XVI.

Das Kaffeehaus war, ehe es gänzlich in sich zusammenfiel, schon derart

in seinem Innern baufällig gewesen, dass keine Gäste mehr kommen

wollten. Das machte der Wirt seinem Oberkellner zum Vorwurf:

„Sie sehen aus wie ein Schwein!“ sprach er ruhig und begütigend zu

ihm. Bei dieser milden Form konnte es also nur der Inhalt des Satzes

sein, der in dem falschen Kellner einen gemeinen Wunsch wachrief. Eines

Nachts stiess er hinterlistig seinen arglosen Chef in die Kelleröffnung

und warf die Falltüre zu. Der Wirt brach sich zwar einen Arm, fiel aber

sonst weich wie ein Gummiball infolge des Wirtsspeckes. Obwohl über

Anton entrüstet, ahnte er doch nicht die Grösse der Gefahr, in der er

schwebte. Der Kellner hatte für sein Verbrechen auf Verbündete gezählt

und sich als geübter Zahlkellner nicht verrechnet. Diese furchtbaren

Verbündeten waren die Millionen von Ratten, welche die unterirdischen

Gewölbe und Katakomben von Perle bevölkerten. Der Wirt, vorläufig im

Dunkel nach der falschen Richtung tappend, geriet in den Gang, in dem

auch ich seinerzeit so viel ausgestanden hatte.

Vergeblich sucht er einen Ausgang, der gebrochene Arm schwillt an und

beginnt heftig zu schmerzen. Er ermattet, ein leises Quietschen wird

vernehmlich -- ein Huschen und Hüpfen; erst vereinzelt, -- dann immer

stärker, -- hundert-, -- tausendfach. -- -- -- Nun merkt er, in was

für eine Falle man ihn gestossen hat, er versucht zu laufen, um sich

zu schlagen, immer wieder spürt er die tastenden Händchen -- schwere

Klumpen hängen sich an ihn. Der Arm, der sie abstreift, erhält kleine

scharfe Bisse. Er versucht, die Feinde herunterzuschütteln. Vier- --

fünf- -- sechsmal gelingt es, dann wirft er sich auf den Boden, um die

hungrigen Quäler los zu werden! Es werden vielleicht hundert Ratten

zerquetscht und zertreten -- Tausende erstehen dafür und preisen das

Glück, das der Schöpfer über das Rattenvolk hat kommen lassen! -- -- --

-- -- Von verschiedenen Leuten wurde mir über merkwürdige Rufe

berichtet, über schauerliche Flüche, jammervolle Gebete, dumpfes

Gebrüll, das sie aus den verschiedenen Gossen und Kanälen gehört

haben wollten. Die angegebenen Orte lagen allerdings ziemlich weit

auseinander, aber die Akustik im Traumreich war eine ungewöhnliche.

Der Herr Anton führte nach dem spurlosen Verschwinden seines Brotgebers

das Café noch ein paar Stunden fort, sperrte dann und verliess

das Lokal. Einnahmen hatte er doch nicht mehr zu erwarten. -- Die

Schachspieler blieben. -- Durch ein Spiel des Zufalls kam er mit

Castringius zusammen und verbündete sich mit dem ehemaligen Zeichner.

Nik hatte seinen Beruf gewechselt. Er bestritt seinen Lebensunterhalt

jetzt aus den Ersparnissen anderer Leute -- mit anderen Worten:

er stahl, was ihm unter die Finger kam. Seine letzte Arbeit: „Der

aussätzige Albino tötet das Urhirn“, hatte er dem Amerikaner gewidmet,

dem er zu verstehen gab, dass das Blatt ein „allegorisches Symbol“ sei

und einen Wert von hunderttausend Mark repräsentiere. Er könne es für

die Lumperei von 5000 haben. Bell lachte und liess den Künstler zur

Tür hinauswerfen. In neuester Zeit konnte einem das leicht bei ihm

passieren. Castringius ging rachebrütend zu Patera über und schädigte

seitdem die Anhänger „dieses verdammten Yankee“ nach seiner Weise. Als

er wiederum einmal eine gute Beute getan und sich gerade aus dem Staube

machen wollte, spürte er eine fremde Hand in seiner hintern Rocktasche.

Zupackend gewahrte er, dass an dieser Hand der Kellner Anton hing!

Entschuldigungen, -- Aufklärungen. -- Das Ende war, dass die zwei

schönen Seelen von nun an gemeinsame Sache machten. Ihre Spezialität

war: Einbruch in verlassene Landhäuser. Im Schlossgarten besassen sie

ein Versteck, wo sie die zusammengerafften Reichtümer aufstapelten und

vergruben. Eines Tages hatten sie einen besonders vielversprechenden

Fischzug vor. Die Villa des früheren Traumspiegelredakteurs, der dem

Biss einer Giftschlange erlegen war, stand leer. Die beiden schlichen

vorsichtig und möglichst im Dunkeln bleibend ins Gartenviertel.

Schweigend gingen sie nebeneinander her, jeder hing eigenen Gedanken

nach. Anton hoffte immer auf eine Gelegenheit, sich seines Freundes

entledigen zu können. -- Er, nur er allein wäre dann der Erbe gewesen.

Castringius hingegen überzählte im Geiste den schon gewonnenen Besitz.

Er war befriedigt. -- Noch ein paar glückliche Griffe und er hatte

genug, um irgendwo in Europa ein ehrliches, sorgenfreies Künstlerleben

zu beginnen.

[Illustration]

-- Man sah sehr schlecht. „Dauert es noch lange?“ frug mürrisch der

Kellner.

„Du bist doch sonst dein ganzes Leben gerannt! Dort, das letzte Haus,

da sind wir daheim.“ --

Von Bäumen halb verdeckt, unterschied man jetzt einen First. An dem

Gartenzaun sicherte Castringius nach allen Seiten.

„Alles soweit in Ordnung, also steige hinüber!“ forderte er seinen

Genossen auf.

Jetzt war diesem das Drängen nicht recht, er fürchtete immer eine

List des Zeichners. Nach langem Hin und Her stieg Castringius ein

-- der andere folgte. Am Stacheldraht blieben die Frackschösse des

Kellners hängen. „Ein Opfer des Berufes!“ konstatierte sarkastisch der

Genosse. Sie durchstöberten kundig die Wohnung. Weder im Arbeitszimmer

des Zeitungsmannes, noch sonstwo fand sich etwas Mitnehmenswertes.

Enttäuscht äusserte sich Castringius über den Redakteur.

„Ich begreife mich selbst gar nicht! Wie konnte ich nur einmal vor

diesem Menschen Respekt haben? Hier dediziere ich dir dreizehn

Jahrgänge des Traumspiegels“, sagte er schadenfroh zu Anton, der

missvergnügt die verfallene Möbelpracht ansah, und wies auf eine

Bücherreihe.

„Hör mir auf mit deinen blöden Witzen, diesen Mist kannst du dir selbst

behalten.“

„Schweig! Lakai! Was verstehst du von Höherem? Diese Bände enthalten

fast die ganze Produktion eines Künstlers, der dir ewig fremd bleiben

wird. Dein Horizont reicht kaum für die Arbeiten meines geschätzten

Kollegen!“ Mit einem Blick voll verächtlichen Mitleids strafte er Anton.

Im Schlafzimmer fahndeten sie nach brauchbarer Garderobe. -- Ein

unterdrückter Seufzer! -- „Hast du gehört?“ frug zitternd der

abergläubische Kellner und liess vor Angst beinahe das Licht fallen.

Auf dem Bette hockte, in eine Decke gewickelt, die zusammengekauerte

Gestalt eines kaum entwickelten Mädchens, das die Eindringlinge zu Tod

erschrocken mit grossen Augen anstarrte: „Luischen, das Töchterchen

meines Redakteurs?! -- Gehört selbstverständlich mir!“ rief fröhlich

Castringius und näherte sich unter Verbeugungen dem eingeschüchterten

Kinde.

„Bitte, wir teilen! Wie ausgemacht!“ Sofort regte sich bei dem wieder

mutig gewordenen die Eifersucht.

[Illustration]

Castringius wandte sich um, die Stirne vorgebeugt, wie ein Bulle

-- nein, einem betrunkenen Ochsenfrosch glich er; er glotzte den

dünnen, durch schlechte Nahrung heruntergekommenen Kellner an. Seine

kurzen, stämmigen Beine standen unverrückbar, die langen Arme mit den

fürchterlichen Tatzen einige Male schlenkernd, knurrte er dumpf:

„Mein Herr, hier habe ich wohl ältere Rechte. Mit einem Flegel wie du

teile ich nicht; wenn du willst, so probiere es.“

Er fletschte die Zähne. -- Er kannte seine Kraft, konnte ihr vertrauen.

Anton, der Geriebenere, war seit dem Bestehen des Kompaniegeschäftes

auf eine solche Szene vorbereitet und trug vorsichtshalber ein

Gegenmittel im Sack. Unvermutet flog der ersten Kraft des Traumspiegels

eine Handvoll gemahlenen Pfeffers ins Gesicht. --

Der so Geblendete griff aufs Geratewohl zu, packte seinen Gegner an

der Brust und riss ihn zu sich heran. Die Schiffsschrauben schlossen

sich hinter seinem Rücken, Anton knickte ein. Beide, der Lange und der

Kurze, wälzten sich auf dem Boden, zuerst rollten sie durchs ganze

Gemach, dann durch die offene Tür auf die Altane hinaus. Dass das

Geländer zerbrochen war, merkten die sich wütend umschlungen haltenden

nicht. Sie flogen vom Balkon auf das Dach der angebauten Waschküche,

glitten weiter abwärts und stürzten in die geöffnete Senkgrube.

Es gab einen dumpfen Plumps ..... dann stiegen einige Blasen auf ......

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