III.

Meine arme Frau konnte sich von ihren Angstzuständen gar nicht mehr

erholen. Sie wurde zusehends blässer, ihre Wangen fielen immer mehr

ein und bei jedem Wort, das ich unvermutet an sie richtete, zuckte

sie nervös zusammen. Das konnte so nicht länger weiter gehen, nur

der Umstand, dass es mir noch immer nicht gelungen war, Patera zu

besuchen, verzögerte unsere Abreise. Ohne seine spezielle Erlaubnis

war an ein Fortkommen überhaupt nicht zu denken. Zehn Gesuche von mir

lagen im Archiv, aber nur ein paar geschraubte Vertröstungen kamen

von oben herab, wie: „In der gegebenen Jahreszeit hat das Departement

für Audienzen Ferialtage.“ Oder: „Der Bittsteller wurde wiederholt

darauf aufmerksam gemacht, dass nur eine normale, bürgerliche

Gesellschaftsstellung einige Aussichten auf Gewährleistung einer

Audienz zu verleihen vermag. Er möge also nicht von diesen üblichen

Gepflogenheiten abweichen, und sehe sich um eine solche“ etc. etc. Ich

war vor Gift und Galle geschwollen und gewillt, meinem Freunde reinen

Wein über diese gemeinschädliche Beamtenkaste einzuschenken. „Die

sollen’s büssen!“ ....

Noch etwas fiel für unsere Heimreise schwer ins Gewicht: -- +Unser

Geld war fort --!+ -- Jawohl, +einfach fort+ --! Kein Pfennig von den

Hunderttausend war mehr da.

„So, da haben wirs, hab ich’s doch vorausgesehen!“ sprach ich

erbittert zu meiner Frau, als ich dahinter kam. Die Ärmste konnte

wahrhaftig nichts dafür, deshalb verschonte ich sie auch mit weiteren

Lamentationen. Genug, Diebstahl oder nicht, das Geld blieb verschwunden

und wir waren jetzt allein auf meinen Verdienst angewiesen.

So ging unser zweites Jahr im Traumreich seinem Ende entgegen. Meine

Frau wurde jetzt auch bei Tage von Furchtvorstellungen gequält. Die

Küche lag auf der Rückseite unserer Wohnung, durch ein Fenster sah

man auf den Hof der Molkerei hinab; in dessen Mitte befand sich ein

Brunnenschacht, weiter hinten ein paar Stalltüren.

„In diesem Brunnen spukt es“, behauptete sie. Seltsames Fauchen und

Klopfen wollte sie oft gehört haben. Mir fiel nichts auf. Um ihr aber

einen Gefallen zu erweisen, nahm ich mir vor, einmal nachzusehen,

und ich ging. Unter dem Vorwand, die Molkerei besichtigen zu

wollen, klopfte ich einen schwerhörigen Schweizer heraus. Seine

Begriffsstutzigkeit reduzierte ich durch ein schönes Trinkgeld. Ich

solle ansehen, was mir passe, schrie er mir ins Ohr und verzog sich

wieder in seine Kammer. Mir selbst überlassen, konnte ich also meine

Untersuchung leicht ins Werk setzen. Rasch durchschritt ich eine ganze

Flucht schlecht erleuchteter Räume. Das Gebäude war ziemlich tief

in die Erde eingelassen, das bisschen Licht zwängte sich hoch oben

durch kleine vergitterte Fenster. Auf langen Holzgestellen standen

viele flache, runde Gefässe, in den Winkeln befanden sich hölzerne

Kübel. Alle waren bis an den Rand mit Milch gefüllt. Ein Gewölbe

diente lediglich zur Aufbewahrung verschiedener Werkzeuge. Da hingen

die Wände voll von Blechgeschirren, hölzernen Platten, Brettchen. Ich

suchte eilig den Hof; anstatt aber einen Ausgang dorthin zu finden,

traf ich jetzt nur noch finstere Kammern, in denen grosse Kessel über

erloschenen Feuerstätten hingen. Ein scharfer Geruch von Käsen beizte

meine Nase. Da lagen sie, stanken und tropften, regelmässige Reihen

in allen Grössen -- ein unappetitliches halbdunkles Gelass, schmal

und lang, die verschimmelten Wände voll von Spinnenweben. Hier konnte

es nicht sein -- ich lief wieder zurück. In dieser Gleichförmigkeit

von Käse, Butter und Milch kannte ich mich aber nicht mehr aus. Ich

verirrte mich und gelangte in einen augenscheinlich ganz unbenutzten

Teil des Souterrains. Die gewölbte Decke war niedrig und rostige

Eisenketten hingen an schweren Haken herab. Man konnte kaum noch sehen,

der schlüpfrige Boden schien sich etwas zu senken. Auf einmal stolperte

ich über ein paar glitschige Stufen und stand nun gänzlich im

Dunkeln. Tiefe Nacht und eisige Kellerluft -- oben hörte ich irgendwo

eine Türe zufallen! Gottlob -- ich hatte ein paar Wachsstreichhölzer

bei mir. -- Da vernahm ich mit einem Male von weit, weit her ein

Geräusch. Es klang wie entferntes Hämmern, wurde aber mit unheimlicher

Schnelligkeit immer deutlicher. Beim Schein eines Streichholzes sah

ich, dass ich mich in einem Gang befand. Mich packte tödliche Angst.

„Fort von hier -- nur fort von hier!“ war mein einziger Gedanke. Ich

rannte und stiess manches Mal mit dem Schädel an die triefenden Wände.

Hinter mir jedoch schwoll das Tosen -- ein furchtbares, taktmässiges

Dröhnen wie ein Galopp. Meine Lichtchen wurden immer weniger, die

feuchte Luft liess keine Flamme aufkommen. Der Schall kam näher, ich

wurde augenscheinlich verfolgt. Jetzt konnte ich deutlich ein Ächzen

und Blasen unterscheiden. Das schnitt mir derartig ins Mark, dass ich

glaubte, wahnsinnig zu werden. Wie gepeitscht stürzte ich weiter, doch

da verliess mich die Kraft und der Ohnmacht nahe fiel ich auf die Knie.

Hilflos hielt ich meine Hände der anstürmenden Gefahr entgegen, auf dem

Boden flackerten meine letzten Streichhölzer. Da tobte es auch schon

heran, -- ein kalter Wind erfasste mich, -- ich erblickte ein weisses,

abgemagertes Pferd. Obwohl ich es nur unscharf sah, bemerkte ich doch

seinen entsetzlichen Zustand. Die grosse Mähre war fast verhungert und

schleuderte mit verzweifelter Kraft ihre riesigen Hufe. Den knochigen

Schädel weit vorgestreckt, die Ohren rückwärts angelegt, so jagte

dieses Tier an mir vorüber. Sein trübes, glanzloses Auge traf mich

-- es war blind. Ich hörte das Knirschen seiner Zähne und als ich

ihm aufschaudernd nachblickte, sah ich sein zerschundenes, blutiges

Hinterteil glänzen. Der rasende Galopp dieses lebenden Skeletts kannte

kein Einhalten. Ich tastete mich weiter, während das Dröhnen verhallte,

gequält von dem Anblick dieser schrecklichen Knochen. Bald erblickte

ich in der Ferne eine rettende Gasflamme. Nur verschwommen konnte ich

sie sehen, denn ein Nervenschock packte mich. Meine Zunge wurde starr

und mein Körper wie Stein. Als der Anfall vorüber war, schleppte ich

mich dem Lichte entgegen. -- Eine Stiege tauchte auf -- noch ein Licht

--. Dann hörte ich Menschen und betrat einen bekannten Raum. -- Ich

befand mich im Kaffeehause.

[Illustration]

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