1
Schön ist es in Batyjewo -- ein lustiges Dorf ist's! Von allem hat man
genug: viel Wald ringsum, und der Fluß ist gleich in der Nähe. Im Flusse
gibt's so viel Fische, daß man sie gar nicht alle fangen kann, und im Walde
Wild -- alles ist da, was man nur haben will. Nur eines ist unheimlich: man
kann da nicht ordentlich lustig sein. Bist du es aber doch, so darfst du
hinterher niemandem Vorwürfe machen: stößt dir dabei ein Unheil zu, so bist
du selbst schuld.
Solange das Dorf und die Kirche stehen, treiben hier unsaubere Mächte ihr
Spiel, und es gibt gar keine Mittel, sie auszurotten: zählebig sind sie wie
die Würmer. Ist man die eine Teufelei glücklich los, so taucht, eh man
sich's versieht, auch schon eine andere auf. Und wenn es mal vorkommt, daß
eine Hexe abkratzt, ohne ihre Kunst einer andern vermacht zu haben, so
erscheint gewiß sofort eine neue: und keine gelernte, sondern eine
geborene. Eine geborene Hexe ist eine solche, die schon als Hexe auf die
Welt gekommen ist. Eine Gelernte geht noch an, aber mit einer Geborenen ist
nicht zu spaßen: mit Kleinigkeiten gibt sie sich niemals ab, sondern geht
gleich aufs Ganze, so daß man sich nachher sein Lebtag nicht mehr
reinwaschen kann.
Es gab im Dorfe Hexen genug, gelernte wie auch geborene. Die ältesten Leute
erinnerten sich nicht an eine Zeit, wo es keine Hexen gegeben hätte, und
kein Mensch konnte dahinter kommen, wo die Wurzel des Übels lag.
Gar mancher Unglückliche ist schon ins Grab gestiegen, so mir nichts dir
nichts elend zugrunde gegangen. Mit den Hexen lasse man sich lieber nicht
ein: sie verderben den Menschen, kommen aber selbst immer mit heiler Haut
davon und leben ruhig weiter, den Menschen zum Schrecken, dem Gehörnten zum
Wohlgefallen -- seines bösen Willens Töchter.
So ein verhexter Ort ist eben das Dorf!
* * *
Es braust und tost das Gerede in Batyjewo, die Kunde dröhnt durch die
Schwarzen Wälder: vom Meere bis zum Gebirge gibt's keine Hexe, die
schrecklicher wäre als Sanofa.
Die andern Hexen sind alte Weiber gewesen: Arischka und Agapka hatten je
hundert Jahre und mehr auf dem Buckel; diese aber ist jung -- kaum über
dreißig. Die andern richteten zwar viel Schaden an, hielten aber doch Maß
und machten die Sache zuweilen wieder gut. Dieser fiel das aber niemals
ein. Die schrecklichsten Zauberkünste kannte sie. Sie verstand, den
Menschen so an einen Fleck zu bannen, daß er niemals mehr aus dem
Hexenringe herauskonnte, und wenn er noch sosehr mit Armen und Beinen um
sich schlug; er irrte im Kreise dicht vor seinem Hause herum und konnte
nicht ins Haus herein; stand dicht vor seiner Schwelle und konnte kein
Glied rühren. Die andern Hexen sehen eben wie Hexen aus, und auch das
kleinste Kind kann sie auf den ersten Blick erkennen: sie sind alle dürr,
haben Hakennasen und Schwänze; diese aber ist hübsch -- die ganze Welt kann
man absuchen und keine ähnliche finden --, dabei aber eine Mißgeburt, wie
man eine solche seit Erschaffung der Welt nicht gesehen hat: der Körper und
alles andere ist echt wie bei jedem gesunden Weibe, aber die Beine sind wie
bei einem kleinen Kinde: sie kann gar nicht gehen, nur umherkriechen. Wenn
sie doch nur immer umherkriechen wollte! Aber die Leute sagten, daß sie
auch fliegen konnte: wie ein Vogel konnte sie in die Luft steigen! Man
bekam sie auch fast nie zu Gesicht, höchstens des Nachts. Gott möge aber
einen jeden davor bewahren: besser ist's, dreimal in die Erde zu versinken
oder der heiligen Ostermesse nicht beizuwohnen, als sie zu erblicken.
2
Sanofas Vater war Kaufmann und reiste mit seinen Waren von Jahrmarkt zu
Jahrmarkt. Die Waren verlagen sich bei ihm niemals, die Käufer drängten
sich nur so: auf den alten Tschabak konnte man sich verlassen, niemals
hängte er einem faule Ware an. Hätte sich der Alte nicht die Sünde auf die
Seele geladen, so wäre er unter die Heiligen gesetzt worden, bei Gott!
Sanofas Mutter war wildes Zigeunerblut, hatte getanzt und gesungen: wenn
sie nur einmal in die Hände klatschte, war man verloren, seine Seele wollte
man hingeben, nur um sie einmal tanzen zu sehen. Eine zweite Marja gab's
nicht in der Welt.
Nicht immer war es dem Tschabak so gut gegangen. In der ersten Zeit schlug
er sich mühsam durch, hatte einen Kramladen im Dorf und lebte davon. Das
ganze Haus war voller Kinder, und es kostete schon etwas, alle zu ernähren
und zu bekleiden. Wie die Bauern lebten sie.
Sanofa kam zur Welt -- und gleich wurde alles anders.
Nun hatte Tschabak auf einmal Glück und wurde ein echter Kaufmann. Die
Käufer strömten von allen Seiten zu seinem Laden herbei, und er konnte gar
nicht genug Ware auf Lager haben. Reich wurde der Kaufmann. Die Einkünfte
reichten nun für alles aus: er baute sich ein Haus, pflanzte einen Garten,
verheiratete die Töchter und brachte den Sohn in der Stadt im Handelsfache
unter. Kornej stiftete eine Kirchenglocke, und die Glocke klang so laut,
daß das Abendläuten durch alle Schwarzen Wälder dröhnte und selbst bis zu
der Iljinka in Moskau reichte.
Tschabak suchte den Reichtum gar nicht: das Geld kam ganz von selbst in
seine Hände.
Kluge Menschen ahnten schon damals, daß es da nicht mit rechten Dingen
zuging, sie behielten aber ihre Meinung für sich: das Wort ist kein Spatz,
und wenn es einmal entsprungen ist, so kann man's nicht wieder einfangen.
Wie leicht kann man einen Unschuldigen in üblen Ruf bringen und muß es dann
später im Jenseits büßen. Nur Mitroschka -- so hieß ein Bursche im Dorf --
fürchtete nichts: wenn er sich einen Rausch antrank, begann er zu plaudern:
er deutete immer auf das Mädel und schrieb ihm alles zu.
Man beachtete seine Worte nicht: wenn ein Mensch angetrunken ist, kann man
ihn für seine Worte nicht verantwortlich machen.
Das Mädel war aber wirklich Gott weiß was!
Sanofa wurde in der Johannisnacht, beim ersten Hahnenschrei, als letztes
Kind ihrer Mutter geboren. Sie kam mit einer Glückshaube und einem
Muttermal am linken Daumen zur Welt.
Die Haube hatte die Hebamme auf die Seite gebracht und an sich genommen.
Tschabak und sein Weib grämten sich deswegen, konnten aber nichts mehr
machen: so ein Ding kann man doch nie mehr zurückerlangen; wer es zuerst in
die Hand bekommt, der zieht eben den Nutzen daraus.
Die Kunde verbreitete sich aber im Dorfe.
Wanderer und Wallfahrer strömten zu Tschabak herbei. Viele kamen ins Haus,
um aus Sanofas linker Hand ihr Glück zu holen. Die Hand teilte das Glück
freigebig aus und wies niemanden ab. Wanderer und Wallfahrer kamen dann
immer glücklich an ihr Ziel und kehrten ebenso glücklich heim. Niemand
konnte sich über etwas beklagen.
Aus fernen Dörfern kamen die Leute zu Tschabak, ihr Glück zu holen, und
kehrten zufrieden heim: niemandem stieß irgendein Unheil zu.
Das Kind wuchs als kluges Mädel heran und zwitscherte den ganzen lieben Tag
wie ein Vöglein. Alles mußte man ihr zeigen und erklären, sie lief immer
den Erwachsenen nach und hatte vor nichts Furcht.
Marja nahm sie einmal zum Heuerntefest mit und stellte sie in den Reigen.
Das Mädchen liebte es, im Reigen zu stehen. Und als der Reigen durch die
Dorfstraße zog, erhob sich ein Wind und warf das Mädel um. Seit jener Zeit
waren ihre Beine gelähmt, und sie konnte nicht mehr gehen.
Sie lief nicht wie die andern Kinder umher, sondern lag den ganzen lieben
Tag still.
Eine wunderliche Sache: ihr Körper wuchs weiter, aber ihre Beine blieben,
wie sie waren: kleine Kinderbeinchen.
Noch mehr Menschen kamen nun zu Tschabak, und das Glück überschwemmte die
Welt.
Aber es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch an die Sonnen.
Eine wandernde Nonne entdeckte auf Sanofas Glückshand kleine Kreuzmale, es
waren aber keine gewöhnlichen Kreuze; und danach kam Foma, der heil zur
Wallfahrt auszog, ohne das eine Bein zurück; dem Jerjoma wurde ein Auge
ausgeschlagen; Katerina, des Schulzen Enkelkind, heiratete, lebte ein Jahr
in glücklicher Ehe, begann aber im zweiten Jahr zu trinken; Baran, den man
als Boten nach Petersburg geschickt hatte, kam nie wieder heim; der bewußte
Mitroschka aber bekam einen Nabelbruch.
Nun geschahen Dinge, die man auch einem Narren nicht zu deuten braucht.
Je älter Sanofa wurde, um so mehr wuchs das Geschäft ihrem Vater über den
Kopf. Der alte Kornej wollte die Tochter noch bei seinen Lebzeiten
verheiraten und dann ruhig sterben. Er schickte Freiwerber aus. Gar mancher
Freier kam ins Haus. Viele wurden durch den Reichtum angelockt: Tschabak
war ja der reichste Mann im Dorf. Es kam aber nichts dabei heraus. Gar
mancher Freier hätte gern zugegriffen, aber im letzten Augenblick hatte er
doch nicht den Mut. Einen gar zu seltsamen Blick hatte Sanofa: wie ein
Messer drang er einem ins Herz. Vor solchen Augen konnte man nichts
verbergen. Darum kam auch nichts zustande.
Sanofa konnte die Freier nicht leiden und machte dem Vater oft Vorwürfe.
Mit dem Alten hätte aber auch der Teufel nicht fertig werden können: so
trotzig und eigensinnig war er.
Einmal kam zu Tschabak ein Kaufmann aus der Stadt; in Geschäften kam er zu
ihm. Ein hübscher, lustiger Kerl, das ganze Dorf brachte er in Aufregung;
Die Weiber weinen auch heute noch, wenn die Rede auf Rodionow kommt. Und
dieser Kaufmann gefiel Sanofa. Sie selbst gestand es dem Vater. Der Alte
freute sich mächtig und ging gleich zu dem Kaufmann. Der Alte liebte die
Tochter so, daß er seine Seele für sie hingeben würde. Der Kaufmann war
aber ein leichtsinniger Kerl und achtete nicht der Gefahr. Er schüttete
drei Scheffel Scherze hin, und man wurde einig. Alles ging, wie sich's
gehörte: die Eltern gaben ihren Segen, man feierte die Verlobung und machte
alles, was die Sitte verlangt: Weiber verstehen sich ja darauf! Man tanzte
so lange, bis alle lahm waren. Und als der festgesetzte Tag anbrach,
kleidete man Sanofa zur Trauung ein. Man kam in die Kirche, das ganze Dorf
war dabei -- denn alle wollten es sehen --, man wartete, der Bräutigam aber
fehlte noch. Man dachte sich, es sei ihm etwas zugestoßen. Man suchte hin,
man suchte her. Man schickte einen Boten hin, dann einen andern, der
Kaufmann war nirgends zu finden. Man ächzte und seufzte, doch es war nichts
zu machen. Nun fuhr man wieder heim. Sanofa wollte sich aber nicht vom
Fleck rühren. Man bat sie, man flehte sie an, man versuchte, sie mit Gewalt
nach Hause zu bringen, sie wollte aber um nichts in der Welt fahren. So,
wie sie war, im Brautkleide, legte sie sich platt auf die Erde und kroch
auf allen vieren nach Hause. War dabei so weiß wie Papier, und ihre Augen
-- ja, wenn alle Donner des Himmels erdröhnen und alle Blitze niederführen,
gäbe es kein solches Ungewitter: -- die Augen glühten und sengten. Ein
jeder blieb wie angewurzelt stehen, und sie kroch immer weiter.
Gegen morgen fand man den Kaufmann in Tschabaks Stall. Eine Sau hatte
Ferkel geworfen, und im Stalle stand eine alte geflochtene Krippe für die
Ferkel. Der Kaufmann lag in der Krippe, und die Pferdeleine war mit dem
einen Ende an einer Pappel festgebunden. Tot war er.
Nun kam die gerichtliche Untersuchung. Die Leute sagten gegen Kornej aus.
Kornej schwor, daß er an der Sache nicht beteiligt sei. Man glaubte aber
seinen Schwüren nicht und sprach ihn schuldig. Der Alte ging nach Sibirien
und ist wohl auch dort gestorben.
So war die Sache.
Mitroschka mit dem Nabelbruch begann nun ganz laut zu schimpfen, und die
Klugen, die früher ebenfalls alles gewußt, aber geschwiegen hatten, redeten
drauflos.
Jetzt war es allen klar, was für eine Bewandtnis es mit Tschabaks Reichtum
und Sanofas glückbringender Hand mit dem Muttermal am linken Daumen und den
kleinen Kreuzen hatte.
Und wenn es auch Kornej war, der den Rodionow erdrosselt hatte -- das wußte
ja jedermann --, Sanofa war jedenfalls mitbeteiligt: ihrer Hände Werk war
es!
Das ganze Dorf geriet in Aufruhr.
»Sie wird noch etwas ganz anderes anstellen«, sagte man von Sanofa: »Sie
wird einen Hagel schicken und die Felder verwüsten, sie wird einen Blitz
herabsenden und das Korn verbrennen, das Vieh umbringen, die Kinder
erwürgen, die Weiber verderben, die Männer zugrunde richten, den Fluß
austrinken, den Wald mit den Wurzeln ausrotten, weder die Kirche noch ein
einziges Haus stehenlassen und selbst den letzten Holzspan nicht
verschonen.«
»Sie wird es noch ganz anders treiben«, flüsterte man mit erstarrenden
Lippen, »sie wird alle in Eulen verwandeln und in Erdlöchern zu leben
zwingen.«
»Einen schwarzen Blick hat sie!«
»Eine verdammte Hand!«
»Eine verdammte Hexe ist sie!«
Foma und Jerjoma redeten den Leuten zu, der Hexe den Garaus zu machen; es
fand sich aber kein Kühner: alle hatten viel zu kurze Arme.
Alle wichen Sanofa aus, auch Bruder und Schwester sagten sich von ihr los.
Jedes Unglück, das in Batyjewo vorkam, jede Sünde, alles schrieb man Sanofa
zu.
Sanofa lebte nun mit ihrer Mutter allein.
Alle schielten ängstlich nach dem weißen Häuschen mit der blauen Tür und
den blauen Fensterladen; man brach den Gesang ab und verstummte, wenn der
Blick auf den spitzen Dachgiebel fiel, wo ein Storch wie ein Wachposten das
Hexennest bewachte.
Sie aber hielt sich im Hause versteckt, lag am Fenster, sah alles -- über
drei Felder hinweg konnte sie sehen --, und hörte alles -- durch drei
Wälder hindurch konnte sie hören.
Sie sah alles und hörte alles, und das Herz verging ihr; aber aufstehen
konnte sie nicht.
3
Öde ist es nun im Hause des alten Tschabak.
Wo das Volk sich einst so drängte, daß die Wände erbebten, hört man weder
Lachen noch Trampeln, und draußen vor dem fest verschlossenen Tor sieht man
keine Pferdespuren mehr.
Ein Christenmensch kommt um nichts in der Welt in den Hof; er wird lieber
an der Schwelle sterben als das Haus betreten.
In den Stuben sind überall Kräuter aufgehängt. Und sie duften so scharf,
daß man sich kaum auf den Beinen halten kann. An allen Wänden sind Vögel
gemalt: Sanofa hat sie selbst gemalt, es sind aber keine richtigen Vögel,
sondern eher geflügelte Kater. Diese Vögel machen es, daß die Wände und das
ganze Haus gleichsam davonfliegen möchten.
Nicht geheuer ist es in den Stuben.
Wenn die Mutter mit der Hausarbeit fertig ist, setzt sie sich zu Sanofa.
Sie schaut die Tochter mitleidig an und weiß nicht, was sie anfangen soll.
Sanofa aber liegt mit offenen Augen da, und in ihren Augen brennt etwas,
was man mit keinem Wasser löschen kann.
Sanofa pflegte der Mutter zu sagen:
»Glücklich bist du! Hast dein Leben gelebt, hast getanzt und gesungen, hast
so getanzt, daß die Leute herbeikamen, um dich zu sehen. Und ich habe
nichts.«
Die Alte erhob sich, schüttelte ihren grauen Kopf, und die Adern an ihrem
bronzenen Hals schwollen an.
»Nein, Sanofa, du bist schön und stark, und keine ist so schön wie du!«
Sanofa hörte es nicht und sprach weiter:
»Du bist glücklich. Es muß ja auch glückliche Menschen geben! Wer hat es so
eingerichtet? Und was habe ich verbrochen? . . .«
»Nichts hast du verbrochen. Aber die Menschen sind so schlecht.«
»Die Menschen? Sind sie glücklich? Ich aber kenne keinen glücklichen
Augenblick . . .«
Die Alte richtete sich auf und sagte:
»Gehen wir von hier fort, Sanofa. Verlassen wir dieses Haus, verlassen wir
alles, dann finden wir unser Glück . . . Ziehen wir in die Steppe, in die
Freiheit . . .«
»Warum lügst du? Warum sagst du, daß ich schön bin? Was willst du von mir?
Wie soll ich von hier fort? Ich bin ja ein Krüppel -- und kann nicht gehen!
Womit hab ich das verdient? Wer hat es so eingerichtet? Wo ist die
Gerechtigkeit?« Sanofa richtete sich auf den Armen halb auf, blickte die
Mutter voller Haß an, verfluchte die Menschen und die ganze Welt. Alle
erschienen ihr so glücklich, nur sie allein war so unglücklich, ein
verkrüppeltes Kind, sie war verdammt und wußte nicht, für welche Schuld.
Und ihr Herz war wie ein zähnefletschender Eber -- schreckliche Rache drang
ihr aus dem Herzen.
Die Alte ließ sich wieder auf die Bank nieder, schloß die Augen und schlief
ein, kraftlos, ohnmächtig, etwas zu tun.
Sanofa verharrte aber noch lange halbaufgerichtet, sich auf die gestreckten
Arme stützend, und sträubte die Haare wie eine Katze. Sie zielte
irgendwohin mit den Augen und ließ die Blicke im Kreise schweifen. Etwas
Unmögliches, Unmenschliches geschah in ihrer Seele, etwas Unmögliches,
Unmenschliches ging in ihrem Herzen in Erfüllung.
Um diese Zeit begann es im Dorfe zu brennen, und die Menschen begannen
dahinzusterben, und eine Seuche befiel das Vieh, und die Felder wurden
ausgetreten -- jedes Unheil, jede Seuche, alles kam von ihrem bösen Blick.
Allmählich wurde ihr leichter ums Herz, allmählich zog sie die stählernen
Arme wieder ein.
Sanofa verkroch sich in einen Winkel ihres Bettes, schrumpfte ganz zusammen
und versteckte sich wie ein verwundetes kleines Tier.
Sie gedachte ihrer Kindheit, des Vaters, ihrer glückbringenden Hand . . .
Wie sie einst im Reigen gestanden hatte, wie der Sturmwind kam und wie sie
zu Boden fiel, von dem sie sich nie wieder erhob . . . Wie sie sich selbst
aus ihrer rechten Hand ihr Glück herauskratzen wollte, wie sie zur Kirche
fuhr und, auf allen vieren kriechend, nach Hause zurückkehrte.
Die Alte erwachte.
Sanofa weinte.
Wenn sie weinte, war ihr Gesicht wieder so winzig, kaum faustgroß, wie bei
jenem glücklichen Mädelchen, das, ihr glückspendendes Händchen schwingend,
auf einem Bein von der Haustür zur Gartenpforte hüpfte, mit feinem
Stimmchen sang und das Märchen vom Hahn erzählte, der den Bären gefressen
hatte; das mit den Lippen den Donner nachahmen wollte und selbst vor den
eigenen Tönen erschrak; das scheltend den Regen zu verjagen suchte und
ebenso wie jetzt weinte, wenn der Regen nicht aufhören wollte und man sie
nicht aus dem Hause ließ.
»Willst du essen?« fragte die Alte, sich über die Tochter beugend.
»Sterben will ich«, flüsterte Sanofa.
Die Alte biß sich in die welken Lippen, zerrte an den Enden ihres erdgrauen
Kopftuches und war selbst so grau wie Erde.
Die Vögel an der Wand reckten ihre Katzenköpfe und flogen irgendwohin; und
auch die ganze Wand wollte sich losreißen und davonfliegen.
»Ich will sterben!«
* * *
Wenn die Abenddämmerung kam und der laue Abend den Wind des Tages zur Ruhe
brachte und die Nacht, mit Sternen wie zu einem Festmahl geschmückt,
langsam heraustrat und die von den Sternen geweckten Eulen ihre Trauer in
gedehnten Schreien ergossen -- kroch Sanofa in den Garten hinaus. Da blieb
sie bis zum Morgengrauen unter vier Augen mit der Nacht, grub die Erde um
und machte sich mit ihren Blumen zu schaffen.
Manche Nächte aber waren wie Tage, und Sanofa konnte in solchen Nächten
nicht vom Bette steigen.
Der Garten verwilderte von Sommer zu Sommer immer mehr. Die Blumenbeete
wurden von Unkraut überwuchert, und die Blumen gingen zugrunde. Wildes
Steppengras drang in alle Winkel ein. Die Baumäste neigten sich zur Erde,
die Schatten wurden immer dicker und vertilgten jedes Licht.
Nachts wurde Sanofa von Träumen heimgesucht; schreiend riß sie sich von
ihnen los und lebte dann den ganzen Tag unter ihrem Schatten.
An solchen Tagen sprachen Mutter und Tochter nicht miteinander. Sie sahen
sich nur an. Zuweilen war es ihnen zu schrecklich, einander auch nur
anzuschauen.
Die Alte legte Karten.
Die Karten prophezeiten nichts Gutes: >Schlag<, >Unannehmlichkeiten< und
>Nachtlager<. Das bedrückte das Herz mit unsagbarer Schwere, und alles
endete mit dem >Gastmahl< -- der Piquedame.
Nur selten kam es vor, daß ein Morgen das Haus wie mit strahlendem Glück
erleuchtete.
Sanofa erwachte und rief:
»Mütterchen, wenn du wüßtest, was mir heute geträumt hat?«
Die Alte lief zur Tochter:
»Was hat dir denn geträumt?«
»Ich träumte von Stiefeln, und dann, daß du mir ein Hemd reichst und das
Hemd ganz blutig ist.«
»Stiefel bedeuten eine Reise«, erklärte die Alte. »Das Blut aber das
Wiedersehen mit Blutsverwandten. Und mir träumte, daß ich eine aus Samen
gezogene Zwiebel esse. Vielleicht kehrt noch der Alte zurück . . .«
Die Alte versank in ihre Gedanken und begann ein Lied zu summen.
»Mütterchen, ich weiß, was es für eine Reise ist: es ist mein Tod.«
Die Alte schwieg.
»Auf dem Friedhof ist es ruhig, dort wird mich niemand anrühren.«
Die Alte schwieg.
Alles fiel ihr aus den Händen: so sehr zitterten ihr die Hände, und sie
wußte in ihrem Kummer nicht, ob sie stehend oder sitzend weinen sollte.
Ein Tag folgte dem andern.
So viele endlose, traurige Tage zogen durch das verödete Haus. Man könnte
mit dem Kopf gegen die Wand rennen, nur um irgendeinen Schrei aus der Kehle
zu pressen.
Ganz gleich, ob das Wetter trocken oder naß war, ob es regnete oder die
Sonne schien, die Augen hatten nur den einen Wunsch: sich zu schließen.
Die Alte konnte es nicht länger ertragen, sie fürchtete das Schweigen, sie
ging leise auf die Tochter zu und sagte:
»Mein Kind, mein Kindchen!«
»Was ist denn?« fragte Sanofa, ihre schrecklichen Augen auf die
gramgebeugte Mutter richtend.
»Ich habe nur so . . . Ich bitte mit dem Herzen . . .«
4
Es war wohl eine herrliche Nacht: im fernen Sumpfe trompeteten die Unken,
kleine Vögel zwitscherten kaum hörbar, und ihr Gezwitscher verschmolz mit
dem Zirpen der Grillen, von dem die ganze Erde zitterte. Jenseits des
Flusses schrien traurig die Eulen und lärmten die Frösche: es klang, wie
wenn ein Wagen über das Straßenpflaster rollt.
Die schlanken Pappeln warfen tiefe Schatten über den mondbeschienenen Hof.
Wie eine weiße Blüte lag Sanofa in ihrem weißen Hemd auf dem Rasen. Traurig
fielen ihre dunklen Flechten von den Schultern hinab. Ihre Lippen waren
halb offen und ließen die weißen Zähne sehen. Sie starrte zu den Sternen
empor.
Die Sterne waren aber so fern.
Ein einziger Gedanke schmolz wie Mondlicht in ihrem Herzen: der Gedanke an
den Tod.
Und es kam Sanofa vor, als ob jemand mit einem Licht unter dem Stall
hervorkrieche, dann um die Pappel herumgehe, auf den Boden falle und nun
den Schattenstreifen entlang zum Garten krieche; das Flämmchen flackerte
wie eine Kerze, -- wie zwei Kerzen. Und je näher es kam, um so deutlicher
konnte sie erkennen, daß es ein Mensch war und daß seine Augen wie
Kerzenflammen leuchteten.
Sanofa stützte sich auf die Arme, bog den Kopf wie eine Katze vor und kroch
ihm entgegen.
Und so krochen sie aufeinander zu, und die Entfernung zwischen ihnen wurde
immer kürzer; schon sah sie seine wehenden Haare und seine lächelnden
Lippen . . .
Schon war der Weg durchschritten.
Er streckte seine Arme nach ihr aus, umklammerte sie und drückte sie fest,
heiß, für das ganze Leben, für ewig an seine Brust. Plötzlich wurde er
ebenso blau, wie er es im Stalle mit der Pferdeleine am Halse gewesen war,
er grinste mit seinen schrecklichen Zähnen, hob sie empor, und schon flogen
sie -- als Bräutigam und Braut -- davon.
* * *
Man fand Sanofa am nächsten Morgen am Ende des Gartens beim Fischkasten tot
auf dem Zaune sitzen: der Teufel hatte sie erwürgt.
Ganz Batyjewo ist betrunken. Gesang, Geschrei und Gestampfe erfüllen die
Luft. Man tanzt, ohne die Beine zu schonen. Ganz außer Rand und Band sind
die Leute: Foma hat dem Jerjoma sein einziges Auge ausgeschlagen, dem
Mitroschka riß jemand den Nabelbruch heraus. Wie sollte man auch bei einer
solchen Gelegenheit nicht über die Schnur hauen?