Eine unwiderstehliche Schlafsucht senkte sich auf Perle. Im Archiv
brach sie aus und verbreitete sich von da über Stadt und Land. Kein
Mensch konnte der Epidemie widerstehen. Wer sich eben noch seiner
Frische rühmte, hatte, ehe er sich’s versah, den Keim der Krankheit
schon irgendwo aufgefasst.
Sehr bald wurde ihr ansteckender Charakter erkannt, doch fand kein
Arzt ein Heilmittel. Die Proklamationen verfehlten ihren Zweck, denn
noch während des Lesens gähnten die Leute. Jeder, der konnte, blieb zu
Hause, um nicht auf der Strasse von dem Übel befallen zu werden. Hatte
man sein geschütztes Plätzchen, dann ergab man sich getrost in das
neue Geschick. Weh tat es ja nicht. Ein starkes Mattigkeitsgefühl war
meist das erste Anzeichen, dann überfiel den Patienten ein Gähnkrampf,
er glaubte Sand in den Augen zu haben, die Augendeckel wurden schwer,
alles Denken verschwamm, und müde liess er sich nieder, wo er gerade
stand. Der Kranke konnte wohl mittels scharfer Dünste, Salmiak etc.
dann und wann aus dem Schlaf gerissen werden, lallte aber nur ein paar
unverständliche Worte und war wieder weg. Bei starken Personen liess
sich der Zustand durch Frottagen um einige Stunden hinausschieben, dann
war es aber das gleiche. Viele Fälle verliefen rapid. Da ereiferte
sich ein Redner eben noch über die politischen Ereignisse, als er
sich plötzlich über den Tisch beugte, den Kopf sinken liess, und
regelmässig zu schnarchen anhub.
Anton im Kaffeehaus dagegen konnte kaum mehr die Augen aufhalten und
bediente noch immer. Aber wie musste man ihn aufmuntern! Du lieber
Gott! Mit Zuckerstückchen und Kaffeelöffeln wurde er bombardiert --
er war von einer beispiellosen Vergesslichkeit, und wenn er endlich
träge das Verlangte brachte, war der ungeduldige Gast oft selbst
eingeschlafen. Man musste scharf achthaben, dass die brennenden
Zigarren der Schlafsüchtigen ausgelöscht wurden.
Auf dem Exerzierplatz übte die Soldateska fleissig, um bei einem
drohenden Aufstande ihren Mann stellen zu können. Aber die
Unteroffiziere konnten brüllen, soviel sie wollten, ein Mann nach
dem andern legte sich auf den Boden. -- Merkwürdige und komische
Zwischenfälle ereigneten sich. -- Die Hände noch in der fremden Kasse
schliefen da Diebe selig ein. -- Melitta lag vier Tage lang in Brendels
Wohnung; ihr Gemahl träumte über den Tisch gebeugt, die Nase in einer
Mayonnaise.
Castringius hatte es beim Kartenspiel gepackt. In einer üblen Kneipe
lehnte er behaglich in seinem Stuhl und hielt den Schellunter im
Pfötchen. Mich selbst erwischte es zu Hause, wohin ich mich sehr bald
zurückzog. Gerade hatte ich das Bett gerichtet und wollte die Vorhänge
zuziehen. Ich sah noch, wie aus dem Fenster der Prinzessin gegenüber
eine Banknote nach der andern auf die Strasse flatterte; ein leichter
Herbstwind trieb sie wie welke Blätter die Gasse zum Flusse hinunter.
Da war’s die höchste Zeit für mich, mein Lager aufzusuchen.
An den ersten beiden Tagen nach Ausbruch der Seuche liefen die Züge
mit enormen Verspätungen ein, da bei jeder Station neues Personal
eingestellt werden musste. Später blieben sie ganz aus.
Die letzte Nummer der „Stimme“ war nur einseitig bedruckt, und
selbst da wimmelte es von unvollständigen Sätzen und Legionen von
Druckfehlern. Die letzte Seite, wo sonst die lächerlichen Miszellen
gestanden hatten, fehlte ganz. Es half kein Sträuben; Perle schlief.
Dieser Zustand vollständiger Bewusstlosigkeit mag sechs Tage angedauert
haben, der Friseur brachte wenigstens diese Zeit heraus; er hatte sie
nach der Länge der Bartstoppeln seiner Kunden berechnet.
In dieser Zeit soll in der ganzen Stadt ein einziger Mensch nicht
oder doch nur ganz kurz geschlafen haben: der Amerikaner! Wenigstens
behauptete er das selbst. Eines Tages, als er wie ein neuer
Dornröschenprinz durch die Lange Gasse wanderte, wollte er durch ein
Fenster des Kaffeehauses bemerkt haben, wie der eine von den beiden
Schachspielern gerade einen Zug machte. Er schloss daraus, dass diese
beiden gleich ihm von der Krankheit verschont geblieben waren. Aber
sonst fiel man über die Schlafenden. Nicht nur auf allen Bänken der
öffentlichen Anlagen, auch in Treppenhäusern und Torwegen lagen bunt
durcheinander gut gekleidete Herren und Damen und schliefen wie die
Obdachlosen trotz ihrer eigentümlichen Lage mit zufriedenen Mienen.
Als man wieder nach und nach zu sich kam, konnten viele in ihrer
Tätigkeit fortfahren. Das war sehr gut, nicht nur für Brendel,
sondern auch für den armen Gaul beim Wasenmeister, welcher tagelang
hochgewunden auf den erlösenden Hieb warten musste. Nun erhielt er
ihn. Denn das Merkwürdigste war, dass Tiere gegen die Schlafsucht
unempfindlich blieben.
Für die meisten Leute hatte sich wenigstens für den ersten Augenblick
nichts verändert. Als ich munter wurde und nahrungsbedürftig das
Café betrat, war schon der Friseur da mit einem Riesenhunger, aber
sehr übellaunig. Er vermisste nämlich ein Vierkreuzerstück, welche
Entdeckung zu einer dauernden Verstimmung zwischen Herrn und Gehilfen
wurde, der natürlich wie alle Tiere wach geblieben war.
Die Traumstadt wachte auf und fand sich -- -- in einer Art
Tierparadies. Während unseres langen Schlummers hatte sich eine
andere Welt derartig ausgebreitet, dass wir in ernstester Gefahr
schwebten, verdrängt zu werden, die Tierwelt. Allerdings war es schon
in der letzten Zeit aufgefallen, dass Ratten und Mäuse in diesem
Jahre besonders gediehen. Aber auch über einfallende Raubvögel und
vierbeinige Hühnerdiebe wurde Klage geführt. In Alfred Blumenstichs
Park hatte der Gärtner sogar Wolfsspuren gesehen. Er wurde zwar
ausgelacht; als aber am andern Tage von einer schneeweissen Angoraziege
-- dem Lieblingstier der Frau Kommerzienrat -- nur noch das Hörnerpaar
vorhanden war, da lachte niemand mehr.
Wer vermöchte das Staunen der vielen zu beschreiben, die allein
und ungestört eingeschlafen waren, sich nun aber in unerwünschter
Gesellschaft befanden? Da sass ein grosser, grüner Papagei am Fenster,
oder Wiesel und Eichhörnchen guckten neugierig unter den Betten
hervor. Erst nach und nach kam man hinter dieses Treiben. Aus dem
Schlachthause wurde von den aufwachenden Metzgern ein grosses Rudel
Schakale vertrieben. -- Die Überfälle von Wölfen, Wildkatzen, Luchsen
nahmen in erschreckender Weise zu. Schlimm war es, dass selbst unsere
Haustiere auf einmal störrisch und bösartig wurden, fast alle Hunde und
Katzen verliessen ihren Herrn und wilderten auf eigene Faust. -- Die
wieder erscheinenden Zeitungen berichteten von einem aufregenden Fall:
in die Parterre-Wohnung der Selchermeisterswitwe Apollonia Six war
ein Bär eingestiegen und hatte die bemitleidenswerte, tiefschlafende
Frau vollständig aufgefressen. Durch ein paar Schüsse wurde die
Bestie getötet. -- In die Stadt kommende Jäger und Fischer erzählten
märchenhaft anmutende Geschichten von ungeheuern schwerfälligen Tieren,
die sie beobachtet haben wollten. Aber kein Mensch glaubte diesen
Berufsaufschneidern. Da kamen auf einmal die Bauern und andere im
freien Lande wohnende Traummenschen auf ihren plumpen Pferden in hellen
Haufen dahergesprengt. In vollgepackten Wagen brachten sie Frauen
und Kinder sowie den wertvolleren Hausrat mit. Sie waren äusserst
unzufrieden und demonstrierten vor dem Palast und dem Archiv. Sie
beklagten sich, dass man ihnen keinen militärischen Schutz geschickt
hatte. Büffelherden hatten ihre Ländereien verwüstet, auch konnten sie
sich nur mit knapper Not vor den Überfällen scharenweise auftretender
grosser Affen retten; diese Teufel schonten weder Frauen noch Kinder.
Bald darauf wurden die Fährten von kolossalen Zweihufern im Lehmboden
der Tomassevicfelder festgestellt, die am Rande der Stadt lagen; das
war bedenklich.
[Illustration]
Die Insektenplage war grässlich. In Schwärmen liessen sich gefrässige
Heuschrecken von den Bergen nieder und wo sie hinkamen, blieb kein
Halm stehen. Durch eine solche Wolke wurde in einer einzigen Nacht
der Schlossgarten vernichtet. Wanzen, Ohrwürmer, Läuse machten das
Leben schwer. Alle diese Tiergeschlechter, von den grössten bis zu
den geringsten, beherrschte ein geradezu elementarer Paarungstrieb.
Trotzdem sich alles gegenseitig auffrass, vermehrten sich die Vier- und
Sechsfüssler in unheimlichster Weise. Was half es dagegen, wenn auch
Waffen und Gift von den Behörden ausgegeben und die strengsten Befehle
zum Schliessen der Fenster und Türen erteilt wurden; der Segen war zu
gross. Freiwillige Jagdtruppen organisierten sich und unterstützten
Militär und Polizei. In vielen Häusern waren Schiessscharten gebrochen.
Die Frau des Caféwirts erwachte eines Morgens mit vierzehn Kaninchen im
Bett. Da ihr Schlafkabinett nur durch eine dünne Wand von meinem Zimmer
getrennt war, hörte ich die Jungen quieken.
Das Schrecklichste aber waren die Schlangen. Kein Haus war sicher
vor ihren Besuchen, in Schubladen, Kleiderschränken, Rocktaschen,
Wasserkrügen, überall hielt sich das Gezücht auf. Dabei waren diese
heimtückischen Kreaturen von einer entsetzlichen Fruchtbarkeit.
Suchte man in der Dunkelheit sein Zimmer auf, so zertrat man die
herumliegenden Eier, die klatschend barsten. Castringius exzellierte in
seinem neu erfundenen „Eiertanz“.
Im französischen Viertel konnten es die Menschen vor Ungeziefer bald
nicht mehr aushalten. Doch selbst während dieser Tierinvasion behielten
die meisten den Kopf oben. Man schoss seinen Hirsch vom Fenster aus
und lud gleich die Freunde zum Jägermahl. Von der Dachluke meines
früheren Wohnhauses hatte man einen weiten Blick über die Äcker und
Felder. Jetzt war dieses Terrain in einen zoologischen Monstregarten
verwandelt. Auch der Fluss hatte seinen Anteil bekommen: Krokodile,
durch jahrelange Bemühungen endgültig stromabwärts gescheucht,
erschienen wieder. Die Badeanstalt musste geschlossen werden, weil sich
Zitteraale in den Kabinen aufhielten, deren Schlag tödlich ist.
Einer der wenigen Lichtblicke in diesen peinlichen Tagen bestand darin,
dass man leicht zu wohlschmeckenden Braten und seltenen Leckerbissen
gelangen konnte.
In diesen Zeiten erfreute sich mein alter Professor eines grossen
Ansehens. Er hielt öffentliche Vorträge und lehrte die Traumstädter,
die gefährlichen Bestien von den harmlosen zu unterscheiden. Mit
einem alten Drilling ausgerüstet wandelte er schon am frühen Morgen
mitten unter den Gazellenrudeln, Wildschweinen, Murmeltieren und
oblag fleissig der Jagd. Aber die Tiere gewöhnten sich bald an den
eigentümlichen bebrillten Schützen und liebten den alten Herrn. Dafür
stiftete sein Gewehr an den Fenstern so viel Schaden, dass es ihm
wieder abgenommen werden musste.
Abends konnte man nur noch unter grösster Vorsicht, bewaffnet und mit
einer Laterne ausgehen. Fallen, Wolfsgruben, Schlageisen, Selbstschüsse
machten unsre Stadt noch unsicherer. Sich aber in seinem Vergnügen
stören zu lassen, das fiel keinem Traummenschen ein.