II.

Eine unwiderstehliche Schlafsucht senkte sich auf Perle. Im Archiv

brach sie aus und verbreitete sich von da über Stadt und Land. Kein

Mensch konnte der Epidemie widerstehen. Wer sich eben noch seiner

Frische rühmte, hatte, ehe er sich’s versah, den Keim der Krankheit

schon irgendwo aufgefasst.

Sehr bald wurde ihr ansteckender Charakter erkannt, doch fand kein

Arzt ein Heilmittel. Die Proklamationen verfehlten ihren Zweck, denn

noch während des Lesens gähnten die Leute. Jeder, der konnte, blieb zu

Hause, um nicht auf der Strasse von dem Übel befallen zu werden. Hatte

man sein geschütztes Plätzchen, dann ergab man sich getrost in das

neue Geschick. Weh tat es ja nicht. Ein starkes Mattigkeitsgefühl war

meist das erste Anzeichen, dann überfiel den Patienten ein Gähnkrampf,

er glaubte Sand in den Augen zu haben, die Augendeckel wurden schwer,

alles Denken verschwamm, und müde liess er sich nieder, wo er gerade

stand. Der Kranke konnte wohl mittels scharfer Dünste, Salmiak etc.

dann und wann aus dem Schlaf gerissen werden, lallte aber nur ein paar

unverständliche Worte und war wieder weg. Bei starken Personen liess

sich der Zustand durch Frottagen um einige Stunden hinausschieben, dann

war es aber das gleiche. Viele Fälle verliefen rapid. Da ereiferte

sich ein Redner eben noch über die politischen Ereignisse, als er

sich plötzlich über den Tisch beugte, den Kopf sinken liess, und

regelmässig zu schnarchen anhub.

Anton im Kaffeehaus dagegen konnte kaum mehr die Augen aufhalten und

bediente noch immer. Aber wie musste man ihn aufmuntern! Du lieber

Gott! Mit Zuckerstückchen und Kaffeelöffeln wurde er bombardiert --

er war von einer beispiellosen Vergesslichkeit, und wenn er endlich

träge das Verlangte brachte, war der ungeduldige Gast oft selbst

eingeschlafen. Man musste scharf achthaben, dass die brennenden

Zigarren der Schlafsüchtigen ausgelöscht wurden.

Auf dem Exerzierplatz übte die Soldateska fleissig, um bei einem

drohenden Aufstande ihren Mann stellen zu können. Aber die

Unteroffiziere konnten brüllen, soviel sie wollten, ein Mann nach

dem andern legte sich auf den Boden. -- Merkwürdige und komische

Zwischenfälle ereigneten sich. -- Die Hände noch in der fremden Kasse

schliefen da Diebe selig ein. -- Melitta lag vier Tage lang in Brendels

Wohnung; ihr Gemahl träumte über den Tisch gebeugt, die Nase in einer

Mayonnaise.

Castringius hatte es beim Kartenspiel gepackt. In einer üblen Kneipe

lehnte er behaglich in seinem Stuhl und hielt den Schellunter im

Pfötchen. Mich selbst erwischte es zu Hause, wohin ich mich sehr bald

zurückzog. Gerade hatte ich das Bett gerichtet und wollte die Vorhänge

zuziehen. Ich sah noch, wie aus dem Fenster der Prinzessin gegenüber

eine Banknote nach der andern auf die Strasse flatterte; ein leichter

Herbstwind trieb sie wie welke Blätter die Gasse zum Flusse hinunter.

Da war’s die höchste Zeit für mich, mein Lager aufzusuchen.

An den ersten beiden Tagen nach Ausbruch der Seuche liefen die Züge

mit enormen Verspätungen ein, da bei jeder Station neues Personal

eingestellt werden musste. Später blieben sie ganz aus.

Die letzte Nummer der „Stimme“ war nur einseitig bedruckt, und

selbst da wimmelte es von unvollständigen Sätzen und Legionen von

Druckfehlern. Die letzte Seite, wo sonst die lächerlichen Miszellen

gestanden hatten, fehlte ganz. Es half kein Sträuben; Perle schlief.

Dieser Zustand vollständiger Bewusstlosigkeit mag sechs Tage angedauert

haben, der Friseur brachte wenigstens diese Zeit heraus; er hatte sie

nach der Länge der Bartstoppeln seiner Kunden berechnet.

In dieser Zeit soll in der ganzen Stadt ein einziger Mensch nicht

oder doch nur ganz kurz geschlafen haben: der Amerikaner! Wenigstens

behauptete er das selbst. Eines Tages, als er wie ein neuer

Dornröschenprinz durch die Lange Gasse wanderte, wollte er durch ein

Fenster des Kaffeehauses bemerkt haben, wie der eine von den beiden

Schachspielern gerade einen Zug machte. Er schloss daraus, dass diese

beiden gleich ihm von der Krankheit verschont geblieben waren. Aber

sonst fiel man über die Schlafenden. Nicht nur auf allen Bänken der

öffentlichen Anlagen, auch in Treppenhäusern und Torwegen lagen bunt

durcheinander gut gekleidete Herren und Damen und schliefen wie die

Obdachlosen trotz ihrer eigentümlichen Lage mit zufriedenen Mienen.

Als man wieder nach und nach zu sich kam, konnten viele in ihrer

Tätigkeit fortfahren. Das war sehr gut, nicht nur für Brendel,

sondern auch für den armen Gaul beim Wasenmeister, welcher tagelang

hochgewunden auf den erlösenden Hieb warten musste. Nun erhielt er

ihn. Denn das Merkwürdigste war, dass Tiere gegen die Schlafsucht

unempfindlich blieben.

Für die meisten Leute hatte sich wenigstens für den ersten Augenblick

nichts verändert. Als ich munter wurde und nahrungsbedürftig das

Café betrat, war schon der Friseur da mit einem Riesenhunger, aber

sehr übellaunig. Er vermisste nämlich ein Vierkreuzerstück, welche

Entdeckung zu einer dauernden Verstimmung zwischen Herrn und Gehilfen

wurde, der natürlich wie alle Tiere wach geblieben war.

Die Traumstadt wachte auf und fand sich -- -- in einer Art

Tierparadies. Während unseres langen Schlummers hatte sich eine

andere Welt derartig ausgebreitet, dass wir in ernstester Gefahr

schwebten, verdrängt zu werden, die Tierwelt. Allerdings war es schon

in der letzten Zeit aufgefallen, dass Ratten und Mäuse in diesem

Jahre besonders gediehen. Aber auch über einfallende Raubvögel und

vierbeinige Hühnerdiebe wurde Klage geführt. In Alfred Blumenstichs

Park hatte der Gärtner sogar Wolfsspuren gesehen. Er wurde zwar

ausgelacht; als aber am andern Tage von einer schneeweissen Angoraziege

-- dem Lieblingstier der Frau Kommerzienrat -- nur noch das Hörnerpaar

vorhanden war, da lachte niemand mehr.

Wer vermöchte das Staunen der vielen zu beschreiben, die allein

und ungestört eingeschlafen waren, sich nun aber in unerwünschter

Gesellschaft befanden? Da sass ein grosser, grüner Papagei am Fenster,

oder Wiesel und Eichhörnchen guckten neugierig unter den Betten

hervor. Erst nach und nach kam man hinter dieses Treiben. Aus dem

Schlachthause wurde von den aufwachenden Metzgern ein grosses Rudel

Schakale vertrieben. -- Die Überfälle von Wölfen, Wildkatzen, Luchsen

nahmen in erschreckender Weise zu. Schlimm war es, dass selbst unsere

Haustiere auf einmal störrisch und bösartig wurden, fast alle Hunde und

Katzen verliessen ihren Herrn und wilderten auf eigene Faust. -- Die

wieder erscheinenden Zeitungen berichteten von einem aufregenden Fall:

in die Parterre-Wohnung der Selchermeisterswitwe Apollonia Six war

ein Bär eingestiegen und hatte die bemitleidenswerte, tiefschlafende

Frau vollständig aufgefressen. Durch ein paar Schüsse wurde die

Bestie getötet. -- In die Stadt kommende Jäger und Fischer erzählten

märchenhaft anmutende Geschichten von ungeheuern schwerfälligen Tieren,

die sie beobachtet haben wollten. Aber kein Mensch glaubte diesen

Berufsaufschneidern. Da kamen auf einmal die Bauern und andere im

freien Lande wohnende Traummenschen auf ihren plumpen Pferden in hellen

Haufen dahergesprengt. In vollgepackten Wagen brachten sie Frauen

und Kinder sowie den wertvolleren Hausrat mit. Sie waren äusserst

unzufrieden und demonstrierten vor dem Palast und dem Archiv. Sie

beklagten sich, dass man ihnen keinen militärischen Schutz geschickt

hatte. Büffelherden hatten ihre Ländereien verwüstet, auch konnten sie

sich nur mit knapper Not vor den Überfällen scharenweise auftretender

grosser Affen retten; diese Teufel schonten weder Frauen noch Kinder.

Bald darauf wurden die Fährten von kolossalen Zweihufern im Lehmboden

der Tomassevicfelder festgestellt, die am Rande der Stadt lagen; das

war bedenklich.

[Illustration]

Die Insektenplage war grässlich. In Schwärmen liessen sich gefrässige

Heuschrecken von den Bergen nieder und wo sie hinkamen, blieb kein

Halm stehen. Durch eine solche Wolke wurde in einer einzigen Nacht

der Schlossgarten vernichtet. Wanzen, Ohrwürmer, Läuse machten das

Leben schwer. Alle diese Tiergeschlechter, von den grössten bis zu

den geringsten, beherrschte ein geradezu elementarer Paarungstrieb.

Trotzdem sich alles gegenseitig auffrass, vermehrten sich die Vier- und

Sechsfüssler in unheimlichster Weise. Was half es dagegen, wenn auch

Waffen und Gift von den Behörden ausgegeben und die strengsten Befehle

zum Schliessen der Fenster und Türen erteilt wurden; der Segen war zu

gross. Freiwillige Jagdtruppen organisierten sich und unterstützten

Militär und Polizei. In vielen Häusern waren Schiessscharten gebrochen.

Die Frau des Caféwirts erwachte eines Morgens mit vierzehn Kaninchen im

Bett. Da ihr Schlafkabinett nur durch eine dünne Wand von meinem Zimmer

getrennt war, hörte ich die Jungen quieken.

Das Schrecklichste aber waren die Schlangen. Kein Haus war sicher

vor ihren Besuchen, in Schubladen, Kleiderschränken, Rocktaschen,

Wasserkrügen, überall hielt sich das Gezücht auf. Dabei waren diese

heimtückischen Kreaturen von einer entsetzlichen Fruchtbarkeit.

Suchte man in der Dunkelheit sein Zimmer auf, so zertrat man die

herumliegenden Eier, die klatschend barsten. Castringius exzellierte in

seinem neu erfundenen „Eiertanz“.

Im französischen Viertel konnten es die Menschen vor Ungeziefer bald

nicht mehr aushalten. Doch selbst während dieser Tierinvasion behielten

die meisten den Kopf oben. Man schoss seinen Hirsch vom Fenster aus

und lud gleich die Freunde zum Jägermahl. Von der Dachluke meines

früheren Wohnhauses hatte man einen weiten Blick über die Äcker und

Felder. Jetzt war dieses Terrain in einen zoologischen Monstregarten

verwandelt. Auch der Fluss hatte seinen Anteil bekommen: Krokodile,

durch jahrelange Bemühungen endgültig stromabwärts gescheucht,

erschienen wieder. Die Badeanstalt musste geschlossen werden, weil sich

Zitteraale in den Kabinen aufhielten, deren Schlag tödlich ist.

Einer der wenigen Lichtblicke in diesen peinlichen Tagen bestand darin,

dass man leicht zu wohlschmeckenden Braten und seltenen Leckerbissen

gelangen konnte.

In diesen Zeiten erfreute sich mein alter Professor eines grossen

Ansehens. Er hielt öffentliche Vorträge und lehrte die Traumstädter,

die gefährlichen Bestien von den harmlosen zu unterscheiden. Mit

einem alten Drilling ausgerüstet wandelte er schon am frühen Morgen

mitten unter den Gazellenrudeln, Wildschweinen, Murmeltieren und

oblag fleissig der Jagd. Aber die Tiere gewöhnten sich bald an den

eigentümlichen bebrillten Schützen und liebten den alten Herrn. Dafür

stiftete sein Gewehr an den Fenstern so viel Schaden, dass es ihm

wieder abgenommen werden musste.

Abends konnte man nur noch unter grösster Vorsicht, bewaffnet und mit

einer Laterne ausgehen. Fallen, Wolfsgruben, Schlageisen, Selbstschüsse

machten unsre Stadt noch unsicherer. Sich aber in seinem Vergnügen

stören zu lassen, das fiel keinem Traummenschen ein.

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