IV.

Man hatte mein Kommen nicht bemerkt. Draussen dämmerte es, die Lichter

waren angezündet. An einem einsamen Tisch im Hintergrunde wollte ich

meine Gedanken sammeln, das Ungeheuere zu begreifen versuchen und das

unangenehme Schwindelgefühl los werden. Ich blieb nicht lange allein.

Ein älterer würdevoller Herr mit einem weissen Halstuch kam auch in die

Ecke und setzte sich zu mir.

„Hier ist’s ein wenig ruhiger“, bemerkte er.

Von mir kam keine Antwort; in meinem Kopfe schwamm noch alles wild

durcheinander. Nach einer Weile sagte er mit weicher, teilnehmender

Stimme:

„Sie haben ihn das erstemal erlebt; es hat Sie sehr angegriffen!“

Jetzt sah ich auf, es lag etwas freundliches, mildes in dem Manne.

„Was meinen Sie?“ frug ich müde.

„Nun den Klaps! Schauen Sie umher!“ und er machte eine Geste ins Lokal

hinein.

Da fiel mir erst auf, dass hier etwas passiert sein musste.

Für den starken Besuch war es auffallend still. Auf allen Gesichtern

lag Erschöpfung, Verstörung. „Ja, was ist denn geschehen?“ Ich hatte

schon wieder Angst.

„Sehen Sie sich die Leute nur an! Jetzt ist es übrigens vorüber.“

Ich fasste Vertrauen zu dem Sprecher, er war harmlos und gewinnend.

„Gleich merkte ich Ihnen an, dass es für Sie das erstemal war, es ist

ein Fluch!“ Er seufzte. -- Die Gäste sassen sämtlich still in sich

versunken, einige flüsterten. -- Hie und da gab es schon wieder ein

paar laute Worte ..... Mitten im Lokal wurden Scherben zusammengekehrt.

Die beiden Schachspieler glichen Holzpuppen, sie schienen von einander

fasziniert. Ich bat meinen Tischfreund, mich über die seltsame Stimmung

ein bisschen aufzuklären, ich wisse von gar nichts. Mit seinen schönen

weissen Locken, die zu den sentimentalen, etwas komisch phantastischen

Augen gut passten, war er schon ein hoher Sechziger.

„Sie sind noch nicht sehr lange im Traumreich, wenigstens noch nicht

viele Jahre?“ fing er zu reden an.

„Es werden jetzt bald zwei!“

Anton, schon wieder ganz munter, brachte auf meinen Wink Kognak herbei.

Im Kaffeehaus wurde es allgemach wie gewöhnlich. Der Alte sprach weiter:

„Gewiss, man findet sich nur schwer hinein, wenn man es einmal anders

gekannt hat. Wir stehen hier alle unter +dem Bann+. Ob wir wollen

oder nicht, es vollzieht sich ein notwendiges Geschick an uns. Wir

müssen dabei noch froh sein, es könnte ja viel ärger zugehen. So aber

kann man über den grossen Unsinn wenigstens manchmal lachen. Viele,

ach wie viele, wollen da nicht immer mittun, besonders Neuankommende

stemmen sich dagegen. Wird aber das innerliche Auflehnen gegen das

Unabänderliche zu stark, dann kommt der Klaps; den spürt dann jeder;

heute war so ein Tag.“

Er schwieg; ein trübes, ergebenes Lächeln huschte über sein Gesicht.

Ich war sprachlos. Hier war ich einem Rätsel auf der Spur. Vielleicht

ist es das grosse Rätsel, das mich so lange schon beunruhigt? Und jetzt

erzählte ich dem alten Manne, was mir für merkwürdige und unangenehme

Dinge passiert waren, auch das furchtbare Geheimnis von vorhin, das mir

noch das Herz zusammenpresste. Ich liess nichts aus.

Teilnehmend und nachdenklich hörte mich mein Nachbar an. Er schüttelte

ein wenig den Kopf und neigte sich zu mir:

„Lieber, junger Freund, grübeln Sie nicht unnötig, sträuben Sie sich

niemals gegen Ihre innere Stimme. Gewiss, Sie haben recht. Hier gibt

es überall Geheimnisse, aber sie sind unerklärlich. Der zu Neugierige

verbrennt sich am ehesten die Finger. Trösten Sie sich mit der Arbeit,

arbeiten kann man in Perle vortrefflich. Auch mir ging es früher

ähnlich wie Ihnen. Vor Ihnen sitzt ein alter Naturfreund, und so

werden Sie mir gewiss glauben, dass ich viel unter dem Unnatürlichen

dieses Bodens litt. Aber man findet sich schon mit der Zeit zurecht;

ich lebe fast dreizehn Jahre hier, habe mich angepasst und finde viel

Interessantes. Nur bescheiden muss man sich, auch das Kleinste kann

Freuden bescheren. Ich zum Beispiel sammle Läuse, Staubläuse.“ Seine

Augen leuchteten auf und lebhaft, mit geheimnisvollem Lächeln, sprach

er weiter: „Ich bin einer neuen Art auf der Spur. Ja, das Archiv

enthält Wunder, von denen nur die wenigsten etwas ahnen. Das Amtszimmer

No. 69 ist jetzt mein Jagdgebiet. Exzellenz stellten es mir huldvollst

zur Verfügung, dort liegen meine Hoffnungen! -- Aber jetzt muss ich

gehen.“

Nachdem er diese Worte gesprochen, zog er ein altes, grünes Futteral

aus der Tasche, entnahm ihm eine Hornbrille und setzte sie auf. Bevor

er ging, machte er eine altmodische Verbeugung und stellte sich vor:

„Professor Korntheur, Zoologe.“

Ich blickte ihm voll Sympathie nach. Seine originelle Haltung, das

volle, schneeweisse Haar mit dem einnehmenden, noch jugendlichen

Idealismus verratenden Gesicht, die sorgfältige Sauberkeit der Kleidung

bis zu den grauen Gamaschen und Überschuhen hinab, mit einem Wort, sein

ganzes Wesen gefiel mir.

Aber ich war zerrissen von den Aufregungen des heutigen Tages. Mit

einem dumpfen Druck stieg ich die Treppe zu meiner Wohnung empor.

Meine Frau lag gänzlich ermattet auf dem Divan, -- ich hatte es nicht

anders erwartet. Sie sagte nichts, mir zuliebe nahm sie sich zusammen;

auch ich schwieg rücksichtsvoll, denn lügen mochte ich nicht.

Ruhelos wälzte ich mich im Bette. Immer vermeinte ich einen tosenden

Schall zu hören und ein stieres, aufgerissenes Auge zu sehen. Fast

ausschliesslich beschäftigten mich die Mitteilungen des Professors.

Also ein Bann -- und der Klaps --? Ich grübelte über den Sinn dieser

Worte. -- Ach ja, Aussergewöhnliches fiel mir genug hier auf; erst

neulich sah ich hinter einem Hause einige Burschen, die mit Klappern

und Trommeln lärmten. Auf mein Befragen bekam ich zur Antwort: Wir

machen Nebengeräusche! -- Von jetzt ab ärgerte mich der Blödsinn, ich

fand das Narrenhaus in allem. Anfangs war es neuartig gewesen, wir

hatten am Fenster gelegen und auf die burlesken Vorgänge da unten

gelauert. Seit den letzten Monaten aber gab es kein Lachen mehr in

unserm Heim. Mit meiner Frau ging es langsam und stetig bergab. Zu

gleicher Zeit nahmen die unheimlichen Vorkommnisse zu. Ich durfte

meiner Lebensgefährtin nicht mehr alles sagen, wollte ich sie nicht in

unmittelbare Gefahr versetzen. So verschloss ich meine Sorgen in mir,

und fühlte mich einsam und dauernd verstimmt. Wohin sollte das noch

führen? Ich ging ja selbst zugrunde! --

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