1
Jeder, der das alte Suchotinsche Gut >Gottessegen< auch nur einmal besucht
hat, wird es mit gutem Gewissen loben können. Nicht zum Spott trug es von
alters her seinen Namen, und einen besseren könnte man, soviel man auch
klügelte, gar nicht finden: es gab zwar in seinen Gärten keine Weintrauben,
auch sangen da keine Paradiesvögel, doch der Segen Gottes ruhte sichtbar
auf dem guten Lande.
Das alte, von Säulen flankierte Herrenhaus, die Ahornallee, der Obstgarten,
die Wiesen, Felder und Wälder, Vieh und Menschen -- kurz alles, was es in
Gottessegen gab, rief nicht nur bei den Nachbarn, sondern auch bei jedem
andern Menschen, der auf der Durchreise geschäftlich oder sonst aus
irgendeinem Grunde in die Gegend kam, helles Entzücken hervor; selbst bei
dem blasierten, elegant zurechtgestutzten Petersburger und dem zerzausten,
verwöhnten Moskauer.
Das Haus war reich, wohl bestellt und in musterhafter Ordnung. Bei Gott --
da brauchte man keine Biene zu beneiden!
Der Gutsherr Pjotr Nikolajewitsch Suchotin selbst war durch seine Einfälle
und Witze weit und breit bekannt: wenn er in eine beliebige Gesellschaft
kam und bloß den Mund öffnete, so verstummte für keinen Augenblick das
Lachen. Alle lachten mit -- Bekannte und Unbekannte. Ganz ohne Unterschied.
Sonderbar war das Gesicht dieses stark ergrauten, sich immer
gleichbleibenden Herrn. Die Jahre gingen, er hatte die Vierzig längst
hinter sich, und doch lag immer der gleiche Ausdruck auf seinen
unveränderlichen, gleichsam versteinerten Zügen; wenn sich alle in
Lachkrämpfen wanden, blieb das totenblasse Gesicht des Sonderlings ganz
regungslos, und niemand sah ihn lachen oder lächeln. Man sah nur
unheimliche Funken in seinen unbeweglichen, eingefallenen Augen glimmen.
Wenn er mit seinen Witzen nur so um sich warf, mußte man seltsamerweise
immer an eine mechanische sprechende Puppe denken, und als jemand einmal
versuchte, das, was er sprach, aufzuschreiben, da standen auf dem Papier
ganz gewöhnliche Worte ohne jede komische Wirkung.
Obwohl also sein seltsames Aussehen sowenig zu seinen Scherzen paßte, fiel
es doch niemandem ein, zu untersuchen, worauf die Wirkung seiner Worte
beruhte und warum sie überall Lachen und Fröhlichkeit hervorriefen. Es gibt
aber Menschen, die gern jedem Rätsel auf den Grund kommen -- solche Käuze
findet man überall --, und diese gaben eine treffende Erklärung: sie
sprachen von geschicktem Mienenspiel, von fein berechnetem Satzbau, vom
ungewöhnlich scharfen Blick seiner Augen -- alles war ihnen klar und
verständlich. Glücklicherweise merkte sich niemand diese abgeschmackten
Erklärungen. Niemand fragte nach den Gründen, alle kugelten sich vor Lachen
-- was wollte man noch mehr?
Pjotr Nikolajewitsch bekleidete keinerlei Ämter und zeigte auch gar kein
Interesse für öffentliche Angelegenheiten. Vor Jahren war er einmal zum
Adelsmarschall des Bezirks gewählt worden. Man denkt noch heute mit Grauen
an diese Zeit! Niemand kann zwar behaupten, direkte Unannehmlichkeiten
während Suchotins Amtstätigkeit gehabt zu haben; im Gegenteil: es war die
lustigste Zeit, und alle Amtsgeschäfte wurden von ihm in überaus lustige
Streiche verwandelt; doch im Resultat entstand ein solches Durcheinander,
es kamen solche Ungereimtheiten und noch Gott weiß was für Dinge an den
Tag, daß sich niemand mehr auskannte. Jeder, der Pjotr Nikolajewitsch nicht
genauer kannte, mußte im besten Falle glauben, der Adelsmarschall sei nicht
bei Trost. Ich glaube sogar, daß in Petersburg -- in einem Salon oder bei
einem Vortrag beim Minister -- sich jemand gerade in diesem Sinne
ausgesprochen hat. Zum Glück hatte das keine weiteren Folgen.
Jeder Mensch hat doch seine Eigenheiten; warum sollte da Pjotr
Nikolajewitsch eine Ausnahme bilden?
Pjotr Nikolajewitsch hatte die Passion, alles zu ordnen und aufzuräumen; er
machte das auf eine so scharfsinnige Weise, daß es nachher sehr schwer und
oft sogar ganz unmöglich war, einen von ihm eingeräumten Gegenstand zu
finden: viele Dinge, und selbst solche, die man dringend brauchte, gingen
spurlos verloren. Dann liebte er es, die Möbel -- Tische, Stühle und
Etageren -- umzustellen, Bilder umzuhängen und die Bücher in der Bibliothek
umzuordnen; damit füllte er gewöhnlich den ganzen Vormittag aus. Beim
Mittagessen bevorzugte er die süßlichen Fleischspeisen, wie Eingeweide,
Hirn und Kalbsfüße, und da er im Essen unmäßig war, verdarb er sich oft den
Magen und klagte über Leibschmerzen. Eine weitere Liebhaberei von ihm war
das Heizen der Zimmeröfen: es fror ihn beständig, und er ging mit einem
langen Schürhaken von Ofen zu Ofen und rührte die Glut um. Er liebte es,
sich mit Dienstboten und Bauern in Gespräche einzulassen; obwohl solche
Gespräche immer mit der Erörterung ernsthafter Angelegenheiten begannen,
endeten sie doch immer mit irgendeinem Unsinn, was höchst unerwünschte
Folgen hatte: nicht nur daß die Leute vor Pjotr Nikolajewitsch keinen
Respekt hatten, sie glaubten -- offen gestanden -- kein Wort von dem, was
er sagte. Außerdem versprach er ihnen ganz unmögliche Dinge; so schenkte er
einem jeden etwas von seinem Landbesitz, freilich ein nicht sehr großes
Stück: nur drei Schritt lang und einen Schritt breit -- so ein närrisches
Maß hat er sich ausgedacht! Was noch? Ja, er hatte die Leidenschaft,
eigenhändig Geflügel zu schlachten, und konnte es darin mit jedem
Küchenmeister aufnehmen: niemals entriß sich ihm ein Huhn mit
halbdurchgeschnittenem Hals, oder rannte gar ohne Kopf flügelschlagend
umher, wie es bei minder geschickten Köchen vorkommt. Schließlich sah er
sich gern Leichen an, und je grauenhafter so ein Toter aussah, je
fortgeschrittener die Verwesung war, desto mehr Genuß hatte er von dem
Anblick. Sooft im Dorf jemand starb, mußte es der Dorfpope, P. Iwan, in das
Herrenhaus melden; sofort wurde der Wagen angespannt, und Pjotr
Nikolajewitsch ließ alles stehen und liegen und eilte an den Ort oder nach
dem Hause, wo die Leiche lag.
Suchotins Frau -- Alexandra Pawlowna -- spottete manchmal höchst gutmütig
über die Liebhabereien ihres verwöhnten Mannes, dem sie übrigens in inniger
Liebe zugetan war; man hätte auch alle diese Eigenschaften, die schließlich
Pjotr Nikolajewitschs Privatangelegenheiten waren, kaum beachtet, wenn
nicht ein unsinniges Gerücht aufgetaucht wäre, das die Ehre und den guten
Ruf von >Gottessegen< in Frage stellte.
Vor zwei Jahren kam aufs Gut ein alter Freund Pjotr Nikolajewitschs, der
ihn noch vom Petersburger Lyzeum her kannte und seit jener Zeit nicht mehr
gesehen hatte. Der Grund des plötzlichen Erscheinens dieses Gastes blieb
unbekannt; niemand fragte ihn danach, und sein Kammerdiener schwatzte im
Dienstbotenzimmer höchst verworrenes Zeug darüber: der General sei
gekommen, um den revoltierenden Bauern Schrecken einzujagen oder auch um
das ganze Land unter ihnen aufzuteilen. Das ist übrigens gar nicht so
wichtig; konnte er denn nicht auch aus purer Neugier hergekommen sein?
Der Gast wurde von Alexandra Pawlowna freundlich aufgenommen; sie bedauerte
sehr, daß nicht die ganze Familie in >Gottessegen< versammelt war -- die
Kinder waren nämlich verreist -- und daß der Gast sich daher etwas
langweilen werde. Der General war aber in bester Stimmung; er erzählte viel
von seinen freundschaftlichen Beziehungen zu Pjotr Nikolajewitsch und
schien kein Verlangen nach anderer Gesellschaft zu haben. Mit Ungeduld
erwartete er seinen Freund, der gerade an diesem Tage vom frühen Morgen an
irgendwo auf dem Dorfe bei einer Leiche steckte und erst gegen Abend nach
Hause kam. Als die Freunde sich gegenüberstanden, geschah etwas sehr
Seltsames: der Gast war sichtlich erschüttert, erschrocken und begann am
ganzen Leibe zu zittern. Hatte er seinen Freund nicht gleich erkannt, oder
hatte er ihn erkannt, aber eine solche Veränderung an ihm wahrgenommen, daß
es ihn schwindelte, oder war ihm in seinem Gesicht, in seinem Gang oder in
seiner Sprache etwas ganz Unerwartetes, Unwahrscheinliches und Unmögliches
aufgefallen -- das weiß niemand! Der General taumelte einen Schritt zurück,
warf die Arme empor und fiel in Ohnmacht.
In den folgenden Tagen war der Gast schweigsam und traurig; er schielte
argwöhnisch nach allen Seiten, sagte zu allem ja und lächelte so
unglücklich wie einer, der sehr unerwartet in eine ganz gewöhnliche Presse
hineingeraten ist, wo er jeden Augenblick zu einem Brei zerquetscht werden
kann. Er blieb noch an die acht Tage in >Gottessegen< und jagte eines
Morgens ganz plötzlich, ohne Gepäck und nicht ganz angekleidet, auf und
davon; vor der Abreise war er wie verrückt, murmelte etwas ganz Unsinniges
vor sich hin und zeigte allen Leuten irgendwelche Schriftstücke, die er
verkehrt in der Hand hielt. Und bald nach seiner Abreise tauchten alle die
Gerüchte bei den Nachbarn und in der Stadt auf.
Man erklärte plötzlich, das berühmte Suchotinsche Gut sei gar nicht so
hervorragend, das Haus sogar etwas schadhaft: der nach dem Brande neu
errichtete Teil falle von den übrigen ab; auch der Garten sei in keiner
Weise bemerkenswert: er sei zwar alt und schattig, doch könne man bei einer
Reise durch Rußland viele solcher Gärten sehen; an den Feldern und Wäldern
sei zwar nichts auszusetzen, aber sie seien durchaus nicht einzig in ihrer
Art; und was die Bauern betreffe, so seien sie gar nichts wert: verarmt und
ohne Landbesitz; einmal seien sie schon ausgewandert, dann wieder
zurückgekehrt, und wenn sie auch bei den letzten Unruhen das Herrenhaus
nicht niedergebrannt und den Pferden nicht die Augen ausgestochen hätten,
wie es beim Nachbar Bessonow geschehen war, so hätten sie doch
unzweifelhaft die Absicht gehabt, das Haus anzuzünden, alles zu verwüsten
und sich das Land anzueignen. Und von Pjotr Nikolajewitsch selbst erzählten
sich die Leute, nach Aufzählung aller seiner Eigenheiten, solch ungereimtes
Zeug, daß ich mich schäme, es wiederzugeben. Schließlich waren alle darin
einig, daß man das Haus und die Leute unter allen Umständen meiden müsse:
der Ort sei unrein.
Einer von den guten Freunden riet Alexandra Pawlowna sogar, sich beim
Gouverneur zu beschweren. Sie wollte davon aber nichts wissen: an dem
ganzen Gerede sei kein wahres Wort, und sie wolle nicht noch mehr Staub
aufwirbeln. Und in der Tat: was so ein argwöhnischer Mensch in seinem
argwöhnischen Gehirn nicht alles ausdenken kann!
Übrigens hörte das Gerede nach einiger Zeit ganz von selbst auf: die Leute
sind doch nicht so dumm, wie sie zuweilen scheinen.
Und so blieb alles beim alten: >Gottessegen< ist ein Paradies, die Familie
Suchotin das Muster einer guten Familie, und Pjotr Nikolajewitsch zwar ein
Sonderling, doch von seltener Unterhaltungsgabe.
Alexandra Pawlowna war das eigentliche Haupt des Hauses, und ihrer Begabung
wurde auch der Wohlstand und die musterhafte Ordnung der ganzen Wirtschaft
von >Gottessegen< zugeschrieben. Sie war ziemlich wortkarg, hatte einen
festen Willen und verstand, die Leute im Zaume zu halten. Man hatte vor ihr
Respekt und vertraute ihr blind. Sie hatte früh und aus Liebe geheiratet
und schenkte in den vier ersten Ehejahren vier Kindern, drei Töchtern und
einem Sohn, das Leben. Ihr ganzes Leben verging in ununterbrochenen Sorgen
um die Kinder und um die Wirtschaft, und diese Sorgen wuchsen ihr
allmählich über den Kopf, je größer die Kinder wurden und je komplizierter
die Wirtschaft. Sie war aber bereit, jede Last zu tragen, wenn sie damit
dem Gatten und den Kindern das Leben angenehm machen konnte. Und niemand
hatte Grund zu klagen: weder der Gatte noch die Kinder.
Jeden Abend saß sie glücklich und freudestrahlend am Klavier. Ihre
kräftigen Finger griffen sicher in die Tasten, und feierliche Klänge zogen
durch die hohen Räume.
Wenn irgendein heimatloser Landstreicher zufällig in das erleuchtete
Fenster geschaut und die zufriedene Frau am Klavier erblickt hätte, wie
würde er da vor Neid vergehen! Wie würde er sein finsteres Schicksal
verfluchen! Wie willig würde ein Verirrter ihrer Stimme folgen!
Der Konteradmiral Paleolog, der Taufpate der jüngsten Tochter Sonja, dessen
Meinung immer für maßgebend galt und in der Stadt wie auch auf allen
Landsitzen gern zitiert wurde, pflegte Alexandra Pawlowna >eine
verführerische Brünette< zu nennen. Und er hatte wie immer recht. Wer würde
glauben, daß diese verführerische Brünette, die das Hauswesen so gut zu
führen verstand und ein schönes Familienleben lebte, sich einmal für das
unglücklichste Geschöpf auf Gottes Erde gehalten hatte? Freilich waren
viele Jahre seitdem vergangen, und jede Erinnerung an jene Zeit war vom
immerwährenden Glück und Erfolg in allen Dingen vollkommen ausgelöscht. Vor
fünfzehn Jahren, bald nach Sonjas Geburt, wäre >Gottessegen< um ein Haar
verlorengegangen: das schöne Haus war beinahe verbrannt und Pjotr
Nikolajewitsch beinahe in den Flammen umgekommen; Alexandra Pawlowna aber
rettete alles.
Im Herbst und im Winter, wenn die Kinder fort waren, verbrachte Alexandra
Pawlowna ihre Tage unter vier Augen mit ihrem Mann; sie sah ihn mit der
gleichen Liebe und Zärtlichkeit an wie vor zwanzig Jahren, und er erschien
ihr ebenso verliebt wie damals; in solchen Augenblicken verschwand die
tiefe Furche, die sonst zwischen ihren Brauen lag. Doch er stand vor ihr,
ganz ausgetrocknet, lang wie eine Hopfenstange, mit ergrautem Haar und
totenblassem Gesicht, starrte sie unverwandt an mit seinen unbeweglichen
Augen und grinste.
»Ich kenne keine Langeweile«, wiederholte er zum tausendsten Mal; »Mir ist
es immer leicht ums Herz!« Das klang so wie: >Mir ist alles gleich, ich
brauche nichts!< Sie hörte aber diese unheimlichen Worte nicht; seine
Stimme klang für sie genau wie damals, als sie seinen ersten Kuß empfing.
Die Liebe machte sie blind, und sie gab ihm die ganze Leidenschaft einer
reifen, doch gut aussehenden Frau.
Wie toll hätte der am Fenster lauschende Landstreicher über eine solche
Szene gelacht! Vielleicht hätte er aber auch keinen Ton von sich gegeben
und wäre ohnmächtig zusammengebrochen wie jener Gast, der Jugendfreund
Pjotr Nikolajewitschs.
2
Ganz >Gottessegen< rüstete sich zu einem großen Ereignis: gleich nach
Weihnachten sollte die Hochzeit der ältesten Tochter Lida, die erst im
vorigen Jahre das Institut verlassen hatte, stattfinden. Der Bräutigam war
der reiche Großgrundbesitzer Ramejkow.
Die Feier wurde von allen mit großer Spannung erwartet. Man erzählte sich,
daß das Hochzeitsmahl besonders üppig sein werde und daß Pjotr
Nikolajewitsch beinahe alle Hühner abgeschlachtet habe. >Gottessegen< bekam
einen feierlichen Anstrich. Die Gäste kamen schon am frühen Morgen
zusammen, und Pjotr Nikolajewitsch, der besonders gut aufgelegt war, sorgte
dafür, daß alle sich vor Lachen wälzten. Alexandra Pawlowna hatte alle
Vorbereitungen zu treffen und konnte vor Überanstrengung kaum auf den
Beinen stehen.
Endlich war die ganze Familie versammelt: aus Petersburg kam der älteste
Sohn Mischa, Student im ersten Semester; aus Kiew die zweite Tochter Sina,
die dort in einem Institut erzogen wurde; und aus der Kreisstadt -- die
Gymnasiastin Sonja. Der feierliche Augenblick rückte heran. Die
Hochzeitsfeier fiel, wie jeder zugeben mußte, ungemein lustig aus. Es gab
natürlich einige seltsame Zwischenfälle: als Pjotr Nikolajewitsch dem
jungen Paar vor der Trauung seinen Segen gab und offenbar die Absicht
hatte, dem Segen einige Ermahnungen für die Ehe folgen zu lassen, platzte
er, nach einer längeren peinlichen Pause, mit einem einzigen Wort heraus,
das man unmöglich wiedergeben kann; der junge Ehemann war dadurch so
frappiert, daß es ihn große Mühe kostete, sich von den Knien zu erheben,
und alle andern konnten schwer ihr Lachen verbeißen. Während der
kirchlichen Trauung flüsterte Pjotr Nikolajewitsch dem Geistlichen P. Iwan
zu, daß er letzte Nacht von Eiern, die in einer Grube lagen, geträumt
hätte. Der Geistliche kannte natürlich die böse Bedeutung dieses Traumes;
er kam ihm aber im Augenblick so ungemein komisch vor, daß er mitten im
Gebet in schallendes Gelächter ausbrach. Der Küster, der das Weihwasserfaß
hielt, wieherte ganz ungeniert los, und mit ihm lachte das ganze Publikum:
es war eher eine Narrensposse als eine Trauung.
Die Neuvermählten reisten gleich nach der Tafel nach Moskau ab, die
Festlichkeiten in >Gottessegen< dauerten aber fort. Die Jugend
veranstaltete eine Theateraufführung und einen Maskenball. Auf dem Teich
wurde eine Schlittschuhbahn und ein Eisberg eingerichtet, und die jungen
Leute wetteiferten im Laufen.
Mischa Suchotin galt als hervorragender Schlittschuhläufer. Er war schlank
und gelenkig und zeigte im Kunstlauf wahre Wunder. Auch seine Schwester
Sonja, ein flinkes, lustiges Mädchen, war ungemein geschickt. Hell klang
ihr Lachen in den sternenklaren Januarnächten über die Eisdecke hin. Es war
ein Vergnügen zu sehen, wie Bruder und Schwester Arm in Arm den Eisberg
hinuntersausten. Sina war anders geartet und hatte mehr Ähnlichkeit mit
Lida: sie war wie diese schweigsam und etwas schüchtern, aber nicht
temperamentlos.
»Die Kinder sind der Mutter nachgeraten«, sagten alle Onkel und Tanten und
alle alten Freunde des Hauses, die Alexandra Pawlowna näher kannten.
Der Dreikönigstag rückte heran. Mischas Kollegen und die Freundinnen seiner
Schwester reisten ab. Auch die Suchotinschen Kinder mußten fort, es gefiel
ihnen aber auf dem Lande so gut, daß die Abreise immer wieder verschoben
wurde.
Am Dreikönigsabend liefen Mischa und Sonja zum letztenmal auf die Eisbahn
hinaus. Es war eine herrliche sternenklare Nacht; die blauen Schneefelder
glitzerten in zahllosen Funken, und der starke Frost kniff in die Wangen
und ließ das Eis krachen. Mischa und Sonja flogen über die Eisfläche und
wollten gar nicht aufhören. Da fiel Mischa plötzlich der ganzen Länge nach
hin. Sonja glaubte anfangs, es sei nur ein Scherz von ihm. Es war aber doch
nicht so. Man hob ihn auf, trug ihn nach Hause und ließ Ärzte kommen. In
drei Stunden war er tot. Der Schmerz war unbeschreiblich.
Am Abend nach der Beerdigung, als es im Hause plötzlich so leer war und
alle abgespannt und schwermütig herumsaßen und herumirrten, kam plötzlich
ein dringendes Telegramm von Ramejkow aus Moskau: Alexandra Pawlowna sollte
sofort hinreisen.
Sie reiste noch in der gleichen Nacht ab.
Sina und Sonja waren in der größten Sorge, Pjotr Nikolajewitsch schien aber
ganz ruhig, als ob gar nichts vorgefallen wäre. Er änderte auch nichts an
seiner Lebensweise und seinen Gewohnheiten. Der einzige Unterschied war
der, daß er in diesen Tagen noch mehr Hühner schlachtete als sonst. Das
hatte aber einen Grund: Sina, die sich bei Mischas Beerdigung erkältet
hatte, lag krank zu Bett und brauchte besondere Diät. Und dann noch etwas
-- das ist aber nur eine seiner Schrullen! --, er ließ zu Mittag die
riesengroße Ochsenzunge auftragen, die noch vom Hochzeitsmahl
übriggeblieben war.
Endlich kam aus Moskau die Nachricht: Lida hatte sich erhängt. Groß war der
Schmerz der Familie.
Nun wurde der zweite Sarg in die Suchotinsche Familiengruft versenkt. Im
Hause wurde es noch öder und einsamer. Alexandra Pawlowna schlich tagelang
wie ein Schatten umher.
Sie konnte sich jetzt nicht verzeihen, daß sie ihre Zustimmung zu dieser
Ehe gegeben hatte: sie hatte ja den Ramejkow als einen leichtsinnigen und
gemeinen -- ja, ganz gemeinen! -- Menschen gekannt. Warum hatte sie Lida
nicht gewarnt? Lida hätte doch sicher auf ihre Warnung gehört. Sie hätte
sie leicht überzeugen können, denn sie kannte so viele häßliche und gemeine
Geschichten aus Ramejkows Vorleben, über die sogar am Hochzeitstage in
ihrem Hause getuschelt wurde.
Nun war es zu spät. Gewissensbisse halfen nicht. Alexandra Pawlowna schrie
beinahe vor Schmerz.
Pjotr Nikolajewitsch war etwas abgespannt, doch wohl kaum aus Schmerz über
die Verluste. Der Tod der beiden Kinder rief in ihm nur die gleiche Neugier
hervor wie der Tod jedes andern, ihm gänzlich fremden Menschen. Seine
Abgespanntheit rührte eher von einer schlaflosen Nacht her. Lidas Leiche
war in einem geschlossenen Sarge nach >Gottessegen< gebracht worden; Pjotr
Nikolajewitsch bestand aber darauf, daß der Deckel abgeschraubt wurde. Er
enthüllte mit eigenen Händen das Gesicht seiner Tochter und stand dann die
ganze Nacht vor dem Sarge, den Blick unverwandt auf die Tote gerichtet. Nun
saß er, mit seinem flaschengrünen Schlafrock angetan, in einem Lehnsessel
und schlummerte.
So verging die Nacht nach Lidas Beerdigung.
In Sinas Zustand trat indessen eine Verschlimmerung ein. Die Ärzte
konstatierten Typhus. Ganz >Gottessegen< hielt den Atem an und wartete auf
die Krisis. Und die Krisis kam. Die Ärzte traten zu einem Konsilium
zusammen und erklärten, daß keine Hoffnung mehr da sei.
Bei den Suchotins herrschte eine strenge Hausordnung, an der die Kinder,
selbst als sie erwachsen waren und in den Ferien auf Besuch nach Hause
kamen, noch immer festhielten: Lida mußte ihrem Vater die Zigaretten
stopfen und Sina die Uhr im Eßzimmer aufziehen. Jetzt stopfte der alte
Kammerdiener Michej die Zigaretten, und die Uhr im Eßzimmer stand still.
Sina litt sichtlich unter dem Gedanken, daß ihre Krankheit die alte
Hausordnung störte, und wollte daher ins Krankenhaus gebracht werden; sie
konnte diesen Wunsch aber nicht mehr aussprechen: sie hatte bereits ihre
Sprache verloren.
Unter Anspannung ihrer letzten Kräfte bat sie Sonja durch Zeichen um einen
Bleistift und ein Stück Papier. Als sie den einen Buchstaben >K<
geschrieben hatte, entfiel der Bleistift ihrer Hand, und sie war tot.
Wieder war der Schmerz unbeschreiblich.
3
Der dritte Sarg wurde aus dem Hause getragen.
Als Alexandra Pawlowna in der Kirche von Sinas Leiche Abschied nahm und zum
letztenmal ihr demütiges Gesicht mit den stahlblauen Augenlidern und den
vom Todeskampf verzerrten Lippen sah, fiel ihr plötzlich das alte,
ängstlich gehütete Geheimnis ein, an das sie in den vielen Jahren des
Glücks kein einziges Mal gedacht hatte. Und sie weinte bittere Tränen, und
als sie sich von der Leiche abwandte, war sie plötzlich eine alte, gebückte
Frau geworden.
»Habe ich denn gewußt, daß ich sie in diesem Alter verlieren werde?« sagte
sie weinend und kopfschüttelnd vor sich hin.
Doch ihr Gewissen sagte ihr, statt sie zu trösten, daß nur sie allein
schuld sei und es sonst keinen Schuldigen gäbe. Und unter der Last dieses
Gedankens fiel sie noch mehr zusammen und wurde noch älter.
Sonja wich nicht von ihrer Seite. Sie versuchte, sie zu trösten, sie weinte
mit ihr und blickte sie mit großen Augen an -- sie war vor Schreck wie
gelähmt.
»Mutter, was sprichst du da?« fragte sie und erschrak vor der eigenen
Stimme.
Und die Mutter erzählte ihr alles.
Vor fünfzehn Jahren, bald nach Sonjas Geburt, war Alexandra Pawlowna einmal
zu ihrer Mutter auf Besuch gefahren und hatte alle Kinder mitgenommen. Es
war das erstemal, daß sie >Gottessegen< und ihren Gatten verließ. Und sie
hatte gleich in der ersten Nacht einen bösen Traum: sie sah ihren Mann in
einer Kirche hinter den Altar treten. Da wurde ihr ganz bange: ob er nicht
erkrankt oder gar tot sei? Auch in der nächsten Nacht hatte sie einen bösen
Traum: daß ihr Trauring entzweigebrochen sei. Sie bekam wieder Angst um
ihren Mann und beschloß, sofort heimzureisen.
»Während der Heimreise«, erzählte sie Sonja, »betete ich unaufhörlich zu
Gott: Wenn schon ein Unglück geschehen soll, so laß, o Herr, ein Kind von
mir sterben, oder zwei Kinder, oder sogar alle drei -- Mischa, Lida und
Sina --, erhalte aber meinen Mann am Leben! Ich dachte mir: sie sind ja
noch so klein, ihren Verlust werde ich leichter ertragen als seinen Tod.
Dich nannte ich aber in meinem Gebete nicht, ich konnte es nicht übers Herz
bringen . . . Wie ich nach Hause komme, erfahre ich, daß bei uns eine
Feuersbrunst ausgebrochen war und dein Vater todkrank darniederlag . . . Um
ein Haar wäre er verbrannt . . . Also hatte der Herr mein Gebet erhört und
das Haus und den Vater verschont. Ich war ganz glücklich, und wir lebten
weiter, als ob nichts geschehen wäre . . . Und jetzt . . . Alles kommt von
meinem Gebet. Wußte ich denn, daß ich sie in diesem Alter verlieren würde?«
Alexandra Pawlowna quälte sich furchtbar und ließ Sonja nicht von ihrer
Seite.
Auch Pjotr Nikolajewitsch war jetzt zerstreut und unruhig: auch ihn quälte
wohl ein Gedanke. Er konnte nicht mehr seinen gewohnten Beschäftigungen
nachgehen. Abends machte er noch den Versuch, den großen Schrank im
Eßzimmer umzustellen; er rückte ihn von seiner alten Stelle weg, hatte aber
nicht mehr die Kraft, ihn bis an die neue Stelle zu schieben. So blieb der
Schrank mitten im Zimmer stehen. Dann griff er nach seinem Schürhaken; doch
auch mit dem Heizen wollte es heute nicht recht gehen. Von Zeit zu Zeit kam
er ins Schlafzimmer, setzte sich für einen Augenblick auf den Bettrand und
ging dann wieder hinaus, seine Frau und Tochter in Verzweiflung
zurücklassend.
»Alle waren verlorengegangen -- Mischa, Lida, Sina und Sonja, und alle
haben sich wieder eingefunden, bis auf Sonja . . . Sonja fehlt noch . . .«
murmelte er leise vor sich hin. Man wußte nicht, an wen er diese Worte
richtete: an den alten Michej, an den Ofensetzer Kusma oder an die
Wirtschafterin Darja Iwanowna, die jetzt die Hausfrau vertrat.
Erst am späten Abend beruhigte er sich, ging in sein Zimmer und legte sich
schlafen. Der Kammerdiener Michej wich keinen Augenblick von seiner Seite.
So unheimlich und öde wurde es im alten Haus, so kalt in allen Winkeln. Wo
war alles hingekommen -- Friede, Lachen, Glück? Drei Särge -- drei Tode
ließen das warme Herdfeuer im Hause erkalten.
4
Alle diese Ereignisse, die sich innerhalb nur eines Monats abgespielt
hatten, wurden natürlich in der ganzen Gegend viel besprochen, und das alte
Gerede lebte wieder auf »Da geht es nicht mit rechten Dingen zu!« --
erklärte man sofort nicht nur auf dem nahen Gute Kostomarowka und dem etwas
weiter entfernten Britany, sondern auch in Motowilowka und
selbstverständlich auch in der Stadt. Was? Wieso? Warum? Und es ging los.
Die ganze Geschichte von >Gottessegen< und das ganze Leben der Suchotins
wurden haarklein untersucht und kommentiert, alle Großmütter und Großtanten
wurden zitiert, und selbst solche Ereignisse, die sich entweder gar nicht,
oder jedenfalls nicht bei den Suchotins, sondern, sagen wir, bei den
Muromzews zugetragen hatten, wurden erörtert. Und alle Geschichten, jeder
Klatsch kam wieder ans Licht: seht nur, meine Herrschaften, urteilt selbst!
Uns war ja alles schon früher bekannt!
Aus irgendeinem Grunde klammerte man sich an jenen geheimnisvollen General,
den Jugendfreund Pjotr Nikolajewitschs, der seinerzeit, Gott weiß warum,
aus >Gottessegen< geflohen war. Und alle waren darin einig, daß der General
alles wisse und jede Aufklärung geben könne. Wie soll man ihn aber finden?
Jemand sagte: den Perewerdejew kennt ja ganz Petersburg. Folglich ist er in
Petersburg? Gewiß! Der Gouverneur fragte also dringend in Petersburg an.
Die Antwort traf, wie ich glaube, noch am gleichen Tage ein: in Petersburg
gebe es General, soviel man wolle, und selbst mit solchen Familiennamen,
die man in Damengesellschaft gar nicht aussprechen könne; ein Perewerdejew
sei aber unbekannt. Sollte vielleicht ein General Perewersew gemeint sein?
Und während man Nachforschungen nach einem General Perewersew anstellte,
verrichtete ein eiserner Jemand gelassen und sicher sein sicheres Werk,
ohne jemandem Rechenschaft darüber abzulegen; ein gnadenloser jemand
näherte sich in Siebenmeilenstiefeln aus weiter Ferne, um Gericht zu
halten.
Ohne Alexandra Pawlownas Leitung mußte die Wirtschaft in Unordnung geraten;
sie spannte ihre letzten Kräfte an, um die alte Ordnung aufrechtzuerhalten
und für den Mann und die Tochter zu sorgen: für den Mann, dem zuliebe sie
das große Opfer gebracht hatte, und für die Tochter -- der sie jetzt ihre
ganze Ruhe zu opfern bereit war.
Hatte sie sich nicht verrechnet, als sie in ihrem Gebet die drei älteren
Kinder opferte und Sonja vergaß oder vielmehr absichtlich verschwieg? Warum
verschwieg sie Sonja? Hätte sie das nicht getan, so wären vielleicht alle
vier verschont geblieben. Und wenn alle vier gestorben wären? Nein, das
könnte nicht sein: sie hätte ja alles geopfert, und wer alles opfert
. . . Warum hatte sie dennoch nicht alle geopfert? Diese Frage zermarterte
ihr Hirn und ließ sie nicht mehr los.
Und wenn jetzt auch Sonja stirbt? Sie sagte ja eben, daß sie alles opfern
möchte; also auch Sonja? -- diese Frage machte sie erschaudern. Sie war wie
von Sinnen.
»Sonja, Sonja! Wo bist du?« Jeden Augenblick sah sie sich unruhig nach
ihrer Tochter um, obwohl diese nicht von ihrer Seite wich.
Zu den quälenden Gewissensbissen und der Sorge um die einzige Tochter
gesellte sich noch die Sorge um den geliebten Mann, dessen Leben mit dem
Leben dreier teurer Kinder erkauft war. Pjotr Nikolajewitsch war ganz
heruntergekommen und verließ sein Zimmer nicht mehr; er konnte nur mit Mühe
seine Beine schleppen, sein Gesicht war blau angelaufen, seine Haare
klebten am Schädel, und seine welke, blasse Haut schien ganz lose am Körper
zu hängen.
In allen Zimmern verbreitete sich plötzlich ein übler, dumpfer Geruch.
Das Haus war alt und beherbergte eine Menge Ratten, -- ganze Generationen
hausten unter den Dielen. Es kam vor, daß irgendeine uralte Ratte
verendete; der unerträgliche Geruch rührte wohl von einer solchen toten
Ratte her. Zu einer andern Zeit hätte Pjotr Nikolajewitsch sicher die
Stelle gefunden, man hätte ein Dielenbrett aufgebrochen und den Kadaver
entfernt; er kümmerte sich aber nicht mehr darum.
Allen, die jetzt noch nach >Gottessegen< kamen, war es klar, daß es
unmöglich so weitergehen könne, daß früher oder später irgendein Ende, ganz
gleich was für eines, kommen müsse. Und alle warteten gespannt auf das
Ende. Drei Tage und drei Nächte wollte man noch warten. Zwei Tage und zwei
Nächte waren aber schon abgelaufen.
Am Samstag wurde im Hause eine Abendmesse gelesen. P. Iwan sparte nicht mit
dem Weihrauch, und alle gingen mit Kopfschmerzen zu Bett.
»Nachts ließ mich der gnädige Herr kommen«, berichtete später der alte
Michej, »und sagte mir: >Lieber Michej, hole mir bitte gleich einen jungen
Hahn um Christi willen! Ich werde dir diesen Dienst nie vergessen!< --
>Gnädiger Herr<, sage ich ihm, >was wollen Sie mit dem Hahn um diese
Stunde? Es ist ja Nacht!< Er sagt darauf nichts, blinzelt mir nur so mit
einem Auge zu, als ob er sagen wollte: Rate mal selbst, wozu ich ihn
brauche! -- Ich ging in den Hühnerstall, suchte einen recht schönen, fetten
Hahn aus und brachte ihn ihm. Auch ein Messer brachte ich gleich mit. Der
Herr nahm das Messer und begann den Hahn zu schlachten; er hatte aber nicht
mehr die Kraft, es ordentlich zu tun, und der Hahn zappelte lange in seinen
Händen. Endlich war er mit dem Hahn doch fertig geworden, -- eine große
Blutlache war auf dem Boden, auch er selbst war ganz mit Blut beschmiert.
Das hatte ihn wohl etwas erleichtert. -- >Weißt du, Michej<, sagte er mir
dann, >jetzt hätte ich Lust, mir eine Leiche anzusehen!< -- >Gott sei mit
Ihnen!< sage ich ihm. -- >Wo soll man jetzt eine Leiche hernehmen?< Es
überläuft mich ganz kalt, und ich sehe, daß auch der Herr nur so mit den
Zähnen klappert. -- >Und wo ist Sonja?< fragt er noch und sieht mich dabei
so an . . . Bis an mein Ende werde ich daran denken, wie er mich ansah! --
>Im Schlafzimmer<, sage ich ihm, >bei der gnädigen Frau.< Da beruhigte er
sich ein wenig, und ich ging fort und legte mich hin.«
Die Haushälterin Darja Iwanowna erzählte: »Ich erwachte mitten in der Nacht
und höre einen Kater miauen. Und ich denke mir: >Was mag das für ein Kater
sein?< Ich rufe ihn an, doch er faucht nur so.«
»Einen Hahn haben wir wirklich krähen hören«, bestätigten die anderen
Hausbewohner.
Der Hahn brachte Pjotr Nikolajewitsch keine Erleichterung, und es war doch
so ein prächtiger Hahn gewesen! Seine Kräfte gingen zur Neige, es war ihm,
als ob er ersticken müßte. Er richtete sich in seinem Bett auf und keuchte:
»Alle waren verlorengegangen -- Mischa, Lida, Sina und Sonja, und alle
haben sich wieder eingefunden, bis auf Sonja! Sonja fehlt noch!«
Das Verlangen, Sonja sofort zu suchen, trieb ihn aus dem Bett und führte
ihn aus dem Zimmer. Das Messer noch immer in der Hand haltend, kroch er auf
allen vieren ins Schlafzimmer seiner Frau.
Die Schlafzimmertür war nur angelehnt. Vor dem Heiligenbild glimmte ein
Öllämpchen. Sonja schlief bei ihrer Mutter, das Gesicht zur Tür gewandt.
»Mein kleines, liebes Hühnchen!« murmelte Pjotr Nikolajewitsch, an das Bett
herankriechend.
Sonja schlug die Augen auf und richtete sich auf. Mit Schrecken sah sie den
zitternden, blutbefleckten Vater und reckte ihren Schwanenhals.
»Du liebes, kleines Hühnchen!« flüsterte er und bemühte sich, vom Boden
aufzustehen.
Und er richtete sich auf.
Der Schwanenhals reckte sich im Schein des Öllämpchens unter dem blitzenden
Messer noch mehr. Einen Augenblick noch -- und ein kirschrotes Halsband
hätte den Schwan erwürgt. Pjotr Nikolajewitsch hatte aber nicht mehr die
Kraft. Es gab keine Rettung mehr für ihn. Das Messer entglitt seiner Hand
und fiel zugleich mit der Haut, die sich von seinen Fingern loslöste, zu
Boden.
Der Alte fuhr zusammen und setzte sich auf den Teppich. Er begann plötzlich
einzuschrumpfen. Die Nase, der Mund, die Ohren, alles Fleisch sammelte sich
zu dicken Falten, die sich aufblähten und zerplatzten, und ein dünner,
klebriger Brei löste sich von den weißen Knochen und floß zu Boden.
Das Licht des Lämpchens fiel auf einen ganz nackten, blinden Totenkopf; er
war weiß wie Zucker und schien zu grinsen. Im gleichen Augenblick wurde die
Tür von einem Flammenmeer aufgerissen. Die Flamme warf der Mutter, der
besinnungslosen Tochter und dem Totenkopf einen stechenden Blick zu, reckte
sich zur Zimmerdecke empor und flog als roter Hahn knisternd durch die
Räume.
Das Haus stand in Flammen.