Ich hatte von alldem nichts erfahren, denn meine Schritte richteten
sich gegen den Friedhof. Beunruhigt durch die Grabschändungen, wollte
ich nach der Ruhestätte meiner Frau sehen. Der Hügel war unverletzt,
das kleine eiserne Kreuz hatte der Rost gänzlich zerfressen.
Von ferne sah ich die frischen Massengräber -- hastig wurden jetzt die
Toten verscharrt, vier Schuh Erde mussten genügen. Natürlich zogen
die ausströmenden Miasmen Wölfe, Hunde und Schakale an, die in der
frisch aufgeworfenen Erde wühlten, und während ihrer Mahlzeiten öfters
erlegt werden konnten. Ich müsste mich sehr getäuscht haben, wenn ein
dunkles, hochrückiges Geschöpf, das ich hinter den Marmorblöcken der
erbrochenen Blumenstichschen Familiengruft sah und das ein wieherndes
Lachen ausstiess, keine Hyäne war. Ein bleierner Himmel zog sich über
den Gottesacker. Zertretene Immortellen, Zweige und vermoderte Kränze
steigerten die gewaltige Melancholie dieses Ortes.
Mich fröstelte, da ich schon lange in keinem Bett mehr gelegen war.
Da fiel mir ein, dass ich vor einiger Zeit eine Ankündigung gelesen
hatte, wonach auf den Polizeistationen für Unterkunftslose Decken
verteilt wurden. Eine solche Station war an die Leichenhalle angebaut
und stand mit dieser in Verbindung. Traurig und mit hängendem Kopf
suchte ich sie. Eine weiche Anwandlung durchzog mich, ich hatte das
Empfinden, auf nachgiebige Massen, Moos -- Heu -- Werg -- zu treten.
Die Zypressen schienen mir auszuweichen; zwischen den hellschimmernden
Grabsteinen hindurch sah ich ein niedriges Gebäude aus rohen
Ziegelmauern. Ohne viel hinzusehen, las ich das Wort: „Polizeistation“
über der geöffneten Glastüre.
Der Raum, den ich betrat, war sehr notdürftig eingerichtet. Grosse,
quadratische Fenster waren in Kopfhöhe angebracht; durch ihre
Milchglasscheiben drang spärliches Licht.
An den schadhaften Mauern hingen in schmalen schwarzen Rahmen
einzelne Verordnungen, an der Hinterwand über einer geschlossenen
Tür sah ich das Bildnis König Ludwigs des Zweiten von Bayern. An der
hohen, weissgetünchten Decke waren primitive, rechtwinkelige Gasarme
befestigt. Ausserdem befand sich ein langer, schmutziger Tisch in dem
Gemach, und darauf lag etwas Grauenerregendes: ein aufgeblähter, kurzer
Körper in einer goldüberladenen blutbesudelten Uniform. Er war ganz
steif und nur die Beine leicht gekrümmt. Die Füsse fehlten, die Hosen
waren unter den Knien zugebunden.
„Das ist der König von Bayern“, schoss es mir durch den Kopf, und
da war ich auch schon fest überzeugt davon. Sein schwärzliches,
durchsichtiges Kinnbärtchen stand in die Höhe, ich wagte aber das fette
Gesicht nicht näher anzusehen, denn ich wusste, dass seine tückischen
Augen lebten und mich verfolgten -- und von derartigen Blicken hatte
ich für immer genug.
Durch eine Glastüre zu meiner Rechten fiel ein schräger Lichtstreif.
„Vielleicht sind hier die Beamten?“ dachte ich und sah durch das
Türfenster. Entsetzt fuhr ich zurück; ich hatte in ein langes,
schmales Gemach geblickt, in welchem +Hunderte+ von Leichnamen
aufgestapelt waren. Sie steckten in grauen Getreidesäcken, die man am
Hals zugebunden hatte, so dass nur die Köpfe herausschauten, meistens
grünliche Gesichter, die lachten und die Zähne bleckten; -- viele wie
getrocknet mit staubigen, zerdrückten Augäpfeln -- andere waren ganz
eingepackt und mit aufgeklebten Adressen versehen. Die vorstehenden
Knie und Ellbogen, sowie die Schädelrundungen, liessen die verrenkten
Stellungen ahnen. An der Rückwand dieses Leichenmagazins hing eine
Tafel, auf der mit grossen Lettern geschrieben stand:
„Halle für plötzlich Verstorbene.“
In weitem Bogen um Ludwig den Zweiten herumgehend, wollte ich das
Freie gewinnen; da wurde es mir plötzlich klar, dass der Kurze,
Goldstrotzende auf dem Tische gar nicht der König von Bayern, sondern
unser Regierungspräsident war. --
„Ich weiss ein Geheimnis,“ sprach ich zu mir, „das will ich für mich
behalten. Vielleicht ist es doch der König von Bayern.“ -- --