Salzburgs Berge trugen blinkenden Neuschnee, weiß waren die Fluren in
weiter Thalung, der Frühwinter zog ins stiftische Land. Dämpften die
wirbelnden Flocken den Aufruhr in der Natur, legten sich die Stürme, es
ward auch ruhiger im Bürgerleben der Bischofsstadt, nachdem seitens der
Landschaftsmitglieder den Bürgern auseinandergesetzt worden, daß man nur
der Not gehorchte, indem die Zustimmung zu den Steuermandaten des
Fürsten erteilt wurde. Loderte mancher Hitzkopf in der Ratsstube der bei
Wein oder Bier in der Trinkstube auf und donnerte gegen die
Mißwirtschaft, so hielten verständigere Leute entgegen, daß die
Hauptsache sei, mit dem hochfahrenden Fürsten zunächst ein Auskommen zu
finden, ansonsten es weit schlimmer werden müßte. Was jetzt gefordert
werde, könne der Salzburger zahlen, eigentlich sogar ein Erkleckliches
mehr, man habe in der Landschaft gejammert genug und sich endlich
zufrieden gegeben. Dafür müsse aber Ruhe werden. Mählich wirkte solche
Beschwichtigung, und der reichliche Schneefall schläferte das Leben ein.
Besondere Ereignisse gab es nicht, selbst bei Hof ging es ruhig, ohne
Prunktafeln oder sonstiges Schaugepränge zu; Salzburg trug mit dem
Schnee auf den Dächern eine gewaltige Schlafmütze auf dem Kopf. Ein
stilles Schaffen in den Schreibstuben der Handelsherren wie auch in den
Kanzleien der Behörden; lauter ward es in den Arbeitsstätten der Wagner
und Schmiede, bei letzteren geht die Hufbeschlagsarbeit und
Wagenbereifung ja das ganze Jahr über nicht aus.
Der Winter ließ sich ehrlich an, wie es Brauch ist im Gebirg. Es
schneite etliche Tage ununterbrochen, dann setzte Frost ein, der die
Schneeschicht rasch erhärtete, so daß die Kärrner nach den Kufen griffen
und die Lasten auf Schlitten verfrachtet wurden.
Haar und Bart weißbereift zogen die Knechte neben den gleichfalls an
Kopf und Schwanz bereiften Pferden schneewatend die Straße vom Paß Lueg
über Hallein gen Salzburg und die Schlitten verursachten im harstigen
Schnee ein knisternd singendes, pfeifendes Geräusch. Vom Staufen her
wirft die zur Rüste gegangene Sonne leuchtende Strahlenbündel zum
Untersberg und hinein in den grauen Himmel. In der Richtung des
Gaisberges wogt nebliger rötlichblauer Dunst, der sich rasch über die
gurgelnde Salzach verbreitet, die Thalung bis zu den Felstürmchen der
Salinenstadt erfüllt. Die Kärrner wandern peitschenknallend durch die
Dämmerung und fluchen über die Verspätung, das langsame Vorwärtskommen
durch den tiefen Schnee. Der Hochthron des Untersberges erglüht im
letzten Sonnengold, ein purpurn Aufleuchten bis hinüber zum Göhl und den
vereisten Zinnen des Tennengebirges, dann steigt kalter Nebel aus der
Thalung auf, immer rascher sich hebend, bis erst ein feiner Dunst das
Firmament verschleiert, durch den die Sterne funkeln, bis sich der
Nebelschleier stark verdichtet.
Die Kärrner wußten wohl, warum sie ihre Rosse immer wieder antrieben und
die Fahrt beschleunigen wollten. Folgte ihnen doch auf Entfernung eines
Halbtages ein Trupp „Gartbrüder“[7], denen ein übler Ruf vorauslief. Der
Trupp, so hieß es, komme von der ungarischen Grenze und ziehe gen
Salzburg, weil auf Gebot des Erzbischofes in Kärnten den gartierenden
Knechten nichts verabreicht werden dürfte, ja weil ein Punkt der
Verordnung ausdrücklich besagte, daß ein Gartbruder in Widerlichkeit
totgeschlagen, der Thäter aber nicht zur Strafe gezogen werden dürfe.
Die Kärntner machten sich diese Erlaubnis gerne zu nutze und vertrieben
diese Landplage rasch, weshalb den mit vielem Gesindel vermischten
Gartbrüdern nichts anderes übrig blieb, als dem Urheber ihrer Verjagung
einen Besuch abzustatten und die „Ritterzehrung“ vom Erzbischof zu
erbitten. Mit solchem Gesindel im Rücken wird jeder Fuhrmann eilig, und
schneller, als man es bei Frachtfuhrwerken möglich halten sollte,
erreichten die Kärrner die schützende Stadtmauer von Salzburg, und ehe
noch völlig ausgeschirrt war, flog die Alarmkunde von dem Anrücken der
Gartbrüder durch die Stadt, überall Aufregung und Schrecken erzeugend.
Im Keutschachhofe, der fürstlichen Residenz, erfuhr man davon auch, und
den Thürstehern schien die Kunde wichtig genug, sie den Kämmerern zu
überbringen, auf daß der Landesherr verständigt werde.
Wolf Dietrich verbrachte aber den Winterabend in den wohlig erwärmten,
behaglichen Räumen Salomens, wo er nicht von Außendingen behelligt
werden will. Das Licht einer venetianischen Ampel bestrahlte mild das
reichgeschmückte Gemach und ließ Salomes Blondhaar in zauberhaftem
Goldton erscheinen. Bleich waren der Gesponsin Wangen, müde der Blick
der sonst so lebfrischen Augen; Salome schien kränklich, die frühere
Munterkeit, das schalkhafte Wesen, der sprühende Witz ist verflogen, die
nimmermüden Hände ruhen unthätig im Schoß, die Perlenarbeit ist
unvollendet geblieben.
Dem scharfen Auge Wolf Dietrichs blieb diese Veränderung nicht
verborgen, von Sorge erfüllt trat er näher und fragte in liebreichen,
milden Worten, ob er den Medikus senden dürfe.
Den lieblichen Blondkopf schüttelnd erwidere Salome: „Nein, mein
gnädiger Fürst und Herr! Ich danke Euch inniglich für sothane gnädige
Fürsorge. Doch der Medikus ist hiezu nicht nötig!“
Der Ton machte den jungen Gebieter stutzig und wieder besah er das holde
Frauenbild an seiner Seite. „Salome, was ist dir?“
Da neigte Salome das Köpfchen und flüsterte erglühend dem geliebten
Gebieter ein zart Geheimnis ins Ohr.
„Sonne meines Lebens, holdes, herrliches Weib! Wie soll ich dirs
danken!“ rief Wolf Dietrich beseligt, sank ins Knie und überdeckte
Salomes zusammengefaßte Hände mit heißen Küssen. „Welches Glück gewährt
mir mein süßes, holdes Weib!“ Ein Schatten flog über Salomes Antlitz,
geisterhafte Blässe machte die bleichen Wangen schier durchsichtig,
bebenden Tones sprach Salome: „Glück? Meinem gnädigen Herrn mag es frohe
Botschaft sein! Mir nagt die Sorge am Herzen!“
„Sorgen, du —?“ rief Wolf Dietrich und erhob sich. „Ich dachte, fern
gehalten sei des Lebens jegliche Alltagssorge von dir, und sicher
betreuet dein Walten an meiner Seite! Was zu erwarten bringt wohl
Sorgen, die gleich sind im Palazzo wie in der Armut Hütten! Königinnen
und Bettlerinnen teilen eins mit dem andern gleich die Bestimmung des
Weibes!“
„Nicht das, geliebter Herr und Fürst, erfüllt mein dankbar Frauenherz
mit banger Sorge — der Blick in der Zukunft Tage ist trüb, will sich
nicht klären —“
„Nicht vermag erfassen ich den Sinn der dunklen Worte!“
„Ein Wort von Euch, geliebter Herr, und Sonnenschein erleuchtet mir den
Weg bis zur schweren Stunde!“
Jetzt wußte Wolf Dietrich die Sehnsucht der Favoritin zu deuten, und nun
flog ein Schatten des Unmutes über sein Antlitz, und ein Zucken lief
durch seinen schmächtigen Körper. Hastig sprach der Fürst: „Verzeih',
Salome! Schon einmal mußt' um Geduld ich bitten dich und anjetzo
wiederhol' ich solche Bitte. Der Zeitenlauf stellt übel sich zu diesem
Plane! Restaurieren soll ich, den Priesterstand purifizieren. Ich kann
nicht in dieser Zeit ein verderblich Beispiel geben, das hundertfach
Nachahmung würde finden und mich bringen in Konflikt mit Rom.“
Salome brach in Thränen aus und schluchzte bitterlich.
„Gebeut der Zähren, mein holdes, süßes Weib! Mein fürstlich Wort, ich
geb' es dir wie einst, da wir den Lebensbund geschlossen, doch jetzund
vermag ich's nicht, die Zeit ist stärker als mein eigner Wille, und
stören würde die Legitimität die Pläne Roms....“
Salome blickte thränenerfüllten Auges fragend auf.
„Ja, Geliebte! Ich habe sichere Kunde, daß lohnen will Rom meine Dienste
mit dem roten Hut —“
„So wird Kardinal mein gnädiger Herr?“ fragte zitternd die Favoritin.
Wolf nickte. „Mein Oheim Hohenems gab Kunde mir durch vertrauten Boten,
doch ließ er zugleich wissen mir, daß Bayerns Herzog feindlich sich
stelle gegen meine Promotion.“
„Wer kann Feind sein meinem gnädigen Herrn!“
„Salome, meines Herzens Glück und Wonne freilich nicht und das dank' ich
dir aus ganzem Herzen. Doch anders ist es in der Politik, und Bayern
wühlt, seit gekündigt ich aus guten Gründen den Landsberger Bund. Schier
fürcht' ich, es werden erwachsen stürmische Zeiten noch aus dieser
Sache, für Salzburg ist Salz ein wichtig und gar strittig Ding. Genug
davon, in holder Damen Nähe sei verpönt die Politik. So viel nur sei
gesagt und nur für deine Ohren: Bestrebt muß ich sein, Bauern zu
gewinnen oder doch des Herzogs Neutralität erreichen in der Frage meines
Kardinalates. Drum bitt' ich dich, Geliebte meines Herzens, hab' Geduld!
Fürstin bist du an meiner Seite, stehest an der Spitze des Hofes gleich
mir, bist Gattin mir und —“
„— Mutter!“ hauchte Salome, „Mutter eines Kindes, das ehrlicher Geburt
sich nicht wird zu erfreuen haben!“
„Nicht doch, Salome! Als Fürst geb' ich dem Sprößling meinen Namen, mit
Fug und Recht, mit der Macht des Stiftsherrn nenn' einen Raittenau ich,
so ein Knab' mir wird gegeben aus deinem Schoß!“
Über Wolf Dietrich war jene Unruhe gekommen, deren Beute der heißblütige
Fürst immer ward in unangenehmen Dingen. Hastig brach er die Zwiesprache
ab, küßte Salomes schmale Hand, versprach ein baldig Wiedersehen und
verließ das traute Gemach, in welchem die Favoritin leise schluchzend
zurückblieb.
Im Arbeitskabinett, das von Dienern inzwischen hell erleuchtet worden
war, erhielt der Fürst nun die Meldung, daß ein Haufen Landsknechte,
Gartbrüder von der ungarischen Grenze und aus Kärnten verwiesen, vor den
Thoren stünden und vom gnädigen Herrn die Ritterzehrung erbitten
möchten.
Das vom Vater ererbte Soldatenblut regte sich im Fürsten, der durchaus
nicht etwa besorgt, im Gegenteil amüsiert rief: „Ha, Landsknechte! Das
bringt kriegerisch Leben in unsere Stadt! Ich brauche Leute auf
Hohensalzburg wie auf Hohenwerfen, und längst schon wartet des Kaisers
Majestät auf Salzburgs Türkenfähndlein!“
Der Hofmarschalk erhielt Auftrag, die Landsknechte einzuladen und für
deren Unterkunft auf Kosten des Fürsten zu sorgen.
So zog denn ein Haufe von etwa 500 Mann im wuchtigen Taktschritt spät
abends durch die Steingasse ein, und den Trommelschlag begleitete nach
Landsknechtart der charakteristische Ruf: „Hüt' dich, Bauer, ich komm'!“
Es nützte im Geviert der engeren Stadt nicht viel, daß die Bürger ihre
Häuser ängstlich verschlossen hielten, die Einquartierung auf
fürstlichen Befehl mußte vollzogen werden, doch brachte man den größten
Teil der Soldateska in bischöflichen Gebäulichkeiten unter, und so
namentlich die Weiber, Mägde, Buben, Marketender und Händler, die wie
immer den Beschluß des letzten Haufens bildeten.
Die Noblesse des Fürsten, für die obdachlose Soldateska zu sorgen, wurde
von den Landsknechten fürs erste dankbar anerkannt, bei reichlicher
Mahlzeit und gespendetem Bier und Wein proklamierten die Kerle jubelnd
den kriegerischen Bischof als ihren „Patron“. Die Kunde von solch' guter
Aufnahme in Salzburg und der fürstlichen Munificenz lief aber rasch
hinaus ins Land, auch nach Bayern, und hatte zur Folge, daß noch mehr
versorgungslustige Landsknechte zuströmten, mit ihnen Abenteurer aller
Art in Haufen, die alle der noblen „Ritterzehrung“ teilhaft werden
wollten und alsbald die Salzburger wegen mancherlei Übelthaten zum
Klagen brachten.
Beschwerden über Beschwerden wurden laut, sie drangen auch zum Ohr des
Fürsten, der schließlich gebot, es solle Gericht gehalten und der ärgste
Übelthäter zur Abschreckung der anderen bestraft werden nach
Landsknechtbrauch.
Das gab denn eine Augenweide für die Salzburger, welche manchen
erlittenen Schaden aufwog. Das „Recht der langen Spieße“ sollte in
Wirklichkeit zum Vollzug kommen, und zwar an einem Gartbruder, der
schimpflich gestohlen, geraubt und dabei wehrlose Weiber aufs Blut
geschlagen hatte.
An einem kalten Morgen wurde auf einem freien Platz vor der Stadtmauer
von allen Landsknechten ein Kreis gebildet und der Profoß, umgeben von
fürstlichen Trabanten, trat mit dem Angeschuldigten in diesen Kreis.
Halb Salzburg besah sich das Schauspiel, wo immer ein Platz zu erobern
war.
Feierlich erklang die Ansprache des gefürchteten Profoßen. „Guten
Morgen, Ihr lieben, ehrlichen Landsknechte, Edel und Unedel, wie uns
Gott zueinander gebracht hat! Ihr traget alle Wissen, wie wir anfänglich
geschworen haben, gut Regiment zu führen, dem Armen wie dem Reichen, dem
Reichen wie dem Armen, alle Ungerechtigkeit zu strafen, darauf ich,
liebe Landsknechte, auf heutigen Tag ein Mehr[8] begehre, mir helfen
solches Übel zu strafen, daß wir es verantworten können bei dem gnädigen
Fürsten!“
Kreideweiß ward des Delinquenten Gesicht.
Nun erhob der Feldwebel seine rauhe Stimme: „Ihr habet des Profoßen Wort
verstanden; welchem es lieb ist, daß wir demselben nachkommen, der hebe
seine Hand auf!“
Im Banne des Augenblickes streckten wohl fast alle Knechte die Hände
auf.
Der Profoß erhob die Anklage, nach welcher der anwesende Gartierer unter
Mißbrauch von Landsknechterecht und Gastfreundschaft Diebstahl, Raub und
Schlägerei verübet, sich also eines schweren Verbrechens schuldig
gemacht habe und auf fürstlichen Befehl gepönt werden müsse. Auf
bemeldtem Verbrechen stehe das Recht der langen Spieße.
Auf den Vorhalt, ob der Angeklagte seine Unthat verantworten könne,
brachte der Gartierer, dem trotz der Winterkälte der Angstschweiß von
der Stirne lief, kein Wort hervor.
Dreimal und unmittelbar hintereinander wurde die Klage wiederholt und
ebenso oft zur Verantwortung aufgerufen. Der Gartierer wimmerte zum
Schluß um Gnade.
Die zwei anwesenden Fähnriche thaten ihre Fahnen zu, steckten sie mit
dem Eisen in den schneeigen Boden, und einer derselben sprach fest und
laut: „Liebe, ehrliche Landsknechte! Ihr habet des Profoßen schwere
Klage wohl vernommen, darauf wir unser Fähnlein zuthun, und es in das
Erdreich kehren und wollen es nimmer fliegen lassen, bis über solche
Klage ein Urteil ergeht, auf das unser Regiment ehrlich sei. Wir bitten
Euch alle insgemein, Ihr wollet im Rat unparteiisch sein, soweit eines
jeden Verstand ausreicht. Wann das geschieht, wollen wir unser Fähnlein
wieder lassen fliegen und bei Euch thun, wie ehrlichen Fähnrichen
zusteht.“
In der Erwartung des bevorstehenden Schuldspruches fühlte niemand den
beißenden Frost, der Haar und Bart der Soldateska wie der Bürger
weißbekrustete.
„Es trete ein Knecht vor und in den Ring, zu fällen das Urteil!“ rief
der Feldwebel.
Einer der Landsknechte trat wohl vor, erklärte aber, des Urteils allein
sich nicht gewachsen zu fühlen, weshalb er bitte, ihm noch vierzig
Knechte zur Beratung beizugeben.
„Dem geschehe nach Brauch und Wunsch!“ verkündete der Weibel und
bezeichnete vierzig Landsknechte, die aus dem Ring traten und abseit
Besprechung untereinander pflogen.
Das dauerte eine Weile, dann kehrte die Schar zurück, worauf nochmals
einundvierzig Mann zur Beratung abkommandiert wurden.
Beide Abteilungen wurden nun gefragt, ob sie das Urteil fertig hätten.
Auf ihr schallendes „Ja!“ wandte sich der Weibel an den gesamten, wieder
geschlossenen Ring und verkündete den Beschluß der zweiundachtzig Mann,
der auf „schuldig“ lautete. „Ist das Regiment gewillet, sobemeldtes
„Schuldig“ zu bestätigen?“ fragte er mit dröhnender Stimme die
Soldateska, „so erhebe jeglicher Knecht, Mann und Fähnrich, die rechte
Hand!“
Vielhundertfach flogen die Hände auf, die Schar schien ernstlichen
Willens, die Missethat zu ahnden, um dadurch bei Fürst und Volk wieder
zu einigem Ansehen zu gelangen.
Der Weibel verkündete: „Das Regiment hat gesprochen, der Übelthäter ist
schuldig. Man führe ihn zum Beichtiger! Derweilen nehme das Wort ein
Fähnrich nach Brauch!“
Das geschah in der Weise, daß einer der Fähnriche sich bedankte für die
Willigkeit, gut Regiment zuhalten. Hierauf hoben beide Fähnriche die
Fahnen wieder auf und entrollten sie im frischen Morgenwind.
Der Profoß übernahm jetzt den Befehl zur Exekution des Schuldspruches
und ließ eine Gasse bilden, deren eine Öffnung die Fähnriche mit nach
innen gefällter Fahne verschlossen.
Unter Trommelwirbel wurde der Verurteilte, dem ein herbeigeholter
Priester die Beichte abgenommen, an den oberen Eingang der Gasse
gebracht; die Knechte senkten ihre Spieße, so daß die Gasse ein
eisenstarrender Engpaß wurde, aus dem es kein Entrinnen mehr giebt und
der den sicheren Tod bringen muß.
„Hierher mit dem ‚armen Mann‘!“ befahl der Profoß, der nun den
Delinquenten mit drei Schwertstreichen auf die Schulter im Namen Gottes
des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes zum Todeslaufe weihte
und dann der Soldateska verkündete, daß der Knecht, welcher den
Verurteilten ausbrechen ließe, gleichfalls ins Eisen laufen müsse.
Zum Todgeweihten gewendet, rief der Profoß: „Nun auf! Lauf flink und
fest ins Eisen, dann bist schneller erlöset! Marsch!“
Ein Zögern, ein letzter Blick voll Todesangst auf die starrenden Spieße,
ein Stoß von der Faust des unerbittlichen Profoßen, dann sprang der
Ärmste los und rannte in die spitzen Eisen, daß es aus der Brust rot
aufging. Ein Schrei — ein Röcheln — der Sterbende liegt im Schnee, ein
Halbdutzend Spieße stecken in der blutenden, zuckenden Brust, bis das
Leben entflohen ist.
„Die Spieße auf! Zum Gebet!“ befahl der Weibel.
Die Soldateska kniete nieder und betete für die Seele des Vermiedenen.
Und schluchzend beteten die Zuschauer aus der Bürgerschaft mit, von
tiefstem Mitleid für den Gerichteten ergriffen.
Wieder ertönte ein Kommando, in dessen Befolgung die Knechte dreimal
Umzug um den Leichnam hielten und die Hakenschützen dreimal ihre Büchsen
abschossen.
Damit hatte das blutige Schauspiel ein Ende.