V.

Eine grössere Veränderung trat ein, als die Häuser nicht mehr recht

bewohnbar waren. Zu ebener Erde ging’s noch, Stiegensteigen aber

erforderte wilden Mut.

Als mir eines Tages der Kellner ein faules Ei, eine trübe Flüssigkeit

in einer zerbrochenen Bierflasche und einen fetten, schmierigen Lappen

-- wohl als Serviette gedacht -- vorsetzte, da riss mir die Geduld

und ich rief nach dem Wirt. Dieser war gerade damit beschäftigt, im

Hintergrunde mit den Teilen des Billards die Decke zu stützen.

„Was soll das?“ herrschte ich ihn an, „an diesem Bestecke sitzt ein

Pfund Grünspan. Dieses ekelhafte Zeug und den Schmierlappen nehmen Sie

gefälligst fort!“ Er verbeugte sich und wimmerte: „Ach, das Personal,

werter Herr!“

„Schon gut“, winkte ich erbost ab, stand auf, nahm meinen verschabten

Zylinder und verliess das Café. Auf der Stelle, wo ich gesessen, hatte

sich eine kleine Ameisenkolonie gebildet.

In das Kaffeehaus ging ich nur noch aus Gewohnheitsdrang. Es war zu

unappetitlich, als dass man mehr als einen schwarzen Kaffee hätte

geniessen können. Anton war sehr zu seinem Nachteil verändert, er hatte

ungewaschene Hände und roch auf grosse Distanzen. So wie Anton brauchte

man doch nicht herumzulaufen. Die an ihm haftende Schmutzkruste nannte

der Friseur „Materie“. Es war einfach ekelhaft! Um so mehr erstaunte

ich, als ich einmal abends beim Heimkommen ein leises Kichern im

Hausflur hörte, und beim Ableuchten aller Winkel, da ich irgendwelche

Tiere vermutete, hinter der Speichertüre Herrn Anton in liebender

Umarmung mit Melitta antraf. Sie fand bald danach ihren Tod. In

ihrem Schlafzimmer wurde sie mit zerrissenem Leib aufgefunden. Die

verriegelte Tür musste erbrochen werden. Eine kolossale Dogge war mit

eingesperrt. Das tolle Tier stürzte sich mit gesträubtem Haar auf die

Eindringlinge und verletzte zwei Polizeimänner durch Bisse, bevor sie

erschossen werden konnte. Die beiden starben bald nachher an Hundswut.

In ihren letzten Lebenstagen waren von der einstigen Schönheit

Melittas nur noch karge Reste zu sehen gewesen. Vergeblich hatte sie

durch übertriebenes Schminken und Pudern die Zeichen ihres Wandels zu

maskieren gesucht.

Sehr schwer litten auch die beiden Schachspieler. Den alten Herren,

welche gänzlich von ihrer Leidenschaft unterjocht waren, erschien

schliesslich jede Körperbewegung dermassen kompliziert, dass sie

stundenlang Berechnungen anstellen mussten, um ein Glied rühren zu

können. Dass eine derartige Schwerfälligkeit bei dem vielen Ungeziefer

bedenklich war, liegt auf der Hand. Viel Lob verdient daher eine

junge Dame, welche einmal hier ihren Tee zu sich nahm, und die Qualen

der beiden bemerkte. Sie ging einfach hin und las Ameisen und Wanzen

couragiert von ihren Röcken ab. Keiner von uns wollte zurückstehen.

Bisher hatten wir über das Schauspiel der grotesk verzogenen Gesichter

gelacht, aber von jetzt ab bürgerte es sich bei den Stammgästen ein,

dass man beim Kommen und Gehen rasch die beiden Herren ein wenig

kratzte. -- Wie man sieht, war selbst in diesen bösen Zeiten nicht

alles Mitgefühl mit den Leidenden erstorben.

Der Amerikaner machte wieder viel von sich reden. Er prophezeite das

baldige Nachlassen der Tierflut und behielt insoweit recht, als die

grossen Arten sich nach und nach verzogen. Sämtliche kleine Säuger

und Reptilien aber blieben vorläufig, während die Vögel bis auf eine

Unmasse von Raben und weisshalsigen Geiern ganz verschwunden waren.

Die Geier, schwere, massige Vögel, hockten wie aus Bronze gegossen

auf den Baumstümpfen der Alleen und sahen unbeirrbar auf die Stadt,

als erwarteten sie noch etwas. Aber obgleich seine Vorhersagen nur

teilweise eintrafen, sie verschafften dem Amerikaner starken neuen

Anhang. Von nun an hetzte er womöglich noch ärger gegen seinen Todfeind

Patera.

Ich nahm wieder meine abendlichen Spaziergänge am Flussufer auf.

Da hatten die Wellen unzählige Muscheln, Korallen, Schnecken,

Fischgräten und -schuppen ans Ufer geschwemmt. Überrascht war ich,

häufig Überreste zu finden, welche der Meeresfauna angehören. Wie von

mystischen Zeichen übersäet schien das Ufer. Ich war überzeugt, dass

die Blauäugigen diese symbolische Sprache verstehen würden. Sicher

waren hier Geheimnisse; auch die Flügel der oft prächtigen Insekten,

Nachtfalter, Käfer, zeigten Flecken, die vergessene Buchstaben sein

mussten. Mir fehlte der Schlüssel dazu.

[Illustration]

Wie gross musst du doch sein, Patera! dachte ich. Warum verbirgt sich

der Herr so tief, selbst vor denen, die ihn lieben? In schwermütiger

Versunkenheit schritt ich dahin; am jenseitigen Ufer beugten sich die

entlaubten Bäume weit über den Fluss und streiften mit ihren Zweigen

das schwarze Wasser. Zwischen ihnen bewegten sich gigantische Schatten.

Das Krachen zerbrechender Äste kam deutlich herüber, manchmal sah

ich lange Hälse oder Rüssel und konnte den Gedanken an vorweltliche,

monströse Geschöpfe nicht los werden. Je dunkler es wurde, desto

gefährlicher war es für einsame Spaziergänger; an einem Abend,

welcher für mich noch von grosser Bedeutung werden sollte, kehrte

ich furchterfüllt um, als ein Brett, das aus dem Wasser herausragte,

zu blasen anfing. Ein Alligator wies mir die Zähne. Beim Heimgehen

überdachte ich einen noch gut abgelaufenen Unfall, welcher sich tags

vorher ereignet hatte. Schon lange Zeit hatten Gerüchte über einen

riesigen Tiger zirkuliert, ein trächtiges Weibchen, das sich im

Palaste aufhalten sollte; verschiedene Menschen behaupteten, seine

stumpfe Schnauze und den gestreckten Rücken an der Fenstergalerie

gesehen zu haben. Tatsächlich war tags vorher eine solche Bestie

in den Terrassensalon Alfred Blumenstichs gesprungen. Die Dame des

Hauses, rundlich und fett, fiel beim Anblick des wilden Tieres lautlos

in Ohnmacht -- man sass gerade bei Tisch und Professor Korntheur war

zu Gast. Dieser würdige Herr zeigte in dem furchtbaren Augenblick

bemerkenswerten Heroismus. „Bleiben Sie ruhig,“ sprach er aufstehend zu

dem entsetzten Gatten, „auch die schlimmsten Raubtiere unterordnen sich

dem um soviel höherstehenden Menschen, sie fühlen Ehrfurcht vor seiner

aufrechten Haltung und fürchten seinen edlen Herrenblick.“ Damit trat

er auf das Tier zu und nahm seine Brille ab. War es nun die Seltsamkeit

der steifbeinigen Gelehrtenerscheinung oder sonst etwas, kurz, abermals

klirrten und zersplitterten die Glasscheiben und der Tiger sprang

hinaus, -- -- leider mit der Frau Kommerzienrat im Rachen. Blumenstich

rang die Hände: „Grosser Gott, verschone meine Julie!“ wimmerte er.

Von der Dienerschaft mit Flinten verfolgt, schleppte der Tiger die

Ohnmächtige zum Palast. Auf der Strasse trat alles höflich zur Seite.

Die schleunigst requirierte Feuerwehr versuchte der gestreiften Bestie

die Beute abzujagen. In einem grossen Saale des ersten Stockwerkes

hörte man den Räuber. Wütend fauchte er die ihm nachkommenden Retter

an; Schiessen war unmöglich, wie leicht hätte man Frau Blumenstich

treffen können. So war es eine gute Idee, das Tier mit der Feuerspritze

zu verscheuchen; das half. Der geduschte Tiger liess sich bewegen, aus

seiner Saalecke zu kommen, doch dabei vergass er nicht sein Opfer. Mit

einem enormen Satz flog er zum hohen Bogenfenster hinaus. Entsetzt

schrien die Leute, doch Gott hatte Erbarmen mit dem Gatten. Frau

Blumenstich blieb an einem Fensterhaken, dem ganzen Platze sichtbar,

hängen, die Röcke über dem Kopf, aber gerettet. Der Tiger entschlüpfte

in der allgemeinen Freude.

Da man des gefährlichen Tieres nicht habhaft geworden war, herrschte

grosse Bestürzung. Den Palast zu durchsuchen, wie der Amerikaner

vorschlug, wagte trotz der allgemeinen Emanzipation vom Meister kein

Mensch. Militär und Polizei versagten kurzerhand ihre Unterstützung.

Der Herr benahm sich wirklich sonderbar! Wenn er schon Perle in

keiner Weise mehr seinen Schutz angedeihen lassen wollte, so hätte er

doch wenigstens seine Getreuen davon ausnehmen können. So schien es

aber, als ob er sich um diesen Unterschied nicht kümmere. Die Stadt

hatte jetzt wieder stillere Stunden, obgleich sich fast die ganze

traumländische Bevölkerung hier versammelt hatte.

„Gebt uns die Villen frei!“ heulte und brüllte der Pöbel. Die Reichen

übergaben sie um so lieber, als man sie den darin eingenisteten Tieren

geradezu abringen musste. Bei Lampenbogen war aus dem Landhaus ein

Stachelschweinbau geworden; im Boudoir der Verklärten schlief auf dem

Divan eine dickgemästete Riesenschlange. Dieses Getier musste vertilgt

werden, bevor das Volk einziehen konnte. Auch sonst war es durchaus

nicht so schön, wie es der arme Mann sich vorstellte; die kostbarsten

Sachen wollten augenscheinlich nicht mehr leben. Die wertvollen

Vasen, das Porzellangeschirr war durchsetzt von einem feinverzweigten

Netz kleinster Sprünge. Prächtige Gemälde bekamen schwarze Flecke,

welche sich über das ganze Bild verbreiteten. Stiche wurden porös und

zerfielen; man glaubt gar nicht, wie schnell aus den so gut gehaltenen

und reparierten Einrichtungsgegenständen ein Schmutzhaufen wurde.

Der grössere Teil der zugereisten Bauern lagerte sich deshalb lieber

auf den freien Plätzen und Feldern in der nächsten Umgebung der Stadt.

„Herr, du zeigst deine Macht nur noch im Schrecken“, dachte ich und

betrat die Lange Gasse. Es war dunkel geworden und allenthalben

knisterte und knackte es. Hier sauste ein Ziegelstein vom Dache,

dort bröckelte Mörtel von einer Wand, ununterbrochen rieselte feiner

Sand aus Mauerlöchern, die zusehends grösser wurden, man musste über

Schutthaufen klettern und über emporragende Pfähle und Pfosten steigen.

-- Das unfassbare Weben des Todes.

Auf dem Dache des Kaffeehauses ganz nahe meiner Mansarde unterschied

ich deutlich eine sich bewegende schwarze Silhouette: den Leopard. Er

hatte sicher in einem Nachbarspeicher seinen Schlupfwinkel ... durch

eine Büchsenkugel wäre er vielleicht zu töten gewesen, doch dazu waren

wir alle zu feig. In meinem engen Zimmer überfiel mich eine tiefe

Mutlosigkeit, lange wanderte ich auf und nieder, ich empfand Schmerzen

im Kreuzbein und in den Gelenken.

„Warum leben wir denn alle noch? wir sind ja doch verdammt! Wenn

ich jetzt krank würde, kein Teufel kümmerte sich um mich.“ Eine

schleichende Angst überfiel mich. Ich will nicht sterben, +nicht

sterben+! und fassungslos stützte ich mein Haupt in beide Hände. „Es

gibt nichts Höheres“ -- sagte das Verzagen in mir. „Zwei Beine --

Knochenröhren -- tragen meine ganze Welt, eine Welt des Schmerzes

und Irrtums! Das Entsetzlichste ist der Leib.“ Mich durchschüttelte

die Todesfurcht. Was wird meinem Körper noch alles zustossen, die

tausend Organe, zu wie raffinierten Folterwerkzeugen werden sie sich

fügen? Ach, könnte ich doch lieber +nicht denken+, aber das arbeitet

von selbst! Es gibt keine Gewissheiten, denen nicht Ungewissheiten

gegenüberständen! Das Gewirr ist endlos -- -- ich bin verdammt! Ekel

und Kot schleppe ich in meinem Bauche, und wenn ich es je zu grosser

Leidenschaft bringe, gleich kommt die Feigheit hinterher. Ich weiss nur

eines: ich muss es geschehen lassen, so sehr ich mich auch winde, dem

Unvermeidlichen -- dem Sterben -- von Minute zu Minute näher zu kommen.

Nicht einmal zum Selbstmord habe ich die Kraft, zum dauernden Unglück

bin ich bestimmt.“ -- Ich seufzte.

An Patera verzweifelte ich! Ich verstehe ihn nicht, er spielt mit

Rätseln! Wahrscheinlich ist er machtloser als irgend einer, sonst hätte

er den Amerikaner schon längst zerschmettert. Aber er vermag es nicht!

Der +Amerikaner+, der hat das +wahre Leben+! O wäre ich nur nicht so

zaghaft! Ich träte vor ihn, stürzte auf die Knie und er brächte Hilfe!

Wie aufgelöst in Todesangst, wusste ich nicht aus noch ein. -- Unten

gab’s ein Gepolter -- Randalierende wurden aus dem Kaffeehaus geworfen,

ein alltäglicher Vorfall. Gegenüber in der erleuchteten Stube sah ich

den Friseur tief über seine Bücher gebeugt.

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