I.

Es ist ein trüber Vormittag. Der Amerikaner Herkules Bell liegt noch

zu Bett, die Arme verschränkt, halbsitzend, mit der Miene des tiefsten

Nachdenkens. „Ich werde siegen!“ murmelt er, und ein stolzer Schein

verklärt sein wenig schönes, allzu energisches Gesicht. „+Ich werde

siegen+“, wiederholt er laut und erhebt sich.

„Ich bin gesund!“ denkt er triumphierend und tritt nackt vor den

grossen Stehspiegel. Mit herausforderndem Blick mustert er seinen

Körper und lässt durch ein paar gymnastische Übungen die Muskeln

spielen: „Das ist alles unbeugsam!“ -- er klatscht sich auf die

behaarte Brust. Wie ein Ringkämpfer kommt er sich vor und ruft in einer

frohen Aufwallung: „Erster Preis für Herkules Bell!“

Er denkt an die Traummenschen und speit unwillkürlich in die Ecke.

Rasch genug wird er mit dieser kraftlosen Herde fertig werden!

Da runzelt er plötzlich die Stirn. Die Vorstadt kommt ihm in den Sinn.

Nur ein einziges Mal ist er drüben gewesen und hat sich ihre Bewohner

angesehen. „Humbug“, darin fasste er sein Urteil über den alten Stamm

zusammen und ging nie mehr in das Dorf, das ihm „unsympathisch“ war.

Nachdem er sich von der abweisenden Kälte der blauäugigen Asiaten

überzeugt hatte, kam er zu dem Schluss, dass die Vorstadt ein

unfruchtbarer Boden für den Parteikampf sei. Trotzdem fürchtete er aus

einem dunklen Gefühl heraus immer noch einen Streich dieser seltsamen

Greise. Sie wurden von der beginnenden Umwälzung gar nicht berührt und

lebten tatenlos in den Tag hinein. Zum Teufel noch einmal, da waren ihm

die verkommensten Traumstädter noch lieber! -- --

Er kleidet sich an und rasiert sich sorgfältig, hernach massiert er

kunstgerecht sein Gesicht, wobei die gesunkene Stimmung wieder besser

wird. Sein Hauptschlag soll erst noch kommen, diesen Triumph ahnt noch

niemand. Er denkt an die Nacht, in der er sich von seinem ergebenen

Lieblingsdiener trennte. Unter Lebensgefahr hat sich dieser Mann,

welcher schon seit zwanzig Jahren die Stellung eines Leibjägers bei

Herkules Bell bekleidete, aus dem Traumreich entfernt, um dem Auslande

Nachricht über den neuen Staat zu bringen. Connor befand sich also

ausserhalb der Grenzmauern. Dieses praktisch-technische Genie hatte

mit raschem Blick erkannt, dass der +Fluss+ die einzige Möglichkeit

zur Flucht bot. Da, wo er unter dem Bollwerk der Mauer verschwand,

tauchte Connor unter und stiess auf ein Eisengitter. Unter dem Schutze

der nächtlichen Dunkelheit gelang es ihm, einen Stab zu durchfeilen,

wodurch eine Öffnung entstand, durch die er seinen schmalen und

gewandten Körper zwängen konnte. Das tat er eines Nachts -- und eine

von draussen weit über die Mauer emporsteigende Rakete zeigte dem

Amerikaner an, dass dem kühnen Mann das Wagestück gelungen war. In

einem Gummibeutel trug er den wichtigen Brief auf der Brust; für

seinen gestählten Organismus war von dem nächtlichen Bad nicht viel zu

fürchten. -- Jetzt konnte es an nichts mehr fehlen! -- In Abenteuern

aller Art hatte Connor seine Klugheit und Ausdauer bewiesen.

Nach längstens vier bis sechs Wochen musste Hilfe eintreffen.

„In zwei Monaten bin +ich+ Herrscher des Traumreichs!“ sagt Bell

und füllt seine Etuis mit Zigarren. „Bald wird mir Patera zu Füssen

liegen!“ Ein böses Leuchten tritt in seine Augen. Warum muss er dem

Meister, den er so hasst, im geheimen doch glühende Bewunderung zollen?

In dieser Frage liegt die ganze Tragik dieses Mannes.

Als er nach langem Bitten hier einziehen durfte und die Wirkung der

unermesslichen Kräfte Pateras mit eigenen Augen gesehen hatte, hielt

er in seinem praktischen Sinn die Art ihrer Verwendung für lächerliche

Spielerei. Mit seinem unternehmenden Geist hätte er ganz andere Dinge

verwirklicht. An eine Art Kompagniegeschäft mit dem „Herrn“ hatte er

zuerst gedacht, und hätte rückhaltlos seine Millionen in diese Idee

gesteckt. Die +Welt+ könnte man erobern! -- wahrhaftig etwas mehr als

diese Tollhausniederlassung.

Diesem machtvollen Mann, dem sie in Amerika und Europa um seines

Goldes willen die Fusssohlen leckten, musste es hier passieren, dass

er vom Herrn wie ein lästiger Bittsteller behandelt wurde. Seine

Besuche waren mit Spott abgewiesen worden. Nicht ein einziges Mal hatte

er bis zur höchsten Person vordringen können, um seine wertvollen

Vorschläge zu unterbreiten. Die unerwartetsten Zufälle hatten sich

immer dazwischen geschoben. Da entwickelte sich im Herzen dieses

Menschen ein furchtbarer Hass gegen Patera. Jetzt wollte er seine

Macht fühlen lassen, er brauchte keine Almosen! Anerkennung wollte

er sich erzwingen! Und er warf sich auf die Politik -- mit welch

günstigen Erfolgen, weiss man. Ganze Nächte wälzte er sich im Bett und

zergrübelte sein Hirn nach einer Rache an dem Unsichtbaren. Seinem

Gelde, seiner unausgesetzten Tätigkeit war es zuzuschreiben, dass er

heute im Traumstaate einen so gefürchteten Namen hatte. Das Ziel, die

Demütigung Pateras, schien nun nahe. „Aber nun gilt’s handeln, nicht

denken.“ -- Er nimmt seine Uhr -- -- -- sie steht! -- -- -- „Sonderbar,

wie lange habe ich denn geschlafen?“ -- -- -- Er klingelt dem Diener.

-- Es kommt niemand. -- Jetzt öffnet er die Tür zum Vorzimmer. Da liegt

der Diener John und schläft mit offenem Munde. Bell tritt an ihn heran

und rüttelt den Schlafenden, -- umsonst. -- -- Endlich macht John

langsam die Augen auf und blickt seinen Herrn blöde an. Gleich darauf

schläft er wieder ein und ist nicht mehr zu erwecken.

Wütend, doch erfolglos, drückt der Amerikaner auf alle Schellenknöpfe

und begibt sich ins Restaurant hinunter. Das erste, was er hier

bemerkt, ist der schnarchende Hotelier hinter dem Schanktisch. Einige

Gäste sitzen, ihr Haupt auf dem Tisch, die Serviette als Unterlage

benutzend und schlafen. Vor ihnen stehen halbgefüllte Gläser und Teller

mit Speiseresten. An den Kleiderständer gelehnt, steht der Piccolo und

hält schlafend den Traumspiegel zwischen die Beine geklemmt. Bell gibt

ihm einen Stoss -- der Kleine sinkt zusammen, ohne den friedevollen

Ausdruck seines Gesichtes zu verändern.

Der Amerikaner jagt wieder hinauf und wäre dabei fast über die

vermummte Waschfrau gestolpert. Ein furchtbarer Gedanke steigt in ihm

auf. Weit beugt er sich aus dem Fenster. An der gegenüberliegenden

Strassenecke flattert etwas Rotes -- Papierfetzen -- eine schlecht

angeklebte Proklamation. In einem schmutzigen Strassenwinkel sieht er

zwei Männer auf dem Boden liegen, aus der Tiefe eines Hausflurs ragen

Rock und Beine einer Frauensperson. Sonst ist es öde und menschenleer,

nur in der Ferne schleichen zwei Tiere mit spitzen Schnauzen. Es sind

Füchse. Bell tritt vom Fenster und sinkt in einen Armstuhl. Sein Blut

tritt zurück, er erbleicht, und ein Ausdruck unsäglicher Verachtung

kommt in sein Gesicht. Er lässt das Haupt sinken, drei senkrechte,

scharfe Falten werden auf seiner Stirne sichtbar, seine Nasenflügel

beben und in schlaffer Haltung sagt er mit leidender Stimme: „Ich bin

ein Pfuscher! -- -- Verspielt!“ -- Seine Augen sind im Begriff, sich zu

schliessen -- -- -- -- Es kommt doch nicht so weit -- -- -- zitternd

kämpft sein Körper gegen die Müdigkeit an. -- -- -- Er schleppt sich

zur Badewanne und steckt den Kopf in das kalte Wasser -- das erfrischt!

-- nimmt einen Schluck Branntwein -- -- mit dem Rest in der Flasche

reibt er sich den Schädel ein -- -- -- die Schwäche ist überwunden.

Dann stopft er seine Pfeife, setzt den Hut auf und geht fort.

Herkules Bell ergibt sich nicht.

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