Meine arme Frau konnte sich von ihren Angstzuständen gar nicht mehr
erholen. Sie wurde zusehends blässer, ihre Wangen fielen immer mehr
ein und bei jedem Wort, das ich unvermutet an sie richtete, zuckte
sie nervös zusammen. Das konnte so nicht länger weiter gehen, nur
der Umstand, dass es mir noch immer nicht gelungen war, Patera zu
besuchen, verzögerte unsere Abreise. Ohne seine spezielle Erlaubnis
war an ein Fortkommen überhaupt nicht zu denken. Zehn Gesuche von mir
lagen im Archiv, aber nur ein paar geschraubte Vertröstungen kamen
von oben herab, wie: „In der gegebenen Jahreszeit hat das Departement
für Audienzen Ferialtage.“ Oder: „Der Bittsteller wurde wiederholt
darauf aufmerksam gemacht, dass nur eine normale, bürgerliche
Gesellschaftsstellung einige Aussichten auf Gewährleistung einer
Audienz zu verleihen vermag. Er möge also nicht von diesen üblichen
Gepflogenheiten abweichen, und sehe sich um eine solche“ etc. etc. Ich
war vor Gift und Galle geschwollen und gewillt, meinem Freunde reinen
Wein über diese gemeinschädliche Beamtenkaste einzuschenken. „Die
sollen’s büssen!“ ....
Noch etwas fiel für unsere Heimreise schwer ins Gewicht: -- +Unser
Geld war fort --!+ -- Jawohl, +einfach fort+ --! Kein Pfennig von den
Hunderttausend war mehr da.
„So, da haben wirs, hab ich’s doch vorausgesehen!“ sprach ich
erbittert zu meiner Frau, als ich dahinter kam. Die Ärmste konnte
wahrhaftig nichts dafür, deshalb verschonte ich sie auch mit weiteren
Lamentationen. Genug, Diebstahl oder nicht, das Geld blieb verschwunden
und wir waren jetzt allein auf meinen Verdienst angewiesen.
So ging unser zweites Jahr im Traumreich seinem Ende entgegen. Meine
Frau wurde jetzt auch bei Tage von Furchtvorstellungen gequält. Die
Küche lag auf der Rückseite unserer Wohnung, durch ein Fenster sah
man auf den Hof der Molkerei hinab; in dessen Mitte befand sich ein
Brunnenschacht, weiter hinten ein paar Stalltüren.
„In diesem Brunnen spukt es“, behauptete sie. Seltsames Fauchen und
Klopfen wollte sie oft gehört haben. Mir fiel nichts auf. Um ihr aber
einen Gefallen zu erweisen, nahm ich mir vor, einmal nachzusehen,
und ich ging. Unter dem Vorwand, die Molkerei besichtigen zu
wollen, klopfte ich einen schwerhörigen Schweizer heraus. Seine
Begriffsstutzigkeit reduzierte ich durch ein schönes Trinkgeld. Ich
solle ansehen, was mir passe, schrie er mir ins Ohr und verzog sich
wieder in seine Kammer. Mir selbst überlassen, konnte ich also meine
Untersuchung leicht ins Werk setzen. Rasch durchschritt ich eine ganze
Flucht schlecht erleuchteter Räume. Das Gebäude war ziemlich tief
in die Erde eingelassen, das bisschen Licht zwängte sich hoch oben
durch kleine vergitterte Fenster. Auf langen Holzgestellen standen
viele flache, runde Gefässe, in den Winkeln befanden sich hölzerne
Kübel. Alle waren bis an den Rand mit Milch gefüllt. Ein Gewölbe
diente lediglich zur Aufbewahrung verschiedener Werkzeuge. Da hingen
die Wände voll von Blechgeschirren, hölzernen Platten, Brettchen. Ich
suchte eilig den Hof; anstatt aber einen Ausgang dorthin zu finden,
traf ich jetzt nur noch finstere Kammern, in denen grosse Kessel über
erloschenen Feuerstätten hingen. Ein scharfer Geruch von Käsen beizte
meine Nase. Da lagen sie, stanken und tropften, regelmässige Reihen
in allen Grössen -- ein unappetitliches halbdunkles Gelass, schmal
und lang, die verschimmelten Wände voll von Spinnenweben. Hier konnte
es nicht sein -- ich lief wieder zurück. In dieser Gleichförmigkeit
von Käse, Butter und Milch kannte ich mich aber nicht mehr aus. Ich
verirrte mich und gelangte in einen augenscheinlich ganz unbenutzten
Teil des Souterrains. Die gewölbte Decke war niedrig und rostige
Eisenketten hingen an schweren Haken herab. Man konnte kaum noch sehen,
der schlüpfrige Boden schien sich etwas zu senken. Auf einmal stolperte
ich über ein paar glitschige Stufen und stand nun gänzlich im
Dunkeln. Tiefe Nacht und eisige Kellerluft -- oben hörte ich irgendwo
eine Türe zufallen! Gottlob -- ich hatte ein paar Wachsstreichhölzer
bei mir. -- Da vernahm ich mit einem Male von weit, weit her ein
Geräusch. Es klang wie entferntes Hämmern, wurde aber mit unheimlicher
Schnelligkeit immer deutlicher. Beim Schein eines Streichholzes sah
ich, dass ich mich in einem Gang befand. Mich packte tödliche Angst.
„Fort von hier -- nur fort von hier!“ war mein einziger Gedanke. Ich
rannte und stiess manches Mal mit dem Schädel an die triefenden Wände.
Hinter mir jedoch schwoll das Tosen -- ein furchtbares, taktmässiges
Dröhnen wie ein Galopp. Meine Lichtchen wurden immer weniger, die
feuchte Luft liess keine Flamme aufkommen. Der Schall kam näher, ich
wurde augenscheinlich verfolgt. Jetzt konnte ich deutlich ein Ächzen
und Blasen unterscheiden. Das schnitt mir derartig ins Mark, dass ich
glaubte, wahnsinnig zu werden. Wie gepeitscht stürzte ich weiter, doch
da verliess mich die Kraft und der Ohnmacht nahe fiel ich auf die Knie.
Hilflos hielt ich meine Hände der anstürmenden Gefahr entgegen, auf dem
Boden flackerten meine letzten Streichhölzer. Da tobte es auch schon
heran, -- ein kalter Wind erfasste mich, -- ich erblickte ein weisses,
abgemagertes Pferd. Obwohl ich es nur unscharf sah, bemerkte ich doch
seinen entsetzlichen Zustand. Die grosse Mähre war fast verhungert und
schleuderte mit verzweifelter Kraft ihre riesigen Hufe. Den knochigen
Schädel weit vorgestreckt, die Ohren rückwärts angelegt, so jagte
dieses Tier an mir vorüber. Sein trübes, glanzloses Auge traf mich
-- es war blind. Ich hörte das Knirschen seiner Zähne und als ich
ihm aufschaudernd nachblickte, sah ich sein zerschundenes, blutiges
Hinterteil glänzen. Der rasende Galopp dieses lebenden Skeletts kannte
kein Einhalten. Ich tastete mich weiter, während das Dröhnen verhallte,
gequält von dem Anblick dieser schrecklichen Knochen. Bald erblickte
ich in der Ferne eine rettende Gasflamme. Nur verschwommen konnte ich
sie sehen, denn ein Nervenschock packte mich. Meine Zunge wurde starr
und mein Körper wie Stein. Als der Anfall vorüber war, schleppte ich
mich dem Lichte entgegen. -- Eine Stiege tauchte auf -- noch ein Licht
--. Dann hörte ich Menschen und betrat einen bekannten Raum. -- Ich
befand mich im Kaffeehause.
[Illustration]