Nur durch diese Begegnung war es erklärlich, dass ich die letzten
Schrecken, die über das Traumreich heraufstiegen, schauen und doch
überleben konnte. Meine Gefühllosigkeit war der Schutz meiner Natur.
Als eine Reihe von Schemen zog die Agonie des Traumstaates an meinem
Auge vorüber.
In meine Wohnung ging ich nicht mehr, auch das Kaffeehaus mied ich.
Ausser dem Schmutz war mir jetzt Anton zuwider, kordial klopfte er den
Gästen auf die Schultern; er pflegte zum Beispiel zu sagen: „Sie, Ihna
Freund, dös is a Luada!“
„Wer?“
„Na, der Herr woass eh, den Castringius moan i.“
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Die Traumstädter siedelten nach und nach auf die freien Grundstücke
über. Auf den Tomassevicfeldern, den grossen Bauplätzen beim Friedhof,
kampierten die besseren Leute. Hier war ein Zeltlager errichtet,
welches sich bis gegen das Flussufer erstreckte. Gewiss, in den
stickigen Nebeln und auf dem feuchten Lehmboden war es schlecht
zu nächtigen, aber man verlor nicht gleich seine Laune deshalb,
und abends bei den Feuern ging es oft recht vergnügt zu. Es wurde
getanzt, geplaudert, manche fingen Fische. Diese mussten meist
halb roh verschlungen werden, weil sie gleich nach dem Töten einen
Fäulnisgeschmack bekamen. In der Stadt blieb des Nachts nur Gesindel,
das seine Beute suchte. Der Verkehr am Tage in den Strassen war mit
grösster Vorsicht noch möglich, es wurden aber viele Menschen von
zusammenbrechenden Mauern verletzt.
In einem verlassenen Park hatte Dr. Lampenbogen eine Ambulanz
errichtet, hier traf ich ihn, als er im grauen Kittel „arbeitete“. Er
erzählte mir von dem Einsturz zweier Etagen in der „blauen Gans“, 86
Tote, 17 Verwundete. Es hatte gerade eine Versammlung stattgefunden.
Der Amerikaner war wunderbarerweise unverletzt geblieben, aber sein
Diener -- er deutete auf einen in blutigen Verbänden daliegenden
Menschen -- würde wohl schwerlich davonkommen. -- Er habe kein Glück
mehr, klagte er, die meisten gingen ihm drauf.
In der Baracke sah es schlimm aus: Unsauberkeit -- Mangel an Leinwand
--, verrostete Instrumente. In einem alten Eisschrank, den er jedesmal
sorgfältig abschloss, bewahrte sich der Arzt kalte Speisen und die
gläsernen Schröpfköpfe auf. -- Ich hielt es für angezeigt, ihm mit ein
paar Worten zu kondolieren. Er lächelte abwesend und sagte: „Ja, sehen
Sie, ich bin ein Mann, anders als Sie!“ -- Er schien seiner Melitta
nicht besonders nachzutrauern.
[Illustration]
Das „Amtsblatt“ und der „Traumspiegel“ waren eingegangen, die
„Stimme“ gehörte jetzt dem Amerikaner. Sie erschien ausschliesslich
in Extranummern und brachte die Tagesereignisse im Telegrammstil. Die
Blätter wurden abends von Jaques und seiner Bande ausgebrüllt. Sie
fanden viel Absatz, da sie immer aufregendere Neuigkeiten brachten.
Pathologische Phänomene machten jetzt am meisten von sich reden. Sich
begegnende Traummenschen wurden oft plötzlich von einem überraschenden
Zwang ergriffen; sie verfielen alle in die gleichen unwillkürlichen
Bewegungen, steif und sinnlos reckten sie die Hände. Nach ein paar
Minuten liess das plötzlich wieder nach und es war wie vorher.
Bei einer auf freiem Feld gehaltenen langen Rede wiederholte
irgendein zufälliger Hörer dieselbe ganz rasch mehrere Male bald beim
Anfang, bald beim Ende beginnend, wie ein rasselndes Grammophon.
Sprachstörungen grassierten allgemein. Einzelnen fehlten Worte,
Begriffe, Buchstaben, manche verstummten zeitweise.
Viele Leute wurden menschenscheu und zogen sich in die Wildnis zurück.
Mit den Getränken musste man sehr vorsichtig sein, Alkohol wirkte wie
Gift, wenngleich es auch Ausnahmen gab und schwächliche Personen,
Frauen und Kinder ihn bisweilen literweise vertragen konnten.
In der Langen Gasse sah ich noch einmal den kleinen Giovanni. Er
war bei einer schnatternden Affenbande, die sich im Magazin des
Tändlers Blumenstich festgesetzt hatte. Ein mottenzerfressenes Reich
von Polstermöbeln lag hier offen zutage; da der Dachstuhl nach und
nach aller Schindeln entbehrte. Mitten unter Meerkatzen erkannte ich
ihn an seinem roten Gürtelchen. Ich rief hinauf, aber er liess sich
nicht stören; er pflegte galantes Spiel, er war wieder ganz urwüchsig
geworden.
Die Spannungen waren unerträglich; nächtlicherweile zuckten
bleichsilbrige Erscheinungen in Serpentinen über den Himmel, lange,
zarte Spitzenbänder wie Nordlichter. Eremiten, Derwische, Fakire kamen
aus den Sandwüsten und von den Bergen und verkündeten auf offenem
Markte, dass der letzte Tag herannahe. Sie forderten zur Busse auf,
aber ihre Ahnungen wurden ausgepfiffen.
Vor dem Ende ereignete sich noch eine Farce: der „schwarze Fisch!“
-- -- So nannten die Extrablätter eine grosse Gestalt, welche eine
gute Stunde stromabwärts im Bett des Negro sichtbar ward. -- Wie ein
riesenhaftes, fest verankertes Kriegsschiff, lag hier ein ungeheurer,
bewegungsloser Körper. Man machte sich auf den Überfall eines neuen,
unbekannten Tieres gefasst. Der zunächst gefährdete Teil des Lagers auf
der Tomassevicwiese wurde abgebrochen. Furcht verbreitete sich und man
richtete die Ziegelei als Beobachtungsposten ein. Alles lief zusammen
und schaute nach der Richtung, in der der Koloss lag. O, man wollte
sein Leben teuer verkaufen! -- Auch ich befand mich unter der erregten
Menge, und blickte durch ein altes Pappdeckelfernrohr; leider zeigten
die blinden Linsen in der dämmerigen Luft nicht allzuviel.
„Es ist ein gronländischer Wal,“ belehrte mich der neben mir stehende
alte Professor, „bisher nur in der arktischen Welt beobachtet.“
Das merkwürdige Tier rührte sich nicht, die Stadt war ratlos der
drohenden Gefahr preisgegeben. Einige schlugen vor, es aus der Ferne zu
bombardieren, aber konnte man wissen, wie es diesen Angriff aufnehmen
würde? Gereizt, spie es vielleicht Gift, und zertrümmerte das Wenige,
was uns noch geblieben war. Lieber abwarten -- möglicherweise zog es
sich wieder zurück!
In der allgemeinen Verwirrung entwickelten da auf einmal einige
Wagehälse einen schönen, anerkennenswerten Mut. Es war dies die letzte
Aufwallung des gesunden Menscheninstinktes, die ich konstatieren
konnte, später ging alles drunter und drüber. Zwei Bauernburschen, ein
Soldat und ein Jäger, lauter junge Leute, wollten sich für das Wohl
der Allgemeinheit opfern. Ihr Plan ging dahin, sich in einem Boote
flussabwärts treiben zu lassen, das Tier zu beschleichen und es mit
Handgranaten aus der Nähe zu vertreiben. Vielleicht konnte man es sogar
töten. Das war ein Wagnis, tollkühn und brav.
Das edle Opfer wurde angenommen, alles lief und wollte die jugendlichen
Retter sehen. Ein Geistlicher im Ornat sprach über die vier seinen
Segen, jeder empfing das letzte Sakrament. Voll Rührung und
Begeisterung staute sich das Volk von der Mühle bis zum Friedhof.
Die Vier begaben sich zur Schleuse. Nachdem man den letzten
halbverfaulten Kahn flott gemacht, schwamm man mit der Strömung langsam
hinunter. -- Zwei Mann mussten fortwährend das eindringende Wasser
ausschöpfen. Für die Zurückbleibenden wurde das Schiffchen immer
kleiner -- nun sah man es schon an der Flussbiegung. Jetzt mussten sie
das Ungeheuer bald erreichen. Aller Hälse reckten sich, alle hielten
den Atem an. Die Masse verhielt sich, bis auf ein leises Kratzen,
lautlos. Die kleine Expedition schien unversehrt in unmittelbarer Nähe
der Gefahr zu halten. Es passierte zu aller Verwunderung eine Zeitlang
gar nichts -- da plötzlich sah man in der Ferne etwas blitzen -- und
langsam ging das Riesentier unter.
Ein tausendfacher Jubelschrei belohnte die Helden!
Die Überraschung war gross, als es sich herausstellte, dass es ein
verunglückter, von den Weiden am Flussufer festgehaltener Luftballon
war, der sich über dem Traumreich gesenkt hatte.