In Versailles--"

König Ludwig wendete sich jetzt gegen Dubois, den Kammerdiener der

Marquise, der, leise eingetreten, flüsterte: "Die Tafel der Majestät

ist gedeckt." "Du störst, Dubois", sagte der König, und der alte

Diener zog sich zurück mit einem leisen Ausdrucke des Erstaunens in

den geschulten Mienen, denn der König war die Pünktlichkeit selber.

"In Versailles", wiederholte Fagon, "fand ich den Marschall tafelnd

mit einigen seiner Standesgenossen. Da war Villars, jeder Zoll ein

Prahler, ein Heros, wie man behauptet und ich nicht widerspreche, und

der unverschämteste Bettler, wie du ihn kennst, Majestät; da war

Villeroy, der Schlachtenverlierer, der nichtigste der Sterblichen, der

von den Abfällen deiner Gnade lebt, mit seinem unzerstörlichen Dünkel

und seinen grossartigen Manieren; Grammont mit dem vornehmen Kopfe,

der mich gestern in deinem Saale, Majestät, und an deinen Spieltischen

mit gezeichneten Karten betrogen hat, und Lauzun, der unter seiner

sanften Miene gründlich Verbitterte und Boshafte. Vergib, ich sah

deine Höflinge verzerrt im grellen Lichte meiner Herzensangst. Auch

die Gräfin Mimeure war geladen und Mirabelle, die neben Villeroy sass,

welcher dem armen Kinde mit seinen siebzigjährigen Geckereien angst

und bange machte.

Julian war von seinem Vater zur Tafel befohlen und bleich wie der Tod.

Ich sah, wie ihn der Frost schüttelte, und betrachtete unverwandt das

Opfer mit heiliger Scheu.

Das Gespräch--gibt es beschleunigende Dämonen, die den Steigenden

stürmisch emporheben und den Gleitenden mit grausamen Füssen in die

Tiefe stossen?--das Gespräch wurde über die Disziplinarstrafen im

Heere geführt. Man war verschiedener Meinung. Es wurde gestritten,

ob überhaupt körperlich gezüchtigt werden solle, und wenn ja, mit

welchem Gegenstande, mit Stock, Riemen oder flacher Klinge. Der

Marschall, menschlich wie er ist, entschied sich gegen jede

körperliche Strafe, ausser bei unbedingt entehrenden Vergehen, und

Grammont, der falsche Spieler, stimmte ihm bei, da die Ehre, wie

Boileau sage, eine Insel mit schroffen Borden sei, welche, einmal

verlassen, nicht mehr erklommen werden könne. Villars gebärdete sich,

wenn ich es sagen soll, wie ein Halbnarr und erzählte, einer seiner

Grenadiere habe, wahrscheinlich ungerechterweise gezüchtigt, sich mit

einem Schusse entleibt, und er--Marschall Villars--habe in den

Tagesbefehl gesetzt: Lafleur hätte Ehre besessen auf seine Weise. Das

Gespräch kreuzte sich. Der Knabe folgte ihm mit irren Augen.

'Schläge', 'Ehre', 'Ehre', 'Streiche' scholl es hin- und herüber. Ich

flüsterte dem Marschall ins Ohr: 'Julian ist leidend, er soll zu Bette.'

'Julian darf sich nicht verwöhnen', erwiderte er. 'Der Knabe wird

sich zusammennehmen. Auch wird die Tafel gleich aufgehoben.' Jetzt

wendete sich der galante Villeroy gegen seine schüchterne Nachbarin.

'Gnädiges Fräulein', näselte er und spreizte sich, 'Sprecht, und wir

werden ein Orakel vernehmen!' Mirabelle, schon auf Kohlen sitzend,

überdies geängstigt durch das entsetzliche Aussehen Julians, verfiel

natürlich in ihre Gewöhnung und antwortete: 'Körperliche Gewalttat

erträgt kein Untertan des stolzesten der Könige: ein so Gebrandmarkter

lebt nicht länger!' Villeroy klatschte Beifall und küsste ihr den

Nagel des kleinen Fingers. Ich erhob mich, fasste Julian und riss ihn

weg. Dieser Aufbruch blieb fast unbemerkt. Der Marschall mag

denselben bei seinen Gästen entschuldigt haben.

Während ich den Knaben entkleidete--er selbst kam nicht mehr damit

zustande--, sagte er: 'Herr Fagon, mir ist wunderlich zumute. Meine

Sinne verwirren sich. Ich sehe Gestalten. Ich bin wohl krank. Wenn

ich stürbe--' Er lächelte. 'Wisset Ihr, Herr Fagon, was heute bei den

Jesuiten geschehen ist? Lasset meinen Vater nichts davon wissen! nie!

nie! Es würde ihn töten!' Ich versprach es ihm und hielt Wort,

obgleich es mich kostete. Noch zur Stunde ahnt der Marschall nichts

davon.

Den Kopf schon im Kissen, bot mir Julian die glühende Hand. 'Ich

danke Euch, Herr Fagon... für alles... Ich bin nicht undankbar wie

Mouton.'

Deine Majestät zu bemühen, war jetzt überflüssig. In der nächsten

Viertelstunde schon redete Julian irre. Prozess und Urteil lagen in

den Händen der Natur. Die Fieber wurden heftig, der Puls jagte. Ich

liess mir ein Feldbett in der geräumigen Kammer aufschlagen und blieb

auf dem Posten. In das anstossende Zimmer hatte der Marschall seine

Mappen und Karten tragen lassen. Er verliess seinen Arbeitstisch

stündlich, um nach dem Knaben zu sehen, welcher ihn nicht erkannte,

Ich warf ihm feindselige Blicke zu. 'Fagon, was hast du gegen mich?'

fragte er. Ich mochte ihm nur nicht antworten.

Der Knabe phantasierte viel, aber im Bereiche seines lodernden Blickes

schwebten nur freundliche und aus dem Leben entschwundene Gestalten.

Mouton erschien, und auch Mouton der Pudel sprang auf das Bette. Am

dritten Tage sass die Mutter neben Julian.

Drei Besuche hat er erhalten. Victor kratzte an die Türe und brach,

von mir eingelassen, in ein so erschütterndes Wehgeschrei aus, dass

ich ihn wegschaffen musste. Dann klopfte der Finger Mirabellens. Sie

trat an das Lager Julians, der eben in einem unruhigen Halbschlummer

lag, und betrachtete ihn. Sie weinte wenig, sondern drückte ihm einen

brünstigen Kuss auf den dürren Mund. Julian fühlte weder den Freund

noch die Geliebte.

Unversehens meldete sich auch Père Amiel, den ich nicht abwies. Da

ihn der Kranke mit fremden Augen anstarrte, sprang er possierlich vor

dem Bette herum und rief. 'Kennst du mich nicht mehr, Julian, deinen

Père Amiel, den kleinen Amiel, den Nasen-Amiel? Sage mir nur mit

einem Wörtchen, dass du mich lieb hast' Der Knabe blieb gleichgültig.

Gibt es elysische Gefilde, denke ich dort den Père zu finden, ohne

langen Hut, mit proportionierter Nase, und Hand in Hand mit ihm einen

Gang durch die himmlischen Gärten zu tun.

Am vierten Abende ging der Puls rasend. Ein Gehirnschlag konnte jeden

Augenblick eintreten. Ich trat hinüber zum Marschall.

'Wie steht es?'

'Schlecht.'

'Wird Julian leben?'

'Nein. Sein Gehirn ist erschöpft. Der Knabe hat sich überarbeitet.'

'Das wundert mich', sagte der Marschall, 'ich wusste das nicht.' In

der Tat, ich glaube, dass er es nicht wusste. Meine Langmut war zu

Ende. Ich sagte ihm schonungslos die Wahrheit und warf ihm vor, sein

Kind vernachlässigt und zu dessen Tode geholfen zu haben. Das

Golgatha bei den Jesuiten verschwieg ich. Der Marschall hörte mich

schweigend an, den Kopf nach seiner Art etwas auf die rechte Seite

geneigt. Seine Wimper zuckte, und ich sah eine Träne. Endlich

erkannte er sein Unrecht. Er fasste sich mit der Selbstbeherrschung

des Kriegers und trat in das Krankenzimmer.

Der Vater setzte sich neben seinen Knaben, der jetzt unter dem Druck

entsetzlicher Träume lag. 'Ich will ihm wenigstens', murmelte der

Marschall, 'das Sterben erleichtern, was an mir liegt. Julian!'

sprach er in seiner bestimmten Art. Das Kind erkannte ihn.

'Julian, du musst mir schon das Opfer bringen, deine Studien zu

unterbrechen. Wir gehen miteinander zum Heere ab. Der König hat an

der Grenze Verluste erlitten, und auch der Jüngste muss jetzt seine

Pflicht tun.' Diese Rede verdoppelte die Reiselust eines Sterbenden...

Einkauf von Rossen... Aufbruch... Ankunft im Lager... Eintritt in

die Schlachtlinie... Das Auge leuchtete, aber die Brust begann zu

röcheln. 'Die Agonie!' flüsterte ich dem Marschall zu.

'Dort die englische Fahne! Nimm sie!' befahl der Vater. Der

sterbende Knabe griff in die Luft. 'Vive le roi!' schrie er und sank

zurück wie von einer Kugel durchbohrt."

Fagon hatte geendet und erhob sich. Die Marquise war gerührt. "Armes

Kind!" seufzte der König und erhob sich gleichfalls.

"Warum arm", fragte Fagon heiter, "da er hingegangen ist als ein Held?"

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Das Leiden eines Knaben, von

Conrad Ferdinand Meyer.

Das Leiden eines Knaben · 第 6 / 7 题