Da zupfte es mich innerlich einige Male rasch hintereinander. Ich
musste aufstehen -- da -- schon wieder -- was war das? ... Allmählich
erfüllte mich ein dumpfer Drang. Jetzt zupfte und pochte es nochmals,
eindringlicher. -- „Jawohl, was ist?“ -- Ich strengte mich an und gab
mich ganz der unklaren Empfindung hin. „Patera!“ hörte ich von innen
heraus, „Patera! -- Palast -- komm!“ -- es wurde immer beredter,
drängender, furchtbar deutlich und klar. -- Im Dunkeln ging ich
hinunter, völlig sicher, ohne etwas zu denken. Es zog und es schob,
ich überliess mich gänzlich einer führenden Kraft. Niemand beachtete
mich, -- als ich zum Überlegen kam, war ich auf halbem Weg zum Palast.
„Um Gottes willen,“ dachte ich, „was tue ich, was +muss ich tun+
--?“ ich wollte umkehren: „ganz gewiss, bei der nächsten Ecke kehre
ich um!“ ... Nichts half! ich +musste+ weiter; ich wollte den Leuten
zurufen: „Helft doch, helft! haltet mich!“ ... Meine Kiefer waren
wie aneinandergeschraubt. ... Und ich sah den imposanten Palast mit
seinem Riesentor, den leeren Fensterhöhlen, wie einen Totenschädel
-- ich trat in seine Dunkelheit. Nach allen Seiten dehnte sich ein
Labyrinth von Kolonnaden. Ich marschierte gleich einer Holzpuppe,
mechanisch eins -- zwei -- eins -- zwei. Die langen Galerien wurden
spärlich von herabhängenden Laternen beleuchtet; ich betrat die
Säle. Alle Türen waren nur angelehnt -- ich hörte einen Knall -- das
melodische Schlagwerk einer Uhr -- im Zugwind öffneten sich die Türen
von selbst -- ein Krachen --! Um Christi Barmherzigkeit! der Tiger! Von
nun an quälte mich diese Vorstellung und unter stärkstem Druck lief
ich beinahe, mich bemühend, möglichst wenig Lärm zu machen. Öfters
glaubte ich, meinen Namen zu hören, ganz laut, dann wieder leise und
nahe neben mir; aber um keinen Preis hätte ich mich umschauen können.
-- In den verödeten, unbewohnten Räumen lagen zerbrochene Möbel und
eine dumpfe, ausgesprochen modrige Luft hemmte mir den Atem. Ich kam
durch weitläufige Gemächer, von einer einsamen Kerze matt erhellt.
Zerwühlte Betten, herabgerissene Draperien, zugemauerte Fenster,
verglühende prunkvolle Öfen, verhängte Gobelins. -- Über kleine,
staubige Treppen und durch stille lange Korridore eilte ich wie ein
Nachtwandler, da sah ich die bekannte niedrige Eichentüre. „Patera,“
dachte ich ununterbrochen, „Patera, Patera.“ ... Auch diese Türe war
nur angelehnt. Von der Decke des Gemaches hing eine silberne Ampel mit
einem flackernden Lichtchen und beleuchtete die herabhängenden Fetzen
eines Thronhimmels -- ausser dem matt sich abzeichnenden Mosaikboden
sah man fast nichts. -- Ich blieb stehen -- +jetzt konnte ich stehen
bleiben!+ Da, da! -- das Gesicht! -- und schon bedeckten sich meine
Schläfen mit kaltem Schweiss.
In ein schleierhaftes, silbergraues Gewand gehüllt, stand Patera
aufrecht da -- stand schlafend da. Ein unbezähmbares Grauen empfand
ich vor ihm. In den tiefen grünlichen Schatten seiner Augen lag
übermenschliches Leiden, und dann fiel mir auf, dass an einer seiner
grossen, wohlgeformten Hände das Nagelglied des Daumens fehlte. Ich
erinnerte mich blitzartig der im Traumreich geborenen Kinder. Wieder
hörte ich das Flüstern wie beim ersten Besuch.
„Ich habe dich gerufen“, -- klang es wie aus der Ferne. Es kam dieses
Mal zu keinem klaren Mienenspiel. Die Muskeln schwollen, rollten und
zogen sich zusammen. Aber alles blieb gestaltlos, die Züge wurden
schlaff, nur die Lippen zuckten und spielten grässlich in dem sonst
starren Antlitz. Und dann hub es wieder an, ganz leise, wie durch
einen Schleier gedämpft. Zuerst hörte ich nur ein Wispern, sinnlos,
unzusammenhängend. Dann erst begriff und verstand ich:
„Hörst du die Toten singen, die lichtgrünen Toten? Sie zerfallen in
ihren Gräbern schmerzlos und leicht; greifst du durch ihre Leiber,
so berührst du nur Brocken, und die Zähne, sie lösen sich leicht. Wo
ist das Leben, das sie bewegte, wo ist die Kraft? Hörst du die Toten
singen, die lichtgrünen Toten?“ Der scharfe Hauch Pateras drang mir in
die Nase -- -- ich fühlte mich schwach werden. Da setzte sich der Herr
auf sein erhöhtes Ruhebett und warf seinen Mantel ab -- nun sass er
aufgerichtet mit entblösstem Oberkörper, die langen Locken fielen ihm
auf die Schultern, ich musste seine breiten, edeln Formen bewundern.
Dieser schimmernde, weisse Leib glich einer Statue -- und ich fasste
meine letzte Kraft zusammen in die Frage: „Patera, warum lässt du das
alles geschehen?“ -- Es kam lange keine Antwort. --