Der König hatte das Zimmer der Frau von Maintenon betreten und,
luftbedürftig und für die Witterung unempfindlich wie er war, ohne
weiteres in seiner souveränen Art ein Fenster geöffnet, durch welches
die feuchte Herbstluft so fühlbar eindrang, dass die zarte Frau sich
fröstelnd in ihre drei oder vier Röcke schmiegte.
Seit einiger Zeit hatte Ludwig der Vierzehnte seine täglichen Besuche
bei dem Weibe seines Alters zu verlängern begonnen, und er erschien
oft schon zu früher Abendstunde, um zu bleiben, bis seine Spättafel
gedeckt war. Wenn er dann nicht mit seinen Ministern arbeitete, neben
seiner diskreten Freundin, die sich aufmerksam und schweigend in ihren
Fauteuil begrub; wenn das Wetter Jagd oder Spaziergang verbot; wenn
die Konzerte, meist oder immer geistliche Musik, sich zu oft
wiederholt hatten, dann war guter Rat teuer, welchergestalt der
Monarch vier Glockenstunden lang unterhalten oder zerstreut werden
konnte. Die dreiste Muse Molières, die Zärtlichkeiten und Ohnmachten
der Lavallière, die kühne Haltung und die originellen Witzworte der
Montespan und so manches andere hatte seine Zeit gehabt und war nun
gründlich vorüber, welk wie eine verblasste Tapete. Massvoll und fast
genügsam wie er geworden, arbeitsam wie er immer gewesen, war der
König auch bei einer die Schranke und das Halbdunkel liebenden Frau
angelangt.
Dienstfertig, einschmeichelnd, unentbehrlich, dabei voller Grazie
trotz ihrer Jahre, hatte die Enkelin des Agrippa d'Aubigné einen
lehrhaften Gouvernantenzug, eine Neigung, die Gewissen mit Autorität
zu beraten, der sie in ihrem Saint-Cyr unter den Edelfräulein, die sie
dort erzog, behaglich den Lauf liess, die aber vor dem Gebieter zu
einem bescheidenen Sichanschmiegen an seine höhere Weisheit wurde.
Dergestalt hatte, wann Ludwig schwieg, auch sie ausgeredet, besonders
wenn etwa, wie heute, die junge Enkelfrau des Königs, die Savoyardin,
das ergötzlichste Geschöpf von der Welt, das überallhin Leben und
Gelächter brachte, mit ihren Kindereien und ihren trippelnden
Schmeichelworten aus irgendeinem Grunde wegblieb.
Frau von Maintenon, welche unter diesen Umständen die Schritte des
Königs nicht ohne eine leichte Sorge vernommen hatte, beruhigte sich
jetzt, da sie dem beschäftigten und unmerklich belustigten Ausdrucke
der ihr gründlich bekannten königlichen Züge entnahm: Ludwig selbst
habe etwas zu erzählen, und zwar etwas Ergötzliches.
Dieser hatte das Fenster geschlossen und sich in einen Lehnstuhl
niedergelassen. "Madame", sagte er, "heute mittag hat mir Père
Lachaise seinen Nachfolger, den Père Tellier, gebracht."
Père de Lachaise war der langjährige Beichtiger des Königs, welchen
dieser, trotz der Taubheit und völligen Gebrechlichkeit des greisen
Jesuiten, nicht fahrenlassen wollte und sozusagen bis zur
Fadenscheinigkeit aufbrauchte; denn er hatte sich an ihn gewöhnt, und
da er--es ist unglaublich zu sagen--aus unbestimmten, aber doch
vorhandenen Befürchtungen seinen Beichtiger in keinem andern Orden
glaubte wählen zu dürfen, zog er diese Ruine eines immerhin
ehrenwerten Mannes einem jüngern und strebsamen Mitgliede der
Gesellschaft Jesu vor. Aber alles hat seine Grenzen. Père Lachaise
wankte sichtlich dem Grabe zu, und Ludwig wollte denn doch nicht an
seinem geistlichen Vater zum Mörder werden.
"Madame", fuhr der König fort, "mein neuer Beichtiger hat keine
Schönheit und Gestalt: eine Art Wolfsgesicht, und dann schielt er. Er
ist eine geradezu abstossende Erscheinung, aber er wird mir als ein
gegen sich und andere strenger Mann empfohlen, welchem sich ein
Gewissen übergeben lässt. Das ist doch wohl die Hauptsache."
"Je schlechter die Rinne, desto köstlicher das darin fliessende
himmlische Wasser", bemerkte die Marquise erbaulich. Sie liebte die
Jesuiten nicht, welche dem Ehebunde der Witwe Scarrons mit der
Majestät entgegengearbeitet und kraft ihrer weiten Moral das Sakrament
in diesem königlichen Falle für überflüssig erklärt hatten. So tat
sie den frommen Vätern gelegentlich gern etwas zuleide, wenn sie
dieselben im stillen krallen konnte. Jetzt schwieg sie, und ihre
dunklen mandelförmigen, sanft schwermütigen Augen hingen an dem Munde
des Gemahls mit einer bescheidenen Aufmerksamkeit.
Der König kreuzte die Füsse, und den Demantblitz einer seiner
Schuhschnallen betrachtend, sagte er leichthin: "Dieser Fagon! Er
wird unerträglich! Was er sich nicht alles herausnimmt!"
Fagon war der hochbetagte Leibarzt des Königs und der Schützling der
Marquise. Beide lebten sie täglich in seiner Gesellschaft und hatten
sich auf den Fall, dass er vor ihnen stürbe, Asyle gewählt, sie
Saint-Cyr, er den botanischen Garten, um sich hier und dort nach dem
Tode des Gebieters einzuschliessen und zu begraben.
"Fagon ist Euch unendlich anhänglich", sagte die Marquise.
"Gewiss, doch entschieden, er erlaubt sich zu viel", versetzte der
König mit einem leichten halb komischen Stirnrunzeln.
"Was gab es denn?"
Der König erzählte und hatte bald zu Ende erzählt. Er habe bei der
heutigen Audienz seinen neuen Beichtiger gefragt, ob die Tellier mit
den Le Tellier, der Familie des Kanzlers, verwandt wären? Doch der
demütige Père habe dieses schnell verneint und sich frank als den Sohn
eines Bauern in der untern Normandie bekannt. Fagon habe unweit in
einer Fensterbrüstung gestanden, das Kinn auf sein Bambusrohr gestützt.
Von dort, hinter dem gebückten Rücken des Jesuiten, habe er unter
der Stimme, aber vernehmlich genug, hergeflüstert: "Du Nichtswürdiger!"
"Ich hob den Finger gegen Fagon", sagte der König, "und drohte ihm."
Die Marquise wunderte sich. "Wegen dieser ehrlichen Verneinung hat
Fagon den Pater nicht schelten können, er muss einen andern Grund
gehabt haben", sagte sie verständig.
"Immerhin, Madame, war es eine Unschicklichkeit, um nicht mehr zu
sagen. Der gute le Lachaise, taub wie er endlich doch geworden ist,
hörte es freilich nicht, aber mein Ohr hat es deutlich vernommen,
Silbe um Silbe. 'Niederträchtiger!' blies Fagon dem Pater zu, und der
Misshandelte zuckte zusammen."
Die Marquise schloss lächelnd aus dieser Variante, dass Fagon einen
derbern Ausdruck gebraucht habe. Auch in den Mundwinkeln des Königs
zuckte es. Er hatte sich von jung an zum Gesetze gemacht, wozu er
übrigens schon von Natur neigte und was er dann bis an sein Lebensende
hielt, niemals, auch nicht erzählungsweise, ein gemeines oder
beschimpfendes, kurz ein unkönigliches Wort in den Mund zu nehmen.
Der hohe Raum war eingedämmert, und wie der Bediente die traulichen
zwei Armleuchter auf den Tisch setzte und sich rücklings schreitend
verzog, siehe, da wurde ein leise eingetretener Lauscher sichtbar,
eine wunderliche Erscheinung, eine ehrwürdige Missgestalt: ein
schiefer, verwachsener, seltsam verkrümmter kleiner Greis, die
entfleischten Hände unter dem gestreckten Kinn auf ein langes
Bambusrohr mit goldenem Knopfe stützend, das feine Haupt vorgeneigt,
ein weisses Antlitz mit geisterhaften blauen Augen. Es war Fagon.
"'Du Lump, du Schuft!' habe ich kurzweg gesagt, Sire, und nur die
Wahrheit gesprochen", liess sich jetzt seine schwache, vor Erregung
zitternde Stimme vernehmen. Fagon verneigte sich ehrfürchtig vor dem
Könige, galant gegen die Marquise. "Habe ich einen Geistlichen in
Eurer Gegenwart, Sire, dergestalt behandelt, so bin ich entweder der
Niedertracht gegenüber ein aufbrausender Jüngling geblieben, oder ein
würdiges Alter berechtigt, die Wahrheit zu sagen. Brachte mich nur
das Schauspiel auf, welches der Pater gab, da sich der vierschrötige
und hartknochige Tölpel mit seiner Wolfsschnauze vor Euch, Sire,
drehte und krümmte und auf Eure leutselige Frage nach seiner
Verwandtschaft in dünkelhafter Selbsterniedrigung nicht Worte genug
fand, sein Nichts zu beteuern? 'Was denkt die Majestät?'"--ahmte
Fagon den Pater nach--, "'verwandt mit einem so vornehmen Herrn?
Keineswegs? Ich bin der Sohn eines gemeinen Mannes! eines Bauern in
der untern Normandie! eines ganz gemeinen Mannes!...' Schon dieses
nichtswürdige Reden von dem eigenen Vater, diese kriechende,
heuchlerische, durch und durch unwahre Demut, diese gründliche
Falschheit verdiente vollauf schuftig genannt zu werden. Aber die
Frau Marquise hat recht: es war noch etwas anderes, etwas ganz
Abscheuliches und Teuflisches, was ich gerächt habe, leider nur mit
Worten: eine Missetat, ein Verbrechen, welches der unerwartete Anblick
dieses tückischen Wolfes mir wieder so gegenwärtig vor das Auge
stellte, dass die karge Neige meines Blutes zu kochen begann. Denn,
Sire, dieser Bösewicht hat einen edeln Knaben gemordet!"
"Ich bitte dich, Fagon", sagte der König, "welch ein Märchen!"
"Sagen wir: er hat ihn unter den Boden gebracht", milderte der
Leibarzt höhnisch seine Anklage.
"Welchen Knaben denn?" fragte Ludwig in seiner sachlichen Art, die
kurze Wege liebte.
"Es war der junge Boufflers, der Sohn des Marschalls aus seiner ersten
Ehe", antwortete Fagon traurig.
"Julian Boufflers? Dieser starb, wenn mir recht ist", erinnerte sich
der König, und sein Gedächtnis täuschte ihn selten, "17** im
Jesuitencollegium an einer Gehirnentzündung, welche das arme Kind
durch Überarbeitung sich mochte zugezogen haben, und da Père Tellier
in jenen Jahren dort Studienpräfekt sein konnte, hat er allerdings,
sehr figürlich gesprochen", spottete der König, "den unbegabten, aber
im Lernen hartnäckigen Knaben in das Grab gebracht. Der Knabe hat
sich eben übernommen, wie mir sein Vater, der Marschall, selbst
erzählt hat." Ludwig zuckte die Achseln. Nichts weiter. Er hatte
etwas Interessanteres erwartet.
"Den unbegabten Knaben... ", wiederholte der Arzt nachdenklich.
"Ja, Fagon", versetzte der König, "auffallend unbegabt, und dabei
schüchtern und kleinmütig, wie kein Mädchen. Es war an einem
Marly-Tage, dass der Marschall, welchem ich für dieses sein ältestes
Kind die Anwartschaft auf sein Gouvernement gegeben hatte, mir ihn
vorstellte. Ich sah, der schmucke und wohlgebildete Jüngling, über
dessen Lippen schon der erste Flaum sprosste, war bewegt und wollte
mir herzlich danken, aber er geriet in ein so klägliches Stottern und
peinliches Erröten, dass ich, um ihn nur zu beruhigen oder wenigstens
in Ruhe zu lassen, mit einem 'Es ist gut' geschwinder, als mir um
seines Vaters willen lieb war, mich wendete."
"Auch mir ist jener Abend erinnerlich", ergänzte die Marquise. "Die
verewigte Mutter des Knaben war meine Freundin, und ich zog diesen
nach seiner Niederlage zu mir, wo er sich still und traurig, aber
dankbar und liebenswert erwies, ohne, wenigstens äusserlich, die
erlittene Demütigung allzu tief zu empfinden. Er ermutigte sich sogar
zu sprechen, das Alltägliche, das Gewöhnliche, mit einem
herzgewinnenden Ton der Stimme, und--meine Nähe schaffte ihm Neider.
Es war ein schlimmer Tag für das Kind, jener Marly. Ein Beiname, wie
denn am Hofe alles, was nicht Ludwig heisst, den seinigen tragen
muss"--die feinfühlige Marquise wusste, dass ihr gerades Gegenteil,
die brave und schreckliche Pfälzerin, die Herzogin-Mutter von Orléans,
ihr den allergarstigsten gegeben hatte--, "einer jener gefährlichen
Beinamen, die ein Leben vergiften können und deren Gebrauch ich meinen
Mädchen in Saint-Cyr auf strengste untersagt habe, wurde für den
bescheidenen Knaben gefunden, und da er von Mund zu Munde lief, ohne
viel Arg selbst von unschuldigen und blühenden Lippen gewispert,
welche sich wohl dem hübschen jungen nach wenigen Jahren nicht versagt
haben würden."
"Welcher Beiname?" fragte Fagon neugierig.
"'Le bel idiot'... und das Zucken eines Paares hochmütiger Brauen
verriet mir, wer ihn dem Knaben beschert hat."
"Lauzun?" riet der König.
"Saint-Simon", berichtigte die Marquise. "Ist er doch an unserem Hofe
das lauschende Ohr, das spähende Auge, das uns alle beobachtet"--der
König verfinsterte sich--, "und die geübte Hand, die nächtlicherweile
hinter verriegelten Türen von uns allen leidenschaftliche Zerrbilder
auf das Papier wirft! Dieser edle Herzog, Sire, hat es nicht
verschmäht, den unschuldigsten Knaben mit einem seiner grausamen Worte
zu zeichnen, weil ich Harmlose, die er verabscheut, an dem Kinde ein
flüchtiges Wohlgefallen fand und ein gutes Wort an dasselbe wendete."
So züngelte die sanfte Frau und reizte den König, ohne die Stirn zu
falten und den Wohlklang ihrer Stimme zu verlieren.
"Der schöne Stumpfsinnige", wiederholte Fagon langsam. "Nicht übel.
Wenn aber der Herzog, der neben seinen schlimmen auch einige gute
Eigenschaften besitzt, den Knaben gekannt hätte, wie ich ihn
kennenlernte und er mir unvergesslich geblieben ist, meiner Treu! der
gallichte Saint-Simon hätte Reue gefühlt. Und wäre er wie ich bei dem
Ende des Kindes zugegen gewesen, wie es in der Illusion des Fiebers,
den Namen seines Königs auf den Lippen, in das feindliche Feuer zu
stürzen glaubte, der heimliche Höllenrichter unserer Zeit, wenn die
Sage wahr redet, denn niemand hat ihn an seinem Schreibtische
gesehen--hätte den Knaben bewundert und ihm eine Träne nachgeweint."
"Nichts mehr von Saint-Simon, ich bitte dich, Fagon", sagte der König,
die Brauen zuammenziehend. "Mag er verzeichnen, was ihm als die
Wahrheit erscheint. Werde ich die Schreibtische belauern? Auch die
grosse Geschichte führt ihren Griffel und wird mich in den Grenzen
meiner Zeit und meines Wesens lässlich beurteilen. Nichts mehr von
ihm. Aber viel und alles, was du weisst, von dem jungen Boufflers.
Er mag ein braver Junge gewesen sein. Setze dich und erzähle!" Er
deutete freundlich auf einen Stuhl und lehnte sich in den seinigen
zurück.
"Und erzähle hübsch bequem und gelassen, Fagon", bat die Marquise mit
einem Blick auf die schmucken Zeiger ihrer Stockuhr, welche zum
Verwundern schnell vorrückten.
"Sire, ich gehorche", sagte Fagon, "und tue eine untertänige Bitte.
Ich habe heute den Père Tellier in Eurer Gegenwart misshandelnd mir
eine Freiheit genommen und weiss, wie ich mich aus Erfahrung kenne,
dass ich, einmal auf diesen Weg geraten, an demselben Tage leicht
rückfällig werde. Als Frau von Sablière den guten--oder auch nicht
guten--Lafontaine, ihren Fabelbaum, wie sie ihn nannte, aus dem
schlechten Boden, worein er seine Wurzeln gestreckt hatte, ausgrub und
wieder in die gute Gesellschaft verpflanzte, willigte der Fabeldichter
ein, noch einmal unter anständigen Menschen zu leben, unter der
Bedingung jedoch, jeden Abend das Minimum von drei Freiheiten--was er
so Freiheiten hiess--sich erlauben zu dürfen. In ähnlicher und
verschiedener Weise bitte ich mir, soll ich meine Geschichte erzählen,
drei Freiheiten aus... "
"Welche ich dir gewähre", schloss der König.
Drei Köpfe rückten zusammen: der bedeutende des Arztes, das olympische
Lockenhaupt des Königs und das feine Profil seines Weibes mit der
hohen Stirn, den reizenden Linien von Nase und Mund und dem leicht
gezeichneten Doppelkinne.
"In den Tagen, da die Majestät noch den grössten ihrer Dichter besass",
begann der Leibarzt, "und dieser, während schon der Tod nach seiner
kranken Brust zielte, sich belustigte, denselben auf der Bühne
nachzuäffen, wurde das Meisterstück 'Der Kranke in der Einbildung'
auch vor der Majestät hier in Versailles aufgeführt. Ich, der ich
sonst eine würdige mit Homer oder Virgil verlebte Stunde und den
Wellenschlag einer antiken Dichtung unter gestirntem Himmel den
grellen Lampen und den verzerrten Gesichtern der auf die Bühne
gebrachten Gegenwart vorziehe, ich durfte doch nicht wegbleiben, da wo
mein Stand verspottet und vielleicht, wer wusste, ich selbst und meine
Krücke"--er hob sein Bambusrohr, auf welches er auch sitzend sich zu
stützen fortfuhr--, "abbildlich zu sehen waren. Es geschah nicht.
Aber hätte Molière mich in einer seiner Possen verewigt, wahrlich, ich
hätte es dem nicht verargen können, der sein eigenes schmerzlichstes
Empfinden komisch betrachtet und verkörpert hat. Diese letzten Stücke
Molières, nichts geht darüber! Das ist die souveräne Komödie, welche
freilich nicht nur das Verkehrte, sondern in grausamer Lust auch das
Menschlichste in ein höhnisches Licht rückt, dass es zu grinsen
beginnt. Zum Beispiel, was ist verzeihlicher, als dass ein Vater auf
sein Kind sich etwas einbilde, etwas eitel auf die Vorzüge und etwas
blind für die Schwächen seines eigenen Fleisches und Blutes sei?
Lächerlich freilich ist es und fordert den Spott heraus. So lobt denn
auch im 'Kranken in der Einbildung' der alberne Diaforius seinen noch
alberneren Sohn Thomas, einen vollständigen Dummkopf Doch die Majestät
kennt die Stelle."
"Mache mir das Vergnügen, Fagon, und rezitiere sie mir", sagte der
König, welcher, seit Familienverluste und schwere öffentliche Unfälle
sein Leben ernst gemacht, sich der komischen Muse zu enthalten pflegte,
dem die Lachmuskeln aber unwillkürlich zuckten in Erinnerung des
guten Gesellen, den er einst gern um sich gelitten und an dessen
Masken er sich ergötzt hatte.
"'Es ist nicht darum'", spielte Fagon den Doctor Diaforius, dessen
Rolle er seltsamerweise auswendig wusste, "'weil ich der Vater bin,
aber ich darf sagen, ich habe Grund, mit diesem meinem Sohne zufrieden
zu sein, und alle, die ihn sehen, sprechen von ihm als von einem
Jüngling ohne Falsch. Er hat nie eine sehr tätige Einbildungskraft,
noch jenes Feuer besessen, welches man an einigen wahrnimmt. Als er
klein war, ist er nie, was man so heisst, aufgeweckt und mutwillig
gewesen. Man sah ihn immer sanft, friedselig und schweigsam. Er
sprach nie ein Wort und beteiligte sich niemals an den sogenannten
Knabenspielen. Man hatte schwere Mühe, ihn lesen zu lehren, und mit
neun Jahren kannte er seine Buchstaben noch nicht. Gut', sprach ich
zu mir, 'die späten Bäume tragen die besten Früchte, es gräbt sich in
den Marmor schwerer als in den Sand'... und so fort. Dieser langsam
geträufelte Spott wurde dann auf der Bühne zum gründlichen Hohn durch
das unsäglich einfältige Gesicht des Belobten und zum
unwiderstehlichen Gelächter in den Mienen der Zuschauer. Unter diesen
fand mein Auge eine blonde Frau von rührender Schönheit und
beschäftigte sich mit den langsam wechselnden Ausdrücken dieser
einfachen Züge; zuerst demjenigen der Freude über die gerechte
Belobung eines schwer, aber fleissig lernenden Kindes, so
unvorteilhaft der Jüngling auf der Bühne sich ausnehmen mochte, dann
dem andern Ausdrucke einer traurigen Enttäuschung, da die Schauende,
ohne jedoch recht zu begreifen, inne wurde, dass der Dichter, der es
mit seinen schlichten Worten ernst zu meinen schien, eigentlich nur
seinen blutigen Spott hatte mit der väterlichen Selbstverblendung.
Freilich hatte Molière, der grossartige Spötter, alles so naturwahr
und sachlich dargestellt, dass mit ihm nicht zu zürnen war. Eine
lange und mühsam verhaltene, tief schmerzliche Träne rollte endlich
über die zarte Wange des bekümmerten Weibes. Ich wusste nun, dass sie
Mutter war und einen unbegabten Sohn hatte. Das ergab sich für mich
aus dem Geschauten und Beobachteten mit mathematischer Gewissheit.