„Nein, Sie können gehen!“
„Was würden Sie sagen, wenn ich so frech wäre und Sie bäte, Ihr Haar zu
öffnen?“
(Ich brauchte diese Frage, bevor ich die Schlinge zuzog, denn ein Refüs
wäre zu lächerlich.)
„Heute, am Begräbnistage Ihrer Frau?!“
(Ein Scheinhieb.)
„Ausser dem Tode gibt es auch noch das Leben“, schauspielerte ich
weiter. Trotzdem empfand ich eine leichte Kontrawelle, aber was
vermochte sie gegen die Gewalt, die bereits über mich entschieden hatte.
„Also, wenn Sie wollen, wenn ich Sie damit trösten kann?“
(Aha, der versteckte Stachel gegen den Witwer, ihre letzte Parade.)
„Wie dumm ist dieses Weib .... eine wie die andere ....“ Irgendwoher
stieg dieser Gedanke in mir auf. Melitta erhob sich und nestelte an
ihrer Frisur.
„Wird das Mädchen nicht kommen?“ sprach ich sehr ruhig und ganz leise.
(Das war ein Riegel und zugleich Vorsorge, dass das Geplänkel nicht
noch weiss Gott wie lange dauerte. Ausserdem fühlte ich die Ordnung in
meinem Kopfe schwinden.) Leise kam es aus ihrem Munde:
„Wir sind sicher.“ (Was kann man mehr verlangen?) Zwei prachtvolle,
rotbraune Flechten fielen ihr den Rücken hinab. Sie trat hinter den
hohen Schutzschirm am Kamin und löste ihr Haar völlig.
Ich war überrascht, trotzdem übertrieb ich. Detaillierte Sachkenntnis
gab ich zum besten, tropfenweise goss ich leidenschaftliche Ausdrücke
dazu. Mir war es ja gar nicht so um das Haar zu tun.
Eine Beklemmung presste mir den Schlund zusammen. Ich sah es kommen,
wenn ich noch viel redete, würden meine Worte idiotisch.
„Ihr Haar ist einzig, darf der Künstler nicht mehr sehen? Bitte,
bitte“, schmeichelte ich und bemerkte, wie sehr Melitta verwirrt wurde.
„Sie verlangen weiss Gott viel“, meinte sie, auf kokette Weise
indigniert. -- Ihre Röte zeigte mir, dass ihr Widerstand schmolz. Mit
zitternden Fingern durfte ich die Zofe ersetzen ....
Im Boudoir nebenan verbreiteten zwei kleine Wandleuchter gedämpftes
Licht. Ich wollte sie ihrer Dumpfheit entreissen, zugleich freute ich
mich über diese Dumpfheit. Ich spürte den berauschenden, im Traumland
nur zu bekannten Duft -- -- meine Frau hatte für mich nie gelebt. -- --
-- -- -- -- --
Auf der Strasse war es ruhig, der nächtliche Sturm hatte sich gelegt;
es war noch sehr nass und kalt. Ein Säbel rasselte, zwei Passanten
kamen.
„Das Trinkgeld des Teufels“, hörte ich Castringius wohlbekanntes
Meckern. Ich lief und lief, um möglichst weit von der Villa
fortzukommen. Niemand, nichts konnte mich dahin zurückbringen.
Im Kaffeehaus trank ich einen starken Punsch, und sagte wie im
Galgenhumor: „Endlich allein!“ Nach dem dritten Glase machte ich eine
Bilanz über das, was ich im Leben erstrebte und erreicht hatte: Ein
Blick ins Nichts. Ähnlich wie Brendel mit seinen Liebschaften ging es
mir mit allem. Ich verfolgte Vorspiegelungen eines Glückes, das mich
narrte. Ich wollte von dieser Affenkomödie nichts mehr wissen. Beim
vierten Glase watete ich tief im Sumpfe der Selbstmordideen. Lieber
gar nicht existieren, als ein Narr unter Narren sein.
Dabei folterte mich Reue über das zuletzt Geschehene. Ich leistete
der Toten Abbitte. Seit einigen Stunden deckte sie die nasse Erde,
eingeengt und verlassen in ihrem hölzernen Gefängnis, während ich die
Last des lebendigen Fleisches schleppen musste. Selbst in dieser Stunde
neckten mich zwischendurch laszive Gedanken, welche gleich Blasen in
mir aufstiegen und zerplatzten.
Beim fünften Glase der Entschluss: „Hier mich vollsaufen, dann ins
Wasser.“ Von dem vielen Tabakrauchen brannte mir die Zunge und brummte
mein Schädel.
An dem Nebentische sprach man von der Mühle. Jakob, der abgängige
Müller, war Ende voriger Woche noch gesehen worden, er hatte sich von
der Fähre weiter unten übersetzen lassen; eine Strasse führt daselbst
durch einen endlosen Urwald, ein noch unerforschtes, wildes Gebiet des
Traumlandes. Nachts drangen wahre Höllensymphonien bis über den Fluss
herüber. „Vielleicht hat sich der Müller verlaufen und ist irgendeiner
Bestie zum Opfer gefallen“, das war die Durchschnittsansicht hier.
Trotzdem zog man über den andern Bruder her und hängte ihm den
schwersten Verdacht auf.
Ich trank einen schwarzen Kaffee und konstatierte, dass ich weder
zum Selbstmord, noch zum Leben fähig war. „Ich werde ein vegetatives
Halbleben zwischen den beiden Möglichkeiten führen und den Todesstoss
wie ein Schlachtochse erwarten, lange kann er ja nicht ausbleiben.“
-- Ein Blick in den Spiegel zeigte mir ein krankes, aufgeschwollenes
Gesicht.
[Illustration]
Es war drei Uhr morgens, da ass ich drei Portionen Schinken und extra
noch einen Rosinenkuchen; ein Wolfshunger hatte mich gepackt. Als
späte Gäste erschienen Castringius und de Nemi. Der Zeichner sah
mich sofort, ich ergriff aber schnell „die Stimme“, und vertiefte
mich darin. Beide verstanden, was ich damit sagen wollte. Gesperrt
gedruckt stach mir mein Name in die Augen, ein kurzer Nachruf für
meine Frau. Über die Zeitung hinweg musste ich immer auf Castringius’
Hände sehen, jetzt hing eine, die rechte, über die Stuhllehne, ein
schauderhaftes Werkzeug; das musste eine Rückbildung sein, vielleicht
eine Zwischenform. Aber Castringius gab zu verstehen, dass er zum
Menschengeschlechte gezählt werden wolle. Schiffsschrauben nannte ich
die kurzen, fleischigen Finger mit den breiten, hornigen Nägeln; sie
waren gelb und rissig. Weil ich wusste, dass mich mein Kollege im
Grunde nicht mochte, war ich ungemein höflich zu ihm.
Der Wirt kam an meinen Tisch; verschlafen frug er mich, ob ich meine
Wohnung auch fortan beibehalten würde. „Um des Himmels willen, nein!“
Ich erklärte ihm, dass ich augenblicklich obdachlos sei, ob er etwas
wisse? -- „Gewiss, bei mir.“ Er hatte ein Zimmerchen, lang und schmal
wie ein Gang. Hier schlief ich den Rest dieser Nacht, und hier blieb
ich. Durch einen Vorhang abgetrennt stand in einem dunkeln Alkoven
das Bett. -- Der Raum kam mir so altbekannt vor, als hätte ich nie in
einem andern gewohnt, er heimelte mich an mit seinen etwas schadhaften
vergilbten Ledertapeten, dem altertümlichen Uhrkasten und dem bauchigen
Kachelofen.
Todmüde schlief ich ein und wurde erst am übernächsten Tage geweckt,
als man mein Zeichenpult herüberschaffte. -- -- --
Es überfiel mich ein Arbeitsdelirium; im nächsten halben Jahre
produzierte ich unter dem Drucke des Schmerzes meine besten Sachen. Ich
betäubte mich im Schaffen. Meine Blätter, in der düstern und fahlen
Stimmung des Traumreiches gehalten, sprachen auf verborgene Weise
mein Weh aus. Fleissig studierte ich die Poesie der dumpfigen Höfe,
der verborgenen Dachkammern, der schattigen Hinterzimmer, staubigen
Wendeltreppen, verwilderten, nesselbestandenen Gärten, die blassen
Farben der Ziegel- und Holzpflaster, die schwarzen Schlote und die
Gesellschaft der bizarren Kamine. Immer wieder auf neue Art variierte
ich den einen melancholischen Grundton, das Elend der Verlassenheit und
den Kampf mit dem Unverständlichen. Ausser diesen vielen Blättern, die
ich unter die Leute und zum Traumspiegel brachte, machte ich aber auch
anderes. Ein paar kleine Serien Arbeiten entstanden, nur für wenige
bestimmt. Hier versuchte ich unmittelbar neue Formgebilde nach geheimen
mir bewusst gewordenen Rhythmen zu schaffen; sie ringelten, knäuelten
sich, und platzten gegeneinander. Ich ging noch weiter. Ich verzichtete
auf alles bis auf den Strich und entwickelte in diesen Monaten ein
seltsames Liniensystem. Ein fragmentarischer Stil, mehr geschrieben
wie gezeichnet, drückte es wie ein empfindliches meteorologisches
Instrument die geringsten Schwankungen meiner Lebensstimmung aus.
-- „Psychographik“ nannte ich dieses Verfahren und wollte später
Erläuterungen dazu verfassen. Im Bezirke neuen Schaffens fand ich die
Entlastung, die mir so not tat. Doch weit entfernt mit dem Schicksal
ausgesöhnt zu sein, führte ich im Grund ein Zwitterleben.
Für das Ende meiner Frau habe ich, viele Nächte nachdenkend, nach
Erklärungen gesucht. -- Mich traf auch etwas die Schuld; sie war eine
reale, gesunde Natur, welche in dem Boden dieses gespenstischen Reichs
niemals Wurzel fassen konnte. Das hätte ich mir beizeiten sagen und
lieber auf das ganze Abenteuer verzichten sollen.
Als ich wieder unter Menschen zu gehen anfing, erfuhr ich von
allerhand Veränderungen. Im Traumreich ging es womöglich noch ärger
drunter und drüber.
Eines Tages trug man Frau Goldschläger, die uns seinerzeit bedient
hatte, tot aus dem Hause, die dritte Leiche in einem halben Jahr. --
Den armen neun Kindern ging es nun schlecht.
Hektor von Brendel sollte ein Verhältnis mit der Lampenbogen
eingegangen sein; ob die wohl zur „Reife“ gelangen würde? De Nemi ging
zu Lampenbogen, weniger der Melitta als eines schlimmen Leidens wegen,
einer Folge seiner galanten Anlage. Von Giovanni Battista hörte ich nur
Erfreuliches; er war ein Meister seines Faches und der Friseur kaufte
ihm eine Altersrente.
Ein starker Zuwachs machte sich nicht bemerklich, die paar
Neuangekommenen fanden wenig Beachtung. Sie erzählten wohl viel von der
Welt da draussen mit ihren Fortschritten und grossartigen Erfindungen.
Das interessierte jedoch die Träumer nicht im mindesten, man sagte so
obenhin: „Ja, ja, ist schon recht!“ und ging zu etwas anderm über. Uns
erschien das Traumreich unermesslich und grandios, die übrige Welt kam
gar nicht in Betracht, man vergass sie. Kein Mensch, der sich hier
eingelebt, wollte wieder hinaus, „da draussen“, das war Schwindel, das
gab’s gar nicht.
Eines späten Abends ging ich zum Flusse hinunter. Ich hatte vor, einige
Nachtschnüre, zum Fang für Aalrutten bestimmt, auszulegen; Fischerei
war eine Jugendleidenschaft von mir.
Um die Mühle knisterte und webte noch immer die sonderbare gasartige
Substanz. Grünliche phosphoreszierende Streifen sah ich über die
Wände huschen. Deutlich fühlbare, unangenehme Störungen beunruhigten
mich in ihrer Nähe. Unter der Tür, an der ein Eulenkopf, eine lebendig
gekreuzigte Fledermaus und ein Rehlauf als glückbringende Zeichen
befestigt waren, unter dieser Tür stand der Müller. Die Glut seiner
Pfeife leuchtete. Vor diesem verschlossenen Menschen hatte mich schon
immer geschaudert, aber heute ging ich absichtlich kühn an ihm vorbei.
Die Plätze für die Angeln hatte ich mir schon ausgedacht, gleich hinter
dem grossen Rechen. Als ich eben auslegen wollte, hörte ich leise
und deutlich eine Stimme aus nächster Nähe: „Pst, pst, Obacht! bitte
mehr links zu gehen!“ Es war niemand zu sehen. Da gewahrte ich mit
Schrecken ein dickes, rundes Gesicht in dem Sande zu meinen Füssen.
Ich fürchtete schon wieder einen Teufelsspuk, aber es erklärte sich
bald auf natürliche Weise: Ein Kriminal hatte sich hier eingegraben und
belauschte den Müller. -- Ich war erleichtert.
Nachdem ich meine Arbeit verrichtet hatte, ging ich wieder heim. An der
Brücke blieb ich stehen, -- ein eintöniges, gezogenes Singen hallte
herüber. -- In dieser Richtung lag die Vorstadt mit ihren niedrigen
Häuschen. Dorthin war ich noch nie gekommen, ich hatte gerade genug
Traumlandunterhaltung gefunden. Der Gesang griff mir eigenartig ans
Herz, feierlich monoton klang es, ich lauschte stumm; eine merkwürdige
Ruhe lag über dem Wasser. „Ich will doch demnächst hingehen“, nahm
ich mir vor, und wieder wie so oft, dachte ich an Pateras grosse
Geheimnisse, und was ich darüber wusste. Von solchen Dingen wird im
nächsten Kapitel die Rede sein.
Dann ging ich auf ein Viertelstündchen ins Kaffeehaus. Anton war nicht
zu zitieren. Eifrig sprach er zu einem Tisch voll Gäste und schwang in
der Hand den Fremdenanzeiger der letzten Nummer der „Stimme“.
„Nun haben wir ihn, gestern ist er angekommen“, schallte es bis zu mir.
Endlich bemühte er sich auch dienstbeflissen um mich.
„Heute ist der +Amerikaner+ angekommen“, berichtete er wichtig.
„Wer?“
„Nun der Amerikaner, ein Mann mit vielem Gold.“