Eine grössere Veränderung trat ein, als die Häuser nicht mehr recht
bewohnbar waren. Zu ebener Erde ging’s noch, Stiegensteigen aber
erforderte wilden Mut.
Als mir eines Tages der Kellner ein faules Ei, eine trübe Flüssigkeit
in einer zerbrochenen Bierflasche und einen fetten, schmierigen Lappen
-- wohl als Serviette gedacht -- vorsetzte, da riss mir die Geduld
und ich rief nach dem Wirt. Dieser war gerade damit beschäftigt, im
Hintergrunde mit den Teilen des Billards die Decke zu stützen.
„Was soll das?“ herrschte ich ihn an, „an diesem Bestecke sitzt ein
Pfund Grünspan. Dieses ekelhafte Zeug und den Schmierlappen nehmen Sie
gefälligst fort!“ Er verbeugte sich und wimmerte: „Ach, das Personal,
werter Herr!“
„Schon gut“, winkte ich erbost ab, stand auf, nahm meinen verschabten
Zylinder und verliess das Café. Auf der Stelle, wo ich gesessen, hatte
sich eine kleine Ameisenkolonie gebildet.
In das Kaffeehaus ging ich nur noch aus Gewohnheitsdrang. Es war zu
unappetitlich, als dass man mehr als einen schwarzen Kaffee hätte
geniessen können. Anton war sehr zu seinem Nachteil verändert, er hatte
ungewaschene Hände und roch auf grosse Distanzen. So wie Anton brauchte
man doch nicht herumzulaufen. Die an ihm haftende Schmutzkruste nannte
der Friseur „Materie“. Es war einfach ekelhaft! Um so mehr erstaunte
ich, als ich einmal abends beim Heimkommen ein leises Kichern im
Hausflur hörte, und beim Ableuchten aller Winkel, da ich irgendwelche
Tiere vermutete, hinter der Speichertüre Herrn Anton in liebender
Umarmung mit Melitta antraf. Sie fand bald danach ihren Tod. In
ihrem Schlafzimmer wurde sie mit zerrissenem Leib aufgefunden. Die
verriegelte Tür musste erbrochen werden. Eine kolossale Dogge war mit
eingesperrt. Das tolle Tier stürzte sich mit gesträubtem Haar auf die
Eindringlinge und verletzte zwei Polizeimänner durch Bisse, bevor sie
erschossen werden konnte. Die beiden starben bald nachher an Hundswut.
In ihren letzten Lebenstagen waren von der einstigen Schönheit
Melittas nur noch karge Reste zu sehen gewesen. Vergeblich hatte sie
durch übertriebenes Schminken und Pudern die Zeichen ihres Wandels zu
maskieren gesucht.
Sehr schwer litten auch die beiden Schachspieler. Den alten Herren,
welche gänzlich von ihrer Leidenschaft unterjocht waren, erschien
schliesslich jede Körperbewegung dermassen kompliziert, dass sie
stundenlang Berechnungen anstellen mussten, um ein Glied rühren zu
können. Dass eine derartige Schwerfälligkeit bei dem vielen Ungeziefer
bedenklich war, liegt auf der Hand. Viel Lob verdient daher eine
junge Dame, welche einmal hier ihren Tee zu sich nahm, und die Qualen
der beiden bemerkte. Sie ging einfach hin und las Ameisen und Wanzen
couragiert von ihren Röcken ab. Keiner von uns wollte zurückstehen.
Bisher hatten wir über das Schauspiel der grotesk verzogenen Gesichter
gelacht, aber von jetzt ab bürgerte es sich bei den Stammgästen ein,
dass man beim Kommen und Gehen rasch die beiden Herren ein wenig
kratzte. -- Wie man sieht, war selbst in diesen bösen Zeiten nicht
alles Mitgefühl mit den Leidenden erstorben.
Der Amerikaner machte wieder viel von sich reden. Er prophezeite das
baldige Nachlassen der Tierflut und behielt insoweit recht, als die
grossen Arten sich nach und nach verzogen. Sämtliche kleine Säuger
und Reptilien aber blieben vorläufig, während die Vögel bis auf eine
Unmasse von Raben und weisshalsigen Geiern ganz verschwunden waren.
Die Geier, schwere, massige Vögel, hockten wie aus Bronze gegossen
auf den Baumstümpfen der Alleen und sahen unbeirrbar auf die Stadt,
als erwarteten sie noch etwas. Aber obgleich seine Vorhersagen nur
teilweise eintrafen, sie verschafften dem Amerikaner starken neuen
Anhang. Von nun an hetzte er womöglich noch ärger gegen seinen Todfeind
Patera.
Ich nahm wieder meine abendlichen Spaziergänge am Flussufer auf.
Da hatten die Wellen unzählige Muscheln, Korallen, Schnecken,
Fischgräten und -schuppen ans Ufer geschwemmt. Überrascht war ich,
häufig Überreste zu finden, welche der Meeresfauna angehören. Wie von
mystischen Zeichen übersäet schien das Ufer. Ich war überzeugt, dass
die Blauäugigen diese symbolische Sprache verstehen würden. Sicher
waren hier Geheimnisse; auch die Flügel der oft prächtigen Insekten,
Nachtfalter, Käfer, zeigten Flecken, die vergessene Buchstaben sein
mussten. Mir fehlte der Schlüssel dazu.
[Illustration]
Wie gross musst du doch sein, Patera! dachte ich. Warum verbirgt sich
der Herr so tief, selbst vor denen, die ihn lieben? In schwermütiger
Versunkenheit schritt ich dahin; am jenseitigen Ufer beugten sich die
entlaubten Bäume weit über den Fluss und streiften mit ihren Zweigen
das schwarze Wasser. Zwischen ihnen bewegten sich gigantische Schatten.
Das Krachen zerbrechender Äste kam deutlich herüber, manchmal sah
ich lange Hälse oder Rüssel und konnte den Gedanken an vorweltliche,
monströse Geschöpfe nicht los werden. Je dunkler es wurde, desto
gefährlicher war es für einsame Spaziergänger; an einem Abend,
welcher für mich noch von grosser Bedeutung werden sollte, kehrte
ich furchterfüllt um, als ein Brett, das aus dem Wasser herausragte,
zu blasen anfing. Ein Alligator wies mir die Zähne. Beim Heimgehen
überdachte ich einen noch gut abgelaufenen Unfall, welcher sich tags
vorher ereignet hatte. Schon lange Zeit hatten Gerüchte über einen
riesigen Tiger zirkuliert, ein trächtiges Weibchen, das sich im
Palaste aufhalten sollte; verschiedene Menschen behaupteten, seine
stumpfe Schnauze und den gestreckten Rücken an der Fenstergalerie
gesehen zu haben. Tatsächlich war tags vorher eine solche Bestie
in den Terrassensalon Alfred Blumenstichs gesprungen. Die Dame des
Hauses, rundlich und fett, fiel beim Anblick des wilden Tieres lautlos
in Ohnmacht -- man sass gerade bei Tisch und Professor Korntheur war
zu Gast. Dieser würdige Herr zeigte in dem furchtbaren Augenblick
bemerkenswerten Heroismus. „Bleiben Sie ruhig,“ sprach er aufstehend zu
dem entsetzten Gatten, „auch die schlimmsten Raubtiere unterordnen sich
dem um soviel höherstehenden Menschen, sie fühlen Ehrfurcht vor seiner
aufrechten Haltung und fürchten seinen edlen Herrenblick.“ Damit trat
er auf das Tier zu und nahm seine Brille ab. War es nun die Seltsamkeit
der steifbeinigen Gelehrtenerscheinung oder sonst etwas, kurz, abermals
klirrten und zersplitterten die Glasscheiben und der Tiger sprang
hinaus, -- -- leider mit der Frau Kommerzienrat im Rachen. Blumenstich
rang die Hände: „Grosser Gott, verschone meine Julie!“ wimmerte er.
Von der Dienerschaft mit Flinten verfolgt, schleppte der Tiger die
Ohnmächtige zum Palast. Auf der Strasse trat alles höflich zur Seite.
Die schleunigst requirierte Feuerwehr versuchte der gestreiften Bestie
die Beute abzujagen. In einem grossen Saale des ersten Stockwerkes
hörte man den Räuber. Wütend fauchte er die ihm nachkommenden Retter
an; Schiessen war unmöglich, wie leicht hätte man Frau Blumenstich
treffen können. So war es eine gute Idee, das Tier mit der Feuerspritze
zu verscheuchen; das half. Der geduschte Tiger liess sich bewegen, aus
seiner Saalecke zu kommen, doch dabei vergass er nicht sein Opfer. Mit
einem enormen Satz flog er zum hohen Bogenfenster hinaus. Entsetzt
schrien die Leute, doch Gott hatte Erbarmen mit dem Gatten. Frau
Blumenstich blieb an einem Fensterhaken, dem ganzen Platze sichtbar,
hängen, die Röcke über dem Kopf, aber gerettet. Der Tiger entschlüpfte
in der allgemeinen Freude.
Da man des gefährlichen Tieres nicht habhaft geworden war, herrschte
grosse Bestürzung. Den Palast zu durchsuchen, wie der Amerikaner
vorschlug, wagte trotz der allgemeinen Emanzipation vom Meister kein
Mensch. Militär und Polizei versagten kurzerhand ihre Unterstützung.
Der Herr benahm sich wirklich sonderbar! Wenn er schon Perle in
keiner Weise mehr seinen Schutz angedeihen lassen wollte, so hätte er
doch wenigstens seine Getreuen davon ausnehmen können. So schien es
aber, als ob er sich um diesen Unterschied nicht kümmere. Die Stadt
hatte jetzt wieder stillere Stunden, obgleich sich fast die ganze
traumländische Bevölkerung hier versammelt hatte.
„Gebt uns die Villen frei!“ heulte und brüllte der Pöbel. Die Reichen
übergaben sie um so lieber, als man sie den darin eingenisteten Tieren
geradezu abringen musste. Bei Lampenbogen war aus dem Landhaus ein
Stachelschweinbau geworden; im Boudoir der Verklärten schlief auf dem
Divan eine dickgemästete Riesenschlange. Dieses Getier musste vertilgt
werden, bevor das Volk einziehen konnte. Auch sonst war es durchaus
nicht so schön, wie es der arme Mann sich vorstellte; die kostbarsten
Sachen wollten augenscheinlich nicht mehr leben. Die wertvollen
Vasen, das Porzellangeschirr war durchsetzt von einem feinverzweigten
Netz kleinster Sprünge. Prächtige Gemälde bekamen schwarze Flecke,
welche sich über das ganze Bild verbreiteten. Stiche wurden porös und
zerfielen; man glaubt gar nicht, wie schnell aus den so gut gehaltenen
und reparierten Einrichtungsgegenständen ein Schmutzhaufen wurde.
Der grössere Teil der zugereisten Bauern lagerte sich deshalb lieber
auf den freien Plätzen und Feldern in der nächsten Umgebung der Stadt.
„Herr, du zeigst deine Macht nur noch im Schrecken“, dachte ich und
betrat die Lange Gasse. Es war dunkel geworden und allenthalben
knisterte und knackte es. Hier sauste ein Ziegelstein vom Dache,
dort bröckelte Mörtel von einer Wand, ununterbrochen rieselte feiner
Sand aus Mauerlöchern, die zusehends grösser wurden, man musste über
Schutthaufen klettern und über emporragende Pfähle und Pfosten steigen.
-- Das unfassbare Weben des Todes.
Auf dem Dache des Kaffeehauses ganz nahe meiner Mansarde unterschied
ich deutlich eine sich bewegende schwarze Silhouette: den Leopard. Er
hatte sicher in einem Nachbarspeicher seinen Schlupfwinkel ... durch
eine Büchsenkugel wäre er vielleicht zu töten gewesen, doch dazu waren
wir alle zu feig. In meinem engen Zimmer überfiel mich eine tiefe
Mutlosigkeit, lange wanderte ich auf und nieder, ich empfand Schmerzen
im Kreuzbein und in den Gelenken.
„Warum leben wir denn alle noch? wir sind ja doch verdammt! Wenn
ich jetzt krank würde, kein Teufel kümmerte sich um mich.“ Eine
schleichende Angst überfiel mich. Ich will nicht sterben, +nicht
sterben+! und fassungslos stützte ich mein Haupt in beide Hände. „Es
gibt nichts Höheres“ -- sagte das Verzagen in mir. „Zwei Beine --
Knochenröhren -- tragen meine ganze Welt, eine Welt des Schmerzes
und Irrtums! Das Entsetzlichste ist der Leib.“ Mich durchschüttelte
die Todesfurcht. Was wird meinem Körper noch alles zustossen, die
tausend Organe, zu wie raffinierten Folterwerkzeugen werden sie sich
fügen? Ach, könnte ich doch lieber +nicht denken+, aber das arbeitet
von selbst! Es gibt keine Gewissheiten, denen nicht Ungewissheiten
gegenüberständen! Das Gewirr ist endlos -- -- ich bin verdammt! Ekel
und Kot schleppe ich in meinem Bauche, und wenn ich es je zu grosser
Leidenschaft bringe, gleich kommt die Feigheit hinterher. Ich weiss nur
eines: ich muss es geschehen lassen, so sehr ich mich auch winde, dem
Unvermeidlichen -- dem Sterben -- von Minute zu Minute näher zu kommen.
Nicht einmal zum Selbstmord habe ich die Kraft, zum dauernden Unglück
bin ich bestimmt.“ -- Ich seufzte.
An Patera verzweifelte ich! Ich verstehe ihn nicht, er spielt mit
Rätseln! Wahrscheinlich ist er machtloser als irgend einer, sonst hätte
er den Amerikaner schon längst zerschmettert. Aber er vermag es nicht!
Der +Amerikaner+, der hat das +wahre Leben+! O wäre ich nur nicht so
zaghaft! Ich träte vor ihn, stürzte auf die Knie und er brächte Hilfe!
Wie aufgelöst in Todesangst, wusste ich nicht aus noch ein. -- Unten
gab’s ein Gepolter -- Randalierende wurden aus dem Kaffeehaus geworfen,
ein alltäglicher Vorfall. Gegenüber in der erleuchteten Stube sah ich
den Friseur tief über seine Bücher gebeugt.