V.

Einige Tage später ging ich auf der Strasse. Neujahr stand vor der Tür,

doch das bedeutete in diesem winterlosen Lande nicht viel. Ich schlich

die wohlbekannten Häuserreihen entlang; man gewöhnte sich hier in Perle

einen eigenen Gang an: leise, schwankend, unsicher, jeden Moment auf

ein Missgeschick gefasst. Ein paar einsame Strassenlaternen zeigten

mir den Weg. Eine echte Traumlandsbeleuchtung! Aus der allgemeinen

Dämmerung, die alles verwischte und riesenhaft vergrösserte, sprangen

unnatürlich körperliche Details: Ein Pfosten, ein Ladenschild, ein

Gatter.

Ich kam aus dem alten, gotischen Nonnenkloster, dessen einer Trakt

ein Kinderspital barg. Dort hatte ich zwei Flaschen stärkenden

Medizinalwein für meine Kranke geholt. Als ich an der eingebauten

Kirche vorbeikam, bemerkte ich im Schatten des Portals ein schwarzes

Bündel. Ich hörte ein paar undeutliche Worte und ein nackter Armstumpf

reckte sich bittend empor. Gleichgültig warf ich ein paar Münzen in die

dunkle Ecke, blieb aber schon im nächsten Augenblick wie festgewurzelt

stehen. Was war das für ein seltsames altes Frauengesicht in diesen

schmutzigen Lumpen? Das musste ich mir ansehen, ein geheimer Zwang

gebot es. Widerwillig und voll Ekel beugte ich mich zu der Bettlerin.

Es war nicht der stinkende Atem oder der zahnlose Mund, welcher mich

festhielt, sondern ein scheussliches, helles Augenpaar; wie die Zähne

einer Viper bohrte es sich in mein Hirn. Halb tot und geschüttelt

kam ich zu Hause an. War das Wirklichkeit oder die Angstgeburt einer

überreizten Phantasie? Es war mir, als hätte ich ins Bodenlose geblickt.

Solche Zufälle gingen über meine Nervenkraft. Ich nahm mir fest vor,

andern Tags zu Patera zu gehen. Ich wollte mir nötigenfalls Einlass

+erzwingen+, schreien! Er war mein Freund, er hatte mich eingeladen,

an ihm lag es, ob wir zugrunde gehen sollten oder nicht! Die kopflosen

Traumstädter hatten gewiss eine falsche Vorstellung von ihm. Warum

waren sie so scheu und gedrückt und wichen aus, wenn ich von dem Herrn

sprach? Das hatte mein Freund nicht verdient.

Über dem heutigen Tag lag ein besonderer Unstern. Meine Frau stöhnte

vor Kopfschmerzen, ich machte ihr noch einige kalte Umschläge und

warf mich dann erschöpft aufs Lager. Da -- es mochte ein Uhr nachts

gewesen sein, ertönte ein Läuten und Klopfen an unserer Wohnungstür.

Ärgerlich dachte ich: „Der Saufbruder von nebenan!“ Bald hörte ich ihn

auch meinen Namen gröhlen, gleich mehrere Male hintereinander. Ich war

wütend über diese Rücksichtslosigkeit, sprang auf, schlüpfte in meinen

Schlafrock und nahm den Spazierstock aus der Zimmerecke. Jetzt wollte

ich es dem Burschen einmal gehörig einbleuen! Ich öffnete die Flurtür,

da stand er richtig und blies mir seinen Bierdunst ins Gesicht. Ob ich

nicht noch ein paar Zigarren habe, -- leihweise -- ich sollte ihm doch

die Ehre meines Besuches geben, -- auch die Frau sei eingeladen, -- er

wolle Grog machen.

Ich konnte mich vor Zorn kaum mehr halten. „Sie Unverschämter,

verschonen Sie andere Leute mit Ihren Lausbübereien. Machen Sie, dass

Sie hier fortkommen, sonst werfe ich Sie die Stiege hinab, Frechling!“

Ich schrie was ich konnte, in mir kochte alles. Mit stierem,

betrunkenem Lachen stotterte er:

„Na, na, komm nur rüber!“ Dabei fasste er mich am Arm und wollte mich

zu sich zerren. Ich verlor die Selbstbeherrschung. Blitzschnell erhielt

er einen Tritt vor den Bauch, dass er auf den Boden kollerte. Was

erdreistete sich dieser Mensch? In mir wälzte ein Gedanke den andern.

„Jetzt beschwere ich mich aber, das duldet keinen Aufschub, ich

werde mir selbst Gerechtigkeit verschaffen. Ich halte es nicht

länger aus in diesem verwünschten Nest!“ Man verstehe meine Lage:

seit Wochen den grässlichsten Eindrücken preisgegeben, die kranke

Frau, welche mir Sorgen machte, das Geld verschwunden, -- überall sah

ich nur Feinde und Hohn. Ein wilder Hass gegen das ganze Traumland

raubte mir die Besinnung und zitternd vor Aufregung sprang ich so

wie ich war die Stufen hinunter und lief spornstreichs zum Palast.

Genugtuung wollte ich verlangen für die Schmach, die ich fortwährend

zu erdulden vermeinte, und wenn ich Patera aus dem Bette holen müsste,

es sollte geschehen. So rannte ich die Lange Gasse hinauf dem Platz

zu. Ein dicker Nebel war eingefallen, die Gasflammen erschienen als

gelbe leuchtende Flecken, ich sah keinen einzigen Passanten, nur

das nasse, schmutzige Pflaster. Halb rasend lief ich dahin, einzig

damit beschäftigt, wie ich Patera alle diese Gemeinheiten schildern

sollte. Ganz laut sprudelte ich meine Anklagen heraus, prachtvolle

Redewendungen fielen mir spielend ein und ich fand erschütternde

Worte für mein Unglück. -- Aber jetzt fror es mich. -- Als ich an mir

hinab sah, musste ich dann allerdings auch zugeben, dass ich nicht

in der geeigneten Toilette war für einen Besuch bei einem vornehmen

Herrn. Ein alter, geblümter Schlafrock, darunter ein Nachthemd und ein

Pantoffel -- den andern hatte ich im Lauf verloren -- bildeten meine

ganze Kleidung. Auf dem Platze lichtete sich der Nebel etwas: da stand

der Palast! Wie ein gigantischer Würfel ragte er in den Himmel. Die

helle Scheibe des Uhrturmes täuschte einen Mond vor. Nässe und Kälte

brachten mich zur Vernunft; ich erkannte mein Vorhaben als törichtes

Beginnen. Nein, das war nicht der richtige Moment und passende Aufzug

für eine Beschwerde. Im Schlafrock, mit einem Spazierstock nach ein Uhr

nachts, barhäuptig -- wie sah ich denn aus? Ernüchtert kehrte ich um

und suchte den Heimweg. Durch eine kleine Seitengasse wollte ich ihn

verkürzen; die Kälte war recht unbehaglich. Meine Frau würde auch mein

Kommen schmerzlich erwarten -- morgen aber -- morgen sollte der Tag der

Vergeltung sein! Um mir warm zu machen, verfiel ich in einen leichten

Trab. Ein erleuchtetes Fenster tauchte auf, ich lief darauf zu. Musik,

Klaviergeklimper, rauhe Stimmen, Gesang! Ein heller Schein lag über der

Strasse. Donnerwetter, so durfte man mich hier nicht sehen! Ich war

aber schon bemerkt worden.

„Heda, Sie, nur näher!“ Ein paar verdächtige Gestalten traten zu mir.

Jetzt wusste ich, ich hatte mich verirrt: ich war im französischen

Viertel.

[Illustration]

Hier ging es noch sehr lebhaft zu. Bald erregte ich das grösste

Aufsehen. Ich war mürrisch und beschämt; man lachte über meinen

merkwürdigen Aufzug. Ich schimpfte und ging rasch weiter, immer mehr

Menschen mir nach; man machte rohe Spässe und ich berechnete, wie das

alles ablaufen würde. In diesen verrufenen Winkeln und Sackgassen

fand ich mich nicht zurecht; es war sehr peinlich, Castringius hätte

sich ausgekannt. Wenn ich nur gewusst hätte, wo die Polizeistation

sich befand. So sah ich rechts und links nur schmutzige Spelunken

und Lasterhöhlen. Aus allen Gossen dampfte und stank es. Ich machte

meine grössten Schritte. Ein geschminkter Bursche fasste einen Zipfel

meines Schlafrockes und riss ihn mir herunter, -- Patsch! sass ihm eine

Ohrfeige. Aber das hätte ich lieber nicht tun sollen. Nun hub es erst

recht an. Mit Heulen und Hallorufen wurde Jagd auf mich gemacht.

Ein aufgedunsenes, riesenhaftes Weib trat mir entgegen und wollte mir

ein Bein stellen. Ich sprang leicht über sie hinweg und verlor den

Stock dabei. Sie wälzte sich im Strassenkot, mein Hemd blieb ihr als

Trophäe. Dadurch hatte ich etwas Vorsprung. Jetzt wusste ich aber auch,

es ging ans Leben. Wie ein toller Windhund griff ich aus. Noch nie war

ich meiner Kraft so sicher gewesen. Hinter mir aber mehrte sich der

wüste Tumult, das halbe französische Viertel war mir auf den Fersen,

gellende Pfiffe ertönten, der Boden wurde immer glitschiger, ich musste

aufpassen, nicht auszugleiten. „Bald bin ich erschöpft, ich werde kaum

entwischen“, sagte ich mir und Angst pochte in meinen Schläfen. Mit

Flaschen und Messern warf man nach mir, kreuz und quer lief ich in

den Gassen und an jeder Ecke schrie ich, so laut ich konnte: „Hilfe,

Polizei!“ Aber niemand half und hinter mir hörte ich den tollen Haufen

hohnlachen. Mit aufgerissenem Munde, nackt und verzweifelt, flog ich

förmlich dahin; keine Rettung, keine Hoffnung bot sich mir. Endlich

-- ich war schon ganz matt -- sah ich ein schmales hohes Haus; es

schloss die Gasse ab. Alle Fenster waren erleuchtet, über der Schwelle

hing ein roter Lampion. Das Tor war offen; ich stürzte die hell

erleuchtete Stiege hinauf. Die Wände waren bunt bemalt und mit Palmen

geschmückt. Im ersten Stock trat mir eine Frau entgegen, eine holde

Illusion, festlich, im langen silberglänzenden Hemd mit offenen Haaren

und herrlichen Armen. Sie war gar nicht besonders überrascht, mich so

zu sehen und sagte lächelnd: „Nicht zu mir! Der Herr hat sich wohl

vergriffen, da ist Nummer fünf!“

Beglückt und beschämt von ihrer Freundlichkeit stammelte ich atemlos

Entschuldigungen, mit der Hand meine Blösse deckend. Dann öffnete

ich die bezeichnete Tür. Verdammt, da waren schon zwei drin, auch

splitternackt! -- Ich schlug die Tür wieder zu. Von unten tobte jetzt

der Pöbel herauf. Zuerst ein Schutzmann -- jetzt war einer da -- der

brüllte: „Wo ist der Kerl? Ich werde Anzeige erstatten! Das Haus muss

noch geschlossen werden!“ Dann der Mob. Die Retterin war verschwunden,

-- meine blutenden Füsse schienen mir wie Zentnergewichte. Tief

atemschöpfend kletterte ich noch ein paar Stufen in die Höhe und sah

gross angeschrieben das erlösende Wort: „Hier!“ wie ein Befehl. Noch

einmal die Hilfe des Himmels! Mit letzter Kraft öffnete ich die Tür

und schob den Riegel hinter mir zu. -- Vorläufig in Sicherheit -- aber

die Meute rüttelte schon am Schloss. „Aufmachen, aufmachen!“ gellte es

tausendstimmig.

Wie ein gehetztes Raubtier blickte ich mich um, da durchblitzte mich

ein verzweifelter, jäher Entschluss. Auf die Gefahr, mich totzustürzen,

klemmte ich mich durch ein schmales Fenster und griff mit der Hand nach

etwas Fassbarem. Richtig, ein Draht, ein Blitzableiter! -- Und mit

einer wunderbaren, mir unbegreiflichen Sicherheit kletterte ich an ihm

hinunter. Stille und Nacht ringsum -- hier sank ich zusammen -- meine

Beine trugen mich nicht mehr. --

Ich lag auf einer Schutthalde. Ein Kotwagenfahrer bei seinem

nächtlichen Gewerbe hob mich auf und fuhr mich in seinem

gerücheschwangeren Gefährt zu mir nach Hause. Meine Frau sah aus dem

Fenster, wie ich so ankam. Sie hatte eine schreckliche Viertelstunde

hinter sich, länger war ich nicht weggewesen.

Nach einigen Tagen erblickte ich auf der Strasse ein paar Hunde, die

mit einem bunten Paket spielten, an dem Schnüre mit Quasten hingen.

Ich erkannte meinen alten Schlafrock -- als herrenloses Gut hatte

er sich die ganze Zeit in der Traumstadt herumgetrieben. Mit meiner

Begeisterung für die Schöpfung Pateras war es jetzt gründlich vorbei.

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