In der Stadt tobte der Aufruhr. Vom Schlossgarten her nahte Militär,
mehrere Eskadronen Kürassiere nahmen vor dem Palast Aufstellung, lauter
ausgesucht schöne Leute, denen man das Elend der letzten Wochen nicht
allzusehr anmerken konnte. Die Brustpanzer und die Helme zeigten wohl
Rostspuren, waren sonst aber gut im Stand.
Hinter eilig aufgeworfenen Barrikaden lagen die Empörer in geschützter
Stellung; unter der Führung de Nemis, des einzigen fahnenflüchtigen
Offiziers Pateras, hatten sie vor einigen Stunden ein Arsenal erbrochen
und besassen nun Waffen, so viel sie brauchten.
Die Revolutionäre waren in zehnfacher Überzahl und darauf gründete
sich ihr Mut. Gegenüber stampften die Rosse ungeduldig den Boden. Dass
die Kanaille Flinten hatte, erfüllte den alten Oberst, den wackern
Duschnitzky, mit schwerer Sorge. Übrigens gefielen ihm auch seine
Pferde nicht mehr, sie waren nervös, schlecht gefüttert, verwahrlost.
Er hatte vorgehabt, mit dem Angriff auf die angesagten Verstärkungen
zu warten, aber es war nicht zu säumen; bis die kamen, konnten die
Aufrührer schon das Archiv eingenommen haben, und dann hätte sich mit
Kavallerie nichts mehr ausrichten lassen. Ausserdem vergrösserten sich
die Pflasterwälle von Minute zu Minute.
Einige Leutnants lachten und steckten sich Zigaretten an. Sie
wollten die Kerle tüchtig zusammenfegen, sie freuten sich auf die
Strassenreinigung, für junge Offiziere ist so etwas immer ein Spass.
Gerade aufgerichtet, mit ein wenig stupiden Mienen, harrte die
Mannschaft.
Da fiel ein Schuss, ein Reiter stürzte vom Pferde. -- Der Oberst winkte
und ritt vor die Front. Sein echtes, verbissenes Soldatengesicht
mit der bronzefarbenen gegerbten Haut schien in diesem Augenblick
wahrhaft schön. Er salutierte zum schweigenden Palast hinauf -- wie
ein „Ave Caesar“ war es -- dann klangen ein paar Hornsignale, und
mit einem lauten Hurra warf sich die geschlossene Reitermasse gegen
die Barrikaden. Die Pallasche weit vorgestreckt, den gespenstischen
Rosshaarbusch nachwehen lassend, hingen die Reiter über den Hälsen
ihrer dahinjagenden Pferde. Das scharfe Geknatter einer Salve empfing
sie. Vielleicht fünf Kürassiere glitten aus dem Sattel. Aber -- die
Pferde versagten -- das war weit schlimmer. Sie stiegen auf, bäumten
sich kerzengerade und warfen ihre Herren ab. Unter durchdringendem
Wiehern rasten sie in weitem Bogen um den grossen Platz, stürzten sich,
die Barrikaden überspringend, mit entsetzlicher Wucht auf Aufrührer
und Soldaten, dabei alles niederschlagend, was sich ihnen in den
Weg stellte; eine Pferdepanik war ausgebrochen! Die Tiere, welche
übernatürliche Kräfte zu haben schienen, waren wie Besessene.
In diesem Moment traf die erwartete Verstärkung ein, die das Unglück
noch vergrösserte. Die angekommenen Gäule witterten die gewaltige
Bewegung, und wurden sofort mit hineingerissen. Morsche Geschirre und
Sattelgurte platzten, und die Reiter, die keinen Halt mehr fühlten,
überkollerten sich und wälzten sich am Boden, bevor sie noch recht
wussten, wo der Feind war. Aller Lasten ledig, stob die wilde Herde
gegen die Kaserne, dass die Funken sprühten.
[Illustration]
Ich stand in der Langen Gasse, als ich ein herannahendes Donnern
vernahm -- instinktiv stieg ich auf eine kleine Mauer an der Seitenwand
des Kaffeehauses -- da prasselten schon die Hufe auf dem Pflaster
-- ich blickte in verstörte, gequollene Augen, -- sah aufgetriebene
Nüstern und verzerrte Mäuler -- roch ein paar Augenblicke den scharfen
Schweiss -- dann war alles im aufgewirbelten Staub verschwunden, in der
Richtung gegen die Felder.
Fett und träge sassen die grossen Geier auf ihren Piedestalen,
den Stümpfen der Alleebäume, und sahen gleichgültig auf die
Vorbeiziehenden. Nur einem nachhinkenden braunen Gaul, der sich
beständig im Kreise drehte, schenkten sie etwas mehr Aufmerksamkeit.
Die aufgeregte Jagd umkreiste die ganze Stadt. Einzelne Versprengte
fegten wie blind durch die krummen Gassen, bis sie sich an einer
Mauerecke die Schädel einrannten. Die Hauptmasse verkeilte und staute
sich mehrmals in engen Passagen und Sackgassen, bis sie auf der
Schutthalde anlangte. Da gab’s keinen Ausweg mehr! -- Die Schwachen
wurden von den Stärkeren niedergetrampelt, es fielen Hufschläge, dass
die Gedärme spritzten und übler Dampf sich verbreitete. Der alte Oberst
wäre wohl erfreut gewesen, wenn er den schönen Erfolg seiner Attacke
hätte ansehen können; denn unzählige Aufrührer fanden dabei durch
Zertrampeln ihren Tod. Doch eine Faust in weissem Stulphandschuh war
alles, was von ihm erkenntlich blieb -- der Rest war in dem Wust von
Gliedern, Kürassen, Knochensplittern, Helmen, Sätteln und Zaumzeug
vollständig aufgegangen.