Petuschok

1

Eine Kuh fraß am Eliastage dem Petka ein Fünfzehnkopekenstück auf.

Als die Großmutter von der Abendmesse heimgekommen war, hatte sie vor dem

Schlafengehen dem Knaben eine silberne Münze, ein Fünfzehnkopekenstück, zum

Vernaschen geschenkt.

Am Tage des heiligen Elias schreitet eine Prozession aus dem Kreml zur

Eliaskirche auf dem Woronzow-Felde, eine lange Prozession mit uralten

Kreuzen, von vielen Gendarmen zu Pferde begleitet. Nach der Messe findet im

Garten und auf dem Platz vor der Kirche unter den Kirchenfahnen ein

Volksfest statt; es werden dabei Kwaß, Spielzeug, Stachelbeeren, Birnen und

Eis feilgeboten. Petka war ein großer Liebhaber von Stachelbeeren und aß

leidenschaftlich gern Eis; seine Freude über das Fünfzehnkopekenstück war

also wirklich groß. Während der ganzen Nacht behielt er die Münze in der

Hand.

Als die Großmutter aus der Kirche des heiligen Nikola Kobylski heimkehrte,

war Petka schon auf: er hatte den Samowar instand gesetzt, seine Schuhe

gewichst und sich fein herausgeputzt; fertig zum Ausgehen, stand er da. Und

wie oft hatte der unruhige Geist schon in Erwartung der Großmutter die

Mütze aufprobiert! Petka hatte eine Mütze mit lackledernem Schirm; früher

hatte er einen Strohhut getragen, als er aber Schüler einer Städtischen

Schule geworden war, hatte ihm die Großmutter diese Mütze gekauft. Er hat

seinen Gürtel, der ebenfalls aus Lackleder ist, ins letzte Loch geschnallt

und sich seine schwarze Tuchbluse mit den beiden Silberknöpfen am Kragen

zurechtgezupft; bloß mit der Hose ist es nicht weit her: die Drillichhose

ist zwar rein gewaschen -- Großmutter selbst hat sie gewaschen und gebügelt

--, aber sie ist zu kurz: von den Waden ist ein etwa zwei Finger breites

Stück zu sehen; Petka wächst aber noch, und die Hose ist in der Wäsche

eingelaufen.

»Ich habe dir den Samowar in einem Nu zurechtgemacht, Großmutter!« begrüßt

Petka die Großmutter, auf einem Bein hüpfend.

»Du bist ein gescheiter Junge, Petuschok!« Großmutter ist nach dem

Gottesdienst müde und freut sich auf den Tee.

Wenn die Großmutter selbst den Samowar instand setzte, brauchte sie immer

furchtbar viel Zeit dazu -- so kam es Petka wenigstens vor. Sie pflegte

erst die Asche auszuschütten, dann ein wenig Kohle hineinzutun, auf die

Kohle einige Holzspäne zu streuen und, wenn die Kohle zu knistern anfing,

noch einige Kohlen nachzulegen; das machte sie wohl zweimal. Petka

schüttete aber nie die Asche aus, sondern stopfte den Samowar gleich mit

Kohle voll, zündete einige Späne an, legte noch etwas Kohle auf, und der

Samowar begann sofort, so schien es ihm wenigstens, zu summen.

»Du bist ein gescheiter Junge!« wiederholte die Großmutter. Sie freute

sich, daß der Samowar auf dem Tisch stand und summte und daß sie jetzt in

aller Ruhe ihren Tee trinken und vor der Prozession noch etwas ausruhen

konnte.

Großmutter war gottesfürchtig und eine eifrige Kirchgängerin; sie versäumte

keinen einzigen Gottesdienst, und wenn es beim Nikola Kobylski eine Leiche

gab, so ging sie hin und wohnte auch mit einer Kerze in der Hand der

Totenmesse bei; sie ging auch mit Petka bei allen Prozessionen mit.

Großmutter setzte sich an den Teetisch, aber ehe sie noch ein Stückchen

geweihtes Brot zerkauen konnte, fing Petka schon zu drängen an: sie wollten

sofort aufbrechen, um der Prozession entgegenzugehen.

Aber es sei noch viel zu früh! Die Prozession habe gewiß noch nicht den

Kreml verlassen; die Leute sammelten sich wohl erst; die Hausmeister

ständen noch gar nicht am Morosowschen Gitterzaun, sie säßen wohl noch in

der warmen Stube und tränken Tee.

Großmutter und Petka pflegten die Prozession in der Wedenskaja-Gasse, auf

dem Morosowschen Zaune stehend, zu erwarten. Sie machten es sehr einfach:

zuerst kletterte Petka hinauf und dann die Großmutter; der Alten fiel es

zwar recht schwer, auf den Zaun hinaufzuklettern, aber sie konnte von dort

aus besser sehen und lief auch nicht Gefahr, zertreten zu werden.

»Wenn du nicht gehst, geh ich allein!« Petka setzte seine Mütze mit dem

Lacklederschirm auf und stand schon an der Tür.

Großmutter hatte Angst, Petka allein gehen zu lassen; sie meinte, man könne

ihn im Gedränge leicht zertreten.

»Man wird dich zertreten, Petuschok.«

»Nein, Großmutter, man wird mich nicht zertreten. Mir hat im vorigen Jahr

das Pferd eines Gendarmen mit dem Huf auf eine Zehe getreten, das hat

schrecklich weh getan! Und doch hat es mir nichts geschadet. Großmutter,

jetzt gehe ich!«

Großmutter hat Angst und ist zugleich gekränkt: sie gingen doch jedes Jahr

zusammen hin -- Petka voraus und hinter ihm die Großmutter in ihrem alten

Umhang, mit dem Sonnenschirm in der Hand; Großmutter spannte ihren Schirm

niemals in der Sonne auf und hielt ihn nicht am Griff, sondern stets an der

Spitze, so daß der Griff die Erde berührte. Sie will Petka nicht allein

gehen lassen; und sie will noch etwas ausruhen und gemächlich ihren Tee

trinken!

Was ist da zu machen? Der Junge läßt sich nicht halten!

Petka geht allein fort.

Der Morgen ist schön kühl, der Tag wird nicht so heiß werden. Ob Petka vom

lieben Gott einen so herrlichen Tag erfleht oder der heilige Prophet Elias,

dem das Fest gilt, seinen Segen gegeben hat -- die Leute werden es in der

Prozession gut haben, die goldgestickten Kirchenfahnen werden funkeln, die

Priester werden leichten und trockenen Fußes gehen, und auch die Chorsänger

werden es angenehm haben.

Petka ging, sein Fünfzehnkopekenstück fest in der Faust haltend, auf den

Flur hinaus; viel Stachelbeeren, rote, behaarte Stachelbeeren wollte er

sich dafür kaufen und außerdem für fünf Kopeken Schokoladeneis verspeisen.

Petka lauschte; irgendwo läuteten die Glocken, aber es war noch sehr weit.

Die Prozession hatte wohl eben erst den Kreml verlassen, und man läutete in

den Kirchen, an denen sie vorüberzog.

>Man läutet erst in der Iljinka oder in der Marossejka bei Nikola -- es ist

ein schönes Läuten!< dachte Petka. Und da erblickte er plötzlich eine Kuh.

Auf dem Hofe spazierte die Kuh des Diakons, eine schöne, wohlgenährte, rote

Kuh.

Petka freute sich jedesmal, wenn er die Milchkuh des Diakons sah, das

>Braunchen<, wie Großmutter sie zu nennen pflegte.

»Guten Tag, Braunchen!« Petka kam hüpfend näher und streckte seine Hand

aus, um die Kuh zu streicheln . . . Das Geldstück funkelte in der Sonne,

das Fünfzehnkopekenstück fiel ihm aus der Hand, die Kuh leckte es mit der

Zunge auf, stieß einmal auf und verschluckte es.

Kurz und gut -- weg war es.

Petka suchte auf dem Rasen und zwischen den Steinchen, ging einige Male um

die Kuh herum, stand einen Augenblick still und wartete, ob die Münze nicht

wieder zum Vorschein käme . . . Nein, verschwunden war sein silbernes

Geldstück, das Braunchen hatte es gefressen, es hatte ihm das

Fünfzehnkopekenstück, das er zum Eliastage bekommen, weggenommen.

Mit leeren Händen ging nun Petka zur Eliaskirche.

Sollte er umkehren und der Großmutter alles erzählen? Großmutter würde wohl

sagen: »Wolltest mir nicht folgen, bist allein gegangen, darum hat es dir

die Kuh gefressen!« Und sie würde ihm nie wieder eine Silbermünze schenken.

Sie würde noch sagen: »Was soll man auch so einem Schlingel Geld schenken?

Das frißt ja doch die Kuh!« Nein, es ist doch besser, der Großmutter nichts

zu sagen. Und die Stachelbeeren und das Schokoladeneis? Nun, er wird sich

eben ohne Stachelbeeren und ohne Eis behelfen müssen. Und wenn Großmutter

etwas merkt? Sie wird eben nichts merken. Er wird der Großmutter sagen, daß

er einen ganzen Zentner Stachelbeeren und hundert Portionen Eis gegessen

hat . . . Und wenn Großmutter es nicht glaubt? Sie wird es wohl glauben

müssen! Die Stachelbeeren sind ja billig -- spottbillig sind sie, sagt

Großmutter selbst. Und was ist auch dabei? Er hat eben einen ganzen Zentner

Stachelbeeren gekauft und aufgegessen: er hat Geld genug gehabt, es sind ja

nicht fünf, sondern fünfzehn Kopeken gewesen! Aber er hat kein

Fünfzehnkopekenstück mehr: die Kuh hat es aufgefressen!

»Was bist du für eine Kuh!« sagte Petka vorwurfsvoll zu seinem geliebten

Braunchen. »Warum hast du das Geld gefressen? Die Stachelbeeren sind so

schön rot und behaart, und das Schokoladeneis schmeckt so herrlich . . .

hundert Portionen!«

Petka dachte im Gehen immer an sein Fünfzehnkopekenstück, das

unwiederbringlich verloren war. Es gab nur noch eine Möglichkeit:

Großmutter alles zu gestehen. Sie wird ihm dann vielleicht ein neues geben.

Aber wo sollte Großmutter eines hernehmen? Das Geld wächst nicht auf der

Straße, pflegt Großmutter zu sagen. Sie hat ja auch nur ein paar

Silbermünzen; Kopekenstücke hat sie genug . . . Petka ging am Kursker

Bahnhof und an dem verwahrlosten Rjabowschen Hause, wo, wie er glaubte, die

goldenen Zimmer immer leer und unbewohnt standen, vorbei. Er ging zur

Eliaskirche auf dem Woronzow-Feld.

Die ganze Wedenskaja-Gasse war mit Gras belegt, das ganze Pflaster mit

frischgemähtem Gras bestreut. Da war Gras von den Chludows dabei, und von

den Naidjonows und von Myslin, und wie alle die reichen Gemeindemitglieder

sonst noch hießen. Die Füße glitten im Grase aus, und Petka brachte es

fertig, sich ein paar grüne Grasflecke auf seine Hose zu machen. Im Gras

lagen auch vereinzelte Blumen, und die Blumen dufteten nach Wiesen und

brachten ihm die Wallfahrten in Erinnerung. Petka unternahm jeden Sommer

mit seiner Großmutter Wallfahrten. Petka dachte nicht mehr an das

aufgefressene Fünfzehnkopekenstück und schloß die Augen: ganz klar, ganz

deutlich fühlte er die Erde und das Gras unter seinen Füßen; er fühlte sich

plötzlich in die Gegend von Swenigorod versetzt, auf einen Feldweg, wo

Glockenblumen blühen, auf einen Waldweg, wo der Kuckuck ruft, zum

Sawwa-Kloster zum Nikola-Ugrjescha, und vom Nikola-Ugrjescha zum

Troiza-Sergius-Kloster.

Die Leute eilten schon zur Kirche; andere blieben auf dem Bürgersteig und

suchten sich ein Plätzchen, wo sie bequem stehen und zusehen konnten. Das

Läuten klang immer näher, es schien schon aus der nächsten Nähe, von der

Troiza-Grjasi-Kirche zu kommen. Nein, Petka hatte sich getäuscht, es war

noch sehr weit: man läutete erst bei Kosmas und Damian.

Auf dem Morosowschen Zaun stand noch niemand. Vor dem Tore waren nur die

Hausmeister versammelt, unter ihnen der Morosowsche Kutscher in einer

Plüschweste, das schwarze Haar mit Butter eingefettet. Auch Petka wird sich

einmal, wenn er groß ist, das Haar mit Butter einfetten, und es wird dann

ebenso schön schwarz sein wie das Haar des Morosowschen Kutschers; jetzt

aber benetzte es ihm Großmutter, wenn er aus der Badestube heimkommt, mit

Kwaß.

Petka kletterte auf den Zaun hinauf und hielt Ausschau nach der Prozession

und der Großmutter.

>Es wird sich schon irgendwo auf dem Hofe finden<, dachte er ab und zu an

sein unglückseliges Geldstück. >Es kann gar nicht verlorengehen!<

Vom Geld kamen seine Gedanken wieder auf die Prozession, und er horchte, in

welcher Kirche gerade geläutet wurde; von der Prozession kamen sie auf den

Morosowschen Kutscher, vom Kutscher auf das Gras und die Wallfahrten; so

schweiften die flüchtigen Gedanken des kleinen Petka, des Petuschok,[*] wie

Großmutter den Jungen zu nennen pflegte.

Nun kam auch Großmutter mit ihrem Sonnenschirm an; sie kletterte auf den

Zaun hinauf, die Glocken der Kirche zur Mariä Opferung in den Baraschi

begannen zu läuten, die Prozession kam immer näher, die schweren

Kirchenfahnen erstrahlten in goldenem Glanz, dann läutete es in der

Eliaskirche, und Petka war vollkommen getröstet.

>Großmutter wird mir ein anderes Geldstück schenken, und wenn sie mir

keines schenkt, so werde ich auch ohne Eis und Stachelbeeren satt werden.<

[Fußnote *: russ., Hähnchen.]

2

Großmutter hatte niemand außer Petka. Petka ist ihr Großneffe, der Sohn

ihres Neffen, aber sie nennt ihn Enkel. Der Neffe ist gänzlich

heruntergekommen: er war früher einmal Parkettwichser gewesen, hatte sich

etwas zuschulden kommen lassen, trieb sich lange Zeit arbeitslos in Moskau

herum, bekam endlich eine Anstellung in einer Bierhalle, blieb dort nur

einen Winter lang, gab diese Stellung auf und wurde Arbeiter in den

Goujon-Werken; er verließ auch diese Stellung und geriet schließlich unter

das lichtscheue Gesindel, das den Chitrowka-Markt bevölkert. Er besuchte,

wenn auch nur selten und meistens betrunken, die Großmutter, um sie um Geld

zu bitten. Großmutter hatte vor dem Neffen große Angst und nannte ihn >den

Räuber<.

Petka wohnt mit der Großmutter in einer Kellerstube auf dem Semljanoj-Wall,

in der Nähe der Kirche des heiligen Nikola Kobylski. Als Großmutter noch

bei Kräften gewesen war, hatte sie nie müßig dagesessen und über nichts zu

klagen gehabt; die Nachbarn sagten, sie brauche sich nie ohne Weißbrot zu

Tisch zu setzen. Nun aber sind ihre Augen schwach, und sie kann nicht mehr

arbeiten. Großmutter ist auch schon bei Jahren: sie war sechs Jahre alt,

als man die Leiche des Kaisers Alexander Pawlowitsch aus Taganrog über

Moskau überführte: so alt ist sie also schon! Gute Menschen unterstützen

sie ab und zu, und sie bekam auch einen monatlichen Zuschuß von der

Armenpflege; ihr Petka aber wurde in eine Städtische Schule aufgenommen.

Auf dem Semljanoj-Wall kennt jedermann die Großmutter Iljinischna Sundukow;

auch auf dem Woronzow-Feld und in den Syromjatniki ist sie gut bekannt. Mit

Mühe und Not schlägt sie sich mit ihrem Petka durch.

Ihre Kellerstube ist sehr klein. Vor ihr wohnten zwei alte Frauen darin,

mit Namen Smetanin, die ebenso gottesfürchtig waren wie die Großmutter. Als

die Smetanins starben, mietete Großmutter mit Petka die Kellerstube.

Großmutter hat früher ein anderes, größeres Zimmer gehabt, in dem jetzt

Stubenmaler wohnen.

Großmutters Zimmer ist vollgepfropft. Es steht eine Kommode darin, die vor

Alter eine Art Geheimkommode geworden ist: die mittlere Schublade läßt sich

nicht mehr ganz herausziehen: man kann sie nur von rechts und auch nur

einen Fingerbreit herausschieben. In dieser Schublade -- davon weiß aber

nur die Großmutter allein -- sind ein silberner Teeglasuntersatz mit

Weintraubenmuster und zwei silberne Löffel mit Blumengravierung und

schwarzem Email an den Stielen verwahrt: das alles ist Petkas Eigentum, das

er nach Großmutters Tode erben wird. Großmutter hat auch einen

Kleiderschrank, gleichfalls mit einem geheimen Trick: du kannst die Tür

zwar aufmachen, hast aber gleich die ganze Bescherung, denn die Tür fällt

sofort ganz heraus: nur Großmutter allein versteht es, in ein bestimmtes

Loch einen Stift hineinzustecken, so daß die Tür auf den richtigen Platz

kommt und der Schrank sich wieder schließen läßt. Großmutter besitzt auch

noch einen kleinen eichenen eisenbeschlagenen Koffer, in dem sie ein Hemd,

ein Leichentuch, ein Paar Pantoffeln ohne Absätze und ein Stück Leinwand

verwahrt: das alles bleibt für ihre Leiche aufgespart. Als man einmal im

Herbst auf dem Hof Kraut schnitt, stopfte Petka in diese Truhe Kohlstrünke

hinein: der Schlingel glaubte, es würde Großmutter Freude machen, wenn sie

im Jenseits von den Kohlstrünken naschen könnte. Ein kleines Sofa steht

auch noch da: von außen betrachtet, ist es noch ganz anständig, wenn man

sich aber ungeschickt draufsetzt, so stößt man sich an einer Holzleiste. Im

Winkel steht ein Heiligenschrein mit drei Abteilungen. Zuoberst hängen

mehrere geweihte Bildchen von den Wallfahrtsorten und noch allerlei andere

Bildchen und Messingkreuze. Darunter steht die Ikone >Die Moskauer

Wundertäter<: Maxim der Selige, Wassili der Selige und Johannes der Narr in

Christo stehen nebeneinander -- Wassili nackt, Maxim mit einem Schurz und

Johannes in einem weißen Gewand --, die Arme im Gebet ausgestreckt, vor dem

Moskauer Kreml; über dem Kreml ist die heilige Dreifaltigkeit dargestellt,

und über den Heiligen ein dunkler Wald, die >Mutter-Einöde< mit

zerklüfteten Bergen, Bergen, die wie Zungen aussehen: Petka hält sie für

Feuerberge. Es ist eine uralte Ikone. Daneben steht eine zweite auf

Goldgrund gemalte Ikone: >Die vier Marienfeste<. Sie stellt die vier

Muttergottesfeste dar: Maria Schutz und Fürbitte, Aller Leidenden Freude,

Mariä Erscheinung und die Muttergottes von Achtyrka. Das Bild fällt fast

auseinander, so alt ist es. Unter dem Heiligenschrein liegen drei Knäuel:

ein Knäuel Stricke, ein Knäuel Bindfaden und ein Knäuel bunter Schnüre:

während vieler Jahre hat Großmutter sie aufgespart. Schließlich existiert

noch eine Truthenne -- das ist ihre ganze Habe.

Großmutter gibt Petka sein Essen und denkt auch an die Truthenne. Die

Truthenne wohnt auf dem Hof in einem kleinen Schuppen, der Schuppen steht

neben dem Kuhstall; die Truthenne stirbt langsam dahin und ist schon so alt

wie die Großmutter. Großmutters >Herr Jesus< kann sie zwar nicht

nachsprechen, versteht aber anscheinend sonst alles: in ihrem langen Leben

hat sie alles gelernt, alles erfaßt.

Als Petka klein war, hatte er vor der Truthenne Angst; aber mit den Jahren

gewöhnte er sich an sie und liebte es, sie anzuschauen: er pflegte sich im

Schuppen vor ihr hinzukauern und sie zu betrachten; ihn interessierte ihr

Kopf, der ganz rosa und mit vielen kleinen rosa Warzen besät war. Die

Truthenne stand vor ihm, blies sich auf und kauerte sich hin. Und so

kauerten sie beide: Petka und die Truthenne.

Die Hühner des Diakons haben Hähnchen, die Katze Puschok hat Kätzchen, aber

die Truthenne hat nichts -- wie kommt das? fragte sich Petka mehr als

einmal.

Auch die Großmutter sagte manchmal nachdenklich vor sich hin:

»Wenn Gott der Truthenne ein Ei schenken wollte, so gäbe es Hähnchen!«

>Alles kommt vom Ei, wenn Gott der Truthenne ein Ei schenkt, so gibt es

Hähnchen!< sagte sich auch Petka.

»Großmutter, und wenn Gott der Truthenne wirklich ein Ei schenkt?«

»Gott geb's!«

»Was geschieht dann weiter?« prüfte der kluge Petka die Großmutter.

»Dann setzt sie sich hin.«

»Wie setzt sie sich hin, Großmutter?«

»Auf das Ei setzt sie sich, Petuschok. So macht sie das.« Großmutter

kauerte hin wie die Truthenne. »Einundzwanzig Tage, das sind genau drei

Wochen, sitzt sie darauf; nur wenn sie fressen muß, steht sie auf und das

auch nur jeden zweiten oder dritten Tag. Und dann kommt ein Truthähnchen

heraus.«

»Großmutter, wo werden wir das Hähnchen hintun?«

»Es wird bei uns wohnen.«

»Großmutter, wir werden es in einen Käfig tun, und es wird wie eine

Nachtigall singen, ja, Großmutter?«

»Ja, Petuschok, es wird ein kleines Hähnchen sein, ganz gelb, mit einem

Schöpfchen.«

»Großmutter, wir werden uns einen Luftballon machen und fliegen. Ja,

Großmutter?«

»Was fällt dir ein, Petuschok!«

»Wir werden fliegen, Großmutter, wir werden mit dem Hähnchen in dem

Luftballon wohnen. Ja?«

Großmutter schwieg eine lange Weile. Petka glotzte aber über die Großmutter

hinweg und sah wohl bereits im Geiste den Luftballon, in dem sie wohnen

würden: er, das Hähnchen und die Großmutter.

»Ich bin damit nicht einverstanden«, sagte die Großmutter. »Ich will hier

unten sterben, auf dem Luftballon mag ich nicht sterben.«

»Großmutter«, Petka dachte nur an seine Sachen und hörte die Großmutter

nicht. »Alles kommt doch vom Ei?«

»Möge Gott ihr doch eins schenken!« Großmutter wollte so schrecklich gern,

daß die Truthenne legte, und sie dachte an das Hähnchen mit derselben

Sehnsucht wie Petka.

Petka hatte das Geldstück vom Eliastage vergessen und machte der Kuh keine

Vorwürfe mehr, weil sie es gefressen hatte; er brauchte kein Geldstück

mehr, er brauchte nur das kalikutische Hähnchen. Aber wo sollte er ein Ei

hernehmen, wie könnte er es einrichten, daß Gott der Truthenne ein Ei

schenkt, aus dem alles kommt, aus dem auch ein Truthähnchen kommt?

>Ich könnte ja ein Ei vom Diakon nehmen und es unter die Truthenne legen<,

überlegte sich Petka. >Der Diakon hat viele Hühner, und seine Hühner legen

viele Eier . . . Und man braucht ja doch nur ein einziges Ei! Wenn er es

aber merkt? Seine Eier sind ja alle gezeichnet!< Petka hatte schon in des

Diakons Kiste hineingeschaut. >Datum und Monat sind auf jedem Ei

verzeichnet, man wird es merken, und dann stehe ich als Dieb da. Und als

Dieb werde ich auf den Chitrowka-Markt gehen müssen. Und Großmutter? Wie

wird sie ohne mich leben?< -- >Ich lebe nur für dich, Petuschok, sonst wäre

es für mich längst Zeit zu sterben!< -- pflegt Großmutter zu sagen. >Nein,

vom Diakon will ich nichts nehmen. Aber wie kann ich mir ein Ei

verschaffen? Ich brauche ja nur ein einziges!<

Ein Zufall kam Petka zu Hilfe. Großmutter wollte einmal ihrem Petuschok

eine Freude machen und ihn mit Spiegeleiern traktieren. Und sie schickte

Petka zum Kaufmann, um drei Eier zu kaufen. Petka brachte bloß zwei Eier

mit: das dritte versteckte er und sagte der Großmutter, er habe es

zerbrochen.

»Da hast du es, Petuschok: die Kuh hat dir das Geldstück gefressen, und das

Ei hast du zerbrochen!« Das zerbrochene Ei tat der Großmutter furchtbar

leid.

Petka hätte wohl sonst die Eierspeise vor Ärger gar nicht angerührt; aber

jetzt, wo er in seiner Tasche das Ei liegen hatte, aus dem alles kommt, aus

dem auch ein Hähnchen kommen konnte, machte er sich nicht viel daraus: soll

nur Großmutter sagen, was sie will. Er verzehrte schnell sein Spiegelei,

wischte sich nicht einmal den Mund ab und lief in den Schuppen zu der

Truthenne. Er legte ihr das Ei unter den Schwanz und wartete der Dinge, die

da kommen sollten. Die Truthenne sah aber gar nicht hin, als wenn da gar

kein Ei läge, und dachte gar nicht daran, sich draufzusetzen.

Was ist denn das? Und wenn sie sich nicht hinsetzt?

»Setz dich, Truthenne, setz dich, bitte!« Petka kauerte hin, starrte auf

die rosa Warzen der Truthenne und verharrte so, ohne zu atmen, ohne sich zu

regen, von dem einen hartnäckigen Gedanken, dem einen heißen Wunsch, der

einen Bitte beseelt: »Setz dich doch, Truthenne, setz dich, bitte!«

Die Truthenne blies sich auf und setzte sich auf das Ei, ja, ganz genau auf

das Ei.

Und Petka kauerte noch lange vor ihr, wandte keinen Blick von der

Truthenne, von dem einen hartnäckigen Gedanken, von dem einen heißen Wunsch

beseelt . . .

Die Truthenne saß ruhig und fest auf dem Hühnerei.

Petka erhob sich leise, ging aus dem Schuppen und lief von hinten herum zu

einem Spalt in der Wand. Er blieb am Spalt kleben: die Truthenne saß ruhig

und fest auf dem Hühnerei.

Sollte er es der Großmutter sagen? Nein, Großmutter wird es schon selber

sehen. Wie wird sie sich freuen, wenn sie die Truthenne auf dem Ei sitzen

sieht!

Petka stand den ganzen Tag Wache am Spalt: er paßte auf die Truthenne auf

und wartete auf die Großmutter. Großmutter kam in den Schuppen, um der

Truthenne ihr Futter zu geben.

»Gepriesen sei der Schöpfer!« flüsterte die Alte. Sie bekreuzigte sich, sie

trippelte aufgeregt umher, sie traute ihren Augen nicht, sie konnte es

einfach nicht begreifen: die Truthenne hatte ein Ei gelegt, die Truthenne

saß auf einem Ei!

Am Abend nach diesem langen, wundervollen Tage legte sich Petka schlafen,

auch Großmutter ging zu Bett. Petka drehte sich hin und her und konnte

nicht einschlafen: er wartete immer, daß Großmutter etwas von der Truthenne

sagen werde. Auch Großmutter wälzte sich immer von der einen Seite auf die

andere: sie hatte große Lust, von der Neuigkeit zu sprechen, fürchtete

aber, das Glück zu berufen.

Lange beherrschte sich die Alte, hielt es aber schließlich doch nicht aus.

»Petuschok!« rief die Großmutter.

»Großmutter!« Der Schlingel begriff sofort, um was es sich handelte. Er tat

aber so, als ob er ihr aus dem Schlafe antwortete.

»Du schläfst noch nicht, Petuschok?«

»Was willst du, Großmutter?«

»Der liebe Gott hat uns seine Gnade erwiesen!« Großmutter fing sogar zu

lachen an und keuchte vor Freude. »Ein Ei! Die Truthenne sitzt . . .«

»Sie sitzt, Großmutter?«

»Ja, Petuschok, sie sitzt . . .« Großmutter sagte es mit schwacher Stimme

und bekam einen Hustenanfall.

»O Großmutter, wir werden jetzt einen Truthahn haben, ein Hähnchen?«

»Ein Truthähnchen, ein kalikutisches Hähnchen«, flüsterte die Großmutter,

als ob im kalikutischen Hähnchen das ganze Geheimnis, das ganze Glück von

ihrem und Petkas Leben läge.

»Wird es bei uns wohnen?«

»Gewiß, Petuschok, wo denn sonst?«

»Wir werden es doch nicht aufessen, Großmutter?«

Großmutter antwortete nicht mehr, Großmutter war schon eingeschlafen,

beglückt und erfreut durch die göttliche Gnade, durch den Gedanken an das

kalikutische Hähnchen, das nach einundzwanzig Tagen aus dem Hühnerei kommen

sollte.

Das Öllämpchen flackerte leise vor den Bildchen und Kreuzchen, vor den

>Vier Marienfesten<: Maria Schutz und Fürbitte, Aller Leidenden Freude, der

Muttergottes von Achtyrka und Mariä Erscheinung -- und vor den >Moskauer

Wundertätern<: Maxim dem Seligen, Wassili dem Seligen und Johannes dem

Narren in Christo. Die Berge der >Mutter-Einöde< glühten im Lichte der

Nachtlampen rot und schnitten sich wie mit Flammenzungen in den Moskauer

Kreml hinein.

»Großmutter, ich werde das Hähnchen lieben!« Petka-Petuschok, Großmutters

Hähnchen, schlief mit diesen Worten ein.

Jeden Tag, ganz gleich, ob es nötig war oder nicht, schaute Großmutter in

den Schuppen nach der Truthenne; sie dankte jedesmal Gott für die ihr

erwiesene Gnade und zählte die Tage. Auch Petka zählte die Tage und war

nicht weniger aufgeregt als die Großmutter; er ließ seinen Drachen nicht

mehr steigen, dachte nicht mehr an seine Schlangenklapper und vergaß, daß

er das Ei selbst unter die Truthenne gelegt hatte: er glaubte an das

Hühnerei, als ob es ein echtes, von der Truthenne selbst gelegtes Ei wäre.

Die Truthenne, die sich gegen jede Truthennensitte so unzeitgemäß auf das

Ei gesetzt hatte, saß auf dem Hühnerei ruhig und fest und dachte gar nicht

daran, aufzustehen und im Schuppen spazierenzugehen. Kam es daher, daß sie,

seit sie auf der Welt war, bis in ihr tiefes Alter hinein, noch niemals

gelegt und keine Ahnung von Eiern, weder von eigenen noch von Hühnereiern

hatte? Oder daher, daß Petka durch seinen Willen wirkte oder Großmutters

Gebet Gehör gefunden hatte -- jedenfalls entbrannte in ihr die Brutlust wie

bei einer richtigen Glucke, und die rosa Warzen auf ihrem Kopfe wurden

immer blasser.

Und so vergingen zwanzig Tage und ein Tag.

Petka konnte nicht mehr schlafen: »Und wenn kein Hähnchen herauskommt, wenn

es ein taubes Ei ist?« Wie konnte er auch schlafen? Jeden Morgen, sobald es

tagte, lief er in den Schuppen, nach der Truthenne zu sehen.

»Petuschok kommt gegangen, hat die Sonne eingefangen!« sang Petka, auf

einem Beine hüpfend. Draußen im Schuppen und auch in Großmutters Stube

hauchte er das Hähnchen mit seinem warmen Atem an, als ob im Hähnchen das

ganze Geheimnis, das ganze Glück von seinem und Großmutters Leben läge.

»Gelobet seist du, Herr! Gepriesen sei dein Langmut!« Großmutter konnte

sich vor Freude kaum auf den Beinen halten.

3

Der Herbst fiel in jenem Jahre trocken und warm aus. Die Sonne schien zwar

nur wenige Stunden am Tage, befiederte aber doch das kalikutische Hähnchen:

es wuchs heran, krähte mit heiserer Stimme, tat sehr vornehm, fiel über die

im Frühjahr zur Welt gekommenen Hähne des Diakons her und raufte mit ihnen

wie ein richtiger Hahn. Alle Anzeichen sprachen dafür, daß es einen

spitzen, hellroten Kamm, kräftige Sporen und eine laute Stimme haben würde:

es war eben ein echtes kalikutisches Hähnchen!

Nicht die Truthenne -- wie sollte sie auch? -- die Truthenne starb langsam

dahin --, sondern die Großmutter pflegte das Hähnchen, und als die warmen

Tage von kalten abgelöst wurden, nahm sie es aus dem Schuppen in die Stube.

Großmutter wird Petkas Glück wohl bewachen, sie wird das Hähnchen

großziehen, so wie sie Petka großgezogen und sich ihr Glück für ihre alten

Tage erhalten hat.

Zugleich mit der Kälte und der Oktobernässe brach eine unruhige Zeit an,

die denkwürdigen Tage der Volksopfer und der Freiheit.

Daß auf den Hauptstraßen das elektrische Licht nicht mehr brannte und ganz

in der Nähe auf dem Kursker Bahnhof die blank geputzten Lokomotiven

unbeweglich dastanden und froren; daß die schrecklichen roten Schlote der

Goujon-Werke in der Pokrowka-Vorstadt nicht mehr qualmten und am Himmel

hinter dem Androni-Kloster kein Feuerschein bebte -- das alles hätte doch,

könnte man meinen, auf Großmutter in ihrer Kellerstube nicht den geringsten

Eindruck machen sollen: Großmutter brauchte kein elektrisches Licht, sie

ging abends nie aus, beabsichtigte nicht zu verreisen und hatte auch mit

den Goujon-Werken nicht das geringste zu schaffen. Großmutter wohnte aber

in ihrem Keller nicht allein: ihre Nachbarn, lauter einfache Arbeiter,

waren mit einer festen Kette an die roten Schlote der Goujon-Werke wie auch

an die blanken Kursker Lokomotiven gebunden; der Umstand, daß die Schlote

nicht mehr qualmten und die Lokomotiven stillstanden, hatte sie aus ihrer

Arbeitsbahn geschleudert, ihr ganzes arbeitsvolles Leben auf den Kopf

gestellt, die Erde erschüttert und ihre Tage zu Tagen des jüngsten Gerichts

gemacht. Das Gefühl, das die Straßen ergriffen hatte und in das Leben und

die Gedanken des Alltags als ein Weltuntergang eingedrungen war, das sich

von Vorstadt zu Vorstadt, von Straße zu Straße, von Gäßchen zu Gäßchen, von

Sackgasse zu Sackgasse, von Fabrik zu Fabrik, von Keller zu Keller als die

dunkle Vorahnung einer schweren Not fortpflanzte, hatte auch die greise

Seele der Großmutter an der Schwelle ihres Todes erfaßt.

Der auf dem Chitrowka-Markt fast gänzlich verschollene Neffe der

Großmutter, der >Räuber<, erschien eines Tages wieder in Großmutters

Kellerwohnung bei der Kirche des heiligen Nikola Kobylski.

Sein von Rheumatismus gekrümmter Arm, seine Nase, die wie drei Nasen

übereinander aussah -- (es kam von der Elephantiasis), der schwarze

abgetragene Überzieher, unter dem er nichts als die ganz zerfetzte,

ungewaschene, vor Schmutz steife Wäsche hatte -- all das jagte der

Großmutter Angst und Schrecken ein. Großmutter fürchtete gar nicht, daß er

von ihr Geld verlangen und ihr das Messer an die Kehle setzen würde: sie

würde ihm das letzte Geld geben, obwohl sie es gar nicht leicht haben und

nachher mit Petka viele Tage würde hungern müssen; es überfiel sie die

schreckliche Vorahnung, daß der Neffe, Petkas Vater, der >Räuber<, ihrem

Petka etwas antun würde. Was er ihm aber antun würde und was er Petka

überhaupt antun könnte, darüber vermochte sie sich keine Rechenschaft zu

geben. Doch in der Tiefe ihrer greisen Seele fühlte sie ganz deutlich, daß

Petka eine Gefahr drohte, daß das Unglück bereits aus seinem schrecklichen

knöchernen Reiche herausgekrochen war und immer näher heranrückte, daß es

schonungslos, unerbittlich und grausam an Petuschoks kindliches, kleines

Herz heranschlich.

Der Neffe hatte Durst und Hunger. Großmutter richtete für ihn den Samowar.

Petka kam aus der Schule, und sie setzten sich alle an den Tisch, Tee

trinken.

Petka hatte von den Pilgern, mit denen er auf seinen Wallfahrten

zusammengekommen war, viele Heiligengeschichten gehört und wußte, wie die

Heiligen ihre Kronen erworben hatten: und nun sehnte er sich danach, einmal

Räuber zu werden, sich eine schwere Sünde auf die Seele zu laden, dann Buße

zu tun, in ein Kloster zu gehen und in einer Höhle zu leben. Nun saß er

aber an einem Tisch mit einem Räuber, trank mit ihm aus demselben Samowar

Tee, und dieser Räuber, Großmutters Neffe, war sein leiblicher Vater. Petka

wandte keinen Blick vom Vater und starrte seine dreistufige Nase mit

derselben verzehrenden Neugier an, mit der er einst im Schuppen die rosa

Warzen der Truthenne betrachtet hatte. Und da er nicht wußte, wie er dem

Vater gefällig sein und dem Räuber seine Kühnheit zeigen konnte, sprang er

plötzlich von Stuhl, packte das Hähnchen, das sich unter das Sofa

verkrochen hatte, an den Flügeln und schleppte es herbei.

»Schau dir das Hähnchen an«, sagte Petka, »ein kalikutisches ist es!«

»Petka und ich haben nur einen Wunsch, daß dem Hähnchen nichts geschieht;

sonst brauchen wir nichts!« sagte Großmutter, als ob sie sich rechtfertigen

müsse; ihre Hände zitterten, und ihr Kopf wackelte hin und her.

Der Räuber blinzelte dem Hähnchen zu -- ein feines Hähnchen! Der Räuber aß

mit großer Hast und entschädigte sich für alle die Hungertage, derentwegen

ihm der Magen knurrte. Nachdem er Petkas und Großmutters Mittagsessen

verzehrt hatte, machte er sich über den Tee her. Das heiße Getränk erwärmte

ihn, machte ihn schlaff und löste ihm die Zunge. Und er begann ganz wirres

Zeug zu reden, wobei er über Petka und die Großmutter hinwegsah, genauso

wie Petka über die Großmutter hinweggesehen, als er ihr vom Luftballon

erzählt hatte, auf dem sie einst wohnen würden: er, das Hähnchen und die

Großmutter. Aus den Worten des Räubers folgte, daß nun fast alles erlaubt

sei, daß es keine Gesetze mehr gebe, daß alle Gesetze abgeschafft seien und

daß heute oder morgen alle Gelder in seine Hände übergehen würden; und da

würde die blutige Abrechnung beginnen.

»Die gebildeten Schichten . . . Revolution . . .« Der Räuber gebrauchte

lauter unverständliche und schwierige Worte und machte mit dem Finger die

Gebärde des Halsabschneidens. »Eine Gräfin werde ich mir zur Frau nehmen!«

Und je wärmer es dem Räuber wurde, um so verworrener und unwahrscheinlicher

klangen seine Worte. Petka hörte dem Vater mit offenem Munde zu und starrte

auf seine dreistufige Nase. Großmutter schüttelte den Kopf.

»Petka und ich haben nur den einen Wunsch, daß dem Hähnchen nichts

geschieht. Sonst brauchen wir nichts«, flüsterte Großmutter, als müßte sie

Petka und sich rechtfertigen.

Der Räuber trank die letzte Tasse Tee aus und ging mit Großmutters letztem

Kleingeld in der Hand fort. Großmutter blieb mit Petka und dem

kalikutischen Hähnchen allein. Sie räumten alles auf, stellten den Samowar

weg, spülten die Tassen ab und fegten mit einem Flederwisch die Brotkrumen

in einen Beutel; Petka machte seine Schulaufgaben, dann saßen sie noch eine

Weile beisammen, gähnten, schwiegen und schlugen so den Abend tot. Nachdem

sie das Abendgebet gesprochen hatten, sahen sie unter das Sofa nach dem

Hähnchen: ob es schon schlafe oder nicht. Das Hähnchen schlief schon

längst. Nun gingen sie selbst auch zu Bett.

Petka wälzte sich hin und her und konnte nicht einschlafen. Auch Großmutter

drehte sich immer von der einen Seite auf die andere: sie fühlte Unruhe und

Angst.

»Petuschok!« rief Großmutter, als sie ihre Angst nicht länger bemeistern

konnte.

Petka warf sich im Bette mit offenen Augen hin und her: er sah sich schon

als Räuber und baute sich aus den unverständlichen Räuberworten, die er vom

Vater gehört hatte, Räubertaten und ein Räuberleben auf.

»Petuschok, du, Petuschok!« rief Großmutter noch leiser, noch freundlicher.

»Was ist denn, Großmutter?« Petka sprang auf: es war ihm, als hätte er

Großmutters Stimme gehört.

»Ich bin es, Petuschok, fürchte dich nicht.« Großmutter konnte vor Angst

kaum sprechen. »Geh nicht fort, Petuschok . . .«

»Unter die Räuber will ich gehen, Großmutter«, antwortete Petka

augenblicklich. »Als Räuber will ich leben! Und auch du, Großmutter, sollst

unter die Räuber gehen . . .«

»Geh nicht fort, Petuschok!« piepste Großmutter so leise, daß Petka sie gar

nicht hörte. Dann lag sie wie starr in unheimlicher Angst da: jeder Ton,

jedes Rascheln schien ihr unheilverkündend, das Hundegebell erschreckte

sie, und es war ihr, als schleiche sich schon jemand an ihre Kellertür

heran, ein Dieb, ein böser Mensch, um ihr ihren Petka, ihren Petuschok zu

nehmen.

Petka lag mit offenen Augen da; er war aber nicht mehr Petka, sondern ein

echter Räuber mit schwarzem, wie beim Morosowschen Kutscher mit Butter

eingefettetem Haar, mit einer dreistufigen Nase und einem gekrümmten Arm;

er wird Großmutter und das kalikutische Hähnchen abholen, sie werden zu

dritt in einem Luftballon nach dem Chitrowka-Markt fliegen und dort als

Räuber leben; und dann beginnt die blutige Abrechnung.

Das Öllämpchen flackerte leise vor den Bildchen und Kreuzchen, vor den

>Vier Marienfesten<: Maria Schutz und Fürbitte, Aller Leidenden Freude, der

Muttergottes von Achtyrka und Mariä Erscheinung -- und vor den >Moskauer

Wundertätern<: Maxim dem Seligen, Wassili dem Seligen und Johannes dem

Narren in Christo. Die Berge der >Mutter-Einöde< glühten im Scheine der

Nachtlampe rot und schnitten sich wie mit Flammenzungen in den Moskauer

Kreml hinein.

»Ich bin unter die Räuber gegangen, Großmutter«, murmelte Petka im Schlafe.

Der unruhige Herbst war zu Ende, der Winter brach an. Großmutters Unruhe

hatte sich nicht gelegt, und Petka war nicht mehr zu bändigen: wenn der

Schlingel das Schlucken bekam, begann er, statt ein Vaterunser zu beten --

früher betete er in solchen Fällen ein Vaterunser, das wirklich half --,

ganz sinnlose Abzählreime aufzusagen. Großmutter hatte sich nicht beruhigt,

in den Straßen war es nicht stiller geworden, der grimmige Frost hatte

Moskau nicht abgekühlt, und das Leben war nicht zum Alltag mit seiner

Arbeit und Sorge zurückgekehrt. Auf unbekannten, ungeahnten Wegen nahte und

rückte an das russische Volk die schwere Not heran, die unbarmherzige,

unerbittliche, grausame Not; sie trieb es in ferne Länder fort, zu einem

fremden Volke, und zerstreute es dort in Spott und Schande; sie brachte es

an die Gestade eines fremden Ozeans und ertränkte es darin, schrecklicher

als ein Sturm und ein Ungewitter; nun schlich sie dunkel und unersättlich

aus dem fremden gelben Lande dicht an den Moskwa-Fluß heran und bedrohte

das Herz unseres unglückseligen, verbitterten Landes. Ob unserer großen

Sünden wegen, wie Großmutter sagte, oder allen Einfaltigen zur Belehrung,

wie der barfüßige Mäßigkeitsapostel aus der Teestube an der Sazepa

behauptete, ob als Strafe für das wahnsinnige Schweigen der ganzen Welt --

jedenfalls wurde das stumme, sprachlose, noch geschwächte, doch immer und

immer wieder bestrafte russische Volk, nachdem es drei Plagen überstanden,

wieder der schweren Not preisgegeben.

Und gleich den feurigen Bergen auf dem Bilde der Moskauer Wundertäter

schnitten sich auch in Wirklichkeit feurige Berge wie mit Flammenzungen in

den Moskauer Kreml hinein, und ein rauchender Feuerschein ergoß sich über

die Stadt.

Am Samstag nach dem Nikolatage setzte sich Großmutter mit Petka um die

Mittagszeit an den Tisch; sie wollten irgend etwas essen -- in diesen Tagen

kümmerte sich kein Mensch um die Großmutter, man hatte sie vergessen, und

die beiden saßen oft wochenlang ohne einen Bissen.

»Großmutter«, Petka sprang auf, »hörst du es?«

Großmutter legte den Löffel weg und knabberte an einer Brotrinde.

»Großmutter . . .« Petka sah zum Klappfenster hinaus.

Großmutter rührte sich nicht. Sie schüttelte den Kopf wie beim Besuch des

Räubers.

»Großmutter, man schießt!« und mit diesen Worten lief Petka zur Tür hinaus.

Es wurde irgendwo ganz weit auf der Twerskaja geschossen, und das dumpfe

Dröhnen klang auf dem Semljanoj-Wall wie von unter der Erde. Die

Fensterscheiben erklirrten.

Großmutter hatte noch nichts gemerkt, Petka hatte es aber sofort gehört.

Und nun hörte es auch die Großmutter; sie bekreuzigte sich wie bei einem

Donnerschlag.

Es begann eine unruhige Zeit. Das Unglück stand an jeder Ecke, an jeder

Straßenkreuzung; es lauerte unersättlich, dunkel, strafend bei Tag und bei

Nacht, wo viele Menschen versammelt waren und auch, wo es gar keine

Menschen gab.

Großmutter hatte Angst, Petka von ihrer Seite zu lassen. Wie leicht konnte

ihm etwas zustoßen: Großmutter sah in den Leuten, die die Fabrikarbeiter

zum Streik ermunterten, in den Freischärlern, in den Kosaken und Dragonern,

die die Sadowaja zum Kursker Bahnhof passierten, lauter Räuber. Und es

wurde immerfort geschossen: irgendwo in Kudrino, und auf der Presnja, und

gleich in nächster Nähe, auf der Mestschanskaja; in einem fort wurde

geschossen, und das Gedröhn drang immer lauter in die Kellerstube hinein;

es klang, als ob man mit Peitschen knallte oder trockene Äste abbräche.

Seit dem Nikolatage konnte Großmutter keine Nacht mehr schlafen: sie paßte

auf Petka auf, wie sie in den ersten Wochen auf das Hähnchen aufgepaßt und

wie Petka selbst, am Spalt hinter dem Schuppen lauernd, auf die Truthenne

mit dem Hühnerei aufgepaßt hatte.

Den Jungen zog es hinaus, er konnte nicht zu Hause bleiben, er konnte nicht

ruhig sitzen.

Petka lief mit den anderen Jungen nach der Sucharewka fort; Großmutter lief

hinter ihm her.

Das war einmal eine Zerstreuung für Petka: früher pflegten die Jungen auf

dem Eise eine Rodelbahn zu bauen: jetzt galt es, die Straße zu versperren.

Petka griff nach einer Telegraphenstange.

»Schlepp sie her!« schrie der Bengel der Großmutter zu.

Was sollte Großmutter machen? Vor Angst zitterten ihr die Hände, wie konnte

sie überhaupt daran denken, eine Telegraphenstange zu schleppen! Sie konnte

nicht einmal einen Kienspan halten. Großmutter hob ein Häuflein Späne vom

Boden auf und trug es hinter den Kindern her. Und sie legte ihr Scherflein

auf die gemeinsame Barrikade, auf den Haufen des aufgestapelten Krams, zu

den Kisten, Gittern, Telegraphenstangen und Ladenschildern.

»Bravo, Großmutter!« spotteten die Leute über die Alte; ein Hausmeister mit

einem Räubergesicht grinste, indem er frierend einen Fuß gegen den andern

schlug.

»Es ist unserer großen Sünden wegen«, flüsterte Großmutter. Sie war von

ihrer Arbeit mit den Spänen ganz erschöpft, blieb aber doch nicht hinter

Petka zurück.

Er war aber ein ganzer Kerl! Er kletterte ganz hinauf, wo die rote Fahne

wehte, schob sich die Mütze, die Mütze mit dem Lacklederschirm, wie ein

verwegener Kosak schief aufs Ohr, und die Fahne über ihm leuchtete so rot

wie ein Kelchtuch.

»Klettere auch du herauf; Großmutter!« rief Petka, der singende Petuschok,

zu seiner Großmutter hinunter.

Wie konnte sie hinter ihm zurückbleiben? Selbst auf den Sucharewturm würde

sie hinaufklettern!

Als zur Abendmesse geläutet wurde und zugleich mit dem Glockengeläut die

unheimliche Kanonade dröhnte, machte Großmutter sich bereit, in die Messe

zu gehen. Petka war vorausgelaufen und spielte mit den anderen Kindern beim

Kuhstall des Diakons; sie spielten >Kosaken und Streikende<.

Als Großmutter ihre gesteppte Wattejacke angezogen und den Kopf in ein

schwarzes Wolltuch gewickelt hatte, sah sie unter das Sofa nach dem

hungrigen Hähnchen, ob es schon schlafe oder nicht: das Hähnchen schlief.

Sie brachte das Öllämpchen in Ordnung -- aus der Dämmerung blickten die

Antlitze der Wundertäter und der Muttergottes sie an --, und es wurde ihr

plötzlich ganz traurig zumute.

Sie seufzte, weil sie jetzt so dürftig leben mußten: die Feiertage rückten

heran, und sie hatte nichts, um sie zu begehen! So schwer hatte sie es, und

es war schon Zeit, daß sie starb; und Petka tat ihr so leid . . . Er war ja

noch ein kleines Kind! . . . Wenn er doch schon auf eigenen Beinen stünde!

Aber er war ja noch ein unmündiges Kind.

»Heilige Muttergottes, Allgepriesene, Fürbitterin . . .« Großmutter legte

die Finger zusammen, um sich zu bekreuzigen.

»Macht schon ein Ende!« sagte jemand hinter der Wand entweder bei den

Stubenmalern oder bei den Mützenmachern; wahrscheinlich jemand, der

gekommen war, um die Arbeiter zum Streik zu ermuntern.

Großmutter fuhr zusammen und wandte sich um: in der Tür stand ihr Neffe,

der Räuber.

»Gib Geld her, Alte!« drang der Räuber auf sie ein.

Großmutter schüttelte den Kopf: »Du kannst mir den Kopf abhacken, aber ich

habe nichts!«

»Du sagst, du hast nichts?« drang der Räuber auf sie ein.

»Bei Gott . . . nein . . .«

Der Räuber packte die Großmutter am Kragen und stieß sie mit der Nase gegen

die Kommode.

»Such, sage ich!«

Großmutter tastete unter dem Heiligenschrein herum und reichte dem Räuber

wortlos -- sie konnte vor Angst die Zunge gar nicht bewegen -- die drei

Knäuel: den Knäuel Stricke, den Knäuel Bindfaden und den Knäuel bunte

Schnur, alles, was sie während der vielen Jahre zusammengebracht hatte

. . . Der Räuber hieb auf die Alte mit der Faust ein, ein Knäuel kam ins

Rollen, Großmutter kauerte nieder, wie die Truthenne vor Petka, und blieb

starr am Boden sitzen.

Der Räuber wirtschaftete indessen nach Herzenslust: er stürzte Großmutters

eisenbeschlagenen eichenen Koffer um, warf die ganze Leichenausstattung

heraus: das Hemd, das Leichentuch, die Pantoffeln und die Leinwand, riß die

Tür des Kleiderschranks auf, sah in den Kleiderschrank hinein -- da war

nichts! und machte sich an die Kommode: er durchstöberte alle Schubladen,

nahm alles heraus -- aber auch in der Kommode war nichts! Die mittlere

Schublade ließ sich nicht herausziehen: er arbeitete lange an ihr herum und

konnte nichts machen . . .

Das rollende Knäuel weckte das Hähnchen; es kam unter dem Sofa hervor,

schlug mit den Flügeln und krähte mit heiserer Stimme wie um Mitternacht.

Es krähte zu seinem eigenen Verderben, das kleine gelbe Hähnchen mit dem

Schöpfchen . . .

Der Räuber fing das Hähnchen ein, drehte ihm den Hals um und schmiß es der

Großmutter vor die Füße.

»Krepier daran!« Und mit diesen Worten ging er.

Draußen beim Kuhstall war ein Höllenlärm: die Kinder spielten wie

ausgelassen. Ein Haufen verfolgte den andern. Petka lief mit Geschrei auf

die Straße hinaus und wollte auf die andere Seite hinüber. Eine Patrouille,

die von der Sucharewka kam und eben an der Chischinschen Fabrik

vorüberritt, eröffnete Feuer, um sich den Weg frei zu machen. Petka fiel

mit der Nase in den Schnee, griff sich an die Mütze und stand nicht mehr

auf.

Man brachte den bereits erstarrten Petka mit zerrissener Brust und

durchschossenem Herzen zu Großmutter in den Keller; auch Petkas Mütze mit

dem Lacklederschirm brachte man mit.

So war also das Unglück gekommen, von daher! Nun galt es, es hinzunehmen.

Großmutter nahm alles hin. So alt sie auch war, lebte sie doch noch in

ihrer Kellerstube weiter und versäumte keinen einzigen Gottesdienst; und

wenn es beim Nikola Kobylski eine Leiche gab, so ging sie hin und wohnte

mit einer Kerze in der Hand der Totenmesse bei. Sie hatte den

Teeglasuntersatz mit dem Weintraubenmuster und die beiden silbernen Löffel

ihrem Neffen gegeben; sie hatte es ja für Petka aufbewahrt, und Petka

brauchte die Sachen nicht mehr! Der Neffe verschwand mit dem Untersatz und

den Löffeln und kam nie mehr zu Großmutter. Und die Truthenne ging ein.

>Petuschok kommt gegangen, hat die Sonne eingefangen!< Petkas Liedchen geht

Großmutter oft durch den Kopf; sie denkt oft an ihren Petka, den Petuschok.

Und sie erzählt so leise, als ob jemand in der Stube schliefe oder krank

wäre und sie ihn mit ihrer Stimme zu wecken fürchtete, von der Truthenne,

vom wunderbaren Ei, vom kalikutischen Hähnchen, vom Räuber, und wie sie mit

Petka an der Sucharewka eine Barrikade gebaut, und wie man ihren Petka ganz

erstarrt, mit zerrissener Brust und durchschossenem Herzen und auch Petkas

Mütze mit dem lackledernen Schirm zu ihr in den Keller gebracht hatte.

»Ich ging hin, Väterchen«, erzählte Großmutter leise und immer leiser --

»um eine Kerze vor der Muttergottes aller Gekränkten anzuzünden: ich wollte

die Kerze vor das Bild stellen, aber die Hand wollte sich nicht heben

lassen . . .« Großmutter versuchte, ihre zitternde Hand zu heben, aber die

Hand sank immer wieder herab: es war die Kränkung, die unverschuldete,

bittere, tödliche Kränkung, die ihre Hand lähmte und ihre Augen mit

Bitternis verdunkelte: und die Hand zitterte, sie wollte sich erheben und

konnte es nicht, und die blauen blutleeren Adern schwollen dick an, und die

dürren Finger krampften sich fest zusammen: so hatte sie das Lichtlein

gehalten, das sie vor der Muttergottes aller Gekränkten, der Muttergottes,

die alle unverschuldeten, bitteren, tödlichen Kränkungen hinnimmt, anzünden

wollte . . . »Und ich stellte die Kerze hin!« Großmutter schüttelte den

Kopf und hob die Hand so leicht, wie die Moskauer Wundertäter: Maxim der

Selige, Wassili der Selige und Johannes der Narr in Christo ihre Hände

hoben; und ihre Hand zitterte nicht mehr. So hielt sie ihr Lichtlein, ihr

leuchtendes, unauslöschliches Flämmchen, das in ihrem Herzen den letzten

Rest der Kränkung verzehrte, den letzten Rest der unverschuldeten,

bitteren, tödlichen Kränkung. Und ihre Augen leuchteten so still und warm:

es war der Glaube, der in ihren Augen leuchtete, der feste,

unerschütterliche Glaube, der das Lichtlein, das heilige Flämmchen durch

jedes Unglück, durch jede Plage, durch alle Not trug, da ihr schon alles

genommen war: das kalikutische Hähnchen und Petka, der Petuschok.

Prinzessin Mymra: Novellen und Träume · 第 7 / 57 题