VIII.

Nirgends spiegelte sich der unerhörte Zerfall des Traumreiches

deutlicher als in den Sitten, deren Schauplatz Mᵐᵉ Adriennes

beliebtes Institut im französischen Viertel war; bisher hatte es in

diskreter Stille geblüht, unterstützt durch gelegentliche Ratschläge

erfahrener Greise. Jetzt erschien zu dem interessanten, sehr strengen

Aufnahmeexamen die obere Gesellschaftsschicht in grosser Toilette.

Castringius’ Einfall, gezeichnete Doktordiplome zu verteilen, wurde

indessen zurückgewiesen. Es handle sich um keine wissenschaftliche

Fakultät, sondern um einen Kult -- wurde ihm bedeutet.

Das Zerfallen der Gewebe bot den ersten Anlass zum Erfinden der

berühmten geschlitzten Kleider. Selbst anständige Frauen, ja sie

besonders, gingen darin bis zum Äussersten; von ihnen soll die Idee

der sogenannten „Menüs“ stammen; was das heissen sollte, will ich nur

andeuten und hoffe dabei auf eine bescheidene Phantasie meiner Leser.

Wenn ich kurz sagen würde: sie scherzten und hatten sich sehr lieb!

so würde das das Bild nicht genau genug wiedergeben. Die Menüs waren

gedruckte Einladungskarten zu intimen Festlichkeiten. Die scheinbar

unverfängliche Speisenfolge wie: Sandwiches, Rehbraten, Charlotte-russe

bezeichnete technische Details in der Liebe, welche näher zu kennen

keinen Leser gelüsten wird.

Auch mein altes Café sah geheimnisvolle Orgien: wenigstens bemerkte ich

einmal, dass Stösse obszöner Bilder, Spiegel, Badewannen, Matratzen

hineingeschafft wurden. Ich frug den Wirt, was das zu bedeuten habe.

„Ach nichts! ein kleines Arrangement!“ erwiderte er mit süsslichem

Lächeln. Als ich abends nochmals vorüber ging, waren die Läden

geschlossen. Das war sonst nie der Fall gewesen. Ein Zettel, quer über

die Türe geklebt, trug die Aufschrift: „Heute privat!“ Tumult, einzelne

Worte und ein fürchterliches Lachen drangen heraus. Ein paar in die

Stadt geflohene Pfaffen plauderten Mysterien vom Tempel aus. Wie der

Pöbel sie auffasste, lässt sich denken. Die Organe der Fruchtbarkeit

galten ihm nicht als Symbole geheimnisvoller Wonnen und Kräfte, sondern

wurden plump als die Götter verehrt, von denen man jetzt alle Hilfe

erwartete. Auch das grösste aller Mysterien, das Geheimnis des Blutes,

war verraten worden, und +darauf+ steht der Wahnsinn. Es mag die

Ursache mancher zerstörerischer Entfesselung der Triebe gewesen sein.

Den vielen gefährlichen Tieren gegenüber war es selbstverständlich,

dass man sich zum gegenseitigen Schutze zusammentat. Unter diesem

Vorwande schlief man in den Zelten gruppenweise unter einer Decke. Der

schöne Name für diesen Schutzbrauch war „Gesellschaftsschlaf“.

Die Luft war wie in einem Backofen, in den Tümpeln und Buchten am

Flussufer zeigten sich schwache, blaue Flämmchen. Im Traumreich

herrschte ewige Dämmerung.

Ich schritt durch das Lager; es war auffallend, wie still es heute war.

Die Traummenschen lagen da und sahen sich gegenseitig unter gesenkten

Lidern hervor an. Alles schien gedrückt und beklommen, diese Leute

erwarteten etwas. Plötzlich vernahm man ein anschwellendes Summen und

verhaltenes Lachen über die ganze Ebene hin. Ein Schrecken ergriff

mich! Das war wie der jähe Ausbruch einer geistigen Krankheit. -- Und

wie wenn mit einem Male ein Sturm heranbraust, fielen die Geschlechter

über einander her.

Nichts wurde verschont, weder Familienbande, noch Krankheit und Jugend.

Kein menschliches Wesen konnte sich dem elementaren Trieb entziehen,

man suchte gierig vorgequollenen Auges einen Körper, um sich an ihn

anzuklammern.

Ich stürzte zur Ziegelei und versteckte mich. Durch ein kleines Loch in

der Mauer sah ich etwas Schreckliches.

Stöhnen und Ächzen war rings umher, dazwischen schnitten schrille

Schreie und vereinzelte tiefe Seufzer; ein Meer von nacktem Fleisch

wallte und zitterte. Kühl und unbeteiligt empfand ich das sinnlos

Mechanische des krassen Vorgangs. Ich konnte nicht umhin, etwas

insektenhaft Groteskes in dem konvulsivischen Schauspiel zu finden. Ein

Blutdunst durchdrang die ganze Gegend; der Schein der Lagerfeuer zuckte

über den Fleischtaumel hin, einzelne Gruppen besonders hervorhebend.

Ich erinnere mich lebhaft eines bärtigen älteren Mannes, der auf der

Erde kauerte und in den Schoss einer Schwangeren starrte. Langsam,

blöde murmelte er vor sich hin -- es war wie ein irres Gebet.

Plötzlich vernahm ich in der Nähe lautes Kreischen, wie Frohlocken und

Schmerz. -- Zu meinem Entsetzen gewahrte ich, dass eine gelbhaarige

Dirne einen Betrunkenen mit den Zähnen entmannt hatte. Ich sah seine

glasigen Augen, er wälzte sich in seinem Blute; beinahe gleichzeitig

sauste ein Beil herab, der Verstümmelte hatte einen Rächer gefunden.

Selbstbeflecker zogen sich in die Schatten der Zelte zurück, weiter

droben schallte ein Bravorufen, dort paarten sich unsre Haustiere, vom

Taumel ergriffen.

Aber den stärksten Eindruck machte mir der halbwache, etwas blöde

Ausdruck dieser erhitzten oder blassen Gesichter, der ahnen liess,

dass diese Armen nicht in freier Willensbestimmung handelten. Es waren

Automaten, Maschinen, die, in Gang gesetzt, sich selbst überlassen

worden waren, -- der Geist musste wo anders hausen!...

De Nemi erschien in Uniform mit einigen Mitgliedern von Jaques’ Bande,

das wirkte wie Öl auf die Flamme. Ein Klavier wurde herangeschleppt,

de Nemi hämmerte, unausgesetzt von vorne anfangend, den gleichen

Gassenhauer herunter. Unter tierisch klingenden Kommandorufen

versuchten die Trunkenen, sich kolonnenweise zu paaren. Kinder wurden

aufeinandergehetzt. Bis in die vom Flusse aufsteigenden rötlichen Nebel

konnte ich das geisterhafte Inferno verfolgen. Der Blutdurst erwachte!

Ein riesenhafter, unflätiger Bursche sprang auf, brüllte wie ein Stier

und fuhr mit einem langen Messer auf einen andern los. Ein Mord! dann

ein zweiter! Der Mann war tobsüchtig geworden; alles Spiel verstummte.

Mehrere Weiber wälzten sich kreidebleich in hysterischen Krämpfen auf

dem Boden.

Von überall ertönte nun das Heulen der in Mordlust Verfallenen. +So

können Tiere nicht brüllen!+ Man erschlug die Wutschäumenden. Es kam zu

erbitterten Kämpfen. Die Tore zu den nahegelegenen Kellereien wurden

eingeschlagen und grosse Fässer ins Lager gerollt. Alle betranken sich!

Eine lärmende Gesellschaft zog sich in die Badeanstalt zurück, hinter

ihnen sperrte ein Spassvogel ab. Stundenlang ertönte ein schauriges

Hilferufen, aber das berauschte Lager kümmerte sich nicht darum; dann

wurde es stiller. -- -- Vollgefressen glitt ein Rudel Krokodile ins

Wasser. -- --

Einige schändeten frische Gräber in dem nahen Kirchhofe, ein räudiger

Hund warf sich, angelockt von dem Blutdunste, auf eine überfahrene

Katze.

Da gewahrte ich neben mir ein zusammengekrümmtes Wesen: -- Brendel, der

mich verständnislos anlachte. „Brendel, was gibt’s?“ versuchte ich ihn

leise aufzurütteln.

„Melitta“, sagte er langsam und lachte wieder still vor sich hin. --

Ich wusste genug. Der Arme hatte über das Ende seiner Geliebten den

Verstand verloren.

Die meisten Feuer erloschen, es wurde stiller. Ich vergewisserte

mich, ob ich mich aus meinem Versteck wagen könne. Man hörte nur das

Schnarchen der Betrunkenen. Ein grosses Feuer leuchtete noch, es wurde

durch das Klavier genährt. In seinem Scheine sah ich jetzt eine breite

Gestalt: den Amerikaner.

Er war im Frack, wie bei einem Fest, und rauchte seine unvermeidliche

kurze Pfeife. Durch die schlafenden Gestalten bahnte er sich seinen

Weg, halbaufgerichtet wollte ihn ein nacktes Weib daran hindern. Aber

ratsch! erhielt sie einen Peitschenhieb, worauf auf dem weissen Rücken

ein brennend roter Striemen erschien. Dann tauchte er wieder in die

Dunkelheit und entfernte sich in der Richtung auf die Stadt zu, von

welcher jetzt ein Gedröhne erscholl.

-- Die Stunde des Amerikaners war gekommen!

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