Nirgends spiegelte sich der unerhörte Zerfall des Traumreiches
deutlicher als in den Sitten, deren Schauplatz Mᵐᵉ Adriennes
beliebtes Institut im französischen Viertel war; bisher hatte es in
diskreter Stille geblüht, unterstützt durch gelegentliche Ratschläge
erfahrener Greise. Jetzt erschien zu dem interessanten, sehr strengen
Aufnahmeexamen die obere Gesellschaftsschicht in grosser Toilette.
Castringius’ Einfall, gezeichnete Doktordiplome zu verteilen, wurde
indessen zurückgewiesen. Es handle sich um keine wissenschaftliche
Fakultät, sondern um einen Kult -- wurde ihm bedeutet.
Das Zerfallen der Gewebe bot den ersten Anlass zum Erfinden der
berühmten geschlitzten Kleider. Selbst anständige Frauen, ja sie
besonders, gingen darin bis zum Äussersten; von ihnen soll die Idee
der sogenannten „Menüs“ stammen; was das heissen sollte, will ich nur
andeuten und hoffe dabei auf eine bescheidene Phantasie meiner Leser.
Wenn ich kurz sagen würde: sie scherzten und hatten sich sehr lieb!
so würde das das Bild nicht genau genug wiedergeben. Die Menüs waren
gedruckte Einladungskarten zu intimen Festlichkeiten. Die scheinbar
unverfängliche Speisenfolge wie: Sandwiches, Rehbraten, Charlotte-russe
bezeichnete technische Details in der Liebe, welche näher zu kennen
keinen Leser gelüsten wird.
Auch mein altes Café sah geheimnisvolle Orgien: wenigstens bemerkte ich
einmal, dass Stösse obszöner Bilder, Spiegel, Badewannen, Matratzen
hineingeschafft wurden. Ich frug den Wirt, was das zu bedeuten habe.
„Ach nichts! ein kleines Arrangement!“ erwiderte er mit süsslichem
Lächeln. Als ich abends nochmals vorüber ging, waren die Läden
geschlossen. Das war sonst nie der Fall gewesen. Ein Zettel, quer über
die Türe geklebt, trug die Aufschrift: „Heute privat!“ Tumult, einzelne
Worte und ein fürchterliches Lachen drangen heraus. Ein paar in die
Stadt geflohene Pfaffen plauderten Mysterien vom Tempel aus. Wie der
Pöbel sie auffasste, lässt sich denken. Die Organe der Fruchtbarkeit
galten ihm nicht als Symbole geheimnisvoller Wonnen und Kräfte, sondern
wurden plump als die Götter verehrt, von denen man jetzt alle Hilfe
erwartete. Auch das grösste aller Mysterien, das Geheimnis des Blutes,
war verraten worden, und +darauf+ steht der Wahnsinn. Es mag die
Ursache mancher zerstörerischer Entfesselung der Triebe gewesen sein.
Den vielen gefährlichen Tieren gegenüber war es selbstverständlich,
dass man sich zum gegenseitigen Schutze zusammentat. Unter diesem
Vorwande schlief man in den Zelten gruppenweise unter einer Decke. Der
schöne Name für diesen Schutzbrauch war „Gesellschaftsschlaf“.
Die Luft war wie in einem Backofen, in den Tümpeln und Buchten am
Flussufer zeigten sich schwache, blaue Flämmchen. Im Traumreich
herrschte ewige Dämmerung.
Ich schritt durch das Lager; es war auffallend, wie still es heute war.
Die Traummenschen lagen da und sahen sich gegenseitig unter gesenkten
Lidern hervor an. Alles schien gedrückt und beklommen, diese Leute
erwarteten etwas. Plötzlich vernahm man ein anschwellendes Summen und
verhaltenes Lachen über die ganze Ebene hin. Ein Schrecken ergriff
mich! Das war wie der jähe Ausbruch einer geistigen Krankheit. -- Und
wie wenn mit einem Male ein Sturm heranbraust, fielen die Geschlechter
über einander her.
Nichts wurde verschont, weder Familienbande, noch Krankheit und Jugend.
Kein menschliches Wesen konnte sich dem elementaren Trieb entziehen,
man suchte gierig vorgequollenen Auges einen Körper, um sich an ihn
anzuklammern.
Ich stürzte zur Ziegelei und versteckte mich. Durch ein kleines Loch in
der Mauer sah ich etwas Schreckliches.
Stöhnen und Ächzen war rings umher, dazwischen schnitten schrille
Schreie und vereinzelte tiefe Seufzer; ein Meer von nacktem Fleisch
wallte und zitterte. Kühl und unbeteiligt empfand ich das sinnlos
Mechanische des krassen Vorgangs. Ich konnte nicht umhin, etwas
insektenhaft Groteskes in dem konvulsivischen Schauspiel zu finden. Ein
Blutdunst durchdrang die ganze Gegend; der Schein der Lagerfeuer zuckte
über den Fleischtaumel hin, einzelne Gruppen besonders hervorhebend.
Ich erinnere mich lebhaft eines bärtigen älteren Mannes, der auf der
Erde kauerte und in den Schoss einer Schwangeren starrte. Langsam,
blöde murmelte er vor sich hin -- es war wie ein irres Gebet.
Plötzlich vernahm ich in der Nähe lautes Kreischen, wie Frohlocken und
Schmerz. -- Zu meinem Entsetzen gewahrte ich, dass eine gelbhaarige
Dirne einen Betrunkenen mit den Zähnen entmannt hatte. Ich sah seine
glasigen Augen, er wälzte sich in seinem Blute; beinahe gleichzeitig
sauste ein Beil herab, der Verstümmelte hatte einen Rächer gefunden.
Selbstbeflecker zogen sich in die Schatten der Zelte zurück, weiter
droben schallte ein Bravorufen, dort paarten sich unsre Haustiere, vom
Taumel ergriffen.
Aber den stärksten Eindruck machte mir der halbwache, etwas blöde
Ausdruck dieser erhitzten oder blassen Gesichter, der ahnen liess,
dass diese Armen nicht in freier Willensbestimmung handelten. Es waren
Automaten, Maschinen, die, in Gang gesetzt, sich selbst überlassen
worden waren, -- der Geist musste wo anders hausen!...
De Nemi erschien in Uniform mit einigen Mitgliedern von Jaques’ Bande,
das wirkte wie Öl auf die Flamme. Ein Klavier wurde herangeschleppt,
de Nemi hämmerte, unausgesetzt von vorne anfangend, den gleichen
Gassenhauer herunter. Unter tierisch klingenden Kommandorufen
versuchten die Trunkenen, sich kolonnenweise zu paaren. Kinder wurden
aufeinandergehetzt. Bis in die vom Flusse aufsteigenden rötlichen Nebel
konnte ich das geisterhafte Inferno verfolgen. Der Blutdurst erwachte!
Ein riesenhafter, unflätiger Bursche sprang auf, brüllte wie ein Stier
und fuhr mit einem langen Messer auf einen andern los. Ein Mord! dann
ein zweiter! Der Mann war tobsüchtig geworden; alles Spiel verstummte.
Mehrere Weiber wälzten sich kreidebleich in hysterischen Krämpfen auf
dem Boden.
Von überall ertönte nun das Heulen der in Mordlust Verfallenen. +So
können Tiere nicht brüllen!+ Man erschlug die Wutschäumenden. Es kam zu
erbitterten Kämpfen. Die Tore zu den nahegelegenen Kellereien wurden
eingeschlagen und grosse Fässer ins Lager gerollt. Alle betranken sich!
Eine lärmende Gesellschaft zog sich in die Badeanstalt zurück, hinter
ihnen sperrte ein Spassvogel ab. Stundenlang ertönte ein schauriges
Hilferufen, aber das berauschte Lager kümmerte sich nicht darum; dann
wurde es stiller. -- -- Vollgefressen glitt ein Rudel Krokodile ins
Wasser. -- --
Einige schändeten frische Gräber in dem nahen Kirchhofe, ein räudiger
Hund warf sich, angelockt von dem Blutdunste, auf eine überfahrene
Katze.
Da gewahrte ich neben mir ein zusammengekrümmtes Wesen: -- Brendel, der
mich verständnislos anlachte. „Brendel, was gibt’s?“ versuchte ich ihn
leise aufzurütteln.
„Melitta“, sagte er langsam und lachte wieder still vor sich hin. --
Ich wusste genug. Der Arme hatte über das Ende seiner Geliebten den
Verstand verloren.
Die meisten Feuer erloschen, es wurde stiller. Ich vergewisserte
mich, ob ich mich aus meinem Versteck wagen könne. Man hörte nur das
Schnarchen der Betrunkenen. Ein grosses Feuer leuchtete noch, es wurde
durch das Klavier genährt. In seinem Scheine sah ich jetzt eine breite
Gestalt: den Amerikaner.
Er war im Frack, wie bei einem Fest, und rauchte seine unvermeidliche
kurze Pfeife. Durch die schlafenden Gestalten bahnte er sich seinen
Weg, halbaufgerichtet wollte ihn ein nacktes Weib daran hindern. Aber
ratsch! erhielt sie einen Peitschenhieb, worauf auf dem weissen Rücken
ein brennend roter Striemen erschien. Dann tauchte er wieder in die
Dunkelheit und entfernte sich in der Richtung auf die Stadt zu, von
welcher jetzt ein Gedröhne erscholl.
-- Die Stunde des Amerikaners war gekommen!