III.

Die tief unter ihr Normalniveau gesunkene Sittlichkeit kam meinem

Kollegen Castringius noch besonders zustatten. Seine Pornographica

waren sehr gesucht -- er war jetzt der Modekünstler. Blätter wie: „Die

wollüstige Orchidee schwängert den Embryo“, hatten viele Bewunderer.

Hektor von Brendel kaufte ihm einmal eine ganze Serie Arbeiten ab,

weil seine Melitta diese Sachen „ulkig“ fand. Tatsächlich hatte sie

auch anfangs Freude an den Zeichnungen und hing sie sauber gerahmt

in ihrem Boudoir auf. Aber es war nur eine Augenblickslaune gewesen,

und nach einigen Tagen schon mussten die Sachen wieder verschwinden.

Ein Seitenseladon, Offizier bei den Dragonern, durfte sie mitnehmen.

Dieser entschloss sich als Gegenleistung zu ein paar alten Ohrringen

mit Smaragden. Er trug die Bilder noch in derselben Nacht ins Café,

wo gerade eine Tombola veranstaltet wurde. Der Erlös war für die

bestimmt, die ihr zügelloses Leben aufs Siechenbett geworfen hatte.

Eine Abteilung für solche hatte unserem Krankenhaus bisher gefehlt. --

Es ging ziemlich viel Geld ein. Blumenstich -- nicht der Trödler --

gab den Rest und die Abteilung konnte bald darauf im Kloster neben dem

Kinderspital belegt werden.

Die Komik wollte es, dass gerade ich die Zeichnungen gewann, und nun

hingen sie bei mir. Eines Tages sah ich Castringius auf der Strasse.

Er suche eine neue Wohnung, sein Atelierfenster sei zerbrochen und im

Dach eine Luke. Zahlreiche Fledermäuse hingen wie Rauchfleisch an den

Vorhangstangen. Während er mir das erzählte, musste er sich fortwährend

mit dem Stock gegen einen zudringlichen Steinbock wehren. Ich bat ihn

zu mir hinauf -- -- da hingen die Bilder. -- -- Trockenes Staunen!!

„Wie kommst +du+ zu diesen Sachen?“ Ich erklärte. -- „Es sind sehr gute

Arbeiten, die ‚weissgestreifte Peitsche‘ ist mein reifstes Werk. Es ist

die Synthese einer Moral der Zukunft. Heute lebt kein Weib, welches

seine Konsequenzen daraus zu ziehen vermöchte. Es ist Bouquet in ihm.“

Ich gab ihm vollkommen recht, war ich doch im Traumstaat der einzige

Mensch, der seine Sachen künstlerisch würdigte. Ich hatte den

originellen Kauz überhaupt ganz gern, warum nicht? Wer sich rein fühlt,

der werfe den ersten Stein auf ihn. --

Auf einmal gab’s auf der Strasse Lärm; wir traten ans Fenster. Viele

Leute standen da und lachten; es war aber auch komisch. Man denke: der

Affe streikte. Giovanni hatte schon tags vorher einen Herrn halbrasiert

sitzen lassen, als er eine eilig vorüberhastende Schar Makaken

bemerkte. Eine schöne Meerkätzin hatte ihm zugewinkt und einer solchen

Versuchung konnte unser Friseurgehilfe nicht widerstehen. Doch hatte

ihn der Philosoph noch mit dem spanischen Rohr und der Erwägung, dass

die Zeit in kleine Ewigkeiten teilbar sei, zurückzuhalten vermocht.

Jetzt half aber keine Zusprache mehr. Er kletterte graziös an der

Dachrinne in die Höhe, erwischte mit dem Greifschwanz eine Flasche,

worin sich der Kaffeevorrat der Prinzessin befand, setzte sich

behaglich an das Fenster meiner ehemaligen, nun wegen Baufälligkeit

leerstehenden Wohnung und spielte auf einer Maultrommel, die er in

seiner Backentasche verborgen hatte. -- Die Alte kreischte entsetzt

auf, mit einem Besen wollte sie dem Räuber eins versetzen. Dieser warf

sogleich die Flasche von sich und packte den Besen. Da hätte man die

Dame sehen sollen! Sie raste und verschwand, um im zweiten Stockwerk

wieder sichtbar zu werden. Für Giovanni Battista gab es hierbei wilde

Freuden. Von meinem Fenster aus konnten wir den Kampf aufs deutlichste

beobachten. Zuerst entwand er der Alten ihre Hauptwaffe, eine alte

Feuerzange und überliess ihr willig den Besen. Fast war er zu einem

fliegenden Tier geworden. Von mir zurückgelassene Tuschflaschen

benutzte er zielsicher als Wurfgeschosse. Unten schrie das Publikum

hurra, -- die Prinzessin fluchte wie ein Fuhrmann.

Da tauchte er auf einmal wieder ganz vorne auf, bedeckt mit der

schmutzstarrenden Haube der Alten und schwang sich aus dem Fenster. Mit

possenhaften Grimassen rutschte er die Rinne wieder hinab. Oben schrie

die Prinzessin nach der Polizei -- unten wartete bereits der Friseur

mit dem Stocke: „Schämen Sie sich!“ rief er dem Affen zu.

Kommerzienrat Blumenstich trat gerade mit sattem Lächeln aus der

Wohnung seiner neun Lieblinge. Er hatte auf seine Weise wieder einmal

den Wohltäter gespielt; der Wagen war schon vorgefahren. Mit einem

gewaltigen Saltomortale sprang der Affe auf das Haupt des Schimmels,

und dahin ging’s! Die Leute waren begeistert und riefen Bravo! bis das

Fuhrwerk mit seinem grotesken Reiter verschwunden war.

Das ist nur eine Szene, aber ähnliche Schauspiele waren damals an der

Tagesordnung.

Es war rätselhaft, woher dieser überschwengliche Reichtum an Tieren

kam. Sie waren die eigentlichen Herren der Stadt und hielten sich

augenscheinlich auch dafür. Wenn ich im Bette lag, hörte ich ein Laufen

und Hufeklappern, als wäre ich in einer grossen Stadt. Kamele und wilde

Esel durchwanderten die Strassen; es war gefährlich, sie zu necken.

[Illustration]

Im Gegensatz zu diesem animalischen Reichtum schwand das Pflanzenleben

immer mehr, alles war abgenagt, zerstampft, ohne Vegetation. Die

Lindenalleen an der Landstrasse und in der Richtung des Friedhofes

bestanden nur noch aus kahlen Baumstümpfen. Die Erde dampfte, als

wollte sie noch mehr Kreaturen ausspeien. Aus kleinen Löchern strömte

ein warmer sauerriechender Dunst. In eine eigentümliche, alles

verwischende Dämmerung waren die Nächte gehüllt.

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