XXI.

Unberührt von allem, was sich begab, blieben die Blauäugigen. Sie

blickten ruhig über den Fluss. Allerdings musste auch bei ihnen

etwas vorgehen, denn vor ihren sonderbaren Wohnstätten hatten

sie grosse Kessel aufgestellt. Tag und Nacht sah man sie daran

herumhantieren. Augenscheinlich wurde etwas gekocht. Der Wind trug

einen beissenden, übelriechenden Qualm herüber, der zum Husten reizte.

Der Gestank verwandelte sich bald in Wohlgeruch. Die Blauäugigen, die

sonst so ernst und bedächtig waren, tanzten jetzt um die Kessel und

sangen monotone, schleppende Chöre. Unsere Banden wollten hinüber. --

Längst hatte man herausbekommen, dass man in der Vorstadt lange nicht

so unter dem Ungeziefer und dem Schmutz litt. Die Brücke war jedoch

eingestürzt und fortgeschwemmt worden. Boote gab es nicht mehr, ein

Schwimmversuch zwischen den Reptilien des Stromes wäre Selbstmord

gewesen.

[Illustration]

Ich weilte am Ufer, wo ich auf einem Brückenpfeiler sass. Nicht mehr

fähig, diese Szenen, die meine Fassungskraft übertrafen, zu ertragen,

wollte ich meinem Leben ein gewaltsames Ende bereiten. Fasziniert

starrte ich in die trüben Fluten, die ich mir zum Grabe erkoren hatte.

-- Im nächsten Augenblick sollten sie mich aufnehmen. Ich hatte das

deutliche Gefühl, dass mir etwas ungeheuer Grosses jetzt bevorstehen

müsse. Langsam, ganz allmählich liess ich mich hinuntergleiten, --

+es war wie im Traum!+

Unter gurgelndem Sausen bildete sich mitten im Wasser ein gähnender

Trichter und ein schwarzes Loch saugte den Strom in sich. Die noch

immer glimmenden Überreste der Mühle versanken zischend in weissen

Dämpfen.

Die Lange Gasse stürzte in sich zusammen, ich erblickte infolgedessen

den Palast, der von hier aus sonst nicht sichtbar gewesen war. Hellrot

beschienen und erhaben ragte seine geschlossene Masse über die Trümmer.

Ich dachte, jetzt müssten Posaunen ertönen, das jüngste Gericht sei

angebrochen. In tobenden Katarakten stürzte sich der Negro in das

gierig geöffnete Maul des schwarzen Strudels, das sich auf seinem

Grunde aufgetan hatte. Fische und Krebse zappelten im Schlamm und

blieben an den Wasserpflanzen hängen.

[Illustration]

Da gewahrte ich eine kleine Schar Männer am jenseitigen Ufer, die durch

das sandige Flussbett herüberkamen: die Blauäugigen. Gesenkten Hauptes

schritten sie an mir vorbei. Zuerst ein gebücktes Wesen mit einem

vielfach gefurchten, wie zersprungenen Gesicht, als wäre es tausend

Jahre alt. Von dem ungewöhnlich hohen Schädel fielen lange schlichte

Silbersträhnen. Es kam mir einen Augenblick in den Sinn, es könne

eine Frau sein. Dann die andern! Lauter hohe, abgezehrte Gestalten.

Der letzte, ein wenig grösser und aufrechter schreitend, blickte sich

nach mir um. Ich schaute in das schönste Gesicht, das ich je gesehen

habe, das Antlitz Pateras ausgenommen. Wie aus Porzellan geformt war

das reine Eirund des Kopfes. Mit den durchsichtig dünnen Nasenflügeln,

dem schmalen, etwas eingedrückten Kinn, kam mir der Mann wie ein

überfeinerter Mandschuprinz oder wie ein Engel aus einer buddhistischen

Legende vor. Seine schlanken, langen Gelenke sprachen von äusserster

Entwicklung der Rasse. Alles Haar war abgeschabt und vollkommen glatt

spannte sich seine Haut. Mit einem unvergleichlichen Blick aus

seinen blauen Augen sah er mich an. Das konnte keine Zurückweisung sein

-- ich folgte ihm nach.

[Illustration]

Da dehnte und streckte sich der Boden wie Kautschuk, ein betäubender

Knall wie von vielen hundert Kanonen erschütterte die Luft. Langsam

neigte sich die Fassade des Palastes, bog sich wie ein Fahnentuch im

Wind und begrub den grossen Platz unter ihrem Angesicht. --

Von allen Türmen Perles ertönten die Glocken, melodisch, imposant

läuteten sie den Schwanengesang der sterbenden Stadt. Ich war zu Tränen

gerührt, mir war als schritte ich im Leichenzug beim Begräbnis des

Traumreiches.

Ich folgte den blauäugigen Männern durch ein schmales Tor, das in die

Felswand eingelassen war. Im trüben Licht einzelner Fackeln führte

eine lange Stiege mit ungleichmässigen Stufen empor. Meine Führer

verschwanden in einem Felsgeschoss, das seitlich in die Wand gegraben

war. Ich aber stieg immer höher, um mich nach einem geschützten

Platz umzusehen und gelangte wieder ins Freie und sah den geröteten

Himmel über mir. Ich befand mich in der alten Bergfestung. Einzelne

Geschütze standen noch auf die Stadt gerichtet, sonst waren die

Lafetten zerbrochen und die bronzenen Rohre lagen verstreut auf den

Wällen. Schroff fiel hier die Bergwand einige hundert Meter ab. Ich

setzte mich. Unter mir sah ich ein Labyrinth von Gängen, ich traute

meinen Augen kaum! Die Stadt war vollständig unterminiert gewesen

wie ein Maulwurfsbau. Ein breiter Tunnel verband den Palast mit der

Vorstadt, andere reichten bis weit in das Land hinein. Diese nun offen

daliegenden Gänge füllte jetzt das dunkle Wasser des Negro, alles was

noch stand, versank allmählich in ihnen. -- Von der anderen Seite

flutete der Sumpf immer näher heran.

Das Geläute war verstummt, die Türme eingestürzt, nur der grosse

Uhrturm stand noch, seine mächtige Glocke summte in tiefen Basstönen.

Leben sah ich kaum mehr. Ein kleiner Trupp Menschen schien nur

entronnen zu sein. Sie schossen nach allen Richtungen auseinander und

fuhren dann wieder auf einen Punkt zusammen, wie Marionetten, von einer

einzigen Schnur regiert; so sahen sie von hier oben aus. --

Zwecklos schienen die Leute da unten herumgehetzt zu werden. Endlich

rasten alle, einem unsichtbaren Kommando folgend, über die Trümmer in

erstaunlichen, letzten Sprüngen gegen den Strom, setzten durch sein

leeres Bett und warfen sich gegen die Vorstadt.

Aus einem grossen Loch in der Erde blies ein eiskalter Wind bis zu

mir herauf, so dass die Flüchtenden über den Haufen purzelten. Das

unheimliche Loch atmete die ausgestossene Luft wieder ein, Bretter,

Balken und Menschen verschwanden in ihm; wie eine Windhose war es

anzusehen. -- Nur einige wenige entkamen und wollten sich in den

Häuschen der Vorstadt verstecken. Dann hörten die Windstösse auf, und

vorsichtig streckte sich ein Kamelskopf aus dem dunklen Loche. Er sass

an einem endlosen Halse, blickte sich klug um und hob sich bis zur Höhe

meines Standortes. Da lachte er lautlos und zog sich wieder zurück.

Die Hütten fingen an, sich zu bewegen, die Windmühlen schlugen mit

ihren Armen nach den Eindringlingen, die Strohdächer sträubten ihr

struppiges Haar, die Zelte blähten sich, als beherbergten sie Winde,

die Bäume griffen mit ihren Ästen nach den Menschen, die Stangen bogen

sich wie Rohre, schliesslich kletterten die Tempelchen und Häuser

aufeinander und +sprachen+ mit entsetzlich lauter, vernehmlicher Stimme

in schnarrendem Ton seltsame Worte -- -- eine unverständliche, dunkle

Häusersprache! -- -- --

In den Kanälen schwammen noch immer Leichen, die jetzt langsam in den

Schoss der Erde eingesogen wurden. Dann verwischte sich alles vor

mir, ich glaube noch bemerkt zu haben, dass die Häuserpyramide in der

Vorstadt krachend zusammenstürzte.

Es war, wie wenn sich eine Wasserschicht zwischen mich und die Dinge da

in der Tiefe schieben wollte. Von oben senkten sich Nebel, undeutlich

verschwimmend glänzte der Feuerherd, einige Male noch hörte ich ein

Massengeschrei, ein langgedehntes; ohooo -- ohoooo -- -- -- -- dann sah

ich nichts mehr, alles war in dichten Nebel gehüllt, kaum die Hand vor

den Augen konnte ich erblicken. -- -- -- Bald wurde es heller, eine

grosse glänzende Scheibe war am Himmel, unzählige glimmernde Pünktchen

überdeckten das dunkelblaue Firmament .... Es waren der Mond und die

Sterne .... Seit drei Jahren hatte ich diesen Anblick entbehrt, fast

vergessen hatte ich diese grosse Welt über uns und ich musste mich dem

Eindruck dieses unendlich hohen Himmels eine Weile willenlos hingeben.

Eine scharfe Kälte drang mir in die Knochen und ich blickte fröstelnd

hinab. Die weite Wolkenbank, der Himmel des Traumreichs, hatte sich

gesenkt.

Da begann ein dumpfes Rollen in der krausen Wolkenmasse unter mir, ein

Donnern, als stürmten unsichtbar die apokalyptischen Reiter daher,

endlos schwoll es an, brandete an den steilen Bergen, kam doppelt und

dreifach zurück, nahm ab und stieg ins Ungeheure, verteilte sich,

grollte aus allen Hochtälern und über alle Pässe, wollte kein Ende

nehmen, dauerte lange, lange und verebbte langsam. -- --

Das war der +Untergang des Traumreichs+.

Eine graue Decke war über das Land gebreitet, am Horizont ragten klar

im Mondlicht die Gletscher des Tien-schangebirges.

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