Es war die erste Frau des Marschalls Boufflers."

"Auch wenn du sie nicht genannt hättest, Fagon, ich erkannte aus

deiner Schilderung meine süsse Blondine", seufzte die Marquise. "Sie

war ein Wunder der Unschuld und Herzenseinfalt, ohne Arg und Falsch,

ja ohne den Begriff der List und Lüge.

Die Freundschaft der zwei Frauen, welche der Marquise einen so

rührenden Eindruck hinterliess, war eine wahre und für beide Teile

wohltätige gewesen. Frau von Maintenon hatte nämlich in den langen

und schweren Jahren ihres Emporkommens, da die still Ehrgeizige mit

zähester Schmiegsamkeit und geduldigster Konsequenz, immer heiter,

überall dienstfertig, sich einen König und den grössten König der Zeit

eroberte, mit ihren klugen Augen die arglose Vornehme von den andern

ihr missgünstigen und feindseligen Hofweibern unterschieden und sie

mit ein paar herzlichen Worten und zutulichen Gefälligkeiten an sich

gefesselt. Die beiden halfen sich aus und deckten sich einander mit

ihrer Geburt und ihrem Verstand.

"Die Marschallin hatte Tugend und Haltung", lobte der König, während

er einen in seinem Gedächtnis auftauchenden anmutigen Wuchs, ein

liebliches Gesicht und ein aschenblondes Ringelhaar betrachtete.

"Die Marschallin war dumm", ergänzte Fagon knapp. "Aber wenn ich

Krüppel je ein Weib geliebt habe--ausser meiner Gönnerin", er

verneigte sich huldigend gegen die Marquise, "und für ein Weib mein

Leben hingegeben hätte, so war es diese erste Herzogin Boufflers.

Ich lernte sie dann bald näher kennen, leider als Arzt. Denn ihre

Gesundheit war schwankend, und alle diese Lieblichkeit verlosch

unversehens wie ein ausgeblasenes Licht. Wenige Tage vor ihrem

letzten beschied sie mich zu sich und erklärte mir mit den einfachsten

Worten von der Welt, sie werde sterben. Sie fühlte ihren Zustand, den

meine Wissenschaft nicht erkannt hatte. Sie ergebe sich darein, sagte

sie, und habe nur eine Sorge: die Zukunft und das Schicksal ihres

Knaben. 'Er ist ein gutes Kind, aber völlig unbegabt, wie ich selbst

es bin', klagte sie mir bekümmert, aber unbefangen. 'Mir ward ein

leichtes Leben zuteil, da ich dem Marschall nur zu gehorchen brauchte,

welcher nach seiner Art, die nichts aus den Händen gibt, auch wenn ich

ein gescheites Weib gewesen wäre, ausser dem einfachsten Haushalte mir

keine Verantwortung überlassen hätte--du kennst ihn ja, Fagon, er ist

peinlich und regiert alles selber. Wenn ich in der Gesellschaft

schwieg oder meine Rede auf das Nächste beschränkte, um nichts

Unwissendes oder Verfängliches zu sagen, so war ihm das gerade recht,

denn eine Witzige oder Glänzende hätte ihn nur beunruhigt. So bin ich

gut durchgekommen. Aber mein Kind? Der Julian soll als der Sohn

seines Vaters in der Welt eine Figur machen. Wird er das können? Er

lernt so unglaublich schwer. An Eifer lässt er es nicht fehlen,

wahrlich nicht, denn es ist ein tapferes Kind... Der Marschall wird

sich wieder verheiraten, und irgendeine gescheite Frau wird ihm

anstelligere Söhne geben. Nun möchte ich nicht, dass der Julian etwas

Ausserordentliches würde, was ja auch unmöglich wäre, sondern nur,

dass er nicht zu harte Demütigungen erleide, wenn er hinter seinen

Geschwistern zurückbleibt. Das ist nun deine Sache, Fagon. Du wirst

auch zusehen, dass er körperlich nicht übertrieben werde. Lass das

nicht aus dem Auge, ich bitte dich! Denn der Marschall übersieht das.

Du kennst ihn ja. Er hat den Krieg im Kopf, die Grenzen, die

Festungen... Selbst über der Mahlzeit ist er in seine Geschäfte

vertieft, der dem König und Frankreich unentbehrliche Mann, lässt sich

plötzlich eine Karte holen, wenn er nicht selbst danach aufspringt,

oder ärgert sich über irgendeine vormittags entdeckte Nachlässigkeit

seiner Schreiber, welchen man bei der um sich greifenden

Pflichtvergessenheit auch nicht das Geringste mehr überlassen dürfe.

Geht dann durch einen Zufall ein Tässchen oder Schälchen entzwei,

vergisst sich der Reizbare bis zum Schelten. Gewöhnlich sitzt er

schweigend oder einsilbig zu Tische, mit gerunzelter Stirn, ohne sich

mit dem Kinde abzugeben, das an jedem seiner Blicke hängt, ohne sich

nach seinen kleinen Fortschritten zu erkundigen, denn er setzt voraus:

ein Boufflers tue von selbst seine Pflicht. Und der Julian wird bis

an die äussersten Grenzen seiner Kräfte gehen... Fagon, lass ihn

keinen Schaden leiden! Nimm dich des Knaben an! Bring ihn heil

hinweg über seine zarten Jahre! Mische dich nur ohne Bedenken ein.

Der Marschall hält etwas auf dich und wird deinen Rat gelten lassen.

Er nennt dich den redlichsten Mann von Frankreich... Also du

versprichst es mir, bei dem Knaben meine Stelle zu vertreten... Du

hältst Wort und darüber hinaus... '

Ich gelobte es der Marschallin, und sie starb nicht schwer.

Vor dem Bette, darauf sie lag, beobachtete ich den mir anvertrauten

Knaben. Er war aufgelöst in Tränen, seine Brust arbeitete, aber er

warf sich nicht verzweifelnd über die Tote, berührte den entseelten

Mund nicht, sondern er kniete neben ihr, ergriff ihre Hand und küsste

diese, wie er sonst zu tun pflegte. Sein Schmerz war tief, aber

keusch und enthaltsam. Ich schloss auf männliches Naturell und früh

geübte Selbstbeherrschung und betrog mich nicht. Im übrigen war

Julian damals ein hübscher Knabe von etwa dreizehn Jahren, mit den

seelenvollen Augen seiner Mutter, gewinnenden Zügen, wenig Stirn unter

verworrenem blonden Ringelhaar und einem untadeligen Bau, der zur

Meisterschaft in jeder Leibesübung befähigte.

Nachdem der Marschall das Weib seiner Jugend beerdigt und ein Jahr

später mit der jüngsten des Marschalls Grammont sich wiederverehlicht

hatte, dem rührigen, grundgescheiten, olivenfarbigen, brennend magern

Weibe, das wir kennen, beriet er aus freien Stücken mit mir die Schule,

wohin wir Julian schicken sollten; denn seines Bleibens war nun nicht

länger im väterlichen Hause.

Ich besprach mich mit dem geistlichen Hauslehrer, welcher das Kind

bisher beaufsichtigt und beschäftigt hatte. Er zeigte mir die Hefte

des Knaben, die Zeugnis ablegten von einem rührenden Fleiss und einer

tapfern Ausdauer, aber zugleich von einem unglaublich mittelmässigen

Kopfe, einem völligen Mangel an Kombination und Dialektik, einer

absoluten Geistlosigkeit. Was man im weitesten Sinne Witz nennt, jede

leidenschaftliche--warme oder spottende--Beleuchtung der Rede, jede

Überraschung des Scharfsinns, jedes Spiel der Einbildungskraft waren

abwesend. Nur der einfachste Begriff und das ärmste Wort standen dem

Knaben zu Gebote. Höchstens gefiel dann und wann eine Wendung durch

ihre Unschuld oder brachte zum Lächeln durch ihre Naivität.

Seltsamer- und traurigerweise sprach der Hausgeistliche von seinem

Zögling unwissentlich in den Worten Molières: 'ein Knabe ohne Falsch,

der alles auf Treu und Glauben nimmt, ohne Feuer und Einbildungskraft,

sanft, friedfertig, schweigsam und'--setzte er hinzu--'mit den

schönsten Herzenseigenschaften.'

Der Marschall und ich wussten dann--die Wahl war nicht gross--keine

bessere Schule für das Kind als ein Jesuitencollegium; und warum nicht

das in Paris, wenn wir Julian nicht von seinen Standes und

Altersgenossen sondern wollten? Man muss es den Vätern lassen: sie

sind keine Pedanten, und man darf sie loben, dass sie angenehm

unterrichten und freundlich behandeln. Mit einer Schule

jansenistischer Färbung konnten wir uns nicht befreunden: der

Marschall schon nicht als guter Untertan, der Euer Majestät Abneigung

gegen die Sekte kannte und Euer Majestät Gnade nicht mutwillig

verscherzen wollte, ich aus eben diesem Grunde"--Fagon lächelte--"und

weil ich für den durch seine Talentlosigkeit schon überflüssig

gedrückten Knaben die herbe Strenge und die finstern Voraussetzungen

dieser Lehre ungeeignet, die leichte Erde und den zugänglichen Himmel

der Jesuiten dagegen hier für zuträglich oder wenigstens völlig

unschädlich hielt, denn ich wusste, das Grundgesetz dieser Knabenseele

sei die Ehre.

Dabei war auf meiner Seite die natürliche Voraussetzung, dass die

frommen Väter nie von dem Marschalle beleidigt würden, und das war in

keiner Weise zu befürchten, da der Marschall sich nicht um kirchliche

Händel kümmerte und als Kriegsmann an der in diesem Orden streng

durchgeführten Subordination sogar ein gewisses Wohlgefallen hatte.

Wie sollte aber der von der Natur benachteiligte Knabe mit einer

öffentlichen Klasse Schritt halten? Da zählten der Marschall und ich

auf zwei verschiedene Hilfen. Der Marschall auf das Pflichtgefühl und

den Ehrgeiz seines Kindes. Er selbst, der nur mittelmässig Begabte,

hatte auf seinem Felde Rühmliches geleistet, aber kraft seiner

sittlichen Eigenschaften, nicht durch eine geniale Anlage. Ohne zu

wissen oder nicht wissen wollend, dass Julian jene mittlere Begabung,

welche er selbst mit eisernem Fleisse verwertete, bei weitem nicht

besitze, glaubte er, es gebe keine Unmöglichkeit für den

Willenskräftigen und selbst die Natur lasse sich zwingen, wie ihn denn

seine Galopins beschuldigen, er tadle einen während der Parade über

die Stirn rollenden Schweisstropfen als ordonnanzwidrig, weil er

selbst nie schwitze.

Ich dagegen baute auf die allgemeine Menschenliebe der Jesuiten und

insonderheit auf die Berücksichtigung und das Ansehen der Person,

wodurch diese Väter sich auszeichnen. Ich beredete mich mit mehreren

derselben und machte sie mit den Eigenschaften des Knaben vertraut.

Um ihnen das Kind noch dringender an das Herz zu legen, sprach ich

ihnen von der Stellung seines Vaters, sah aber gleich, dass sie sich

daraus nichts machten. Der Marschall ist ausschliesslich ein

Kriegsmann, dabei tugendhaft, ohne Intrige, und die Ehre folgt ihm

nach wie sein Schatten. So hatten die Väter von ihm nichts zu hoffen

und zu fürchten. Unter diesen Umständen glaubte ich Julian eine

kräftigere Empfehlung verschaffen zu müssen und gab den frommen Vätern

einen Wink... " Der Erzähler stockte.

"Was vertuschest du, Fagon?" fragte der König.

"Ich komme darauf zurück", stotterte Fagon verlegen, "und dann wirst

du, Sire, mir etwas zu verzeihen haben. Genug, das Mittel wirkte.

Die Väter wetteiferten, dem Knaben das Lernen zu erleichtern, dieser

fühlte sich in einer warmen Atmosphäre, seine Erstarrung wich, seine

kargen Gaben entfalteten sich, sein Mut wuchs, und er war gut

aufgehoben. Da änderte sich alles gründlich in sein Gegenteil.

Etwa ein halbes Jahr nach dem Eintritt Julians bei den Jesuiten

ereignete sich zu Orléans, in dessen Weichbild die Väter Besitz und

eine Schule hatten, welche beide sie zu vergrössern wünschten, eine

schlimme Geschichte. Vier Brüder von kleinem Adel besassen dort ein

Gut, welches an den Besitz der Jesuiten stiess und das sie ungeteilt

bewirteten. Alle vier dienten in Eurem Heere, Sire, verzehrten, wie

zu geschehen pflegte, für ihre Ausrüstung und mehr noch im Umgang mit

reichen Kameraden ihre kurze Barschaft und verschuldeten ihre Felder.

Nun fand es sich, dass jenes Jesuitenhaus durch Zusammenkauf dieser

Pfandbriefe der einzige Gläubiger der vier Junker geworden war und

ihnen aus freien Stücken darüber hinaus eine abrundende Summe

vorschoss, drei Jahre fest, dann mit jähriger Kündigung. Daneben aber

verpflichteten sich die Väter den Junkern gegenüber mündlich aufs

feierlichste, die ganze Summe auf dem Edelgute stehenzulassen; es sei

eben nur ein rein formales Gesetz ihrer Ordensökonomie, Geld nicht

länger als auf drei Jahre auszutun.

Da begab es sich, dass die Väter jenes Hauses unversehens in ihrer

Vollzahl an das Ende der Welt geschickt wurden, wahrhaftig, ich glaube

nach Japan, und die an ihre Stelle tretenden begreiflicherweise nichts

von jenem mündlichen Versprechen ihrer Vorgänger wussten. Der

dreijährige Termin erfüllte sich, die neuen Väter kündigten die Schuld,

nach Jahresfrist konnten die Junker nicht zahlen, und es wurde gegen

sie verfahren.

Schon hatte sich das fromme Haus in den Besitz ihrer Felder gesetzt,

da gab es Lärm. Die tapfern Brüder polterten an alle Türen, auch an

die des Marschalls Boufflers, welcher sie als wackere Soldaten kannte

und schätzte. Er untersuchte den Handel mit Ernst und Gründlichkeit

nach seiner Weise. Der entscheidende Punkt war, dass die Brüder

behaupteten, von den frommen Vätern nicht allein mündliche

Beteuerungen, sondern, was sie völlig beruhigt und sorglos gemacht, zu

wiederholten Malen auch gleichlautende Briefe erhalten zu haben.

Diese Schriftstücke seien auf unerklärliche Weise verlorengegangen.

Wohl fänden sich in Briefform gefaltete Papiere mit gebrochenen,

übrigens leeren Siegeln, welche den Briefen der Väter zum Verwundern

glichen, doch diese Papiere seien unbeschrieben und entbehren jedes

Inhalts.

Dergestalt fand ich, eines Tages das Kabinett des Marschalls betretend,

denselben damit beschäftigt, in seiner genauen Weise jene blanken

Quadrate umzuwenden und mit der Lupe vorn und hinten zu betrachten.

Ich schlug ihm vor, mir die Blätter für eine Stunde anzuvertrauen, was

er mir mit ernsten Augen bewilligte.

Ihr schenktet, Sire, der Wissenschaft und mir einen botanischen Garten,

der Euch Ehre macht, und bautet mir im Grünen einen stillen Sitz für

mein Alter. Nicht weit davon, am Nordende, habe ich mir eine

geräumige chemische Küche eingerichtet, die Ihr einmal zu besuchen mir

versprachet. Dort unterwarf ich jene fragwürdigen Papiere wirksamen

und den gelehrten Vätern vielleicht noch unbekannten Agentien. Siehe

da, die erblichene Schrift trat schwarz an das Licht und offenbarte

das Schelmstück der Väter Jesuiten.

Der Marschall eilte mit den verklagenden Papieren stracks zu deiner

Majestät"--König Ludwig strich sich langsam die Stirn--"und fand dort

den Pater Lachaise, welcher aufs tiefste erstaunte über diese

Verirrung seiner Ordensbrüder in der Provinz, zugleich aber deiner

Majestät vorstellte, welche schreiende Ungerechtigkeit es wäre, die

Gedankenlosigkeit weniger oder eines einzelnen eine so zahlreiche,

wohltätige und sittenreine Gesellschaft entgelten zu lassen, und

dieser einzelne, der frühere Vorsteher jenes Hauses, habe überdies,

wie er aus verlässlichen Quellen wisse, kürzlich in Japan unter den

Heiden das Martyrium durch den Pfahl erlitten.

Wer am besten bei dieser Wendung der Dinge fuhr, das waren die vier

Junker. Die Hälfte der Schuld erliessen ihnen die verblüfften Väter,

die andere Hälfte tilgte ein Grossmütiger."

Der König, der es gewesen sein mochte, veränderte keine Miene.

"Dem Marschall dankte dann Père Lachaise insbesondere dafür, dass er

in einer bemühenden Sache die Herstellung der Wahrheit unternommen und

es seinem Orden erspart habe, sich mit ungerechtem Gute zu belasten.

Dann bat er ihn, der Edelmann den Edelmann, den Vätern sein Wohlwollen

nicht zu entziehen und ihnen das Geheimnis zu bewahren, was sich

übrigens für einen Marschall Boufflers von selbst verstehe.

Der geschmeichelte Marschall sagte zu, wollte aber wunderlicherweise

nichts davon hören, die verräterischen Dokumente herauszugeben oder

sie zu vernichten. Es fruchtete nichts, dass Père Lachaise ihn zuerst

mit den zartesten Wendungen versuchte, dann mit den bestimmtesten

Forderungen bestürmte. Nicht dass der Marschall im geringsten daran

gedacht hätte, sich dieser gefährlichen Briefe gegen die frommen Väter

zu bedienen; aber er hatte sie einmal zu seinen Papieren gelegt, mit

deren Aufräumen und Registrieren er das Drittel seiner Zeit zubringt.

In diesem Archive, wie er es nennt, bleibt vergraben, was einmal

drinnen liegt. So schwebte kraft der Ordnungsliebe und der genauen

Gewohnheiten des Marschalls eine immerwährende Drohung über dem Orden,

die derselbe dem Unvorsichtigen nicht verzieh. Der Marschall hatte

keine Ahnung davon und glaubte mit den von ihm geschonten Vätern auf

dem besten Fusse zu stehn.

Ich war anderer Meinung und liess es an dringenden Vorstellungen nicht

fehlen. Hart setzte ich ihm zu, seinen Knaben ohne Zögerung den

Jesuiten wegzunehmen, da der verbissene Hass und der verschluckte

Groll, welchen getäuschte Habgier und entlarvte Schurkerei unfehlbar

gegen ihren Entdecker empfinden, sich notwendigerweise über den Orden

verbreiten, ein Opfer suchen und es vielleicht, ja wahrscheinlich in

seinem unschuldigen Kinde finden würden. Er sah mich verwundert an,

als ob ich irre rede und Fabeln erzähle. Geradeheraus: entweder hat

der Marschall einen kurzen Verstand, oder er wollte sein gegebenes

Wort mit Prunk und Glorie selbst auf Kosten seines Kindes halten.

'Aber, Fagon', sagte er, 'was in aller Welt hat mein Julian mit dieser

in der Provinz begegneten Geschichte zu schaffen? Wo ist da ein

richtiger Zusammenhang? Wenn ihm übrigens die Väter ein bisschen

strenger auf die Finger sehen, das kann nichts schaden. Sie haben ihn

nicht übel verhätschelt. Ihnen jetzt den Knaben wegnehmen? Das wäre

unedel. Man würde plaudern, Gründe suchen, vielleicht die unreinliche

Geschichte ausgraben, und ich stünde da als ein Wortbrüchiger.' So sah

der Marschall nur den Nimbus seiner Ehre, statt an sein Kind zu denken,

das er vielleicht, solange es lebte, noch keines eingehenden Blickes

gewürdigt hatte. Ich hätte ihn für seinen Edelmut mit dieser meiner

Krücke prügeln können.

Es ging dann, wie es nicht anders gehen konnte. Nicht in auffallender

Weise, ohne Plötzlichkeit und ohne eigentliche Ungerechtigkeit liessen

die Väter Professoren den Knaben sinken, in welchem sie den Sohn eines

Mannes zu hassen begannen, der den Orden beleidigt habe. Nicht alle

unter ihnen, die bessern am wenigsten, kannten die saubere Geschichte,

aber alle wussten: Marschall Boufflers hat uns beschämt und geschädigt,

und alle hassten ihn.

Eine feine Giftluft schleichender Rache füllte die Säle des Collegiums.

Nicht nur jedes Entgegenkommen, sondern auch jede gerechte

Berücksichtigung hatten für Julian aufgehört. Das Kind litt. Täglich

und stündlich fühlte es sich gedemütigt, nicht durch lauten Tadel, am

wenigsten durch Scheltworte, welche nicht im Gebrauche der Väter sind,

sondern fein und sachlich, einfach dadurch, dass sie die Armut des

Blondkopfes nicht länger freundlich unterstützten und die geistige

Dürftigkeit nach verweigertem Almosen beschämt in ihrer Blösse

dastehen liessen. Jetzt begann das Kind, von einem verzweifelnden

Ehrgeiz gestachelt, seine Wachen zu verlängern, seinen Schlummer

gewalttätig abzukürzen, sein Gehirn zu martern, seine Gesundheit zu

untergraben--ich mag davon nicht reden, es bringt mich auf..."

Fagon machte eine Pause und schöpfte Atem.

Der König füllte dieselbe, indem er ruhig bemerkte: "Ich frage mich,

Fagon, wieviel Wirklichkeit alles dieses hat. Ich meine diese stille

Verschwörung gelehrter und verständiger Männer zum Schaden eines

Kindes und dieser brütende Hass einer ganzen Gesellschaft gegen einen

im Grunde ihr so ungefährlichen Mann, wie der Marschall ist, der sie

ja überdies ganz ritterlich behandelt hatte. Du siehst Gespenster,

Fagon. Du bist hier Partei und hast vielleicht, wer weiss, gegen den

verdienten Orden neben deinem ererbten Vorurteil noch irgendeine

persönliche Feindschaft."

"Wer weiss?" stammelte Fagon. Er hatte sich entfärbt, soweit er noch

erblassen konnte, und seine Augen loderten. Die Marquise wurde

ängstlich und berührte heimlich den Arm ihres Schützlings, ohne dass

er die warnende Hand gefühlt hätte. Frau von Maintenon wusste, dass

der heftige Alte, wenn er gereizt wurde, gänzlich ausser sich geriet

und unglaubliche Worte wagte, selbst dem Könige gegenüber, welcher

freilich dem langjährigen und tiefen Kenner seiner Leiblichkeit

nachsah, was er keinem andern so leicht vergeben hätte. Fagon

zitterte. Er stotterte unzusammenhängende Sätze, und seine Worte

stürzten durcheinander, wie Krieger zu den Waffen.

"Du glaubst es nicht, Majestät, Kenner der Menschenherzen, du glaubst

es nicht, dass die Väter Jesuiten jeden, der sie wissentlich oder

unwissentlich beleidigt, hassen bis zur Vernichtung? Du glaubst nicht,

dass diese Väter weder wahr noch falsch, weder gut noch böse kennen,

sondern nur ihre Gesellschaft?" Fagon schlug eine grimmige Lache auf.

"Du willst es nicht glauben, Majestät!

Sage mir, König, du Kenner der Wirklichkeit," raste Fagon abspringend

weiter, "da die Rede ist von der Glaubwürdigkeit der Dinge, kannst du

auch nicht glauben, dass in deinem Reiche bei der Bekehrung der

Protestanten Gewalt angewendet wird?"

"Diese Frage", erwiderte der König sehr ernsthaft, "ist die erste

deiner heutigen drei Freiheiten. Ich beantworte sie. Nein, Fagon.

Es wird, verschwindend wenige Fälle ausgenommen, bei diesen

Bekehrungen keine Gewalt angewendet, weil ich es ein für allemal

ausdrücklich untersagt habe und weil meinen Befehlen nachgelebt wird.

Man zwingt die Gewissen nicht. Die wahre Religion siegt gegenwärtig

in Frankreich über Hunderttausende durch ihre innere Überzeugungskraft."

"Durch die Predigten des Père Bourdaloue!" höhnte Fagon mit gellender

Stimme. Dann schwieg er. Entsetzen starrte aus seinen Augen über

diesen Gipfel der Verblendung, diese Mauer des Vorurteils, diese

gänzliche Vernichtung der Wahrheit. Er betrachtete den König und sein

Weib eine Weile mit heimlichem Grauen.

"Sire, meine nicht", fuhr er fort, "dass ich Partei bin und das Blut

meiner protestantischen Vorfahren aus mir spreche. Ich bin von einer

ehrwürdigen Kirche abgefallen. Warum? Weil ich, Gott vorbehalten,

von dem ich nicht lasse und der in meinen alten Tagen mich nicht

verlassen möge, über Religionen und Konfessionen samt und sonders

denke, wie jener lucrezische Vers... "

Weder der König noch Frau von Maintenon wussten von diesem Verse, aber

sie konnten vermuten, Fagon meine nichts Frommes.

"Kennt Ihr den Tod meines Vaters, Sire?" flüsterte Fagon. "Er ist ein

Geheimnis geblieben, aber Euch will ich es anvertrauen. Er war ein

sanfter Mann und nährte sich, sein Weib und seine Kinder, deren

letztes und sechstes ich Verwachsener war, in Auxerre von dem Verkaufe

seiner Latwergen redlich und kümmerlich; denn Auxerre hat eine gesunde

Luft und ein Schock Apotheken. Die glaubenseifrigen Einwohner, die

meinen Vater liebten, wollten ihm alles Gute und hätten ihn gern der

Kirche zurückgegeben, aber nicht mit Gewalt, denn Ihr habet es gesagt,

Sire, man zwingt die Gewissen nicht. Also verbrüderten sie sich, die

calvinistische Apotheke zu meiden. Mein Vater verlor sein Brot, und

wir hungerten. Die Väter Jesuiten taten dabei, wie überall, das Beste.

Da wurde sein Gewissen in sich selbst uneins. Er schwur ab. Weil

aber die scharfen calvinistischen Sätze ein Gehirn, dem sie in seiner

Kindheit eingegraben wurden, nicht so leicht wieder verlassen,

erschien sich der Ärmste bald als ein Judas, der den Herrn verriet,

und er ging hin wie jener und tat desgleichen."

"Fagon", sagte der König mit Würde, "du hast den armen Père Tellier

wegen einer geschmacklosen Rede über seinen Vater beschimpft und

redest selber so nackt und grausam von dem deinigen. Unselige Dinge

verlangen einen Schleier!"

"Sire", erwiderte der Arzt, "Ihr habet recht und seid für mich wie für

jeden Franzosen das Gesetz in Dingen des Anstandes. Freilich kann man

sich von gewissen Stimmungen hinreissen lassen, in dieser Welt der

Unwahrheit und ihr zum Trotz von einer blutigen Tatsache, und wäre es

die schmerzlichste, das verhüllende Tuch unversehens wegzuziehen...

Aber, Sire, wie vorzeitig habe ich die erste meiner Freiheiten

verbraucht, und wahrlich, mich gelüstet, gleich noch meine zweite zu

verwenden."

Die Marquise las in den veränderten Zügen des Arztes, dass sein Zorn

vorüber und nach einem solchen Ausbruche an diesem Abend kein Rückfall

mehr zu befürchten sei.

"Sire", sagte Fagon fast leichtsinnig, "habt Ihr Euern Untertan, den

Tiermaler Mouton, gekannt? Ihr schüttelt das Haupt. So nehme ich mir

die grosse Freiheit, Euch den wenig hoffähigen, aber in diese

Geschichte gehörenden Künstler vorzustellen, zwar nicht in Natur, mit

seinem zerlöcherten Hut, den Pfeifenstummel zwischen den Zähnen--ich

rieche seinen Knaster--, hemdärmelig und mit hangenden Strümpfen.

Überdies liegt er im Grabe. Ihr liebet die Niederländer nicht,

Sire, weder ihre Kirmessen auf der Leinwand noch ihre eigenen

ungebundenen Personen. Wisset, Majestät: Ihr habt einen Maler

besessen, einen Picarden, der sowohl durch die Sachlichkeit seines

Pinsels als durch die Zwanglosigkeit seiner Manieren die Holländer bei

weitem überholländerte.

Dieser Mouton, Sire, hat unter uns gelebt, seine grasenden Kühe und

seine in eine Staubwolke gedrängten Hammel malend, ohne eine blasse

Ahnung alles Grossen und Erhabenen, was dein Zeitalter, Majestät,

hervorgebracht hat. Kannte er deine Dichter? Nicht von ferne. Deine

Bischöfe und Prediger? Nicht dem Namen nach. Mouton hatte kein

Taufwasser gekostet. Deine Staatsmänner, Colbert, Lyonne und die

andern? Darum hat sich Mouton nie geschoren. Deine Feldherrn, Condé

mit dem Vogelgesicht, Turenne, Luxembourg und den Enkel der schönen

Gabriele? Nur den letztern, welchem er in Anet einen Saal mit

Hirschjagden von unglaublich frecher Mache füllte. Vendôme mochte

Mouton, und dieser nannte seinen herzoglichen Gönner in rühmender

Weise einen Viehkerl, wenn ich das Wort vor den Ohren der Majestät

aussprechen darf. Hat Mouton die Sonne unserer Zeit gekannt? Wusste

er von deinem Dasein, Majestät? Unglaublich zu sagen: den Namen,

welcher die Welt und die Geschichte füllt--vielleicht hat er nicht

einmal deinen Namen gewusst, wenn ihm auch, selten genug, deine

Goldstücke durch die Hände laufen mochten. Denn Mouton konnte nicht

lesen, so wenig als sein Liebling, der andere Mouton.

Dieser zweite Mouton, ein weiser Pudel mit geräumigem Hirnkasten und

sehr verständigen Augen, über welche ein schwarzzottiges Stirnhaar in

verworrenen Büscheln niederhing, war ohne Zweifel--in den Schranken

seiner Natur--der begabteste meiner drei Gäste: so sage ich, weil

Julian Boufflers, von dem ich erzähle, Mouton der Mensch und Mouton

der Pudel oft lange Stunden vergnügt bei mir zusammensassen.

Ihr wisset, Sire, die Väter Jesuiten sind freigebige Ferienspender,

weil ihre Schüler, den vornehmen, ja den höchsten Ständen angehörend,

öfters zu Jagden, Komödien oder sonstigen Lustbarkeiten, freilich

nicht alle, nach Hause oder anderswohin gebeten werden. So nahm ich

denn Julian, welcher von seinem Vater, dem Marschall, grundsätzlich

selten nach Hause verlangt wurde, zuweilen in Euern botanischen Garten

mit, wo Mouton, der sich unter Pflanzen und Tieren heimisch fühlte,

mich zeitweilig besuchte, irgendeine gelehrte Eule oder einen

possierlichen Affen mit ein paar entschiedenen Kreidestrichen auf das

Papier warf und wohl auch, wenn Fleiss und gute Laune vorhielten, mir

ein stilles Zimmer mit seinen scheuenden Pferden oder saufenden Kühen

bevölkerte. Ich hatte Mouton den Schlüssel einer Mansarde mit

demjenigen des nächsten Mauerpförtchens eingehändigt, um dem

Landstreicher eine Heimstätte zu geben, wo er seine Staffeleien und

Mappen unterbringe. So erschien und verschwand er bei mir nach seinem

Belieben.

Einmal an einem jener kühlen und erquicklichen Regensommertage, jener

Tage stillen, aber schnellen Wachstumes für Natur und Geist, sass ich

in meiner Bibliothek und blickte durch das hohe Fenster derselben über

einen aufgeschlagenen Folianten und meine Brille hinweg in die mir

gegenüberliegende Mansarde des Nebengebäudes, das Nest Moutons. Dort

sah ich einen blonden schmalen Knabenkopf in glücklicher Spannung

gegen eine Staffelei sich neigen. Dahinter nickte der derbe Schädel

Moutons, und eine behaarte Hand führte die schlanke des Jünglings.

Ausser Zweifel, da wurde eine Malstunde gegeben. Mouton der Pudel

sass auf einem hohen Stuhle mit rotem Kissen daneben, klug und

einverstanden, als billige er höchlich diese gute Ergötzung. Ich

markierte mein Buch und ging hinüber.

In meinen Filzstiefeln wurde ich von den lustig Malenden nicht gehört

und nur von Mouton dem Pudel wahrgenommen, der aber seinen Gruss, ohne

das Kissen zu verlassen, auf ein heftiges Wedeln beschränkte. Ich

liess mich still in einen Lehnstuhl nieder, um dem wunderlichsten

Gespräche beizuwohnen, welches je in Euerm botanischen Garten, Sire,

geführt wurde. Zuerst aber betrachtete ich aus meinem Winkel das Bild,

welches auf der Staffelei stand, den Geruch einatmend, den die flott

und freigebig gehandhabten Ölfarben verbreiteten. Was stellte es dar?

Ein Nichts: eine Abendstimmung, eine Flussstille, darin die

Spiegelung einiger aufgelöster roter Wölkchen und eines bemoosten

Brückenbogens. Im Flusse standen zwei Kühe, die eine saufend, die

andere, der auch noch das Wasser aus den Maulwinkeln troff beschaulich

blickend. Natürlich tat Mouton das Beste daran. Aber auch der Knabe

besass eine gewisse Pinselführung, welche nur das Ergebnis mancher

ohne mein Wissen mit Mouton vermalten Stunde sein konnte. Wie viel

oder wenig er gelernt haben mochte, schon die Illusion eines Erfolges,

die Teilnahme an einer genialen Tätigkeit, einem mühelosen und

glücklichen Entstehen, einer Kühnheit und Willkür der schöpferischen

Hand, von welcher wohl der Phantasielose sich früher keinen Begriff

gemacht hatte und die er als ein Wunder bestaunte, liess den Knaben

nach so vielen Verlusten des Selbstgefühls eine grosse Glückseligkeit

empfinden. Das wärmste Blut rötete seine keuschen Wangen, und ein

Eifer beflügelte seine Hand, dass nichts darüber ging und auch ich

eine helle väterliche Freude fühlte.

Inzwischen erklärte Mouton dem Knaben die breiten Formen und schweren

Gebärden einer wandelnden Kuh und schloss mit der Behauptung, es gehe

nichts darüber als die Gestalt des Stieres.

Diese sei der Gipfel der Schöpfung. Er sagte wohl, um genau zu sein,

der Natur, nicht der Schöpfung, denn die letztere kannte er nicht,

weder den Namen noch die Sache, da er verwahrlost und ohne Katechismus

aufgewachsen war.

Wenig Glück genügte, die angebotene Heiterkeit wie eine sprudelnde

Quelle aus dem Knaben hervorzulocken. Die Achtung Moutons vor dem

Hornvieh komisch findend, erzählte Julian unschuldig: 'Père Amiel hat

uns heute morgen gelehrt, dass die alten Ägypter den Stier göttlich

verehrten. Das finde ich drollig!'

'Sapperment', versetzte der Maler leidenschaftlich, 'da taten sie

recht. Gescheite Leute das, Viehkerle! Nicht wahr, Mouton? Wie?

Ich frage dich, Julian, ist ein Stierhaupt in seiner Macht und

drohenden Grösse nicht göttlicher--um das dumme Wort zu

gebrauchen--als ein Dreieck oder ein Tauber oder gar ein schales

Menschengesicht? Nicht wahr, Mouton? Das fühlst du doch selber,

Julian? Wenn ich sage: fades Menschengesicht, so rede ich unbeschadet

der Nase deines Père Amiel. Alle Achtung!' Mouton zeichnete, übrigens

ohne jeden Spott, mit einem frechen Pinselzug auf das Tannenholz der

Staffelei eine Nase, aber eine Nase, ein Ungeheuer von Nase, von

fabelhafter Grösse und überwältigender Komik.

'Man sieht', fuhr er dann in ganzem Ernste fort, 'die Natur bleibt

nicht stehen. Es würde sie ergötzen, zeitweilig etwas Neues zu

bringen. Doch das ist verspätet: die Vettel hat ihr Feuer verloren.'

'Père Amiel', meinte der Knabe schüchtern, 'wird der Natur nicht für

seine Nase danken, denn sie macht ihn lächerlich, und er hat

ihrethalber viel von meinen Kameraden auszustehen.l

'Das sind eben Buben', sagte Mouton grossmütig, 'denen der Sinn für

das Erhabene mangelt. Aber beiläufig, wie kommt es, Julian, dass ich,

neulich in deinem Schulhaus einen Besuch machend, um dir die Vorlagen

zu bringen, dich unter lauter Kröten fand? dreizehn--und

vierzehnjährigen Jüngelchen? Passt sich das für dich, dem der Flaum

keimt und der ein Liebchen besitzt?'

Dieser plötzliche Überfall rief den entgegengesetzten Ausdruck zweier

Gefühle auf das Antlitz des Jünglings: eine glückliche, aber tiefe

Scham und einen gründlichen Jammer, der überwog. Julian seufzte.

'Ich bin zurückgeblieben', lispelte er mit unwillkürlichem Doppelsinne.

'Dummheit!' schimpfte Mouton. 'Worin zurückgeblieben? Bist du nicht

mit deinen Jahren gewachsen und ein schlanker und schöner Mensch?

Wenn dir die Wissenschaften widerstehen, so beweist das deinen

gesunden Verstand. Meiner Treu! ich hätte mich als ein Bärtiger oder

wenigstens Flaumiger nicht unter die Buben setzen lassen und wäre auf

der Stelle durchgebrannt.'

'Aber Mouton', sagte der Knabe, 'der Marschall, mein Vater, hat es von

mir verlangt, dass ich noch ein Jahr unter den Kleinen sitzen bleibe.

Er hat mich darum gebeten, ihm diesen Gefallen zu tun.' Er sagte das

mit einem zärtlichen Ausdruck von Gehorsam und ehrfürchtiger Liebe,

der mich ergriff, obschon ich mich zu gleicher Zeit an dem die

kindliche Verehrung missbrauchenden Marschall ärgerte und auch darüber

höchst missmutig war, dass Julian, gegen mich und jedermann ein

hartnäckiger Schweiger, einem Mouton Vertrauen bewies, einem

Halbmenschen sich aufschloss. Mit Unrecht. Erzählen doch auch wir

Erwachsenen einem treuen Tiere, welches uns die Pfoten auf die Knie

legt, unsern tiefsten Kummer, und ist es nicht ein vernünftiger Trieb

aller von der Natur Benachteiligten, ihre Gesellschaft eher unten zu

suchen als bei ihresgleichen, wo sie sich als Geschonte und

Bemitleidete empfinden?

'Weisst du was', fuhr Mouton nach einer Pause fort, und der andere

Mouton spitzte die Ohren dazu, 'du zeichnest dein Vieh schon jetzt

nicht schlecht und lernst täglich hinzu. Ich nehme dich nach dem

Süden als meinen Gesellen. Ich habe da eine Bestellung nach Schloss

Grignan. Die Dingsda--wie heisst sie doch? das fette lustige

Weibsbild? richtig: die Sévigné!--schickt mich ihrem Schwiegersohn,

dem Gouverneur dort herum. Du gehst mit und nährst dich ausgiebig von

Oliven, bist ein freier loser Vogel, der flattert und pickt, wo er

will, blickst dein Lebtag in nichts Gedrucktes und auf nichts

Geschriebenes mehr und lässest den Marschall Marschall sein. Auch

dein blaues kühles vornehmes Liebchen bleibt dahinten. Meinst, ich

hätte dich nicht gesehen, Spitzbube, erst vorgestern, da der alte

Quacksalber in Versailles war, vor den Affen stehen, mit der alten

Kräuterschachtel und der grossen blauen Puppe? Für diese wird sich

schon ein brauner sonneverbrannter Ersatz finden.'

Dieses letzte Wort, welches noch etwas zynischer lautete, empörte mich,

wiewohl es den Knaben, wie ich ihn kannte, nicht beschädigen konnte.

Jetzt räusperte ich mich kräftig, und Julian erhob sich in seiner

ehrerbietigen Art, mich zu begrüssen, während Mouton, ohne irgendeine

Verlegenheit blicken zu lassen, sich begnügte in den Bart zu murmeln:

'Der' Mouton war von einer gründlichen Undankbarkeit.

Ich nahm den Knaben, während Mouton lustig fortpinselte, mit mir in

den Garten und fragte ihn, ob ihn wirklich der Zyniker in seinem

Collège aufgesucht hätte, was mir aus naheliegenden Gründen unangenehm

war. Julian bejahte. Es habe ihn etwas gekostet, sagte er aufrichtig,

unter seinen Mitschülern im Hofraum den Händedruck Moutons zu

erwidern, dem die nackten Ellbogen aus den Löchern seiner Ärmel und

die Zehen aus den Schuhen geguckt hätten, 'Aber', sagte er, 'ich tat

es und begleitete ihn auch noch über die Strasse; denn ich danke ihm

Unterricht und heitere Stunden und habe ihn auch recht lieb, ohne

seine Unreinlichkeit'.

So redete der Knabe, ohne weiter etwas daraus zu machen, und erinnerte

mich an eine Szene, die ich vor kurzem aus den obern, auf den

Spielplatz blickenden Arkaden des Collège, wohin man mich zu einem

kranken Schüler gerufen, beobachtet hatte und von welcher ich mich

lange nicht hatte trennen können. Unten war Fechtstunde, und der

Fechtmeister, ein alter benarbter Sergeant, der lange Jahre unter dem

Marschall gedient hatte, behandelte den Sohn seines Feldherrn, welcher

kurz vorher neben Kindern auf einer Schulbank gesessen, mit fast

unterwürfiger Ehrerbietung, als erwarte er Befehl, statt ihn zu geben.

Julian focht ausgezeichnet, ich hätte fast gesagt: er focht edel. Der

Knabe pflegte in den langen Stunden des Auswendiglernens das

Handgelenk mechanisch zu drehen, wodurch dasselbe ungewöhnlich

geschmeidig wurde. Dazu hatte er genauen Blick und sichern Ausfall.

So wurde er, wie gesagt, ein Fechter erster Klasse, wie er auch gut

und verständig ritt. Es lag nahe, dass der überall Gedemütigte diese

seine einzige Überlegenheit seine Kameraden fühlen liess, um ein

Ansehen zu gewinnen. Aber nein, er verschmähte es. Die in dieser

Körperübung Geschickten und Ungeschickten behandelte er, ihnen die

Klinge in der Hand gegenüberstehend, mit der gleichen Courtoisie, ohne

jemals mit jenen in eine hitzige Wette zu geraten oder sich über diese,

von welchen er sich zuweilen zu ihrer Ermutigung grossmütig stechen

liess, lustig zu machen. So stellte er auf dem Fechtboden in einer

feinen und unauffälligen Weise jene Gleichheit her, deren er selbst in

den Schulstunden schmerzlich entbehrte, und genoss unter seinen

Kameraden zwar nicht einen durch die Faust eroberten Respekt, sondern

eine mit Scheu verbundene Achtung seiner unerklärlichen Güte, die

freilich in ein der Jugend sonst unbekanntes aufrichtiges Mitleid mit

seiner übrigen Unbegabtheit verfloss. Die Ungunst des Glückes, welche

so viele Seelen verbittert, erzog und adelte die seinige.

Ich war mit Julian in Euerm Garten, Sire, lustwandelnd zu den Käfigen

gelangt, wo Eure wilden Tiere hinter Eisenstäben verwahrt werden.

Eben hatte man dort einen Wolf eingetan, der mit funkelnden Augen und

in schrägem, hastigem Gange seinen Kerker durchmass. Ich zeigte ihn

dem Knaben, welcher nach einem flüchtigen Blick auf die ruhelose

Bestie sich leicht schaudernd abwendete. Der platte Schädel, die

falschen Augen, die widrige Schnauze, die tückisch gefletschten Zähne

konnten erschrecken. Doch ich war die Furcht an dem Knaben, der schon

Jagden mitgemacht hatte, durchaus nicht gewohnt. 'Ei, Julian, was ist

dir?' lächelte ich, und dieser erwiderte befangen: 'Das Tier mahnt

mich an jemand--', liess dann aber die Rede fallen, denn wir

erblickten auf geringe Entfernung ein vornehmes weibliches Paar, das

unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nahm: eine purzlige Alte und ein

junges Mädchen, die erstere die Gräfin Mimeure--Ihr erinnert Euch

ihrer, Sire, wenn sie auch seit Jahrzehnten den Hof meidet, nicht aus

Nachlässigkeit, denn sie verehrt Euch grenzenlos, sondern weil sie,

wie sie gesagt, mit ihren Runzeln Euern Schönheitssinn nicht

beleidigen will. Garstig und witzig und wie ich an einem Krückenstock

gehend, ein originelles und wackeres Geschöpf, war sie mir eine

angenehme Erscheinung.

'Guten Tag, Fagon!' rief sie mir entgegen. 'Ich betrachte deine

Kräuter und komme dich um ein paar Rhabarbersträuche zu bitten für

meinen Garten zu Neuilly; du weisst, ich bin ein Stück von einer

Ärztin!', und sie nahm meinen Arm. 'Begrüsset euch, ihr Jugenden!

Tun sie, als hätten sie sich nie gesehen!'

Julian, der schüchterne, begrüsste das Mädchen, welches ihm die

Fingerspitzen bot, ohne grosse Verlegenheit, was mich wunderte und

freute. 'Mirabelle Miramion', nannte sie mir die Gräfin, 'ein

prächtiger Name, nicht wahr, Fagon?' Ich betrachtete das schöne Kind,

und mir fiel gleich jenes 'blaue Liebchen' ein, mit welchem Mouton den

Knaben aufgezogen. In der Tat, sie hatte grosse blaue, flehende Augen,

eine kühle, durchsichtige Farbe und einen kaum vollendeten Wuchs, der

noch nichts als eine zärtliche Seele ausdrückte.

Mit einer kindlichen, glockenhellen Stimme, welche zum Herzen ging,

begann sie, da mich ihr die Gräfin als den Leibarzt des Königs

vorstellte, folgendermassen: 'Erster der Ärzte und Naturforscher, ich

verneige mich vor Euch in diesem weltberühmten Garten, welchen Euch

die Huld des mächtigsten Herrschers, der dem Jahrhundert den Namen

gibt, in seiner volkreichen und bewundernswerten Hauptstadt gebaut hat.'

Ich wurde so verblüfft von dieser weitläufigen verblühten Rhetorik

in diesem kleinen lenzfrischen Munde, dass ich der Alten das Wort

liess, welche gutmütig verdriesslich zu schelten begann: 'Lass es gut

sein, Bellchen. Fagon schenkt dir das übrige. Unter Freunden,

Kind--denn Fagon ist es und kein Spötter--, wie oft hab' ich dich

schon gebeten in den drei Wochen, da ich dich um mich habe, von diesem

verwünschten gespreizten provinzialen Reden abzulassen. So spricht

man nicht. Dieser hier ist nicht der erste der Ärzte, sondern

schlechthin Herr Fagon. Der botanische Garten ist kurzweg der

botanische Garten, oder der Kräutergarten, oder der königliche Garten.

Paris ist Paris und nicht die Hauptstadt, und der König begnügt sich

damit, der König zu sein. Merke dir das.' Der Mund des Mädchens

öffnete sich schmerzlich, und ein Tränchen rieselte über die blühende

Wange.

Da wendete sich zu meinem Erstaunen Julian in grosser Erregung gegen

die Alte. 'Um Vergebung, Frau Gräfin!' sprach er kühn und heftig.

'Die Rhetorik ist eine geforderte, unentbehrliche Sache und schwierig

zu lernen. Ich muss das Fräulein bewundern, wie reich sie redet, und

Père Amiel, wenn er sie hörte--'

'Père Amiel!'--die Gräfin brach in ein tolles Gelächter aus, bis sie

das Zwerchfell schmerzte--, 'Père Amiel hat eine Nase! aber eine Nase!

eine Weltnase! Stelle dir vor, Fagon, eine Nase, welche die des Abbé

Genest beschämt! Was ich im Collège zu schaffen hatte? Ich holte

dort meinen Neffen ab--du weisst, Fagon, ich habe die Kinder von zwei

verstorbenen Geschwistern auf dem Halse--meinen Neffen, den

Guntram--armer, armer Junge!--und wurde, bis Père Tellier, der

Studienpräfekt, zurückkäme, in die Rhetorik des Père Amiel geführt. O

Gott! o Gott!' Die Gräfin hielt sich den wackelnden Bauch. 'Hab' ich

gelitten an verschlucktem Lachen! Zuerst das sich ermordende römische

Weibsbild! Der Pater erdolchte sich mit dem Lineal. Dann verzog er

süss das Maul und hauchte: 'Paete, es schmerzt nicht!' Aber was wollte

das heissen gegen die sterbende Cleopatra mit der Viper! Der Père

setzte sich das Lineal an die linke Brustwarze und liess die Äuglein

brechen. Dass du das nicht gesehen hast, Fagon!... Ih!' kreischte

sie plötzlich, dass es mir durch Mark und Bein ging, 'da ist ja auch

Père Tellier!', und sie deutete auf den Wolf, von welchem wir uns

nicht über zwanzig Schritte entfernt hatten. 'Wahrhaftig, Père

Tellier, wie er leibt und lebt! Gehen wir weg von deinen garstigen

Tieren, Fagon, zu deinen wohlriechenden Pflanzen! Gib mir den Arm,

Julian!'

'Frau Gräfin erlauben', fragte dieser, 'warum nanntet Ihr den Guntram

einen armen Jungen, ihn, der jetzt den Lilien folgt, wenn er nicht

schon die Ehre hat, die Fahne des Königs selbst zu tragen?'

'Ach, ach!' stöhnte die Gräfin mit plötzlich verändertem Gesichte, und

den Tränen des Gelächters folgten die gleichfarbigen des Jammers,

'warum ich den Guntram einen armen Jungen nannte? Weil er gar nicht

mehr vorhanden ist, Julian, weggeblasen! Dazu bin ich in den Garten

gekommen, wo ich dich vermutete, um dir zu sagen, dass Guntram

gefallen ist, denke dir, am Tag nach seiner Ankunft beim Heer. Er

wurde gleich eingestellt und führte eine Patrouille so tollkühn und

unnütz vor, dass ihn eine Stückkugel zerriss, nicht mehr nicht weniger

als den weiland Marschall Turenne. Stelle dir vor, Fagon: der Junge

hatte noch nicht sein sechzehntes erreicht, strebte aber aus dem

Collège, wo er rasch und glücklich lernte, wachend und träumend nach

der Muskete. Und dabei war er kurzsichtig, Fagon, du machst dir

keinen Begriff. So kurzsichtig, dass er auf zwanzig Schritte nichts

vor sich hatte als Nebel. Natürlich haben ich und alle Vernünftigen

ihm den Degen ausgeredet--nutzte alles nichts, denn er ist ein

Starrkopf erster Härte. Ich stritt mich mütterlich mit dem Jungen

herum, aber eines schönen Tages entlief er und rannte zu deinem Vater,

Julian, der eben in den Wagen stieg, um sein niederländisches Commando

zu übernehmen. Dieser befragte das Kind, wie er mir jetzt selbst

geschrieben hat, ob es unter einem väterlichen Willen stünde, und als

der Junge verneinte, liess ihn der Marschall in seinem Reisezuge

mitreiten. Nun fault der kecke Bube dortüben'--sie wies nördlich--'in

einem belgischen Weiler. Aber die schmalen Erbteile seiner fünf

Schwestern haben sich ein bisschen gebessert.'

Ich las auf dem Gesichte Julians, wie tief und verschiedenartig ihn

der Tod seines Gespielen bewegte. Jenen hatte der Marschall in den

Krieg genommen und sein eigenes Kind auf einer ekeln Schulbank sitzen

lassen. Doch der Knabe glaubte so blindlings an die Gerechtigkeit

seines Vaters, auch wenn er sie nicht begriff, dass die Wolke rasch

über die junge Stirn wegglitt und einem deutlichen Ausdruck der Freude

Raum gab.

'Du lachst, Julian?' schrie die Alte entsetzt.

'Ich denke', sagte dieser bedächtig, als kostete er jedes Wort auf der

Zunge, 'der Tod für den König ist in allen Fällen ein Glück.'

Diese ritterliche, aber nicht lebenslustige Maxime und der unnatürlich

glückliche Ton, in welchem der Knabe sie aussprach, beelendete die

gute Gräfin. Ein halbverschluckter Seufzer bezeugte, dass sie das

Leiden des Knaben und seine Mühe zu leben wohl verstand. 'Begleite

Mirabellen, Julian', sagte sie, 'und geht uns voraus, dorthin nach den

Palmen, nicht zu nahe, denn ich habe mit Fagon zu reden, nicht zu fern,

damit ich euch hüte.'

'Wie schlank sie schreiten!' flüsterte die Alte hinter den sich

Entfernenden. 'Adam und Eva! Lache nicht, Fagon! Ob das Mädchen

Puder und Reifrock trägt, wandeln sie doch im Paradiese, und auch

unschuldig sind sie, weil eine leidenvolle Jugend auf ihnen liegt und

sie die reine Liebe empfinden lässt, ohne den Stachel ihrer Jahre.

Mich beleidigt nicht, was mir sonst missfällt, dass das Mädel ein paar

Jahre und Zolle'--sie übertrieb--'mehr hat als der Junge. Wenn die

nicht zusammengehören!

Es ist eine lächerliche Sache mit dem Mädchen, Fagon, und ich sah, wie

es dich verblüffte, da du von dem schönen Kinde so geschmacklos

angeredet wurdest. Und doch ist dieser garstige Höcker ganz natürlich

gewachsen. Meine Schwester, die Vicomtesse, Gott habe sie selig, sie

war eine Kostbare, eine Précieuse, die sich um ein halbes Jahrhundert

verspätet hatte, und erzog das Mädchen in Dijon, wo ihr Mann dem

Parlamente und sie selbst einem poetischen Garten vorsass, mit den

Umschreibungen und Redensarten des weiland Fräuleins von Scudéry. Es

gelang ihr, dem armen folgsamen Kinde den Geschmack gründlich zu

verderben. Ich wette'--und sie wies mit ihrer Krücke auf die zweie,

welche, aus den sich einander zärtlich, aber bescheiden zuneigenden

Gestalten zu schliessen, einen seligen Augenblick genossen--, 'jetzt

plaudert sie ganz harmlos mit dem Knaben, denn sie hat eine einfache

Seele und ein keusches Gemüt. Die Luft, die sie aushaucht, ist reiner

als die, welche sie einatmet. Aber geht sie dann morgen mit mir in

Gesellschaft und kommt neben ein grosses Tier, einen Erzbischof oder

Herzog, zu sitzen, wird sie von einer tödlichen Furcht befallen, für

albern oder nichtig zu gelten, und behängt ihre blanke Natur aus

reiner Angst mit dem Lumpen einer geflickten Phrase. So wird die

Liebliche unter uns, die wir klar und kurz reden, gerade zu dem, was

sie fürchtet, zu einer lächerlichen Figur. Ist das ein Jammer, und

werde ich Mühe haben, das Kind zurecht zu bringen! Und der Julian,

der dumme Kerl, der sie noch darin bestärkt!

Uff!' keuchte die Gräfin, die das Gehen an der Krücke ermüdete, und

liess sich schwer auf die Steinbank nieder in dem Rondell von Myrten

und Lorbeeren, wo, Sire, Eure Büste steht.

'Von dem Knaben zu reden, Fagon', begann sie wieder, 'den musst du mir

ohne Verzug von der Schulbank losmachen. Es war empörend, ich sage

dir, empörend, Fagon, ihn unter den jungen sitzen zu sehen. Der

Marschall, dieser schreckliche Pedant, würde ihn bei den Jesuiten

verschimmeln lassen! Nur damit er seine Klassen beendige! Bei den

Jesuiten, Fagon! Ich habe dem Père Amiel auf den Zahn gefühlt. Ich

kitzelte ihn mit seiner Mimik. Er ist ein eitler Esel, aber er hat

Gemüt. Er beklagte den Julian und liess dabei einfliessen, sehr

behutsam, doch deutlich genug: der Knabe wäre bei den Vätern schlecht

aufgehoben. Diese seien die besten Leute von der Welt, nur etwas

empfindlich, und man dürfe sie nicht reizen. Der Marschall sei ihnen

auf die Füsse getreten: der neue Studienpräfekt aber lasse mit der

Ehre des Ordens nicht spassen und gebe dem Kinde die Schuld des Vaters

zu kosten. Dann erschrak er über seine Aufrichtigkeit, blickte um

sich und legte den Finger auf den Mund.

Ich nahm die Knaben mit: den Guntram, unsern Julian, der mit ihm

irgendein Geheimnis hatte, und noch einen dritten Freund, den Victor

Argenson, diesen zu meiner eigenen Ergötzung, denn er ist voller

Mutwille und Gelächter.

An jenem Abend trieb er es zu toll. Er und Guntram quälten Mirabellen,

die ich schon zu Mittag für eine ellenlange Phrase gezankt hatte, bis

aufs Blut. 'Schön ausgedrückt, Fräulein Mirobolante', spotteten sie,

'aber noch immer nicht schön genug! Noch eine Note höher!' und so

fort. Julian verteidigte das Mädchen, so gut er konnte, und vermehrte

nur das Gelächter. Plötzlich brach die Misshandelte in strömende

Tränen aus, und ich trieb die Rangen in den grossen Saal, wo ich mit

ihnen ein Ballspiel begann. Nach einer Weile Julian und Mirabellen

suchend, fand ich sie im Garten, wo sie auf einer stillen Bank

zusammensassen: Amor und Psyche. Sie erröteten, da ich sie

überraschte, nicht allzusehr.

Merke dir's, Fagon, der Julian ist jetzt mein Adoptivkind, und wenn du

ihn nicht von den Vätern befreiest und ihm ein mögliches Leben

verschaffst, meiner Treu! dann stelze ich an dieser Krücke nach

Versailles und bringe trotz meiner Runzeln die Sache an den hier!',

und sie wies auf deine lorbeerbekränzte Büste, Majestät.

Die Alte plauderte mir noch hundert Dinge vor, während ich beschloss,

sobald sie sich verabschiedet hätte, mit dem Knaben ein gründliches

Wort zu reden.

Er und das Mädchen erschienen dann wieder, still strahlend. Der Wagen

der Gräfin wurde gemeldet, und Julian begleitete die Frauen an die

Pforte, während ich meine Lieblingsbank vor der Orangerie aufsuchte.

Ich labte mich an dem feinen Dufte. Mouton, einen lästerlichen

Knaster dampfend und die Hände in den Taschen, schlenderte ohne Gruss

an mir vorüber. Er pflegte seine Abende ausserhalb des Gartens in

einer Schenke zu beschliessen. Mouton der Pudel dagegen empfahl sich

mir heftig wedelnd. Ich bin gewiss, das kluge Tier erriet, dass ich

seinen Meister gern dem Untergang entrissen hätte, denn Mouton der

Mensch soff gebranntes Wasser, was zu berichten ich vergessen oder vor

der Majestät mich geschämt habe.

Der Knabe kam zurück, weich und glücklich. 'Lass mich einmal sehen,

was du zeichnest und malst', sagte ich. 'Es liegt ja wohl alles auf

der Kammer Moutons.' Er willfahrte und brachte mir eine volle Mappe.

Ich besah Blatt um Blatt. Seltsamer Anblick, diese Mischung zweier

ungleichen Hände: Moutons freche Würfe von der bescheidenen Hand des

Knaben nachgestammelt und--leise geadelt! Lange hielt ich einen

blauen Bogen, worauf Julian einige von Mouton in verschiedenen

Flügelstellungen mit Hilfe der Lupe gezeichnete Bienen unglaublich

sorgfältig wiedergegeben. Offenbar hatte der Knabe die Gestalt des

Tierchens liebgewonnen. Wer mir gesagt hätte, dass die Zeichnung

eines Bienchens den Knaben töten würde!

Zuunterst in der Mappe lag noch ein unförmlicher Fetzen, worauf Mouton

etwas gesudelt hatte, was meine Neugierde fesselte. 'Das ist nicht

von mir, sagte Julian, 'es hat sich angehängt.' Ich studierte das

Blatt, welches die wunderliche Parodie einer ovidischen Szene enthielt:

jener, wo Pentheus rennt, von den Mänaden gejagt, und Bacchus, der

grausame Gott, um den Flüchtenden zu verderben, ein senkrechtes

Gebirge vor ihm in die Höhe wachsen lässt. Wahrscheinlich hatte

Mouton den Knaben, der zuweilen seinen Aufgaben in der Malkammer oblag,

die Verse Ovids mühselig genug übersetzen hören und daraus seinen

Stoff geschöpft. Ein Jüngling, unverkennbar Julian in allen seinen

Körperformen, welche Moutons Malerauge leichtlich besser kannte als

der Knabe selbst, ein schlanker Renner, floh, den Kopf mit einem

Ausdrucke tödlicher Angst nach ein paar ihm nachjagenden Gespenstern

umgewendet. Keine Bacchantinnen, Weiber ohne Alter, verkörperte

Vorstellungen, Ängstigungen, folternde Gedanken--eines dieser

Scheusale trug einen langen Jesuitenhut auf dem geschorenen Schädel

und einen Folianten in der Hand--und erst die Felswand, wüst und

unerklimmbar, die vor dem Blicke zu wachsen schien, wie ein finsteres

Schicksal!

Ich sah den Knaben an. Dieser betrachtete das Blatt ohne Widerwillen,

ohne eine Ahnung seiner möglichen Bedeutung. Auch Mouton mochte sich

nicht klargemacht haben, welches schlimme Omen er in genialer

Dumpfheit auf das Blatt hingeträumt hatte. Ich steckte dasselbe

unwillkürlich, um es zu verbergen, in die Mitte der Blätterschicht,

bevor ich diese in die Mappe schob.

'Julian', begann ich freundlich, 'ich beklage mich bei dir, dass du

mir Mouton vorgezogen hast, ihn zu deinem Vertrauten machend, während

du dich gegen mein Wohlwollen, das du kennst, in ein unbegreifliches

Schweigen verschlossest. Fürchtest du dich, mir dein Unglück zu sagen,

weil ich imstande bin, dasselbe klar zu begrenzen und richtig zu

beurteilen, und du vorziehst, in hoffnungslosem Brüten dich zu

verzehren? Das ist nicht mutig.'

Julian verzog schmerzlich die Brauen. Aber noch einmal spielte ein

Strahl der heute genossenen Seligkeit über sein Antlitz. 'Herr Fagon',

sagte er halb lächelnd, 'eigentlich habe ich meinen Gram nur dem

Pudel Mouton erzählt.'

Dieses artige Wort, welches ich ihm nicht zugetraut hätte, überraschte

mich. Der Knabe deutete meine erstaune Miene falsch. Er glaubte sich

missredet zu haben. 'Fraget mich, Herr Fagon', sagte er, 'ich

antworte Euch die Wahrheit.'

'Du hast Mühe zu leben?'

'Ja, Herr Fagon.'

'Man hält dich für beschränkt, und du bist es auch, doch vielleicht

anders, als die Leute meinen.' Das harte Wort war gesprochen.

Der Knabe versenkte den Blondkopf in die Hände und brach in

schweigende Tränen aus, welche ich erst bemerkte, da sie zwischen

seinen Fingern rannen. Nun war der Bann gebrochen.

'Ich will Euch meine Kümmernis erzählen, Herr Fagon', schluchzte er,

das Antlitz erhebend.

'Tue das, mein Kind, und sei gewiss, dass ich dich jetzt, da wir

Freunde sind, verteidigen werde wie mich selbst. Niemand wird dir

künftig etwas anhaben, weder du noch ein anderer! Du wirst dich

wieder an Luft und Sonne freuen und dein Tagewerk ohne Grauen beginnen.'

Der Knabe glaubte an mich und fasste mit hoffenden Augen Vertrauen.

Dann begann er sein Leid zu erzählen, halb schon wie ein vergangenes:

'Einen schlimmen Tag habe ich gelebt, und die übrigen waren nicht viel

besser. Es war an einem Herbsttage, dass ich mit Guntram zu seinem

Ohm, dem Comtur, nach Compiègne fuhr. Wir wollten uns dort im

Schiessen üben, für uns beide ein neues Vergnügen und eine Probe

unserer Augen.

Wir hatten ein leichtes Zweigespann, und Guntram unterhielt mich in

einer Staubwolke von seiner Zukunft. Diese könne nur eine

militärische sein. Zu anderem habe er keine Lust. Der Comtur empfing

uns weitläufig, aber Guntram hielt nicht Ruhe, bis wir auf Distanz vor

der Scheibe standen. Keinen einzigen Schuss brachte er hinein. Denn

er ist kurzsichtig wie niemand. Er biss sich in die Lippe und regte

sich schrecklich auf. Dadurch wurde auch seine Hand unsicher, während

ich ins Schwarze traf, weil ich sah und zielte. Der Comtur wurde

abgerufen, und Guntram schickte den Bedienten nach Wein. Er leerte

einige Gläser, und seine Hand fing an zu zittern. Mit

hervorquellenden Augen und verzerrtem Gesichte schleuderte er seine

Pistole auf den Rasen, hob sie dann wieder auf, lud sie, lud auch die

meinige und verlor sich mit mir in das Dickicht des Parkes.

Auf einer Lichtung hob er die eine und bot mir die andere. 'Ich mache

ein Ende!' schrie er verzweifelt. Ich bin ein Blinder, und die taugen

nicht ins Feld, und wenn ich nicht ins Feld tauge, will ich nicht

leben! Du begleitest mich! Auch du taugst nicht ins Leben, obwohl du

beneidenswert schiessest, denn du bist der grösste Dummkopf, das

Gespötte der Welt!' 'Und Gott?' fragte ich. 'Ein hübscher Gott',

hohnlachte er und zeigte dem Himmel die Faust, 'der mir Kriegslust und

Blindheit und dir einen Körper ohne Geist gegeben hat!' Wir rangen,

ich entwaffnete ihn, und er schlug sich in die Büsche.

Seit jenem Tage war ich ein Unglücklicher, denn Guntram hatte

ausgesprochen, was ich wusste, aber mir selbst verhehlte, so gut es

gehen wollte. Stets hörte ich das Wort Dummkopf hinter mir flüstern,

auf der Strasse wie in der Schule, und meine Ohren schärften sich, das

grausame Wort zu vernehmen. Es mag auch sein, dass meine Mitschüler,

über welche ich sonst nicht zu klagen habe, wenn sie sich ausser dem

Bereiche meines Ohres glauben, kürzehalber mich so nennen. Sogar das

Semmelweib mit den verschmitzten Runzeln, die Lisette, welche vor dem

Collège ihre Ware vertreibt, sucht mich zu betrügen, oft recht plump,

und glaubt es zu dürfen, weil sie mich einen Dummen nennen hört. Und

doch hangt an der Mauer des Collège Gott der Heiland, der in die Welt

gekommen ist, um Gerechtigkeit gegen alle und Milde gegen die

Schwachen zu lehren.' Er schwieg und schien nachzudenken.

Dann fuhr er fort: 'Ich will mich nicht besser machen, Herr Fagon, als

ich bin. Auch ich habe meine bösen Stunden. Bei keinem Spiele würde

ich Sonne und Schatten ungerecht verteilen, und wie kann Gott bei dem

irdischen Wettspiel einem einzelnen Bleigewichte anhängen und ihm dann

zurufen: 'Dort ist das Ziel: lauf mit den andern!' Oft, Herr Fagon,

habe ich vor dem Einschlafen die Hände gefaltet und den lieben Gott

brünstig angefleht, er möge, was ich eben mühselig erlernt, während

des Schlafes in meinem Kopfe wachsen und erstarken lassen, was ja die

blosse Natur den andern gewährt. Ich wachte auf und hatte alles

vergessen, und die Sonne erschreckte mich.

'Vielleicht', flüsterte er scheu, 'tue ich dem lieben Gott Unrecht.

Er hülfe gern, gütig wie er ist, aber er hat wohl nicht immer die

Macht. Wäre das nicht möglich, Herr Fagon? Wurde es dann allzu arg,

besuchte mich die Mutter im Traum und sagte mir: 'Halt aus, Julian! Es

wird noch gut!'

Diese unglaublichen Nativitäten und kindischen Widersprüche zwangen

mich zu einem Lächeln, welches ein Grinsen sein mochte. Der Knabe

erschrak über sich selbst und über mich. Dann sagte er, als hätte er

schon zu lange gesprochen, hastig, nicht ohne einige Bitterkeit, denn

die Zuversicht hatte ihn im Laufe seiner Erzählung wieder verlassen:

'Nun weiss jedermann, dass ich dumm bin, selbst der König, und diesem

hätte ich es so gerne verheimlicht'--Julian mochte auf jenen Marly

anspielen--, 'einzig meinen Vater ausgenommen, der nicht daran glauben

will.'

'Mein Sohn', sagte ich und legte die Hand auf seine schlanke Schulter,

'ich philosophiere nicht mit dir, Willst du mir aber glauben, so trage

ich dich durch die Wellen. Wie du bist, ich werde dich in den Port

bringen. Zwar du wirst trotz deines schönen Namens kein Heer und

keine Flotte führen, aber du wirst auch keine Schlacht leichtsinnig

verlieren zum Schaden deines Königs und deines Vaterlandes. Dein Name

wird nicht wie der deines Vaters in unsern Annalen stehen, aber im

Buche der Gerechten, denn du kennst die erste Seligpreisung, dass das

Himmelreich den Armen im Geiste gehört.

Merk auf! Der erste Punkt ist: du gehst ins Feld und kämpfst in

unsern Reihen für den König und das jetzt so schwer bedrohte

Frankreich. Im Kugelregen wirst du erfahren, ob du leben darfst.

Dass du bald hineinkommst, dafür sorge ich. Du bleibst oder du kehrst

heim mit dem Selbstvertrauen eines Braven. Ohne Selbstvertrauen kein

Mann. Niemand wird dir leicht ins Angesicht spotten. Dann wirst du

ein einfacher Diener deines Königs und erfüllst deine Pflicht aufs

strengste, wie es in dir liegt. Du hast Ehre und Treue, und deren

bedarf die Majestät. Unter denen, die sie umgeben, ist kein Überfluss

daran. Marstall, Jagd oder Wache, ein Dienst wird sich finden, wie du

ihn zu verrichten verstehst. Deine Geburt wird dich statt des eigenen

Verdienstes vor andern begünstigen: das mache dich demütig. Die

Majestät, wenn sie sich im Rate müde gearbeitet hat, liebt es, ein

zwangloses Wort an einen Schweigsamen und unbedingt Getreuen zu

richten. Du bist zu einfach, um dich in eine Intrige zu mischen;

dafür wird dich keine Intrige zugrunde richten. Man wird, wie die

Welt ist, hinter deinem Rücken höhnen und spotten, aber du blickst

nicht um. Du wirst gütig und gerecht sein mit deinen Knechten und

keinen Tag beendigen ohne eine Wohltat. Im übrigen: verzichte!'

Der Knabe blickte mich mit gläubigen Augen an. 'Das sind Worte des

Evangeliums', sagte er.

'Verzichtet nicht jedermann', scherzte ich, 'selbst deine Gönnerin,

Frau von Maintenon, selbst der König auf einen Schmuck oder eine

Provinz? Habe ich, Fagon, nicht ebenfalls verzichtet, vielleicht

bitterer als du, wenn auch auf meine eigene Weise? Verwaist, arm, mit

einem elenden Körper, der sich gerade in deinen Jahren von Tag zu Tag

verwuchs und verbog, habe ich nicht eine strenge Muse gewählt, die

Wissenschaft? Glaubst du, ich hatte kein Herz, keine Sinne? Ein

zärtliches Herzchen, Julian!--und entsagte ein für allemal dem

grössten Reiz des Daseins, der Liebe, welche deinem schlanken Wuchse

und deinem leeren Blondkopf nur so angeworfen wird!'"

Fagon trug, was ihn vielleicht in seiner Jugend schwer bedrängt hatte,

mit einem so komischen Pathos vor, dass es den König belustigte und

der Marquise schmeichelte.

"Ich begleitete Julian bis an die Pforte und zog ihn mit Mirabellen

auf. 'Ihr habt rasch gemacht', sagte ich, 'Es ist so gekommen',

antwortete er unbefangen. 'Man hat sie mit dem Geiste gequält, sie

weinte, und da fasste ich ein Vertrauen. Auch gleicht sie meiner

Mutter.'

Eine Arie aus irgendeiner verschollenen Oper meiner Jugendzeit

trällernd, die einzige, deren ich mächtig bin, kehrte ich zu meiner

Bank vor der Orangerie zurück. 'Er muss gleich ins Feld', sagte ich

mir. Wenig fehlte, ich schlug ihm vor: ohne weiteres eines meiner

Rosse zu satteln und stracks an die Grenze zum Heere zu jagen; aber

dieser kühne Ungehorsam hätte den Knaben nicht gekleidet. Überdies

wusste man, dass der Marschall für einmal nur die Grenzen sicherte und

die Festungen in Flandern instand setzte, um vor einer entscheidenden

Schlacht nach Versailles zurückzukehren und die endgültigen Befehle

deiner Majestät zu empfangen. Dann wollte ich ihn fassen.

Als ich, die liegengebliebene Mappe noch einmal öffnend, den Inhalt

zurechtschüttelte, da, siehe! lag der Pentheus mit der grausigen

Felswand obenauf, den ich geschworen hätte in die Mitte der Blätter

geschoben zu haben...

Wenig später begab es sich, dass Mouton der Pudel, in dem Gedränge der

Rue Saint-Honoré seinen Herrn suchend, verkarrt wurde. Er schläft in

deinem Garten, Majestät, wo ihn Mouton der Mensch unter einer Catalpa

beerdigte und mit seinem Taschenmesser in die Rinde des Baumes schnitt:

'II Moutons'.

Und wirklich lag er bald neben seinem Pudel. Es war Zeit. Der Trunk

hatte ihn unterhöhlt, und sein Verstand begann zu schwanken. Ich

beobachtete ihn mitunter aus meinem Bibliothekfenster, wie er in

seiner Kammer vor der Staffelei sass und nicht nur vernehmlich mit dem

Geiste seines Pudels plauderte, sondern auch mit hündischer Miene

gähnte oder schnellen Maules nach Fliegen schnappte, ganz in der Art

seines abgeschiedenen Freundes. Eine Wassersucht zog ihn danieder.

Es ging rasch, und als ich eines Tages an sein Lager trat, in der Hand

einen Löffel voll Medizin, drehte er seinem Wohltäter mit einem

unaussprechlichen Worte den Rücken, kehrte das Gesicht gegen die Wand

und war fertig.

Es begab sich ferner, dass der Marschall aus dem Felde nach Versailles

zurückkehrte. Da sein Aufenthalt kein langer sein konnte, ergriff ich

den Augenblick. Ich war entschlossen, Julian an der Hand, vor ihn zu

treten und ihm die ganze Wahrheit zu sagen.

Ich fuhr bei den Jesuiten vor. In der Nähe der Hauptpforte hielt das

von den Dienern kaum gebändigte feurige Viergespann des Marschalls,

Julian erwartend, um den Knaben rasch nach Versailles zu bringen. Das

Tor des Jesuitenhauses öffnete sich, und Julian wankte heraus, in

welchem Zustande! Das Haupt vorfallend, den Rücken gebrochen, die

Gestalt geknickt, auf unsichern Füssen, den Blick erloschen, während

die Augen Victor Argensons, welcher den Freund führte, loderten wie

Fackeln. Die verblüfften Diener in ihren reichen Livreen beeiferten

sich, ihren jungen Herrn rasch und behutsam in den Wagen zu heben.

Ich sprang aus dem meinigen, den Knaben von einer tückischen Seuche

ergriffen glaubend.

'Um Gottes willen, Julian', schrie ich, 'was ist mit dir?' Keine

Antwort. Der Knabe starrte mich mit abwesendem Geiste an. Ich weiss

nicht, ob er mich kannte. Ich begriff, dass der sonst schon

Verschlossene jetzt nicht reden werde, und da überdies der

Stallmeister drängte: 'Hinein, Herr, oder zurück!', denn die

ungeduldigen Rosse bäumten sich, so liess ich das Kind fahren, mir

versprechend, ihm bald nach Versailles zu folgen. Schon hatte sich um

die aufregende Szene vor dem Jesuitenhause ein Zusammenlauf gebildet,

dessen Neugierde ich zu entrinnen wünschte, und Victor erblickend,

welcher mit leidenschaftlicher Gebärde dem im Sturm davongetragenen

Gespielen nachrief. 'Mut, Julian! Ich werde dich rächen!', stiess

ich den Knaben vor mich in meinen Wagen und stieg ihm nach. 'Wohin,

Herr?' fragte mein Kutscher. Bevor ich antwortete, schrie das

geistesgegenwärtige Kind: 'Ins Kloster Faubourg Saint-Antoine!'

In dem genannten Kloster hat sich, wie Ihr wisset, Sire, Euer Ideal

von Polizeiminister einen stillen Winkel eingerichtet, wo er nicht

überlaufen wird und heimlich für die öffentliche Sicherheit von Paris

sorgen kann. 'Victor', fragte ich durch das Geräusch der Räder, 'was

ist? was hat sich begeben?'

'Ein riesiges Unrecht!' wütete der Knabe. 'Père Tellier, der Wolf,

hat Julian mit Riemen gezüchtigt, und er ist unschuldig! Ich bin der

Anstifter! Ich bin der Täter! Aber ich will dem Julian Gerechtigkeit

verschaffen, ich fordere den Pater auf Pistolen!' Diese Absurdität,

mit dem Geständnisse Victors, das Unglück verschuldet zu haben,

brachte mich dergestalt auf, dass ich ihm ohne weiteres eine salzige

Ohrfeige zog. 'Sehr gut!' sagte er. 'Kutscher, du schleichst wie

eine Schnecke!' Er steckte ihm sein volles Beutelchen zu. 'Rasch!

peitsche! jage! Herr Fagon, seid gewiss, der Vater wird dem Julian

Gerechtigkeit verschaffen! Oh, er kennt die Jesuiten, diese Schurken,

diese Schufte, und ihre schmutzige Wäsche! Ihn aber fürchten sie wie

den Teufel!' Ich hielt es für unnötig, das rasende Kind weiter zu

fragen, da er ja seine Beichte vor dem Vater ablegen würde und die

fliegenden Rosse schon das schlechte Pflaster der Vorstadt mit ihren

Hufen schlugen, dass die Funken spritzten. Wir waren angelangt und

wurden sogleich vorgelassen.

Argenson blätterte in einem Aktenstoss. 'Wir überfallen, Argenson!'

entschuldigte ich.

'Nicht, nicht, Fagon', antwortete er mir die Hand schüttelnd und

rückte mir einen Stuhl. 'Was ist denn mit dem Jungen? Er glüht ja

wie ein Ofen,' 'Vater--' 'Halt das Maul! Herr Fagon redet.'

'Argenson', begann ich, 'ein schwerer Unfall, vielleicht ein grosses

Unglück hat sich zugetragen. Julian Boufflers'--ich blickte den

Minister fragend an--"Weiss von dem armen Knaben", sagte er--'wurde

bei den Jesuiten geschlagen, und der Knabe fuhr nach Versailles in

einem Zustande, der, wenn ich richtig sah, der Anfang einer

gefährlichen Krankheit ist. Victor kennt den Hergang.'

'Erzähle!' gebot der Vater. 'Klar, ruhig, umständlich. Auch der

kleinste Punkt ist wichtig. Und lüge nicht!'

'Lügen?' rief der empörte Knabe, 'werde ich da lügen, wo nur die

Wahrheit hilft? Diese Schufte, die Jesuiten--'

'Die Tatsachen!' befahl der Minister mit einer Rhadamanthusmiene.

Victor nahm sich zusammen und erzählte mit erstaunlicher Klarheit.

'Es war vor der Rhetorik des Père Amiel, und wir steckten die Köpfe

zusammen, welchen Possen wir dem Nasigen spielen würden. 'Etwas Neues!

' rief man von allen Seiten, 'etwas noch nicht Dagewesenes! eine

Erfindung!' Da fiel uns ein--'

'Da fiel mir ein', verbesserte der Vater.

'--Mir ein, Julian, der so hübsch zeichnet, zu bitten, uns etwas mit

der Kreide an die schwarze Tafel zu malen. Ich legte ihm, der auf

seiner Bank über den Büchern sass, eine Lektion einlernend--er lernt

so unglaublich schwer--, den Arm um den Hals. Zeichne uns etwas!'

schmeichelte ich. 'Ein Rhinoceros!' Er schüttelte den Kopf. 'Ich

merke', sagte er, 'ihr wollt damit nur den guten Pater ärgern, und da

tue ich nicht mit. Es ist eine Grausamkeit. Ich zeichne euch keine

Nase!'

'Aber einen Schnabel, eine Schleiereule, du machst die Eulen so

komisch!'

'Auch keinen Schnabel, Victor.'

Da sann ich ein wenig und hatte einen Einfall.' Der Minister runzelte

seine pechschwarze Braue. Victor fuhr mit dem Mute der Verzweiflung

fort: ''Zeichne uns ein Bienchen, Julian', sagte ich, du kannst das so

allerliebst!' 'Warum nicht?' antwortete er dienstfertig und zeichnete

mit sorgfältigen Zügen ein nettes Bienchen auf die Tafel.

'Schreibe etwas bei!'

'Nun ja, wenn du willst', sagte er und schrieb mit der Kreide:

'abeille.'

'Ach, du hast doch gar keine Einbildungskraft, Julian! Das lautet

trocken.'

'Wie soll ich denn schreiben, Victor?'

'Wenigstens das Honigtierchen, bête à miel.''

Der Minister begriff sofort das alberne Wortspiel: bête à miel und

bête Amiel. 'Da hast du etwas dafür!' rief er empört und gab dem

Erfinder des Calembourgs eine Ohrfeige, gegen welche die meinige eine

Liebkosung gewesen war.

'Sehr gut!' sagte der Knabe, dem das Ohr blutete.

'Weiter! und mach es kurz!' befahl der Vater, 'damit du mir aus den

Augen kommst!'

'--In diesem Augenblick trat Père Amiel ein, schritt auf und nieder,

beschnüffelte die Tafel, verstand und tat dergleichen, der Schäker,

als ob er nicht verstünde. Aber: 'Bête Amiel! dummer Amiel!'scholl es

erst vereinzelt, dann aus mehreren Bänken, dann vollstimmig, 'bête

Amiel! dummer Amiel!'

Da--Schrecken--wurde die Tür aufgerissen. Es war der reissende Wolf,

der Père Tellier. Er hatte durch die Korridore spioniert und zeigte

jetzt seine teuflische Fratze.

'Wer hat das gezeichnet?'

'Ich', antwortete Julian fest. Er hatte sich die Ohren verhalten,

seine Lektion zu studieren fortfahrend, und verstand und begriff, wie

er ja überhaupt so schwer begreift, nichts von nichts.

'Wer hat das geschrieben?'

'Ich', sagte Julian.

Der Wolf tat einen Sprung gegen ihn, riss den Verblüfften empor,

presste ihn an sich, ergriff einen Bücherriemen und--' Dem Erzählenden

versagte das Wort.

'Und du hast geschwiegen, elende Memme?' donnerte der Minister. 'Ich

verachte dich! Du bist ein Lump!'

'Geschrieen habe ich wie einer, den sie morden', rief der Knabe, ''ich

war es! ich! ich!' Auch Père Amiel hat sich an den Wolf geklammert,

die Unschuld Julians beteuernd. Er hörte es wohl, der Wolf! Aber mir

krümmte er kein Haar, weil ich dein Sohn bin und dich die Jesuiten

fürchten und achten. Den Marschall aber hassen sie und fürchten ihn

nicht. Da musste der Julian herhalten. Aber ich will dem Wolf mein

Messer'--der Knabe langte in die Tasche--'zwischen die Rippen stossen,

wenn er nicht--'

Der gestrenge Vater ergriff ihn am Kragen, schleppte ihn gegen die

Türe, öffnete sie, warf ihn hinaus und riegelte. Im nächsten

Augenblicke schon wurde draussen mit Fäusten gehämmert, und der Knabe

schrie: 'Ich gehe mit zum Père Tellier! Ich trete als Zeuge auf und

sage ihm: 'Du bist ein Ungeheuer!''

'Im Grunde, Fagon', wendete sich der Minister kaltblütig gegen mich,

ohne sich an das Gepolter zu kehren, 'hat der Junge recht: wir beide

suchen den Pater auf, ohne Verzug, fallen ihn mit der nackten Wahrheit

an, breiten sie wie auf ein Tuch vor ihm aus und nötigen ihn, mit uns

zu Julian zu gehen, heute noch, sogleich, und in unsrer Gegenwart dem

Misshandelten Abbitte zu tun.' Er blickte nach einer Stockuhr. 'Halb

zwölf. Père Tellier hält seine Bauerzeiten fest. Er speist Punkt

Mittag mit Schwarzbrot und Käse. Wir finden ihn.'

Argenson zog mich mit sich fort. Wir stiegen ein und rollten.

'Ich kenne den Knaben', wiederholte der Minister. 'Nur eines ist mir

in seiner Geschichte unklar. Es ist Tatsache, dass die Väter damit

anfingen, ihn zu hätscheln und in Baumwolle einzuwickeln. Seine

Kameraden, auch mein Halunke, haben sich oft darüber aufgehalten. Ich

begreife, dass die Väter, wie sie beschaffen sind, das Kind hassen,

seit der Marschall das Missgeschick hatte, sie zu entlarven. Aber

warum sie, denen der Marschall gleichgültig war, einen Vorteil darin

fanden, das Kind zuerst über die dem Schwachen gebührende Schonung

hinaus zu begünstigen, das entgeht mir.'

'Hm', machte ich.

'Und gerade das muss ich wissen, Fagon.'

'Nun denn, Argenson', begann ich mein Bekenntnis--auch dir, Majestät,

lege ich es ab, denn dich zumeist habe ich beleidigt--, 'da ich Julian

bei den Vätern um jeden Preis warm betten wollte und ihm keine

durchschlagende Empfehlung wusste--man plaudert ja zuweilen ein

bisschen, und so erzählte ich den Vätern Rapin und Bouhours, die ich

in einer Damengesellschaft fand, Julians Mutter sei dir, dem Könige,

eine angenehme Erscheinung gewesen. Die reine Wahrheit. Kein Wort

darüber hinaus, bei meiner Ehre, Argenson!' Dieser verzog das Gesicht.

Du, Majestät, zeigest mir ein finsteres und ungnädiges. Aber, Sire,

trage ich die Schuld, wenn die Einbildungskraft der Väter Jesuiten das

Reinste ins Zweideutige umarbeitet?

'Als sie dann', fuhr ich fort, 'den Marschall zu hassen und sich für

ihn zu interessieren begannen, lauschten und forschten sie nach ihrer

Weise, erfuhren aber nichts, als dass Julians Mutter das reinste

Geschöpf der Erde war, bevor sie der Engel wurde, der jetzt über die

Erde lächelt. Leider kamen die Väter zur Überzeugung ihres Irrtums

gerade, da das Kind desselben am meisten bedurft hätte.' Argenson

nickte."

"Fagon", sagte der König fast strenge, "das war deine dritte und

grösste Freiheit. Spieltest du so leichtsinnig mit meinem Namen und

dem Rufe eines von dir angebeteten Weibes, hättest du mir wenigstens

diesen Frevel verschweigen sollen, selbst wenn deine Geschichte

dadurch unverständlicher geworden wäre. Und sage mir, Fagon: hast du

da nicht nach dem verrufenen Satze gehandelt, dass der Zweck die

Mittel heilige? Bist du in den Orden getreten?"

"Wir alle sind es ein bisschen, Majestät", lächelte Fagon und fuhr

fort: "Mitte Weges begegneten wir dem Père Amiel, der wie ein

Unglücklicher umherirrte und, meinen Wagen erkennend, sich so

verzweifelt gebärdete, dass ich halten liess. Am Kutschenschlage

entwickelte er seine närrische Mimik und war im Augenblicke von einem

Kreise toll lachender Gassenjungen umgeben. Ich hiess ihn einsteigen.

'Der Mutter Gottes sei gedankt, dass ich Euch finde, Herr Fagon! Dem

Julian, welchen Ihr beschützet, ist ein Leid geschehen, und unschuldig

ist er, wie der zerschmetterte kleine Astyanax!' deklamierte der

Nasige. 'Wenn Ihr, Herr Fagon, den seltsamen Blick gesehen hättet,

welchen der Knabe gegen seinen Henker erhob, diesen Blick des Grauens

und der Todesangst!' Père Amiel schöpfte Atem. 'Flöhe ich über Meer,

mich verfolgte dieser Blick! Begrübe ich mich in einen finstern Turm,

er dränge durch die Mauer! Verkröche ich mich--'

'Wenn Ihr Euch nur nicht verkriechet, Professor', unterbrach ihn der

Minister, 'jetzt, da es gilt, dem Père Tellier--denn zu diesem fahren

wir, und Ihr fahret mit--ins Angesicht Zeugnis abzulegen! Habt Ihr

den Mut?'

'Gewiss, gewiss!' beteuerte Père Amiel, der aber merklich erblasste

und in seiner Soutane zu schlottern begann. Père Tellier ist selbst

in seinem feinen Orden als ein Roher und Gewaltsamer gefürchtet.

Da wir am Professhause ausstiegen, Père Amiel den Vortritt gebend,

sprang Victor vom Wagenbrett, wo er neben dem Bedienten die Fahrt

aufrecht mitgemacht hatte. 'Ich gehe mit!' trotzte er. Argenson

runzelte die Stirn, liess es aber zu, nicht unzufrieden, einen zweiten

Zeugen mitzubringen.

Père Tellier verleugnete sich nicht. Argenson bedeutete den Pater und

den Knaben, im Vorzimmer zurückzubleiben. Sie gehorchten, jener

erleichtert, dieser unmutig. Der Pater Rektor bewohnte eine dürftige,

ja armselige Kammer, wie er auch eine verbrauchte Soutane trug, Tag

und Nacht dieselbe. Er empfing uns mit gekrümmtem Rücken und einem

falschen Lächeln in den ungeschlachten und wilden Zügen. 'Womit diene

ich meinen Herren?' fragte er süsslich grinsend.

'Hochwürden', antwortete Argenson und wies den gebotenen Stuhl, der

mit Staub bedeckt war und eine zerbrochene Lehne hatte, zurück, 'ein

Leben steht auf dem Spiel. Wir müssen eilen, es zu retten. Heute

wurde der junge Boufflers im Collegium irrtümlich gezüchtigt.

Irrtümlich. Ein durchtriebener Range hat den beschränkten Knaben

etwas auf die Tafel zeichnen und schreiben lassen, das sich zu einer

albernen Verspottung des Père Amiel gestaltete, ohne dass Julian

Boufflers die leiseste Ahnung hatte, wozu er missbraucht wurde. Es

ist leicht zu beweisen, dass er der einzige seiner Klasse war, der

solche Possen tadelte und nach Kräften verhinderte. Hätte er den

fraglichen Streich in seinem Blondkopfe ersonnen, dann war die

Züchtigung eine zweifellos verdiente. So aber ist sie eine

fürchterliche Ungerechtigkeit, die nicht schnell und nicht voll genug

gesühnt werden kann. Dazu kommt noch etwas unendlich Schweres. Der

missverständlich Gezüchtigte, ein Kind an Geist, hatte die Seele eines

Mannes. Man glaubte einen Jungen zu strafen und hat einen Edelmann

misshandelt.'

'Ei, ei', erstaunte der Pater, 'was Exzellenz nicht alles sagen! Kann

eine einfache Sache so verdreht werden? Ich gehe durch die Korridore.

Das ist meine Pflicht. Ich höre Lärm in der Rhetorik. Père Amiel

ist ein Gelehrter, der den Orden ziert, aber er weiss sich nicht in

Respekt zu setzen. Unsre Väter lieben es nicht, körperlich zu

züchtigen, aber das konnte nicht länger gehn, ein Exempel musste

statuiert werden. Ich trete ein. Eine Sottise steht auf der Tafel.

Ich untersuche. Boufflers bekennt. Das übrige verstand sich.

Unbegabt? beschränkt? Im Gegenteil, durchtrieben ist er, ein

Duckmäuser. Stille Wasser sind tief. Was ihm mangelt, ist die

Aufrichtigkeit, er ist ein Heuchler und Gleisner. Hat's geschmerzt?

O die zarte Haut! Ein Herrensöhnchen, wie? Tut mir leid, wir Väter

Jesu kennen kein Ansehn der Person. Auch hat uns der Marschall selbst

gebeten, sein Kind nicht zu verziehn. Ich war älter als jener, da ich

meine letzten und besten Streiche erhielt, im Seminar, vierzig weniger

einen wie Sankt Paulus, der auch ein Edelmann war. Bin ich

draufgegangen? Ich rieb mir die Stelle, mit Züchten geredet, und mir

war wohler als zuvor. Und ich war unschuldig, von der Unschuld dieses

Verstockten aber überzeugt mich niemand!'

'Vielleicht doch, Hochwürden!' sagte Argenson und rief die zwei

Harrenden herein.

'Victor', bleckte der Jesuit den eintretenden Knaben an, 'du hast es

nicht getan! Für dich stehe ich. Du bist ein gutartiges Kind. Ein

Dummkopf wärest du, dich für schuldig zu erklären, den niemand anklagt.'

Victor, der in trotzigster Haltung nahte, schaute dem Unhold tapfer

ins Gesicht, aber der Mut sank ihm. Sein Herz erbebte vor der

wachsenden Wildheit dieser Züge und den funkelnden Wolfsaugen.

Er machte rasch. 'Ich habe den Julian verleitet, der nichts davon

verstand', sagte er. 'Das schrie ich Euch in die Ohren, aber Ihr

wolltet nicht hören, weil Ihr ein Bösewicht seid!'

'Genug!' befahl Argenson und wies ihm die Türe. Er ging nicht ungern.

Er begann sich zu fürchten.

'Père Amiel', wandte sich der Minister gegen diesen, 'Hand aufs Herz,

konnte Julian das Wortspiel erfinden?'

Der Pater zauderte, mit einem bangen Blick auf den Rektor. 'Mut,

Pater', flüsterte ich, 'Ihr seid ein Ehrenmann!'

'Unmöglich, Exzellenz, wenn nicht Achill eine Memme und Thersites ein

Held war!' beteuerte Père Amiel, sich mit seiner Rhetorik ermutigend.

'Julian ist schuldlos wie der Heiland.'

Das erdfarbene Gesicht des Rektors verzerrte sich vor Wut. Er war

gewohnt, im Collegium blinden Gehorsam zu finden, und ertrug nicht den

geringsten Widerspruch.

'Wollt Ihr kritisieren, Bruder?' schäumte er.

'Kritisiert zuerst Euer tolles Fratzenspiel, das Euch dem Dümmsten zum

Spotte macht! Ich habe den Knaben gerecht behandelt!'

Diese Herabwürdigung seiner Mimik brachte den Pater gänzlich ausser

sich und liess ihn für einen Augenblick alle Furcht vergessen.

'Gerecht?' jammerte er. 'Dass Gott erbarm'! Wie oft hab' ich Euch

gebeten, dem Unvermögen des Knaben Rechnung zu tragen und ihn nicht zu

zerstören! Wer antwortete mir: Meinethalben gehe er drauf!', wer hat

das gesprochen?'

'Mentiris impudenter!' heulte der Wolf.

'Mentiris impudentissime, pater reverende!' überschrie ihn der Nasige,

an allen Gliedern zitternd.

'Mir aus den Augen!' herrschte der Rektor, mit dem Finger nach der

Türe weisend, und der kleine Pater rettete sich, so geschwind er

konnte.

Da wir wieder zu dreien waren: 'Hochwürden', sprach der Minister ernst,

'es wurde der Vorwurf gegen Euch erhoben, den Knaben zu hassen. Eine

schwere Anklage! Widerlegt und beschämt dieselbe, indem Ihr mit uns

geht und Julian Abbitte tut. Niemand wird dabei zugegen sein als wir

zwei.' Er deutete auf mich. 'Das genügt. Dieser Herr ist der

Leibarzt des Königs und um die Gesundheit des Knaben in schwerer Sorge.

Ihr entfärbet Euch? Lasst es Euch kosten und bedenket: der, dessen

Namen Ihr traget, gebietet, die Sonne nicht über einem Zorne

untergehen zu lassen, wieviel weniger über einer Ungerechtigkeit!'

Ein Unrecht bekennen und sühnen! Der Jesuit knirschte vor Ingrimm.

'Was habe ich mit dem Nazarener zu schaffen?' lästerte er, in

verwundetem Stolze sich aufbäumend, und der Hässliche schien gegen die

Decke zu wachsen wie ein Dämon. 'Ich bin der Kirche! Nein, des

Ordens!... Und was habe ich mit dem Knaben zu schaffen? Nicht ihn

hasse ich, sondern seinen Vater, der uns verleumdet hat! verleumdet!

schändlich verleumdet!'

'Nicht der Marschall', sagte ich verdutzt, 'sondern mein Laboratorium

hat die Väter--verleumdet.'

'Fälschung! Fälschung!' tobte der Rektor. 'Jene Briefe wurden nie

geschrieben! Ein teuflischer Betrüger hat sie untergeschoben!', und

er warf mir einen mörderischen Blick zu.

Ich war betroffen, ich gestehe es, über diese Macht und Gewalt:

Tatsachen zu vernichten, Wahrheit in Lüge und Lüge in Wahrheit zu

verwandeln.

Père Tellier rieb sich die eiserne Stirn. Dann veränderte er das

Gesicht und beugte sich vor dem Minister halb kriechend, halb

spöttisch: 'Exzellenz, ich bin Euer gehorsamer Diener, aber Ihr

begreift: ich kann die Gesellschaft nicht so tief erniedrigen, einem

Knaben Abbitte zu leisten.'

Argenson wechselte den Ton nicht minder gewandt. Er stellte sich

neben Tellier mit einem unmerklichen Lächeln der Verachtung in den

Mundwinkeln. Der Pater bot das Ohr.

'Seid Ihr gewiss', wisperte der Minister, 'dass Ihr den Sohn des

Marschalls gegeisselt habt, und nicht das edelste Blut Frankreichs?'

Der Pater zuckte zusammen. 'Es ist nichts daran', wisperte er zurück.

'Ihr narrt mich, Argenson.'

'Ich habe keine Gewissheit. In solchen Dingen gibt es keine. Aber

die blosse Möglichkeit würde Euch als--Ihr wisst, was ich meine und

wozu Ihr vorgeschlagen seid--unmöglich machen.'

Ich glaubte zu sehen, Sire, wie Hochmut und Ehrgeiz sich in den

düstern Zügen Eures Beichtvaters bekämpften, aber ich konnte den

Sieger nicht erraten.

'Ich denke, ich gehe mit den Herren', sagte Père Tellier.

'Kommt, Pater!' drängte der Minister und streckte die Hand gegen ihn

aus.

'Aber ich muss die Soutane wechseln. Ihr seht, diese ist geflickt,

und ich könnte in Versailles der Majestät begegnen.' Er öffnete ein

Nebenzimmer.

Argenson blickte ihm über die Schulter und sah in einen niedern

Verschlag mit einem nackten Schragen und einem wurmstichigen Schreine.

'Mit Vergunst, Herren', lispelte der Jesuit schämig, 'ich habe mich

noch nie vor weltlichen Augen umgekleidet.'

Das Leiden eines Knaben · 第 4 / 7 题