Es ist nun an der Zeit, auch die Schattenseiten unseres Lebens ein
bisschen zu zeigen. Sonst könnte am Ende gar einer glauben, hier
sei es nur amüsant gewesen. Das kurzweilige Leben brachte auch viel
Widerwärtiges mit sich. Um gleich einmal mit dem Hause anzufangen,
worin wir wohnten: unter unsern Zimmern hatte sich ein altes Fräulein
einquartiert, eine Prinzessin von X. Sie war hässlich wie eine kranke
Ratte und dabei zanksüchtig. Dieses Wesen verursachte besonders meiner
Frau viel Ärger. Sie war ein Geizhals, verfügte über viel Geld, doch
war ihr Leben so verschlossen, dass kein Mensch Näheres darüber wusste.
Sicher fand das alte Weib im ewigen Händelsuchen Befriedigung. Wenn ich
nach neun Uhr abends im Zimmer noch umherging, klopfte sie regelmässig
an die Decke -- ein Zeichen, dass sie Ruhe wünsche. -- Sah sie uns die
Stiege herabkommen, ertönte jedesmal ihr Gekeife. Vor ihrer Wohnungstür
stand immer eine Reihe von Töpfen und Schüsseln, für Milch und ähnliche
Lieferungen bestimmt. Einmal habe ich ihr in der Dunkelheit einen
irdenen Hafen zerschlagen; na, da war’s ganz aus! Erklärte Feindschaft!
Sogar beim Friseur wollte sie mich anschwärzen. Dieser hatte trotz
seiner Philosophie noch einigen Respekt vor der „Hoheit“. Als sie es
aber zu arg trieb, und meine Frau im Stiegenhause insultierte, fuhr ich
sie einmal tüchtig an:
„Wie Sie dastehen, sind Sie für mich die Dreckprinzessin!“ -- Das alte
Ferkel war unfrisiert. -- Ein wenig half’s. Die adelstolze Dame verzog
sich von jetzt an in ihren Bau, wenn sie mich hörte. Dies geschah
einmal so hurtig, dass einer ihrer geflickten Pantoffeln vor mir
liegen blieb. Ich stiess ihn von mir fort, und zu meiner Überraschung
klimperten Goldstücke die Stiege hinab. „Einbrecher, Mörder!“ kreischte
sie und machte das ganze Haus rebellisch.
Solche Sachen kamen oft vor; sie verbitterte uns gehörig das Leben.
Noch gründlicher aber besorgte dies: „Der Student.“
Dieser hatte auf demselben Flur wie wir zwei Zimmer inne und war ein
Saufaus. Ein ausdrucksloses, aufgedunsenes Gesicht mit einer Schramme
auf jeder Wange, so dass es aussah, als hätte er einen dreifachen
Mund. Dafür schien sein Verstand nur ein Drittel des Menschenmasses zu
erreichen. Unser Nachbar mit ausgesprochener Nachtexistenz irrte sich
jedesmal in der Tür, wenn er, bis oben hin voll, sein Lager aufsuchte.
Fast jede Nacht fuhren wir erschrocken auf bei seinem Fluchen und
Herumhämmern. Unzählige Male stellte ich ihn darob zur Rede. Aber was
halfen uns seine Entschuldigungen? Es blieb beim alten. -- Nur um des
lieben Friedens willen fügten wir uns schliesslich ins Unvermeidliche.
Dann gab es noch anderes. Es war manchen Tag rein wie verhext. Um nur
einiges herauszugreifen:
Da läutete früh um fünf Uhr ein Maurer mit einem Kübel Mörtel und
Handwerkszeug und behauptete steif und fest, er hätte den Auftrag,
in unserer Wohnung die Fenster zuzumauern. Ein andermal brachte man
uns am späten Abend ein Ständchen. Eine Zigeunerkapelle konzertierte
vor unserer Tür; natürlich lag ein Irrtum vor. Besucher mit den
verschiedensten Anliegen kamen, fremde Gegenstände wurden abgeliefert
und nicht wieder geholt. Ein Paket mit alten Käserinden lag einmal
vierzehn Tage bei uns. Als ich es schliesslich fortgeschmissen hatte,
kamen drei Offiziere und forderten barsch ihr Eigentum. Der Hausbettel
trieb in Perle die schönsten Blüten. Oft wurde es aber noch viel
unangenehmer. Es schleppten z. B. eines Abends in der Dämmerung mehrere
schwarzgekleidete Männer einen Sarg zu uns. Er sei wohl hier bestellt?
frugen sie höflich. Meine arme Frau hat sich dabei recht aufgeregt.
[Illustration]
Über all diese Missverständnisse und das ewige Türklappen will ich
nicht einmal so sehr klagen. Es kamen jedoch unheimliche und schwer
glaubliche Dinge vor. Als Hilfe hatten wir eine Zugeherin, ein älteres
Weib. Sie litt ewig an Zahnschmerzen und nie habe ich ihren Kopf frei
von Tüchern gesehen. Sie kochte sehr gut und schmackhaft, was übrigens
bei den frischen, ausgezeichneten Lebensmitteln im Traumreich keine
grosse Kunst war. Nach ein paar Wochen hätte ich geschworen, unter den
alten Röcken stecke jetzt eine andere Person; es war nicht mehr die
frühere Aufwärterin. Ich sagte natürlich zu meiner Frau nichts davon,
aber leider fiel ihr selbst manches auf.
„Du,“ fing sie einmal an, „die Anna färbt sich, glaube ich. Seit
gestern ist sie blond, sie war doch immer brünett?“
„Schau, schau, die liebe Eitelkeit!“ meinte ich mit gekünstelter
Arglosigkeit. Mir war es selbst nicht recht geheuer, schon lange
nicht. Einmal aber war es zu auffallend. Tags vorher hatte uns eine
rüstige Person in mittleren Jahren bedient, und heute stellte eine
geschäftige Alte mit einem Greisengesicht die Schüsseln auf den Tisch.
Meine Frau klammerte sich an mich, wir waren beide wie versteinert.
„Aber es ist doch dasselbe Kopftuch?“ stotterte ich und blickte in
die vor Schreck erweiterten Augen meiner Gattin. Flüsternd tauschten
wir unsere Entdeckungen aus, auch sie hatte schon seit einem Monat die
grässlichsten Vermutungen. „Nein, und wenn sie für zehn arbeitete, ich
will sie nicht! Lieber mache ich alles allein!“
Ich musste die Anna entlassen. Ein paar Tage blieb ich daheim. Ich
verabredete mit dem Friseur, dass Giovanni Battista morgens beim
Zimmeraufräumen gegen Entgelt helfen sollte. Es ging vorzüglich, meine
Frau befreundete sich richtig mit dem gelehrigen Tier; nur an den
Zeichentisch durfte er nicht, da hiess es aufpassen, denn er fühlte
sich selbst so ein wenig als Künstler, wollte nachhelfen, ausbessern.
So weit es anging, namentlich beim Einkaufen, machte ich mich auch
nützlich. Aber scharf musste man dabei den Leuten auf die Finger
sehen, sonst brachte man was Schönes heim! Wie einmal, da ich auf dem
Markt ein paar Hammelskoteletten kaufte, sehr billig kaufte, und sie
voll Stolz zu Hause auspackte, waren anstatt des Fleisches kleine
Schlageisen im Papier; es hingen noch Mauseschwänzchen darin. „Also
untergeschoben, ei du Verdammtes!“ dachte ich.