3
Die Hoffnung, den nächsten Sommer in Kljutschi zu verbringen, fiel ins
Wasser. Der Doktor sagte: wenn Atja das zweite Jahr in derselben Klasse
sitzenbleibe, so sei an Kljutschi gar nicht zu denken; dann blieben alle
den ganzen Sommer in Petersburg. Das Frühjahr brach aber schon an, das
letzte Semester ging zu Ende, und Atjas Schicksal mußte sich bald
entscheiden; und es war klar, daß es sich nicht zu seinen Gunsten
entscheiden werde.
Während der Schönschreibstunde spielten Charpik und Atja das >Federnspiel<:
die Schreibfeder wird mit dem Finger emporgeschnellt, und je nachdem sie
mit dem Rücken oder mit der Wölbung nach oben zu liegen kommt, hat man sie
gewonnen oder verloren. Als Charpik wieder einmal eine Feder verlor, gab er
das Spiel auf und sagte:
»Willst du mit mir nach Amerika durchbrennen?«
»Ja«, antwortete Atja.
»Romaschka kommt auch mit.«
»Wie wollen wir das machen?«
»Das weiß ich ganz genau. Wir beide haben uns schon seit Weihnachten den
Kopf darüber zerbrochen. Wir wollten dir nichts sagen, ehe wir ganz im
klaren waren . . . Hast du ein Amerika?«
»Papa hat im Sprechzimmer ein Afrika hängen.«
»Mit Afrika können wir nichts anfangen. Ich muß noch Romaschka fragen. Sein
Vater ist Architekt, also muß er eine Karte von Amerika haben. Wir wollen
uns eine unbewohnte Insel aussuchen und uns da niederlassen.«
»Wir werden uns auch ein Schloß bauen!« rief Atja aus.
»Ein Schloß oder einen Palast, ganz wie du willst!«
»Und außer uns wird keine Seele dort sein?«
»Niemand, nur die Nilpferde.«
>Nun geht es los<, dachte sich Atja. >Jetzt heißt es handeln. Charpik und
Romaschka sind so durchtriebene Bestien, daß sie auch ans Ende der Welt den
Weg finden.<
Am nächsten Tage brachte Romaschka die Karte von Südamerika mit; die Karte
war unbezeichnet und unvollständig: nur ein Viertelblatt, aber es war
immerhin Amerika.
Die Stunde, die sie an diesem Tage auf Geheiß des Lehrers für Deutsch Iwan
Martynytsch für eine Reihe von Streichen nachsitzen mußten, verging mit
Besprechungen. Charpik und Romaschka nahmen die Oberleitung in die Hand und
weihten Atja in alle Einzelheiten ihres Planes ein. Dann nahm man ein Blatt
Papier und begann unbewohnte Inseln zu entwerfen. Schließlich einigte man
sich auf eine Insel, legte die Karte zusammen und beschloß, am nächsten
Tage, gleich nach der Schule, aufzubrechen.
»Kommt beide direkt zum Bahnhof und wartet dort auf mich; ich werde Geld
mitbringen«, sagte Charpik.
»Eigentlich müßte man auch einen Paß haben«, meinte Romaschka.
»Den Paß werde ich beschaffen«, erklärte Atja; es fiel ihm ein, daß Onkel
Arkadi erst vor kurzem nach Moskau gereist war und aus Versehen den Paß der
Köchin mitgenommen hatte; mit diesem Paß hatte er eine ganze Woche ohne
Schwierigkeiten gelebt.
Es war also abgemacht: Charpik bringt das Geld, Atja den Paß und Romaschka
die Karte.
Wenn es doch schon morgen wäre!
Atja tat die ganze Nacht kein Auge zu. So sehr war er mit seinen Gedanken
beschäftigt. Er dachte aber nicht an Kljutschi, sondern an Amerika; auf der
unbewohnten Insel wird er ein Schloß erbauen, wie es noch niemand gehabt
hat; ein Schloß aus Pfauenfedern mit goldenen und silbernen Treppen, mit
Fenstern aus Edelsteinen: in einem mit Nilpferden bespannten Wagen wird er
seine Prinzessin hinbringen; und sie werden da ewig mitten im Meere unter
der ewigen Sonne zusammenleben. Sie wird Prinzessin Mymra heißen, und die
Insel, die er ihr schenken wird, soll ihren Namen tragen: Insel der Mymra.
Dann wird er auch viele andere Inseln und zuletzt alle Länder der Erde für
sie erobern. Und dann wird sie aus dem Schlosse treten und über die ganze
Welt leuchten.
Atja, Charpik und Romaschka benahmen sich während der Stunden ziemlich
anständig und machten keine Dummheiten; sie waren auffallend zerstreut und
redeten, wenn sie aufgerufen wurden, ganz ungereimtes Zeug. Ein jeder von
ihnen kriegte einen Vierer. Das war ihnen aber schon ganz gleich.
Als die letzte Stunde vorüber war und Atja mit heller Stimme das
Schlußgebet vorgesprochen hatte, warf Charpik alle seine Lehrbücher unter
die Bank und rannte nach Hause.
Charpiks Eltern waren nicht zu Hause: der Vater war auf dem Gericht und die
Mutter in der Stadt; nur die Köchin Wassilissa war allein da.
»Wassilissa, gib mir bitte drei Rubel«, bat Charpik.
Wassilissa besaß aber eine solche Summe nicht. Charpik stand noch eine
Weile in der Küche herum und ging dann ins Arbeitszimmer seines Vaters. Er
brauchte nicht lange zu suchen: unter einer alten Aktentasche lag etwas
Kleingeld. Charpik zählte nach: es waren genau drei Rubel. Dieses Glück!
»Leb wohl, Wassilissa, wir werden uns nie mehr wiedersehen«, sagte Charpik,
an der Schwelle stehen bleibend.
»Wo fährst du denn hin?« fragte Wassilissa interessiert.
Der Abschied von Wassilissa stimmte Charpik plötzlich sehr traurig; er war
schon im Begriff, das Geheimnis auszuplaudern, beherrschte sich aber noch
zur rechten Zeit.
»Auf den Nikolajewer Bahnhof. Leb wohl!«
Atja und Romaschka trieben sich indessen auf dem Finnländischen Bahnhof
umher; viele Züge waren schon abgegangen, als Charpik endlich erschien.
Ohne lange Geschichten zu machen, kauften sie sich Fahrkarten nach Terioki,
stiegen in den Zug und -- leb wohl, Gymnasium, lebe wohl, Rußland! Sie
reisten nach Amerika, geradeswegs auf die unbewohnte Insel der Mymra.
Unterwegs war es sehr lustig. Sie sangen die Marseillaise und rauchten. Die
Landschaft, die sie aus den Kupeefenstern sahen, erschien ihnen als
Amerika, und alle Fahrgäste als Detektive und Sherlock Holmes.
Vor der Grenzstation Kuokkala holte Atja aus seiner Hosentasche den Paß der
Köchin Fjokluschka hervor und zeigte ihn stolz den Freunden.
»Jetzt können wir auch zum Teufel fahren: der Paß ist echt«, äußerte sich
Charpik anerkennend.
»Jeder Detektiv fällt darauf herein«, bestätigte Romaschka.
So kamen sie glücklich in Terioki an.
Sie stiegen aus und begaben sich nach den Sommerhäusern, die um diese
Jahreszeit noch leer standen. Hier trieben sie sich bis zum späten Abend
herum und taten alles, was ihnen nur einfiel. Sie kletterten über die
Dächer, die Treppen und Bäume; Romaschka machte den Vorschlag, ein Bad zu
nehmen, das scheiterte aber daran, daß sie zu faul waren, sich auszuziehen.
Allmählich wurde es kalt, und die drei Freunde verspürten auch Hunger: sie
hatten ja nichts zu Mittag gegessen. Also kehrten sie auf den Bahnhof
zurück und kauften sich ein großes süß-saures Brot, das sie im Nu
verzehrten. Nun mußten sie auch an ein Nachtquartier denken. Es war zu
kalt, um auf dem Geleise zu nächtigen, außerdem schneite es. Auf dem
Bahnhof konnten sie nicht bleiben, da er für die Nacht geschlossen wurde.
Sie überlegten lange hin und her und entschlossen sich, den Stationsdiener
zu bitten, in seinem Häuschen übernachten zu dürfen.
Der Stationsdiener war freundlich und ließ sich leicht überreden. Doch ehe
er sie zu sich hereinließ, mußten sie den Bahnhof aufräumen und die Geleise
kehren.
Sie räumten den Bahnhof auf und kehrten die Geleise; nachher schliefen sie
aber so fest, wie sie in ihrem Leben noch niemals geschlafen hatten. Sie
sahen im Traume allerlei Süßigkeiten: ganze Schachteln voll Schokolade,
Fruchtpasten und gewöhnliche Bonbons: iß, soviel du willst!
Hätte sie der Stationsdiener nicht geweckt, so hätten sie am Ende auch den
Tag über durchgeschlafen. »Steht auf, ihr Sünder!« Sie gingen wieder auf
den Bahnhof kauften sich für das letzte Geld ein neues süßsaures Brot,
stärkten sich etwas und waren schon im Begriff, sich wie gestern zu den
Sommerhäusern zu begeben, als plötzlich in der Tür ein Gendarm erschien.
»Wo wollt ihr hin?« fragte er ziemlich ungnädig.
»Wir sind aus der Nasarowschen Villa«, antwortete Romaschka, der den
letzten Sommer in Terioki verbracht hatte und sich da auskannte.
»Aus der Nasarowschen Villa?« fragte der Gendarm. Dann wechselte er einige
Worte mit einem Herrn in Zivil, der neben ihm stand, offenbar ein Detektiv,
und sagte sehr böse:
»Ihr seid verhaftet!«
In diesem Augenblick kam ein Zug, der nach Petersburg weiterging, und die
drei Reisenden stiegen, in Begleitung des Gendarmen und des Detektivs,
gesenkten Hauptes ein.
>Was werde ich nun meiner Prinzessin sagen, wie werde ich zu ihr
zurückkehren? Wo ist mein Indien, mein Weißes Meer und die unbewohnte
Insel? Wird sie mich noch in Gnaden aufnehmen, oder ist alles verloren?<
Mit diesen Fragen quälte sich Atja ab, indem er aus dem Fenster auf die
nasse schwarze Landstraße blickte.
Charpik und Romaschka rückten unruhig hin und her: einen jeden erwartete
seine Tracht Prügel! Lebe wohl, Amerika!
4
Die folgenden Tage gingen entsetzlich langsam hin. Das Wiedersehen auf dem
Bahnhof war übrigens gar nicht so schrecklich: Atjas Mutter weinte beinahe
vor Freude; auch im Gymnasium lief die Sache gar nicht schlimm ab: Atja
wurde sogar zu den Prüfungen zugelassen. Aber welchen Wert hatte für ihn
noch das Gymnasium? Er hatte ja die Insel nicht erobert! Was konnte er mit
leeren Händen anfangen? Ist das ein Leben! Klawdija Gurjanowna lachte über
ihn und nannte ihn nur noch >Amerikaner a. D.<
»Ich muß mir etwas Neues ausdenken«, quälte sich Atja. »Ich muß mir einen
Finger abhacken und ihn ihr bringen, oder ein Auge ausstechen . . . Soll
sie es nur fühlen!«
»Der Großvater hat Schuld«, klagte die Mutter dem Doktor. »Ich weiß ja, was
sie dort in Kljutschi treiben. Der Bengel ist ganz außer Rand und Band und
will nichts lernen. Bald verliebt er sich in Klawdija Gurjanowna, bald
phantasiert er von einer Mymra . . .«
Der Doktor vertrat in seiner Praxis die Ansicht, daß jeder Unsinn von
Magenverstopfung käme, und behandelte daher seine Patienten vorwiegend mit
einem Gemisch aus Bier und Rizinusöl; auch in Erziehungsfragen war er stets
für die Anwendung ebenso radikaler Mittel. Er beschloß daher, Atja bei der
ersten Gelegenheit ordentlich zu verhauen. Die Umstände fügten es aber, daß
es ihm auf keine Weise gelingen wollte, Atja zu diesem Behufe einzufangen:
entweder hatte er keine Zeit, oder Atja war gerade im Gymnasium, oder er
war zwar nicht im Gymnasium, aber nicht aufzufinden: als ob er in die Erde
versunken wäre.
Eines Morgens sah der Doktor ins Kinderzimmer hinein: Atja saß im Hemd auf
dem Bett und dachte über etwas nach. Der Doktor schlich mit verhaltenem
Atem zu ihm hin: nur noch ein Schritt, -- und er wird Atja erwischt und ihn
so durchgebleut haben, daß er sein Lebtag daran denken wird; der Riemen in
seiner Hand zittert bereits vor Freude. Atja ist aber nicht so dumm, sich
gutwillig zu ergeben. Hopp -- die Fersen flimmerten nur so in der Luft!
Rette sich wer kann! Ohne viel zu überlegen, rannte er wie der Blitz zu
Klawdija Gurjanowna.
Die Tür war nicht verschlossen. Klawdija Gurjanowna lag noch im Bett. Atja
kroch zu ihr unter die Bettdecke. Er hörte noch, wie der Doktor eine Weile
draußen vor der Tür stand und schließlich mit langer Nase abzog.
»Oh, du meine Prinzessin! Du hast mich vom Tode errettet«, flüsterte Atja.
Ihm war schwindelig vor Glück. »Du wirst mir vergeben: ich bin
eigenmächtig, ohne eine Insel, ohne irgend etwas zu dir gekommen . . . Du
wirst mir vergeben . . . Es ist mir noch nicht gelungen, dir ein Königreich
zu verschaffen; ich werde es aber noch beschaffen: Indien, das Weiße Meer,
alle Inseln und alle Länder . . . und alles, alles . . .«
Ihm stockte der Atem . . . ihm war, als hätte seine Seele ihre Seele mit
solcher Gewalt umarmt, daß sein Herz plötzlich herausspringen wollte und
sein ganzer Körper erbebte: sie war ihm jetzt so nahe, die unzugängliche,
stolze Prinzessin Mymra.
Klawdija Gurjanowna bedeckte ihr Gesicht, mit der Hand und lachte in sich
hinein.
»Darf ich?« fragte plötzlich eine Stimme hinter der Tür.
»Sofort!« Sie stieß Atja zurück und wies ihn mit der Hand unter das Bett.
Atja huschte gehorsam unter das Bett und verharrte dort mit angehaltenem
Atem und geschlossenen Augen: er glaubte, wenn er niemanden sähe, so würde
auch ihn niemand entdecken. Er kauerte unter dem Bett genauso wie einst in
Kljutschi im Geflügelstall, als er Gänseeier auszubrüten versucht hatte. Er
atmete nicht, er sah nichts, er hörte aber alles.
Es war der Abgeordnete. Er entkleidete sich. Er legte den Rock ab, zog dann
die Schuhe aus. Ein Kragenknopf fiel hinunter, rollte klirrend über den
Boden und blieb unter dem Bett vor Atjas Füßen liegen. Atja wurde es
unerträglich heiß: als ob es nicht ein Kragenknopf, sondern eine glühende
Kohle wäre, die ihn mit fürchterlicher Glut anhauchte. Die beiden sprachen
miteinander. Es waren ganz gewöhnliche Worte, wie sie von allen und zu
allen gesprochen werden. Atja überlief es aber beim Zuhören bald heiß und
bald kalt. Die Worte klangen für ihn wie die gemeinsten Schimpfworte.
Plötzlich hatte er begriffen, daß sie nicht die einzige, nicht die
Prinzessin, sondern so wie die andern war, um kein Haar anders. . . Und er
sah sich in einer Wüste . . . Er drückte sich die Ohren zu, um nichts zu
hören, hörte aber jedes Wort; es war ihm, als ob man ihn schlüge, wie man
einmal in Kljutschi einen Dieb, der sich unter das Bett in der Küche
verkrochen, geschlagen hatte: auf das Gesicht, den Kopf, den Bauch: seine
Augen blickten schon ganz gläsern, er war halb tot. »Macht doch schon ein
Ende mit ihm!« -- »Nein«, riefen die andern, »der soll nur warten!« Und man
ließ ihn für eine Weile los, und schlug ihn dann wieder . . . Atja war es
plötzlich, als ob man ihm mit dem stumpfen Ende eines Beiles einen Schlag
auf den Schädel versetzt hätte . . . Alles stürzte zusammen . . . Es war
wie der Tod . . .
Erst als der Gast das Haus verlassen hatte und Klawdija Gurjanowna sich
ankleidete, kroch Atja unter dem Bett hervor. Er blickte sie nicht mehr an
und gab ihr auf die Frage, ob er sie am Nachmittag auf den Newski begleiten
möchte, keine Antwort.
Ohne Bücher und ohne Frühstück ging Atja ins Gymnasium. Er sah nicht, was
um ihn her vorging. Er wußte selbst nicht, wie er schließlich doch ins
Gymnasium kam. Bald nach Beginn der ersten Stunde bat er, austreten zu
dürfen. Der Lehrer erlaubte es ihm. Er ging aus der Klasse und war nun
allein in einem leeren Raume; irgendwo tröpfelte Wasser. Und jetzt
erinnerte er sich an alles: die Erinnerung wälzte sich ihm auf die Seele
wie ein schwerer Stein! Seine Prinzessin war nicht mehr . . . Tränen
rollten ihm die Wangen hinab. Atja weinte zum erstenmal in seinem Leben. So
wird die Erde zum letztenmal weinen, wenn vom Himmel die Sterne stürzen.
O wär diese Nacht
Nicht so schwül, nicht so schön,
So müßt nicht das Herz
Vor Wehmut vergehn . . .
Das Lied einer Straßensängerin drang von irgendwoher in den Hof des
Gymnasiums und kam aus dem Hof, zugleich mit der Frühlingsluft, zum Fenster
herein. Und Atja lächelte unter Tränen.
Wo soll er nun seinen Stern -- seine Prinzessin suchen?