Einige Tage später ging ich auf der Strasse. Neujahr stand vor der Tür,
doch das bedeutete in diesem winterlosen Lande nicht viel. Ich schlich
die wohlbekannten Häuserreihen entlang; man gewöhnte sich hier in Perle
einen eigenen Gang an: leise, schwankend, unsicher, jeden Moment auf
ein Missgeschick gefasst. Ein paar einsame Strassenlaternen zeigten
mir den Weg. Eine echte Traumlandsbeleuchtung! Aus der allgemeinen
Dämmerung, die alles verwischte und riesenhaft vergrösserte, sprangen
unnatürlich körperliche Details: Ein Pfosten, ein Ladenschild, ein
Gatter.
Ich kam aus dem alten, gotischen Nonnenkloster, dessen einer Trakt
ein Kinderspital barg. Dort hatte ich zwei Flaschen stärkenden
Medizinalwein für meine Kranke geholt. Als ich an der eingebauten
Kirche vorbeikam, bemerkte ich im Schatten des Portals ein schwarzes
Bündel. Ich hörte ein paar undeutliche Worte und ein nackter Armstumpf
reckte sich bittend empor. Gleichgültig warf ich ein paar Münzen in die
dunkle Ecke, blieb aber schon im nächsten Augenblick wie festgewurzelt
stehen. Was war das für ein seltsames altes Frauengesicht in diesen
schmutzigen Lumpen? Das musste ich mir ansehen, ein geheimer Zwang
gebot es. Widerwillig und voll Ekel beugte ich mich zu der Bettlerin.
Es war nicht der stinkende Atem oder der zahnlose Mund, welcher mich
festhielt, sondern ein scheussliches, helles Augenpaar; wie die Zähne
einer Viper bohrte es sich in mein Hirn. Halb tot und geschüttelt
kam ich zu Hause an. War das Wirklichkeit oder die Angstgeburt einer
überreizten Phantasie? Es war mir, als hätte ich ins Bodenlose geblickt.
Solche Zufälle gingen über meine Nervenkraft. Ich nahm mir fest vor,
andern Tags zu Patera zu gehen. Ich wollte mir nötigenfalls Einlass
+erzwingen+, schreien! Er war mein Freund, er hatte mich eingeladen,
an ihm lag es, ob wir zugrunde gehen sollten oder nicht! Die kopflosen
Traumstädter hatten gewiss eine falsche Vorstellung von ihm. Warum
waren sie so scheu und gedrückt und wichen aus, wenn ich von dem Herrn
sprach? Das hatte mein Freund nicht verdient.
Über dem heutigen Tag lag ein besonderer Unstern. Meine Frau stöhnte
vor Kopfschmerzen, ich machte ihr noch einige kalte Umschläge und
warf mich dann erschöpft aufs Lager. Da -- es mochte ein Uhr nachts
gewesen sein, ertönte ein Läuten und Klopfen an unserer Wohnungstür.
Ärgerlich dachte ich: „Der Saufbruder von nebenan!“ Bald hörte ich ihn
auch meinen Namen gröhlen, gleich mehrere Male hintereinander. Ich war
wütend über diese Rücksichtslosigkeit, sprang auf, schlüpfte in meinen
Schlafrock und nahm den Spazierstock aus der Zimmerecke. Jetzt wollte
ich es dem Burschen einmal gehörig einbleuen! Ich öffnete die Flurtür,
da stand er richtig und blies mir seinen Bierdunst ins Gesicht. Ob ich
nicht noch ein paar Zigarren habe, -- leihweise -- ich sollte ihm doch
die Ehre meines Besuches geben, -- auch die Frau sei eingeladen, -- er
wolle Grog machen.
Ich konnte mich vor Zorn kaum mehr halten. „Sie Unverschämter,
verschonen Sie andere Leute mit Ihren Lausbübereien. Machen Sie, dass
Sie hier fortkommen, sonst werfe ich Sie die Stiege hinab, Frechling!“
Ich schrie was ich konnte, in mir kochte alles. Mit stierem,
betrunkenem Lachen stotterte er:
„Na, na, komm nur rüber!“ Dabei fasste er mich am Arm und wollte mich
zu sich zerren. Ich verlor die Selbstbeherrschung. Blitzschnell erhielt
er einen Tritt vor den Bauch, dass er auf den Boden kollerte. Was
erdreistete sich dieser Mensch? In mir wälzte ein Gedanke den andern.
„Jetzt beschwere ich mich aber, das duldet keinen Aufschub, ich
werde mir selbst Gerechtigkeit verschaffen. Ich halte es nicht
länger aus in diesem verwünschten Nest!“ Man verstehe meine Lage:
seit Wochen den grässlichsten Eindrücken preisgegeben, die kranke
Frau, welche mir Sorgen machte, das Geld verschwunden, -- überall sah
ich nur Feinde und Hohn. Ein wilder Hass gegen das ganze Traumland
raubte mir die Besinnung und zitternd vor Aufregung sprang ich so
wie ich war die Stufen hinunter und lief spornstreichs zum Palast.
Genugtuung wollte ich verlangen für die Schmach, die ich fortwährend
zu erdulden vermeinte, und wenn ich Patera aus dem Bette holen müsste,
es sollte geschehen. So rannte ich die Lange Gasse hinauf dem Platz
zu. Ein dicker Nebel war eingefallen, die Gasflammen erschienen als
gelbe leuchtende Flecken, ich sah keinen einzigen Passanten, nur
das nasse, schmutzige Pflaster. Halb rasend lief ich dahin, einzig
damit beschäftigt, wie ich Patera alle diese Gemeinheiten schildern
sollte. Ganz laut sprudelte ich meine Anklagen heraus, prachtvolle
Redewendungen fielen mir spielend ein und ich fand erschütternde
Worte für mein Unglück. -- Aber jetzt fror es mich. -- Als ich an mir
hinab sah, musste ich dann allerdings auch zugeben, dass ich nicht
in der geeigneten Toilette war für einen Besuch bei einem vornehmen
Herrn. Ein alter, geblümter Schlafrock, darunter ein Nachthemd und ein
Pantoffel -- den andern hatte ich im Lauf verloren -- bildeten meine
ganze Kleidung. Auf dem Platze lichtete sich der Nebel etwas: da stand
der Palast! Wie ein gigantischer Würfel ragte er in den Himmel. Die
helle Scheibe des Uhrturmes täuschte einen Mond vor. Nässe und Kälte
brachten mich zur Vernunft; ich erkannte mein Vorhaben als törichtes
Beginnen. Nein, das war nicht der richtige Moment und passende Aufzug
für eine Beschwerde. Im Schlafrock, mit einem Spazierstock nach ein Uhr
nachts, barhäuptig -- wie sah ich denn aus? Ernüchtert kehrte ich um
und suchte den Heimweg. Durch eine kleine Seitengasse wollte ich ihn
verkürzen; die Kälte war recht unbehaglich. Meine Frau würde auch mein
Kommen schmerzlich erwarten -- morgen aber -- morgen sollte der Tag der
Vergeltung sein! Um mir warm zu machen, verfiel ich in einen leichten
Trab. Ein erleuchtetes Fenster tauchte auf, ich lief darauf zu. Musik,
Klaviergeklimper, rauhe Stimmen, Gesang! Ein heller Schein lag über der
Strasse. Donnerwetter, so durfte man mich hier nicht sehen! Ich war
aber schon bemerkt worden.
„Heda, Sie, nur näher!“ Ein paar verdächtige Gestalten traten zu mir.
Jetzt wusste ich, ich hatte mich verirrt: ich war im französischen
Viertel.
[Illustration]
Hier ging es noch sehr lebhaft zu. Bald erregte ich das grösste
Aufsehen. Ich war mürrisch und beschämt; man lachte über meinen
merkwürdigen Aufzug. Ich schimpfte und ging rasch weiter, immer mehr
Menschen mir nach; man machte rohe Spässe und ich berechnete, wie das
alles ablaufen würde. In diesen verrufenen Winkeln und Sackgassen
fand ich mich nicht zurecht; es war sehr peinlich, Castringius hätte
sich ausgekannt. Wenn ich nur gewusst hätte, wo die Polizeistation
sich befand. So sah ich rechts und links nur schmutzige Spelunken
und Lasterhöhlen. Aus allen Gossen dampfte und stank es. Ich machte
meine grössten Schritte. Ein geschminkter Bursche fasste einen Zipfel
meines Schlafrockes und riss ihn mir herunter, -- Patsch! sass ihm eine
Ohrfeige. Aber das hätte ich lieber nicht tun sollen. Nun hub es erst
recht an. Mit Heulen und Hallorufen wurde Jagd auf mich gemacht.
Ein aufgedunsenes, riesenhaftes Weib trat mir entgegen und wollte mir
ein Bein stellen. Ich sprang leicht über sie hinweg und verlor den
Stock dabei. Sie wälzte sich im Strassenkot, mein Hemd blieb ihr als
Trophäe. Dadurch hatte ich etwas Vorsprung. Jetzt wusste ich aber auch,
es ging ans Leben. Wie ein toller Windhund griff ich aus. Noch nie war
ich meiner Kraft so sicher gewesen. Hinter mir aber mehrte sich der
wüste Tumult, das halbe französische Viertel war mir auf den Fersen,
gellende Pfiffe ertönten, der Boden wurde immer glitschiger, ich musste
aufpassen, nicht auszugleiten. „Bald bin ich erschöpft, ich werde kaum
entwischen“, sagte ich mir und Angst pochte in meinen Schläfen. Mit
Flaschen und Messern warf man nach mir, kreuz und quer lief ich in
den Gassen und an jeder Ecke schrie ich, so laut ich konnte: „Hilfe,
Polizei!“ Aber niemand half und hinter mir hörte ich den tollen Haufen
hohnlachen. Mit aufgerissenem Munde, nackt und verzweifelt, flog ich
förmlich dahin; keine Rettung, keine Hoffnung bot sich mir. Endlich
-- ich war schon ganz matt -- sah ich ein schmales hohes Haus; es
schloss die Gasse ab. Alle Fenster waren erleuchtet, über der Schwelle
hing ein roter Lampion. Das Tor war offen; ich stürzte die hell
erleuchtete Stiege hinauf. Die Wände waren bunt bemalt und mit Palmen
geschmückt. Im ersten Stock trat mir eine Frau entgegen, eine holde
Illusion, festlich, im langen silberglänzenden Hemd mit offenen Haaren
und herrlichen Armen. Sie war gar nicht besonders überrascht, mich so
zu sehen und sagte lächelnd: „Nicht zu mir! Der Herr hat sich wohl
vergriffen, da ist Nummer fünf!“
Beglückt und beschämt von ihrer Freundlichkeit stammelte ich atemlos
Entschuldigungen, mit der Hand meine Blösse deckend. Dann öffnete
ich die bezeichnete Tür. Verdammt, da waren schon zwei drin, auch
splitternackt! -- Ich schlug die Tür wieder zu. Von unten tobte jetzt
der Pöbel herauf. Zuerst ein Schutzmann -- jetzt war einer da -- der
brüllte: „Wo ist der Kerl? Ich werde Anzeige erstatten! Das Haus muss
noch geschlossen werden!“ Dann der Mob. Die Retterin war verschwunden,
-- meine blutenden Füsse schienen mir wie Zentnergewichte. Tief
atemschöpfend kletterte ich noch ein paar Stufen in die Höhe und sah
gross angeschrieben das erlösende Wort: „Hier!“ wie ein Befehl. Noch
einmal die Hilfe des Himmels! Mit letzter Kraft öffnete ich die Tür
und schob den Riegel hinter mir zu. -- Vorläufig in Sicherheit -- aber
die Meute rüttelte schon am Schloss. „Aufmachen, aufmachen!“ gellte es
tausendstimmig.
Wie ein gehetztes Raubtier blickte ich mich um, da durchblitzte mich
ein verzweifelter, jäher Entschluss. Auf die Gefahr, mich totzustürzen,
klemmte ich mich durch ein schmales Fenster und griff mit der Hand nach
etwas Fassbarem. Richtig, ein Draht, ein Blitzableiter! -- Und mit
einer wunderbaren, mir unbegreiflichen Sicherheit kletterte ich an ihm
hinunter. Stille und Nacht ringsum -- hier sank ich zusammen -- meine
Beine trugen mich nicht mehr. --
Ich lag auf einer Schutthalde. Ein Kotwagenfahrer bei seinem
nächtlichen Gewerbe hob mich auf und fuhr mich in seinem
gerücheschwangeren Gefährt zu mir nach Hause. Meine Frau sah aus dem
Fenster, wie ich so ankam. Sie hatte eine schreckliche Viertelstunde
hinter sich, länger war ich nicht weggewesen.
Nach einigen Tagen erblickte ich auf der Strasse ein paar Hunde, die
mit einem bunten Paket spielten, an dem Schnüre mit Quasten hingen.
Ich erkannte meinen alten Schlafrock -- als herrenloses Gut hatte
er sich die ganze Zeit in der Traumstadt herumgetrieben. Mit meiner
Begeisterung für die Schöpfung Pateras war es jetzt gründlich vorbei.