Argenson fasste ihn an der Soutane. 'Ihr haltet Wort?'

Père Tellier streckte drei schmutzige Finger gegen etwas Heiliges, das

im Dunkel einer Ecke klebte, entschlüpfte und schloss die Tür bis auf

eine kleine Spalte, welche Argenson mit der Fussspitze offenhielt.

Wir hörten den Schrank öffnen und schliessen. Zwei stille Minuten

verstrichen. Argenson stiess die Türe auf. Weg war Père Tellier.

Hatte er der Einflüsterung Argensons nicht geglaubt und nur die

Gelegenheit ergriffen, aus unserer Gegenwart zu entrinnen? Oder hatte

er sie geglaubt, der eine Dämon seines Ordens aber den andern, der

Stolz den Ehrgeiz überwältigt? Wer blickt in den Abgrund dieser

finstern Seele?

'Meineidiger!' fluchte der Minister, öffnete den Schrein, erblickte

eine Treppe und stürzte sich hinab. Ich stolperte und fiel mit meiner

Krücke nach. Unten standen wir vor den höchlich erstaunten Mienen

eines vornehmen Novizen mit den feinsten Manieren, welcher auf unsre

Frage nach dem Pater bescheiden erwiderte, seines Wissens sei derselbe

vor einer Viertelstunde in Geschäften nach Rouen verreist.

Argenson gab jede Verfolgung auf. 'Eher schleppte ich den Cerberus

aus der Hölle, als dieses Ungeheuer nach Versailles!... Überdies,

wo ihn finden in den hundert Schlupfwinkeln der Gesellschaft? Ich

gehe. Schickt nach frischen Pferden, Fagon, und eilet nach Versailles.

Erzählt alles der Majestät. Sie wird Julian die Hand geben und zu

ihm sprechen: 'Der König achtet dich, dir geschah zu viel!' Und der

Knabe ist ungegeisselt.' Ich gab ihm recht. Das war das Beste, das

einzig gründlich Heilsame, wenn es nicht zu spät kam."

Fagon betrachtete den König unter seinen buschigen greisen Brauen

hervor, welchen Eindruck auf diesen die ihm entgegengehaltene Larve

seines Beichtigers gemacht hätte. Nicht dass er sich schmeichelte,

Ludwig werde seine Wahl widerrufen. Warnen aber hatte er den König

wollen vor diesem Feinde der Menschheit, der mit seinen Dämonenflügeln

das Ende einer glänzenden Regierung verschatten sollte. Allein Fagon

las in den Zügen des Allerchristlichsten nichts als ein natürliches

Mitleid mit dem Lose des Sohnes einer Frau, die dem Gebieter flüchtig

gefallen hatte, und das Behagen an einer Erzählung, deren Wege wie die

eines Gartens in einen und denselben Mittelpunkt zusammenliefen: der

König, immer wieder der König!

"Weiter, Fagon", bat die Majestät, und dieser gehorchte, gereizt und

in verschärfter Laune.

"Da die Pferde vor einer Viertelstunde nicht anlangen konnten, trat

ich bei einem dem Professhause gegenüber wohnenden Bader, meinem

Klienten, ein und bestellte ein laues Bad, denn ich war angegriffen.

Während das Wasser meine Lebensgeister erfrischte, machte ich mir die

herbsten Vorwürfe, den mir anvertrauten Knaben vernachlässigt und

seine Befreiung verschoben zu haben. Nach einer Weile störte mich

durch die dünne Wand ein unmässiges Geplauder. Zwei Mädchen aus dem

untern Bürgerstande badeten nebenan. 'Ich bin so unglücklich!'

schwatzte die eine und kramte ein dummes Liebesgeschichtchen aus, 'so

unglücklich!' Eine Minute später kicherten sie zusammen. Während ich

meine Lässigkeit verklagte und eine zentnerschwere Last auf dem

Gewissen trug, schäkerten und bespritzten sich neben mir zwei

leichtfertige Nymphen.

Das Leiden eines Knaben · 第 5 / 7 题