Das Unheimlichste war ein rätselhafter Prozess, der mit dem
Überhandnehmen der Tiere begann; unaufhaltsam und immer rascher zunahm
und die Ursache zum völligen Untergange des Traumreichs wurde. -- +Die
Zerbröckelung.+ -- Sie ergriff alles. Die Bauten aus so verschiedenem
Material, die in Jahren zusammengebrachten Gegenstände, all das, wofür
der Herr sein Gold hingegeben hatte, war der Vernichtung geweiht.
Gleichzeitig traten in allen Mauern Sprünge auf, wurde das Holz
morsch, rostete alles Eisen, trübte sich das Glas, zerfielen die
Stoffe. Kostbare Kunstschätze verfielen unwiderstehlich der +innern+
Zerstörung, ohne dass sich ein zureichender Grund dafür angeben liess.
Eine Krankheit der leblosen Materie. -- Moder und Schimmel gab es in
den bestgehaltenen Häusern; es musste ein zersetzender, unbekannter
Stoff in der Luft liegen, denn frische Speisen, Milch, Fleisch, später
auch Eier wurden in einigen Stunden sauer und faul. Viele Häuser
barsten und mussten schleunigst von den Inwohnern verlassen werden.
Dazu kamen die Ameisen! In jeder Ritze und Falte, in den Kleidern,
im Portemonnaie und im Bette fand man sie. Man unterschied schwarze,
weisse und blutrote. Die schwarze, grösste Art, fand sich in allen
Mauersprüngen und im Freien, wohin immer man seinen Fuss setzte.
Die weissen, weit gefährlicheren, verwandelten das Gebälk in Mehl.
Die ärgsten waren ohne Frage die roten, denn sie erkoren sich den
menschlichen Körper zum Aufenthalt. Anfangs galt das Kratzen noch für
unanständig, man machte das privat mit sich allein ab. Doch was will
einer tun, wenn es ihn juckt? Im französischen Viertel kratzte schon
längst jedermann. Wir lachten und taten bald dasselbe. Die Gattin Sr.
Exzellenz des Regierungspräsidenten ging gelegentlich einer Soiree mit
kühnem Beispiel voran.
Der Unrat der Tiere auf der Gasse und der Staub in den Wohnungen war
nicht mehr zu entfernen. Es wurde immer mehr, so verzweifelt man auch
dagegen ankämpfte. Während des Bürstens und Klopfens zerfielen die
Kleider. Mich wunderte nur, woher die Traummenschen noch immer ihre
gute Laune schöpften.
Die Lampenbogen zum Beispiel war unverwüstlich. Das ganze
Offizierskorps verkehrte in ihrem Hause, bis zum jüngsten Leutnant.
Vielleicht stammelte er noch: „Verehrte Gnädige“; aber die verlangte
nicht mehr viel Umstände. Schliesslich wendete sie sich den niederen
Volksschichten zu. Auf der Strasse beobachtete ich oft ihr gewöhnliches
Manöver, den Rock zu heben. Neugierige blieben stehen. Hunde liefen
ihr nach. Mit denen war jetzt nicht zu spassen. Einmal sah ich, wie
ein Köter ihr das Kleid zerriss; sie lief erschrocken davon und verlor
einen zerknitterten Brief. -- Ich hob ihn auf und habe ihn später
gelesen.
„Meine Ameisenkönigin!
Noch immer bin ich ganz berauscht von meinem Glück und küsse im Geist
alle Deine Herrlichkeiten. In meinem Traum bist Du nach wie vor die
Herrin. Wie hast Du geschlafen? Wie immer, wohl wenig? Doch denk Dir,
ich habe jetzt ein Mittel, um wenigstens ruhig liegen zu können. In
den umgelegten Kleiderschrank wird zollhoch Insektenpulver gestreut
.... Decke, ... nochmals Pulver ... dann noch eine Decke. (Die in Mode
gekommenen, auch unten zuknöpfbaren Nachthemden taugen gar nichts).
Der Schrank wird geschlossen, sobald man darin liegt, ein kleines
(herzförmiges?!) Loch mit einem Fliegengitter bespannt, garantiert den
Luftzutritt.
Bitte, sende mir die Briefe nicht mehr ins Hotel, ich hasse die Bande
des Amerikaners, besonders der Jacques ist ein ausgemachter Spitzbube.
Ausserdem ist die Küche dort in letzter Zeit miserabel geworden; von
jetzt an werde ich das Café in der Langen Gasse zur Mittagsstation
machen. Briefe H. v. B. dorthin, aber nicht mehr dem N. C. übergeben,
unzuverlässig, und seit er bei dem verwünschten Amerikaner ist, auch
noch frech.
Grunzt Dein Dicker, dass ihm sein letzter Mieter ausgezogen? Der
Friseur will ja auch sperren, und die Prinzessin zahlt doch nicht
viel. Ich sah heute Deinen Gemahl im Wagen, war aber gerade mit den
lästigen Parasiten beschäftigt und hat mich daher gar nicht bemerkt.
Also heute um neun Uhr erwarte ich Dich hinter dem Rosenbusch, wie
kahl ist er doch jetzt!
Dein, Dein
Hektor.
N. B. Ich erhalte immer noch anonyme Briefe, die sich mit Dir
beschäftigen -- -- wie schlecht kennt die Welt doch meine Melitta!“
Bald hatte jedermann seinen Ballon mit Insektenpulver bei sich. Waren
die Traumleute vorher der Schlafsucht unterlegen, so schliefen sie
jetzt fast gar nicht. Aufgeregt, eine hektische Röte auf den Wangen,
zog man bis tief nach Mitternacht in der ganzen Stadt herum. Auf den
Strassen war es sicherer als in den baufälligen Häusern. In den letzten
Tagen hatte die Paarungslust der Tiere ihren höchsten Grad erreicht.
In allen dunkeln Ecken, im Wasser und in der Luft gatteten sich die
verschiedensten Geschöpfe. Aus den Ställen drang Wiehern, Meckern und
Grunzen. Ein Stier, durch den Anblick der Schlachtkühe wütend gemacht,
hatte einen Metzger an die Wand zu Brei gequetscht.
Der Amerikaner schürte Hass und Zwietracht und verspottete alles. An
den Herrn glaubten nur noch einige wenige. Der Uhrbann war vergessen,
nur noch gelegentlich ging einer in die Zelle und blieb auch da nicht
die vorgeschriebene halbe Minute; gleich kam er wieder heraus. +Ich
wusste nun, dass das Ende des Traumreiches unwiderruflich näher kam.+
Eines Nachts hörte ich auf dem Dache ein Fauchen und dumpfes Knurren.
Mit Entsetzen sah ich einen riesigen Leoparden einen Hasen zermalmen;
ich hörte das Knirschen der Knochen und mich überlief es eisig. Mein
Zimmerchen war nicht mehr gemütlich, es hatte zwei klaffende Sprünge in
der Wand, aus welchen abends in regelmässigen Abständen die Hinterteile
von Küchenschaben hervorlugten, wie ein Fries anzusehen! Tagelang
nistete ein Rotkehlchenpaar in meiner Aschenschale. Die Geschöpfchen
waren harmlos und belohnten mich für die Duldung durch ihren Gesang.
Leider dauerte die Freude nicht lange, denn ein blitzschnell und frech
eindringender Falke tötete eines Tages das Männchen.
[Illustration]
An einem der letzten Abende, als ich vor dem Zubettegehen unter der
Decke zwei Skorpione fand, und eben Jagd nach sonstigem Ungeziefer
machte, geschah es, dass mir meine Waffe, der Stiefelknecht, aus dem
Leim ging. Ich nahm die Schere -- sie war vom Rost zerfressen; da erst
bemerkte ich, dass mein Papier moderig, die Lineale, das Wrack eines
Zeichentisches, die dreibeinige Kommode, mit einem Wort alle hölzernen
Möbel wurmstichig und morsch waren.
Wie sah ich selber aus? Sonderbar genug! Na, wenigstens liefen auch
andere, sonst adrett und sauber gekleidete Leute nun recht verlottert
herum. Schimmel an Kleidern und Schuhen hatten wir alle. Da half kein
Waschen und Schaben, es kam schnell wieder nach. Die Kleiderstoffe
wurden mürbe, faserten und fielen stückweise von uns. Wir Männer
ertrugen das mit Würde, doch die armen Damen!...... schweigen wir!