Die nächsten Tage wurde wieder nichts aus meinen Beschwerdeplänen. Bei
uns sah es trist aus. Meine wunden geschwollenen Füsse waren in Binden
und meine Frau verliess nicht das Bett.
Das Lampenbogensche Haus hatte nach hinten eine Kellerwohnung. Hier
hungerte eine Familie mit neun Kindern. Neun Kinder! Ein Unikum in
Perle! Der Mann war ein wüster Krakehler und Bummler, der sich von
seinem abgezehrten, ewig schwangeren Weibe ernähren liess. Diese
bediente uns jetzt, denn der Affe kam nur noch hie und da des Abends
auf einen Besuch. Da gab’s wenigstens ein paar gemütliche Stunden. Er
pflegte sich an das Bett meiner Frau zu setzen, ihr Strickzeug in die
Hinterhände zu nehmen und rasch zu stricken. Dabei sah er sich gerne
eine alte Nummer des Traumspiegels an, die er in den Vorderhänden hielt.
Unsere jetzige Hilfe brachte öfters ihre zwei ältesten Mädchen
herauf, und ich konnte die Entdeckung meiner Gattin bestätigen, dass
im Traumreich geborenen Kindern das Nagelglied des linken Daumens
mangelte. Das Töchterchen meines Redakteurs, sogar die beiden Söhne Sr.
Exzellenz unseres Herrn Regierungspräsidenten hatten denselben Defekt.
Die brave Frau Goldschläger vermisste also neun Stück Nagelglieder.
Sobald ich wieder gehen konnte, galt mein erster Besuch dem Arzt. Der
fliegende Puls meiner Frau gefiel mir nicht. Ich hatte schon mehrmals
darangedacht, den Doktor zu rufen, Lampenbogen als Besitzer kam auch
oft ins Haus. Aber ich bin von jeher Ärzten gegenüber misstrauisch
gewesen, und hier in diesem Lande der Unsicherheit war Vorsicht
vielleicht noch mehr am Platze. -- „Ein Arzt ist ein Geschäftsmann wie
jeder andere“, sagte ich mir. „Bestellt ein Mensch bei einem Schuster
ein Paar Stiefel und dieser verlangt den Preis, ohne sie geliefert zu
haben, so wird er einfach ausgelacht werden. Einen Arzt aber muss man
zahlen, selbst wenn er nicht geholfen, auch dann, wenn er nur geschadet
hat.“ Lampenbogen war ein reicher Mann, er besass eine schöne Villa,
eine hübsche Frau, eine Equipage. Das Zinshaus trug ihm viel, da war
es kein Wunder, dass er so dick und fett wurde. Wie schlug ihm alles
so gut an! Die Frau soll allerdings leichtsinnig sein, heisst es. Ich
dagegen mit meinen paar mageren Knochen ...
Nun kam der Doktor, wie ein wandelndes Quadrat in seinem Pelze trat
er zur Tür herein. Während er untersuchte, bewunderte ich seinen
Nacken, „ein Stück zum braten!“ dachte ich kannibalisch. Er riet
Luftveränderung, wir sollten einige Wochen ins Gebirge ziehen. Auch
mein Zustand gefiel ihm gar nicht. Auf meinen Einwand, dass ich erst
Patera aufsuchen wollte, sprach er: „Das lassen +Sie lieber bleiben+!“
und ging .....
Unsere kleine Expedition war reisefertig. Frau Goldschläger schob
meine Gattin im Rollstuhl vor sich her. Bei dem Postgebäude am Platze
warteten die Stellwagen; wir wurden verstaut. Dann knallte die
Peitsche. Umschauend gewahrte ich noch Frau Goldschlägers wackelnden
Bauch und das Abschiedslächeln auf ihrem reizlosen Gesicht.
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Gleich hinter Perle kreuzte man die Eisenbahn. Wir wollten ins Gebirge
nach einem Dörfchen, wo uns in einem Forsthause ein gutes Unterkommen
in Aussicht gestellt war. Die ziemlich verwahrloste Strasse zog sich
in Schlangenwindungen durch die berüchtigten Sümpfe. Auch eine
Ruinenstadt, Trümmer aus uralter Vergangenheit, wurde passiert.
Ein paar Pelikane waren alles, was wir leben sahen. Nach dieser
Wildnis wurde das Land bewohnter. Es kamen ausgedehnte Weidetriften,
Kartoffeläcker, sogar Weingärten. An gross angelegten Bauernhöfen mit
altersschwarzen Strohdächern fuhren wir vorbei -- überall blickten
uns die Bewohner nach, manche winkten uns zu. Die rauhen, in Leder
gekleideten Gestalten sassen auf den Hausbänken, einige schnitzten
Holzfiguren, ebenso vierschrötig wie sie selbst. Trotzdem viele von
ihnen gebückten Tieren glichen, gefielen sie mir doch besser als die
Städter. Sie schienen weniger zerrissen und gehetzt. Hier hatten
sich die seltsamen mystischen Gebräuche entwickelt, hier wurden sie
noch genau befolgt und festgehalten. -- Die Strasse gabelte sich;
wie ein Finger ragte ein dünner Turm über einer Kapelle, welche ganz
mit Fresken bedeckt, am Kreuzweg stand. „Rechts geht es zum grossen
Tempel“, machte uns der Postillon aufmerksam und deutete mit der
Peitsche nach der Richtung.
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Nun fuhren wir in ein enges Tal ein. Hoch oben an den steilen Felsen
klebten schwer erkennbar graue Hütten, wie ich hörte die Wohnstätten
asketischer Einsiedler. -- Allgemach wurde es dunkel, die Wolken
hingen tiefer herab und ballten sich zu gelbbraunen Klumpen wie
vor einem Gewitter. Ernst und grossartig in ihrer Eintönigkeit war
jetzt die Landschaft; wir befanden uns am Fusse des Erzberges, zu
mancher Jahreszeit wegen der gewaltigen magnetischen Entladungen,
eine gefährliche Gegend. Auch heute war die Spannung gross, und wir
bemerkten Kugelblitze, die auf der metallischen Kuppe herumrollten.
„Der Berg ist fast ganz aus Eisen“, belehrte der Postillon. Es war
sonderbar: nicht einmal trockenes Gestrüpp und verdorrte Halme waren
auf ihm zu sehen. Dunkel rostfarben lag er da und versperrte das Tal.
Plötzlich wollte meine Frau nicht mehr weiter, die Luft drücke sie hier
oben noch mehr als in der Stadt, sie verspreche sich keine Besserung
von solchem Landaufenthalt. Ich empfand ebenso, mir sträubten sich
die Haare in dieser von Elektrizität erfüllten Atmosphäre. Da war
es besser, sofort umzukehren. Ich bedauerte nur, die Kranke hierher
geschleppt zu haben. Bei einem Strassenwirtshaus stiegen wir ab und
erwarteten den zur Stadt fahrenden Wagen. Die Wirtsleute bemühten
sich um die Fiebernde und halfen ihr freundlich beim Einsteigen. Es
ging also wieder zurück. Beim Sumpf erreichte uns die Finsternis.
Ein fauler, sinnbetäubender Geruch stieg auf. Beim Scheine der
Wagenlaternen erblickte ich einige mohammedanische Gräber, halb in
gärendem Schlammwasser versunkene, turbangeschmückte Steine. Die
Feuchtigkeit des Bodens hemmte unsern Atem. Ein Huschen und Rascheln
hub an, die Dämonen des Sumpfes regten sich. Meine Frau litt unter
Schüttelfrösten und presste sich eng an mich. Als wir in die Stadt
einfuhren, war es zwei Uhr. Ich wusste jetzt, dass ich eine Todkranke
heimbrachte.
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