XIII.

Ich hatte von alldem nichts erfahren, denn meine Schritte richteten

sich gegen den Friedhof. Beunruhigt durch die Grabschändungen, wollte

ich nach der Ruhestätte meiner Frau sehen. Der Hügel war unverletzt,

das kleine eiserne Kreuz hatte der Rost gänzlich zerfressen.

Von ferne sah ich die frischen Massengräber -- hastig wurden jetzt die

Toten verscharrt, vier Schuh Erde mussten genügen. Natürlich zogen

die ausströmenden Miasmen Wölfe, Hunde und Schakale an, die in der

frisch aufgeworfenen Erde wühlten, und während ihrer Mahlzeiten öfters

erlegt werden konnten. Ich müsste mich sehr getäuscht haben, wenn ein

dunkles, hochrückiges Geschöpf, das ich hinter den Marmorblöcken der

erbrochenen Blumenstichschen Familiengruft sah und das ein wieherndes

Lachen ausstiess, keine Hyäne war. Ein bleierner Himmel zog sich über

den Gottesacker. Zertretene Immortellen, Zweige und vermoderte Kränze

steigerten die gewaltige Melancholie dieses Ortes.

Mich fröstelte, da ich schon lange in keinem Bett mehr gelegen war.

Da fiel mir ein, dass ich vor einiger Zeit eine Ankündigung gelesen

hatte, wonach auf den Polizeistationen für Unterkunftslose Decken

verteilt wurden. Eine solche Station war an die Leichenhalle angebaut

und stand mit dieser in Verbindung. Traurig und mit hängendem Kopf

suchte ich sie. Eine weiche Anwandlung durchzog mich, ich hatte das

Empfinden, auf nachgiebige Massen, Moos -- Heu -- Werg -- zu treten.

Die Zypressen schienen mir auszuweichen; zwischen den hellschimmernden

Grabsteinen hindurch sah ich ein niedriges Gebäude aus rohen

Ziegelmauern. Ohne viel hinzusehen, las ich das Wort: „Polizeistation“

über der geöffneten Glastüre.

Der Raum, den ich betrat, war sehr notdürftig eingerichtet. Grosse,

quadratische Fenster waren in Kopfhöhe angebracht; durch ihre

Milchglasscheiben drang spärliches Licht.

An den schadhaften Mauern hingen in schmalen schwarzen Rahmen

einzelne Verordnungen, an der Hinterwand über einer geschlossenen

Tür sah ich das Bildnis König Ludwigs des Zweiten von Bayern. An der

hohen, weissgetünchten Decke waren primitive, rechtwinkelige Gasarme

befestigt. Ausserdem befand sich ein langer, schmutziger Tisch in dem

Gemach, und darauf lag etwas Grauenerregendes: ein aufgeblähter, kurzer

Körper in einer goldüberladenen blutbesudelten Uniform. Er war ganz

steif und nur die Beine leicht gekrümmt. Die Füsse fehlten, die Hosen

waren unter den Knien zugebunden.

„Das ist der König von Bayern“, schoss es mir durch den Kopf, und

da war ich auch schon fest überzeugt davon. Sein schwärzliches,

durchsichtiges Kinnbärtchen stand in die Höhe, ich wagte aber das fette

Gesicht nicht näher anzusehen, denn ich wusste, dass seine tückischen

Augen lebten und mich verfolgten -- und von derartigen Blicken hatte

ich für immer genug.

Durch eine Glastüre zu meiner Rechten fiel ein schräger Lichtstreif.

„Vielleicht sind hier die Beamten?“ dachte ich und sah durch das

Türfenster. Entsetzt fuhr ich zurück; ich hatte in ein langes,

schmales Gemach geblickt, in welchem +Hunderte+ von Leichnamen

aufgestapelt waren. Sie steckten in grauen Getreidesäcken, die man am

Hals zugebunden hatte, so dass nur die Köpfe herausschauten, meistens

grünliche Gesichter, die lachten und die Zähne bleckten; -- viele wie

getrocknet mit staubigen, zerdrückten Augäpfeln -- andere waren ganz

eingepackt und mit aufgeklebten Adressen versehen. Die vorstehenden

Knie und Ellbogen, sowie die Schädelrundungen, liessen die verrenkten

Stellungen ahnen. An der Rückwand dieses Leichenmagazins hing eine

Tafel, auf der mit grossen Lettern geschrieben stand:

„Halle für plötzlich Verstorbene.“

In weitem Bogen um Ludwig den Zweiten herumgehend, wollte ich das

Freie gewinnen; da wurde es mir plötzlich klar, dass der Kurze,

Goldstrotzende auf dem Tische gar nicht der König von Bayern, sondern

unser Regierungspräsident war. --

„Ich weiss ein Geheimnis,“ sprach ich zu mir, „das will ich für mich

behalten. Vielleicht ist es doch der König von Bayern.“ -- --

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