Man hatte mein Kommen nicht bemerkt. Draussen dämmerte es, die Lichter
waren angezündet. An einem einsamen Tisch im Hintergrunde wollte ich
meine Gedanken sammeln, das Ungeheuere zu begreifen versuchen und das
unangenehme Schwindelgefühl los werden. Ich blieb nicht lange allein.
Ein älterer würdevoller Herr mit einem weissen Halstuch kam auch in die
Ecke und setzte sich zu mir.
„Hier ist’s ein wenig ruhiger“, bemerkte er.
Von mir kam keine Antwort; in meinem Kopfe schwamm noch alles wild
durcheinander. Nach einer Weile sagte er mit weicher, teilnehmender
Stimme:
„Sie haben ihn das erstemal erlebt; es hat Sie sehr angegriffen!“
Jetzt sah ich auf, es lag etwas freundliches, mildes in dem Manne.
„Was meinen Sie?“ frug ich müde.
„Nun den Klaps! Schauen Sie umher!“ und er machte eine Geste ins Lokal
hinein.
Da fiel mir erst auf, dass hier etwas passiert sein musste.
Für den starken Besuch war es auffallend still. Auf allen Gesichtern
lag Erschöpfung, Verstörung. „Ja, was ist denn geschehen?“ Ich hatte
schon wieder Angst.
„Sehen Sie sich die Leute nur an! Jetzt ist es übrigens vorüber.“
Ich fasste Vertrauen zu dem Sprecher, er war harmlos und gewinnend.
„Gleich merkte ich Ihnen an, dass es für Sie das erstemal war, es ist
ein Fluch!“ Er seufzte. -- Die Gäste sassen sämtlich still in sich
versunken, einige flüsterten. -- Hie und da gab es schon wieder ein
paar laute Worte ..... Mitten im Lokal wurden Scherben zusammengekehrt.
Die beiden Schachspieler glichen Holzpuppen, sie schienen von einander
fasziniert. Ich bat meinen Tischfreund, mich über die seltsame Stimmung
ein bisschen aufzuklären, ich wisse von gar nichts. Mit seinen schönen
weissen Locken, die zu den sentimentalen, etwas komisch phantastischen
Augen gut passten, war er schon ein hoher Sechziger.
„Sie sind noch nicht sehr lange im Traumreich, wenigstens noch nicht
viele Jahre?“ fing er zu reden an.
„Es werden jetzt bald zwei!“
Anton, schon wieder ganz munter, brachte auf meinen Wink Kognak herbei.
Im Kaffeehaus wurde es allgemach wie gewöhnlich. Der Alte sprach weiter:
„Gewiss, man findet sich nur schwer hinein, wenn man es einmal anders
gekannt hat. Wir stehen hier alle unter +dem Bann+. Ob wir wollen
oder nicht, es vollzieht sich ein notwendiges Geschick an uns. Wir
müssen dabei noch froh sein, es könnte ja viel ärger zugehen. So aber
kann man über den grossen Unsinn wenigstens manchmal lachen. Viele,
ach wie viele, wollen da nicht immer mittun, besonders Neuankommende
stemmen sich dagegen. Wird aber das innerliche Auflehnen gegen das
Unabänderliche zu stark, dann kommt der Klaps; den spürt dann jeder;
heute war so ein Tag.“
Er schwieg; ein trübes, ergebenes Lächeln huschte über sein Gesicht.
Ich war sprachlos. Hier war ich einem Rätsel auf der Spur. Vielleicht
ist es das grosse Rätsel, das mich so lange schon beunruhigt? Und jetzt
erzählte ich dem alten Manne, was mir für merkwürdige und unangenehme
Dinge passiert waren, auch das furchtbare Geheimnis von vorhin, das mir
noch das Herz zusammenpresste. Ich liess nichts aus.
Teilnehmend und nachdenklich hörte mich mein Nachbar an. Er schüttelte
ein wenig den Kopf und neigte sich zu mir:
„Lieber, junger Freund, grübeln Sie nicht unnötig, sträuben Sie sich
niemals gegen Ihre innere Stimme. Gewiss, Sie haben recht. Hier gibt
es überall Geheimnisse, aber sie sind unerklärlich. Der zu Neugierige
verbrennt sich am ehesten die Finger. Trösten Sie sich mit der Arbeit,
arbeiten kann man in Perle vortrefflich. Auch mir ging es früher
ähnlich wie Ihnen. Vor Ihnen sitzt ein alter Naturfreund, und so
werden Sie mir gewiss glauben, dass ich viel unter dem Unnatürlichen
dieses Bodens litt. Aber man findet sich schon mit der Zeit zurecht;
ich lebe fast dreizehn Jahre hier, habe mich angepasst und finde viel
Interessantes. Nur bescheiden muss man sich, auch das Kleinste kann
Freuden bescheren. Ich zum Beispiel sammle Läuse, Staubläuse.“ Seine
Augen leuchteten auf und lebhaft, mit geheimnisvollem Lächeln, sprach
er weiter: „Ich bin einer neuen Art auf der Spur. Ja, das Archiv
enthält Wunder, von denen nur die wenigsten etwas ahnen. Das Amtszimmer
No. 69 ist jetzt mein Jagdgebiet. Exzellenz stellten es mir huldvollst
zur Verfügung, dort liegen meine Hoffnungen! -- Aber jetzt muss ich
gehen.“
Nachdem er diese Worte gesprochen, zog er ein altes, grünes Futteral
aus der Tasche, entnahm ihm eine Hornbrille und setzte sie auf. Bevor
er ging, machte er eine altmodische Verbeugung und stellte sich vor:
„Professor Korntheur, Zoologe.“
Ich blickte ihm voll Sympathie nach. Seine originelle Haltung, das
volle, schneeweisse Haar mit dem einnehmenden, noch jugendlichen
Idealismus verratenden Gesicht, die sorgfältige Sauberkeit der Kleidung
bis zu den grauen Gamaschen und Überschuhen hinab, mit einem Wort, sein
ganzes Wesen gefiel mir.
Aber ich war zerrissen von den Aufregungen des heutigen Tages. Mit
einem dumpfen Druck stieg ich die Treppe zu meiner Wohnung empor.
Meine Frau lag gänzlich ermattet auf dem Divan, -- ich hatte es nicht
anders erwartet. Sie sagte nichts, mir zuliebe nahm sie sich zusammen;
auch ich schwieg rücksichtsvoll, denn lügen mochte ich nicht.
Ruhelos wälzte ich mich im Bette. Immer vermeinte ich einen tosenden
Schall zu hören und ein stieres, aufgerissenes Auge zu sehen. Fast
ausschliesslich beschäftigten mich die Mitteilungen des Professors.
Also ein Bann -- und der Klaps --? Ich grübelte über den Sinn dieser
Worte. -- Ach ja, Aussergewöhnliches fiel mir genug hier auf; erst
neulich sah ich hinter einem Hause einige Burschen, die mit Klappern
und Trommeln lärmten. Auf mein Befragen bekam ich zur Antwort: Wir
machen Nebengeräusche! -- Von jetzt ab ärgerte mich der Blödsinn, ich
fand das Narrenhaus in allem. Anfangs war es neuartig gewesen, wir
hatten am Fenster gelegen und auf die burlesken Vorgänge da unten
gelauert. Seit den letzten Monaten aber gab es kein Lachen mehr in
unserm Heim. Mit meiner Frau ging es langsam und stetig bergab. Zu
gleicher Zeit nahmen die unheimlichen Vorkommnisse zu. Ich durfte
meiner Lebensgefährtin nicht mehr alles sagen, wollte ich sie nicht in
unmittelbare Gefahr versetzen. So verschloss ich meine Sorgen in mir,
und fühlte mich einsam und dauernd verstimmt. Wohin sollte das noch
führen? Ich ging ja selbst zugrunde! --