„Ihr Gatte hat eine massive Gesundheit“, bemerkte ich, um etwas zu
sagen.
„Ach ja“, gab sie zurück.
[Illustration]
Die Stimmung wurde ein wenig drückend; ich hatte Angst vor der Nacht
und wollte meine Anwesenheit hier möglichst lange hinausziehen.
Jetzt erst betrachtete ich die schöne Frau näher. Sie trug ein blau-
und weissgestreiftes, bauschiges Kleid und das üppige Haar in einem
Netz nach der damaligen Mode im Traumreich. Ihr Gesicht erschien
mir auffallend klein, die Stirne schmal, die Augenbrauen stark
geschwungen und zwar aussen höher. Die Nase war ziemlich kurz, eine
Stumpfnase, der Mund sehr voll und breit, leichte Negerlippen. Das
schönste waren ein Teint wie Alabaster und das Haar. Für ein Weib war
sie gross.
Ich wunderte mich, wie scharf ich in meiner Lage noch beobachten
konnte. -- Melitta kramte in einem Körbchen nach einer Arbeit,
dann setzte sie sich an den Kamin, in welchem lange Buchenscheiter
prasselten. Das reiche, braungetäfelte Esszimmer war leicht überhitzt,
draussen knirschten die Bäume im Sturm, ab und zu schlug ein
Regenschauer gegen die Fenster.
Ich erwartete, dass die Dame etwas sprechen würde, ich war heute ein
schlechter Gesellschafter. -- Aber sie schwieg. -- Ich musste also ins
Treffen. -- „Gnädige Frau, Sie haben sehr schönes Haar“, sagte ich aufs
Geratewohl.
„Es ist nicht soweit her damit, früher hatte ich mehr. -- Offen ist es
hübscher!“
Da durchfuhr mich auf einmal ein jäher Schreck. Ich fühlte, wie ich
blass wurde.
Was sich jetzt ereignete, wird mir niemals vollständig erklärbar
werden. -- Ich hatte in den letzten Tagen die furchtbarsten
Erschütterungen durchgemacht, die ein Mensch zu ertragen imstande ist.
Ich war gebrochen -- lag am Boden -- ohnmächtig und verzweifelt.
Beherrscht unsere Natur etwa eine Art von Pendelgesetz? Was war es
sonst, dass in mir gerade jetzt leise, aber plötzlich ein ganz kleiner
Gedanke auftauchte, kalt und lauernd?
Fast im gleichen Moment spürte ich, wie sich dumpfe, unermessliche
Kräfte in mir regten. Das ging alles irgendwo im Tiefen vor sich, an
der Oberfläche meines Bewusstseins war ich empört über mich selbst.
Aber blitzartig wandelte sich jetzt alles, alles in einen gesammelten
starren, einheitlichen Willen: so wurde es irgendwo bestimmt; ich war
besonnen, berechnend wie eine Schlange. -- Von aussen gesehen war ich
ein Mann, welcher rauchte.
Melitta legte ihr Nähzeug hin und sagte ruhig: „Als Maler müssen Sie
natürlich einiges von Schönheit verstehen.“
Ich war vollständig Herr über ein kristallklares Gedankengefüge.
Jetzt +wollte+ ich handeln -- -- doch erst sondieren.
„Ihr geöffnetes Haar muss wirklich ein wunderbarer Anblick sein“, sagte
ich und verbarg mich hinter Rauch.
„Sie wären enttäuscht, fürchte ich!“ dabei beugte sie sich wieder rasch
über die Arbeit und lachte ein wenig.
„Ach so ...“ dachte ich; nein, auf ein kitzelndes Spiel kam es mir
wirklich nicht an, das war nie meine Sache gewesen. Gleichgültig stand
ich auf und bemerkte mit kühler Galanterie:
„Schade, dass Ihr Mann nicht Künstler ist.“ -- -- (Das war eine
Diversion, der Gegner sollte weiter vordringen, sich zu erkennen
geben), und richtig: „Grosser Gott, der merkt das alles gar nicht!“ Es
kam mit einem leicht verächtlichen Achselzucken heraus; ich hatte es
nicht anders erwartet. Jetzt war sie mein. Trotzdem war noch nichts
geschehen, die Situation durchaus unverfänglich.