Und dieser Pfiff klang so einsam und fremd im Chore der anderen Pfiffe.
Er flehte um Gnade, um Erbarmen . . .
Daß man die Kinder rette, die Habseligkeiten in Sicherheit bringe . . .
Diese letzten Schreie der dem Tode geweihten Menschen und Dinge schnitten
sich in jedes Herz.
Man trug die Heiligenbilder heraus.
Man glaubte: die Heiligenbilder würden beistehen und vor dem Unglück
beschützen.
Aber das Feuer drang hartnäckig beißend überall hinein, es flog empor und
erfaßte immer neue, noch unversehrte Menschenwohnungen.
Die blauen und weißen Spindeln aus Funken und aus Staub drehten sich
verzweifelt und unaufhörlich . . . Ein in wahnsinniger Hast kreisender
Bohrer durchlöcherte die schwere Luft mit Feuer.
Karminroter Feuerschein ergoß sich bebend über die ganze Stadt.
Die schwarz verkohlten Dachstühle der Brandstätten ragten in die Luft wie
Galgen.
Die Eisenbahnwerkstätten und die Naphtatanks brannten.
Voller Wut und Entsetzen sprangen die brennenden Lokomotiven wie gehetzt
aus ihren eisernen Ställen heraus. Und sie pfiffen auf den Schienenwegen
trocken und abgerissen.
Unter ihren rotglühenden Tatzen stöhnte und zischte es unheimlich und
unheilverkündend.
Und das Weinen der ohne Tränen sterbenden Maschinen machte den Abend
erglühen.
Die brennenden Getreidespeicher rauschten wie Springbrunnen.
Jemand schüttelte die blutrot leuchtenden Bernsteinkörner des Getreides
durcheinander und lachte aus vollem Halse.
* * *
Mitten in der verzauberten Johannisnacht, um die Stunde des tobenden
Lebens, erdröhnte von der Kathedrale herab die Sturmglocke.
Die öffentlichen Häuser standen in Flammen.
Das Feuer sog sich mit seinen Küssen eifersüchtig an den Mädchenlippen
fest, jeden Nebenbuhler zurückwerfend und vernichtend. Mit wollüstig feiner
Zunge beleckte es die Leiber und brannte sich in sie bis an die Knochen
hinein.
Die berauschten Gäste fielen vor diesem roten, erbarmungslosen,
unersättlichen Gast zu Boden.
Nackte, in Umarmungen verschlungene, von Glassplittern verwundete, vom
Feuer versengte Körper stürzten aus den oberen Stockwerken herab; sie
stürzten zu Boden und wurden von Menschenfüßen und Pferdehufen zertreten
und zermalmt.
Die brennenden Pupillen der sich drängenden Menge weiteten sich und
platzten vor der berauschenden Glut. Das Röcheln der Tiere vermengte sich
mit dem durchdringenden Lachen, dem Flehen und Stöhnen der Menschen.
Ein Mönch in dunklem Gewande, ein Mönch mit regungslosem Gesicht stand in
der Hölle der Feuersbrunst.
Nur er allein war leidenschaftslos wie am hellen Mittag und schrecklich in
seiner Ruhe. Er war geheimnisvoll und unheilverkündend wie ein quälender,
verworrener Traum.
Das Feuer, das in der Tiefe seiner Augen brannte, durchdrang die Flammen.
Tausende von Händen griffen nach dem Saume seines Gewandes, nach den
Zipfeln seiner schwarzen Kapuze; Tausende von Händen streckten sich aus und
hoben den Staub unter seinen Füßen auf; Tausende von Lippen küßten diesen
Staub.
»Beschütze uns!«
»Rette uns!«
»Gnade!«
»Erbarmen!«
* * *
>Erbarmen! Erbarmen!< dröhnte die Sturmglocke der Kathedrale, als die Sonne
sich träge erhob und ihre blutig-goldenen Strahlen in den Rauch bohrte und
über die Erde goß.
»Flieht! Flieht!« rief es aus den Rauchwirbeln, die die höllischen Spindeln
beißenden Staubes umkreisten.
Das Zuchthaus brannte.
Das Spital brannte.
Die Zuchthäusler erbrachen die eisernen Türen, erschlugen mit den
Eisengittern die Aufseher und schleppten sich, verprügelt und angeschossen,
wie Pestkranke die von der Flammenglut zersprungenen Straßen entlang.
Hei, so schön brannten die von Unrat durchtränkten Zellen! Welch ein
Freudenmahl des freien, rächenden Feuers, das die Särge der Lebenden, das
Zuchthaus, zerstörte!
Und in den dumpfen Krankensälen, im grüngelben Licht der hüpfenden Sonnen,
klang herzzerreißend das Stöhnen der Siechen und das höllische Lachen der
Wahnsinnigen.
Das Feuer schrie und sprang wie ein Eichhörnchen. Es warf sein brennendes
Netz über die Stadtparkmauer auf das Schlachthaus hinüber.
Die Stadt zitterte vor dem vorsintflutlichen Geheul, die Tiere weinten wie
von menschlicher Trauer ergriffen.
Vom Zuchthaus kam das Feuer auf den Friedhof.
Die Flammen erbrachen mit ihren schweren, glühenden Brecheisen die stummen
Gräber.
Und die Toten erhoben sich aus den Särgen und wuchsen zu schwarzen, von
einer grauen, erstickenden Wolke beschatteten Dunstsäule empor.
Der Mönch in dunklem Gewande, der Mönch mit fest zusammengepreßten Lippen
stand mit gekreuzten Armen mitten unter den vertierten Menschen und den
rasenden Tieren.
Funken und Flammen umkreisten sein Haupt wie Scharen goldener Vögel.
Und die Sturmglocke läutet und läutet ohne Unterlaß.
Und die Menschen rennen zerfetzt, verbrannt, verzweifelt umher.
Das staatliche Schnapslager brennt!
Der brennende Schnaps frißt die Herzen.
Hab den Vater geschlachtet,
Die Mutter gehenkt,
Und die leibliche Schwester
Im Flusse ertränkt . . .
Tausende von verstümmelten, mit Weingeist durchtränkten Leichen brennen mit
blauen, unerträglichen Flammen.
* * *
Man wurde vor Entsetzen wahnsinnig.
Die Mütter verloren ihre Kinder.
Kinder schleppten zentnerschwere Lasten.
Niemand wagte, unter einem noch unversehrten Obdach zu bleiben.
Man verließ die Häuser und zog auf die Straßen.
Man suchte nach den Brandstiftern.
Man glaubte schon, ihnen auf der Spur zu sein.
Man wollte unbekannte Frauen gesehen haben, die sich bei den Haustoren zu
schaffen machten.
Man riß den Aufseher Semjon, der sich unbedachterweise eine Pfeife
angezündet hatte, in Stücke.
Man riß einem Studenten den Arm aus.
Man warf jemanden ins Feuer.
»Wer ist's? Wo soll man suchen?« fragte man den Mönch.
Der Mönch schwieg.
Auf den Zäunen stand mit schwarzen Lettern geschrieben: >Morgen wird keine
Feuersbrunst sein.<
»Morgen wird keine Feuersbrunst sein! Keine Feuersbrunst.«
* * *
Ein blutrotes engmaschiges Netz hing über der Stadt, und irgendwo in seiner
Tiefe schwebte ein blutig-flammender Kern, welcher Gestank und Brandgeruch
verbreitete.
So begann der dritte Morgen, der dritte und letzte Tag.
In der Nacht verbrannte die Kathedrale mit allen Reliquien. Der Glockenturm
stürzte ein, und die schreiende Zunge der Sturmglocke verstummte.
Aus dem Feuer stiegen drei flammende Kreuze empor. Sie zitterten und
verschwanden in der schrecklichen roten Nacht.
Die Herzen glühten, die Arme hingen kraftlos herab.
Es gab nichts mehr, was noch brennen konnte.
Die Feuersbrunst ging zu Ende.
Die wahnsinnigen Menschen irrten wie im Nebel umher.
Einen jeden, der ihnen in den Weg kam und der etwas auf dem Kerbholz hatte,
erschlugen sie mit brennenden Scheiten.
Von Entsetzen, Verzweiflung und Blut trunken, verließen sie vor Anbruch der
Nacht die Stadt.
* * *
Alle, die noch am Leben geblieben waren, verbrachten diese letzte Nacht auf
dem freien Feld, eng aneinander gedrängt, von geretteter Habe und geraubtem
Gut umgeben.
Und der Mönch in dunklem Gewand stand unter den Übriggebliebenen.
Niemand erhob die Stimme, um ihn zu rufen oder anzuflehen, aber Hunderte
von Augen waren auf sein unter der Kutte verborgenes Herz gerichtet.
»Gnade! Gnade!«
Und zum erstenmal ging ein Zucken über das regungslose Gesicht des Mönches.
Der Mönch zerriß sein Gewand, holte ein Gefäß, das er auf der Brust trug,
hervor, tauchte einen Weihwedel hinein und besprengte die flehenden Augen.
Im gleichen Augenblick ergoß sich ein Feuermeer über das ganze Feld.
Die Feuerwolke zerriß den Himmel, zerspaltete die Nacht, schrie auf und
erbebte.
Und nichts als Funken und wieder Funken . . .
* * *
Tiefe Finsternis lag über der verbrannten Stadt.
Und die Sterne fürchteten sich, auf die Erde und auf den in dunkle Fetzen
gehüllten Menschen herabzuschauen.
Und die Aasvögel wagten nicht, zu den Leichen herabzufliegen, sie wagten
nicht, ihre Flügel vor jenem Menschen zu regen.
Und er stand allein mitten in der Asche der verbrannten Erde.
O du verdammte Heimaterde!