Die tief unter ihr Normalniveau gesunkene Sittlichkeit kam meinem
Kollegen Castringius noch besonders zustatten. Seine Pornographica
waren sehr gesucht -- er war jetzt der Modekünstler. Blätter wie: „Die
wollüstige Orchidee schwängert den Embryo“, hatten viele Bewunderer.
Hektor von Brendel kaufte ihm einmal eine ganze Serie Arbeiten ab,
weil seine Melitta diese Sachen „ulkig“ fand. Tatsächlich hatte sie
auch anfangs Freude an den Zeichnungen und hing sie sauber gerahmt
in ihrem Boudoir auf. Aber es war nur eine Augenblickslaune gewesen,
und nach einigen Tagen schon mussten die Sachen wieder verschwinden.
Ein Seitenseladon, Offizier bei den Dragonern, durfte sie mitnehmen.
Dieser entschloss sich als Gegenleistung zu ein paar alten Ohrringen
mit Smaragden. Er trug die Bilder noch in derselben Nacht ins Café,
wo gerade eine Tombola veranstaltet wurde. Der Erlös war für die
bestimmt, die ihr zügelloses Leben aufs Siechenbett geworfen hatte.
Eine Abteilung für solche hatte unserem Krankenhaus bisher gefehlt. --
Es ging ziemlich viel Geld ein. Blumenstich -- nicht der Trödler --
gab den Rest und die Abteilung konnte bald darauf im Kloster neben dem
Kinderspital belegt werden.
Die Komik wollte es, dass gerade ich die Zeichnungen gewann, und nun
hingen sie bei mir. Eines Tages sah ich Castringius auf der Strasse.
Er suche eine neue Wohnung, sein Atelierfenster sei zerbrochen und im
Dach eine Luke. Zahlreiche Fledermäuse hingen wie Rauchfleisch an den
Vorhangstangen. Während er mir das erzählte, musste er sich fortwährend
mit dem Stock gegen einen zudringlichen Steinbock wehren. Ich bat ihn
zu mir hinauf -- -- da hingen die Bilder. -- -- Trockenes Staunen!!
„Wie kommst +du+ zu diesen Sachen?“ Ich erklärte. -- „Es sind sehr gute
Arbeiten, die ‚weissgestreifte Peitsche‘ ist mein reifstes Werk. Es ist
die Synthese einer Moral der Zukunft. Heute lebt kein Weib, welches
seine Konsequenzen daraus zu ziehen vermöchte. Es ist Bouquet in ihm.“
Ich gab ihm vollkommen recht, war ich doch im Traumstaat der einzige
Mensch, der seine Sachen künstlerisch würdigte. Ich hatte den
originellen Kauz überhaupt ganz gern, warum nicht? Wer sich rein fühlt,
der werfe den ersten Stein auf ihn. --
Auf einmal gab’s auf der Strasse Lärm; wir traten ans Fenster. Viele
Leute standen da und lachten; es war aber auch komisch. Man denke: der
Affe streikte. Giovanni hatte schon tags vorher einen Herrn halbrasiert
sitzen lassen, als er eine eilig vorüberhastende Schar Makaken
bemerkte. Eine schöne Meerkätzin hatte ihm zugewinkt und einer solchen
Versuchung konnte unser Friseurgehilfe nicht widerstehen. Doch hatte
ihn der Philosoph noch mit dem spanischen Rohr und der Erwägung, dass
die Zeit in kleine Ewigkeiten teilbar sei, zurückzuhalten vermocht.
Jetzt half aber keine Zusprache mehr. Er kletterte graziös an der
Dachrinne in die Höhe, erwischte mit dem Greifschwanz eine Flasche,
worin sich der Kaffeevorrat der Prinzessin befand, setzte sich
behaglich an das Fenster meiner ehemaligen, nun wegen Baufälligkeit
leerstehenden Wohnung und spielte auf einer Maultrommel, die er in
seiner Backentasche verborgen hatte. -- Die Alte kreischte entsetzt
auf, mit einem Besen wollte sie dem Räuber eins versetzen. Dieser warf
sogleich die Flasche von sich und packte den Besen. Da hätte man die
Dame sehen sollen! Sie raste und verschwand, um im zweiten Stockwerk
wieder sichtbar zu werden. Für Giovanni Battista gab es hierbei wilde
Freuden. Von meinem Fenster aus konnten wir den Kampf aufs deutlichste
beobachten. Zuerst entwand er der Alten ihre Hauptwaffe, eine alte
Feuerzange und überliess ihr willig den Besen. Fast war er zu einem
fliegenden Tier geworden. Von mir zurückgelassene Tuschflaschen
benutzte er zielsicher als Wurfgeschosse. Unten schrie das Publikum
hurra, -- die Prinzessin fluchte wie ein Fuhrmann.
Da tauchte er auf einmal wieder ganz vorne auf, bedeckt mit der
schmutzstarrenden Haube der Alten und schwang sich aus dem Fenster. Mit
possenhaften Grimassen rutschte er die Rinne wieder hinab. Oben schrie
die Prinzessin nach der Polizei -- unten wartete bereits der Friseur
mit dem Stocke: „Schämen Sie sich!“ rief er dem Affen zu.
Kommerzienrat Blumenstich trat gerade mit sattem Lächeln aus der
Wohnung seiner neun Lieblinge. Er hatte auf seine Weise wieder einmal
den Wohltäter gespielt; der Wagen war schon vorgefahren. Mit einem
gewaltigen Saltomortale sprang der Affe auf das Haupt des Schimmels,
und dahin ging’s! Die Leute waren begeistert und riefen Bravo! bis das
Fuhrwerk mit seinem grotesken Reiter verschwunden war.
Das ist nur eine Szene, aber ähnliche Schauspiele waren damals an der
Tagesordnung.
Es war rätselhaft, woher dieser überschwengliche Reichtum an Tieren
kam. Sie waren die eigentlichen Herren der Stadt und hielten sich
augenscheinlich auch dafür. Wenn ich im Bette lag, hörte ich ein Laufen
und Hufeklappern, als wäre ich in einer grossen Stadt. Kamele und wilde
Esel durchwanderten die Strassen; es war gefährlich, sie zu necken.
[Illustration]
Im Gegensatz zu diesem animalischen Reichtum schwand das Pflanzenleben
immer mehr, alles war abgenagt, zerstampft, ohne Vegetation. Die
Lindenalleen an der Landstrasse und in der Richtung des Friedhofes
bestanden nur noch aus kahlen Baumstümpfen. Die Erde dampfte, als
wollte sie noch mehr Kreaturen ausspeien. Aus kleinen Löchern strömte
ein warmer sauerriechender Dunst. In eine eigentümliche, alles
verwischende Dämmerung waren die Nächte gehüllt.