Das Kaffeehaus war, ehe es gänzlich in sich zusammenfiel, schon derart
in seinem Innern baufällig gewesen, dass keine Gäste mehr kommen
wollten. Das machte der Wirt seinem Oberkellner zum Vorwurf:
„Sie sehen aus wie ein Schwein!“ sprach er ruhig und begütigend zu
ihm. Bei dieser milden Form konnte es also nur der Inhalt des Satzes
sein, der in dem falschen Kellner einen gemeinen Wunsch wachrief. Eines
Nachts stiess er hinterlistig seinen arglosen Chef in die Kelleröffnung
und warf die Falltüre zu. Der Wirt brach sich zwar einen Arm, fiel aber
sonst weich wie ein Gummiball infolge des Wirtsspeckes. Obwohl über
Anton entrüstet, ahnte er doch nicht die Grösse der Gefahr, in der er
schwebte. Der Kellner hatte für sein Verbrechen auf Verbündete gezählt
und sich als geübter Zahlkellner nicht verrechnet. Diese furchtbaren
Verbündeten waren die Millionen von Ratten, welche die unterirdischen
Gewölbe und Katakomben von Perle bevölkerten. Der Wirt, vorläufig im
Dunkel nach der falschen Richtung tappend, geriet in den Gang, in dem
auch ich seinerzeit so viel ausgestanden hatte.
Vergeblich sucht er einen Ausgang, der gebrochene Arm schwillt an und
beginnt heftig zu schmerzen. Er ermattet, ein leises Quietschen wird
vernehmlich -- ein Huschen und Hüpfen; erst vereinzelt, -- dann immer
stärker, -- hundert-, -- tausendfach. -- -- -- Nun merkt er, in was
für eine Falle man ihn gestossen hat, er versucht zu laufen, um sich
zu schlagen, immer wieder spürt er die tastenden Händchen -- schwere
Klumpen hängen sich an ihn. Der Arm, der sie abstreift, erhält kleine
scharfe Bisse. Er versucht, die Feinde herunterzuschütteln. Vier- --
fünf- -- sechsmal gelingt es, dann wirft er sich auf den Boden, um die
hungrigen Quäler los zu werden! Es werden vielleicht hundert Ratten
zerquetscht und zertreten -- Tausende erstehen dafür und preisen das
Glück, das der Schöpfer über das Rattenvolk hat kommen lassen! -- -- --
-- -- Von verschiedenen Leuten wurde mir über merkwürdige Rufe
berichtet, über schauerliche Flüche, jammervolle Gebete, dumpfes
Gebrüll, das sie aus den verschiedenen Gossen und Kanälen gehört
haben wollten. Die angegebenen Orte lagen allerdings ziemlich weit
auseinander, aber die Akustik im Traumreich war eine ungewöhnliche.
Der Herr Anton führte nach dem spurlosen Verschwinden seines Brotgebers
das Café noch ein paar Stunden fort, sperrte dann und verliess
das Lokal. Einnahmen hatte er doch nicht mehr zu erwarten. -- Die
Schachspieler blieben. -- Durch ein Spiel des Zufalls kam er mit
Castringius zusammen und verbündete sich mit dem ehemaligen Zeichner.
Nik hatte seinen Beruf gewechselt. Er bestritt seinen Lebensunterhalt
jetzt aus den Ersparnissen anderer Leute -- mit anderen Worten:
er stahl, was ihm unter die Finger kam. Seine letzte Arbeit: „Der
aussätzige Albino tötet das Urhirn“, hatte er dem Amerikaner gewidmet,
dem er zu verstehen gab, dass das Blatt ein „allegorisches Symbol“ sei
und einen Wert von hunderttausend Mark repräsentiere. Er könne es für
die Lumperei von 5000 haben. Bell lachte und liess den Künstler zur
Tür hinauswerfen. In neuester Zeit konnte einem das leicht bei ihm
passieren. Castringius ging rachebrütend zu Patera über und schädigte
seitdem die Anhänger „dieses verdammten Yankee“ nach seiner Weise. Als
er wiederum einmal eine gute Beute getan und sich gerade aus dem Staube
machen wollte, spürte er eine fremde Hand in seiner hintern Rocktasche.
Zupackend gewahrte er, dass an dieser Hand der Kellner Anton hing!
Entschuldigungen, -- Aufklärungen. -- Das Ende war, dass die zwei
schönen Seelen von nun an gemeinsame Sache machten. Ihre Spezialität
war: Einbruch in verlassene Landhäuser. Im Schlossgarten besassen sie
ein Versteck, wo sie die zusammengerafften Reichtümer aufstapelten und
vergruben. Eines Tages hatten sie einen besonders vielversprechenden
Fischzug vor. Die Villa des früheren Traumspiegelredakteurs, der dem
Biss einer Giftschlange erlegen war, stand leer. Die beiden schlichen
vorsichtig und möglichst im Dunkeln bleibend ins Gartenviertel.
Schweigend gingen sie nebeneinander her, jeder hing eigenen Gedanken
nach. Anton hoffte immer auf eine Gelegenheit, sich seines Freundes
entledigen zu können. -- Er, nur er allein wäre dann der Erbe gewesen.
Castringius hingegen überzählte im Geiste den schon gewonnenen Besitz.
Er war befriedigt. -- Noch ein paar glückliche Griffe und er hatte
genug, um irgendwo in Europa ein ehrliches, sorgenfreies Künstlerleben
zu beginnen.
[Illustration]
-- Man sah sehr schlecht. „Dauert es noch lange?“ frug mürrisch der
Kellner.
„Du bist doch sonst dein ganzes Leben gerannt! Dort, das letzte Haus,
da sind wir daheim.“ --
Von Bäumen halb verdeckt, unterschied man jetzt einen First. An dem
Gartenzaun sicherte Castringius nach allen Seiten.
„Alles soweit in Ordnung, also steige hinüber!“ forderte er seinen
Genossen auf.
Jetzt war diesem das Drängen nicht recht, er fürchtete immer eine
List des Zeichners. Nach langem Hin und Her stieg Castringius ein
-- der andere folgte. Am Stacheldraht blieben die Frackschösse des
Kellners hängen. „Ein Opfer des Berufes!“ konstatierte sarkastisch der
Genosse. Sie durchstöberten kundig die Wohnung. Weder im Arbeitszimmer
des Zeitungsmannes, noch sonstwo fand sich etwas Mitnehmenswertes.
Enttäuscht äusserte sich Castringius über den Redakteur.
„Ich begreife mich selbst gar nicht! Wie konnte ich nur einmal vor
diesem Menschen Respekt haben? Hier dediziere ich dir dreizehn
Jahrgänge des Traumspiegels“, sagte er schadenfroh zu Anton, der
missvergnügt die verfallene Möbelpracht ansah, und wies auf eine
Bücherreihe.
„Hör mir auf mit deinen blöden Witzen, diesen Mist kannst du dir selbst
behalten.“
„Schweig! Lakai! Was verstehst du von Höherem? Diese Bände enthalten
fast die ganze Produktion eines Künstlers, der dir ewig fremd bleiben
wird. Dein Horizont reicht kaum für die Arbeiten meines geschätzten
Kollegen!“ Mit einem Blick voll verächtlichen Mitleids strafte er Anton.
Im Schlafzimmer fahndeten sie nach brauchbarer Garderobe. -- Ein
unterdrückter Seufzer! -- „Hast du gehört?“ frug zitternd der
abergläubische Kellner und liess vor Angst beinahe das Licht fallen.
Auf dem Bette hockte, in eine Decke gewickelt, die zusammengekauerte
Gestalt eines kaum entwickelten Mädchens, das die Eindringlinge zu Tod
erschrocken mit grossen Augen anstarrte: „Luischen, das Töchterchen
meines Redakteurs?! -- Gehört selbstverständlich mir!“ rief fröhlich
Castringius und näherte sich unter Verbeugungen dem eingeschüchterten
Kinde.
„Bitte, wir teilen! Wie ausgemacht!“ Sofort regte sich bei dem wieder
mutig gewordenen die Eifersucht.
[Illustration]
Castringius wandte sich um, die Stirne vorgebeugt, wie ein Bulle
-- nein, einem betrunkenen Ochsenfrosch glich er; er glotzte den
dünnen, durch schlechte Nahrung heruntergekommenen Kellner an. Seine
kurzen, stämmigen Beine standen unverrückbar, die langen Arme mit den
fürchterlichen Tatzen einige Male schlenkernd, knurrte er dumpf:
„Mein Herr, hier habe ich wohl ältere Rechte. Mit einem Flegel wie du
teile ich nicht; wenn du willst, so probiere es.“
Er fletschte die Zähne. -- Er kannte seine Kraft, konnte ihr vertrauen.
Anton, der Geriebenere, war seit dem Bestehen des Kompaniegeschäftes
auf eine solche Szene vorbereitet und trug vorsichtshalber ein
Gegenmittel im Sack. Unvermutet flog der ersten Kraft des Traumspiegels
eine Handvoll gemahlenen Pfeffers ins Gesicht. --
Der so Geblendete griff aufs Geratewohl zu, packte seinen Gegner an
der Brust und riss ihn zu sich heran. Die Schiffsschrauben schlossen
sich hinter seinem Rücken, Anton knickte ein. Beide, der Lange und der
Kurze, wälzten sich auf dem Boden, zuerst rollten sie durchs ganze
Gemach, dann durch die offene Tür auf die Altane hinaus. Dass das
Geländer zerbrochen war, merkten die sich wütend umschlungen haltenden
nicht. Sie flogen vom Balkon auf das Dach der angebauten Waschküche,
glitten weiter abwärts und stürzten in die geöffnete Senkgrube.
Es gab einen dumpfen Plumps ..... dann stiegen einige Blasen auf ......