Am Bahnhofe frass der Sumpf. Das Gebäude hatte sich geneigt, der Perron
war mit Schlamm und Schilf überdeckt, durch die verfaulten Türen kroch
der Morast in die Wartesäle, von den Bänken und Polstern ertönten die
Wehmutslieder der Unken. Über die Büfetts krabbelten Molche und kleine
Käferlarven. Die unzähligen Geschöpfe, welche Perle durchwandert, die
Gärten verwüstet und die Menschen geängstigt hatten, alle stammten sie
aus dem Sumpfe, der sich viele Meilen ins graue Dunkel erstreckte.
Aber er +gab+ nicht nur, er +nahm+ auch Leben. Unzählige Träumer,
Bauern, Fischer, schlummerten in seiner nassen Erde. -- Der
Trügerische! Wie harmlos vermochte er auszusehen, während unter der
Moosdecke sich die Schlangen knäulten. Er konnte auch geräuschlos
gespenstische haushohe Flammen aufsteigen lassen, und die nistenden
Wasservögel erschrecken. Am eigenen Leibe vermochte er sich reichlich
zu nähren -- seine Tiger frassen seine Schweine -- seine Füchse jagten
seine Rehe.
Diese Wildnis galt im Traumlande für heilig. An gewissen Plätzen
befanden sich uralte, bemooste Steine, in denen unverständliche,
verwitterte Zeichen eingegraben waren. Hierher pflegten die Jäger die
Eingeweide des erlegten Wildbrets zu tragen, die Fischer opferten
da die Lebern der Hechte und Welse, Landleute brachten einen Bund
Getreide dar oder schichteten Äpfel und Weintrauben zu kleinen
Pyramiden. Der Sumpf nahm allezeit diese Gaben gnädig an und verzehrte
sie. Patera kam in früheren Jahren oft hierher und wagte sich allein
bei Nacht diesen heiligen Orten zu nähern. Wie ich erfahren habe,
opferte er im Namen des Traumvolkes „der Sumpfmutter“ -- und verband
sich aufs neue mit ihr -- in Mysterien, in denen Blut und Geschlecht
besonders bedeutsam waren. -- Nun war er lange nicht mehr dagewesen,
und heute wusste jedermann von diesen Geheimnissen und fluchte, und
schwur „beim Blut Pateras“ -- -- -- Die Folgen davon wurden überall
deutlich. Ein alter Tempelspruch „Auf Blut steht Wahnsinn!“ -- war
in Erfüllung gegangen. Erwähnen will ich noch, dass der blauäugige
Stamm jenseits des Flusses all diesen Bräuchen fern blieb. Weitab von
diesen Stätten zwischen den verkümmerten Gebüschen und den niederen
Nadelholzbäumen waren buntbemalte Holzsäulen in den weichen Boden
gerammt. Das waren auch geweihte Orte, doch anderer Art. Hier wurden
die „fröhlichen Nächte“ gefeiert. Die Traumbauern führten zur Erntezeit
an bestimmten Abenden Leiterwagen voll Heu und Blumen dahin. Meterhoch
wurde der Boden mit der frischen duftenden Ladung bedeckt. Man
entfachte ein Feuer -- schäumend floss der Most aus dem Spundloch, die
Freude der festlich geschmückten Teilnehmer tobte.
Nach lustiger Erzählung, Spiel, Tanz und reichlicher Mahlzeit blies
meist ein warmer und nach Frucht duftender Wind die Feuer aus. Die
Paare blieben, jedes in seinem Nest, bis zum Morgen.
In dem grossen, wackligen Maschinenhaus beim Bahnhof roch es noch immer
wie in einer Menagerie. Der scharfe Unflat der Tiere, welche hier
ihren Unterschlupf gehabt hatten, war gemischt mit dem schwärzlichen
Schlammwasser, das in grossen Lachen stand. Heute bewegte sich in
der feuchten, versandeten Halle eine Gestalt, in einen Kapuzenmantel
gehüllt; emsig klopfte und arbeitete der einsame Heizer an einer
rostigen alten Lokomotive herum. Er untersuchte alle Teile genau und
ölte verschwenderisch. Dann schürte er wieder und beim Aufreissen der
Feuerungstüre wurde sein schwitzendes, tatkräftiges Gesicht vom Glanze
der roten Glut erleuchtet: Herkules Bell.
Schon Wochen vorher hatte er die Bahnstrecke untersucht und alle
Weichen richtig gestellt. Die Maschine, anfangs träge und knirschend,
fing nun an zu schnauben, Bell fuhr mit ihr aus dem wackeligen Bau.
Ein paar aufgescheuchte Eulen begleiteten ihn. Mit Hilfe einer vorher
ausprobierten Drehscheibe gelang es ihm nach und nach, das Hauptgeleise
zu erreichen. Sein Kohlenvorrat genügte -- schlimmstenfalls konnte er
ihn auf einer Zwischenstation ergänzen.
Die Anstrengung hatte ihm heiss gemacht, er legte seinen Mantel ab.
Nochmals das Feuer speisend, warf er einen Blick auf das Manometer und
riss am Hebel. Das alte Vehikel setzte sich in Bewegung. -- Es war
eine gefährliche Fahrt, denn der niedere Bahndamm war halb zerstört.
Zeitweise überschwemmte das Sumpfwasser auf lange Strecken die Geleise,
vorne spritzte es hoch auf, die Räder mähten wuchernde Binsen; hinter
sich liessen sie eine lange Kielwelle.
[Illustration]
Der Fahrende atmete die schwefeligen Dünste des aufgewühlten,
stagnierenden Morastes. In der Ferne unterschied er die undeutlichen,
weisslichen Trümmer einer längst zu Grunde gegangenen altpersischen
Niederlassung.
Er heizte, dass der Kessel zu springen drohte, die Feuerstelle und die
angrenzenden Stahlteile röteten sich, die Lokomotive hüpfte auf den
verbogenen und zerfressenen Schienen. Er dampfte an den verlassenen
Bauernhöfen vorbei, den ausgestorbenen Landgütern, den dürren Wäldern.
-- Einmal musste er anhalten, um den Kadaver eines halbausgefressenen
Gauls von den Geleisen zu zerren. Dann keuchte und rasselte es wieder
und nach zwei Stunden hielt er auf freiem Felde. Er versorgte sein
Feuer, spuckte auf den Kessel, dass es zischte und sprang ab. Eine
Zeitlang folgte er dem Schienenstrang und verschwand dann in einem
kleinen, von Baumriesen bestanden Tale. Die vertrockneten Ranken und
die niederhängenden Baumbärte versuchten den Eilenden zu hindern.
Nach einer halbstündigen Wanderung bemerkte er ein matt erleuchtetes
Fenster, dahinter stieg eine schwarze Wand scheinbar bis in die
Unendlichkeit des Himmels. Der Amerikaner öffnete mit sicherer Hand
ein Gartenpförtchen, schlich sich an das Fenster und schaute hinein.
Auf einem tintenbeklexten Tisch brannte eine Petroleumlampe mit grünem
Schirm. Beschriebenes Papier, Formulare, Siegelwachs, Bleiplomben lagen
verstreut umher; auf einer niederen Balustrade erblickte man Werkzeuge,
Nägel, Bindfaden. Das Prunkstück des engen Raumes stellte das sehr
schlechte, von einer Anstalt in Perle verbreitete, lebensgrosse
Brustbild Pateras dar. -- Das war die Kanzlei des Grenzwächters des
Traumreiches. Der alte Mann selbst schlief in einem mit Wachstuch
überzogenen Lehnstuhl. Sein bärtiges Haupt war lässig in die eine Hand
gestützt, er machte den Eindruck der Schwächlichkeit. Vorschriftsmässig
hatte er den Schlüssel zur sogenannten „kleinen Tür“, einem nur für
einzelne Personen bestimmten Torausschnitt der grossen Mauer, am Gürtel
in einem Karabiner hängen; der meterlange Hauptschlüssel war in einem
eisernen Kassenschrank verwahrt. Mit seinen beiden Söhnen versorgte
der Bejahrte den schwierigen Dienst; nebenan war die Privatwohnung.
Daran schloss sich die Kaserne der Grenzaufseher und Zollbeamten.
Beide Gebäude lehnten sich mit ihrer Rückwand gegen die kolossale
Umfassungsmauer.
Alle Details waren dem Späher genau bekannt. Überraschend schnell
verfinsterte es sich jetzt, so dass Bell, an die gleichmässige
Dämmerung gewöhnt, sich verwundert umschaute, und hinter den fast
bis an den Boden niederhängenden Wolken kaum mehr die Blechdächer
der bei der Anfangsstation gelegenen Speicher erkennen konnte. --
Katzenhaft geräuschlos trat er in den überhitzten Raum und schob die
Kapuze zurück. In der Rechten hielt er den schweren, eisernen Hebel
der Lokomotive. „Auf einen mehr oder weniger kommt es jetzt nicht
mehr an“, reflektierte er, dabei unverwandt den Schläfer beobachtend.
Dieser machte eine unwillkürliche Bewegung mit dem Kopfe und liess ihn
hintüber auf die Lehne fallen. -- Da, ein wohlgezielter Hieb mit der
Eisenstange! -- es klang, wie wenn man mit der flachen Hand auf das
Wasser klatscht. Der kraftvolle Schlag hatte das Stirnbein genau in der
Mitte getroffen und zerschmettert, und beide Augäpfel aus ihren Höhlen
getrieben, wodurch der Ermordete mit seinem Barte eine schauerlich
groteske Fratze schnitt. Ein tiefes, leises Beben durchfuhr den im
Stuhle ruhig Sitzenbleibenden.
Komisch geziert verbeugte sich der Amerikaner vor dem Bildnis Pateras.
„Doch einmal überlistet!“ Dann nahm er den Schlüssel vom Gürtel des
Getöteten, seine Bewegungen waren rasch und sicher. Neben dem Lehnstuhl
stand am Boden eine Blendlaterne. Während er sich danach bückte,
fühlte er, wie sich etwas fest um sein Handgelenk schloss. +Es war
der Tote+, oder vielmehr nur seine gelben Finger, die er gestreift
haben musste. -- Die Leiche lag hilflos und still da. Aber in ihren
schrecklichen Fingern lebte eine so unermessliche Kraft, dass sie
auch ein Stück Stahl wie Teig zerdrückt hätten. Bell schrie: „Das ist
Patera!“ Es war ihm deutlich, dass bei diesem mechanischen Anwachsen
des Druckes in etlichen Minuten sein Gelenk durchquetscht sein musste.
Schon verlor er das Empfinden in dem langsam immer mehr gepressten
Glied. -- -- Er schälte mit den Zähnen das Fleisch von der Handwurzel
des grausigen Gegners -- aber das ging alles noch viel zu langsam,
die Hand war verloren. -- In diesem grässlichen Augenblick sah er auf
der Balustrade ein geöffnetes Gartenmesser. Ein Sprung -- und er war
dort; die Leiche flog als lästiges Anhängsel mit. Mit kunstgerechten
Schnitten trennte er die Hand des Toten vom Körper ab, -- sie fiel
sofort schlaff herunter. Bell stiess einen mystisch klingenden Seufzer
der Erleichterung aus. Gleichmässig freundlich lächelnd blickte Pateras
Bild mit den geölten und gescheitelten Locken auf ihn herab. Mit der
Blendlaterne lief er davon.
[Illustration]
An der Mauer nahm ihn der gewaltige Tunnel auf. Der Amerikaner war in
grosser Erregung; jetzt sollte es sich zeigen, ob sein Plan gelungen
war, seinen Berechnungen nach musste europäische Hilfe in nächster
Nähe sein. +Er brauchte sie, musste sie haben+; +allein+ konnte selbst
er mit dem von Stunde zu Stunde gefährlicher werdenden Traumpöbel nicht
fertig werden.
Er schloss die „kleine Tür“ auf, und trat in die frische, kalte
Nachtluft hinaus. Dann liess er eine mitgebrachte Rakete steigen --
eine Fontäne geschmolzenen Goldes schoss gegen den Nachthimmel; ganz
oben beschrieb sie einige wunderliche Kurven und zersprühte in einem
Büschel Sterne. Fieberhaft wartete der Amerikaner, ob dieses Signal
irgendeine Wirkung haben würde; .... Nichts!.... schwarz und still
blieb alles rings umher. -- Falsch gerechnet! -- -- Mit enttäuschter
Wut betrachtete er beim Schein seiner Laterne das monumentale eherne
Tor mit den schweren Eisenbändern. Sollte er wieder zurück? -- Noch
einen Blick warf er in die Weite. Da huschte mit einem Male eine
gespenstische Lichterscheinung über das Firmament, -- nur sekundenlang,
dann verschwand sie ebenso schnell. Aber nochmals erstrahlte sie
in bläulichem Glänze wie ein Komet. -- +Das waren die Scheinwerfer
der Russen.+ -- Wildeste Freude und stolze Genugtuung erfüllte den
willensstarken Mann. Gewonnen!! -- und Bell lief was er konnte zurück,
das Tor für die Truppen offen lassend. Das Lichtpünktchen der Laterne
verschwand hinter den Hügeln, atemlos gelangte er zu seiner Lokomotive.
-- Die Grenzaufseher, echte Söhne des Archivs, hatten von diesen
Vorgängen nichts gemerkt.
Der Amerikaner liess seine alte Maschine rückwärts fahren, unausgesetzt
schürte er nach, ein langer Feuerstreifen, aus dem Rauchfang kommend,
bewegte sich rasch durch die vollständig dunkle Wüstenei. Die
unternehmende Kühnheit Amerikas hatte triumphiert. Bell setzte in
überschäumender Lust die Dampfpfeife in Tätigkeit, schrill, schmerzlich
klagend, ertönte ihr Ruf durch die Finsternis. „Und jetzt wollen wir
Ordnung in dieses Land bringen!“ gelobte er sich. Der Schmerz in
seiner hochgeschwollenen Hand war mittlerweile aufdringlich geworden.
Vergeblich trachtete er, ihn durch einreiben mit Maschinenöl zu
lindern. Aber seine sieghafte Freude wurde kaum gestört.
In der Richtung auf Perle fing der Himmel sich zu röten an -- -- ein
greller Schein, der rasch stärker wurde, sich an der Wolkenbank brach
und bald den ganzen Horizont einnahm. Besorgt schaute der Amerikaner
auf diese neue Glut. Das rostige Ungetüm schob sich jetzt, ohne seine
Geschwindigkeit zu vermindern, durch das Schlammeer. Die schwarze,
hohe Bugwelle, die es vor sich hertrieb, überschüttete den Führer mit
schleimigem Wasser. Die Stücke einer mitten entzwei gerissenen Natter
wurden hereingeschleudert und ringelten sich zu seinen Füssen. Der
heisse Aschenkasten, fast zur Hälfte im Wasser, zischte in der fettigen
Nässe, das Manometer stand auf 99, jeden Moment konnte der Kessel
explodieren. Mit einer schweren Zange drückte der Amerikaner das Ventil
nieder, um den überschüssigen Dampf zurückzuhalten.
Als die Bahnstation in Sicht kam, hielt er an und sprang ungeduldig ab.
Die Lokomotive überliess er ihrem Schicksal und jagte in die Stadt.
Da war alles in brennende Röte getaucht, das Archiv stand in Flammen.
Fortwährend fanden kleine Staubexplosionen statt, -- hoch in die Luft
schleuderte die Lohe die brennenden Papierfetzen, die feurigen Vögeln
gleich über die Stadt hinflogen. Eine laut heulende und lachende Menge
wogte in den heissen Strassen.
Den Amerikaner erfasste ein Schauder, er musste sich auf einen
Steinhaufen setzen. Matt und kraftlos presste er die Worte heraus:
„Patera überlässt seinem Nachfolger nur die Exkremente.“