Der den Teufel rief

1

Das alte Wersenewsche Haus ist in aller Munde. In Krutowrag ist es nicht

geheuer.

Viel Interessantes und natürlich auch viel Gruseliges erzählte man sich

über das alte Haus.

Sergej Sergejewitsch Wersenew selbst ist allerdings nicht sehr gesprächig:

auch kümmert er sich wenig um solche Dinge. Aber seine Frau Jelisaweta

Nikolajewna und die beiden Kinder -- der Gymnasiast Gorik und die

Gymnasiastin Buba -- lieben es, von den alten Zeiten zu sprechen. Mit Genuß

sprechen sie davon, wie auch das Hausgesinde, die alte Kinderfrau

Solomowna, der Koch Prokofi Konstantinowitsch und der Lakai Sinowi, in der

Küche beim Teetrinken gern über die gleichen Dinge sprechen; doch im

Flüsterton!

Im Garten, am Sandhügel, den noch in den Tagen der Leibeigenschaft Kinder

und Greise aufgeschüttet hatten, zeigte man einen kleinen schlammigen

Weiher, der selbst beim stärksten Frost nur am Rande, um die kalte Quelle

herum, die in seiner Mitte sprudelte, zufror und, wie es hieß, gar keinen

Grund hatte.

Jede Nacht kam aus dem Weiher eine Troika heraus; sie fuhr lautlos durch

die Lindenallee und hielt vor der Veranda des Herrenhauses; ein uralter

Greis, Wersenews Großvater, sprang aus dem Wagen, ging auf die Veranda

hinauf, spazierte dort auf und ab und roch an den Blumen; dann begab er

sich in den großen Saal, stieg in den Keller hinab und kehrte schließlich

mit seiner Troika in den grundlosen Weiher zurück.

Unter dem Hause befanden sich zwei sehenswerte gewölbte Keller: ein großer,

der jetzt leer war, und ein kleiner, der als Weinkeller benutzt wurde. Aus

dem leeren Keller, wo man vor Zeiten die Leibeigenen, die sich etwas

zuschulden hatten kommen lassen, zu züchtigen pflegte, hörte man nachts ein

Stöhnen; und im kleinen Keller, wo einst die Wersenewschen Schätze verwahrt

wurden, klirrte es oft, wie wenn jemand Dukaten zählte.

Einen neuen Gast pflegte man vor allen Dingen in das Eckzimmer im

Obergeschoß zu führen, aus dessen Fenster man die Landstraße sehen konnte.

In diesem Zimmer standen mit altmodischen Kleidern und merkwürdigem

Schuhwerk angefüllte Schränke: es war Großmutters Garderobe.

Man erzählte sich, daß Sergej Sergejewitschs Mutter, Fedossja Alexejewna,

von ihrem Mann in Krutowrag verlassen, Tag und Nacht vor diesem Fenster

gesessen habe; sie sei auch, so vor dem Fenster sitzend und auf die Straße

schauend, gestorben.

Sehr traurig war es in diesem hellen, traurigen Zimmer und sehr unheimlich;

viel unheimlicher und öder als im großen Keller, an dessen Wänden man noch

die braunen Blutspritzer sehen konnte. Das Zimmer, das an Fedossja

Alexejewnas Zimmer anstieß, war unbewohnt; man bewahrte die alten

Spielsachen der Kinder dort auf.

Durch eine Galerie, die das Haus in zwei Hälften teilte, gelangte man in

das geräumige Vestibül im Erdgeschoß und von da aus in einen großen Saal

mit zwei übereinanderliegenden Reihen Fenster; zwischen den Fenstern, die

auf die Veranda hinausgingen, standen schmale Spiegel.

In ihnen spiegelte sich der Kronleuchter, und sie begleiteten jeden, der

vorbeiging, mit ihrem schweren Spiegelblick.

Rechts folgten die innern Wohnräume, an die sich eine in späterer Zeit

angebaute Küche anschloß, und links -- die Paradezimmer.

Im Salon standen unter den Familienbildnissen L'hombretische, die schon

manches wahnwitzige Hasardspiel gesehen hatten.

Hier erschien jede Nacht, so berichteten die Augenzeugen, Sergej

Sergejewitschs Vater, Sergej Petrowitsch, ein leidenschaftlicher Spieler,

der im Auslande das ganze Riesenvermögen seiner von ihm verlassenen Frau

verspielt hatte; er ging von Tisch zu Tisch, klappte sie auf und stöberte

unter dem Tuch herum, als hoffe er, noch einen vergessenen Dukaten zu

finden.

Aus dem Salon führte man den Gast in die Bibliothek und ins Arbeitszimmer.

Hier in diesem Arbeitszimmer, in die Ecke neben dem Schrank mit dem dunklen

astronomischen Globus gekauert, war Sergej Petrowitsch gestorben; vor

seinem Tode soll er _echte Teufel_, das heißt Teufel ohne Schweif und

Hörner, gesehen haben.

Obwohl niemand außer Sergej Sergejewitsch etwas Sicheres darüber wissen

konnte -- der Vater ließ in seiner Sterbestunde nur ihn allein zu sich

kommen --, konnte man die Geschichte von den echten Teufeln ohne Schweif

und Hörner in ganz Krutowrag hören, in allen Winkeln und von allen

Kreaturen: von dem alten tauben Gemüsegärtner Gordej bis zu der

allmächtigen Näherin Anna Fjodorowna Raphael. Der selige Sergej Petrowitsch

pflegte nämlich alle einfachen Leute ohne Ausnahme Kreaturen zu nennen.

Nachdem der Gast die Paradezimmer, die zu beiden Seiten eines dunklen

Korridors gelegenen Wohnräume in der rechten Hälfte des Hauses und die

beiden Keller besichtigt hatte, führte man ihn in das Speisezimmer, wo vor

verhältnismäßig kurzer Zeit der Wein in Strömen floß; zu der gleichen Zeit,

als im Salon klirrendes Gold mit beiden Händen ausgestreut wurde.

Im länglichen niedern Speisezimmer fanden die Wersenewschen Gespräche und

überhaupt alle Erinnerungen ihren Abschluß.

Noch manches andere Interessante und natürlich auch Gruselige erzählte man

sich über das Haus.

Darum brannten in allen Zimmern bis spät in die Nacht hinein Kerzen. Das

nächtliche Knistern der Parkettböden verbannte aber jeden Schlaf aus dem

Hause.

Weiße Säulen, schwer und massiv wie Elefantenbeine, stützten das im Winde

klirrende feste Eisendach. Sie allein schienen Tag und Nacht ruhig zu

schlafen, ohne sich um all diese Geschichten, um das Grauen, das nachts in

den Zimmern herrschte, und um die Fledermäuse, die an ihnen klebten wie die

Fliegen an der Kinderfrau Solomowna, zu kümmern. Die alten Pappeln aber,

die das Haus überragten, rauschten ständig, ganz gleich ob der Tag

windstill oder stürmisch war.

* * *

Die Türen stehen bei den Wersenews immer weit offen: jedermann kann zur

beliebigen Stunde kommen. Die Wersenews haben ständig Besuch; das ganze

Jahr ist wie ein Geburtstag.

Verwandte und Bekannte, Nachbarn und Leute aus der Stadt kommen sehr oft

und sehr gern nach Krutowrag. Sie kommen nicht einzeln und nicht in Paaren,

sondern mit der ganzen Familie, wie in Großvaters Tagen.

Selbst in Zeiten, wo alle miteinander verzankt waren, verstanden es die

Wersenews, sich mit allen gut zu vertragen. Sie freuten sich über jeden

Gast.

Gar lustig ging es in Krutowrag zu!

Warum sollte es dort auch nicht lustig zugehen! Die Nacht mit ihren

Schmerzen währte ja nicht ewig; es gab ja auch einen Tag! Und was hatte

auch schließlich so eine Wersenewsche Nacht mit all ihren dummen Ängsten zu

bedeuten?

Jelisaweta Nikolajewna verstand es meisterhaft, ihren Gästen Unterhaltungen

und Zerstreuungen zu bieten. Sie war die Anstifterin aller lustigen

Streiche und ließ auch ihren Kindern darin volle Freiheit.

Gorik und Buba hatten viele Altersgenossen. Man veranstaltete

Liebhabervorstellungen und lebende Bilder, man spielte Scharaden; immer gab

es Feuerwerk, Picknicks, Ausflüge zu Wagen und zu Pferde und Bootfahrten.

Wie sollte man sich da fürchten: es war ja zu lustig!

Nur eines fehlte ihnen: ein Aeroplan. Die Wersenews träumten von einem

Aeroplan mit der gleichen Sehnsucht, mit der die Gymnasiasten der guten

alten Zeit von Amerika träumten. Hätten sie aber wirklich solch einen

Aeroplan bekommen, so wäre es wohl um sie geschehen: sie wären dann in

solche Höhen, in solche Wolkenmeere emporgeflogen, daß ihnen nur das eine

übriggeblieben wäre: ein Ende mit Schrecken!

Sie betrieben alle Zerstreuungen und Belustigungen mit viel zuviel Eifer

und Leidenschaft; die Spiele erschienen als wichtige und bedeutsame

Angelegenheiten, ohne die man gar nicht leben könnte, ohne die nur das eine

übrigblieb: ein Ende mit Schrecken!

Die Erwachsenen wurden von dieser Lustigkeit angesteckt und waren stets mit

den Kindern zusammen. Sie ließen ihnen einfach keine Ruhe. Ganze Tage

gingen im Spiel hin.

Gar lustig ging es in Krutowrag zu!

Alle diese Belustigungen kosteten eine Menge Geld und erforderten große

Mühe und viele Arbeitshände. Manchmal nahmen sie auch ein schlechtes Ende.

Aber jede vernünftige Sache kann zu einem schlechten Ende führen!

Der Gärtner Eduard, den man sich nach Krutowrag aus Riga verschrieben

hatte, ein arbeitsamer, zu philosophischen Betrachtungen neigender und

kunstfertiger Mann, mußte einen ganzen Sommer lang, statt sein

Gärtnerhandwerk auszuüben -- die Blumen zu pflegen und Kunstgärtnerei zu

treiben --, Abend für Abend Raketen steigen lassen. Er erlangte darin eine

große Fertigkeit, aber die Blumen gingen zugrunde. Und was waren das für

Blumen!

Es ist noch manches Ähnliche passiert; die Belustigungen kamen gar nicht

billig zu stehen!

Nur wenige Abende liefen ohne Feuersbrunst ab.

In den letzten Jahren hatte es so oft gebrannt, daß selbst die Sterne, die

trüben Sterne von Krutowrag, die scheu über dem Wersenewschen Hause

flimmerten, die emporlodernden Flammen der Feuersbrünste nicht mehr

fürchteten. Auch in den Nachbardörfern brannte es in einem fort. Das wurde

aber weniger der Unvorsichtigkeit der Wersenews als Brandstiftungen

zugeschrieben: es gab ja genug Gesindel in der Gegend und viele reiche

Besitzungen.

Man könnte doch meinen, die Wersenews müßten etwas vorsichtiger werden! Wie

leicht konnte ein Unglück passieren! Und doch kannten sie kein größeres

Vergnügen als Brennen.

Man brannte Raketen und Feuerwerk ab; man legte im Walde Feuer an, um

Kartoffeln zu braten oder auch ohne jeden Zweck; in Sommernächten brannten

diese Feuer bis zum Morgengrauen; im Garten gab es immer Feuerwerk oder

brennende Reisighaufen. Ohne Feuer gab es bei ihnen kein Vergnügen; man

vergaß viel eher das Abendbrot als irgendeinen qualmenden und über die

ganze Gegend Funken werfenden >Persischen Blitz<. Den Blitz vergaß man

niemals!

Die Wersenews brannten, wo man nur brennen konnte, und auch dort, wo man es

gar nicht durfte. Sie steckten an, was ihnen gerade in die Hände fiel.

Jelisaweta Nikolajewna begnügte sich nicht damit, ihre Kinder zu solchen

gefährlichen Spielen zu ermuntern: nein, sie erfand selbst neue Variationen

und war die eigentliche Rädelsführerin. Sie benahm sich bei diesen

gefährlichen Unternehmungen so kindlich und schelmisch, als ob sie nicht

Bubas Mutter, sondern ihre Schwester wäre; sie stand ihren Kindern in

nichts nach und betrieb alles mit dem gleichen verrückten Eifer und

komischen Ernst wie sie.

Jelisaweta Nikolajewna konnte niemals ruhig auf einem Platze sitzen: im

Sommer gab es jeden Augenblick Liebhaberaufführungen und Feuerwerk, im

Winter Abendunterhaltungen und Besuche bei den Nachbarn. Sie machte

überhaupt den Eindruck eines höchst leichtsinnigen Menschen. Wenn man aber

mit ihr sprach, so konnte man hören, daß sie das alles nur den Kindern

zuliebe tat; auch das viele Geld reute sie nicht, wenn sie ihnen damit eine

Freude machen konnte.

Sie sprach von ihren Mutterpflichten mit solcher Überzeugung und zeigte

darin einen so unerschütterlichen Glauben, daß der sonst allzu auffällige

schelmische Ausdruck in solchen Momenten spurlos in der Tiefe ihrer

erschrockenen Augen verschwand.

Die Damen aus der Nachbarschaft, die die erstaunliche Gabe besaßen, jeden

Unsinn mit den unsinnigsten Einzelheiten aufzustöbern und zu verbreiten und

so flink wie die Flöhe in die verborgensten Winkel einzudringen, selbst die

bedeutendsten Spezialistinnen auf dem Gebiete des Klatsches und der

Intrige, wußten mit ihr nichts anzufangen: man konnte ihr beim besten

Willen nichts nachweisen und keinen Roman, in dem sie eine handelnde Person

wäre, konstruieren.

Die Kinder waren von Natur aus schwächlich, sie wären wohl dauernd krank

gewesen, wenn die Mutter sie nicht immer zu den ausgelassensten Spielen

angehalten hätte. Sie waren wahre Räuber, die Mutter aber eine noch größere

Räuberin als sie. Ohne sie würde keine einzige Belustigung zustande kommen

und kein Feuerwerk brennen; von ihr ging diese ausgelassene Freude aus, und

ihretwegen wäre man am liebsten immer in Krutowrag geblieben; alles war das

Werk ihrer Hände, die so klein und flink waren, sich aber auch an ein Ding

wie mit Krallen festzuklammern verstanden . . .

Man kann nicht behaupten, daß Sergej Sergejewitsch ungastlich gewesen wäre;

im Gegenteil: er freute sich aufrichtig über jeden Gast und bot einem jeden

von seinen vorzüglichen Havannazigarren an, mit brasilianischem oder mit

mexikanischem Deckblatt -- ganz nach Wunsch! Es war aber einmal so

eingeführt und konnte anscheinend gar nicht anders sein, als daß die Gäste,

die so gern zu den Wersenews kamen, den Herrn des Hauses nach Möglichkeit

mieden.

Der Grund war sehr einfach: in Wersenews Gesellschaft war es immer

furchtbar langweilig.

Von außen gesehen, waren seine Erscheinung, seine Manieren und Gewohnheiten

durchaus normal und in keiner Weise sonderbar oder auffallend; er war ein

Mensch wie alle Menschen und schnaufte sogar wie mancher andere mit der

Nase: wenn auch etwas lauter als der Krutowrager Adelsmarschall Turbejew,

aber doch nicht so laut wie der General a. D. Belojarow. Er hielt viel auf

gute Kleidung und trug sich nicht weniger elegant als der Landrat

Pustoroslew, dessen beispiellose Vergeßlichkeit in seinen privaten wie auch

öffentlichen Angelegenheiten sprichwörtlich geworden war. Was konnte man

von ihm noch mehr verlangen? Aber trotz all seiner Liebenswürdigkeit und

Aufmerksamkeit und trotz der berühmten Havannazigarren würde es jedermann

vorziehen, vierundzwanzig Stunden lang auf irgendeiner gottverlassenen

Eisenbahnstation zu sitzen, als eine Minute unter vier Augen mit Sergej

Sergejewitsch zu verbringen.

Er unterbrach seinen Gesprächspartner mitten in einem Satze und verzog das

Gesicht mit einem Ausdruck, als ob er sich auf etwas besinnen wolle oder

nach einem Wort suche, das präziser als alle sonst gebräuchlichen

Umgangsworte seinen Gedanken ausdrücken könne, während es in seiner Kehle

eigentümlich pfiff. Nachdem er den bestürzten Gesprächspartner eine

Zeitlang in gespanntester Erwartung hatte zappeln lassen, winkte er

plötzlich mit der Hand ab und faßte seinen Ärger und seine Ohnmacht in dem

einzigen Worte zusammen:

»Teufel!«

>Teufel!< klang es zu allen Tages- und Nachtstunden im Hause, im Garten, im

Felde, auf dem Flusse, kurz überall, wo Wersenew nur auftauchte.

Wersenew blieb aber niemals der lustigen Gesellschaft fern; es zog ihn

immer zu seinen Gästen, und er folgte ihnen, laut mit der Nase schnaufend,

überallhin wie ein Schatten. Von allen vernachlässigt und in den Schatten

gedrängt, wiederholte er zu den Klängen der Tanzmusik, zu dem lustigen

Lachen und Schreien, zu dem Knistern des Feuerwerks und dem Krachen der

Raketen sein einziges, seinen Ärger und seine Ohnmacht zusammenfassendes

schwarzes Wort:

»Teufel!«

Alle hatten sich so sehr an diesen Wersenewschen >Teufel< gewöhnt, daß es

niemand mehr merkte.

Nur die alte Kinderfrau Solomowna, eigentlich Jefimija Awessalomowna, die

den Sergej Sergejewitsch großgezogen hatte, schlug das Kreuz und schüttelte

den Kopf.

Wenn in der Küche oder in der Mägdekammer von den Herrschaften gesprochen

wurde, tadelten sie weder deren Verschwendungssucht noch die

Lotterwirtschaft, sondern nur das eine: daß der gnädige Herr immer den

>Teufel< im Munde habe.

Man wußte ja sehr gut, von Solomowna wußte man es, wohin das führen konnte.

»Wenn man den Teufel zur ungelegenen Zeit ruft, so kommt er als schwarzer

Sturmwind geflogen und ergreift den Menschen, und der Mensch geht

zugrunde!« sagte die Kinderfrau, indem sie sich den Mund bekreuzigte und

den Kopf schüttelte.

Und alle waren ihrer Meinung; niemand widersprach ihr, besonders wenn

abends davon die Rede war. Der Koch Prokofi Konstantinowitsch spottete

nicht, der Kutscher Anton wußte nichts dagegen einzuwenden, die drei

Zimmermädchen: Charitina, Ustja und Sanja waren ganz ihrer Meinung, ebenso

wie die Wäscherin Matrjona Simanowna und der Bautischler Terenti; selbst

der verwilderte Schmied, den man >Truthahn< nannte, der an keine

übernatürliche Macht glaubte und selbst eine Art Hexenmeister oder Gott

weiß was war, sagte kein Wort dagegen; der schweigsame Lakai Sinowi

lächelte nicht, und sein Gehilfe, der kleine Pjotr, wagte nicht zu grinsen;

dieser Pjotr glaubte nur an den schrecklichen Wels mit dem langen

Schnurrbart, der einmal vor grauen Jahren ein Kalb verschlungen hatte und

sich alle zwölf Jahre im Flusse zeigte; beim bloßen Gedanken an diesen Wels

zitterte er am ganzen Leibe.

»Auch der selige Herr Sergej Petrowitsch hatte so eine Angewohnheit«,

pflegte Solomowna zu sagen, »alle Leute nannte er >Kreaturen<. >Kreatur<,

pflegte er zu sagen, >komm einmal her!< Selbst den Dorfgeistlichen nannte

er Kreatur. Die Sünde ist zwar groß, aber doch lange nicht so groß wie die

von Sergej Sergejewitsch.«

Sergej Sergejewitsch, dem es unter den Gästen langweilig wurde, kam

plötzlich in die Küche oder in die Mägdekammer und stand, schwer mit der

Nase schnaufend, da.

Die Dienstboten sprangen erschrocken auf und erwarteten von ihm irgendeinen

Befehl oder auch ein ordentliches Donnerwetter.

Sergej Sergejewitsch stand aber regungslos da, starrte unverwandt auf den

verwilderten >Truthahn<, der selbst eine Art Hexenmeister oder Gott weiß

was war, und verzog das Gesicht mit einem Ausdruck, als ob er sich auf

etwas besinnen wollte, oder nach einem Wort suchte, das präziser als alle

sonst gebräuchlichen Umgangsworte seinen Gedanken ausdrücken könnte,

während es in seiner Kehle eigentümlich pfiff.

Nachdem er die bestürzten Dienstboten eine Zeitlang in gespanntester

Erwartung hatte zappeln lassen, winkte er plötzlich mit der Hand ab und

faßte seinen Ärger und seine Ohnmacht in das eine Wort zusammen:

»Teufel!«

»Teufel!« -- hallte es irgendwo im Korridor wider, und irgendwo unter dem

Ofen, und irgendwo im Keller, und irgendwo hoch über der Decke auf dem

dunklen Dachboden; das Wort übertönte die Musik, den Tanz, das Lachen,

Schreien, das Krachen der Raketen und das Knistern des Feuers.

Die Sterne am Himmel, die trüben Sterne von Krutowrag, die sich an die

emporlodernden Flammen längst gewöhnt hatten, blickten unruhig auf das

Wersenewsche Haus hernieder.

2

Woher und wie lange Wersenew die üble Angewohnheit hatte, den Teufel zu

rufen, wußte niemand; niemand dachte auch je darüber nach.

Wollte man auf alle Redensarten und Scherzworte aufpassen und über sie

nachdenken, so würde ein Menschenleben dazu nicht ausreichen; außerdem

riskiert man dabei, sich selber eines davon anzugewöhnen: es gibt doch

recht üble Redensarten! Der Adelsmarschall Turbejew pflegt zum Beispiel an

jeden Satz, den er spricht, das Wort >gewissermaßen< anzuhängen, und das

hat ihm noch niemals geschadet. Als aber der Krutowrager Krämer Charin

diese Redensart vom Adelsmarschall übernommen hatte, kam er beinahe an den

Bettelstab. Wie sollte er auch nicht an den Bettelstab kommen? Nehmen wir

zum Beispiel die von einem Krämer am häufigsten gebrauchte Wendung: >Das

kostet soundsoviel<; dieser Ausdruck ist durchaus eindeutig und bestimmt

den Preis in Rubeln und Kopeken aber: >Das kostet gewissermaßen

soundsoviel< -- klingt schon ganz anders. Oder: >Schicken Sie es mir

gewissermaßen sofort<; >Schicken Sie es mir sofort< -- das versteht der

größte Dummkopf, aber >gewissermaßen sofort< wird auch der Gescheiteste

nicht verstehen. Dasselbe gilt von Wersenews >Teufel<: wenn man dieser

Redensart zuviel Beachtung schenkt und immer an sie denkt, so kann sie

leicht an einem hängenbleiben; und wenn man sie sich angewöhnt hat, geht

man sicher zugrunde. Die alte Solomowna mußte es ja wissen: Solomowna

stammte noch aus der Zeit der Leibeigenschaft; sie hatte vieles gesehen,

gehört und erlebt; also hatte sie wohl recht, wenn sie sagte: _Wenn man den

Teufel zur ungelegenen Zeit ruft, so kommt er als schwarzer Sturmwind

geflogen und ergreift den Menschen, und der Mensch geht zugrunde!_

So urteilten alle Leute in Krutowrag und auch anderwärts, die, ob sie

wollten oder nicht, mit Sergej Sergejewitsch zusammenkommen mußten; es

waren auch gar nicht die ersten besten, sondern lauter belesene und

verständige Menschen, bewanderte Archäologen und Mechaniker.

So urteilte auch der Geistliche von Krutowrag P. Astriosow, der zwischen

allen Dingen und Handlungen ein >Bindeglied< zu konstruieren suchte, kein

gewöhnliches, sondern unbedingt ein >eisernes< Bindeglied.

Von den übrigen Bekannten lohnt sich gar nicht zu sprechen. Sie überhörten

den Wersenewschen >Teufel< ganz einfach und schenkten ihm nicht die

geringste Beachtung.

»Wenn Wersenew den Teufel ruft, so ist es seine Sache! Es gibt Redensarten,

die von Vornehmheit und Überhebung zeugen: so das >Bitte zu beachten< des

Landrats Pustoroslew; es gibt fromme Redensarten, die ekstatisch

veranlagten Leuten eigen sind, wie zum Beispiel >Herr Jesus!< Es kommt aber

auch vor, daß vornehme Herren in hoher gesellschaftlicher Stellung, wie zum

Beispiel der General a. D. Belojarow, Ausdrücke gebrauchen, die nicht

wiederzugeben sind; und zwar nicht nur, wenn sie von etwas überrascht und

bestürzt sind -- in diesem Fall kann es ja auch jedem wohlerzogenen

Menschen, der sonst in seiner Ausdrucksweise sehr vorsichtig ist, passieren

--, nein, es ist einfach eine üble Angewohnheit.«

So urteilten die Gleichgültigen.

Niemand wagte Sergej Sergejewitsch selbst über seine Redensart zu befragen.

Manchmal lächelte man dazu, aber niemand hatte den Mut, die Frage ganz

unverblümt zu stellen. Man genierte sich einfach, eine solche Bagatelle zur

Sprache zu bringen.

Wersenew selbst war sich aber seiner Angewohnheit wohl gar nicht bewußt.

Wäre er sich dieser seiner Angewohnheit bewußt gewesen, so hätte er sich

doch hie und da beherrschen können. Das war aber noch niemals vorgekommen:

jede Begrüßungsansprache, jeder Geburtstagstoast endete bei ihm unfehlbar

mit dem >Teufel<.

Ohne den Teufel gab es bei ihm keine einzige Rede, kein einziges Gespräch

und keinen einzigen Satz.

Es wäre aber immerhin interessant zu ergründen, wann und warum er sich

diese dumme Redensart angewöhnt hatte!

Eines war klar: daß es hier weder das berühmte Astriosowsche >eiserne

Bindeglied<, noch überhaupt ein Bindeglied gab: der Wersenewsche >Teufel<

hing einfach in der Luft, und zwar in der gleichen Höhe wie das

>gewissermaßen< des Adelsmarschalls, mindestens ebenso klar war es auch,

daß Sergej Sergejewitsch ohne diesen >Teufel< undenkbar war und daß, wenn

man ihm diese Eigenheit genommen hätte, man es nicht mehr mit Sergej

Sergejewitsch Wersenew, sondern mit einem ganz anderen Menschen zu tun

haben würde.

* * *

Wersenew konnte sich gut an seine Mutter erinnern.

Fedossja Alexejewna stammte aus einer alteingesessenen Moskauer

Kaufmannsfamilie mit alten Traditionen. Unendliche Abendgottesdienste,

Frühmessen, Heilung von Besessenen im Simonskloster, Schlittenfahrten im

Karneval, rote Osterkerzen, Glockengeläut im Kreml, Maifeiern im

Sokolniki-Wäldchen, Berichte von Pilgern, Wallfahrten nach dem

Troiza-Sergius-Kloster, Kirchenprozessionen und die strenge Hausordnung im

Vaterhaus -- das war das Wiegenlied, unter dem sie aufgewachsen war, das

erste rote Bändchen in ihren Zopf geflochten, das erste Feuer in ihrem

verzagten Herzen und ihren weitgeöffneten Augen entzündet und ihr erstes

Lächeln durch ihren ersten Kummer getrübt hatte.

Aus dem alten, frommen Moskau kam sie plötzlich in das Wersenewsche

Herrenhaus, nach Krutowrag mit dem grundlosen Weiher und dem gewölbten

Keller, an dessen Wänden braune Blutspritzer zu sehen waren.

Wenn Wersenew an seine früheste Kindheit dachte, so erhob sich vor ihm

sofort wie im Nebel das Bild seiner Mutter. Niemals konnte er vergessen,

wie sie Tage und Nächte hindurch am Eckfenster ihres Zimmers im Obergeschoß

gesessen hatte. Er schlief in ihrem Zimmer und war immer bei ihr. Und wenn

er nachts erwachte, sah er sie oft am Fenster sitzen.

Als er größer wurde und erfuhr, daß auch er, wie die andern Kinder, einen

Vater hatte und daß dieser Vater sich irgendwo im Auslande, fern von

Krutowrag aufhielt, als er erfuhr, daß seine Mutter immer den Vater

erwartete und darum die Nächte aufblieb, begann auch er selbst auf den

Vater zu warten.

Manchmal kamen Briefe vom Vater.

Mit welcher Ungeduld bestürmte der Knabe die Mutter, ihm diese Briefe

vorzulesen!

Die Briefe waren aber kurz und stets vom gleichen Inhalt: anfangs war die

Rede vom Geld, und dann gab er den Tag seiner Ankunft in Krutowrag an.

Und dieser Tag brach an, aber der Vater kam nicht.

Die Mutter bemühte sich, ihre Erbitterung vor dem Kinde zu verbergen. Sie

weinte nicht; sie saß wieder am Fenster und blickte wieder auf die

Landstraße hinaus. Aber der Knabe fühlte mit seinem ganzen kindlichen Wesen

den Kummer, der auf ihrem Herzen lastete, der sie marterte und ihr Herz vor

Kälte zusammenschrumpfen ließ. Er wollte ihr helfen, wußte aber nicht wie,

und weinte auch selbst still in sich hinein.

Die Rückkehr seines Vaters nach Krutowrag war sein sehnlichster Wunsch.

Immer wieder kamen Briefe vom Vater. Er schrieb immer wieder um Geld und

bestimmte von neuem den Tag seiner Ankunft. Und der Tag brach an, doch der

Vater kam nicht.

Einmal, als seine Ungeduld aufs höchste gesteigert war und er nicht länger

warten konnte, lief er auf die Landstraße hinaus, rannte eine weite

Strecke, ohne stehenzubleiben, kehrte dann plötzlich um und eilte mit

zusammengekniffenen Augen dem Hause zu.

»Vater kommt! Vater kommt!« rief er seiner Mutter mit so echter Freude und

so felsenfester Überzeugung zu, daß sie und auch er selbst plötzlich ein

Glöckchen in der Ferne zu hören vermeinten.

Sie zweifelte nicht, sie lief auf den Hausflur hinaus, fiel auf die Knie,

umarmte den Sohn und hielt ihn fest umschlungen, wie ihren einzigen Schutz,

wie einen geliebten Bruder, wie den treuen Zeugen ihrer bitteren Leiden,

ihrer schlaflosen Nächte und all ihrer Erbitterung. Sie konnte sich nicht

länger beherrschen, sie lachte und weinte und stieß plötzlich einen Schrei

aus, der ihr aus der Tiefe des Herzens drang.

Mutter und Sohn sahen auf die Landstraße hinaus; es war, als ob sie

zusammen nur ein Paar Augen hätten, mit denen sie hinausblickten . . . Sie

glaubten und zweifelten zugleich. Und das Glöckchen läutete noch immer in

der Ferne.

Einige Wagen mit Teefässern kamen vorbei. Die Räder knirschten und

übertönten alles. Der Staub verdeckte den Ausblick. Endlich legte sich der

Staub, und die Straße lag leer da.

Bis zum Horizont war die Straße zu sehen, und kein Glöckchen läutete mehr.

Still und leer war die Welt. Nur die Pappeln im Garten rauschten.

Von diesem Tage an begann für den Knaben ein neues Leben: Er hatte ein

neues Spiel: >Ankunft des Vaters<.

Dieses Spiel hatte er selbst erfunden.

Es amüsierte ihn, wenn die Mutter bei seinem Ruf: >Vater kommt!< von ihrem

Platz am Fenster aufsprang und plötzlich leichenblaß wurde und zitterte.

Ihn amüsierte ihr Aufschrei, der jedesmal unheimlicher und abgerissener

klang . . .

Und wenn er so spielte, glaubte er selber daran, daß er den Vater gesehen

hätte; auch seine Mutter glaubte es.

Mutter und Sohn sahen auf die Landstraße hinaus . . . So lange scheint es

her zu sein und ist doch vor kurzem hier, auf dieser Erde, geschehen! Wie

schön rauschten damals die Pappeln im Garten!

>Es zieht mich hin zu diesem stillen Strand . . .<

»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch gegen den Ansturm der

Erinnerungen.

Die Mutter starb, ohne den Vater wiedergesehen zu haben. Sie starb, am

Fenster sitzend und auf die Straße blickend.

Bald nach ihrem Tode kam der Vater.

Der Knabe erschrak vor dem Vater: es war nicht der echte Vater, nicht der

Vater, an den er soviel gedacht, den er mit solcher Sehnsucht erwartet

hatte.

Er versteckte sich immer vor ihm; er schrie und weinte nachts vor Angst.

Der Vater, der nicht zu den weichherzigen Naturen gehörte, nahm die

Erziehung des Sohnes energisch in die Hand. Er hielt ihn sehr streng und

bestrafte ihn oft und hart, so daß dem Knaben jede Lust zu weinen verging.

Er schlief jeden Abend ruhig ein und wurde ganz zahm.

Im Herbst brachte man ihn in die Stadt und steckte ihn ins Kadettenkorps.

Nun begann für Wersenew ein neues Leben, vielleicht die lustigste Periode

seines Daseins.

Wenn er in den Ferien nach Krutowrag kam, fühlte er sich da heimisch und

nicht mehr so fremd und bedrückt wie früher.

Von der Mutter wurde im Hause niemals gesprochen: Sergej Petrowitsch

erwähnte niemals ihren Namen, und der Sohn wagte nicht, als erster von ihr

zu sprechen.

Das Eckzimmer im Obergeschoß mit den Kleiderschränken wurde sorgfältig im

gleichen Zustand belassen, wie es zu Mutters Lebzeiten gewesen war: alle

ihre Sachen, ihr Tischchen, ihr Spiegel -- alles stand noch da. Der Sohn

suchte aber immer seltener dieses Zimmer auf. In der ersten Zeit kam er oft

heimlich hinauf und weinte sogar manchmal am Fenster, wo die Mutter

gesessen hatte; später interessierte er sich aber mehr für Pferde.

So kam es, daß er niemals erfuhr, warum der Vater die Mutter verlassen

hatte; in den späteren Jahren tat es ihm sogar leid, daß er es nicht wußte.

Der Vater hatte in seinem Arbeitszimmer bis zu seinem Tode das Bildnis der

Mutter hängen. Hatte er sie geliebt? Und wenn ja, warum hatte er sie

verlassen? Warum hatte der Vater die Mutter verlassen? Warum mußte sie

soviel Leid, so viele bittere Tage und Nächte über sich ergehen lassen?

>Es zieht mich hin zu diesem stillen Strand . . .<

»Teufel!« sagte sich Sergej Sergejewitsch, wenn er an die alten Zeiten von

Krutowrag dachte.

Nachdem er das Kadettenkorps absolviert hatte, ging er nach Petersburg und

wurde Offizier.

Da hatte er ein gutes Leben. Niemals hatte er Mangel an Geld: sein Vater

geizte nicht und schickte ihm regelmäßig größere Summen. Der Vater war

immer besorgt, daß es ihm gut ginge. Er konnte sich über nichts beklagen.

Bei seinen guten Verbindungen und großen Mitteln durfte er auf eine

glänzende Zukunft hoffen.

Er lebte ebenso wie die andern Offiziere: spielte Karten, nahm an

Trinkgelagen teil, besuchte Bälle, erzählte Witze, imitierte seine

Kameraden und Vorgesetzten, machte Damen den Hof, war an allen

Regimentsintrigen beteiligt, regte sich auf, zankte sich -- und die Tage

gingen gleichmäßig dahin, und ein Tag war wie der andere. Und wenn auch

zuweilen etwas Ausschließliches und Besonderes vorkam, so blieb es doch

immer in den Grenzen des in seinen Kreisen Erlaubten und Üblichen: so

verlor er zum Beispiel einmal eine Riesensumme im Kartenspiel; wem ist das

aber noch nicht passiert? Auch die anderen Ausnahmen waren von der gleichen

Art.

Gleichmäßig, mit ganz unbedeutenden Sprüngen, floß sein Petersburger Leben

dahin.

Dieses erfolgreiche, leichte und vielversprechende Leben hätte eigentlich

in seinem Gedächtnis keine Spuren zurücklassen müssen.

Und doch hatte er eine Erinnerung.

Es war allerdings nichts Besonderes, ein, ganz gewöhnliches Erlebnis.

Gibt es denn im Leben auch viel Ungewöhnliches?

Sergej Sergejewitsch dachte in seinen späteren Jahren mehr als einmal an

dieses Erlebnis zurück; er prüfte sich und saß über sich selber zu Gericht

und verantwortete sich vor sich selbst.

Er hatte schon längst eingesehen, daß eine Handlung durchaus nicht

besonders auffallend und außergewöhnlich zu sein braucht, um für immer im

Gedächtnis haftenzubleiben; daß auch etwas ganz Unbedeutendes, etwas, das

man kaum merkt, sich wie ein winziges Stäubchen in der Seele festsetzen

kann.

>Ein Komet fliegt vorbei, ein Stern stürzt vom Himmel, ein Erdbeben

vernichtet eine ganze Stadt -- das kann für dich schon am nächsten Tage

seine ganze Bedeutung verlieren und farblos werden; du kannst es vergessen

wie den gestrigen Schnee; zuweilen kann aber irgendein bescheidenes

Lichtchen -- ein irgendwo unter einer Brücke flackerndes Flämmchen oder die

qualmende Petroleumlampe in einer dummen Straßenlaterne, die wie eine

Hopfenstange unter deinem Fenster aufragt, oder sonst ein Unsinn dir für

dein ganzes Leben im Gedächtnis bleiben.<

Ja, er dachte viel darüber nach, und wie er so über sich selber zu Gericht

saß und sich vor sich selbst verantwortete, blickte er in die dunkelste

Tiefe, in den trübsten Bodensatz seiner Seele hinein.

Kann man da aber viel sehen? Und wenn man sieht, viel erkennen? Und wenn

man auch etwas erkennt, vermag man es denn richtig wiederzugeben? Und wenn

man es auch kann, hat man den Mut dazu?

Mord und Betrug, Lüge und Verrat sind schwere Vergehen, große Sünden, die

von allen Gesetzen bestraft werden. Was kommt aber dabei heraus? Der Mord

läßt den Mörder vollkommen kalt; er denkt überhaupt nicht mehr an ihn! Was

er aber bis zu seinem letzten Atemzug tragen muß, was seine Qual, sein Lohn

und seine Strafe ist, was im Augenblick der Tat sein ganzes Sein erfüllt,

das ist gar nicht der Mord, sondern das ist dieses, daß er einmal einen

Tag, eine Woche, ein Jahr oder vielleicht zehn Jahre vor dem Morde ein

zudringliches Mädel, das ihn auf der Straße anbettelte, von sich gestoßen

hat -- es gibt solche kleine Bettlerinnen, die einen auf der Straße

verfolgen und schmierige Zettel mit Prophezeiungen zum Kauf anbieten:

>Herr, kaufen Sie mir doch einen Glückszettel ab!< -- Es handelt sich auch

gar nicht darum, daß er das Mädel, das ihm sein Glück zum Kauf anbot, von

sich stieß, sondern darum, daß das frierende Mädel ihm einen Blick zuwarf,

einen Blick, den er sein Lebtag nicht vergessen wird.

»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als ihm das Petersburger

Erlebnis wieder in den Sinn kam.

Einer seiner Regimentskameraden hatte eine Braut. Der Offizier war von

altem Adel, das Mädchen aber aus einfacher Familie und sehr arm. Die

Angehörigen des Bräutigams waren gegen diese Verbindung und suchten sie auf

jede Weise zu vereiteln.

Sergej Sergejewitsch nahm sich die Angelegenheit seines Kameraden sehr zu

Herzen; er besuchte ihn oft und wünschte ihm und seiner Braut aufrichtig

Glück.

Und als nach unendlicher Mühe die Hindernisse endlich aus dem Wege geräumt

waren und der Tag der Hochzeit festgesetzt war, nahm die Sache ein

unerwartetes und trauriges Ende: die Braut löste die Verlobung.

Wersenew kann sich noch an den Abend erinnern, an diesen Petersburger

Herbstabend mit dem durchdringenden feuchten Wind und den hinter dem

Schleier des feinen Regens trübe leuchtenden Straßenlaternen; an ihr Zimmer

irgendwo in der Rusowskaja-Straße in der Nähe der Kasernen. Sie bat ihn, zu

ihr zu kommen, um mit ihm über die aufgehobene Verlobung zu sprechen. Er

zweifelte nicht, daß das der wahre Grund sei, warum sie ihn zu sich gerufen

habe; als er aber zu ihr kam, sagte sie ihm die ganze Wahrheit . . .

Er kann sich auch an ihr Gesicht erinnern, das plötzlich so blaß geworden

war, so entsetzlich blaß, wie das Gesicht seiner Mutter zu werden pflegte,

wenn er mit den Worten: >Vater kommt!< zu ihr ins Eckzimmer hineingestürzt

gekommen war.

Sie eröffnete ihm, daß sie ihn liebgewonnen hätte und nur ihn allein

liebte.

Er liebte sie aber gar nicht. Hatte er ihr denn einen Grund gegeben,

dergleichen anzunehmen? Er hatte sie als die zukünftige Gattin seines

Freundes stets aufmerksam behandelt und war aufrichtig bestrebt gewesen,

beiden, ihr und ihm, zu helfen. Er hatte sie niemals geliebt und liebte sie

auch jetzt gar nicht.

Er kann sich noch erinnern, wie sie in der Ecke am Fenster stand, während

die Regentropfen gleichmäßig und unaufhörlich gegen die Scheiben

prasselten; ein Tropfen folgte dem andern, ein Bächlein dem andern. Wie sie

ihn, ohne mit den Wimpern zu zucken, die Mundwinkel traurig gesenkt, ansah

und später mit unbeweglichen Blicken begleitete, so starr, als trüge er das

ganze Blut ihres Körpers, die ganze Kraft ihrer Seele und die ganze

Hoffnung ihres Herzens mit fort, als hätte er es ihr entrissen und ginge

damit fort!

Am nächsten Abend traf er sie zufällig auf der Kukuschkin-Brücke. Er hatte

sich nicht geirrt: sie war es. Er erkannte sie an ihrem Blick, der ebenso

unbeweglich war wie am vorigen Tag. Und etwas später hörte er etwas in das

ekle schwarze Wasser des Kanals plumpsen. Er blickte aber nicht einmal

zurück und setzte seinen Weg fort.

War er es, der sie in das ekle schwarze Wasser gestoßen hatte?

»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als ihm die Geschichte wieder

in den Sinn kam.

Bald nach diesem Vorfall mußte er plötzlich nach Krutowrag abreisen: sein

Vater lag im Sterben.

Der alte Sergej Petrowitsch Wersenew starb ganz allein und ließ niemanden,

weder den Arzt noch den Geistlichen, zu sich herein. Nur in den

allerdringendsten Fällen durfte als einzige >Kreatur< der Lakai Sinowi sein

Zimmer betreten. Der Alte wollte nichts genießen und schloß des Nachts kein

Auge.

Im ganzen Hause konnte niemand schlafen. Allen war es so unheimlich zumute;

man hatte Angst zu sprechen und selbst zu flüstern.

Alle Zimmer waren erleuchtet, und alle Türen standen weit offen; nur die

Tür des Arbeitszimmers war fest verschlossen.

Sergej Sergejewitsch kam zu einer späten Nachtstunde in Krutowrag an; er

wollte den Vater nachts nicht stören und sich erst am Morgen bei ihm

melden. Der Vater fühlte aber sofort, daß der Sohn gekommen war, und ließ

ihn durch Sinowi rufen.

Der Alte saß in der Ecke beim Schrank mit dem alten astronomischen Globus,

in einem Sessel zusammengekauert; er war fürchterlich abgemagert und lag

anscheinend in den letzten Zügen. Er keuchte schwer, als ob ihm jemand die

Kehle zusammenpreßte, die Augen waren aber ganz tot und die Pupillen trübe

und starr; nur der Rand der Pupillen hatte einen unangenehmen scharfen

Glanz.

Der Sohn ergriff seine Hand und beugte sich über sie; die Hand war eiskalt.

Und als er sich über sein Gesicht beugte, um den Vater auf die Wange zu

küssen, spürte er einen unüberwindlichen Ekel und küßte die Luft.

Vater und Sohn begrüßten einander.

Der Alte küßte den Sohn: die Lippen waren eiskalt, noch kälter als die

Hände.

Der Sohn wartete eine Weile und beugte sich wieder zum Vater:

»Nun, wie geht es Ihnen?«

»Die Teufel kommen immer her«, zischte der Alte durch die Zähne.

»Was für Teufel? Kleine mit Schwänzchen?« versuchte der Sohn zu scherzen;

er verstand es sonst sehr gut, mit dem Alten auszukommen und zu sprechen.

»Was fällt dir ein! Echte Teufel!« zischte der Vater, und seine Pupillen

wurden noch dunkler.

Wersenew erinnert sich an diese toten Augen und die starren, dunklen

Pupillen mit dem scharfen, noch lebenden Rand; der scharfe, lebende Rand

der Pupillen zog sich plötzlich zusammen und leuchtete wie rote Kohlenglut

auf.

Er griff unwillkürlich nach seinem Säbelknauf und wich einige Schritte

zurück.

Der Alte schlug seinen Schlafrock vorn auf und begann sich krampfhaft die

Brust zu kratzen.

»_Echte_ Teufel . . .« zischte der Alte, indem er sich die Brust kratzte.

Plötzlich sprang er kreischend vom Sessel auf und fiel mit dem Gesicht auf

den Teppich.

Das war also der Vater, an den er einst soviel gedacht, den er einst so

sehnsüchtig erwartet hatte!

Was quälte aber den Vater? Wen sah er vor sich? Wer besuchte ihn in seiner

Sterbestunde? Wer war der Echte? Wer umklammerte sein Herz mit dem echten

letzten Zucken des Gewissens, mit dem letzten Willen und dem letzten Wort?

Wer war das?

»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als er sich an den Tod seines

Vaters erinnerte, des Vaters, an den er einst soviel gedacht, den er so

sehnsüchtig erwartet hatte.

Wersenew nahm zu Neujahr seinen Abschied, zog aus Petersburg nach Krutowrag

und widmete sich der Landwirtschaft. Um die gleiche Zeit heiratete er.

Warum er geheiratet hatte, wußte er selbst nicht mehr; wahrscheinlich hatte

ihm Jelisaweta Nikolajewna gut gefallen: sie war so still und sanft wie ein

stiller Engel Gottes. Auch langweilte er sich allein in dem alten Hause.

Mit der Landwirtschaft beschäftigte er sich nur kurze Zeit. Dann versuchte

er, sich in der Semstwoverwaltung zu betätigen, gab aber auch das aus

irgendeinem ganz unsinnigen Grunde sehr bald auf. Allmählich zog er sich

von jeder Tätigkeit zurück.

Die ganze Wirtschaft und das ganze Schicksal der Wersenews ruhten nun auf

den Schultern des tüchtigen und fleißigen Gutsverwalters, eines mürrischen

Letten, und Jelisaweta Nikolajewnas, die es verstanden hatte, das alte Haus

mit unaufhörlichem Lärm und lustigen Gästen anzufüllen.

3

Gorik und Buba lernten gut und absolvierten die Schule mit Auszeichnung.

Gorik kam auf die Universität und Buba auf die Frauenhochschule.

Der letzte Sommer, den sie in Krutowrag verbrachten, war ganz besonders

lustig.

Die Bauernjungen von Krutowrag, die schüchternen: Fischbein, Roßhaar und

Schaufel, und auch die frechen: Igonka, Igoschka, Jenka, Jeschka und

Jermoschka spielten unter Goriks Anführung >Expropriationen<; ein Überfall,

den sie veranstalteten, war so täuschend echt, daß die tscherkessischen

Flurwächter des Generals Belojarow den Anführer um ein Haar erschossen

hätten.

Raketen und persische Blitze stiegen über dem Hause auf im Garten qualmten

Reisigfeuer, in der ganzen Umgegend loderten Feuersbrünste, und die Nächte

waren stets von unheimlichem rotem Feuerschein erhellt.

Als die Kinder endlich nach Petersburg abreisen mußten, begann auch

Jelisaweta Nikolajewna zu packen.

Die Kinder reisten mit ihrer Mutter ab und kehrten niemals nach Krutowrag

zurück.

Jelisaweta Nikolajewna erklärte ihrem Mann, daß sie nie wieder nach

Krutowrag zurückkommen wolle und daß auch die Kinder niemals zurückkehren

würden.

Als sie das sagte, hatte sie nicht mehr ihren kindlich-schelmischen

Ausdruck. Ihr Entschluß war offenbar fest und unumstößlich.

Sergej Sergejewitsch begriff anfangs gar nichts; er wollte nichts

begreifen; es war ihm zu peinlich, er wollte sich nicht von seiner Familie

trennen, es fiel ihm schwer, ein neues Leben zu beginnen, sich das gewohnte

Leben abzugewöhnen und sich in neue Verhältnisse zu schicken; er konnte

sich ein anderes Leben gar nicht vorstellen. Die Wersenews hatten ja

achtzehn Jahre zusammengelebt!

Er wollte seiner Frau widersprechen, brachte aber kein einziges Wort

hervor: statt aller Einwände drang aus seiner Kehle nur ein Röcheln und

Pfeifen, und dann folgte sein obligates >Teufel!<

Er konnte einfach nichts dagegen tun.

Schließlich wurde er still wie ein Kind, dem man das Hautjucken, das es

plagte, besprochen hat, erklärte sich mit allem einverstanden und

unterschrieb alles, was man von ihm verlangte.

Auch die Geldfrage wurde leicht und einfach gelöst.

Der Gutsverwalter erstattete einen klaren und erschöpfenden Bericht über

die Wersenewschen Verhältnisse und übernahm es, Jelisaweta Nikolajewna auch

in Zukunft auf dem laufenden zu halten.

In Krutowrag wurde es auf einmal leer.

Die Kunde von diesem Ereignis verbreitete sich über die Felder von

Krutowrag und lief dann die Landstraße entlang, bald nach rechts, bald nach

links abschwenkend und in jeden Gutshof einkehrend.

Niemand wunderte sich, niemand regte sich darüber auf; es war, als ob alle

das Ereignis vorausgeahnt und nur aus Feingefühl geschwiegen hätten, ebenso

wie man in Gegenwart eines Schwerkranken von seinem nahen Tode zu sprechen

sich scheut.

Das eheliche Zerwürfnis (General Belojarow gebrauchte übrigens einen

andern, nicht wiederzugebenden Ausdruck), mit dem man sich den plötzlichen

Entschluß Jelisaweta Nikolajewnas erklärte, beschäftigte eigentlich nur

ihre ehemaligen Freundinnen, die nun mit ihren heimlichen Verdachtsgründen

triumphierten.

»Jetzt ist es klar, daß sie in einen Roman verwickelt ist; natürlich ist es

ein Roman, obwohl niemand den Auserwählten ihres Herzens kennt; aber dieser

Auserwählte muß doch irgendwo vorhanden sein! Wo käme denn sonst das

Zerwürfnis her?«

So urteilten die Damen.

Niemand hatte aber Lust, sich mit der Sache eingehender abzugeben; niemand

hatte Lust, seine Nase in ein fremdes Malheur zu stecken; denn man kommt

immer besser weg, wenn man sich in solche Angelegenheiten nicht einmischt.

Unruhig rauschte das Korn auf den Feldern, unruhig brauste es im Walde;

auch die Sterne, die trüben Sterne von Krutowrag, flimmerten unruhig über

dem Wersenewschen Hause.

Krutowrag war nun leer. Niemand hatte Lust, Wersenew in seiner Einsamkeit

zu besuchen.

In den ersten Tagen kamen allerdings einmal drei Damen, die mit Jelisaweta

Nikolajewna befreundet waren, zu Besuch. Sie kamen nach Krutowrag, um, wie

sie später selbst erklärten, zu riechen, welch ein Wind jetzt dort wehte.

Die Damen fielen über Wersenew her und redeten ihm die Ohren voll, so daß

er nicht einmal die Möglichkeit hatte, seinen >Teufel< loszulassen.

Obwohl Solomowna, die diese letzten Gäste hinausbegleitete, ihnen klipp und

klar erklärte, daß die gnädige Frau nur die Krankheit des gnädigen Herrn

nicht hätte vertragen können und daß sie nur aus diesem einen Grunde

abgereist sei, wollten es die Damen doch nicht glauben und hielten

hartnäckig an ihrer Ansicht, daß auch ein Auserwählter des Herzens mit im

Spiele sein müsse, fest.

Bald darauf ließ General Belojarow, als er bei einer der drei Damen

anläßlich einer Geburtstagsfeier zu Besuch war, den bekannten pittoresken,

doch nicht wiederzugebenden Ausdruck fallen. Er fügte übrigens

beschwichtigend hinzu:

»Alles hat sein Gewicht und Maß.«

Damit war die Sache erledigt.

Von den Nachbarn kam nur der Landrat Pustoroslew einmal zu Besuch, Er

brachte den Agronomen Ratzejew mit, den er aus irgendeinem Grunde als einen

berühmten politischen Redner aus Petersburg vorstellte, der Fischleim statt

Knochen im Leibe habe.

Ratzejew wand sich tatsächlich wie ein Sterlet, sprach aber während des

ganzen Abends kein Wort. Pustoroslew schwatzte dafür ununterbrochen und

führte verschiedene Beispiele seiner sprichwörtlich gewordenen

Vergeßlichkeit an.

Die Geschichte von seiner Auslandsreise in wichtiger amtlicher Mission

erzählte er sogar zweimal: einmal vor und einmal nach dem Abendessen.

Sergej Sergejewitsch hatte diese Geschichte mehr als einmal gehört. Das

Ministerium schickte Pustoroslew zu irgendeinem Zweck nach Frankreich: er

reiste aber aus Frankreich nach Spanien, aus Spanien nach Italien, aus

Italien nach Algier: er ließ sich immer wieder Geld schicken, verbrauchte

eine Riesensumme, besann sich aber auf den eigentlichen Zweck seiner Reise

erst dann, als er nach Rußland zurückgekehrt war.

»Vergessen können ist eine Gabe der Götter!« sagte Pustoroslew, indem er

sein obligates >gewissermaßen< bedeutungsvoll dehnte und mit seinen

farblosen Augen, die keine Wimpern hatten und blind zu sein schienen,

zwinkerte; er spielte offenbar auf das eheliche Zerwürfnis an.

Ein einziges Mal kam der Krämer Charin zum Tee.

Wersenew freute sich in seiner Einsamkeit auch über diesen Gast.

Charin saß in dem niedern länglichen Eßzimmer sehr lange am Teetisch. Er

sprach von furchtbar gleichgültigen Dingen und blieb, obwohl er sich zum

tausendsten Male das Versprechen gegeben hatte, von seiner gefährlichen

Angewohnheit zu lassen, immer wieder in seinem >gewissermaßen< stecken,

während Sergej Sergejewitsch den bestürzten Gast anstarrte, ab und zu mit

der Hand winkte und seine Gedanken in dem Wort >Teufel< zusammenfaßte.

»Die Gewohnheit ist gewissermaßen die zweite Natur!« stammelte Charin. Er

war ganz rot geworden, in Schweiß gebadet und so aufgeregt, daß er kaum die

Tür finden konnte.

Nur der Geistliche P. Astriosow, der noch immer hoffte, das >eiserne

Bindeglied< zwischen den Ereignissen zu konstruieren, kam noch öfters zu

Wersenew.

P. Astriosow, der von Natur aus schüchtern war, verlor, sobald er mit

Sergej Sergejewitsch unter vier Augen war, jeden Mut. Er rauchte eine der

berühmten Zigarren, an denen er allmählich Geschmack gefunden hatte, und

parierte den Wersenewschen >Teufel< mit seinem >Bindeglied<, das ihm

wirksamer als das Zeichen des Kreuzes schien.

»Ja, ja, ein Bindeglied«, sprach P. Astriosow, indem er die Asche von der

Zigarre schüttelte; er tat es, ganz gleich, ob es nötig war oder nicht und

ob er eine Zigarre mit mexikanischem oder mit brasilianischem Deckblatt in

der Hand hatte.

Wersenew freute sich in seiner Einsamkeit auch über den Geistlichen.

Sonst war er aber tagelang allein.

Sergej Sergejewitsch hörte sogar auf, die Kirche zu besuchen; selbst

während des Gottesdienstes konnte er sich seiner Redensart nicht mehr

enthalten, was bei den Betenden großes Ärgernis hervorrief. Einmal führte

es sogar zu einem unliebsamen Auftritt: der Kirchenälteste, Goloweschkin,

versuchte während eines Festgottesdienstes an Kaisers Geburtstag den

>Freimaurer< zu ohrfeigen. Seit diesem Zwischenfall kam Sergej

Sergejewitsch nie wieder in die Kirche.

In seinem Schlafrock aus weißem Flanell, mit der Zigarre im Munde, irrte

Wersenew tagelang durch die leeren Zimmer. Die glimmende Zigarre

beleuchtete seine eingefallenen trüben Augen und den grün angelaufenen

grauen Schnurrbart.

Er hatte nichts, um die Zeit totzuschlagen. Was sollte er tun? Doch nicht

mit den Kinderspielsachen spielen! Er hatte sich so sehr an den ewigen Lärm

und die lustigen Gäste, an seine Frau und seine Kinder gewöhnt: achtzehn

Jahre hatten ja die Wersenews zusammen gelebt!

Oft stand er stundenlang vor der Balkontür und zählte die Krähen, die über

den nackten Linden kreisten . . . Wie viele waren es, und warum krächzten

sie so? Oder er ging ins Eckzimmer im Obergeschoß, wo einst seine Mutter

Fedossja Alexejewna gesessen hatte, setzte sich wie sie ans Fenster und sah

auf die Landstraße hinaus . . . Wohin führte die Straße, und hatte sie

irgendwo ein Ende? Oder er hörte dem Rauschen der Pappeln vor dem Hause zu

. . . Worüber tuschelten sie? Manchmal saß er im Sessel seines Vaters, vor

dem Schrank mit dem astronomischen Globus, starrte auf einen Punkt,

vielleicht sogar auf denselben Punkt, wo seinem Vater die echten Teufel

ohne Hörner und Schweife erschienen waren, und schlief, im Sessel kauernd,

ein . . .

»Teufel!« klang es Tag und Nacht, im Wachen und im Schlafen durch das leere

Haus.

Als die ersten Fröste kamen und man die Doppelfenster einsetzte, dichtete

man auch die Balkontür mit Werg und Kitt ab.

Nun kamen die dunklen Wintertage und die langen Winternächte.

Im Wersenewschen Hause wurde es noch leerer, leer wie in einem großen

Keller.

Wenn er doch wenigstens ruhige Träume hätte.

Einmal träumte ihm, er, Sergej Sergejewitsch Wersenew, Hauptmann a. D.,

siebenundvierzig Jahre alt, sei gar kein Mensch, sondern krieche als ein

böses, rachsüchtiges, giftiges Insekt, eine Art Tausendschwanz, über eine

Wiese und klammere sich mit den Beinen an den Grashalmen fest. Es ist ein

kalter Sommermorgen, es beginnt erst zu dämmern, und am Himmel steht ein

riesengroßer blasser Mond mit rötlich schimmerndem Rand. Sergej

Sergejewitsch Wersenew kriecht als ein Tausendschwanz über das Gras; er

weiß, daß es ganz gewöhnliches Krutowrager Gras ist, aber die Halme

erscheinen ihm so dick und hoch wie Schilf, das Schilf größer und dicker

als jeder Baum und das schwarze Erdreich als ein Haufen von Riesenklumpen.

Er hat es so schwer: er muß auf jeden Halm hinaufkriechen, dann wieder

hinunter und wieder hinauf. So kriecht er und weiß nicht, wohin er kriecht

und warum er dazu verurteilt ist, von Halm zu Halm zu kriechen. Er vergeht

vor Bosheit, der Haß vergiftet sein Herz, und er ist so furchtbar müde. Am

Himmel steht der riesengroße blasse Mond mit rotglühendem Rand, und es ist

so furchtbar kalt.

Er erzählte einmal diesen Traum P. Astriosow. Dieser gab die kurze Deutung:

»Das bedeutet, daß ein Witterungsumschlag bevorsteht.« Sergej Sergejewitsch

lächelte.

»Mir ist so eigen zumute«, sagte er, »als ob alles nicht echt wäre.«

Ein anderes Mal versuchte er, seinen Traum dem Lakai Sinowi zu erzählen; er

blieb aber mitten im Satze stecken und zischte wie der selige Sergej

Petrowitsch durch die Zähne:

»Die Seele haben sie mir gestutzt . . . Teufel!« Und er brach in Tränen

aus.

Dem kleinen Pjotr soll er aber gesagt haben:

»Wenn ich doch in Armut, auf einem Strohlager sterben könnte, Pjotr!«

Sergej Sergejewitsch langweilte sich furchtbar.

Wie sollte man sich ohne Beschäftigung und ohne Gäste an trüben Wintertagen

nicht langweilen?

»Der Herr hat oft Angstzustände«, meldete Solomowna dem P. Astriosow, als

er um die Weihnachtszeit mit dem Kreuz ins Haus kam. »Früher hatte er vor

nichts Angst, jetzt kommt er aber jeden Abend zu mir in die Mägdekammer

gelaufen und zittert vor Furcht: es ist ihm immer, als ob jemand neben ihm

stünde. Auch wartet er immer auf Gäste; er glaubt, daß jeden Augenblick

Gäste kommen werden! Oder er sitzt da und weint.«

Nach Neujahr beichtete Solomowna dem Geistlichen, daß sie böse Träume

gehabt habe: in der Christwoche hätte sie Blei gegossen und sonstigen

Zauber getrieben, und darum wären ihr die bösen Träume gekommen.

Träume, die man in der Christwoche hat, sind immer prophetisch.

Bald träumte ihr, sie wischte den Boden auf; es ist aber nicht gut, wenn

man im Traume den Boden aufwischt. Bald träumte ihr von einer Feuersbrunst:

das Haus brennt, man hat schon alle Balken und Bretter herausgebrochen und

nimmt den Ofen auseinander; vom Feuer ist aber nichts zu sehen.

»Zwei Männer machen sich am Ofen zu schaffen, und ich frage sie: >Was ist

denn los?< Und sie antworten: >Wir wissen nichts, Solomowna!<«

Den schlimmsten Traum hatte sie aber in der Neujahrsnacht.

Es träumte ihr, sie käme in den Saal herein und aus der Balkontür träte ihr

der selige Sergej Petrowitsch entgegen; er war nicht allein, sondern befand

sich in Begleitung eines uralten Mannes; sie hätten die Balkontür hinter

sich fest zugeschlossen und wären geradeaus ins Arbeitszimmer gegangen,

sich wie Blinde an den Wänden entlangtastend.

P. Astriosow hatte aber für die Träume der Kinderfrau wenig Interesse: sein

eigener Neujahrstraum saß ihm noch im Nacken.

P. Astriosow hatte sieben Kinder: der Älteste war schon Küster, und das

jüngste ein Säugling. Im Traum war es aber umgekehrt: der Älteste war ein

Säugling und lag in den Windeln, und der jüngste war Küster und hatte einen

langen Bart.

»Ja, ja, das Bindeglied!« sagte der Geistliche, indem er von Solomowna den

Sack mit den Neujahrsgeschenken entgegennahm.

In den Feiertagen war es gar nicht lustig.

Auch in der Küche herrschte eine gedrückte Stimmung. Man sprach im

Flüsterton, als ob ein Schwerkranker im Hause wäre.

Es war noch immer die alte Gesellschaft: der alte Koch Prokofi

Konstantinowitsch, der Kutscher Anton, die Wäscherin Matrjona Simanowna,

der Bautischler Terenti, der Schmied >Truthahn<, der Lakai Sinowi und sein

Gehilfe, der kleine Pjotr. Sie saßen im Kreise um Solomowna und tranken

Tee. Nur die Stubenmädchen fehlten: Charitina war mit der gnädigen Frau

nach Petersburg gegangen, und Ustja und Sanja hatte man gekündigt.

Beim Teetrinken gedachten sie der alten Zeiten, sprachen von allen

Wersenewschen Angelegenheiten und äußerten Bedenken wegen des gnädigen

Herrn, mit dem es doch früher oder später ein schlimmes Ende nehmen werde.

»Wenn man den Teufel zur ungelegenen Zeit ruft, so kommt er als schwarzer

Sturmwind geflogen und ergreift den Menschen, und der Mensch geht

zugrunde!« sagte Solomowna gähnend. Sie bekreuzigte sich den Mund und

schüttelte den Kopf.

Sergej Sergejewitsch, der den ganzen Abend durch die Zimmer gewandert war,

kam plötzlich in die Küche und blieb, schwer mit der Nase schnaufend, vor

den bestürzten Dienstboten stehen. Er starrte auf den verwilderten Truthahn

und verzog das Gesicht, während es in seiner Kehle eigentümlich pfiff. Dann

winkte er mit der Hand ab und sagte:

»Teufel!«

»Teufel!« hallte es irgendwo im Korridor wider und irgendwo unter dem Ofen,

und irgendwo im Keller, und irgendwo hoch über der Decke auf dem dunklen

Dachboden; das Wort flog auch in den Garten hinaus und umkreiste die weißen

Säulen.

* * *

Den Weihnachtsfrösten folgte plötzliches Tauwetter. Am Vorabend des

Dreikönigstages fing es wie im Frühling an zu tröpfeln, und der Weiher im

Garten wurde gelb.

Es war wie der Hauch des Frühlings.

Sergej Sergejewitsch sah den ganzen Tag unruhig zum Fenster hinaus. Er

machte auch die Balkontür auf, stand lange in der offenen Tür und horchte

hinaus. Den ganzen Tag konnte er keinen Augenblick ruhig sitzen und irrte

von Zimmer zu Zimmer. Am Abend, als man in allen Zimmern Licht machte,

wurde er noch unruhiger.

Draußen taute der Schnee, und die Tropfen prasselten von den Bäumen auf das

Dach wie ein Herbstregen gegen die Fensterscheiben.

Nach dem Abendtee ging Wersenew hinauf. Eine Zeitlang hörte man nichts von

ihm.

Solomowna ging unten von Zimmer zu Zimmer, flüsterte Gebete und malte

Kreidekreuze über die Fenster und Türen.

Sergej Sergejewitsch saß oben im Eckzimmer und blickte hinaus.

Die sternlose Nacht verdeckte die Landstraße; er sah nur die nackten

Baumäste vor dem Fenster im Winde beben.

Sergej Sergejewitsch saß lange da und starrte, ohne an etwas zu denken, zum

Fenster hinaus.

Und plötzlich hörte er fern auf der Straße ein Glöcklein tönen. Er sprang

auf. Das Glöckchen tönte. Er kniff die Augen zusammen und hielt sich die

Ohren zu. Das Glöckchen tönte noch immer. Er wollte hinunterlaufen, Sinowi,

Solomowna, den Kutscher und alle Dienstboten zusammenrufen. Und das

Glöckchen hörte nicht auf zu läuten.

Und plötzlich kam ihm das Eckzimmer verändert vor: an der Stelle, wo der

Spiegel hing, gähnte eine offene Tür. Er trat in diese Tür, und sie schloß

sich sofort hinter ihm.

Es war ein unendlich langer Korridor. Es kam ihm vor, als habe er das alles

schon einmal gesehen, die vielen Marmorplatten mit erhabenem Ornament, den

Mosaikboden aus weißen und roten Steinen. Es war heiß, schwül und feucht.

Er ging durch den Korridor und wußte, daß er ihn zu Ende gehen müsse. Und

als er das Ende erreicht hatte und eine reichverzierte Tür aus getriebenem

Eisenblech öffnete, sah er sich vor einer zweiten Tür. Er machte auch diese

Tür auf. Dann kam eine dritte Tür. Und so folgte eine Tür auf die andere:

wenn er die eine öffnete, so war gleich eine andere dahinter. Und wie er so

immer weiterging und eine Tür nach der andern aufmachte, sagte ihm das

Gefühl, daß er wenigstens einen Augenblick stehenbleiben oder sich

umschauen müsse, daß er sonst verloren sei. Er konnte aber weder

stehenbleiben noch den Kopf heben, noch zurückblicken; es war ihm, als ob

ihn jemand führte und ein anderer ihn von hinten vorwärtsstieße.

Und als er endlich ganz bestürzt, sinnlose Worte stammelnd, lachend und

schimpfend, die letzte Tür aufmachte -- er glaubte, daß es die letzte Tür

sei --, hatte er plötzlich das Gefühl, als ob man ihn mit irgendeinem

spitzen Gegenstand in den Rücken stieße, und er fiel hin. Im Fallen sah er,

wie die Sterne, die trüben Sterne von Krutowrag, immer greller leuchtend

und wie von einem Sturmwind getrieben, ihm entgegenflogen. Es war aber

umgekehrt: die Sterne standen still, und er flog, von einem Sturmwind

erfaßt, ihnen entgegen . . .

»Ich malte Kreidekreuze über die Türen und Fenster«, berichtete später

Solomowna, »als mich plötzlich Sinowi rief der Viehwärter Nasar sei

gekommen, um etwas Weihwasser vom Dreikönigstag zu holen. Wie ich in die

Küche hinausgehe, höre ich plötzlich, wie jemand die Balkontür zuschlägt.

Und da denke ich mir: wie leicht kann da ein Unglück geschehen! Es sind ja

unruhige Zeiten, und es treibt sich genug Gesindel herum. Und dann höre ich

die Tür noch einmal krachen. Und ich sage zu Prokofi Konstantinowitsch:

>Prokofi Konstantinowitsch<, sage ich, >hören Sie es?< -- >Ich höre<, sagt

er, >wie der Wind die Tür zuschlägt.< Und kaum hat er das gesagt, als die

Tür zum drittenmal kracht; alle Fensterscheiben zitterten, so laut krachte

es! Ich renne in den Saal: die Balkontür steht wirklich offen. Und ich rufe

Sinowi: >Wo ist der Herr?< Der Herr ist aber nirgends zu sehen. Der Wind

weht so stark herein, daß wir zu zweit die Tür gar nicht zumachen können.

Der Wind reißt sie immer wieder auf, er heult im ganzen Hause und bläst

alle Lichter aus. >Gnädiger Herr!< schreie ich. Aber er ist nirgends zu

sehen.«

Am Morgen des Dreikönigstages fand man Wersenew im Weiher: die Fußspuren

führten von der Balkontür direkt dorthin.

Der Böse hatte ihn wohl verwirrt. Er war nachts zum Weiher gegangen, und

das Eis war unter ihm gebrochen. Bis an die Brust war er in den Schlamm

eingesunken, und während der Nacht hatte es ihn noch tiefer hereingezogen.

So war er in seinem weißen Schlafrock, stehend, den Kopf im Schnee,

erfroren.

Natürlich wurde sehr viel darüber geredet; ganz Krutowrag war in Aufruhr.

Aber vom Gerede wird man ja nicht satt!

Prinzessin Mymra: Novellen und Träume · 第 11 / 57 题