XV.

In der Stadt tobte der Aufruhr. Vom Schlossgarten her nahte Militär,

mehrere Eskadronen Kürassiere nahmen vor dem Palast Aufstellung, lauter

ausgesucht schöne Leute, denen man das Elend der letzten Wochen nicht

allzusehr anmerken konnte. Die Brustpanzer und die Helme zeigten wohl

Rostspuren, waren sonst aber gut im Stand.

Hinter eilig aufgeworfenen Barrikaden lagen die Empörer in geschützter

Stellung; unter der Führung de Nemis, des einzigen fahnenflüchtigen

Offiziers Pateras, hatten sie vor einigen Stunden ein Arsenal erbrochen

und besassen nun Waffen, so viel sie brauchten.

Die Revolutionäre waren in zehnfacher Überzahl und darauf gründete

sich ihr Mut. Gegenüber stampften die Rosse ungeduldig den Boden. Dass

die Kanaille Flinten hatte, erfüllte den alten Oberst, den wackern

Duschnitzky, mit schwerer Sorge. Übrigens gefielen ihm auch seine

Pferde nicht mehr, sie waren nervös, schlecht gefüttert, verwahrlost.

Er hatte vorgehabt, mit dem Angriff auf die angesagten Verstärkungen

zu warten, aber es war nicht zu säumen; bis die kamen, konnten die

Aufrührer schon das Archiv eingenommen haben, und dann hätte sich mit

Kavallerie nichts mehr ausrichten lassen. Ausserdem vergrösserten sich

die Pflasterwälle von Minute zu Minute.

Einige Leutnants lachten und steckten sich Zigaretten an. Sie

wollten die Kerle tüchtig zusammenfegen, sie freuten sich auf die

Strassenreinigung, für junge Offiziere ist so etwas immer ein Spass.

Gerade aufgerichtet, mit ein wenig stupiden Mienen, harrte die

Mannschaft.

Da fiel ein Schuss, ein Reiter stürzte vom Pferde. -- Der Oberst winkte

und ritt vor die Front. Sein echtes, verbissenes Soldatengesicht

mit der bronzefarbenen gegerbten Haut schien in diesem Augenblick

wahrhaft schön. Er salutierte zum schweigenden Palast hinauf -- wie

ein „Ave Caesar“ war es -- dann klangen ein paar Hornsignale, und

mit einem lauten Hurra warf sich die geschlossene Reitermasse gegen

die Barrikaden. Die Pallasche weit vorgestreckt, den gespenstischen

Rosshaarbusch nachwehen lassend, hingen die Reiter über den Hälsen

ihrer dahinjagenden Pferde. Das scharfe Geknatter einer Salve empfing

sie. Vielleicht fünf Kürassiere glitten aus dem Sattel. Aber -- die

Pferde versagten -- das war weit schlimmer. Sie stiegen auf, bäumten

sich kerzengerade und warfen ihre Herren ab. Unter durchdringendem

Wiehern rasten sie in weitem Bogen um den grossen Platz, stürzten sich,

die Barrikaden überspringend, mit entsetzlicher Wucht auf Aufrührer

und Soldaten, dabei alles niederschlagend, was sich ihnen in den

Weg stellte; eine Pferdepanik war ausgebrochen! Die Tiere, welche

übernatürliche Kräfte zu haben schienen, waren wie Besessene.

In diesem Moment traf die erwartete Verstärkung ein, die das Unglück

noch vergrösserte. Die angekommenen Gäule witterten die gewaltige

Bewegung, und wurden sofort mit hineingerissen. Morsche Geschirre und

Sattelgurte platzten, und die Reiter, die keinen Halt mehr fühlten,

überkollerten sich und wälzten sich am Boden, bevor sie noch recht

wussten, wo der Feind war. Aller Lasten ledig, stob die wilde Herde

gegen die Kaserne, dass die Funken sprühten.

[Illustration]

Ich stand in der Langen Gasse, als ich ein herannahendes Donnern

vernahm -- instinktiv stieg ich auf eine kleine Mauer an der Seitenwand

des Kaffeehauses -- da prasselten schon die Hufe auf dem Pflaster

-- ich blickte in verstörte, gequollene Augen, -- sah aufgetriebene

Nüstern und verzerrte Mäuler -- roch ein paar Augenblicke den scharfen

Schweiss -- dann war alles im aufgewirbelten Staub verschwunden, in der

Richtung gegen die Felder.

Fett und träge sassen die grossen Geier auf ihren Piedestalen,

den Stümpfen der Alleebäume, und sahen gleichgültig auf die

Vorbeiziehenden. Nur einem nachhinkenden braunen Gaul, der sich

beständig im Kreise drehte, schenkten sie etwas mehr Aufmerksamkeit.

Die aufgeregte Jagd umkreiste die ganze Stadt. Einzelne Versprengte

fegten wie blind durch die krummen Gassen, bis sie sich an einer

Mauerecke die Schädel einrannten. Die Hauptmasse verkeilte und staute

sich mehrmals in engen Passagen und Sackgassen, bis sie auf der

Schutthalde anlangte. Da gab’s keinen Ausweg mehr! -- Die Schwachen

wurden von den Stärkeren niedergetrampelt, es fielen Hufschläge, dass

die Gedärme spritzten und übler Dampf sich verbreitete. Der alte Oberst

wäre wohl erfreut gewesen, wenn er den schönen Erfolg seiner Attacke

hätte ansehen können; denn unzählige Aufrührer fanden dabei durch

Zertrampeln ihren Tod. Doch eine Faust in weissem Stulphandschuh war

alles, was von ihm erkenntlich blieb -- der Rest war in dem Wust von

Gliedern, Kürassen, Knochensplittern, Helmen, Sätteln und Zaumzeug

vollständig aufgegangen.

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