II.

[Illustration]

Nik. Castringius habe ich auch kennen gelernt. Ich weiss eigentlich

nicht recht, ob ich ihm sympathisch war. Die Stellung beim Traumspiegel

hatte er aufgeben müssen und arbeitete jetzt auf eigene Faust. Ich fand

ihn recht originell, viel netter als seine beiden Freunde, mit denen

er ins Café kam: de Nemi und den Photographen, meine ich. Castringius

konnte sich nicht gut verstellen; seinen Neid und seine Eifersucht sah

ihm jeder am Gesicht an. Gerade deshalb blieb er ganz ungefährlich und

man freute sich an seinen Lichtseiten. Ein wirklich schlechter Kerl

wird ein Künstler selten sein, hie und da eine kleine Gemeinheit, dabei

bleibt es. Unsere Sensationen lassen gar keine Zeit zu gross angelegten

Gaunereien. Wir legen unsere Seelen offen in die Arbeiten, so dass

jeder deutlich sehen kann, was für ein Lump unter Umständen aus einem

Künstler hätte werden können. Die Kunst ist ein Sicherheitsventil!

[Illustration]

Bevor ich kam, hatte Castringius seine einfachste Periode. Drei

bis vier Linien und das Bild war fertig. Er nannte das „Grösse“.

Die bedeutendsten Sachen hiessen: Der Kopf, Er, Sie, Wir, Es! Da

war freilich der Einbildungskraft keine Schranke gesetzt. Z. B.

ein Kopf in einer Blumenvase, -- alles konnte man sich darunter

denken. Als ich dann Anklang fand, musste sich Castringius auch zu

etwas mehr aufschwingen. „Das Sujet vertiefen, darin liegt es!“ war

seine halsstarrige Meinung. Und jetzt kamen dann Blätter wie: „Der

wahnsinnige Papst Innozenz beim Tanze der Kardinals-Quadrille.“

Der Zeichner hatte ein kleines Dachatelier im französischen Viertel

inne. In diesem Stadtteil konnte er seinen Eigenheiten gemäss leben.

Da fand er auch de Nemi. Dieser war ein Schwein und Leutnant bei der

Fusstruppe, Stammgast bei Mᵐᵉ Adrienne. Seine Vorstellungen bewegten

sich ausschliesslich um die dort geübten Beschäftigungen. Seine

Gespräche verliessen prinzipiell niemals dieses Gebiet. Die Uniform war

stets unsauber, seine Augen immer entzündet.

Von dem Photographen kann ich nicht viel sagen. Er war Engländer, hatte

ein langes Gesicht, strohblonde Haare, Samtrock und einen wehenden

Schlips. Er arbeitete noch nach dem alten, nassen Verfahren mit

Kollodiumplatten und zehn Minuten Expositionszeit. Weiter war man darin

in Perle noch nicht. Im übrigen war er schweigsam und mischte sich

Liköre.

[Illustration]

Wir sprachen vom Theater. Ich habe es nur ein einziges Mal besucht.

Es wurde Orpheus in der Unterwelt gegeben; das Publikum bildeten nur

drei Leute. Obgleich gut gespielt wurde, war es doch ein unbehaglicher

Abend. Die drei Zuschauer machten den grossen Raum noch verlassener.

Unheimlich hallte die Musik ins Leere. Die Schauspieler schienen zur

eigenen Unterhaltung zu spielen. -- Ich sass auf der Galerie. Auf

einmal überkam es mich, als wäre dieser geschwärzte Saal das alte,

längst abgerissene Stadttheater in Salzburg. Als elfjähriger Bub ist es

für mich der Inbegriff aller Herrlichkeit gewesen. Was ich jetzt sah,

waren glatt gewetzte Holzbänke, zerschlissene, dunkelrote Polstersitze

und zersprungene Stukkaturen. Der Bühne gegenüber befand sich eine

finstere, grosse Loge, darüber in goldenen Buchstaben: „+Patera+!“ In

ihrem Dunkel bildete ich mir manchmal ein, zwei Punkte leuchten zu

sehen, zwei Punkte ganz nahe aneinander.

[Illustration]

De Nemi, welcher sich hinter der Bühne recht gut auszukennen schien,

erzählte umständlich, dass das Theater nicht reüssieren wolle. „Was

brauchen wir in Perle ein Theater? Wir haben selbst Theater genug!“

sagten die Leute und gingen nicht hin. Nun war der Bankerott da. Das

Ensemble wurde aufgelöst, die niedern weiblichen Kräfte wanderten

allmählich unter Beibehaltung ihrer Charge als Choristinnen,

Balletteusen usw. ins Freudenhaus, der Rest bildete ein Varieté;

Blumenstich gab Geld dazu. De Nemi frohlockte, er schwärmte für das

Tingeltangel. Ich hatte für das Thema nur wenig Interesse. Der Wirt

ging von Tisch zu Tisch und begrüsste die Gäste mit dummem, schlauem

Lächeln. Bei den Schachspielern verankerte er sich, hier wurde er

ernst. Dabei hatte der Mann keine Ahnung vom Schach, es war zu

einfältig! -- Ich gähnte und sah zum Fenster hinaus. Bei der Mühle lud

man Getreidesäcke ab. Deutlich konnte ich die zwei Eigentümer erkennen:

den ewig lachenden, heiteren, und den verschlossen und finster

dreinschauenden. Äusserlich waren die beiden die Rückständigsten in

der ganzen Stadt. Sie trugen noch Haarbeutel und Schnallenschuhe wie

vor alten Zeiten.

Eine Equipage fuhr vorbei. Darin lehnte eine elegante Dame. „Kennen

Sie die?“ fragte de Nemi und stiess mich an. „Das ist Ihre Hausfrau,

Frau Dr. Lampenbogen.“ Er lachte zynisch, auch die anderen Gäste

schmunzelten. Der Wagen fuhr zur Badeanstalt.

Ich rief den Kellner, um zu zahlen. Anton, ein Eskamoteur ersten

Ranges, wollte mir schlechtes Geld -- Assignaten der ersten Republik --

unterschieben. Heute gings nun einmal nicht, mit frechem Grinsen musste

er abziehen.

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