XX.

Als das Archiv mit seinen Schätzen in Flammen aufging, sass ich auf

meinem alten Lieblingsplatze am Strom, dessen Gewässer die Himmelsglut

spiegelte. Die noch nie dagewesenen Dinge, welche ich in der letzten

Zeit mit angesehen, hatten mich aus meiner Apathie aufgerüttelt. Ich

fühlte mein erstarrtes Herz tauen -- das übermenschliche Unglück

der Traumstädter drohte mich zu erdrücken. Ich hoffte auf den Tod,

gleichviel in welcher Gestalt er mich überfallen würde. Dass mit dieser

Schreckensnacht alles aus sein müsse, schien nur zu klar. Aber warum

wartet das Schicksal so lange und übertrifft sich selbst im Anhäufen

qualvollster Martern?

Störungen des Sehvermögens überfielen nun die Traumleute. Zuerst war es

ein Regenbogenschein, der die Gegenstände umgab. Später verschoben sich

für ihre Augen alle natürlichen Proportionen, kleine Häuschen hielten

sie für vielstöckige Türme, die falschen Perspektiven täuschten sie und

verursachten ihnen Bangigkeit, sie glaubten sich eingeschlossen, wo sie

es nicht waren. Es kam ihnen vor, als hingen die Gebäude gegen die

Strassen hinüber, oder balanzierten auf zu schmalen Fundamenten. Ihnen

entgegenkommende Menschen verdoppelten oder vervielfachten sich, wurden

zu Ansammlungen! Sie hoben die Beine, um über eingebildete Hindernisse

hinweg zu schreiten, tasteten sich auf allen vieren den Boden entlang,

stets vor sich einen Abgrund wähnend.

Viele Menschen verfielen dem Massenselbstmord. Verfolgt und abgehetzt

bis zum äussersten, waren sie die widerstandslose Beute von Träumen

geworden, in welchen ihnen der Befehl zur eigenen Vernichtung erteilt

wurde. Was noch übrig blieb, war dermassen verwirrt im Kopf, dass sie

wahrscheinlich die Bitterkeit ihrer letzten Stunden nicht gespürt haben.

Plötzlich hiess es, Patera sei selbst erschienen. Von vier Dienern

habe er sich in einer Sänfte auf den Markt tragen lassen, eine spitze

Tiara auf dem Haupte, angetan mit einem grünsamtenen Mantel, der reich

mit Perlenstickerei verziert war, wie ein Kardinal die Leute segnend.

Der Amerikaner, seiner ansichtig werdend, habe einen Pflasterstein

ergriffen und sich wie ein Rasender auf den Herrn gestürzt. Zertrümmert

flog die Krone in den Staub. Der Kopf -- ein Wachspuppenkopf --

zerschellte wie eine Eierschale; die Augen waren mit Quecksilber

gefüllte Glaskugeln, die Prunkkleider waren mit Stroh ausgestopft

gewesen, -- der Meister eine Mystifikation, nichts weiter!

Das Militär hatte längst seine Patronen verschossen. Es rannte in

schmierigen roten Hosen im Sturmschritt mit gefälltem Bajonett auf die

zerlumpten Tollwütigen. Durch Schnaps angefeuert, kannten sie kein

Pardon. Der Amerikaner stellte sich auf die Seite der Soldaten, welche

dem herrisch auftretenden Mann, seitdem sie von der Wachspuppe gehört

hatten, zujubelten. Archiv, Post, Bank brannten und erleuchteten die

Strassen taghell.

Von dem hochgelegenen französischen Viertel schob sich langsam wie ein

Lavastrom eine Masse von Schmutz, Abfall, geronnenem Blut, Gedärmen,

Tier- und Menschenkadavern. In diesem, in allen Farben der Verwesung

schillernden Gemenge stapften die letzten Träumer herum. Sie lallten

nur noch, konnten sich nicht mehr verständigen, sie hatten das

Vermögen der Sprache verloren. Fast alle waren nackt, die robusteren

Männer stiessen die schwächeren Weiber in die Aasflut, wo sie von

den Ausdünstungen betäubt, untergingen. Der grosse Platz glich einer

gigantischen Kloake, in welcher man mit letzter Kraft einander würgte

und biss und schliesslich verendete.

Aus Fensterlöchern hingen die starren Leiber entseelter Zuschauer,

deren gebrochene Blicke dieses Königreich des Todes spiegelten.

Verrenkte Arme und Beine, gespreizte Finger und geballte Fäuste,

geblähte Tierbäuche, Pferdeschädel, zwischen den langen gelben Zähnen

die wulstige blaue Zunge weit vorgestreckt, so schob sich die Phalanx

des Untergangs unaufhaltsam vorwärts. Greller Lichtschein flackerte und

belebte diese Apotheose Pateras.

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