VII.

Nur durch diese Begegnung war es erklärlich, dass ich die letzten

Schrecken, die über das Traumreich heraufstiegen, schauen und doch

überleben konnte. Meine Gefühllosigkeit war der Schutz meiner Natur.

Als eine Reihe von Schemen zog die Agonie des Traumstaates an meinem

Auge vorüber.

In meine Wohnung ging ich nicht mehr, auch das Kaffeehaus mied ich.

Ausser dem Schmutz war mir jetzt Anton zuwider, kordial klopfte er den

Gästen auf die Schultern; er pflegte zum Beispiel zu sagen: „Sie, Ihna

Freund, dös is a Luada!“

„Wer?“

„Na, der Herr woass eh, den Castringius moan i.“

[Illustration]

Die Traumstädter siedelten nach und nach auf die freien Grundstücke

über. Auf den Tomassevicfeldern, den grossen Bauplätzen beim Friedhof,

kampierten die besseren Leute. Hier war ein Zeltlager errichtet,

welches sich bis gegen das Flussufer erstreckte. Gewiss, in den

stickigen Nebeln und auf dem feuchten Lehmboden war es schlecht

zu nächtigen, aber man verlor nicht gleich seine Laune deshalb,

und abends bei den Feuern ging es oft recht vergnügt zu. Es wurde

getanzt, geplaudert, manche fingen Fische. Diese mussten meist

halb roh verschlungen werden, weil sie gleich nach dem Töten einen

Fäulnisgeschmack bekamen. In der Stadt blieb des Nachts nur Gesindel,

das seine Beute suchte. Der Verkehr am Tage in den Strassen war mit

grösster Vorsicht noch möglich, es wurden aber viele Menschen von

zusammenbrechenden Mauern verletzt.

In einem verlassenen Park hatte Dr. Lampenbogen eine Ambulanz

errichtet, hier traf ich ihn, als er im grauen Kittel „arbeitete“. Er

erzählte mir von dem Einsturz zweier Etagen in der „blauen Gans“, 86

Tote, 17 Verwundete. Es hatte gerade eine Versammlung stattgefunden.

Der Amerikaner war wunderbarerweise unverletzt geblieben, aber sein

Diener -- er deutete auf einen in blutigen Verbänden daliegenden

Menschen -- würde wohl schwerlich davonkommen. -- Er habe kein Glück

mehr, klagte er, die meisten gingen ihm drauf.

In der Baracke sah es schlimm aus: Unsauberkeit -- Mangel an Leinwand

--, verrostete Instrumente. In einem alten Eisschrank, den er jedesmal

sorgfältig abschloss, bewahrte sich der Arzt kalte Speisen und die

gläsernen Schröpfköpfe auf. -- Ich hielt es für angezeigt, ihm mit ein

paar Worten zu kondolieren. Er lächelte abwesend und sagte: „Ja, sehen

Sie, ich bin ein Mann, anders als Sie!“ -- Er schien seiner Melitta

nicht besonders nachzutrauern.

[Illustration]

Das „Amtsblatt“ und der „Traumspiegel“ waren eingegangen, die

„Stimme“ gehörte jetzt dem Amerikaner. Sie erschien ausschliesslich

in Extranummern und brachte die Tagesereignisse im Telegrammstil. Die

Blätter wurden abends von Jaques und seiner Bande ausgebrüllt. Sie

fanden viel Absatz, da sie immer aufregendere Neuigkeiten brachten.

Pathologische Phänomene machten jetzt am meisten von sich reden. Sich

begegnende Traummenschen wurden oft plötzlich von einem überraschenden

Zwang ergriffen; sie verfielen alle in die gleichen unwillkürlichen

Bewegungen, steif und sinnlos reckten sie die Hände. Nach ein paar

Minuten liess das plötzlich wieder nach und es war wie vorher.

Bei einer auf freiem Feld gehaltenen langen Rede wiederholte

irgendein zufälliger Hörer dieselbe ganz rasch mehrere Male bald beim

Anfang, bald beim Ende beginnend, wie ein rasselndes Grammophon.

Sprachstörungen grassierten allgemein. Einzelnen fehlten Worte,

Begriffe, Buchstaben, manche verstummten zeitweise.

Viele Leute wurden menschenscheu und zogen sich in die Wildnis zurück.

Mit den Getränken musste man sehr vorsichtig sein, Alkohol wirkte wie

Gift, wenngleich es auch Ausnahmen gab und schwächliche Personen,

Frauen und Kinder ihn bisweilen literweise vertragen konnten.

In der Langen Gasse sah ich noch einmal den kleinen Giovanni. Er

war bei einer schnatternden Affenbande, die sich im Magazin des

Tändlers Blumenstich festgesetzt hatte. Ein mottenzerfressenes Reich

von Polstermöbeln lag hier offen zutage; da der Dachstuhl nach und

nach aller Schindeln entbehrte. Mitten unter Meerkatzen erkannte ich

ihn an seinem roten Gürtelchen. Ich rief hinauf, aber er liess sich

nicht stören; er pflegte galantes Spiel, er war wieder ganz urwüchsig

geworden.

Die Spannungen waren unerträglich; nächtlicherweile zuckten

bleichsilbrige Erscheinungen in Serpentinen über den Himmel, lange,

zarte Spitzenbänder wie Nordlichter. Eremiten, Derwische, Fakire kamen

aus den Sandwüsten und von den Bergen und verkündeten auf offenem

Markte, dass der letzte Tag herannahe. Sie forderten zur Busse auf,

aber ihre Ahnungen wurden ausgepfiffen.

Vor dem Ende ereignete sich noch eine Farce: der „schwarze Fisch!“

-- -- So nannten die Extrablätter eine grosse Gestalt, welche eine

gute Stunde stromabwärts im Bett des Negro sichtbar ward. -- Wie ein

riesenhaftes, fest verankertes Kriegsschiff, lag hier ein ungeheurer,

bewegungsloser Körper. Man machte sich auf den Überfall eines neuen,

unbekannten Tieres gefasst. Der zunächst gefährdete Teil des Lagers auf

der Tomassevicwiese wurde abgebrochen. Furcht verbreitete sich und man

richtete die Ziegelei als Beobachtungsposten ein. Alles lief zusammen

und schaute nach der Richtung, in der der Koloss lag. O, man wollte

sein Leben teuer verkaufen! -- Auch ich befand mich unter der erregten

Menge, und blickte durch ein altes Pappdeckelfernrohr; leider zeigten

die blinden Linsen in der dämmerigen Luft nicht allzuviel.

„Es ist ein gronländischer Wal,“ belehrte mich der neben mir stehende

alte Professor, „bisher nur in der arktischen Welt beobachtet.“

Das merkwürdige Tier rührte sich nicht, die Stadt war ratlos der

drohenden Gefahr preisgegeben. Einige schlugen vor, es aus der Ferne zu

bombardieren, aber konnte man wissen, wie es diesen Angriff aufnehmen

würde? Gereizt, spie es vielleicht Gift, und zertrümmerte das Wenige,

was uns noch geblieben war. Lieber abwarten -- möglicherweise zog es

sich wieder zurück!

In der allgemeinen Verwirrung entwickelten da auf einmal einige

Wagehälse einen schönen, anerkennenswerten Mut. Es war dies die letzte

Aufwallung des gesunden Menscheninstinktes, die ich konstatieren

konnte, später ging alles drunter und drüber. Zwei Bauernburschen, ein

Soldat und ein Jäger, lauter junge Leute, wollten sich für das Wohl

der Allgemeinheit opfern. Ihr Plan ging dahin, sich in einem Boote

flussabwärts treiben zu lassen, das Tier zu beschleichen und es mit

Handgranaten aus der Nähe zu vertreiben. Vielleicht konnte man es sogar

töten. Das war ein Wagnis, tollkühn und brav.

Das edle Opfer wurde angenommen, alles lief und wollte die jugendlichen

Retter sehen. Ein Geistlicher im Ornat sprach über die vier seinen

Segen, jeder empfing das letzte Sakrament. Voll Rührung und

Begeisterung staute sich das Volk von der Mühle bis zum Friedhof.

Die Vier begaben sich zur Schleuse. Nachdem man den letzten

halbverfaulten Kahn flott gemacht, schwamm man mit der Strömung langsam

hinunter. -- Zwei Mann mussten fortwährend das eindringende Wasser

ausschöpfen. Für die Zurückbleibenden wurde das Schiffchen immer

kleiner -- nun sah man es schon an der Flussbiegung. Jetzt mussten sie

das Ungeheuer bald erreichen. Aller Hälse reckten sich, alle hielten

den Atem an. Die Masse verhielt sich, bis auf ein leises Kratzen,

lautlos. Die kleine Expedition schien unversehrt in unmittelbarer Nähe

der Gefahr zu halten. Es passierte zu aller Verwunderung eine Zeitlang

gar nichts -- da plötzlich sah man in der Ferne etwas blitzen -- und

langsam ging das Riesentier unter.

Ein tausendfacher Jubelschrei belohnte die Helden!

Die Überraschung war gross, als es sich herausstellte, dass es ein

verunglückter, von den Weiden am Flussufer festgehaltener Luftballon

war, der sich über dem Traumreich gesenkt hatte.

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