Zerrüttet, zu jeder Sammlung unfähig, kam ich zu Hause an. Lampenbogen
war gerade da, schien aber im Begriffe zu gehen. Er hatte aus dem
Kloster eine barmherzige Schwester mitgebracht. Als mich der Doktor
sah, zog er mich sogleich in die Fensternische. Er sprach ernst auf
mich ein, aber ich war nicht imstande, dem Sinn seiner Worte zu folgen.
Mir tat seine schwerfällige Ruhe wohl. „Nur nicht die Hoffnung
aufgeben“, verstand ich. „Es ist ein starker Nervenanfall, vielleicht
die Krise. -- Es ist übrigens immer noch möglich, dass die Frau diese
Attacke übersteht. -- Man darf die Hoffnung nie ganz aufgeben. Falls
Unvermutetes eintreten sollte, so holen Sie mich natürlich heute nacht
noch. Morgen komme ich auf jeden Fall.“
Er ging. -- Wie gesagt, was eigentlich geschehen war, warum er so
sprach, wusste ich nicht.
Still, geschäftsmässig ging die Pflegerin mit Tüchern und Schüsseln aus
und ein. Ich fühlte in mir nur ein halbes Leben, zu einer vernünftigen
Handlung konnte ich mich nicht aufschwingen. Ratlos, mit dem Gefühl der
Überflüssigkeit, stand ich herum. -- Meiner Frau konnte es wohl gar
nicht so schlecht gehen; als ich mich einmal scheu auf den Fussspitzen
dem Bette näherte, lag sie da und schlief; sie sah sogar voller und
besser aus als in den letzten Wochen, Röte bedeckte ihr Gesicht. Dann
sprach ich mit der Krankenschwester. Nun, einen Anfall, eine Art
Gehirnkrampf, hatte die Kranke während meiner Abwesenheit gehabt. Die
geistliche Frau war einsilbig, spät abends betete sie halblaut. Langsam
kamen mir Ahnungen von dem furchtbaren Ernst der Situation. Mitten in
die wirren Gedanken, die sich mit dem Herrn des Traumreichs befassten,
blitzten Erinnerungen an die Schüttelfröste auf, die meine Frau bei
unserer nächtlichen Stellwagenfahrt befallen hatten. Aber ich +konnte+
das Schlimmste nicht glauben, ich +wollte+ nichts glauben.
Diese Nacht nistete ich mich auf dem Divan im Wohnzimmer ein, das
zugleich mein Arbeitsraum war. Von Schlafen keine Rede. Gegen Morgen
erhob ich mich einmal und sah mir das Bild Pateras an. Die Kranke
schien Ruhe zu haben, nur ein einziges Mal hörte ich während der Nacht
ein paar Worte sprechen. Gegen neun Uhr morgens ging ich hinüber. Hier
war alles schon geordnet und gelüftet. Meine Frau sah mich erstaunt
an, das Erkennen machte ihr sichtlich Mühe. Trotz ihrem guten Aussehen
war sie sehr schwach, kaum verstand ich ihre Worte. Die Schwester war
zufrieden mit der Nacht, das Fieber hatte nachgelassen, tatsächlich
wurde die Patientin jetzt frischer. Die Pflegerin verliess uns nun
auf eine Weile, sie machte einige Besorgungen. Ich setzte mich auf
den Bettrand und nahm die heissen Hände meiner Frau in die meinen.
Voller Hoffnung, und um ihr die Anstrengung des Sprechens zu ersparen,
erzählte ich ihr alles mögliche, von dem ich annahm, dass es sie
erfreuen würde. Ich sprach von dem Tempel am See und seinen Wundern,
von den Juwelen und Geschmeiden, die dort aufbewahrt lagen, denn ich
wusste, schöner Schmuck war eine kleine Leidenschaft von ihr. Ich
schilderte die spiegelnden Wasserstrassen und den tiefen, lauschigen
Park, als wenn ich selbst tagelang dort herum gestreift wäre. Sie sah
mich unverwandt, fast heiter an und strich mir sogar ein paarmal über
den Kopf. Ich war glücklich, dass ihr meine Geschichten gefielen und
fuhr eifrig fort. Ich sprach von den vergoldeten Schiffen und den
schneeweissen Schwänen auf dem See, meine Bilder gewannen Farbe --
Farbe hier in dem fahlen, düstern Traumland. Glühend beschrieb ich
die vielen Blumen, die buntgesprenkelten Orchideen, die schwarzroten
Rosen, die Lilien an den zartgebogenen Stengeln. Ich glaubte fest an
die Zauberkraft meiner Worte. Von blauen Wäldern von Vergissmeinnicht
sprach ich, von den Millionen glitzernder Tautröpfchen, über denen die
frühe Sonne aufging. Ich sprach von dem Gezwitscher der Vögel, von
den freudigen Klängen silberner Posaunen. Dorthin in lichte Pracht
wollten wir eilen, nötigenfalls entfliehen. Dort würde sie gesund
werden. Während ich die verlockendsten Worte fand und in einem schönen
Zukunftsleben schwelgte, war meine Frau -- eingeschlafen.
Mutlos, wie zerschmettert, sass ich da. Die trostlose Bangigkeit
hatte mich wieder. Mit halbgeschlossenen Augen lag die Kranke, ihre
tiefe Röte kam mir nicht mehr so natürlich vor. Ich zwängte die
heraufkommenden Tränen zurück -- die Pflegerin kam herein.
Und dann kam auf einmal Herr von Brendel und erkundigte sich in
teilnehmenden Worten nach dem Befinden meiner Gemahlin. Auch Blumen
hatte er mitgebracht, blassgelbe Tulpen. Ich zog ihn ins Wohnzimmer;
endlich ein gesunder Mensch! Ich klammerte mich förmlich an ihn.
Wie versprochen kam auch der Arzt. Er blieb lange. Bevor er ging, nahm
er Brendel mit sich in die Küche; dort hatten die beiden eine kleine
Unterredung, dann verabschiedete er sich rasch auch von mir und ging
die Treppe hinab. Sein letztes Wort war: „Kopf hoch, und hoffen!“
Brendel machte mir den Vorschlag, mit ihm zu gehen: „Wir können den
ganzen Tag zusammen bleiben, hier stören Sie doch nur und haben kein
richtiges Essen.“
Er vermied es absichtlich, von meiner kranken Frau zu sprechen.
Wir gingen also ins Kaffeehaus auf ein Frühstück. Mir fehlte zwar
jeglicher Appetit, aber irgendwohin musste ich gehen. Ich hatte
Brendel wirklich gern, er war ein reizender, ungemein gefälliger
Mensch, der nur eine einzige Schwäche hatte: Er gehörte zu den
sentimentalen Don-Juans. -- Das ist noch lange nicht das Ärgste --.
Weit entfernt, ein solcher Schürzenjäger wie de Nemi zu sein, dem
es nur auf die mechanische, phantasielose Unzucht ankam, war Hektor
von Brendel tatsächlich verliebt -- und zwar immer und immer wieder
in eine andere. Wer aber glaubte, hier einen jugendlichen, unklaren
Menschen vor sich zu haben, der vor lauter Zartheit für ein Weib unreif
gewesen wäre, der hätte sich geirrt. Mit vollkommener Hingabe hastete
er einem eingebildeten Ideal nach, das er leider nie verwirklicht
fand -- das heisst: +Dauernd+ verwirklicht fand. Seine jeweilige
Geliebte, der „Rohstoff“ wie er das nannte, musste erst umgebildet
werden. Hier scheute er keine Mühe, kein Geld; nach einem eigenen,
recht verwickelten Erfahrungssystem ging er vor, Schritt um Schritt,
geduldig, planmässig. Nach Erledigung der Toilettefragen -- bis hierher
ging es, dank den reichlichen Mitteln immer sehr gut --, kamen die
vielen geistigen Kategorien an die Reihe: Benehmen, Lieblingsausdrücke
etc. etc. Über diese Hemmnisse stolperten schon die meisten und
sprangen aus. Brendel griff unermüdlich zu neuem „Rohstoff“. Den
nachfolgenden höheren Stufen, („wahres Vertrauen“, „geschmackvoller
Umgang“) sah sich fast nie eine Bewerberin um seine Gunst gewachsen.
Er schwärmte mir oft halbe Nächte lang von einem neuen Idol vor. Gegen
sich selbst war er streng, klagte sich an, verbesserte, änderte seine
Methode, aber nie gelang es ihm, den Zustand zu erreichen den er „die
Reife“ nannte. Der Fehler lag in einer falschen Psychologie, dann hatte
er aber auch wirkliches Missgeschick. Eine betrog ihn, eine andere
stellte sich als langweilig heraus. Er war ewig nur zur Kostprobe
verurteilt.
Heute schwieg er rücksichtsvoll, obwohl es mir lieber gewesen wäre, er
hätte gesprochen. Mir waren seine erzählten Abenteuer, die der Komik
nicht entbehrten, oft sehr amüsant. Bei jedem „Ende“ gab es ein hübsch
arrangiertes Abschiedsmahl, wobei das Bedauern schon wieder in neues
Hoffen überging. Ritterlich und anständig trug er keiner einen „Fehler“
nach. Er verstand sich zu trösten, die Materie war ja unerschöpflich
und zu interessant für ihn. -- --
Mich würgte gestaltlose Angst, sie stieg vom Magen herauf, schnürte das
Herz und drückte die Eingeweide. -- Ich rauchte und trank. -- Aber es
entlastete mich nichts. Der Eindruck, den diese lebende Bildsäule im
Palast in mich gegraben hatte, und die Erkenntnis der Gefahr, in der
meine Frau schwebte, verschmolzen miteinander. Ich war wie in einem
Alptraum, aus dem ich nicht erwachen konnte.
Der Müller von drüben trat herein und stürzte am Büfett stehend ein
paar Gläser Rum hinunter -- ohne Gruss ging er wieder. Die beiden
Schachkünstler sassen wie immer da gleich chinesischen, verschnörkelten
Holzgötzen.
Brendel nahm mich mit sich in die „blaue Gans“, wo er zu speisen
pflegte. Nach Tisch gingen wir in seine Wohnung; er servierte mir einen
Kaffee und zeigte seine hübsche Sammlung von Aquarellen, Motiven aus
dem Traumlande. Nachmittags gegen 5 Uhr hielt ich es bei ihm nicht
mehr aus. Ich bat ihn um Entschuldigung für den schlimmen Tag, den
ich ihm gebracht hatte, dankte und ging nach Hause; ich war schon
allzulange fortgeblieben und begriff mich selbst nicht, dass ich so
lieblos sein konnte.
Meine Angst wurde zur Folter, wie einen Motor trieb sie meinen Gang an;
ich stürzte die Stiegen hinauf -- und dann wagte ich nicht einzutreten.
-- -- -- Ich horchte an der Tür -- -- -- nichts! -- sie lag ja im
zweiten Zimmer. Noch einmal schöpfte ich tief Atem -- dann machte ich
auf ....
Das erste, was ich sah, war Lampenbogens Pelz, zitternd betrat ich die
Krankenstube. Der Arzt dankte flüchtig für meinen Gruss -- er hatte
seine Manschetten abgestreift. Im Bette lag meine Frau -- sie war alt
und verfallen. -- Ein namenloser Schreck liess mich bei diesem Anblick
zusammensinken, ich flehte den Arzt an:
„Helfen Sie! -- -- -- Helfen Sie!“
Der kolossale Mann klopfte mir auf die Schulter und sprach:
„Fassung, Sie sind jung!“ -- -- -- Ich wimmerte. -- -- -- Die Pflegerin
wollte mir ein Glas Wasser reichen -- da fuhr ich auf wie von einer
Peitsche getroffen und stiess sie weg.
Über das zerwühlte Lager gebeugt stierte ich fassungslos mein
sterbendes Weib an; -- -- -- sie war ganz still bis auf ein
schauerliches Zähneklappern, -- -- -- wie eine kleine Maschine -- ein
unaufhörliches Geklapper -- trocken -- hart -- und klar. Ich fühlte den
tiefsten Schmerz meines Lebens; vor Entsetzen begriff ich gar nichts.
-- -- -- Ihre faltige Haut war grünlich, -- -- Schweiss brach aus
allen Poren -- -- -- mit einem Tuche wollte ich ihn abwischen -- -- --
da hörte das Geklapper auf -- -- -- Mund und Augen öffneten sich weit
-- -- -- das Gesicht wurde bleich wie Kreide -- -- -- sie war tot. -- --
Wie aus grosser Entfernung hörte ich die Nonne beten, den Doktor
fortgehen. Ich kniete am Bettrande nieder und leise, leise sprach ich
aufs zärtlichste mit der Toten. -- -- -- Mir erstanden noch einmal die
Jahre, die wir zusammen gegangen waren. -- -- -- Nicht vom Traumlande
sprach ich zu ihr, sondern von den Zeiten, da wir uns kennen gelernt
hatten. Ich dankte ihr für alle Freuden. Ich hielt meinen Mund nahe
an ihr Ohr, denn es brauchte mich niemand zu hören. Ganz leise, nur
für sie bestimmt, flüsterte ich ihr zu, dass ich bei Patera für sie
gebeten hätte, dass der Herr helfen würde. Kindliches Vertrauen war in
mir. Während ich das letzte sprach, stiess ich gegen ihren Kopf; er
fiel schwer zur Seite und kam in den gelben Schein der Lampe. Jetzt sah
ich erst die Veränderung, etwas Fremdartiges mit blutleeren Lippen und
spitzer Nase lag vor mir -- so kannte ich meine Frau nicht. Grosse,
glanzlose Pupillen schauten durch mich hindurch -- es schüttelte mich
krampfhaft -- unaufhörlich sinnlose Reden führend, lief ich fort --
fort in die fremden Strassen. Ich kümmerte mich um niemand und suchte
die finstersten Schlupfwinkel auf. Doch nirgends hielt es mich lange.
Die ganze Nacht lief ich herum, ein geschwätziges Gespenst, das die
Furcht verloren hat. -- Alle Gebete, die mir von meiner Kindheit her
einfielen, stammelte ich vor mich hin. Ich war einsam -- es gab nichts
einsameres als mich.
Auch den nächsten Tag verbrachte ich im Verborgenen. Ich hoffte, auch
mich würde der Tod holen. Die folgende Nacht pfiff und krachte es um
mich her, fortwährend glaubte ich, die Erscheinung Pateras zu sehen,
ein graues, schleierhaftes Gebilde, das vor mir schwebte. Als der
Morgen graute, kroch ich müde und mit hohlem Schädel die Stufen zu
unserer Wohnung empor. Eine vage Hoffnung, dass vielleicht alles doch
nur eine Einbildung sei, äffte mich.
Im Sterbezimmer herrschte Unordnung; fader, süsslicher Geruch traf
mich. -- Das Bett war leer -- alles durcheinander gerückt. Auf dem
Nachttisch umgeworfene Medizinflaschen und verstreute Zuckerstückchen.
In allem lag Unbegreifliches, Trostloses. -- Ich ging wieder hinunter,
-- da stand Lampenbogen bei seinem Wagen.
Er fasste mich am Arm -- ich fuhr zusammen: noch ein Unglück?
„Ein paar Worte; ich habe Sie gesucht. Sie dürfen sich nicht derartig
gehen lassen. Ich werde Sie mit mir nehmen, in einer halben Stunde
beerdigt man Ihre Frau. Sie brauchen jetzt ein Heim, eine Familie.
Hoffentlich lehnen Sie nicht ab, wenn ich Sie einlade, vorläufig zu mir
zu ziehen; auch meine Frau würde sich freuen. Man überlebt so etwas --
Sie werden ruhiger werden.“
Ohne ein Wort zu erwidern, stieg ich zu Lampenbogen in den Wagen;
ganz schmal sass ich neben dem breiten, dicken Manne. Vom Kaffeehause
sah man uns nach; Anton machte durchs Fenster eine Verbeugung, die
Schachspieler waren vertieft.
Nach einigen Minuten kamen wir auf den Friedhof. Schon von weitem
bemerkte ich in der kleinen Halle des Leichenhauses eine Gruppe von
Menschen -- nach und nach unterschied ich bekannte Gesichter: Hektor
von Brendel, den Kaffeewirt, einen Geistlichen, ein paar Unbekannte.
Alle standen, nur +etwas+ lag. Ein einfacher Sarg mit einem schwarzen
Tuche bedeckt. Es fing an zu regnen, die Nässe drang durch die Kleider,
-- was meine trockene, gespannte Haut fast als Wohltat empfand.
Der Priester murmelte Gebete -- man trug den Sarg zur Grube. Ich
schritt als erster dahinter. „Da drinnen liegt meine Frau“, dachte ich.
Ich stellte sie mir vor, als lebte sie noch. „Sie weiss sicher alles,
was hier vor sich geht, dass ich hier hinten gehe und alles geschehen
lasse.“ Mitunter trat ich wankend in den nassen, braunen Rasen. Jetzt
bemühte ich mich, nur an meine Haltung zu denken. „Nichts soll man
mir anmerken, allen Schmerz später, wenn ich allein bin.“ Ich las
fortwährend ein grosses, gedrucktes Wort in meinem Kopf: „Mut, Mut,
Mut, Mut!“ ... Eine unendliche Zeile war es. Dabei biss ich mir in die
inneren Wangen. Mit etwas Neugierde schaute ich trotzdem, wo das Grab
geschaufelt war. Da, mitten unter vielen, vielen andern Gräbern ....
Jetzt war man da, das schwarze Tuch wurde vom Sarge entfernt. Ich
befand mich in einer Art Halbtraum. Geschickt senkten die Männer den
Sarg in die Erde. Einmal blickte ich ganz kurz hinunter, unnatürlich
scharf prägte sich mir das Bild ein. „Das ist der letzte Blick, der
Abschiedsgruss für deinen Lebenskameraden.“
Ich entfernte mich mit schwankenden Schritten, Lampenbogen hielt mich
am Arm -- alle Leute grüssten --.
In diesem Augenblick kam jemand eilends vom Friedhofstor gelaufen und
putzte dabei mit dem Ärmel seinen Zylinder. Es war der Friseur. -- Er
nahm meine Hand und sagte feierlich: „Im Tode wird das Subjekt zur
Diagonale zwischen dem Raum und der Zeit, möge Sie das trösten!“
An der Mauer links sah ich die grosse Gruft der Familie Alfred
Blumenstich. Auf einem weissen Marmorwürfel eine eiserne Sphinx mit
Ritterhelm und geschlossenem Visir. Ich war froh, dass alles vorbei und
so glimpflich abgegangen war.
Dann stieg ich wieder zu Lampenbogen, wir fuhren nach seiner Villa.