VII.

Andern Tags wollte ich den Arzt aufsuchen, um ihm von dem missglückten

Unternehmen zu berichten. Er war nicht in seiner Villa. -- Auf dem

Heimweg fielen mir zwei männliche Gestalten auf. Sie folgten einer

Dame, die vor mir in die Lange Gasse einbog. Jetzt erkannte ich sie, es

waren mein Nachbar, der Student, und de Nemi. Auch die beiden schienen

eben erst zu merken, dass sie das gleiche Ziel verfolgten. Vor meinen

Augen kam es zu einer Kollision. Was zwischen ihnen vorging, kann ich

nicht genau sagen. Ich sah nur, dass sie zusammen in einen dunklen

Hausflur traten, aus dem im nächsten Augenblick der Hut des Studenten

in den Strassenschmutz flog. Um unerkannt zu bleiben und nicht zu

stören, ging ich im schnellsten Tempo quer über die Strasse. Da stand

die verfolgte Dame gerade vor dem Fenster einer Leihbibliothek. Ich

musste sie schon gesehen haben! Sie besass eine hohe Figur, war sehr

elegant gekleidet und hatte einen dicken Knoten rotbraunen Haares im

Nacken hängen. Das Gesicht war mir abgewandt. Sie musste von der ganzen

Jagd wohl gar nichts bemerkt haben, denn sie machte eine jähe Wendung

und ging wieder zurück, mir entgegen. Es war Frau Melitta Lampenbogen;

ich bewunderte ihren untadeligen, schwebenden Gang. Da traf mich ein

Blick -- -- -- -- -- ich sah in weisse Leere -- -- -- -- -- wie ein

Schlag auf das Gehirn -- +Die Augen der alten Bettlerin!+

Diese Nacht verlief sehr unruhig, Poltern, Gehen und Kommen auf der

Treppe. Von Schlaf keine Rede. Um sechs Uhr morgens rumorte es wieder

auf dem Flur. Ich trat hinaus. Drei Männer trugen einen schwarzen Sarg

hinab; die Tür zur Wohnung des Studenten stand weit offen.

Im Kaffeehaus sagte man, dass der Student in einem Duell erstochen

worden sei. Noch ein anderes Gerücht hatte sich verbreitet. Einer der

beiden Mühlenbesitzer war verschwunden und zwar der jüngere, immer

heitere. Auf dem andern lastete nun der Verdacht des Brudermordes. Man

wusste nichts Sicheres.

„Zwei Kriminalbeamte haben die Mühle durchsucht!“ flüsterte mir

Castringius geheimnisvoll zu. Er gierte nach sensationellem Stoff, weil

er wieder zum Traumspiegel kommen wollte. Ein farbiges Blatt, „die

Wunde des Studenten“, war ihm umgehend zurückgegeben worden.

Ich war auch in einer peinlichen Lage: Frau Goldschläger war heute

ausgeblieben, und ich entschloss mich, sie in ihrem Kaninchenstall

aufzusuchen. Diese Stube war ein Greuel, ein ganz besonders

antipathischer Duft erfüllte sie. Die Hebamme wehrte mir den Eingang,

heute nacht hatten sie eine Totgeburt gehabt. So nahm ich das herzliche

Anerbieten Hector von Brendels an, der mir seinen Diener -- eine alte

graue Maschine -- für Gänge zur Verfügung stellte. Seit den drei Tagen,

da ich den gefahrvollen Zustand meiner Frau erkannt hatte, war ich wie

vor den Kopf geschlagen. Zorn und Aufregung verschwanden; ich war nicht

mehr imstande, meine Lage zu übersehen und schleppte mich schwerfällig

herum. Stumpf, apathisch, wie ein verprügelter Hund, innerlich zernagt

von Unruhe, wusste ich nicht, wo ich mich aufhalten sollte. Zu Hause

wollte ich nicht bleiben, ich konnte das nicht ansehen, es zerquetschte

mir das Herz. Also herumlaufen, an die Luft! Ich beschrieb einen

weiten Bogen um das Kaffeehaus und wandte mich zum Flussufer. Hier

an dem lautlos dahingleitenden Strome hielt ich mich sonst so gerne

auf. Unwillkürlich streifte mein Blick die Mühle. Sie zitterte wie

lebendig. Unscharf und verwischt in einem Dunstschein, wie aus einer

gallertartigen Substanz bestehend, kam sie mir vor, ein unbekanntes

Fluidum ging von ihr aus, das mich bis in die Zehenspitzen vibrieren

machte. Hinter einem verstaubten Fenster stand der Müller. Finster und

hasserfüllt sah er auf mich nieder. Nun kam ich ins Freie: Vorüber

am Abdecker, am Viehhof, an der Ziegelei. Die trübe, nasse Luft, das

traurigmachende Geknarre der Frösche vom Wasser her, passten zu meiner

Stimmung. Ehe ich es dachte, war ich am Friedhof. Ich blieb stehen und

zündete eine Zigarette an. Ich gewahrte durch das schmiedeiserne Tor

die Grabsteine. Da fasste mich ein Schauder; zähneknirschend lief ich

durch mir noch unbekannte Strassen. Ich schluckte die sich gewaltsam

aufdrängende Melancholie hinunter. In mir fühlte ich kalte Verachtung

gegen alles, besonders gegen Patera.

„Wo versteckst du dich, Folterknecht?“ rief ich in die leeren Gärten,

an denen ich vorüberrannte. Aber die entlaubten Gebüsche und kahlen

Bäume gaben keine Antwort. Vorwärts lief ich und trat unbekümmert in

die Pfützen. Erwärmt von einem leichten Fieber trieb es mich weiter,

über Plätze und durch Gassen, die ich mich nicht entsinnen konnte, je

gegangen zu sein. Eine armselige Pferdebahn -- sie schien mir mehr zur

Dekoration als zum Gebrauch da zu sein -- frappierte mich. Mir war es

neu, dass es in Perle dieses Transportmittel gab. Aber ich war viel zu

verworren, um mich lange bei diesen Gedanken aufzuhalten und ehe ich

erkannte, wohin mich meine Füsse trugen, stand ich vor dem Palast.

Eben wurden die Laternen angezündet.

In einen der Eckpfeiler der Residenz war eine Marmortafel eingelassen,

die meine Blicke bannte.

„+Audienzzeiten bei Patera für jedermann

täglich von 4 bis 8 Uhr.+“

Kopfschüttelnd las ich das mehrmals halblaut und sprach es vor mich

hin. Da durchfuhr mich ein ganz närrischer Gedanke: „Das ist ja ein

ungeheurer Witz -- wir sind nur zu dumm, um ihn zu begreifen.“ Ein

Lachkrampf durchschüttelte mich, ich hätte Patera ermorden können.

An eine Säule gelehnt, rang ich nach Fassung. Dann schritt ich durch

das offene Portal, ganz einfach, als wäre es nichts. Ich stieg

breite Treppen empor, unter den enormen Wölbungen muss ich ganz

winzig ausgesehen haben. Immer höher hinan stieg ich. -- Durch die

Bogenfenster sah ich tief unter mir die Stadt. Um mich war alles

totenstill, nur meine Schritte hallten. -- Ich war so gänzlich mit

meinem Zustande beschäftigt, dass mir meine seltsame Lage nicht zum

Bewusstsein kam. Ungewöhnlich leicht war mir zumute, das habe ich heute

noch deutlich im Gedächtnis. Ich öffnete riesige, weisse Flügeltüren

und durchwanderte eine Flucht von grossen Gemächern. Jedesmal

schlug mir ein neuer kalter Lufthauch entgegen. „Hier wohnt sicher

niemand“, murmelte ich fortwährend, wie im Traume befangen. Einige

umfangreiche, geschnitzte Schränke und durch Schutzüberzüge verhüllte

Polstermöbel standen in jedem Saale. Einmal sah ich eine schlanke

Gestalt eilig und kerzengerade auf mich zukommen. Doch das war Trug,

ein Wandspiegel warf mein eigenes Bild zurück. Als ich die endlose

Reihe von Hallen und Gemächern durchschritten hatte, gelangte ich in

eine unabsehbare Galerie, die scheinbar zurückführte. An den Wänden

hingen nachgedunkelte, lebensgrosse Porträts in breiten Ebenholzrahmen,

zu meiner Rechten reihten sich Bogenfenster. Ganz am Ende war ein

niedriges Pförtchen, das ich vorsichtig öffnete. Ich befand mich in

einem mittelgrossen, leeren Raume, der mit bleigrauen schweren Stoffen

ausgeschlagen war. Das Zwielicht machte dieses Zimmer undeutlich.

Soviel aber bemerkte ich: Hier war kein weiterer Ausgang, hier war das

Ende. Und jetzt erst hielt ich einen Augenblick inne und dachte nach,

was ich eigentlich wollte. Hier war nichts -- es war so still wie in

einer Gruft.

Schon wollte ich umkehren, da stieg von allen Seiten der eigentümliche

Duft auf, dem ich in diesem Lande immer wieder begegnete. In

bedeutender Stärke durchdrang er den ganzen Raum, ich hörte so etwas,

wie ein leises, trockenes Lachen. Und wirklich! Ich sah an der Wand

gegenüber das Gesicht eines schlafenden Menschen. An das Halbdunkel

gewöhnt, unterschied ich jetzt eine in Grau gekleidete Gestalt, die

auf einem erhöhten Ruhebett sass. Ich trat einen Schritt näher. Ein

Haupt von ungewöhnlicher Grösse -- ich erkannte meinen Freund Patera.

Ein Irrtum war völlig ausgeschlossen, wie oft hatte ich mir doch das

Bild angesehen! Das fahle Antlitz umringelten dunkle Locken, die

Augenlider waren festgeschlossen, nur der Mund zuckte und bewegte

sich unaufhörlich als wollte er sprechen. Ergriffen bestaunte ich die

wunderbare, regelmässige Schönheit dieses Kopfes. Mit seiner breiten,

niedern Stirn und der mächtigen Nasenwurzel glich er eher einem

griechischen Gott als einem lebenden Menschen. Über den Zügen lag

ein tiefer Schmerz. -- Nun vernahm ich Worte, ganz leise und hastig

flüsterte es: „Du beklagst dich, dass du nie zu mir kommen kannst, und

doch war ich immer bei dir. Ich sah dich oft, wie du mich schaltest und

an mir verzweifeltest. Was soll ich für dich tun? Sage deine Wünsche!“

Er schwieg. Es herrschte Stille, mein Hals war ausgetrocknet, nur mit

der grössten Anstrengung brachte ich hervor: „Hilf meiner Frau!“ Der

Kopf hob sich ein wenig, Patera schlug langsam die Augen auf. Zugleich

überfiel mich entsetzliche Schwäche. Starr und unverwandt musste ich

diesen fürchterlichen Blicken folgen. Das waren überhaupt keine Augen,

das ähnelte zwei blanken hellen Metallscheiben, die glänzten wie kleine

Monde. Ausdruckslos und ohne Leben waren sie auf mich gerichtet. Die

Flüsterstimme sprach:

„+Ich werde helfen.+“

Seine Gestalt richtete sich völlig auf, wie eine Medusenmaske hing

das Haupt über mir. +Gebannt+, war ich keiner Bewegung fähig, ich

dachte nur: „+Das ist der Herr, das ist der Herr!+“ -- Jetzt erlebte

ich ein unbeschreibliches Schauspiel. -- Die Augen schlossen sich

wieder, ein grauenhaft, schreckliches Leben trat in dieses Gesicht.

Das Mienenspiel wechselte chamäleonartig -- ununterbrochen -- tausend-

nein hunderttausendfach. Blitzschnell glich dieses Antlitz nacheinander

einem Jüngling -- einer Frau -- einem Kind -- und einem Greis. Es wurde

fett und hager, bekam Auswüchse wie ein Truthahn, schrumpfte winzig

klein zusammen, -- war im nächsten Augenblick hochmütig gebläht,

dehnte, streckte sich, drückte Hohn, Gutmütigkeit, Schadenfreude,

Hass aus, -- voll Runzeln wurde es, und wieder glatt wie Stein -- es

war wie ein unerklärliches Naturgeheimnis, -- ich konnte mich nicht

abwenden; eine magische Kraft hielt mich wie festgeschraubt, Schrecken

überrieselte mich. Jetzt erschienen Tiergesichter: das Antlitz eines

Löwen, dann wurde es spitz und schlau wie ein Schakal -- es wandelte

sich in einen wilden Hengst mit geblähten Nüstern -- wurde vogelartig

-- dann wie eine Schlange. Es war entsetzlich, ich wollte schreien und

konnte nicht. -- In abscheuliche, blutüberströmte und spitzbübisch

feige Fratzen musste ich blicken. Dann trat endlich langsam Ruhe ein.

Wie Wetterleuchten fuhr es noch manchmal über das Antlitz, -- die

verzerrten Larven verschwanden und wiederum schlief vor mir der Mensch

Patera. Die geschwungenen Lippen fieberten und bewegten sich schnell.

Ich hörte wieder diese seltsame Stimme:

„Du siehst, ich bin der Herr! -- Auch ich war verzweifelt, da baute ich

mir aus den Trümmern meines Gutes ein Reich. -- Ich bin der Meister!“

Ich war erschüttert und hatte das tiefste Mitleid mit ihm; mühsam

sprach ich:

„Bist du auch glücklich?“

Doch schon traf mich der Strahl und lähmte mich. Ganz nahe vor mir sah

ich die grässlichen Augen. Patera war herabgestiegen und hielt meine

Hände. Ich war innen und aussen wie von Eis überzogen. Er rief: „Gib

mir einen Stern, gib mir einen Stern!“

Seine Stimme bekam etwas Berückendes, sie schmeichelte und lockte.

Ich sah seine weissen Zähne schimmern, die Bewegungen waren schwer

und lahm. Ich verstand nur das geringste von dem was er sprach. Seine

Laute wurden heiser und gepresst -- seine Brust hob sich -- die Adern

an seinem bleichen Halse schienen zum Bersten gefüllt. Plötzlich wurde

sein Gesicht grau wie die Wand, nur die aufgerissenen, gequollenen

Augen flackerten und fesselten mich in ihren unerklärlichen Bann.

Ein wahrhaft ungeheuerer, nicht mehr menschlicher Schmerz musste ihn

durchwühlen.

Patera reckte sich empor, seine Hände griffen weit ins Leere. -- Da

senkte sich ein Vorhang zwischen mich und den Herrn. Ich hörte noch ein

unartikuliertes Röcheln und einen dumpfen Fall.

Als ich mich umwandte, musste ich mich gegen das Fenster stützen, denn

ich fühlte, wie mich ein Starrkrampf packte. Von der Zunge ausgehend,

ergriff er den ganzen Körper. -- Unten auf dem Platze wurden Menschen

und Tiere einen Moment steif wie Holz. Nur einen Moment, dann ging

alles wieder seinen Gang.

Wieder Herr meiner Bewegungen, stürzte ich fort in der tiefen

Überzeugung, wahnsinnig zu sein.

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