frei, der sogleich gehorsam in die Hauptstadt sich begab

und beim Vizekanzler meldete. Nach drei Tagen erfolgte die zwangsweise

Überführung Vogels durch den Profoßen und zwei Schützen in die Festung

Hohensalzburg.

Die weiteren Erlebnisse des Pflegers Vogel schildert dieser selbst in

einem teilweise erhalten gebliebenen Tagebuche[10] folgendermaßen:

„Mittwoch, Donnerstag und Freitag, 28. 29. 30. Juni, auch Samstag 1.

Juli ist besonderes nichts vorgekommen.

Am Sonntag nach Petri und Pauli den 2. Juli sind die ins Gebürg

Verordnete sammt den Gefangenen zu Morgens um 9 Uhr auf dem Schlosse

ankommen.

Am Donnerstag den 13. Juli bin ich und die andern Gefangenen examinirt

worden und ich bin des Abends da ich vorher 16 Tage im Caplan-Zimmer

zu brachte, das bei Tag nicht versperrt gewesen, ins Hausperger-Zimmer

geschafft worden. Gott schicke es bald zur Erledigung.

Ist an dato 16. Juli der 25. Tag, daß ich von zu hause fort bin,

darunter im Schlosse gefangen 19 Tage, habe außer des letzten alle

Tage 1 Viertel Wein gehabt, thuet 18 Viertel. Montag 17. Juli leider 1

Viertel, 18. detto mehr 1 Viertel, 19. keinen Wein, 20. 1 Maß Wein,

21. 1 Halbe, 22. Juli 1 Maß Wein, 23. detto 1 Maß Wein, ist die

Flaschen nicht viel mehr als halbvoll Wein gewest. Donnerstag 27. Juli

1 Maß Wein, diesen Tag ist auf Befehl Ihrer hochfürstl. Gnaden durch

die Herren Commissarii mir anzeigt worden, daß Ihr hochfürstl. Gnaden

genügsamen Bericht habe, daß ich nicht allein der Unterthanen

Vorhaben durch den Guthundt erinnert worden, sondern den Unterthanen

zum Suppliciren selbst gerathen: Sie müßten nur mehr Gerichte an sich

ziehen, sonst würde es kein Ansehen haben. Ihre hochfürstl. Gnaden

hätten Ursach auf voriges Verläugnen der Schärfe nach zu verfahren.

Und dann Gott behüthe einen jeden frommen Menschen. Se. Gnaden wollen

aber meines Alters verschonen, solle demnach, wie es sich Alles

verloffen und was mir dieser Sachen halber bewußt sei, selbst

beschreiben und die Wahrheit anzeigen, solches den Herrn Commissären

zustellen, sei die Gnade noch unverschlossen, wo nicht, so wollen mich

Ihr hochfürstl. Gnaden mein Leben lang auf dem Schloß sitzen lassen

und meinen Kindern Gerhaben[11] verordnen. Ich solle gegen die

Unterthanen vermeldet haben, sie sollen nicht sagen, daß ich Ihnen

gerathen, da ich nichts gestehen würde. Also ist Ihrer hochfürstl.

Gnaden Bericht.

Freitag den 28. Juli keinen Wein. Samstag 29. Juli 1 Maß Wein, Sonntag

30. detto 1 Viertel Wein, bisher gefangen 33 Tage. Gott schicke es zum

Ende.

Mittwoch 9. August l Maß. An diesem Tage den Herrn Commissarien meine

Schrift überschickt. Ist diese Nacht, da ich doch zuvor das Wenigste

nichts gehört, in meinem Zimmer ungestüm gewesen, hat einen

ungewöhnlichen Fall bei meinem Bett gethan, Gott verleihe mir Gnade.

Am Donnerstag ist St. Lorenztag den 10. August 1 Viertel.

Freitag 1 Maß. An diesem Tag haben mir die Herren Commissarii aus Ihr

hochfürstl. Gnaden Zimmer Bethschnüre[12] heruntergeschickt, welche

ich Ihnen den 12. dieses wieder zurückstellen lassen.

Freitag 18. dieses 1 Maß, fast betrübt. Mein Pathe, der Jacob Riedl

schickt mir 2 Viertel Wein. Sonntag den 20. dieses keinen Wein.

Montag 21. dieses keinen Wein, ist die Schwalbe, so hinvor zwei Sitz

im Zimmer gehabt, ausblieben.

Freitag 1 Maß Muskateller und gute Vertröstung baldiger Erledigung.

Gott schicke es, daß mit Glück erfolge.

Sonntag den 27. dieses 1 Viertel, ist meine Schwalbe wieder

ausgeblieben.

Donnerstag 31. August bin ich abermals examinirt worden.

Kann mich nicht erinnern, daß ich die Unterthanen zum Suppliciren

angewiesen und angelernt, wie sie es sollen angreifen oder wegen

meiner Urbargüter gethan haben sollen.

22 September 1 Maß Wein. Gott erbarme sich und wende meine Betrübniß.

Des Abends bin ich in den Thurm gelegt worden, O Herr Gott hilf mir

bald mit Glück wieder daraus.

(Es folgen Tag für Tag Notizen über erhaltenen Wein und Branntwein.)

Donnerstag 12. October 1 Maß Wein, Keuchen[13] ausgekehrt.

Montag 23., Dienstag den 24. October 1 Maß, diese beiden Tage bei der

Strenge examinirt, habe bekannt, daß ich nicht allein der Unterthanen

Suppliciren längst zeitlich gewußt, dessen durch den Carl Rieder,

Guthundt und andere, die mir abgefallen, bericht worden, sondern Ihnen

darzu gerathen und daß sie andere Gericht, damit sie nicht für

Aufwiegler gehalten worden, an sich nehmen sollen. Mittwoch in einem

Krug Meth, als 1 Maß Wein. Mehr ein Maß Muskateller. Eodem die habe

ich meine gestrige Aussag gethan, so mir wieder vorgehalten worden,

unterschrieben.

Donnerstag den 26. dieses 1/2 Mäßl Branntwein, sonst keinen Wein.

Freitag 1 Viertel Wein. Eodem die bin ich im Zimmer auf etliche, ich

hatte ohngefehr fünfundzwanzig, Artikel der angelegten Steuer und

Urbarsbeschreibung examinirt worden.

Sonntag 29. October 1/4 Wein, bin nun 38 1/2 Tage am Thurme gelegen

und diesen Tag hat man mich in ein Stübel im Pfaffenthurm gethan, Gott

verleihe bald glückselige Erledigung.

Celsissimus: Salzburger Roman · 第 13 / 27 题