VI.

Salzburgs Berge trugen blinkenden Neuschnee, weiß waren die Fluren in

weiter Thalung, der Frühwinter zog ins stiftische Land. Dämpften die

wirbelnden Flocken den Aufruhr in der Natur, legten sich die Stürme, es

ward auch ruhiger im Bürgerleben der Bischofsstadt, nachdem seitens der

Landschaftsmitglieder den Bürgern auseinandergesetzt worden, daß man nur

der Not gehorchte, indem die Zustimmung zu den Steuermandaten des

Fürsten erteilt wurde. Loderte mancher Hitzkopf in der Ratsstube der bei

Wein oder Bier in der Trinkstube auf und donnerte gegen die

Mißwirtschaft, so hielten verständigere Leute entgegen, daß die

Hauptsache sei, mit dem hochfahrenden Fürsten zunächst ein Auskommen zu

finden, ansonsten es weit schlimmer werden müßte. Was jetzt gefordert

werde, könne der Salzburger zahlen, eigentlich sogar ein Erkleckliches

mehr, man habe in der Landschaft gejammert genug und sich endlich

zufrieden gegeben. Dafür müsse aber Ruhe werden. Mählich wirkte solche

Beschwichtigung, und der reichliche Schneefall schläferte das Leben ein.

Besondere Ereignisse gab es nicht, selbst bei Hof ging es ruhig, ohne

Prunktafeln oder sonstiges Schaugepränge zu; Salzburg trug mit dem

Schnee auf den Dächern eine gewaltige Schlafmütze auf dem Kopf. Ein

stilles Schaffen in den Schreibstuben der Handelsherren wie auch in den

Kanzleien der Behörden; lauter ward es in den Arbeitsstätten der Wagner

und Schmiede, bei letzteren geht die Hufbeschlagsarbeit und

Wagenbereifung ja das ganze Jahr über nicht aus.

Der Winter ließ sich ehrlich an, wie es Brauch ist im Gebirg. Es

schneite etliche Tage ununterbrochen, dann setzte Frost ein, der die

Schneeschicht rasch erhärtete, so daß die Kärrner nach den Kufen griffen

und die Lasten auf Schlitten verfrachtet wurden.

Haar und Bart weißbereift zogen die Knechte neben den gleichfalls an

Kopf und Schwanz bereiften Pferden schneewatend die Straße vom Paß Lueg

über Hallein gen Salzburg und die Schlitten verursachten im harstigen

Schnee ein knisternd singendes, pfeifendes Geräusch. Vom Staufen her

wirft die zur Rüste gegangene Sonne leuchtende Strahlenbündel zum

Untersberg und hinein in den grauen Himmel. In der Richtung des

Gaisberges wogt nebliger rötlichblauer Dunst, der sich rasch über die

gurgelnde Salzach verbreitet, die Thalung bis zu den Felstürmchen der

Salinenstadt erfüllt. Die Kärrner wandern peitschenknallend durch die

Dämmerung und fluchen über die Verspätung, das langsame Vorwärtskommen

durch den tiefen Schnee. Der Hochthron des Untersberges erglüht im

letzten Sonnengold, ein purpurn Aufleuchten bis hinüber zum Göhl und den

vereisten Zinnen des Tennengebirges, dann steigt kalter Nebel aus der

Thalung auf, immer rascher sich hebend, bis erst ein feiner Dunst das

Firmament verschleiert, durch den die Sterne funkeln, bis sich der

Nebelschleier stark verdichtet.

Die Kärrner wußten wohl, warum sie ihre Rosse immer wieder antrieben und

die Fahrt beschleunigen wollten. Folgte ihnen doch auf Entfernung eines

Halbtages ein Trupp „Gartbrüder“[7], denen ein übler Ruf vorauslief. Der

Trupp, so hieß es, komme von der ungarischen Grenze und ziehe gen

Salzburg, weil auf Gebot des Erzbischofes in Kärnten den gartierenden

Knechten nichts verabreicht werden dürfte, ja weil ein Punkt der

Verordnung ausdrücklich besagte, daß ein Gartbruder in Widerlichkeit

totgeschlagen, der Thäter aber nicht zur Strafe gezogen werden dürfe.

Die Kärntner machten sich diese Erlaubnis gerne zu nutze und vertrieben

diese Landplage rasch, weshalb den mit vielem Gesindel vermischten

Gartbrüdern nichts anderes übrig blieb, als dem Urheber ihrer Verjagung

einen Besuch abzustatten und die „Ritterzehrung“ vom Erzbischof zu

erbitten. Mit solchem Gesindel im Rücken wird jeder Fuhrmann eilig, und

schneller, als man es bei Frachtfuhrwerken möglich halten sollte,

erreichten die Kärrner die schützende Stadtmauer von Salzburg, und ehe

noch völlig ausgeschirrt war, flog die Alarmkunde von dem Anrücken der

Gartbrüder durch die Stadt, überall Aufregung und Schrecken erzeugend.

Im Keutschachhofe, der fürstlichen Residenz, erfuhr man davon auch, und

den Thürstehern schien die Kunde wichtig genug, sie den Kämmerern zu

überbringen, auf daß der Landesherr verständigt werde.

Wolf Dietrich verbrachte aber den Winterabend in den wohlig erwärmten,

behaglichen Räumen Salomens, wo er nicht von Außendingen behelligt

werden will. Das Licht einer venetianischen Ampel bestrahlte mild das

reichgeschmückte Gemach und ließ Salomes Blondhaar in zauberhaftem

Goldton erscheinen. Bleich waren der Gesponsin Wangen, müde der Blick

der sonst so lebfrischen Augen; Salome schien kränklich, die frühere

Munterkeit, das schalkhafte Wesen, der sprühende Witz ist verflogen, die

nimmermüden Hände ruhen unthätig im Schoß, die Perlenarbeit ist

unvollendet geblieben.

Dem scharfen Auge Wolf Dietrichs blieb diese Veränderung nicht

verborgen, von Sorge erfüllt trat er näher und fragte in liebreichen,

milden Worten, ob er den Medikus senden dürfe.

Den lieblichen Blondkopf schüttelnd erwidere Salome: „Nein, mein

gnädiger Fürst und Herr! Ich danke Euch inniglich für sothane gnädige

Fürsorge. Doch der Medikus ist hiezu nicht nötig!“

Der Ton machte den jungen Gebieter stutzig und wieder besah er das holde

Frauenbild an seiner Seite. „Salome, was ist dir?“

Da neigte Salome das Köpfchen und flüsterte erglühend dem geliebten

Gebieter ein zart Geheimnis ins Ohr.

„Sonne meines Lebens, holdes, herrliches Weib! Wie soll ich dirs

danken!“ rief Wolf Dietrich beseligt, sank ins Knie und überdeckte

Salomes zusammengefaßte Hände mit heißen Küssen. „Welches Glück gewährt

mir mein süßes, holdes Weib!“ Ein Schatten flog über Salomes Antlitz,

geisterhafte Blässe machte die bleichen Wangen schier durchsichtig,

bebenden Tones sprach Salome: „Glück? Meinem gnädigen Herrn mag es frohe

Botschaft sein! Mir nagt die Sorge am Herzen!“

„Sorgen, du —?“ rief Wolf Dietrich und erhob sich. „Ich dachte, fern

gehalten sei des Lebens jegliche Alltagssorge von dir, und sicher

betreuet dein Walten an meiner Seite! Was zu erwarten bringt wohl

Sorgen, die gleich sind im Palazzo wie in der Armut Hütten! Königinnen

und Bettlerinnen teilen eins mit dem andern gleich die Bestimmung des

Weibes!“

„Nicht das, geliebter Herr und Fürst, erfüllt mein dankbar Frauenherz

mit banger Sorge — der Blick in der Zukunft Tage ist trüb, will sich

nicht klären —“

„Nicht vermag erfassen ich den Sinn der dunklen Worte!“

„Ein Wort von Euch, geliebter Herr, und Sonnenschein erleuchtet mir den

Weg bis zur schweren Stunde!“

Jetzt wußte Wolf Dietrich die Sehnsucht der Favoritin zu deuten, und nun

flog ein Schatten des Unmutes über sein Antlitz, und ein Zucken lief

durch seinen schmächtigen Körper. Hastig sprach der Fürst: „Verzeih',

Salome! Schon einmal mußt' um Geduld ich bitten dich und anjetzo

wiederhol' ich solche Bitte. Der Zeitenlauf stellt übel sich zu diesem

Plane! Restaurieren soll ich, den Priesterstand purifizieren. Ich kann

nicht in dieser Zeit ein verderblich Beispiel geben, das hundertfach

Nachahmung würde finden und mich bringen in Konflikt mit Rom.“

Salome brach in Thränen aus und schluchzte bitterlich.

„Gebeut der Zähren, mein holdes, süßes Weib! Mein fürstlich Wort, ich

geb' es dir wie einst, da wir den Lebensbund geschlossen, doch jetzund

vermag ich's nicht, die Zeit ist stärker als mein eigner Wille, und

stören würde die Legitimität die Pläne Roms....“

Salome blickte thränenerfüllten Auges fragend auf.

„Ja, Geliebte! Ich habe sichere Kunde, daß lohnen will Rom meine Dienste

mit dem roten Hut —“

„So wird Kardinal mein gnädiger Herr?“ fragte zitternd die Favoritin.

Wolf nickte. „Mein Oheim Hohenems gab Kunde mir durch vertrauten Boten,

doch ließ er zugleich wissen mir, daß Bayerns Herzog feindlich sich

stelle gegen meine Promotion.“

„Wer kann Feind sein meinem gnädigen Herrn!“

„Salome, meines Herzens Glück und Wonne freilich nicht und das dank' ich

dir aus ganzem Herzen. Doch anders ist es in der Politik, und Bayern

wühlt, seit gekündigt ich aus guten Gründen den Landsberger Bund. Schier

fürcht' ich, es werden erwachsen stürmische Zeiten noch aus dieser

Sache, für Salzburg ist Salz ein wichtig und gar strittig Ding. Genug

davon, in holder Damen Nähe sei verpönt die Politik. So viel nur sei

gesagt und nur für deine Ohren: Bestrebt muß ich sein, Bauern zu

gewinnen oder doch des Herzogs Neutralität erreichen in der Frage meines

Kardinalates. Drum bitt' ich dich, Geliebte meines Herzens, hab' Geduld!

Fürstin bist du an meiner Seite, stehest an der Spitze des Hofes gleich

mir, bist Gattin mir und —“

„— Mutter!“ hauchte Salome, „Mutter eines Kindes, das ehrlicher Geburt

sich nicht wird zu erfreuen haben!“

„Nicht doch, Salome! Als Fürst geb' ich dem Sprößling meinen Namen, mit

Fug und Recht, mit der Macht des Stiftsherrn nenn' einen Raittenau ich,

so ein Knab' mir wird gegeben aus deinem Schoß!“

Über Wolf Dietrich war jene Unruhe gekommen, deren Beute der heißblütige

Fürst immer ward in unangenehmen Dingen. Hastig brach er die Zwiesprache

ab, küßte Salomes schmale Hand, versprach ein baldig Wiedersehen und

verließ das traute Gemach, in welchem die Favoritin leise schluchzend

zurückblieb.

Im Arbeitskabinett, das von Dienern inzwischen hell erleuchtet worden

war, erhielt der Fürst nun die Meldung, daß ein Haufen Landsknechte,

Gartbrüder von der ungarischen Grenze und aus Kärnten verwiesen, vor den

Thoren stünden und vom gnädigen Herrn die Ritterzehrung erbitten

möchten.

Das vom Vater ererbte Soldatenblut regte sich im Fürsten, der durchaus

nicht etwa besorgt, im Gegenteil amüsiert rief: „Ha, Landsknechte! Das

bringt kriegerisch Leben in unsere Stadt! Ich brauche Leute auf

Hohensalzburg wie auf Hohenwerfen, und längst schon wartet des Kaisers

Majestät auf Salzburgs Türkenfähndlein!“

Der Hofmarschalk erhielt Auftrag, die Landsknechte einzuladen und für

deren Unterkunft auf Kosten des Fürsten zu sorgen.

So zog denn ein Haufe von etwa 500 Mann im wuchtigen Taktschritt spät

abends durch die Steingasse ein, und den Trommelschlag begleitete nach

Landsknechtart der charakteristische Ruf: „Hüt' dich, Bauer, ich komm'!“

Es nützte im Geviert der engeren Stadt nicht viel, daß die Bürger ihre

Häuser ängstlich verschlossen hielten, die Einquartierung auf

fürstlichen Befehl mußte vollzogen werden, doch brachte man den größten

Teil der Soldateska in bischöflichen Gebäulichkeiten unter, und so

namentlich die Weiber, Mägde, Buben, Marketender und Händler, die wie

immer den Beschluß des letzten Haufens bildeten.

Die Noblesse des Fürsten, für die obdachlose Soldateska zu sorgen, wurde

von den Landsknechten fürs erste dankbar anerkannt, bei reichlicher

Mahlzeit und gespendetem Bier und Wein proklamierten die Kerle jubelnd

den kriegerischen Bischof als ihren „Patron“. Die Kunde von solch' guter

Aufnahme in Salzburg und der fürstlichen Munificenz lief aber rasch

hinaus ins Land, auch nach Bayern, und hatte zur Folge, daß noch mehr

versorgungslustige Landsknechte zuströmten, mit ihnen Abenteurer aller

Art in Haufen, die alle der noblen „Ritterzehrung“ teilhaft werden

wollten und alsbald die Salzburger wegen mancherlei Übelthaten zum

Klagen brachten.

Beschwerden über Beschwerden wurden laut, sie drangen auch zum Ohr des

Fürsten, der schließlich gebot, es solle Gericht gehalten und der ärgste

Übelthäter zur Abschreckung der anderen bestraft werden nach

Landsknechtbrauch.

Das gab denn eine Augenweide für die Salzburger, welche manchen

erlittenen Schaden aufwog. Das „Recht der langen Spieße“ sollte in

Wirklichkeit zum Vollzug kommen, und zwar an einem Gartbruder, der

schimpflich gestohlen, geraubt und dabei wehrlose Weiber aufs Blut

geschlagen hatte.

An einem kalten Morgen wurde auf einem freien Platz vor der Stadtmauer

von allen Landsknechten ein Kreis gebildet und der Profoß, umgeben von

fürstlichen Trabanten, trat mit dem Angeschuldigten in diesen Kreis.

Halb Salzburg besah sich das Schauspiel, wo immer ein Platz zu erobern

war.

Feierlich erklang die Ansprache des gefürchteten Profoßen. „Guten

Morgen, Ihr lieben, ehrlichen Landsknechte, Edel und Unedel, wie uns

Gott zueinander gebracht hat! Ihr traget alle Wissen, wie wir anfänglich

geschworen haben, gut Regiment zu führen, dem Armen wie dem Reichen, dem

Reichen wie dem Armen, alle Ungerechtigkeit zu strafen, darauf ich,

liebe Landsknechte, auf heutigen Tag ein Mehr[8] begehre, mir helfen

solches Übel zu strafen, daß wir es verantworten können bei dem gnädigen

Fürsten!“

Kreideweiß ward des Delinquenten Gesicht.

Nun erhob der Feldwebel seine rauhe Stimme: „Ihr habet des Profoßen Wort

verstanden; welchem es lieb ist, daß wir demselben nachkommen, der hebe

seine Hand auf!“

Im Banne des Augenblickes streckten wohl fast alle Knechte die Hände

auf.

Der Profoß erhob die Anklage, nach welcher der anwesende Gartierer unter

Mißbrauch von Landsknechterecht und Gastfreundschaft Diebstahl, Raub und

Schlägerei verübet, sich also eines schweren Verbrechens schuldig

gemacht habe und auf fürstlichen Befehl gepönt werden müsse. Auf

bemeldtem Verbrechen stehe das Recht der langen Spieße.

Auf den Vorhalt, ob der Angeklagte seine Unthat verantworten könne,

brachte der Gartierer, dem trotz der Winterkälte der Angstschweiß von

der Stirne lief, kein Wort hervor.

Dreimal und unmittelbar hintereinander wurde die Klage wiederholt und

ebenso oft zur Verantwortung aufgerufen. Der Gartierer wimmerte zum

Schluß um Gnade.

Die zwei anwesenden Fähnriche thaten ihre Fahnen zu, steckten sie mit

dem Eisen in den schneeigen Boden, und einer derselben sprach fest und

laut: „Liebe, ehrliche Landsknechte! Ihr habet des Profoßen schwere

Klage wohl vernommen, darauf wir unser Fähnlein zuthun, und es in das

Erdreich kehren und wollen es nimmer fliegen lassen, bis über solche

Klage ein Urteil ergeht, auf das unser Regiment ehrlich sei. Wir bitten

Euch alle insgemein, Ihr wollet im Rat unparteiisch sein, soweit eines

jeden Verstand ausreicht. Wann das geschieht, wollen wir unser Fähnlein

wieder lassen fliegen und bei Euch thun, wie ehrlichen Fähnrichen

zusteht.“

In der Erwartung des bevorstehenden Schuldspruches fühlte niemand den

beißenden Frost, der Haar und Bart der Soldateska wie der Bürger

weißbekrustete.

„Es trete ein Knecht vor und in den Ring, zu fällen das Urteil!“ rief

der Feldwebel.

Einer der Landsknechte trat wohl vor, erklärte aber, des Urteils allein

sich nicht gewachsen zu fühlen, weshalb er bitte, ihm noch vierzig

Knechte zur Beratung beizugeben.

„Dem geschehe nach Brauch und Wunsch!“ verkündete der Weibel und

bezeichnete vierzig Landsknechte, die aus dem Ring traten und abseit

Besprechung untereinander pflogen.

Das dauerte eine Weile, dann kehrte die Schar zurück, worauf nochmals

einundvierzig Mann zur Beratung abkommandiert wurden.

Beide Abteilungen wurden nun gefragt, ob sie das Urteil fertig hätten.

Auf ihr schallendes „Ja!“ wandte sich der Weibel an den gesamten, wieder

geschlossenen Ring und verkündete den Beschluß der zweiundachtzig Mann,

der auf „schuldig“ lautete. „Ist das Regiment gewillet, sobemeldtes

„Schuldig“ zu bestätigen?“ fragte er mit dröhnender Stimme die

Soldateska, „so erhebe jeglicher Knecht, Mann und Fähnrich, die rechte

Hand!“

Vielhundertfach flogen die Hände auf, die Schar schien ernstlichen

Willens, die Missethat zu ahnden, um dadurch bei Fürst und Volk wieder

zu einigem Ansehen zu gelangen.

Der Weibel verkündete: „Das Regiment hat gesprochen, der Übelthäter ist

schuldig. Man führe ihn zum Beichtiger! Derweilen nehme das Wort ein

Fähnrich nach Brauch!“

Das geschah in der Weise, daß einer der Fähnriche sich bedankte für die

Willigkeit, gut Regiment zuhalten. Hierauf hoben beide Fähnriche die

Fahnen wieder auf und entrollten sie im frischen Morgenwind.

Der Profoß übernahm jetzt den Befehl zur Exekution des Schuldspruches

und ließ eine Gasse bilden, deren eine Öffnung die Fähnriche mit nach

innen gefällter Fahne verschlossen.

Unter Trommelwirbel wurde der Verurteilte, dem ein herbeigeholter

Priester die Beichte abgenommen, an den oberen Eingang der Gasse

gebracht; die Knechte senkten ihre Spieße, so daß die Gasse ein

eisenstarrender Engpaß wurde, aus dem es kein Entrinnen mehr giebt und

der den sicheren Tod bringen muß.

„Hierher mit dem ‚armen Mann‘!“ befahl der Profoß, der nun den

Delinquenten mit drei Schwertstreichen auf die Schulter im Namen Gottes

des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes zum Todeslaufe weihte

und dann der Soldateska verkündete, daß der Knecht, welcher den

Verurteilten ausbrechen ließe, gleichfalls ins Eisen laufen müsse.

Zum Todgeweihten gewendet, rief der Profoß: „Nun auf! Lauf flink und

fest ins Eisen, dann bist schneller erlöset! Marsch!“

Ein Zögern, ein letzter Blick voll Todesangst auf die starrenden Spieße,

ein Stoß von der Faust des unerbittlichen Profoßen, dann sprang der

Ärmste los und rannte in die spitzen Eisen, daß es aus der Brust rot

aufging. Ein Schrei — ein Röcheln — der Sterbende liegt im Schnee, ein

Halbdutzend Spieße stecken in der blutenden, zuckenden Brust, bis das

Leben entflohen ist.

„Die Spieße auf! Zum Gebet!“ befahl der Weibel.

Die Soldateska kniete nieder und betete für die Seele des Vermiedenen.

Und schluchzend beteten die Zuschauer aus der Bürgerschaft mit, von

tiefstem Mitleid für den Gerichteten ergriffen.

Wieder ertönte ein Kommando, in dessen Befolgung die Knechte dreimal

Umzug um den Leichnam hielten und die Hakenschützen dreimal ihre Büchsen

abschossen.

Damit hatte das blutige Schauspiel ein Ende.

Celsissimus: Salzburger Roman · 第 12 / 27 题