VI.

Da zupfte es mich innerlich einige Male rasch hintereinander. Ich

musste aufstehen -- da -- schon wieder -- was war das? ... Allmählich

erfüllte mich ein dumpfer Drang. Jetzt zupfte und pochte es nochmals,

eindringlicher. -- „Jawohl, was ist?“ -- Ich strengte mich an und gab

mich ganz der unklaren Empfindung hin. „Patera!“ hörte ich von innen

heraus, „Patera! -- Palast -- komm!“ -- es wurde immer beredter,

drängender, furchtbar deutlich und klar. -- Im Dunkeln ging ich

hinunter, völlig sicher, ohne etwas zu denken. Es zog und es schob,

ich überliess mich gänzlich einer führenden Kraft. Niemand beachtete

mich, -- als ich zum Überlegen kam, war ich auf halbem Weg zum Palast.

„Um Gottes willen,“ dachte ich, „was tue ich, was +muss ich tun+

--?“ ich wollte umkehren: „ganz gewiss, bei der nächsten Ecke kehre

ich um!“ ... Nichts half! ich +musste+ weiter; ich wollte den Leuten

zurufen: „Helft doch, helft! haltet mich!“ ... Meine Kiefer waren

wie aneinandergeschraubt. ... Und ich sah den imposanten Palast mit

seinem Riesentor, den leeren Fensterhöhlen, wie einen Totenschädel

-- ich trat in seine Dunkelheit. Nach allen Seiten dehnte sich ein

Labyrinth von Kolonnaden. Ich marschierte gleich einer Holzpuppe,

mechanisch eins -- zwei -- eins -- zwei. Die langen Galerien wurden

spärlich von herabhängenden Laternen beleuchtet; ich betrat die

Säle. Alle Türen waren nur angelehnt -- ich hörte einen Knall -- das

melodische Schlagwerk einer Uhr -- im Zugwind öffneten sich die Türen

von selbst -- ein Krachen --! Um Christi Barmherzigkeit! der Tiger! Von

nun an quälte mich diese Vorstellung und unter stärkstem Druck lief

ich beinahe, mich bemühend, möglichst wenig Lärm zu machen. Öfters

glaubte ich, meinen Namen zu hören, ganz laut, dann wieder leise und

nahe neben mir; aber um keinen Preis hätte ich mich umschauen können.

-- In den verödeten, unbewohnten Räumen lagen zerbrochene Möbel und

eine dumpfe, ausgesprochen modrige Luft hemmte mir den Atem. Ich kam

durch weitläufige Gemächer, von einer einsamen Kerze matt erhellt.

Zerwühlte Betten, herabgerissene Draperien, zugemauerte Fenster,

verglühende prunkvolle Öfen, verhängte Gobelins. -- Über kleine,

staubige Treppen und durch stille lange Korridore eilte ich wie ein

Nachtwandler, da sah ich die bekannte niedrige Eichentüre. „Patera,“

dachte ich ununterbrochen, „Patera, Patera.“ ... Auch diese Türe war

nur angelehnt. Von der Decke des Gemaches hing eine silberne Ampel mit

einem flackernden Lichtchen und beleuchtete die herabhängenden Fetzen

eines Thronhimmels -- ausser dem matt sich abzeichnenden Mosaikboden

sah man fast nichts. -- Ich blieb stehen -- +jetzt konnte ich stehen

bleiben!+ Da, da! -- das Gesicht! -- und schon bedeckten sich meine

Schläfen mit kaltem Schweiss.

In ein schleierhaftes, silbergraues Gewand gehüllt, stand Patera

aufrecht da -- stand schlafend da. Ein unbezähmbares Grauen empfand

ich vor ihm. In den tiefen grünlichen Schatten seiner Augen lag

übermenschliches Leiden, und dann fiel mir auf, dass an einer seiner

grossen, wohlgeformten Hände das Nagelglied des Daumens fehlte. Ich

erinnerte mich blitzartig der im Traumreich geborenen Kinder. Wieder

hörte ich das Flüstern wie beim ersten Besuch.

„Ich habe dich gerufen“, -- klang es wie aus der Ferne. Es kam dieses

Mal zu keinem klaren Mienenspiel. Die Muskeln schwollen, rollten und

zogen sich zusammen. Aber alles blieb gestaltlos, die Züge wurden

schlaff, nur die Lippen zuckten und spielten grässlich in dem sonst

starren Antlitz. Und dann hub es wieder an, ganz leise, wie durch

einen Schleier gedämpft. Zuerst hörte ich nur ein Wispern, sinnlos,

unzusammenhängend. Dann erst begriff und verstand ich:

„Hörst du die Toten singen, die lichtgrünen Toten? Sie zerfallen in

ihren Gräbern schmerzlos und leicht; greifst du durch ihre Leiber,

so berührst du nur Brocken, und die Zähne, sie lösen sich leicht. Wo

ist das Leben, das sie bewegte, wo ist die Kraft? Hörst du die Toten

singen, die lichtgrünen Toten?“ Der scharfe Hauch Pateras drang mir in

die Nase -- -- ich fühlte mich schwach werden. Da setzte sich der Herr

auf sein erhöhtes Ruhebett und warf seinen Mantel ab -- nun sass er

aufgerichtet mit entblösstem Oberkörper, die langen Locken fielen ihm

auf die Schultern, ich musste seine breiten, edeln Formen bewundern.

Dieser schimmernde, weisse Leib glich einer Statue -- und ich fasste

meine letzte Kraft zusammen in die Frage: „Patera, warum lässt du das

alles geschehen?“ -- Es kam lange keine Antwort. --

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