VI.

Die nächsten Tage wurde wieder nichts aus meinen Beschwerdeplänen. Bei

uns sah es trist aus. Meine wunden geschwollenen Füsse waren in Binden

und meine Frau verliess nicht das Bett.

Das Lampenbogensche Haus hatte nach hinten eine Kellerwohnung. Hier

hungerte eine Familie mit neun Kindern. Neun Kinder! Ein Unikum in

Perle! Der Mann war ein wüster Krakehler und Bummler, der sich von

seinem abgezehrten, ewig schwangeren Weibe ernähren liess. Diese

bediente uns jetzt, denn der Affe kam nur noch hie und da des Abends

auf einen Besuch. Da gab’s wenigstens ein paar gemütliche Stunden. Er

pflegte sich an das Bett meiner Frau zu setzen, ihr Strickzeug in die

Hinterhände zu nehmen und rasch zu stricken. Dabei sah er sich gerne

eine alte Nummer des Traumspiegels an, die er in den Vorderhänden hielt.

Unsere jetzige Hilfe brachte öfters ihre zwei ältesten Mädchen

herauf, und ich konnte die Entdeckung meiner Gattin bestätigen, dass

im Traumreich geborenen Kindern das Nagelglied des linken Daumens

mangelte. Das Töchterchen meines Redakteurs, sogar die beiden Söhne Sr.

Exzellenz unseres Herrn Regierungspräsidenten hatten denselben Defekt.

Die brave Frau Goldschläger vermisste also neun Stück Nagelglieder.

Sobald ich wieder gehen konnte, galt mein erster Besuch dem Arzt. Der

fliegende Puls meiner Frau gefiel mir nicht. Ich hatte schon mehrmals

darangedacht, den Doktor zu rufen, Lampenbogen als Besitzer kam auch

oft ins Haus. Aber ich bin von jeher Ärzten gegenüber misstrauisch

gewesen, und hier in diesem Lande der Unsicherheit war Vorsicht

vielleicht noch mehr am Platze. -- „Ein Arzt ist ein Geschäftsmann wie

jeder andere“, sagte ich mir. „Bestellt ein Mensch bei einem Schuster

ein Paar Stiefel und dieser verlangt den Preis, ohne sie geliefert zu

haben, so wird er einfach ausgelacht werden. Einen Arzt aber muss man

zahlen, selbst wenn er nicht geholfen, auch dann, wenn er nur geschadet

hat.“ Lampenbogen war ein reicher Mann, er besass eine schöne Villa,

eine hübsche Frau, eine Equipage. Das Zinshaus trug ihm viel, da war

es kein Wunder, dass er so dick und fett wurde. Wie schlug ihm alles

so gut an! Die Frau soll allerdings leichtsinnig sein, heisst es. Ich

dagegen mit meinen paar mageren Knochen ...

Nun kam der Doktor, wie ein wandelndes Quadrat in seinem Pelze trat

er zur Tür herein. Während er untersuchte, bewunderte ich seinen

Nacken, „ein Stück zum braten!“ dachte ich kannibalisch. Er riet

Luftveränderung, wir sollten einige Wochen ins Gebirge ziehen. Auch

mein Zustand gefiel ihm gar nicht. Auf meinen Einwand, dass ich erst

Patera aufsuchen wollte, sprach er: „Das lassen +Sie lieber bleiben+!“

und ging .....

Unsere kleine Expedition war reisefertig. Frau Goldschläger schob

meine Gattin im Rollstuhl vor sich her. Bei dem Postgebäude am Platze

warteten die Stellwagen; wir wurden verstaut. Dann knallte die

Peitsche. Umschauend gewahrte ich noch Frau Goldschlägers wackelnden

Bauch und das Abschiedslächeln auf ihrem reizlosen Gesicht.

[Illustration]

Gleich hinter Perle kreuzte man die Eisenbahn. Wir wollten ins Gebirge

nach einem Dörfchen, wo uns in einem Forsthause ein gutes Unterkommen

in Aussicht gestellt war. Die ziemlich verwahrloste Strasse zog sich

in Schlangenwindungen durch die berüchtigten Sümpfe. Auch eine

Ruinenstadt, Trümmer aus uralter Vergangenheit, wurde passiert.

Ein paar Pelikane waren alles, was wir leben sahen. Nach dieser

Wildnis wurde das Land bewohnter. Es kamen ausgedehnte Weidetriften,

Kartoffeläcker, sogar Weingärten. An gross angelegten Bauernhöfen mit

altersschwarzen Strohdächern fuhren wir vorbei -- überall blickten

uns die Bewohner nach, manche winkten uns zu. Die rauhen, in Leder

gekleideten Gestalten sassen auf den Hausbänken, einige schnitzten

Holzfiguren, ebenso vierschrötig wie sie selbst. Trotzdem viele von

ihnen gebückten Tieren glichen, gefielen sie mir doch besser als die

Städter. Sie schienen weniger zerrissen und gehetzt. Hier hatten

sich die seltsamen mystischen Gebräuche entwickelt, hier wurden sie

noch genau befolgt und festgehalten. -- Die Strasse gabelte sich;

wie ein Finger ragte ein dünner Turm über einer Kapelle, welche ganz

mit Fresken bedeckt, am Kreuzweg stand. „Rechts geht es zum grossen

Tempel“, machte uns der Postillon aufmerksam und deutete mit der

Peitsche nach der Richtung.

[Illustration]

Nun fuhren wir in ein enges Tal ein. Hoch oben an den steilen Felsen

klebten schwer erkennbar graue Hütten, wie ich hörte die Wohnstätten

asketischer Einsiedler. -- Allgemach wurde es dunkel, die Wolken

hingen tiefer herab und ballten sich zu gelbbraunen Klumpen wie

vor einem Gewitter. Ernst und grossartig in ihrer Eintönigkeit war

jetzt die Landschaft; wir befanden uns am Fusse des Erzberges, zu

mancher Jahreszeit wegen der gewaltigen magnetischen Entladungen,

eine gefährliche Gegend. Auch heute war die Spannung gross, und wir

bemerkten Kugelblitze, die auf der metallischen Kuppe herumrollten.

„Der Berg ist fast ganz aus Eisen“, belehrte der Postillon. Es war

sonderbar: nicht einmal trockenes Gestrüpp und verdorrte Halme waren

auf ihm zu sehen. Dunkel rostfarben lag er da und versperrte das Tal.

Plötzlich wollte meine Frau nicht mehr weiter, die Luft drücke sie hier

oben noch mehr als in der Stadt, sie verspreche sich keine Besserung

von solchem Landaufenthalt. Ich empfand ebenso, mir sträubten sich

die Haare in dieser von Elektrizität erfüllten Atmosphäre. Da war

es besser, sofort umzukehren. Ich bedauerte nur, die Kranke hierher

geschleppt zu haben. Bei einem Strassenwirtshaus stiegen wir ab und

erwarteten den zur Stadt fahrenden Wagen. Die Wirtsleute bemühten

sich um die Fiebernde und halfen ihr freundlich beim Einsteigen. Es

ging also wieder zurück. Beim Sumpf erreichte uns die Finsternis.

Ein fauler, sinnbetäubender Geruch stieg auf. Beim Scheine der

Wagenlaternen erblickte ich einige mohammedanische Gräber, halb in

gärendem Schlammwasser versunkene, turbangeschmückte Steine. Die

Feuchtigkeit des Bodens hemmte unsern Atem. Ein Huschen und Rascheln

hub an, die Dämonen des Sumpfes regten sich. Meine Frau litt unter

Schüttelfrösten und presste sich eng an mich. Als wir in die Stadt

einfuhren, war es zwei Uhr. Ich wusste jetzt, dass ich eine Todkranke

heimbrachte.

[Illustration]

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