Unberührt von allem, was sich begab, blieben die Blauäugigen. Sie
blickten ruhig über den Fluss. Allerdings musste auch bei ihnen
etwas vorgehen, denn vor ihren sonderbaren Wohnstätten hatten
sie grosse Kessel aufgestellt. Tag und Nacht sah man sie daran
herumhantieren. Augenscheinlich wurde etwas gekocht. Der Wind trug
einen beissenden, übelriechenden Qualm herüber, der zum Husten reizte.
Der Gestank verwandelte sich bald in Wohlgeruch. Die Blauäugigen, die
sonst so ernst und bedächtig waren, tanzten jetzt um die Kessel und
sangen monotone, schleppende Chöre. Unsere Banden wollten hinüber. --
Längst hatte man herausbekommen, dass man in der Vorstadt lange nicht
so unter dem Ungeziefer und dem Schmutz litt. Die Brücke war jedoch
eingestürzt und fortgeschwemmt worden. Boote gab es nicht mehr, ein
Schwimmversuch zwischen den Reptilien des Stromes wäre Selbstmord
gewesen.
[Illustration]
Ich weilte am Ufer, wo ich auf einem Brückenpfeiler sass. Nicht mehr
fähig, diese Szenen, die meine Fassungskraft übertrafen, zu ertragen,
wollte ich meinem Leben ein gewaltsames Ende bereiten. Fasziniert
starrte ich in die trüben Fluten, die ich mir zum Grabe erkoren hatte.
-- Im nächsten Augenblick sollten sie mich aufnehmen. Ich hatte das
deutliche Gefühl, dass mir etwas ungeheuer Grosses jetzt bevorstehen
müsse. Langsam, ganz allmählich liess ich mich hinuntergleiten, --
+es war wie im Traum!+
Unter gurgelndem Sausen bildete sich mitten im Wasser ein gähnender
Trichter und ein schwarzes Loch saugte den Strom in sich. Die noch
immer glimmenden Überreste der Mühle versanken zischend in weissen
Dämpfen.
Die Lange Gasse stürzte in sich zusammen, ich erblickte infolgedessen
den Palast, der von hier aus sonst nicht sichtbar gewesen war. Hellrot
beschienen und erhaben ragte seine geschlossene Masse über die Trümmer.
Ich dachte, jetzt müssten Posaunen ertönen, das jüngste Gericht sei
angebrochen. In tobenden Katarakten stürzte sich der Negro in das
gierig geöffnete Maul des schwarzen Strudels, das sich auf seinem
Grunde aufgetan hatte. Fische und Krebse zappelten im Schlamm und
blieben an den Wasserpflanzen hängen.
[Illustration]
Da gewahrte ich eine kleine Schar Männer am jenseitigen Ufer, die durch
das sandige Flussbett herüberkamen: die Blauäugigen. Gesenkten Hauptes
schritten sie an mir vorbei. Zuerst ein gebücktes Wesen mit einem
vielfach gefurchten, wie zersprungenen Gesicht, als wäre es tausend
Jahre alt. Von dem ungewöhnlich hohen Schädel fielen lange schlichte
Silbersträhnen. Es kam mir einen Augenblick in den Sinn, es könne
eine Frau sein. Dann die andern! Lauter hohe, abgezehrte Gestalten.
Der letzte, ein wenig grösser und aufrechter schreitend, blickte sich
nach mir um. Ich schaute in das schönste Gesicht, das ich je gesehen
habe, das Antlitz Pateras ausgenommen. Wie aus Porzellan geformt war
das reine Eirund des Kopfes. Mit den durchsichtig dünnen Nasenflügeln,
dem schmalen, etwas eingedrückten Kinn, kam mir der Mann wie ein
überfeinerter Mandschuprinz oder wie ein Engel aus einer buddhistischen
Legende vor. Seine schlanken, langen Gelenke sprachen von äusserster
Entwicklung der Rasse. Alles Haar war abgeschabt und vollkommen glatt
spannte sich seine Haut. Mit einem unvergleichlichen Blick aus
seinen blauen Augen sah er mich an. Das konnte keine Zurückweisung sein
-- ich folgte ihm nach.
[Illustration]
Da dehnte und streckte sich der Boden wie Kautschuk, ein betäubender
Knall wie von vielen hundert Kanonen erschütterte die Luft. Langsam
neigte sich die Fassade des Palastes, bog sich wie ein Fahnentuch im
Wind und begrub den grossen Platz unter ihrem Angesicht. --
Von allen Türmen Perles ertönten die Glocken, melodisch, imposant
läuteten sie den Schwanengesang der sterbenden Stadt. Ich war zu Tränen
gerührt, mir war als schritte ich im Leichenzug beim Begräbnis des
Traumreiches.
Ich folgte den blauäugigen Männern durch ein schmales Tor, das in die
Felswand eingelassen war. Im trüben Licht einzelner Fackeln führte
eine lange Stiege mit ungleichmässigen Stufen empor. Meine Führer
verschwanden in einem Felsgeschoss, das seitlich in die Wand gegraben
war. Ich aber stieg immer höher, um mich nach einem geschützten
Platz umzusehen und gelangte wieder ins Freie und sah den geröteten
Himmel über mir. Ich befand mich in der alten Bergfestung. Einzelne
Geschütze standen noch auf die Stadt gerichtet, sonst waren die
Lafetten zerbrochen und die bronzenen Rohre lagen verstreut auf den
Wällen. Schroff fiel hier die Bergwand einige hundert Meter ab. Ich
setzte mich. Unter mir sah ich ein Labyrinth von Gängen, ich traute
meinen Augen kaum! Die Stadt war vollständig unterminiert gewesen
wie ein Maulwurfsbau. Ein breiter Tunnel verband den Palast mit der
Vorstadt, andere reichten bis weit in das Land hinein. Diese nun offen
daliegenden Gänge füllte jetzt das dunkle Wasser des Negro, alles was
noch stand, versank allmählich in ihnen. -- Von der anderen Seite
flutete der Sumpf immer näher heran.
Das Geläute war verstummt, die Türme eingestürzt, nur der grosse
Uhrturm stand noch, seine mächtige Glocke summte in tiefen Basstönen.
Leben sah ich kaum mehr. Ein kleiner Trupp Menschen schien nur
entronnen zu sein. Sie schossen nach allen Richtungen auseinander und
fuhren dann wieder auf einen Punkt zusammen, wie Marionetten, von einer
einzigen Schnur regiert; so sahen sie von hier oben aus. --
Zwecklos schienen die Leute da unten herumgehetzt zu werden. Endlich
rasten alle, einem unsichtbaren Kommando folgend, über die Trümmer in
erstaunlichen, letzten Sprüngen gegen den Strom, setzten durch sein
leeres Bett und warfen sich gegen die Vorstadt.
Aus einem grossen Loch in der Erde blies ein eiskalter Wind bis zu
mir herauf, so dass die Flüchtenden über den Haufen purzelten. Das
unheimliche Loch atmete die ausgestossene Luft wieder ein, Bretter,
Balken und Menschen verschwanden in ihm; wie eine Windhose war es
anzusehen. -- Nur einige wenige entkamen und wollten sich in den
Häuschen der Vorstadt verstecken. Dann hörten die Windstösse auf, und
vorsichtig streckte sich ein Kamelskopf aus dem dunklen Loche. Er sass
an einem endlosen Halse, blickte sich klug um und hob sich bis zur Höhe
meines Standortes. Da lachte er lautlos und zog sich wieder zurück.
Die Hütten fingen an, sich zu bewegen, die Windmühlen schlugen mit
ihren Armen nach den Eindringlingen, die Strohdächer sträubten ihr
struppiges Haar, die Zelte blähten sich, als beherbergten sie Winde,
die Bäume griffen mit ihren Ästen nach den Menschen, die Stangen bogen
sich wie Rohre, schliesslich kletterten die Tempelchen und Häuser
aufeinander und +sprachen+ mit entsetzlich lauter, vernehmlicher Stimme
in schnarrendem Ton seltsame Worte -- -- eine unverständliche, dunkle
Häusersprache! -- -- --
In den Kanälen schwammen noch immer Leichen, die jetzt langsam in den
Schoss der Erde eingesogen wurden. Dann verwischte sich alles vor
mir, ich glaube noch bemerkt zu haben, dass die Häuserpyramide in der
Vorstadt krachend zusammenstürzte.
Es war, wie wenn sich eine Wasserschicht zwischen mich und die Dinge da
in der Tiefe schieben wollte. Von oben senkten sich Nebel, undeutlich
verschwimmend glänzte der Feuerherd, einige Male noch hörte ich ein
Massengeschrei, ein langgedehntes; ohooo -- ohoooo -- -- -- -- dann sah
ich nichts mehr, alles war in dichten Nebel gehüllt, kaum die Hand vor
den Augen konnte ich erblicken. -- -- -- Bald wurde es heller, eine
grosse glänzende Scheibe war am Himmel, unzählige glimmernde Pünktchen
überdeckten das dunkelblaue Firmament .... Es waren der Mond und die
Sterne .... Seit drei Jahren hatte ich diesen Anblick entbehrt, fast
vergessen hatte ich diese grosse Welt über uns und ich musste mich dem
Eindruck dieses unendlich hohen Himmels eine Weile willenlos hingeben.
Eine scharfe Kälte drang mir in die Knochen und ich blickte fröstelnd
hinab. Die weite Wolkenbank, der Himmel des Traumreichs, hatte sich
gesenkt.
Da begann ein dumpfes Rollen in der krausen Wolkenmasse unter mir, ein
Donnern, als stürmten unsichtbar die apokalyptischen Reiter daher,
endlos schwoll es an, brandete an den steilen Bergen, kam doppelt und
dreifach zurück, nahm ab und stieg ins Ungeheure, verteilte sich,
grollte aus allen Hochtälern und über alle Pässe, wollte kein Ende
nehmen, dauerte lange, lange und verebbte langsam. -- --
Das war der +Untergang des Traumreichs+.
Eine graue Decke war über das Land gebreitet, am Horizont ragten klar
im Mondlicht die Gletscher des Tien-schangebirges.