VIII.

Zerrüttet, zu jeder Sammlung unfähig, kam ich zu Hause an. Lampenbogen

war gerade da, schien aber im Begriffe zu gehen. Er hatte aus dem

Kloster eine barmherzige Schwester mitgebracht. Als mich der Doktor

sah, zog er mich sogleich in die Fensternische. Er sprach ernst auf

mich ein, aber ich war nicht imstande, dem Sinn seiner Worte zu folgen.

Mir tat seine schwerfällige Ruhe wohl. „Nur nicht die Hoffnung

aufgeben“, verstand ich. „Es ist ein starker Nervenanfall, vielleicht

die Krise. -- Es ist übrigens immer noch möglich, dass die Frau diese

Attacke übersteht. -- Man darf die Hoffnung nie ganz aufgeben. Falls

Unvermutetes eintreten sollte, so holen Sie mich natürlich heute nacht

noch. Morgen komme ich auf jeden Fall.“

Er ging. -- Wie gesagt, was eigentlich geschehen war, warum er so

sprach, wusste ich nicht.

Still, geschäftsmässig ging die Pflegerin mit Tüchern und Schüsseln aus

und ein. Ich fühlte in mir nur ein halbes Leben, zu einer vernünftigen

Handlung konnte ich mich nicht aufschwingen. Ratlos, mit dem Gefühl der

Überflüssigkeit, stand ich herum. -- Meiner Frau konnte es wohl gar

nicht so schlecht gehen; als ich mich einmal scheu auf den Fussspitzen

dem Bette näherte, lag sie da und schlief; sie sah sogar voller und

besser aus als in den letzten Wochen, Röte bedeckte ihr Gesicht. Dann

sprach ich mit der Krankenschwester. Nun, einen Anfall, eine Art

Gehirnkrampf, hatte die Kranke während meiner Abwesenheit gehabt. Die

geistliche Frau war einsilbig, spät abends betete sie halblaut. Langsam

kamen mir Ahnungen von dem furchtbaren Ernst der Situation. Mitten in

die wirren Gedanken, die sich mit dem Herrn des Traumreichs befassten,

blitzten Erinnerungen an die Schüttelfröste auf, die meine Frau bei

unserer nächtlichen Stellwagenfahrt befallen hatten. Aber ich +konnte+

das Schlimmste nicht glauben, ich +wollte+ nichts glauben.

Diese Nacht nistete ich mich auf dem Divan im Wohnzimmer ein, das

zugleich mein Arbeitsraum war. Von Schlafen keine Rede. Gegen Morgen

erhob ich mich einmal und sah mir das Bild Pateras an. Die Kranke

schien Ruhe zu haben, nur ein einziges Mal hörte ich während der Nacht

ein paar Worte sprechen. Gegen neun Uhr morgens ging ich hinüber. Hier

war alles schon geordnet und gelüftet. Meine Frau sah mich erstaunt

an, das Erkennen machte ihr sichtlich Mühe. Trotz ihrem guten Aussehen

war sie sehr schwach, kaum verstand ich ihre Worte. Die Schwester war

zufrieden mit der Nacht, das Fieber hatte nachgelassen, tatsächlich

wurde die Patientin jetzt frischer. Die Pflegerin verliess uns nun

auf eine Weile, sie machte einige Besorgungen. Ich setzte mich auf

den Bettrand und nahm die heissen Hände meiner Frau in die meinen.

Voller Hoffnung, und um ihr die Anstrengung des Sprechens zu ersparen,

erzählte ich ihr alles mögliche, von dem ich annahm, dass es sie

erfreuen würde. Ich sprach von dem Tempel am See und seinen Wundern,

von den Juwelen und Geschmeiden, die dort aufbewahrt lagen, denn ich

wusste, schöner Schmuck war eine kleine Leidenschaft von ihr. Ich

schilderte die spiegelnden Wasserstrassen und den tiefen, lauschigen

Park, als wenn ich selbst tagelang dort herum gestreift wäre. Sie sah

mich unverwandt, fast heiter an und strich mir sogar ein paarmal über

den Kopf. Ich war glücklich, dass ihr meine Geschichten gefielen und

fuhr eifrig fort. Ich sprach von den vergoldeten Schiffen und den

schneeweissen Schwänen auf dem See, meine Bilder gewannen Farbe --

Farbe hier in dem fahlen, düstern Traumland. Glühend beschrieb ich

die vielen Blumen, die buntgesprenkelten Orchideen, die schwarzroten

Rosen, die Lilien an den zartgebogenen Stengeln. Ich glaubte fest an

die Zauberkraft meiner Worte. Von blauen Wäldern von Vergissmeinnicht

sprach ich, von den Millionen glitzernder Tautröpfchen, über denen die

frühe Sonne aufging. Ich sprach von dem Gezwitscher der Vögel, von

den freudigen Klängen silberner Posaunen. Dorthin in lichte Pracht

wollten wir eilen, nötigenfalls entfliehen. Dort würde sie gesund

werden. Während ich die verlockendsten Worte fand und in einem schönen

Zukunftsleben schwelgte, war meine Frau -- eingeschlafen.

Mutlos, wie zerschmettert, sass ich da. Die trostlose Bangigkeit

hatte mich wieder. Mit halbgeschlossenen Augen lag die Kranke, ihre

tiefe Röte kam mir nicht mehr so natürlich vor. Ich zwängte die

heraufkommenden Tränen zurück -- die Pflegerin kam herein.

Und dann kam auf einmal Herr von Brendel und erkundigte sich in

teilnehmenden Worten nach dem Befinden meiner Gemahlin. Auch Blumen

hatte er mitgebracht, blassgelbe Tulpen. Ich zog ihn ins Wohnzimmer;

endlich ein gesunder Mensch! Ich klammerte mich förmlich an ihn.

Wie versprochen kam auch der Arzt. Er blieb lange. Bevor er ging, nahm

er Brendel mit sich in die Küche; dort hatten die beiden eine kleine

Unterredung, dann verabschiedete er sich rasch auch von mir und ging

die Treppe hinab. Sein letztes Wort war: „Kopf hoch, und hoffen!“

Brendel machte mir den Vorschlag, mit ihm zu gehen: „Wir können den

ganzen Tag zusammen bleiben, hier stören Sie doch nur und haben kein

richtiges Essen.“

Er vermied es absichtlich, von meiner kranken Frau zu sprechen.

Wir gingen also ins Kaffeehaus auf ein Frühstück. Mir fehlte zwar

jeglicher Appetit, aber irgendwohin musste ich gehen. Ich hatte

Brendel wirklich gern, er war ein reizender, ungemein gefälliger

Mensch, der nur eine einzige Schwäche hatte: Er gehörte zu den

sentimentalen Don-Juans. -- Das ist noch lange nicht das Ärgste --.

Weit entfernt, ein solcher Schürzenjäger wie de Nemi zu sein, dem

es nur auf die mechanische, phantasielose Unzucht ankam, war Hektor

von Brendel tatsächlich verliebt -- und zwar immer und immer wieder

in eine andere. Wer aber glaubte, hier einen jugendlichen, unklaren

Menschen vor sich zu haben, der vor lauter Zartheit für ein Weib unreif

gewesen wäre, der hätte sich geirrt. Mit vollkommener Hingabe hastete

er einem eingebildeten Ideal nach, das er leider nie verwirklicht

fand -- das heisst: +Dauernd+ verwirklicht fand. Seine jeweilige

Geliebte, der „Rohstoff“ wie er das nannte, musste erst umgebildet

werden. Hier scheute er keine Mühe, kein Geld; nach einem eigenen,

recht verwickelten Erfahrungssystem ging er vor, Schritt um Schritt,

geduldig, planmässig. Nach Erledigung der Toilettefragen -- bis hierher

ging es, dank den reichlichen Mitteln immer sehr gut --, kamen die

vielen geistigen Kategorien an die Reihe: Benehmen, Lieblingsausdrücke

etc. etc. Über diese Hemmnisse stolperten schon die meisten und

sprangen aus. Brendel griff unermüdlich zu neuem „Rohstoff“. Den

nachfolgenden höheren Stufen, („wahres Vertrauen“, „geschmackvoller

Umgang“) sah sich fast nie eine Bewerberin um seine Gunst gewachsen.

Er schwärmte mir oft halbe Nächte lang von einem neuen Idol vor. Gegen

sich selbst war er streng, klagte sich an, verbesserte, änderte seine

Methode, aber nie gelang es ihm, den Zustand zu erreichen den er „die

Reife“ nannte. Der Fehler lag in einer falschen Psychologie, dann hatte

er aber auch wirkliches Missgeschick. Eine betrog ihn, eine andere

stellte sich als langweilig heraus. Er war ewig nur zur Kostprobe

verurteilt.

Heute schwieg er rücksichtsvoll, obwohl es mir lieber gewesen wäre, er

hätte gesprochen. Mir waren seine erzählten Abenteuer, die der Komik

nicht entbehrten, oft sehr amüsant. Bei jedem „Ende“ gab es ein hübsch

arrangiertes Abschiedsmahl, wobei das Bedauern schon wieder in neues

Hoffen überging. Ritterlich und anständig trug er keiner einen „Fehler“

nach. Er verstand sich zu trösten, die Materie war ja unerschöpflich

und zu interessant für ihn. -- --

Mich würgte gestaltlose Angst, sie stieg vom Magen herauf, schnürte das

Herz und drückte die Eingeweide. -- Ich rauchte und trank. -- Aber es

entlastete mich nichts. Der Eindruck, den diese lebende Bildsäule im

Palast in mich gegraben hatte, und die Erkenntnis der Gefahr, in der

meine Frau schwebte, verschmolzen miteinander. Ich war wie in einem

Alptraum, aus dem ich nicht erwachen konnte.

Der Müller von drüben trat herein und stürzte am Büfett stehend ein

paar Gläser Rum hinunter -- ohne Gruss ging er wieder. Die beiden

Schachkünstler sassen wie immer da gleich chinesischen, verschnörkelten

Holzgötzen.

Brendel nahm mich mit sich in die „blaue Gans“, wo er zu speisen

pflegte. Nach Tisch gingen wir in seine Wohnung; er servierte mir einen

Kaffee und zeigte seine hübsche Sammlung von Aquarellen, Motiven aus

dem Traumlande. Nachmittags gegen 5 Uhr hielt ich es bei ihm nicht

mehr aus. Ich bat ihn um Entschuldigung für den schlimmen Tag, den

ich ihm gebracht hatte, dankte und ging nach Hause; ich war schon

allzulange fortgeblieben und begriff mich selbst nicht, dass ich so

lieblos sein konnte.

Meine Angst wurde zur Folter, wie einen Motor trieb sie meinen Gang an;

ich stürzte die Stiegen hinauf -- und dann wagte ich nicht einzutreten.

-- -- -- Ich horchte an der Tür -- -- -- nichts! -- sie lag ja im

zweiten Zimmer. Noch einmal schöpfte ich tief Atem -- dann machte ich

auf ....

Das erste, was ich sah, war Lampenbogens Pelz, zitternd betrat ich die

Krankenstube. Der Arzt dankte flüchtig für meinen Gruss -- er hatte

seine Manschetten abgestreift. Im Bette lag meine Frau -- sie war alt

und verfallen. -- Ein namenloser Schreck liess mich bei diesem Anblick

zusammensinken, ich flehte den Arzt an:

„Helfen Sie! -- -- -- Helfen Sie!“

Der kolossale Mann klopfte mir auf die Schulter und sprach:

„Fassung, Sie sind jung!“ -- -- -- Ich wimmerte. -- -- -- Die Pflegerin

wollte mir ein Glas Wasser reichen -- da fuhr ich auf wie von einer

Peitsche getroffen und stiess sie weg.

Über das zerwühlte Lager gebeugt stierte ich fassungslos mein

sterbendes Weib an; -- -- -- sie war ganz still bis auf ein

schauerliches Zähneklappern, -- -- -- wie eine kleine Maschine -- ein

unaufhörliches Geklapper -- trocken -- hart -- und klar. Ich fühlte den

tiefsten Schmerz meines Lebens; vor Entsetzen begriff ich gar nichts.

-- -- -- Ihre faltige Haut war grünlich, -- -- Schweiss brach aus

allen Poren -- -- -- mit einem Tuche wollte ich ihn abwischen -- -- --

da hörte das Geklapper auf -- -- -- Mund und Augen öffneten sich weit

-- -- -- das Gesicht wurde bleich wie Kreide -- -- -- sie war tot. -- --

Wie aus grosser Entfernung hörte ich die Nonne beten, den Doktor

fortgehen. Ich kniete am Bettrande nieder und leise, leise sprach ich

aufs zärtlichste mit der Toten. -- -- -- Mir erstanden noch einmal die

Jahre, die wir zusammen gegangen waren. -- -- -- Nicht vom Traumlande

sprach ich zu ihr, sondern von den Zeiten, da wir uns kennen gelernt

hatten. Ich dankte ihr für alle Freuden. Ich hielt meinen Mund nahe

an ihr Ohr, denn es brauchte mich niemand zu hören. Ganz leise, nur

für sie bestimmt, flüsterte ich ihr zu, dass ich bei Patera für sie

gebeten hätte, dass der Herr helfen würde. Kindliches Vertrauen war in

mir. Während ich das letzte sprach, stiess ich gegen ihren Kopf; er

fiel schwer zur Seite und kam in den gelben Schein der Lampe. Jetzt sah

ich erst die Veränderung, etwas Fremdartiges mit blutleeren Lippen und

spitzer Nase lag vor mir -- so kannte ich meine Frau nicht. Grosse,

glanzlose Pupillen schauten durch mich hindurch -- es schüttelte mich

krampfhaft -- unaufhörlich sinnlose Reden führend, lief ich fort --

fort in die fremden Strassen. Ich kümmerte mich um niemand und suchte

die finstersten Schlupfwinkel auf. Doch nirgends hielt es mich lange.

Die ganze Nacht lief ich herum, ein geschwätziges Gespenst, das die

Furcht verloren hat. -- Alle Gebete, die mir von meiner Kindheit her

einfielen, stammelte ich vor mich hin. Ich war einsam -- es gab nichts

einsameres als mich.

Auch den nächsten Tag verbrachte ich im Verborgenen. Ich hoffte, auch

mich würde der Tod holen. Die folgende Nacht pfiff und krachte es um

mich her, fortwährend glaubte ich, die Erscheinung Pateras zu sehen,

ein graues, schleierhaftes Gebilde, das vor mir schwebte. Als der

Morgen graute, kroch ich müde und mit hohlem Schädel die Stufen zu

unserer Wohnung empor. Eine vage Hoffnung, dass vielleicht alles doch

nur eine Einbildung sei, äffte mich.

Im Sterbezimmer herrschte Unordnung; fader, süsslicher Geruch traf

mich. -- Das Bett war leer -- alles durcheinander gerückt. Auf dem

Nachttisch umgeworfene Medizinflaschen und verstreute Zuckerstückchen.

In allem lag Unbegreifliches, Trostloses. -- Ich ging wieder hinunter,

-- da stand Lampenbogen bei seinem Wagen.

Er fasste mich am Arm -- ich fuhr zusammen: noch ein Unglück?

„Ein paar Worte; ich habe Sie gesucht. Sie dürfen sich nicht derartig

gehen lassen. Ich werde Sie mit mir nehmen, in einer halben Stunde

beerdigt man Ihre Frau. Sie brauchen jetzt ein Heim, eine Familie.

Hoffentlich lehnen Sie nicht ab, wenn ich Sie einlade, vorläufig zu mir

zu ziehen; auch meine Frau würde sich freuen. Man überlebt so etwas --

Sie werden ruhiger werden.“

Ohne ein Wort zu erwidern, stieg ich zu Lampenbogen in den Wagen;

ganz schmal sass ich neben dem breiten, dicken Manne. Vom Kaffeehause

sah man uns nach; Anton machte durchs Fenster eine Verbeugung, die

Schachspieler waren vertieft.

Nach einigen Minuten kamen wir auf den Friedhof. Schon von weitem

bemerkte ich in der kleinen Halle des Leichenhauses eine Gruppe von

Menschen -- nach und nach unterschied ich bekannte Gesichter: Hektor

von Brendel, den Kaffeewirt, einen Geistlichen, ein paar Unbekannte.

Alle standen, nur +etwas+ lag. Ein einfacher Sarg mit einem schwarzen

Tuche bedeckt. Es fing an zu regnen, die Nässe drang durch die Kleider,

-- was meine trockene, gespannte Haut fast als Wohltat empfand.

Der Priester murmelte Gebete -- man trug den Sarg zur Grube. Ich

schritt als erster dahinter. „Da drinnen liegt meine Frau“, dachte ich.

Ich stellte sie mir vor, als lebte sie noch. „Sie weiss sicher alles,

was hier vor sich geht, dass ich hier hinten gehe und alles geschehen

lasse.“ Mitunter trat ich wankend in den nassen, braunen Rasen. Jetzt

bemühte ich mich, nur an meine Haltung zu denken. „Nichts soll man

mir anmerken, allen Schmerz später, wenn ich allein bin.“ Ich las

fortwährend ein grosses, gedrucktes Wort in meinem Kopf: „Mut, Mut,

Mut, Mut!“ ... Eine unendliche Zeile war es. Dabei biss ich mir in die

inneren Wangen. Mit etwas Neugierde schaute ich trotzdem, wo das Grab

geschaufelt war. Da, mitten unter vielen, vielen andern Gräbern ....

Jetzt war man da, das schwarze Tuch wurde vom Sarge entfernt. Ich

befand mich in einer Art Halbtraum. Geschickt senkten die Männer den

Sarg in die Erde. Einmal blickte ich ganz kurz hinunter, unnatürlich

scharf prägte sich mir das Bild ein. „Das ist der letzte Blick, der

Abschiedsgruss für deinen Lebenskameraden.“

Ich entfernte mich mit schwankenden Schritten, Lampenbogen hielt mich

am Arm -- alle Leute grüssten --.

In diesem Augenblick kam jemand eilends vom Friedhofstor gelaufen und

putzte dabei mit dem Ärmel seinen Zylinder. Es war der Friseur. -- Er

nahm meine Hand und sagte feierlich: „Im Tode wird das Subjekt zur

Diagonale zwischen dem Raum und der Zeit, möge Sie das trösten!“

An der Mauer links sah ich die grosse Gruft der Familie Alfred

Blumenstich. Auf einem weissen Marmorwürfel eine eiserne Sphinx mit

Ritterhelm und geschlossenem Visir. Ich war froh, dass alles vorbei und

so glimpflich abgegangen war.

Dann stieg ich wieder zu Lampenbogen, wir fuhren nach seiner Villa.

Die andere Seite · 第 68 / 121 题