XIX.

Am Bahnhofe frass der Sumpf. Das Gebäude hatte sich geneigt, der Perron

war mit Schlamm und Schilf überdeckt, durch die verfaulten Türen kroch

der Morast in die Wartesäle, von den Bänken und Polstern ertönten die

Wehmutslieder der Unken. Über die Büfetts krabbelten Molche und kleine

Käferlarven. Die unzähligen Geschöpfe, welche Perle durchwandert, die

Gärten verwüstet und die Menschen geängstigt hatten, alle stammten sie

aus dem Sumpfe, der sich viele Meilen ins graue Dunkel erstreckte.

Aber er +gab+ nicht nur, er +nahm+ auch Leben. Unzählige Träumer,

Bauern, Fischer, schlummerten in seiner nassen Erde. -- Der

Trügerische! Wie harmlos vermochte er auszusehen, während unter der

Moosdecke sich die Schlangen knäulten. Er konnte auch geräuschlos

gespenstische haushohe Flammen aufsteigen lassen, und die nistenden

Wasservögel erschrecken. Am eigenen Leibe vermochte er sich reichlich

zu nähren -- seine Tiger frassen seine Schweine -- seine Füchse jagten

seine Rehe.

Diese Wildnis galt im Traumlande für heilig. An gewissen Plätzen

befanden sich uralte, bemooste Steine, in denen unverständliche,

verwitterte Zeichen eingegraben waren. Hierher pflegten die Jäger die

Eingeweide des erlegten Wildbrets zu tragen, die Fischer opferten

da die Lebern der Hechte und Welse, Landleute brachten einen Bund

Getreide dar oder schichteten Äpfel und Weintrauben zu kleinen

Pyramiden. Der Sumpf nahm allezeit diese Gaben gnädig an und verzehrte

sie. Patera kam in früheren Jahren oft hierher und wagte sich allein

bei Nacht diesen heiligen Orten zu nähern. Wie ich erfahren habe,

opferte er im Namen des Traumvolkes „der Sumpfmutter“ -- und verband

sich aufs neue mit ihr -- in Mysterien, in denen Blut und Geschlecht

besonders bedeutsam waren. -- Nun war er lange nicht mehr dagewesen,

und heute wusste jedermann von diesen Geheimnissen und fluchte, und

schwur „beim Blut Pateras“ -- -- -- Die Folgen davon wurden überall

deutlich. Ein alter Tempelspruch „Auf Blut steht Wahnsinn!“ -- war

in Erfüllung gegangen. Erwähnen will ich noch, dass der blauäugige

Stamm jenseits des Flusses all diesen Bräuchen fern blieb. Weitab von

diesen Stätten zwischen den verkümmerten Gebüschen und den niederen

Nadelholzbäumen waren buntbemalte Holzsäulen in den weichen Boden

gerammt. Das waren auch geweihte Orte, doch anderer Art. Hier wurden

die „fröhlichen Nächte“ gefeiert. Die Traumbauern führten zur Erntezeit

an bestimmten Abenden Leiterwagen voll Heu und Blumen dahin. Meterhoch

wurde der Boden mit der frischen duftenden Ladung bedeckt. Man

entfachte ein Feuer -- schäumend floss der Most aus dem Spundloch, die

Freude der festlich geschmückten Teilnehmer tobte.

Nach lustiger Erzählung, Spiel, Tanz und reichlicher Mahlzeit blies

meist ein warmer und nach Frucht duftender Wind die Feuer aus. Die

Paare blieben, jedes in seinem Nest, bis zum Morgen.

In dem grossen, wackligen Maschinenhaus beim Bahnhof roch es noch immer

wie in einer Menagerie. Der scharfe Unflat der Tiere, welche hier

ihren Unterschlupf gehabt hatten, war gemischt mit dem schwärzlichen

Schlammwasser, das in grossen Lachen stand. Heute bewegte sich in

der feuchten, versandeten Halle eine Gestalt, in einen Kapuzenmantel

gehüllt; emsig klopfte und arbeitete der einsame Heizer an einer

rostigen alten Lokomotive herum. Er untersuchte alle Teile genau und

ölte verschwenderisch. Dann schürte er wieder und beim Aufreissen der

Feuerungstüre wurde sein schwitzendes, tatkräftiges Gesicht vom Glanze

der roten Glut erleuchtet: Herkules Bell.

Schon Wochen vorher hatte er die Bahnstrecke untersucht und alle

Weichen richtig gestellt. Die Maschine, anfangs träge und knirschend,

fing nun an zu schnauben, Bell fuhr mit ihr aus dem wackeligen Bau.

Ein paar aufgescheuchte Eulen begleiteten ihn. Mit Hilfe einer vorher

ausprobierten Drehscheibe gelang es ihm nach und nach, das Hauptgeleise

zu erreichen. Sein Kohlenvorrat genügte -- schlimmstenfalls konnte er

ihn auf einer Zwischenstation ergänzen.

Die Anstrengung hatte ihm heiss gemacht, er legte seinen Mantel ab.

Nochmals das Feuer speisend, warf er einen Blick auf das Manometer und

riss am Hebel. Das alte Vehikel setzte sich in Bewegung. -- Es war

eine gefährliche Fahrt, denn der niedere Bahndamm war halb zerstört.

Zeitweise überschwemmte das Sumpfwasser auf lange Strecken die Geleise,

vorne spritzte es hoch auf, die Räder mähten wuchernde Binsen; hinter

sich liessen sie eine lange Kielwelle.

[Illustration]

Der Fahrende atmete die schwefeligen Dünste des aufgewühlten,

stagnierenden Morastes. In der Ferne unterschied er die undeutlichen,

weisslichen Trümmer einer längst zu Grunde gegangenen altpersischen

Niederlassung.

Er heizte, dass der Kessel zu springen drohte, die Feuerstelle und die

angrenzenden Stahlteile röteten sich, die Lokomotive hüpfte auf den

verbogenen und zerfressenen Schienen. Er dampfte an den verlassenen

Bauernhöfen vorbei, den ausgestorbenen Landgütern, den dürren Wäldern.

-- Einmal musste er anhalten, um den Kadaver eines halbausgefressenen

Gauls von den Geleisen zu zerren. Dann keuchte und rasselte es wieder

und nach zwei Stunden hielt er auf freiem Felde. Er versorgte sein

Feuer, spuckte auf den Kessel, dass es zischte und sprang ab. Eine

Zeitlang folgte er dem Schienenstrang und verschwand dann in einem

kleinen, von Baumriesen bestanden Tale. Die vertrockneten Ranken und

die niederhängenden Baumbärte versuchten den Eilenden zu hindern.

Nach einer halbstündigen Wanderung bemerkte er ein matt erleuchtetes

Fenster, dahinter stieg eine schwarze Wand scheinbar bis in die

Unendlichkeit des Himmels. Der Amerikaner öffnete mit sicherer Hand

ein Gartenpförtchen, schlich sich an das Fenster und schaute hinein.

Auf einem tintenbeklexten Tisch brannte eine Petroleumlampe mit grünem

Schirm. Beschriebenes Papier, Formulare, Siegelwachs, Bleiplomben lagen

verstreut umher; auf einer niederen Balustrade erblickte man Werkzeuge,

Nägel, Bindfaden. Das Prunkstück des engen Raumes stellte das sehr

schlechte, von einer Anstalt in Perle verbreitete, lebensgrosse

Brustbild Pateras dar. -- Das war die Kanzlei des Grenzwächters des

Traumreiches. Der alte Mann selbst schlief in einem mit Wachstuch

überzogenen Lehnstuhl. Sein bärtiges Haupt war lässig in die eine Hand

gestützt, er machte den Eindruck der Schwächlichkeit. Vorschriftsmässig

hatte er den Schlüssel zur sogenannten „kleinen Tür“, einem nur für

einzelne Personen bestimmten Torausschnitt der grossen Mauer, am Gürtel

in einem Karabiner hängen; der meterlange Hauptschlüssel war in einem

eisernen Kassenschrank verwahrt. Mit seinen beiden Söhnen versorgte

der Bejahrte den schwierigen Dienst; nebenan war die Privatwohnung.

Daran schloss sich die Kaserne der Grenzaufseher und Zollbeamten.

Beide Gebäude lehnten sich mit ihrer Rückwand gegen die kolossale

Umfassungsmauer.

Alle Details waren dem Späher genau bekannt. Überraschend schnell

verfinsterte es sich jetzt, so dass Bell, an die gleichmässige

Dämmerung gewöhnt, sich verwundert umschaute, und hinter den fast

bis an den Boden niederhängenden Wolken kaum mehr die Blechdächer

der bei der Anfangsstation gelegenen Speicher erkennen konnte. --

Katzenhaft geräuschlos trat er in den überhitzten Raum und schob die

Kapuze zurück. In der Rechten hielt er den schweren, eisernen Hebel

der Lokomotive. „Auf einen mehr oder weniger kommt es jetzt nicht

mehr an“, reflektierte er, dabei unverwandt den Schläfer beobachtend.

Dieser machte eine unwillkürliche Bewegung mit dem Kopfe und liess ihn

hintüber auf die Lehne fallen. -- Da, ein wohlgezielter Hieb mit der

Eisenstange! -- es klang, wie wenn man mit der flachen Hand auf das

Wasser klatscht. Der kraftvolle Schlag hatte das Stirnbein genau in der

Mitte getroffen und zerschmettert, und beide Augäpfel aus ihren Höhlen

getrieben, wodurch der Ermordete mit seinem Barte eine schauerlich

groteske Fratze schnitt. Ein tiefes, leises Beben durchfuhr den im

Stuhle ruhig Sitzenbleibenden.

Komisch geziert verbeugte sich der Amerikaner vor dem Bildnis Pateras.

„Doch einmal überlistet!“ Dann nahm er den Schlüssel vom Gürtel des

Getöteten, seine Bewegungen waren rasch und sicher. Neben dem Lehnstuhl

stand am Boden eine Blendlaterne. Während er sich danach bückte,

fühlte er, wie sich etwas fest um sein Handgelenk schloss. +Es war

der Tote+, oder vielmehr nur seine gelben Finger, die er gestreift

haben musste. -- Die Leiche lag hilflos und still da. Aber in ihren

schrecklichen Fingern lebte eine so unermessliche Kraft, dass sie

auch ein Stück Stahl wie Teig zerdrückt hätten. Bell schrie: „Das ist

Patera!“ Es war ihm deutlich, dass bei diesem mechanischen Anwachsen

des Druckes in etlichen Minuten sein Gelenk durchquetscht sein musste.

Schon verlor er das Empfinden in dem langsam immer mehr gepressten

Glied. -- -- Er schälte mit den Zähnen das Fleisch von der Handwurzel

des grausigen Gegners -- aber das ging alles noch viel zu langsam,

die Hand war verloren. -- In diesem grässlichen Augenblick sah er auf

der Balustrade ein geöffnetes Gartenmesser. Ein Sprung -- und er war

dort; die Leiche flog als lästiges Anhängsel mit. Mit kunstgerechten

Schnitten trennte er die Hand des Toten vom Körper ab, -- sie fiel

sofort schlaff herunter. Bell stiess einen mystisch klingenden Seufzer

der Erleichterung aus. Gleichmässig freundlich lächelnd blickte Pateras

Bild mit den geölten und gescheitelten Locken auf ihn herab. Mit der

Blendlaterne lief er davon.

[Illustration]

An der Mauer nahm ihn der gewaltige Tunnel auf. Der Amerikaner war in

grosser Erregung; jetzt sollte es sich zeigen, ob sein Plan gelungen

war, seinen Berechnungen nach musste europäische Hilfe in nächster

Nähe sein. +Er brauchte sie, musste sie haben+; +allein+ konnte selbst

er mit dem von Stunde zu Stunde gefährlicher werdenden Traumpöbel nicht

fertig werden.

Er schloss die „kleine Tür“ auf, und trat in die frische, kalte

Nachtluft hinaus. Dann liess er eine mitgebrachte Rakete steigen --

eine Fontäne geschmolzenen Goldes schoss gegen den Nachthimmel; ganz

oben beschrieb sie einige wunderliche Kurven und zersprühte in einem

Büschel Sterne. Fieberhaft wartete der Amerikaner, ob dieses Signal

irgendeine Wirkung haben würde; .... Nichts!.... schwarz und still

blieb alles rings umher. -- Falsch gerechnet! -- -- Mit enttäuschter

Wut betrachtete er beim Schein seiner Laterne das monumentale eherne

Tor mit den schweren Eisenbändern. Sollte er wieder zurück? -- Noch

einen Blick warf er in die Weite. Da huschte mit einem Male eine

gespenstische Lichterscheinung über das Firmament, -- nur sekundenlang,

dann verschwand sie ebenso schnell. Aber nochmals erstrahlte sie

in bläulichem Glänze wie ein Komet. -- +Das waren die Scheinwerfer

der Russen.+ -- Wildeste Freude und stolze Genugtuung erfüllte den

willensstarken Mann. Gewonnen!! -- und Bell lief was er konnte zurück,

das Tor für die Truppen offen lassend. Das Lichtpünktchen der Laterne

verschwand hinter den Hügeln, atemlos gelangte er zu seiner Lokomotive.

-- Die Grenzaufseher, echte Söhne des Archivs, hatten von diesen

Vorgängen nichts gemerkt.

Der Amerikaner liess seine alte Maschine rückwärts fahren, unausgesetzt

schürte er nach, ein langer Feuerstreifen, aus dem Rauchfang kommend,

bewegte sich rasch durch die vollständig dunkle Wüstenei. Die

unternehmende Kühnheit Amerikas hatte triumphiert. Bell setzte in

überschäumender Lust die Dampfpfeife in Tätigkeit, schrill, schmerzlich

klagend, ertönte ihr Ruf durch die Finsternis. „Und jetzt wollen wir

Ordnung in dieses Land bringen!“ gelobte er sich. Der Schmerz in

seiner hochgeschwollenen Hand war mittlerweile aufdringlich geworden.

Vergeblich trachtete er, ihn durch einreiben mit Maschinenöl zu

lindern. Aber seine sieghafte Freude wurde kaum gestört.

In der Richtung auf Perle fing der Himmel sich zu röten an -- -- ein

greller Schein, der rasch stärker wurde, sich an der Wolkenbank brach

und bald den ganzen Horizont einnahm. Besorgt schaute der Amerikaner

auf diese neue Glut. Das rostige Ungetüm schob sich jetzt, ohne seine

Geschwindigkeit zu vermindern, durch das Schlammeer. Die schwarze,

hohe Bugwelle, die es vor sich hertrieb, überschüttete den Führer mit

schleimigem Wasser. Die Stücke einer mitten entzwei gerissenen Natter

wurden hereingeschleudert und ringelten sich zu seinen Füssen. Der

heisse Aschenkasten, fast zur Hälfte im Wasser, zischte in der fettigen

Nässe, das Manometer stand auf 99, jeden Moment konnte der Kessel

explodieren. Mit einer schweren Zange drückte der Amerikaner das Ventil

nieder, um den überschüssigen Dampf zurückzuhalten.

Als die Bahnstation in Sicht kam, hielt er an und sprang ungeduldig ab.

Die Lokomotive überliess er ihrem Schicksal und jagte in die Stadt.

Da war alles in brennende Röte getaucht, das Archiv stand in Flammen.

Fortwährend fanden kleine Staubexplosionen statt, -- hoch in die Luft

schleuderte die Lohe die brennenden Papierfetzen, die feurigen Vögeln

gleich über die Stadt hinflogen. Eine laut heulende und lachende Menge

wogte in den heissen Strassen.

Den Amerikaner erfasste ein Schauder, er musste sich auf einen

Steinhaufen setzen. Matt und kraftlos presste er die Worte heraus:

„Patera überlässt seinem Nachfolger nur die Exkremente.“

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