Als das Archiv mit seinen Schätzen in Flammen aufging, sass ich auf
meinem alten Lieblingsplatze am Strom, dessen Gewässer die Himmelsglut
spiegelte. Die noch nie dagewesenen Dinge, welche ich in der letzten
Zeit mit angesehen, hatten mich aus meiner Apathie aufgerüttelt. Ich
fühlte mein erstarrtes Herz tauen -- das übermenschliche Unglück
der Traumstädter drohte mich zu erdrücken. Ich hoffte auf den Tod,
gleichviel in welcher Gestalt er mich überfallen würde. Dass mit dieser
Schreckensnacht alles aus sein müsse, schien nur zu klar. Aber warum
wartet das Schicksal so lange und übertrifft sich selbst im Anhäufen
qualvollster Martern?
Störungen des Sehvermögens überfielen nun die Traumleute. Zuerst war es
ein Regenbogenschein, der die Gegenstände umgab. Später verschoben sich
für ihre Augen alle natürlichen Proportionen, kleine Häuschen hielten
sie für vielstöckige Türme, die falschen Perspektiven täuschten sie und
verursachten ihnen Bangigkeit, sie glaubten sich eingeschlossen, wo sie
es nicht waren. Es kam ihnen vor, als hingen die Gebäude gegen die
Strassen hinüber, oder balanzierten auf zu schmalen Fundamenten. Ihnen
entgegenkommende Menschen verdoppelten oder vervielfachten sich, wurden
zu Ansammlungen! Sie hoben die Beine, um über eingebildete Hindernisse
hinweg zu schreiten, tasteten sich auf allen vieren den Boden entlang,
stets vor sich einen Abgrund wähnend.
Viele Menschen verfielen dem Massenselbstmord. Verfolgt und abgehetzt
bis zum äussersten, waren sie die widerstandslose Beute von Träumen
geworden, in welchen ihnen der Befehl zur eigenen Vernichtung erteilt
wurde. Was noch übrig blieb, war dermassen verwirrt im Kopf, dass sie
wahrscheinlich die Bitterkeit ihrer letzten Stunden nicht gespürt haben.
Plötzlich hiess es, Patera sei selbst erschienen. Von vier Dienern
habe er sich in einer Sänfte auf den Markt tragen lassen, eine spitze
Tiara auf dem Haupte, angetan mit einem grünsamtenen Mantel, der reich
mit Perlenstickerei verziert war, wie ein Kardinal die Leute segnend.
Der Amerikaner, seiner ansichtig werdend, habe einen Pflasterstein
ergriffen und sich wie ein Rasender auf den Herrn gestürzt. Zertrümmert
flog die Krone in den Staub. Der Kopf -- ein Wachspuppenkopf --
zerschellte wie eine Eierschale; die Augen waren mit Quecksilber
gefüllte Glaskugeln, die Prunkkleider waren mit Stroh ausgestopft
gewesen, -- der Meister eine Mystifikation, nichts weiter!
Das Militär hatte längst seine Patronen verschossen. Es rannte in
schmierigen roten Hosen im Sturmschritt mit gefälltem Bajonett auf die
zerlumpten Tollwütigen. Durch Schnaps angefeuert, kannten sie kein
Pardon. Der Amerikaner stellte sich auf die Seite der Soldaten, welche
dem herrisch auftretenden Mann, seitdem sie von der Wachspuppe gehört
hatten, zujubelten. Archiv, Post, Bank brannten und erleuchteten die
Strassen taghell.
Von dem hochgelegenen französischen Viertel schob sich langsam wie ein
Lavastrom eine Masse von Schmutz, Abfall, geronnenem Blut, Gedärmen,
Tier- und Menschenkadavern. In diesem, in allen Farben der Verwesung
schillernden Gemenge stapften die letzten Träumer herum. Sie lallten
nur noch, konnten sich nicht mehr verständigen, sie hatten das
Vermögen der Sprache verloren. Fast alle waren nackt, die robusteren
Männer stiessen die schwächeren Weiber in die Aasflut, wo sie von
den Ausdünstungen betäubt, untergingen. Der grosse Platz glich einer
gigantischen Kloake, in welcher man mit letzter Kraft einander würgte
und biss und schliesslich verendete.
Aus Fensterlöchern hingen die starren Leiber entseelter Zuschauer,
deren gebrochene Blicke dieses Königreich des Todes spiegelten.
Verrenkte Arme und Beine, gespreizte Finger und geballte Fäuste,
geblähte Tierbäuche, Pferdeschädel, zwischen den langen gelben Zähnen
die wulstige blaue Zunge weit vorgestreckt, so schob sich die Phalanx
des Untergangs unaufhaltsam vorwärts. Greller Lichtschein flackerte und
belebte diese Apotheose Pateras.