Es war gewiss recht freundlich von Lampenbogens, einen so Verlassenen
wie mich bei sich aufzunehmen. Ich wäre allerdings auch mit jedem
anderen gefahren, mir war es zu gleichgültig, wohin es fortan ging.
Lampenbogens lassen sich „nichts abgehen“; „denen ist’s egal, dass
meine Frau tot ist“, dachte ich, als mir das Mädchen die Tür zum
Esszimmer öffnete. Es war sechs Uhr abends. Die Frau Doktor hatte mich
schon begrüsst, als wir ankamen, sie sagte, dass sie hoffe, ich würde
mich in ihrem Hause recht wohl fühlen, und das „schreckliche Ereignis“
bald vergessen. „Jawohl, das schreckliche Ereignis“, antwortete ich
mechanisch. „Im Leben gibt es viele Trauer“, bemerkte Lampenbogen und
legte eine Schachtel Zigarren auf den Tisch in meinem Zimmer. Nachdem
ich mich genugsam gewundert, dass ich hinfort in einer anderen Stube
wohnen sollte, machte ich mich ein wenig schön und ging hinunter.
-- Draussen war es kalt und unfreundlich gewesen, hier war es warm,
geräumig und luxuriös. Die Hausfrau schien besorgt um mich, was
mir wohl tat. Der Eindruck von neulich musste eine Sinnestäuschung
gewesen sein, ich sah ihr heute ganz ruhig in die Augen; sie waren
mandelförmig, graugrün; nachdenklich suchten sie in einem fort etwas.
„Also von dieser Frau spricht man so viel,“ dachte ich bei mir, „das
ist ja alles lächerlich.“
Wir setzten uns zu Tisch, Lampenbogen nahm mit seinem Elefantenleib
eine ganze Breitseite ein. Er war Gourmand. Während er ass, wurde sein
Gesicht zum Blasebalg, man sah und hörte, dass es ihm schmeckte. Mir
stand der Sinn nicht nach Essen, trotzdem ich nichts im Magen hatte.
Lampenbogen aber wurde vor dem Tischtuch ein ganz anderer Mensch, ein
„Priesterfeldherr“, wenn man so sagen darf. Andächtig und zugleich
scharf überblickte er die Schüsseln, und wenn man sie ihm nicht gleich
reichte, schnalzte er mit den Fingern, ganz kurz. Bereits abgetragene
Speisen verlangte er kategorisch aus der Küche zurück. „Wie oft habe
ich es ihr schon gesagt, dieser Bestie“, knirschte er und wurde rot. In
diesem Moment glich er dem japanischen Glücksgott Fukuroku. Den Salat
bereitete er selbst an einem kleinen Nebentisch. Geschickt hantierte
er mit zwei Gabeln, mir fiel auf, wie sicher seine kleinen, fetten
Hände sich bewegten. Ich dachte: der muss gut zu operieren verstehen.
Schliesslich schien er trotzdem mit seinem Werk nicht zufrieden.
„Man bekommt hier rein gar nichts mehr“, grollte er, und überblickte
missbilligend eine ganze Batterie farbiger Fläschchen und Dosen.
„Lampenbogen im Querschnitt“, ein Stoff für Castringius.
„Aber Sie essen ja gar nichts!“ rief er beim Käse. Seine Frau wies
ihn zurecht! „Odoaker, du weisst doch!“ Übrigens bemerkte ich, dass
er gleich mir eine feine Nase hatte. Das war aber auch die einzige
Ähnlichkeit zwischen uns.
Nach Tisch bekam ich meine Zigaretten; bedauernd, seufzend erhob sich
der Fettberg:
„Leider, leider muss ich heute in den Klub und wir könnten so schön
noch beisammen sitzen.“ Auch ich bedauerte. „Wo ist der Klub?“ frug
ich. Er wollte mich natürlich sofort einführen, in den hinteren Räumen
der „blauen Gans“ befand sich eine Kegelbahn. Ich dankte. Für heute
wäre es mir ein bisschen zu viel.
„Nun also, in Gottes Namen denn“, sagte er und schüttelte mir die Hand.
Seine Frau erhielt einen Klaps auf die Wange. Im Kontrast zu seiner
Schwere hatten seine Bewegungen eine gewisse federnde Grazie.