VIII.

Es ist nun an der Zeit, auch die Schattenseiten unseres Lebens ein

bisschen zu zeigen. Sonst könnte am Ende gar einer glauben, hier

sei es nur amüsant gewesen. Das kurzweilige Leben brachte auch viel

Widerwärtiges mit sich. Um gleich einmal mit dem Hause anzufangen,

worin wir wohnten: unter unsern Zimmern hatte sich ein altes Fräulein

einquartiert, eine Prinzessin von X. Sie war hässlich wie eine kranke

Ratte und dabei zanksüchtig. Dieses Wesen verursachte besonders meiner

Frau viel Ärger. Sie war ein Geizhals, verfügte über viel Geld, doch

war ihr Leben so verschlossen, dass kein Mensch Näheres darüber wusste.

Sicher fand das alte Weib im ewigen Händelsuchen Befriedigung. Wenn ich

nach neun Uhr abends im Zimmer noch umherging, klopfte sie regelmässig

an die Decke -- ein Zeichen, dass sie Ruhe wünsche. -- Sah sie uns die

Stiege herabkommen, ertönte jedesmal ihr Gekeife. Vor ihrer Wohnungstür

stand immer eine Reihe von Töpfen und Schüsseln, für Milch und ähnliche

Lieferungen bestimmt. Einmal habe ich ihr in der Dunkelheit einen

irdenen Hafen zerschlagen; na, da war’s ganz aus! Erklärte Feindschaft!

Sogar beim Friseur wollte sie mich anschwärzen. Dieser hatte trotz

seiner Philosophie noch einigen Respekt vor der „Hoheit“. Als sie es

aber zu arg trieb, und meine Frau im Stiegenhause insultierte, fuhr ich

sie einmal tüchtig an:

„Wie Sie dastehen, sind Sie für mich die Dreckprinzessin!“ -- Das alte

Ferkel war unfrisiert. -- Ein wenig half’s. Die adelstolze Dame verzog

sich von jetzt an in ihren Bau, wenn sie mich hörte. Dies geschah

einmal so hurtig, dass einer ihrer geflickten Pantoffeln vor mir

liegen blieb. Ich stiess ihn von mir fort, und zu meiner Überraschung

klimperten Goldstücke die Stiege hinab. „Einbrecher, Mörder!“ kreischte

sie und machte das ganze Haus rebellisch.

Solche Sachen kamen oft vor; sie verbitterte uns gehörig das Leben.

Noch gründlicher aber besorgte dies: „Der Student.“

Dieser hatte auf demselben Flur wie wir zwei Zimmer inne und war ein

Saufaus. Ein ausdrucksloses, aufgedunsenes Gesicht mit einer Schramme

auf jeder Wange, so dass es aussah, als hätte er einen dreifachen

Mund. Dafür schien sein Verstand nur ein Drittel des Menschenmasses zu

erreichen. Unser Nachbar mit ausgesprochener Nachtexistenz irrte sich

jedesmal in der Tür, wenn er, bis oben hin voll, sein Lager aufsuchte.

Fast jede Nacht fuhren wir erschrocken auf bei seinem Fluchen und

Herumhämmern. Unzählige Male stellte ich ihn darob zur Rede. Aber was

halfen uns seine Entschuldigungen? Es blieb beim alten. -- Nur um des

lieben Friedens willen fügten wir uns schliesslich ins Unvermeidliche.

Dann gab es noch anderes. Es war manchen Tag rein wie verhext. Um nur

einiges herauszugreifen:

Da läutete früh um fünf Uhr ein Maurer mit einem Kübel Mörtel und

Handwerkszeug und behauptete steif und fest, er hätte den Auftrag,

in unserer Wohnung die Fenster zuzumauern. Ein andermal brachte man

uns am späten Abend ein Ständchen. Eine Zigeunerkapelle konzertierte

vor unserer Tür; natürlich lag ein Irrtum vor. Besucher mit den

verschiedensten Anliegen kamen, fremde Gegenstände wurden abgeliefert

und nicht wieder geholt. Ein Paket mit alten Käserinden lag einmal

vierzehn Tage bei uns. Als ich es schliesslich fortgeschmissen hatte,

kamen drei Offiziere und forderten barsch ihr Eigentum. Der Hausbettel

trieb in Perle die schönsten Blüten. Oft wurde es aber noch viel

unangenehmer. Es schleppten z. B. eines Abends in der Dämmerung mehrere

schwarzgekleidete Männer einen Sarg zu uns. Er sei wohl hier bestellt?

frugen sie höflich. Meine arme Frau hat sich dabei recht aufgeregt.

[Illustration]

Über all diese Missverständnisse und das ewige Türklappen will ich

nicht einmal so sehr klagen. Es kamen jedoch unheimliche und schwer

glaubliche Dinge vor. Als Hilfe hatten wir eine Zugeherin, ein älteres

Weib. Sie litt ewig an Zahnschmerzen und nie habe ich ihren Kopf frei

von Tüchern gesehen. Sie kochte sehr gut und schmackhaft, was übrigens

bei den frischen, ausgezeichneten Lebensmitteln im Traumreich keine

grosse Kunst war. Nach ein paar Wochen hätte ich geschworen, unter den

alten Röcken stecke jetzt eine andere Person; es war nicht mehr die

frühere Aufwärterin. Ich sagte natürlich zu meiner Frau nichts davon,

aber leider fiel ihr selbst manches auf.

„Du,“ fing sie einmal an, „die Anna färbt sich, glaube ich. Seit

gestern ist sie blond, sie war doch immer brünett?“

„Schau, schau, die liebe Eitelkeit!“ meinte ich mit gekünstelter

Arglosigkeit. Mir war es selbst nicht recht geheuer, schon lange

nicht. Einmal aber war es zu auffallend. Tags vorher hatte uns eine

rüstige Person in mittleren Jahren bedient, und heute stellte eine

geschäftige Alte mit einem Greisengesicht die Schüsseln auf den Tisch.

Meine Frau klammerte sich an mich, wir waren beide wie versteinert.

„Aber es ist doch dasselbe Kopftuch?“ stotterte ich und blickte in

die vor Schreck erweiterten Augen meiner Gattin. Flüsternd tauschten

wir unsere Entdeckungen aus, auch sie hatte schon seit einem Monat die

grässlichsten Vermutungen. „Nein, und wenn sie für zehn arbeitete, ich

will sie nicht! Lieber mache ich alles allein!“

Ich musste die Anna entlassen. Ein paar Tage blieb ich daheim. Ich

verabredete mit dem Friseur, dass Giovanni Battista morgens beim

Zimmeraufräumen gegen Entgelt helfen sollte. Es ging vorzüglich, meine

Frau befreundete sich richtig mit dem gelehrigen Tier; nur an den

Zeichentisch durfte er nicht, da hiess es aufpassen, denn er fühlte

sich selbst so ein wenig als Künstler, wollte nachhelfen, ausbessern.

So weit es anging, namentlich beim Einkaufen, machte ich mich auch

nützlich. Aber scharf musste man dabei den Leuten auf die Finger

sehen, sonst brachte man was Schönes heim! Wie einmal, da ich auf dem

Markt ein paar Hammelskoteletten kaufte, sehr billig kaufte, und sie

voll Stolz zu Hause auspackte, waren anstatt des Fleisches kleine

Schlageisen im Papier; es hingen noch Mauseschwänzchen darin. „Also

untergeschoben, ei du Verdammtes!“ dachte ich.

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