Andern Tags wollte ich den Arzt aufsuchen, um ihm von dem missglückten
Unternehmen zu berichten. Er war nicht in seiner Villa. -- Auf dem
Heimweg fielen mir zwei männliche Gestalten auf. Sie folgten einer
Dame, die vor mir in die Lange Gasse einbog. Jetzt erkannte ich sie, es
waren mein Nachbar, der Student, und de Nemi. Auch die beiden schienen
eben erst zu merken, dass sie das gleiche Ziel verfolgten. Vor meinen
Augen kam es zu einer Kollision. Was zwischen ihnen vorging, kann ich
nicht genau sagen. Ich sah nur, dass sie zusammen in einen dunklen
Hausflur traten, aus dem im nächsten Augenblick der Hut des Studenten
in den Strassenschmutz flog. Um unerkannt zu bleiben und nicht zu
stören, ging ich im schnellsten Tempo quer über die Strasse. Da stand
die verfolgte Dame gerade vor dem Fenster einer Leihbibliothek. Ich
musste sie schon gesehen haben! Sie besass eine hohe Figur, war sehr
elegant gekleidet und hatte einen dicken Knoten rotbraunen Haares im
Nacken hängen. Das Gesicht war mir abgewandt. Sie musste von der ganzen
Jagd wohl gar nichts bemerkt haben, denn sie machte eine jähe Wendung
und ging wieder zurück, mir entgegen. Es war Frau Melitta Lampenbogen;
ich bewunderte ihren untadeligen, schwebenden Gang. Da traf mich ein
Blick -- -- -- -- -- ich sah in weisse Leere -- -- -- -- -- wie ein
Schlag auf das Gehirn -- +Die Augen der alten Bettlerin!+
Diese Nacht verlief sehr unruhig, Poltern, Gehen und Kommen auf der
Treppe. Von Schlaf keine Rede. Um sechs Uhr morgens rumorte es wieder
auf dem Flur. Ich trat hinaus. Drei Männer trugen einen schwarzen Sarg
hinab; die Tür zur Wohnung des Studenten stand weit offen.
Im Kaffeehaus sagte man, dass der Student in einem Duell erstochen
worden sei. Noch ein anderes Gerücht hatte sich verbreitet. Einer der
beiden Mühlenbesitzer war verschwunden und zwar der jüngere, immer
heitere. Auf dem andern lastete nun der Verdacht des Brudermordes. Man
wusste nichts Sicheres.
„Zwei Kriminalbeamte haben die Mühle durchsucht!“ flüsterte mir
Castringius geheimnisvoll zu. Er gierte nach sensationellem Stoff, weil
er wieder zum Traumspiegel kommen wollte. Ein farbiges Blatt, „die
Wunde des Studenten“, war ihm umgehend zurückgegeben worden.
Ich war auch in einer peinlichen Lage: Frau Goldschläger war heute
ausgeblieben, und ich entschloss mich, sie in ihrem Kaninchenstall
aufzusuchen. Diese Stube war ein Greuel, ein ganz besonders
antipathischer Duft erfüllte sie. Die Hebamme wehrte mir den Eingang,
heute nacht hatten sie eine Totgeburt gehabt. So nahm ich das herzliche
Anerbieten Hector von Brendels an, der mir seinen Diener -- eine alte
graue Maschine -- für Gänge zur Verfügung stellte. Seit den drei Tagen,
da ich den gefahrvollen Zustand meiner Frau erkannt hatte, war ich wie
vor den Kopf geschlagen. Zorn und Aufregung verschwanden; ich war nicht
mehr imstande, meine Lage zu übersehen und schleppte mich schwerfällig
herum. Stumpf, apathisch, wie ein verprügelter Hund, innerlich zernagt
von Unruhe, wusste ich nicht, wo ich mich aufhalten sollte. Zu Hause
wollte ich nicht bleiben, ich konnte das nicht ansehen, es zerquetschte
mir das Herz. Also herumlaufen, an die Luft! Ich beschrieb einen
weiten Bogen um das Kaffeehaus und wandte mich zum Flussufer. Hier
an dem lautlos dahingleitenden Strome hielt ich mich sonst so gerne
auf. Unwillkürlich streifte mein Blick die Mühle. Sie zitterte wie
lebendig. Unscharf und verwischt in einem Dunstschein, wie aus einer
gallertartigen Substanz bestehend, kam sie mir vor, ein unbekanntes
Fluidum ging von ihr aus, das mich bis in die Zehenspitzen vibrieren
machte. Hinter einem verstaubten Fenster stand der Müller. Finster und
hasserfüllt sah er auf mich nieder. Nun kam ich ins Freie: Vorüber
am Abdecker, am Viehhof, an der Ziegelei. Die trübe, nasse Luft, das
traurigmachende Geknarre der Frösche vom Wasser her, passten zu meiner
Stimmung. Ehe ich es dachte, war ich am Friedhof. Ich blieb stehen und
zündete eine Zigarette an. Ich gewahrte durch das schmiedeiserne Tor
die Grabsteine. Da fasste mich ein Schauder; zähneknirschend lief ich
durch mir noch unbekannte Strassen. Ich schluckte die sich gewaltsam
aufdrängende Melancholie hinunter. In mir fühlte ich kalte Verachtung
gegen alles, besonders gegen Patera.
„Wo versteckst du dich, Folterknecht?“ rief ich in die leeren Gärten,
an denen ich vorüberrannte. Aber die entlaubten Gebüsche und kahlen
Bäume gaben keine Antwort. Vorwärts lief ich und trat unbekümmert in
die Pfützen. Erwärmt von einem leichten Fieber trieb es mich weiter,
über Plätze und durch Gassen, die ich mich nicht entsinnen konnte, je
gegangen zu sein. Eine armselige Pferdebahn -- sie schien mir mehr zur
Dekoration als zum Gebrauch da zu sein -- frappierte mich. Mir war es
neu, dass es in Perle dieses Transportmittel gab. Aber ich war viel zu
verworren, um mich lange bei diesen Gedanken aufzuhalten und ehe ich
erkannte, wohin mich meine Füsse trugen, stand ich vor dem Palast.
Eben wurden die Laternen angezündet.
In einen der Eckpfeiler der Residenz war eine Marmortafel eingelassen,
die meine Blicke bannte.
„+Audienzzeiten bei Patera für jedermann
täglich von 4 bis 8 Uhr.+“
Kopfschüttelnd las ich das mehrmals halblaut und sprach es vor mich
hin. Da durchfuhr mich ein ganz närrischer Gedanke: „Das ist ja ein
ungeheurer Witz -- wir sind nur zu dumm, um ihn zu begreifen.“ Ein
Lachkrampf durchschüttelte mich, ich hätte Patera ermorden können.
An eine Säule gelehnt, rang ich nach Fassung. Dann schritt ich durch
das offene Portal, ganz einfach, als wäre es nichts. Ich stieg
breite Treppen empor, unter den enormen Wölbungen muss ich ganz
winzig ausgesehen haben. Immer höher hinan stieg ich. -- Durch die
Bogenfenster sah ich tief unter mir die Stadt. Um mich war alles
totenstill, nur meine Schritte hallten. -- Ich war so gänzlich mit
meinem Zustande beschäftigt, dass mir meine seltsame Lage nicht zum
Bewusstsein kam. Ungewöhnlich leicht war mir zumute, das habe ich heute
noch deutlich im Gedächtnis. Ich öffnete riesige, weisse Flügeltüren
und durchwanderte eine Flucht von grossen Gemächern. Jedesmal
schlug mir ein neuer kalter Lufthauch entgegen. „Hier wohnt sicher
niemand“, murmelte ich fortwährend, wie im Traume befangen. Einige
umfangreiche, geschnitzte Schränke und durch Schutzüberzüge verhüllte
Polstermöbel standen in jedem Saale. Einmal sah ich eine schlanke
Gestalt eilig und kerzengerade auf mich zukommen. Doch das war Trug,
ein Wandspiegel warf mein eigenes Bild zurück. Als ich die endlose
Reihe von Hallen und Gemächern durchschritten hatte, gelangte ich in
eine unabsehbare Galerie, die scheinbar zurückführte. An den Wänden
hingen nachgedunkelte, lebensgrosse Porträts in breiten Ebenholzrahmen,
zu meiner Rechten reihten sich Bogenfenster. Ganz am Ende war ein
niedriges Pförtchen, das ich vorsichtig öffnete. Ich befand mich in
einem mittelgrossen, leeren Raume, der mit bleigrauen schweren Stoffen
ausgeschlagen war. Das Zwielicht machte dieses Zimmer undeutlich.
Soviel aber bemerkte ich: Hier war kein weiterer Ausgang, hier war das
Ende. Und jetzt erst hielt ich einen Augenblick inne und dachte nach,
was ich eigentlich wollte. Hier war nichts -- es war so still wie in
einer Gruft.
Schon wollte ich umkehren, da stieg von allen Seiten der eigentümliche
Duft auf, dem ich in diesem Lande immer wieder begegnete. In
bedeutender Stärke durchdrang er den ganzen Raum, ich hörte so etwas,
wie ein leises, trockenes Lachen. Und wirklich! Ich sah an der Wand
gegenüber das Gesicht eines schlafenden Menschen. An das Halbdunkel
gewöhnt, unterschied ich jetzt eine in Grau gekleidete Gestalt, die
auf einem erhöhten Ruhebett sass. Ich trat einen Schritt näher. Ein
Haupt von ungewöhnlicher Grösse -- ich erkannte meinen Freund Patera.
Ein Irrtum war völlig ausgeschlossen, wie oft hatte ich mir doch das
Bild angesehen! Das fahle Antlitz umringelten dunkle Locken, die
Augenlider waren festgeschlossen, nur der Mund zuckte und bewegte
sich unaufhörlich als wollte er sprechen. Ergriffen bestaunte ich die
wunderbare, regelmässige Schönheit dieses Kopfes. Mit seiner breiten,
niedern Stirn und der mächtigen Nasenwurzel glich er eher einem
griechischen Gott als einem lebenden Menschen. Über den Zügen lag
ein tiefer Schmerz. -- Nun vernahm ich Worte, ganz leise und hastig
flüsterte es: „Du beklagst dich, dass du nie zu mir kommen kannst, und
doch war ich immer bei dir. Ich sah dich oft, wie du mich schaltest und
an mir verzweifeltest. Was soll ich für dich tun? Sage deine Wünsche!“
Er schwieg. Es herrschte Stille, mein Hals war ausgetrocknet, nur mit
der grössten Anstrengung brachte ich hervor: „Hilf meiner Frau!“ Der
Kopf hob sich ein wenig, Patera schlug langsam die Augen auf. Zugleich
überfiel mich entsetzliche Schwäche. Starr und unverwandt musste ich
diesen fürchterlichen Blicken folgen. Das waren überhaupt keine Augen,
das ähnelte zwei blanken hellen Metallscheiben, die glänzten wie kleine
Monde. Ausdruckslos und ohne Leben waren sie auf mich gerichtet. Die
Flüsterstimme sprach:
„+Ich werde helfen.+“
Seine Gestalt richtete sich völlig auf, wie eine Medusenmaske hing
das Haupt über mir. +Gebannt+, war ich keiner Bewegung fähig, ich
dachte nur: „+Das ist der Herr, das ist der Herr!+“ -- Jetzt erlebte
ich ein unbeschreibliches Schauspiel. -- Die Augen schlossen sich
wieder, ein grauenhaft, schreckliches Leben trat in dieses Gesicht.
Das Mienenspiel wechselte chamäleonartig -- ununterbrochen -- tausend-
nein hunderttausendfach. Blitzschnell glich dieses Antlitz nacheinander
einem Jüngling -- einer Frau -- einem Kind -- und einem Greis. Es wurde
fett und hager, bekam Auswüchse wie ein Truthahn, schrumpfte winzig
klein zusammen, -- war im nächsten Augenblick hochmütig gebläht,
dehnte, streckte sich, drückte Hohn, Gutmütigkeit, Schadenfreude,
Hass aus, -- voll Runzeln wurde es, und wieder glatt wie Stein -- es
war wie ein unerklärliches Naturgeheimnis, -- ich konnte mich nicht
abwenden; eine magische Kraft hielt mich wie festgeschraubt, Schrecken
überrieselte mich. Jetzt erschienen Tiergesichter: das Antlitz eines
Löwen, dann wurde es spitz und schlau wie ein Schakal -- es wandelte
sich in einen wilden Hengst mit geblähten Nüstern -- wurde vogelartig
-- dann wie eine Schlange. Es war entsetzlich, ich wollte schreien und
konnte nicht. -- In abscheuliche, blutüberströmte und spitzbübisch
feige Fratzen musste ich blicken. Dann trat endlich langsam Ruhe ein.
Wie Wetterleuchten fuhr es noch manchmal über das Antlitz, -- die
verzerrten Larven verschwanden und wiederum schlief vor mir der Mensch
Patera. Die geschwungenen Lippen fieberten und bewegten sich schnell.
Ich hörte wieder diese seltsame Stimme:
„Du siehst, ich bin der Herr! -- Auch ich war verzweifelt, da baute ich
mir aus den Trümmern meines Gutes ein Reich. -- Ich bin der Meister!“
Ich war erschüttert und hatte das tiefste Mitleid mit ihm; mühsam
sprach ich:
„Bist du auch glücklich?“
Doch schon traf mich der Strahl und lähmte mich. Ganz nahe vor mir sah
ich die grässlichen Augen. Patera war herabgestiegen und hielt meine
Hände. Ich war innen und aussen wie von Eis überzogen. Er rief: „Gib
mir einen Stern, gib mir einen Stern!“
Seine Stimme bekam etwas Berückendes, sie schmeichelte und lockte.
Ich sah seine weissen Zähne schimmern, die Bewegungen waren schwer
und lahm. Ich verstand nur das geringste von dem was er sprach. Seine
Laute wurden heiser und gepresst -- seine Brust hob sich -- die Adern
an seinem bleichen Halse schienen zum Bersten gefüllt. Plötzlich wurde
sein Gesicht grau wie die Wand, nur die aufgerissenen, gequollenen
Augen flackerten und fesselten mich in ihren unerklärlichen Bann.
Ein wahrhaft ungeheuerer, nicht mehr menschlicher Schmerz musste ihn
durchwühlen.
Patera reckte sich empor, seine Hände griffen weit ins Leere. -- Da
senkte sich ein Vorhang zwischen mich und den Herrn. Ich hörte noch ein
unartikuliertes Röcheln und einen dumpfen Fall.
Als ich mich umwandte, musste ich mich gegen das Fenster stützen, denn
ich fühlte, wie mich ein Starrkrampf packte. Von der Zunge ausgehend,
ergriff er den ganzen Körper. -- Unten auf dem Platze wurden Menschen
und Tiere einen Moment steif wie Holz. Nur einen Moment, dann ging
alles wieder seinen Gang.
Wieder Herr meiner Bewegungen, stürzte ich fort in der tiefen
Überzeugung, wahnsinnig zu sein.