Es war nicht mehr möglich, die Nacht vom Tage zu unterscheiden, in
dem gleichmässigen grauen Zwielicht konnte man sich nur notdürftig
zurechtfinden. Da alle Uhren eingerostet und stehen geblieben waren,
fehlte uns jede Zeitberechnung; daher ist es mir auch unmöglich
anzugeben, wie lange sich der Zustand der Auflösung hinauszog. Ab und
zu sah man noch ausgemergelte Raubtiere, doch mit eingeklemmtem Schweif
und dürren Flanken ergriffen sie bei der Annäherung des Menschen die
Flucht. Aus staubigen Winkeln wurden vertrocknete Schlangen gezogen.
[Illustration]
Um den Ausbruch einer Seuche zu verhindern erhielten die Traumstädter
den Befehl, alle Kadaver in den Fluss zu werfen. Diese Anordnungen
waren nur zum geringsten Teile ausführbar, denn in die baufälligen
Häuser wagte sich niemand mehr. Es verpestete Kaninchen- und
Schlangenbrut in ihren versteckten Gräbern die Stadt. Aus den Torwegen
schlug einem Leichengeruch entgegen. -- Von dem Lampenbogenschen
Miethause war die obere Hälfte zerfallen, ein langer Steinkamin
und eine Rückwand ragten in die Luft. Man sah den Querschnitt der
Wohnungen; ein paar Bilder hingen noch auf der geblümten Tapete unseres
ehemaligen Schlafzimmers. Durch ein grosses, dreieckiges Loch konnte
man den schmutzigen Plafond des Staatsgemaches der Prinzessin erblicken.
Die Molkerei war eine Beute des Mauerschwamms geworden; aus Fenstern
und Türen wucherte er und deformierte den ganzen Bau, aus den Dachluken
hing er in grossen weisslichen Lappen.
Das Holzhäuschen des Flussaufsehers brach unter der Last seines zu Moos
gewordenen Daches.
Das Kaffeehaus starb wie eine Kokette, die sich bemüht, den äusseren
Schein bis über das Ende hinaus zu wahren. Aussen war es scheinbar gut
erhalten; aber innen wurde es von den Trümmern des oberen Stockwerkes
und des Dachbodens angefüllt. Sonderbarerweise war eine Fensterscheibe
unversehrt geblieben, durch die man zwei hohe Ameisenhaufen gewahren
konnte. Man sah darin ein paar weisse Knöchelchen und zwischen beiden
stand ein Schachtisch, worauf ein schönes Matt gestellt war.
Ich ging durch die verödeten Strassen meinen Lieblingsweg dem Flussufer
zu: auch hier derselbe trostlose Anblick. Beim Wasenmeister ein
unerhörter Gestank, so dass ich den Fetzen, der mir als Taschentuch
diente, vor Mund und Nase halten musste. Die Umfassungsmauer des Hofes
war nach dem Negro zu eingestürzt; hinter dem Geröll lagen, zu Hügeln
getürmt, Tierleichen; im weiten Umkreise war ein Summen hörbar und
auf Schritt und Tritt rührten sich Millionen von Schmeissfliegen. Ich
ging zum Strom hinunter, um Luft zu schöpfen, denn da war es immer
noch am erträglichsten. Von der Badeanstalt sah man fast nichts mehr.
Ein paar Planken und Pfähle, dick mit grünem Schlamm und Schnecken
bedeckt, standen noch im Wasser. Auf einmal wurde es hell, und als ich
mich heftig erschrocken umwandte, sah ich, dass die Mühle brannte. Die
Fenster waren erfüllt von blendendem Feuerschein. Das morsche Gebälk
knisterte und knackte. Aus dem spitzen Schindeldach drang Rauch, eine
grosse Stichflamme schlug gegen den Himmel, und mit einem Krach stürzte
die vordere Wand ein. -- Das von innen erleuchtete Mühlwerk war in
Bewegung, man sah wie in den geöffneten Leib eines Menschen. Noch
schnurrten die Räder, es drehten sich die Mahlsteine, es erzitterten
die Trichter, der Mehlstaub verbreitete einen leichten Nebel durch die
Glut. Die Flammen ergriffen gierig die morschen Stiegen und Leitern,
und langsam, gleichsam widerstrebend, wurde ein Teil nach dem andern
bewegungslos -- wie die Organe eines Sterbenden.
Der grosse Mehlkasten stürzte zuletzt in die Flammen. Wo er gestanden,
sah ich ein Paar altmodische Stulpstiefel, in denen halbvermoderte
Beine steckten -- brennende Balken verbargen den Rest. Hinter mir hörte
ich eine hohle Stimme: „+Ich hab’ es getan! Schon zum vierten Male hab’
ich es getan und ich werde es immer wieder tun!+“
[Illustration]
Es war der Müller. -- Er nahm eine Prise, zog ein Rasiermesser heraus,
probierte die Klinge und schnitt sich die Gurgel durch. Er stürzte
nieder, wie aus einem Quell rieselte das Blut über seine Brust. Sein
Gesicht war zu einer satanischen Grimasse verzerrt. -- -- --
Diebe schlichen in die Klosterkirche, erbrachen das Tabernakel und
stahlen mit frechem Finger die edelsteingeschmückten Reliquien. Die
Nonnen konnten den Einbruch nicht verhindern, denn sie befanden sich
selbst in übler Lage. Ein Haufen Krüppel und Bresthafter, von seinen
Suppengängen her mit allen Winkeln des Klosters vertraut, stürmte das
Hospital. Ihre drohenden Forderungen nach Lebensmitteln wurden von den
Klosterschwestern, die selbst nichts besassen, abschlägig beschieden.
Unter rohem Gelächter verlangten sie andersartige Entschädigungen.
Wie bei einem Hexensabbat humpelte und kroch die widerliche Brut
immer näher an die Bedrängten. Ein noch ganz junges, schönes Mädchen
setzte sich zur Wehr und schlug einem Kerl mit einem Doppelkropf ein
Auge aus. Zur Strafe wurde sie auf eine eiserne Bettstelle gebunden.
Kreaturen, strotzend vor Ungeziefer, mit abgefressenen Nasen, eiterigen
Augen, faustgrossen Geschwüren, Krätzeschorf, beugten sich über
die Gefesselte, die während dieser Schändung erst wahnsinnig wurde
und dann starb. Die übrigen Nonnen unterwarfen sich gehorsam dem
unerforschlichen Schicksale; nur der achtzigjährigen Oberin blieb diese
Prüfung erspart, wohl infolge ihrer heissen Gebete.