Die Feuersbrunst

Die Weiße Fjokla, die Wahrsagerin und Hexe, gebar an einem durchdringend

kalten Herbstmorgen eine schwarze geflügelte Maus, und jedermann erkannte

im Neugeborenen des Teufels Kind.

Jermil, der stumme und lahme Sohn der Alten, verscharrte den Unrat bei der

Müllgrube und erhängte sich gleich darauf.

In der Nacht vor dem Katharinentage, an dem junge Mädchen nach alter Sitte

Zweige von den Bäumen abreißen und mit ihnen zu Bett gehen, um im Traume

den Zukünftigen zu sehen, erdröhnte plötzlich am Himmel mitten im wütenden

Schneesturm ein Donner; beim Morgengrauen aber fand man im Stadtpark die

geistesschwache Aljonka, die Tochter des Obermeisters an der

Eisenbahnwerkstätte, geschändet und tot, mit einem Zweig zwischen den

Zähnen.

Am Nikolatag erschienen in den rauchgrauen Wolken um die grimmige

Wintersonne herum drei andere, in allen Farben des Regenbogens schimmernde

Sonnen.

Und diese drei Sonnen bedrückten die Stadt wie eine stumme Last.

»Nun kommt das Hitzefieber, eine schreckliche Krankheit! Was haben wir noch

alles zu erwarten!«

»Krächze nicht wie ein Unglücksrabe.«

»Mir kann es gleich sein -- aber auch der Diakon hat neulich während des

Gottesdienstes davon gesprochen.«

Ein jeder dachte an den kommenden Tag und an die schwere Not, die vor der

Tür stand und auf die vorbestimmte Stunde wartete.

»Die Chinesen ziehen mit einer Armee von tausend Millionen gegen uns, auch

die Türken.«

»Mein Gott, dieses Heer!«

»Und die Unsrigen -- glaubst du, daß die Unsrigen sich überrumpeln lassen?«

»Man sagt aber, sie haben den Satan auf ihrer Seite.«

»Wieso den Satan?«

»Wir sind verloren, das ist alles.«

An den Abenden machte man sorgfältig über jedem Fenster das Zeichen des

Kreuzes. Am Vorabend der Feiertage schliefen die Ehegatten getrennt, und

man gab gut acht auf die Öllämpchen vor den Heiligenbildern.

»Hör einmal, Mikititschna, Awdotja erzählte neulich, man habe bei den

Podchomutows den Teufel aus dem Tische gerufen.«

»Was du nicht sagst!«

»Bei Gott, so wahr mir die Himmelskönigin beistehe! Awdotja ist ja eine

durchtriebene Frau; auch Podchomutows Frau hat selbst erzählt, daß ein

blauer Teufel mit sechs Pfoten erschienen sei.«

»Die Heilige Jungfrau steh uns bei! Gott weiß, was noch alles kommen kann,

Agafjuschka.«

»Dann hat auch neulich Saschutka, Kusmitschs Stiefsohn im Eisenbahndepot,

erzählt, daß der neue Doktor die Säufer mit dem Blick kuriert.«

Man hatte auch Nacht für Nacht böse Träume: bald sah man die Kirche des

Neuen Heilands für das Osterfest hergerichtet, doch ohne Altar und ohne

Heiligenbilder, und den erhängten Jermil, Fjoklas Sohn, wie er in der

Kirche auf und ab ging und jedermann zum Feste gratulierte; bald wieder sah

man einen ganz aufgeschwollenen Jungen, in dessen Fleisch zahllose Splitter

steckten, auf dem Fußboden Purzelbäume schießen.

»Mir erzählte neulich ein altgläubiger Soldat« lispelte Semjon, der

Aufseher bei den Eisenbahnwerkstätten: »>Großvater<, sagte er, >ein großes

Unglück bricht über ganz Rußland herein, und man kann sich nirgends davor

retten.< Die Zarenglocke in Moskau, sagt er, sei in tausend kleine Splitter

zersprungen, ein jeder Splitter habe sich in eine Schlange verwandelt, und

die Schlangen seien unter den Glockenturm Iwans des Großen gekrochen. Und

der Glockenturm wackelt, und wenn er einstürzt, so werden auch die Herzen

aller Menschen zerspringen, und dann kommt das Ende allen Lebens.«

»Was die Leute nicht alles sagen! Es ist wirklich lächerlich. Da sagt zum

Beispiel Luka: Wichtig sind nur die Produktionskräfte, alles übrige ist

Nebensache . . . Sagen wir uns von der alten Welt los . . . Freiheit,

Gleichheit und . . .«

»Schwatz nicht so, man wird mit euresgleichen wenig Umstände machen . . .«

». . . und wenn es notwendig sein sollte, so wird die Regierung Mittel und

Wege finden, um auch diese Sonnen zu beseitigen, von denen übelgesinnte

Menschen gewisse Gerüchte verbreiten, um bei der friedlichen Bevölkerung

Erregung hervorzurufen.«

Man ergriff Maßregeln.

Aber die Sonnen verschwanden nicht; immer öfter und öfter erschienen sie am

Himmel, um die grimmige Wintersonne herum.

Wer kümmerte sich aber um die Sonnen!

Noch niemals hatte man in dieser Gegend einen solchen Überfluß an Getreide

gehabt wie in diesem Winter; eine Ernte wie im letzten Sommer hatte es noch

nie gegeben. Die Mühlen arbeiteten unermüdlich. Der Handel blühte, und die

Käufer waren schnell entschlossen und entgegenkommend.

Die Stadt war wegen ihres Getreides berühmt.

Auf allen Schienenwegen, die sich hier kreuzten, rollten in allen

Richtungen mit allerlei Getreide und Mehl angefüllte Eisenbahnwagen.

Am Heiligen Abend machte man der Weißen Fjokla den Garaus und verwischte

sorgfältig alle Spuren des Verbrechens.

Für eine kurze Zeit trat Ruhe ein. Es war, als ob ein Stein vom Herzen

gefallen wäre.

Am Dreikönigstage badete man im eiskalten geweihten Wasser, malte über alle

Türen mit Kreide Kreuze, und alles ging wie geschmiert.

In der Butterwoche, in der Zeit, wo die Schlittenwege schlecht zu werden

anfangen, gab es allerdings in jedem Hause Stöhnen und jammern: alle hatten

Zahnweh.

Es roch in der Luft eigentümlich nach Zahntropfen und Kampferöl.

So ging es acht Tage lang.

Der Frühling brach an, ein früher und warmer Frühling. Das viele Wasser

ließ die Gärten schon zu Ostern ergrünen, und auf den Feldern lief die

Wintersaat üppig und kräftig auf.

In der Woche nach Ostern wurden die Hochzeiten gefeiert.

Es fanden sich sogar Leute, die mit Wohlwollen der Weißen Fjokla gedachten:

»Schade um sie . . . Sie hätte ja noch gut leben können!«

Man begann Häuser zu bauen: unter feierlichen Zeremonien wurden Grundsteine

zu mächtigen Bauten gelegt und mit Weihwasser besprengt. Von Tag zu Tag

wuchsen die Baugerüste in die Höhe neben den Holzkreuzen, die die

zukünftigen Wohnstätten beschatteten.

Am Mittwoch der vierten Woche nach Ostern gab es einen bedenklichen

Vorfall, der in der Stadt großes Aufsehen erregte: als in der Badestube des

Bischofs Feuer ausbrach, zog man aus den Flammen die halbverkohlte Leiche

der Vorsteherin des Nonnenklosters zum Heiligen Geist heraus, und Bischof

Antonius konnte infolge der Brandwunden am ganzen Körper lange Zeit keinen

Gottesdienst abhalten.

Die Leute zwinkerten einander zu und machten Anspielungen.

Es gab aber auch Trauer.

»Der Satan hat das Kreuz gestohlen, das Kreuz ist in Händen des Satans.«

»Der Verruchte hat sich des Tempels und des Altars bemächtigt. Er

verunreinigt die Monstranz und spuckt in den Kelch. Und die Menschen

kommunizieren nicht mit dem Blute Christi, sondern mit dem Speichel des

Satans, und sie verzehren statt des Leibes Christi -- den Unrat des

Satans.«

»Alles ist Unsinn. Es gibt weder einen Gott noch einen Satan. Es gibt

nichts als das Leben.«

»Was für ein Leben?«

Nach einem warmen und blühenden Mai begann sofort die Sommerhitze. Viele

Tage lang ging kein einziger Regentropfen auf die verdurstenden,

verdorrenden Felder, auf die staubbedeckten Wiesen und die von Würmern

befallenen Gärten nieder.

* * *

Sie kommt.

Sie naht.

Sie ballt sich zu Wolken und wächst über den Tagen empor.

Und sie löscht alles aus.

Aus jedem Ding, aus jedem Gesicht, zu jeder Stunde starrt sie mich an und

straft mich für einen einzigen Augenblick des Vergessens mit unendlicher

und unerträglicher Pein.

Ich kenne sie nicht ganz. Ich ahne sie nur. Ich weiß nicht, woher sie kommt

und von welcher Seite sie mir droht. Ich fühle nur, daß sie überall um mich

herum ist.

Meine Lippen zittern nicht mehr vor Lachen. Mein Herz kann nicht mehr

lächeln.

Mein Herz kann nicht mehr verdammen, so wie es einst verdammt hat.

Es murrt leise und krampft sich zusammen.

Und wenn sie kommt, wirst du sie überwinden können?

Herz, du hast verdammt, du hast geliebt.

Wirst du sie überwinden können?

Niemals wirst du es können.

Und du wirst ihr wie ein Stein zu Füßen fallen, und sie wird dich mit ihrem

Blitze zermalmen und zu Kohle verbrennen.

Ich weiß nicht, woran ich mich festklammern soll.

Gib mir doch wenigstens eine Schlinge.

Doch ist es möglich, so gehe sie von mir.

* * *

Um die Mittagsstunde des Johannistages erdröhnte von der Kathedrale herab

hastiges Sturmläuten.

Ganze von Arbeitern und armem Volk dicht bevölkerte Straßenzüge an

verschiedenen Enden der Stadt standen plötzlich in Flammen.

Die kleinen Holzhäuser und die unförmigen riesigen Gebäude der Nachtasyle

und Arbeiterkasernen brannten lichterloh wie zu Haufen aufgestapelter

Rumpelkram.

Die Flammen loderten empor und verloren sich in riesenhaften

spindelförmigen Staubsäulen. Die Spindeln rasten und kreisten von oben nach

unten, vom Zentrum zu den Vorstädten.

Und eine unsichtbare wahnsinnige Hand spann am glühenden wolkenlosen Himmel

ein erstickendes, feuriges Gespinst.

Die überraschten Menschen liefen, stumm vor Schreck, wilde, tierische

Schreie ausstoßend, mitten in diesem Gesang der Feuersbrunst hin und her.

Prinzessin Mymra: Novellen und Träume · 第 5 / 57 题