X.

Es war nicht mehr möglich, die Nacht vom Tage zu unterscheiden, in

dem gleichmässigen grauen Zwielicht konnte man sich nur notdürftig

zurechtfinden. Da alle Uhren eingerostet und stehen geblieben waren,

fehlte uns jede Zeitberechnung; daher ist es mir auch unmöglich

anzugeben, wie lange sich der Zustand der Auflösung hinauszog. Ab und

zu sah man noch ausgemergelte Raubtiere, doch mit eingeklemmtem Schweif

und dürren Flanken ergriffen sie bei der Annäherung des Menschen die

Flucht. Aus staubigen Winkeln wurden vertrocknete Schlangen gezogen.

[Illustration]

Um den Ausbruch einer Seuche zu verhindern erhielten die Traumstädter

den Befehl, alle Kadaver in den Fluss zu werfen. Diese Anordnungen

waren nur zum geringsten Teile ausführbar, denn in die baufälligen

Häuser wagte sich niemand mehr. Es verpestete Kaninchen- und

Schlangenbrut in ihren versteckten Gräbern die Stadt. Aus den Torwegen

schlug einem Leichengeruch entgegen. -- Von dem Lampenbogenschen

Miethause war die obere Hälfte zerfallen, ein langer Steinkamin

und eine Rückwand ragten in die Luft. Man sah den Querschnitt der

Wohnungen; ein paar Bilder hingen noch auf der geblümten Tapete unseres

ehemaligen Schlafzimmers. Durch ein grosses, dreieckiges Loch konnte

man den schmutzigen Plafond des Staatsgemaches der Prinzessin erblicken.

Die Molkerei war eine Beute des Mauerschwamms geworden; aus Fenstern

und Türen wucherte er und deformierte den ganzen Bau, aus den Dachluken

hing er in grossen weisslichen Lappen.

Das Holzhäuschen des Flussaufsehers brach unter der Last seines zu Moos

gewordenen Daches.

Das Kaffeehaus starb wie eine Kokette, die sich bemüht, den äusseren

Schein bis über das Ende hinaus zu wahren. Aussen war es scheinbar gut

erhalten; aber innen wurde es von den Trümmern des oberen Stockwerkes

und des Dachbodens angefüllt. Sonderbarerweise war eine Fensterscheibe

unversehrt geblieben, durch die man zwei hohe Ameisenhaufen gewahren

konnte. Man sah darin ein paar weisse Knöchelchen und zwischen beiden

stand ein Schachtisch, worauf ein schönes Matt gestellt war.

Ich ging durch die verödeten Strassen meinen Lieblingsweg dem Flussufer

zu: auch hier derselbe trostlose Anblick. Beim Wasenmeister ein

unerhörter Gestank, so dass ich den Fetzen, der mir als Taschentuch

diente, vor Mund und Nase halten musste. Die Umfassungsmauer des Hofes

war nach dem Negro zu eingestürzt; hinter dem Geröll lagen, zu Hügeln

getürmt, Tierleichen; im weiten Umkreise war ein Summen hörbar und

auf Schritt und Tritt rührten sich Millionen von Schmeissfliegen. Ich

ging zum Strom hinunter, um Luft zu schöpfen, denn da war es immer

noch am erträglichsten. Von der Badeanstalt sah man fast nichts mehr.

Ein paar Planken und Pfähle, dick mit grünem Schlamm und Schnecken

bedeckt, standen noch im Wasser. Auf einmal wurde es hell, und als ich

mich heftig erschrocken umwandte, sah ich, dass die Mühle brannte. Die

Fenster waren erfüllt von blendendem Feuerschein. Das morsche Gebälk

knisterte und knackte. Aus dem spitzen Schindeldach drang Rauch, eine

grosse Stichflamme schlug gegen den Himmel, und mit einem Krach stürzte

die vordere Wand ein. -- Das von innen erleuchtete Mühlwerk war in

Bewegung, man sah wie in den geöffneten Leib eines Menschen. Noch

schnurrten die Räder, es drehten sich die Mahlsteine, es erzitterten

die Trichter, der Mehlstaub verbreitete einen leichten Nebel durch die

Glut. Die Flammen ergriffen gierig die morschen Stiegen und Leitern,

und langsam, gleichsam widerstrebend, wurde ein Teil nach dem andern

bewegungslos -- wie die Organe eines Sterbenden.

Der grosse Mehlkasten stürzte zuletzt in die Flammen. Wo er gestanden,

sah ich ein Paar altmodische Stulpstiefel, in denen halbvermoderte

Beine steckten -- brennende Balken verbargen den Rest. Hinter mir hörte

ich eine hohle Stimme: „+Ich hab’ es getan! Schon zum vierten Male hab’

ich es getan und ich werde es immer wieder tun!+“

[Illustration]

Es war der Müller. -- Er nahm eine Prise, zog ein Rasiermesser heraus,

probierte die Klinge und schnitt sich die Gurgel durch. Er stürzte

nieder, wie aus einem Quell rieselte das Blut über seine Brust. Sein

Gesicht war zu einer satanischen Grimasse verzerrt. -- -- --

Diebe schlichen in die Klosterkirche, erbrachen das Tabernakel und

stahlen mit frechem Finger die edelsteingeschmückten Reliquien. Die

Nonnen konnten den Einbruch nicht verhindern, denn sie befanden sich

selbst in übler Lage. Ein Haufen Krüppel und Bresthafter, von seinen

Suppengängen her mit allen Winkeln des Klosters vertraut, stürmte das

Hospital. Ihre drohenden Forderungen nach Lebensmitteln wurden von den

Klosterschwestern, die selbst nichts besassen, abschlägig beschieden.

Unter rohem Gelächter verlangten sie andersartige Entschädigungen.

Wie bei einem Hexensabbat humpelte und kroch die widerliche Brut

immer näher an die Bedrängten. Ein noch ganz junges, schönes Mädchen

setzte sich zur Wehr und schlug einem Kerl mit einem Doppelkropf ein

Auge aus. Zur Strafe wurde sie auf eine eiserne Bettstelle gebunden.

Kreaturen, strotzend vor Ungeziefer, mit abgefressenen Nasen, eiterigen

Augen, faustgrossen Geschwüren, Krätzeschorf, beugten sich über

die Gefesselte, die während dieser Schändung erst wahnsinnig wurde

und dann starb. Die übrigen Nonnen unterwarfen sich gehorsam dem

unerforschlichen Schicksale; nur der achtzigjährigen Oberin blieb diese

Prüfung erspart, wohl infolge ihrer heissen Gebete.

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