Prinzessin Mymra

1

Schön hat es Atja in Kljutschi gehabt: so schön, daß er, wenn die

Erinnerung daran auch nur in einem winzigen Stückchen durch sein Gedächtnis

huscht, sofort alles übrige, alles, was ihn jetzt umgibt, vergißt; der Alte

Newski, wo er mit seinen Eltern wohnt, das Gymnasium mit den Aufgaben,

Zensuren und Pausen, alle Lehrer -- vom >Deutschen< Iwan Martynytsch bis

zum Schönschreiblehrer Iwan Jewsejitsch, alle Schüler der ersten Klasse und

sogar seine Busenfreunde -- Romaschka und Charpik --, alles versinkt und

verschwindet, als wäre es nie gewesen, als hätte es überhaupt niemals etwas

anderes in der Welt gegeben als das Dorf Kljutschi.

»Die Arbeit ist kein Wolf und rennt mir nicht davon«, sagt sich Atja. Er

legt das verhaßte Lehrbuch weg und gibt sich ganz den Erinnerungen hin.

Oder er erwacht mitten in der Nacht -- es genügt auch das leiseste

Geräusch: jemand schnarcht in der Küche, oder sein Bett knarrt --, und dann

ist ihm sofort, als liege er nicht in seinem Bett, sondern auf dem grünen

Rasen, als sei er nicht in Petersburg, sondern fern von hier, im geliebten

Kljutschi, wo er aufgewachsen war und bis zu seinem Eintritt ins Gymnasium

bei seinem Großvater, dem Landgeistlichen P. Anissim, gelebt hatte. Und

dann liegt er die ganze Nacht da und sucht sich das Rauschen des Windes und

der Ähren vorzustellen, um endlich wieder einschlafen zu können. Der Schlaf

will aber nicht kommen. Hätte er nur Flügel oder den fliegenden

Zauberteppich, so würde er sofort allem ade sagen und nach Kljutschi

fortfliegen.

Das Kirchdorf liegt auf einer Anhöhe. Unten steht die weiße Kirche. Der

Kirche gegenüber liegt das Haus des Großvaters mit dem Garten und den

Bienenstöcken. Gleich hinter dem Zaun fließt der Fluß vorbei. Kossa heißt

der Fluß. Und hinter dem Flusse sind Felder; auch hinter der Kirche sind

Felder. Und dann kommt wieder eine Anhöhe, und dann zieht sich viele Werst

weit ein Wald hin. Es ist ein dichter, nach Honig duftender, noch von

keiner Axt berührter Wald. Ein Tier kann da noch einigermaßen durchkommen,

aber der Mensch muß schon gut aufpassen. Die Ameisenhaufen sind hier wie

Heuschober. Wenn man im Herbst in den Wald geht, um Pfifferlinge oder

Reizker zu suchen, so zündet man die Ameisenhaufen an: die Wölfe können den

Ameisengeruch nicht leiden; es ist ein gutes Mittel gegen die Wölfe.

Auf dem weißen Kirchturm wohnen die Schwalben; es sind ihrer unzählige.

Sobald die Sonne untergegangen ist, beginnen sie herumzujagen und beim

Fliegen in ihrer Sprache zu reden. Die Schwalben sind alt: jedes Frühjahr

kommen sie wieder auf den Kirchturm von Kljutschi. Was lockt sie her? Das

Läuten der ausgeläuteten kleinen Kirchenglocken? Oder hängen sie so am

alten Großvater? Die Schwalben wissen viel und können sich wohl an vieles

erinnern: wie der Großvater noch jung war, wie seine Frau starb, wie Atjas

Mutter zur Welt kam . . . Und jetzt:

»Atja ist wieder da«, rufen die Schwalben. »Wie furchtbar groß ist er über

den Winter geworden!«

Ziegen und Schafe, Kühe und Kälber, Schweine und Pferde, Gänse und

Truthühner -- alle wissen sofort, daß Atja wieder da ist. Tiere und Vögel

sind ja verständig und empfinden mit ihren Haaren und Federn alles.

Von der Bahnstation Medwedki kann man, wenn man schnell fährt, in einem Tag

nach Kljutschi kommen. Atja setzt sich in den Korbwagen, Fjodor-Kostyl tut

einen Pfiff und die kräftigen braunen Pferde ziehen an und rasen ohne Weg

und Steg von Berg zu Berg, von Wald zu Wald, von Dorf zu Dorf, daß man kaum

Zeit hat, die Tore zu öffnen. Der Staub steigt wie Rauch empor; an den

Straßen stehen aber statt der langweiligen Werstpfähle Wotjakenmädchen in

seidengestickten weißen Kleidern und silberverziertem Kopfschmuck.

Wotjakische Lieder, wild wie das Rauschen des Waldes, tief wie das Tosen

des Hochwassers, klangvoller als der Gesang des Schilfes und heller als die

Töne der Schalmei schweben grüßend über den Köpfen dahin; und der Wind, der

aus den Bergen kommt, singt dazu bald wehmütig und bald lustig. Klinge,

Glöckchen! Das Glöckchen ist aber schon müde wie die Pferde und kann nur

noch dumpf bimmeln. Schon ist man an der Mühle vorbeigefahren, der

Mühlendamm erdröhnt unter den Rädern; da ist der Hegeforst, der heilige

Hain des Wotjakengottes Keremet. Lebt dieser stolze Gott noch, der trotzige

Bruder Inmars, des Schöpfers von Himmel, Erde und Sonne? »Er lebt!«

flüstert der Hain . . . Und da ist schon Schaimy -- der alte wotjakische

Friedhof. Wenn man im Dorf das Glöckchen hört, rennen alle hinaus: Panja

und Sascha kommen aus der Küche gestürzt, die Patin, die vor Freude

plötzlich lahm geworden ist, hinkt Atja entgegen, und das Hündchen Griwna

beginnt zu winseln. Großvater ist nicht dabei: er ist in der Kirche.

Atja begibt sich sofort zu den Hühnern. Bei den Hühnern wohnt aber ein

Hase; es ist eigentlich nur ein Kaninchen, aber man nennt es einen Hasen.

Seht doch nur: sonst fürchtet das Tier alle Menschen, vor Atja aber hat es

gar keine Scheu.

»Guten Tag, Häschen! Gib schön die Pfote!«

Das Häschen hat ihn schon erkannt und miaut.

Da ist auch schon der Großvater: er konnte es nicht länger aushalten, hat

die Kirchenbücher liegenlassen und kommt gegangen.

Am frühen Morgen, sobald das Morgenrot sich über Berg und Wald ergießt und

die Sonne aufsteht, steht auch Atja auf und läuft zum Fluß baden. Und dann

beginnt sein Arbeitstag: er muß den Dünger hinausfahren. Erst wenn der

Abend anbricht und die untergehende Sonne der lockigen Linde einen goldenen

Kranz aufsetzt, geht Atja, über und über mit Ackererde beschmiert, nach

Hause. Dann sieht er wirklich nett aus! Der Großvater sagt aber:

»Das ist mir ein tüchtiger Landwirt!«

»Zehn Fuhren habe ich hinausgefahren, Großvater!« sagt darauf Atja lachend.

Wenn Atja lacht, zeigt er seine gesunden, breiten, weißen Zähne, und man

möchte ihn immer lachen sehen.

Der Alte und der Junge halten treu zusammen: niemals wird sich der eine

ohne den anderen zu Tisch setzen. Beim Abendtee liest Atja vor, was am

betreffenden Tage auf dem Abreißkalender steht. Bauernregeln und

Wetterprophezeiungen; manchmal liest er auch aus einem Buche vor, meistens

arabische Märchen aus Tausendundeine Nacht. Großvater hört gern zu.

»Da hast du fünf Kopeken für deine Arbeit, aber vernasche sie nicht.«

»Was ich im vorigen Jahr zusammengearbeitet habe, das habe ich alles in

Petersburg vernascht, Großvater! Ich habe mir für das Geld auch ein

Nilpferd angesehen«, sagt Atja lachend. Und wenn er lacht, so leuchten

seine Augen auf wie Glühwürmchen, und allen wird so lustig zumute.

Und so vergeht ein Tag nach dem andern, und die Zeit fließt dahin wie der

Fluß.

Nun ist auch schon der >Neunte Freitag< angebrochen. Das Volk strömt in

Scharen herbei. In der Prozession um das Dorf geht Atja mit dem Kreuz

voran. Hinter den Heiligenbildern kommt das Volk, und hinter dem Volk das

Vieh: Ziegen, Schafe, Hammel, Kühe und Pferde; sie müssen ja unbedingt

dabei sein! Auch der Hase nimmt an der Prozession teil; er geht natürlich

nicht wie eine Kuh auf den eigenen Beinen, sondern wird von der Patin auf

den Armen getragen: sonst würde er ja gleich in den Wald weglaufen.

Man erwartet den Onkel Arkadi. Man spricht nur von ihm. Die Patin hat ihn

im Traume gesehen: er kam weiß gekleidet aus der Speisekammer heraus und

sprang mit einem Satz auf den Dachboden hinauf. Sie traute dem Traum und

buk zum Tee Pastetchen. Die Pastetchen waren gebuttert und so schmackhaft,

daß sie von selbst im Munde zerschmolzen. Atja aß auch die Portion des

Onkels Arkadi auf. Wann kommt er denn endlich? Die Petrifasten stehen vor

der Tür: da muß man Gründlinge haben. Ach, wenn man doch endlich mit dem

Angeln beginnen könnte!

Atja ist ein tapferer Junge: er reitet auf jedem Pferd und schwimmt im Fluß

bei jedem Wetter; aber vor den Leichen hat er Angst. Wenn sie vor der

Einsegnung unter dem Glockenturm stehen, fürchtet er sich, abends aus dem

Fenster auf die Kirche zu schauen, und will um nichts in der Welt allein zu

Bett gehen: er sieht überall Gespenster. Panja oder die Patin oder der alte

Wotjake Kusmitsch mit der abgehackten Hand müssen ihn auf den Dachboden

begleiten und ihm vor dem Einschlafen Märchen oder sonst etwas erzählen;

dann schläft er ruhig ein. Wenn man aber die Toten in die Kirche bringt

oder den Sarg auf den Friedhof hinausträgt, läuft Atja jedesmal hinaus und

lauscht dem Trauergeläute. Der Kirchenwächter Kostja schaufelt die Gräber

und läutet die Glocken. Es sind zehn dumpfe, langsame Glockenschläge; die

ersten klingen dünn und hoch, die folgenden immer tiefer, trauriger und

unheimlicher; der zehnte dröhnt aber so, als ob alle Glocken vom Turm

herabstürzten.

Heiliger Gott, Heiliger Starker,

Heiliger Unsterblicher,

Sei uns gnädig!

Atja nimmt an jedem Gottesdienst teil. Er steht im Chor und singt mit, es

kommt dabei aber nichts Gescheites heraus: er kann sich unmöglich den

Küstern anpassen; die Küster sind ja einer älter als der andere!

»Mein junger Psalmleser«, sagt Großvater anerkennend, »morgen müssen wir

nach Polom zu einem Dankgottesdienst.«

Und Atja begleitet seinen Großvater in die Dörfer und Kirchdörfer, hält mit

ihm Gottesdienste ab und ißt Ochsenfleisch mit Brei. Atja kommt sich selbst

wie ein echter Hilfsgeistlicher vor; wenn er älter wird, so wird er auch

Geistlicher sein wie der Großvater; Onkel Arkadi wird ihm nicht mehr das

Haar scheren dürfen: er wird langes Haar tragen, bis zum Gürtel wird es ihm

reichen; und er wird es nicht in zwei Zöpfe flechten wie der Großvater,

sondern in zweiundzwanzig.

Onkel Arkadi! Endlich ist er angekommen und hat eine Menge Netze und Angeln

mitgebracht; die Angelhaken allein füllten beinahe den großen Reisekorb.

Atja angelt. Die Fische lassen sich gern von ihm fangen: einmal hat er

einen so großen Brachsen gefangen, daß keine Pfanne groß genug war, um ihn

zu braten; man könnte ihn wirklich wieder schwimmen lassen. Und Atja lacht.

An den Abenden gibt es eine neue Zerstreuung: die Dohlen. Die Dohlen haben

die Angewohnheit, jeden Abend vom Felde in den Garten zu kommen und im

Gartenhause ihr Nachtquartier aufzuschlagen. Nach ihrem Besuch sieht es

aber im Gartenhaus gar nicht schön aus. Aber man kann doch nicht wegen der

Dohlen den Tee im Zimmer trinken! Der Tee will doch mit Behagen getrunken

werden: man liebt in Kljutschi das Teetrinken über alles, besonders aber im

Freien. Onkel Arkadi pflegt die Dohlen zu verscheuchen: er schüttelt die

Bäume und schreit so durchdringend auf, daß nicht nur die Dohlen

davonfliegen, sondern auch der Zaun wackelt, die Fenster in der Kirche

klirren und selbst die noch nicht eingesegneten Toten unter dem Glockenturm

sich irgendwohin verkriechen möchten, zum Beispiel in das alte Badehaus.

Atja kann es absolut nicht lernen, die Dohlen zu verscheuchen und wie der

Onkel zu schreien.

»Großvater, die Bienen singen!« meldet Atja.

Nun läßt man alles stehen und liegen; niemand denkt mehr an Essen und

Trinken. Das ganze Haus ist auf den Beinen. Großvater, Onkel Arkadi, die

Patin, Panja, Sascha, Kusmitsch und natürlich auch Atja binden sich Siebe

vor die Gesichter, kauern den ganzen Tag vor dem Bienenstock und warten,

bis die Königin ausfliegt. Sobald die Königin heraus ist, rennen sie alle

wie ein Bienenschwarm über Beete und Sträucher, springen über Zäune und

laufen übers Feld, bis sie sie irgendwo im Walde einfangen. Gott sei Dank,

nun wird es einen neuen Bienenstock geben, und der Honig wird über den

ganzen Winter bis zum Frühjahr reichen.

Das Winterkorn ist reif, der Hafer ist gewachsen. Bald ist das Fest der

Muttergottes von Kasan. In Kljutschi ist Jahrmarkt. Der >Seher<

Syssojuschka kommt zu jedem Jahrmarkt ins Dorf Auch viele Gäste kommen. Die

Patin bäckt einen Fleischkuchen; der ist so gut, daß man für ihn alles

hingeben möchte. Furchtbar lustig ist es dann! Warum dauert das Fest der

Muttergottes von Kasan nicht das ganze Jahr?

Auf der Dorfstraße tanzen die Wotjakenmädchen einen Reigen. Sie stellen

sich im Kreise auf und drehen sich langsam, mit den Absätzen im Takte

stampfend, zu den eintönigen Klängen der Balalaika. So geht es lange

langsam im Kreise herum; plötzlich schwingen sie die Arme, flattern wie

Vögel auf und wechseln die Plätze. Und dann gehen sie wieder lange und

langsam unermüdlich im Kreise herum; die Silberschnüre an ihrem Kopfputz

rascheln ohne Wind, ihre Fingerringe funkeln ohne Licht.

Onkel Arkadi nimmt Atja mit, um dem Reigen zuzusehen. Sie stehen abseits

bei den Burschen. Die Burschen stehen schweigend da und rühren kein Glied.

Atja ist es etwas unheimlich zumute; bald will er mitten in den Reigen

hineinspringen, sich mit den Mädchen im Kreise drehen und, wenn sie

aufflattern, um die Plätze zu wechseln, sich wie ein Vogel in die Luft

schwingen; bald denkt er wieder an die zehn dumpfen Glockenschläge, und da

krampft sich sein Herz zusammen: sind es nicht die Toten, die aus der

Kirche gekommen sind und sich hier im Reigen drehen? Dunkle Nebel

umschweben sie, und am Himmel leuchten blasse Sterne.

»Die Toten geben den Neugeborenen die Seele«, sagt Kusmitsch.

>Wenn man doch einmal zusehen könnte, wie sie das machen<, denkt sich Atja.

Kusmitsch ist sein Freund. Kusmitsch hat sich einmal mit dem Beil die Hand

abgehackt; ohne Hand kann man doch nicht arbeiten! Also lebt er schon seit

vielen Jahren beim Großvater als eine Art Kirchenwächter. Atja erfuhr von

ihm manches Wunderbare; mit vielen Wundern ist er aber selbst im Walde

zusammengetroffen.

Einmal begegnete er im Dickicht dem Waldgott Poljeß. Poljeß liebt es, die

Leute zu erschrecken, die zu ihm in den Wald kommen. Es war aber um die

Mittagszeit, und in dieser Stunde kommt doch niemand in den Wald! Poljeß

trieb sich darum ohne Beschäftigung umher; er ist ganz mager, kaum größer

als ein Topf, hat nur einen Arm, ein Bein und ein Auge; doch Mund und Nase

sind wie bei Atja. Viel schrecklicher war aber eine andere Begegnung: unter

einer alten Tanne schnarchte im nassen Moose der schreckliche Kus-Pine; er

hatte furchtbar lange Zähne, und vor seinen Füßen lag ein Haufen abgenagter

weißer Menschenknochen. Atja warf nur einen einzigen Blick auf ihn und lief

schnell davon: mit dem ist nicht zu spaßen, der frißt einen im Nu auf! Und

wie er einmal Erdbeeren suchte, kam aus dem Graben der Geist Iskal-Pydo

heraus. Der ist harmlos: er sieht ganz wie Kusmitsch aus und trägt auf der

Schulter einen dicken Knüppel; er hat aber Kuhfüße: zottig und mit Hufen.

Atja gab ihm von seinen Erdbeeren. Iskal-Pydo aß auch wirklich davon.

Doch den Waldteufel und den Wassergott hat er noch niemals gesehen; er weiß

aber ganz genau, wo der Wassergott im Flusse seine Wohnung hat; und wenn im

Frühjahr das Wasser steigt und die Dämme zerreißt, weiß Atja sehr gut, was

das zu bedeuten hat.

>Wenn ich nur einmal zum Wassergott auf die Hochzeit kommen könnte!< träumt

Atja. >Die Wasserprinzessin ist so schön, und die Meerprinzessin ist noch

schöner . . . sie ist wie die Klawdija Gurjanowna . . .<

2

Atja bewahrt alle diese Gedanken in seinem Herzen und spricht mit niemand

davon. Kljutschi ist sein Geheimnis! Selbst seine Busenfreunde Romaschka

und Charpik sind nur zum Teil eingeweiht; nur Klawdija Gurjanowna allein

würde er alles enthüllen. Warum gerade ihr, das weiß er selbst nicht. Aber

sie ist einmal so!

Er fühlt sich immer zu ihr ins Zimmer hingezogen; er liebt es, wenn sie mit

ihm Tee trinkt, ihm Bonbons und Apfelsinen schenkt und ihn zu lachen

zwingt; wenn sie ihn auf den Newski in die Läden oder in ein Kino mitnimmt.

Er weiß, daß sie ganz anders ist als alle, daß man eine zweite Klawdija

Gurjanowna nirgends findet: das weiße Gesicht ist stark gepudert, das Haar

fällt in gebrannten Löckchen auf die Stirn herab, die Lippen sind rot

geschminkt, die Augen schmal wie Ritzen; alles ist an ihr so winzigt, als

ob sie überhaupt kein Gesicht hätte; ihr Kleid ist vorn ausgeschnitten und

raschelt so seltsam; auch ihre Stimme klingt ganz eigen; niemand spricht so

wie sie; er könnte ihr immer zuhören und sie immer anschauen.

Atja kommt oft ohne jeden Grund zu ihr ins Zimmer, steht schweigend da und

starrt sie an. Wenn sie ihn etwas fragt, so antwortet er so schüchtern und

kurz; daß sie nichts verstehen kann.

»Ach du dummer, dummer Junge! Lache einmal!« sagt Klawdija Gurjanowna und

lacht dabei selbst mit seltsam tiefer Stimme. Atja glaubt, das kann kein

gewöhnliches Lachen sein; niemand sonst lacht so!

Einmal hielt er es nicht aus und sagte:

»Schön war es bei uns in Kljutschi . . . Da müßten Sie auch einmal hin

. . .«

»Du weißt also, wo sie sind!« rief Klawdija Gurjanowna erfreut. Das war

aber ein Mißverständnis: >Kljutschi< heißt ja >Schlüssel<, und sie hatte

gerade an diesem Tage die Schlüssel von ihrem Kleiderschrank verlegt und

konnte sie unmöglich finden.

>Es ist noch zu früh<, sagte sich Atja, >es ist noch nicht die Zeit . . .

Ich muß mich zuvor irgendwie auszeichnen, etwas Großes vollbringen, dann

kann ich alles wagen . . .<

Die Mutter sagte am gleichen Abend:

»Atja, du sollst doch nicht immer bei Klawdija Gurjanowna stecken: das kann

ihr unangenehm werden, und sie wird ausziehen.«

Da sie eine große Wohnung hatten und Atjas Vater, der Doktor, in diesem

Jahre wenig verdiente, mußte ein Zimmer vermietet werden. In diesem Zimmer

eben wohnte Klawdija Gurjanowna.

Ihr Erscheinen brachte neues Leben ins Haus. Alle Gespräche drehten sich um

sie. Man beschäftigte sich nur mit ihr. Man erwies ihr alle möglichen

Aufmerksamkeiten. Ihretwegen zog sich Atjas Mutter das Korsett an, während

sie früher tagelang im Morgenrock umherging. Ihretwegen vermied es der

Doktor, beim Mittagessen von seinen Operationen zu sprechen. Onkel Arkadi

besorgte ihr Karten für Theater und Konzerte.

Sooft von ihr gesprochen wurde, spitzte Atja die Ohren und merkte sich

jedes Wort.

Atja mußte sich jeden Morgen vom Kopf bis zu den Füßen waschen: in der

Küche wurde ein Waschfaß aufgestellt, Atja zog sich aus und plätscherte im

Wasser.

»Du bist nicht mehr so klein, daß du nackt umherlaufen kannst«, bemerkte

einmal die Mutter. »Klawdija Gurjanowna kann dich doch einmal sehen.«

Dies geschah am ersten oder zweiten Tage nach dem Auftauchen der

geheimnisvollen Dame. Die Worte der Mutter erschienen Atja im ersten

Augenblick unverständlich; erst später wurde ihm der Sinn dieser Worte klar

und bestätigte seine eigenen Wahrnehmungen.

>Vor der Köchin Fjokluschka, vor Mama, und in Kljutschi vor der Patin, vor

Panja und Sascha brauche ich mich nicht zu schämen<, sagte sich Atja, >weil

sie alle wie die anderen Menschen sind; vor ihr darf ich aber nicht ohne

Hemd umherlaufen, denn sie ist anders als alle: sie ist einzig!<

Bald erfuhr er von Fjokluschka, daß Klawdija Gurjanowna eine Mätresse, ein

ausgehaltenes Frauenzimmer, sei. Dieses Wort, das er zum erstenmal im Leben

hörte, bekam für ihn sofort einen ganz anderen Sinn: es bedeutete in seiner

Vorstellung nicht mehr und nicht weniger als den Inbegriff aller

Gescheitheit und allen Reichtums.

>Ausgehalten, Gehalt . . .< kombinierte Atja. >Wenn in meinem Aufsatz kein

Gehalt ist, so gibt's eine Vier; ist aber im Aufsatz Gehalt, so bekomm ich

eine Eins. Der Rektor bekommt ein großes Gehalt. Gehalt bedeutet Geld.<

Nicht umsonst wandten sich alle im Hause, wie Atja bald merkte, in

schwierigen Fällen an Klawdija Gurjanowna, um ihre Meinung zu hören; nicht

umsonst trug sie eine lange Halskette, die ihr bis zu den Knien reichte,

und einen weißen Pelz mit schwarzen Schwänzchen, wie ihn die Kaiserin hat.

Der Doktor kam eines Abends sehr spät nach Hause und sprach während des

Essens kein Wort. Als man aber zum Nachtisch einen Auflauf reichte, der

gerade an diesem Tag nicht aufgegangen war, sagte er ziemlich gereizt zu

der Mutter:

»Es paßt mir gar nicht, daß du eine Prostituierte bei uns einquartiert hast

. . .«

Das war ein schwieriges Wort, und Atja konnte es sich unmöglich erklären,

sosehr er sich auch den Kopf zerbrach.

>Es ist natürlich lateinisch<, sagte er sich. >Latein kommt erst in der

zweiten Klasse. Ich will aber nicht bis zum nächsten Jahr warten. Lieber

werde ich gleich Onkel Arkadi fragen: der versteht lateinisch.<

Als Onkel Arkadi am nächsten Sonntag zu Besuch kam, legte ihm Atja die

Frage vor.

»Prostituierte«, erklärte Onkel Arkadi, ohne mit der Wimper zu zucken,

»heißen alle diejenigen, die ein Institut absolviert haben. Ein Institut

ist aber eine Lehranstalt, wo nur Adlige aufgenommen werden. Dich würde man

zum Beispiel, da du nur der Sohn eines Arztes bist, um nichts in der Welt

aufnehmen, wenn du auch aus der Haut fährst.«

Atja fuhr beinahe aus der Haut; doch nicht vor Verzweiflung darüber, daß er

keine Prostituierte werden konnte, sondern vor Freude; er hatte also doch

recht: sie war ganz anders als alle Menschen; sie war nicht nur ein

ausgehaltenes Frauenzimmer, das heißt klug und reich, sondern auch eine

Prostituierte, das heißt adlig.

>Sie ist eine Fürstin<, sagte er sich. >Und wenn sie in diesem Jahr eine

Fürstin ist, so wird sie nächstes Jahr eine Großfürstin sein, und in noch

einem Jahre -- eine Prinzessin.<

»Meine Prinzessin!« flüsterte er vor sich hin, sooft er an der Tür des

verbotenen Zimmers vorbeiging.

Klawdija Gurjanowna hatte niemals Besuch, außer einem einzigen Herrn, der

entweder ganz früh am Morgen oder sehr spät am Abend zu ihr kam. Wenn er am

Abend kam, so blieb er bis tief in die Nacht hinein bei ihr. Er sang, und

sie begleitete ihn. Alle nannten ihn >den Abgeordneten<.

»Der Abgeordnete ist gekommen«, sagte die Mutter zu Atja. »Mach nicht

solchen Lärm und zupfe deine Jacke zurecht.«

Wenn der Doktor den Gesang hörte, verzog er das Gesicht:

»Ist das der Abgeordnete, der da singt?«

»Ja, der Abgeordnete«, antwortete die Mutter.

Bald erfuhr Atja, wer dieser Gast war.

Mutter teilte Onkel Arkadi eines Tages die letzte Neuigkeit mit: der Doktor

habe sich entschlossen, die Zeitung abzubestellen, da zu Klawdija

Gurjanowna jeden Tag ein Mitglied der Reichsduma käme und sie alles viel

besser wisse als jede Zeitung.

>Ein ungewöhnlicher Gast!< sagte sich Atja. >Einer aus der Reichsduma! Der

bedeutet natürlich viel mehr als Iwan Martynytsch und Iwan Jewsejitsch.

Vielleicht ist er gar so viel wie der >Grieche< Kopossow, der Klassenlehrer

der dritten Klasse.<

Einmal begegnete Atja dem Gast im Hausgange und verbeugte sich vor ihm wie

vor dem Schulinspektor. Er stellte fest, daß der Abgeordnete ebenso

kahlköpfig war wie der Religionslehrer, den die Schüler >den Chinesen<

nannten, und viel schöner gekleidet als Onkel Arkadi. Onkel Arkadi war zwar

Schauspieler, hätte aber dem Abgeordneten nicht einmal die Schuhe putzen

dürfen.

Die Abendstunden verbrachte Klawdija Gurjanowna mit der Mutter im Eßzimmer;

sie sprachen von allen möglichen Dingen. Atja saß im Nebenzimmer, tat, als

ob er seine Aufgaben machte, und hörte dem Gespräch zu. Das Gespräch drehte

sich meistens um den Abgeordneten.

Es stellte sich allmählich heraus, daß er verheiratet war und zwei

erwachsene Töchter hatte; seine Frau liebte er so sehr, daß er ohne sie gar

nicht atmen konnte. Die bittere Notwendigkeit zwang ihn aber, fern von ihr

in Petersburg zu leben; statt sich Briefe zu schreiben, wechselten sie

tagtäglich Telegramme.

»Als ich ihn kennenlernte«, erzählte einmal Klawdija Gurjanowna, »sagte er

mir: Meine liebe Klawdija Gurjanowna, ich kann ohne Sie nicht leben;

bleiben Sie in Petersburg, solange ich Mitglied der Reichsduma bin.«

»Meine Prinzessin«, flüsterte Atja, über dem Lesebuch sitzend, »ich bleibe

aber ewig bei dir!«

Klawdija Gurjanowna sang meisterhaft. Wenn sie allein in ihrem Zimmer war,

sang sie oft ein Straßenlied, das man sonst mit Ziehharmonikabegleitung im

dritten Hinterhof singt. Die Worte handelten von Liebe: er liebte sie, sie

liebte ihn nicht, dann heiratete sie einen anderen, und die Sache war aus;

aber er liebte sie noch immer, kann sie nicht vergessen, >irrt wie ein

Grashalm< unter den Menschen umher und >sieht sie immer und überall vor

sich< . . .

O wär diese Nacht

Nicht so schwül, nicht so schön,

So müßt nicht das Herz

Vor Wehmut vergehn . . .

Atja hörte in diesem Liede etwas, was seinen eigenen Gefühlen verwandt war:

auch seine Prinzessin stand >immer und überall< vor ihm.

Es war ihm, als ob die ganze Welt nur ihretwegen existierte; man durfte

aber weder laut von ihr sprechen, noch ihren Namen nennen. Alle warteten

auf sie und bewahrten diese Erwartung wie ein Heiligtum in ihren Seelen.

Das war der Grund, warum man in Kljutschi, wenn in der Ferne das Glöckchen

ertönte, vor das Tor hinauslief und mit stockendem Atem auf die Straße

blickte: ob sie nicht schon käme? Und wenn Großvater in der Kirche die

Messe las, wenn er die Arme hob und leise über dem Kelch betete, so betete

er zu ihr. Und wenn die Patin lustig war, wenn ihr alles gut gelang, so kam

es daher, weil sie von ihr geträumt hatte. Und wenn Sascha und Panja den

ganzen Tag lachten, ohne selbst zu wissen warum, so hatten sie wohl

irgendwie erfahren, daß sie nach Kljutschi kommen sollte. Und wenn

Kusmitsch ein Märchen plötzlich abbrach und sagte, daß er das Ende nicht

erzählen werde, und über seine Lippen ein Lächeln glitt, so war auch das

verständlich: das Ende des Märchens handelte von ihr; wie konnte er das

geheime, unaussprechliche Wort aussprechen? Atja selbst dachte immer nur an

sie; darum lachte er, darum leuchteten seine Augen . . .

»Atja hat sich in Klawdija Gurjanowna verliebt, ich gratuliere!« scherzte

die Mutter.

»Folglich bleibt er das zweite Jahr in der ersten Klasse sitzen!« fügte

Onkel Arkadi kaltblütig hinzu.

»Armes Kind!« jammerte die Köchin Fjokluschka.

»Mich haben alle Kinder lieb!« lachte Klawdija Gurjanowna mit ihrer tiefen

Stimme.

>Ich muß mich irgendwie auszeichnen, anders geht es nicht<, dachte sich

Atja. >Ich muß Indien oder das Weiße Meer erobern. Dann gebe ich ihr ein

Zeichen, sie wird alles erfahren und sich offenbaren . . .

Prinzessin Mymra: Novellen und Träume · 第 8 / 57 题