VII.

Das war ein ebenso interessantes wie verwickeltes Gebiet. Bis auf den

Grund sah ich nie, auch später nicht. Ich ahnte jedoch die Lösung

manches Rätsels. Wenn meine Untersuchungen negative Resultate zeigen,

so ist das nicht meine Schuld, denn gerade hier durchkreuzte ein

feindliches Geschick meine ernsten Bestrebungen, und die erreichte

Ausbeute blieb nur zu gering.

Alle grossen Religionen der alten Welt hatten im Traumland mehr oder

weniger Vertreter. Das war aber bloss äusserlich, ein aufgepappter

Flitter. Die Gebildeten gaben dies auch ohne weiteres zu. Sie waren

kluge Freigeister und konnten sich nicht so leicht einem hieratisch

starren Schema unterwerfen. Zudem waren viele helle Köpfe unter ihnen.

Aber trotzdem, es war etwas da: der fatalistische Glaube an das

spitzfindig gerechte Schicksal, und dann allerhand unverständliche und

dunkle Anschauungen. Über diese durfte hier nicht gelächelt werden. Das

bekam auch mir einmal schlecht.

Noch im ersten Vierteljahre lernte ich im Café einen sympathischen

jungen Herrn kennen, einen Baron Hektor von Brendel, durchaus vornehme

und saubere Atmosphäre, Lebemann, ein wenig neurasthenisch und müd,

aber nicht im mindesten dumm. Seine leichte, stets im Zaum gehaltene

Melancholie war es, die ihn mir von Anfang anziehend machte. Später

sahen wir uns täglich.

„Sie sind doch schon drei Jahre hier, Brendel,“ sagte ich einmal am

Stammtisch zu ihm, als wir gerade allein waren, „ich lasse es mir nicht

nehmen, hier im Traumstaat besteht irgend so ein geheimes Glaubensband,

eine Art Freimaurerorden. Wissen Sie etwas Näheres? Können Sie mich

vielleicht ein wenig einweihen? Riten? Gebräuche?“

Er sah mich von der Seite an, hüstelte und frug trocken: „Was ist Ihnen

denn aufgefallen?“

„Ach, nichts Bestimmtes, die Schicksalsideen sind ziemlich alt.

Aber sonst im allgemeinen, dieses zähe Festhalten an der gleichen

altmodischen Lebensordnung, dieser Mangel an fortschrittlicher

Gesinnung, dann sonst noch einiges!“ -- Ich erzählte ihm meine Affäre

mit dem Friseur und seinem Kupferbecken. Er hörte mich ernst an,

drehte sich langsam eine Zigarette und bemerkte mit traurigem Lächeln:

„Um ganz offen zu sein, ja, mein Lieber, es ist wohl was da. Aber viel

mehr als Sie weiss ich beim besten Willen auch nicht.“

„Also doch!“ Ich war enttäuscht. „Wissen Sie denn gar nichts darüber?

Dass ich schweigen kann, wenn es sein muss, ist selbstverständlich.“

Brendel dachte einige Augenblicke nach, dann sprach er halblaut:

„Gewissen Dingen bringt man hier Ehrfurcht entgegen, ich weiss aber

nicht, ob Sie viel davon haben, wenn ich Ihnen die paar Heiligtümer

nenne.“

„O bitte, tun Sie mir den Gefallen!“ bat ich ihn, glühend vor

Wissbegierde.

„Nun, das Ei, die Nuss, Brot, Käse, Honig, Milch, Wein und Essig sind

besonders geweiht.“

„Aha!“ rief ich frohlockend, „ein hygienischer Kult auf der Magenbasis.

Vortrefflich!“ Eines leichten Spottes konnte ich mich nicht enthalten.

„Warum denn nicht gleich Tee, Kaffee und Zucker?“

Da wandte mir Brendel den Rücken und zahlte. Ein Windstoss riss die Tür

zum Café auf, die warme feuchte Erdluft drang herein, stark gemischt

mit dem aufregenden Traumgeruch. Brendel ging mit kurzem Gruss, ich sah

ihm durch die hohen, angelaufenen Scheiben nach. -- Draussen war es

dunkel.

Nein, so hätte ich es nicht machen sollen, da hatte ich mir etwas

verscherzt. Ein anderes Mal würde ich vorsichtiger sein.

Speise und Trank allein konnten diese Religion übrigens nicht

erschöpfen. Bald darauf erfuhr ich, dass Haare, Horn, Tannenzapfen,

Pilze, Heu ebenfalls heilig seien. Sogar Pferde- und Kuhmist hatten

höhere Bedeutung. Von den inneren Organen galten Leber und Herz, unter

den Tieren die Fische für besonders wichtig. Gegerbte Häute nahmen auch

einen mysteriösen Rang ein. Hingegen waren Stahl und Eisen und einzelne

Metall-Legierungen sozusagen Antipoden jener Schätzungen. Hier traf

das Gegenteil zu: sie schienen Gefahren zu symbolisieren. All diese

Einzelheiten habe ich von Bauern und Jägern in Erfahrung gebracht; um

sie zu erlangen, sind weite Spaziergänge ins freie Land nötig gewesen.

Ich notierte mir alles, was ich diesen wortkargen Menschen im Laufe

der Zeit abgerungen habe, eine komplette Liste will ich aber, um

unnütze Längen zu vermeiden, nicht hierher setzen. Nur eines dürfte

vielleicht noch interessieren: Es gab einsame Orte in Wäldern und an

Sümpfen, wohin sich in der Dämmerung kein Wanderer wagte. Sie waren als

unheimlich verschrien, und jeder Träumer war froh, der dort nichts zu

suchen hatte.

[Illustration]

Vielleicht hätte ich mehr Klarheit erworben und würde nicht so im

Dunkel tappen, wenn ich nur ein einziges Mal den Tempel am See mit

eigenen Augen erblickt hätte. Dieses Heiligtum muss nach allem was

ich gehört habe ein märchenhaftes Wunder gewesen sein. Eine gute

Tagereise von Perle entfernt, war er am Traumsee gelegen. Künstliche

Wasserterrassen und ein stiller Park umgaben ihn. In diesem Tempel

sollen die grössten Kostbarkeiten des Traumstaates aufbewahrt worden

sein. Er war aus edelstem Material so kunstvoll erbaut, dass der

Beschauer den Eindruck einer schwebenden Architektur erhielt. Die

grösste Halle war in Braun, Grau und Grün, den Farben Pateras gehalten.

In unterirdischen, geheimnisvollen Gelassen waren die symbolischen

Statuen aufgestellt. Leider war er nur einmal im Jahre dem Besuche

zugänglich und selbst dann waren gute Protektionen nötig. Anfangs hatte

ich die Hoffnung, meine persönlichen Beziehungen zu Patera würden mir

Einlass verschaffen. Doch mein Besuch bei ihm verzögerte sich immer

mehr, und später kamen dann: +die Ereignisse+.

[Illustration]

So unermüdlich ich auch der wahren Traumreligion nachforschte, so wenig

habe ich gerade hier erreicht. Es war ein Verhängnis, wie oft ich

Anstoss erregte!

Einmal war ich bei Bankier Blumenstich geladen. Da waren eine Menge

Leute, und es herrschte eine sehr heitere Stimmung. Der Hausherr war

dekoriert worden für die Badeanstalt, welche er ins Leben gerufen

hatte. Diese Auszeichnung wurde nach Gebühr gefeiert.

Das Diner war vorüber. -- Alles rauchte und man sass gemütlich bei

Kaffee und Likör zusammen. „Hier sind die gescheitesten Leute von

ganz Perle versammelt, wenn ich heute nichts erfahre, erfahre ich nie

etwas“, dachte ich, und voll Mut platzte ich plötzlich heraus. Ich

erzählte von meinem Ärger und den fruchtlosen Bemühungen, den wahren

Kultus der Traumleute kennen zu lernen. Sehr schön klangen meine Worte,

sehr glatt; wie getrieben von innen flossen sie von meiner Zunge.

Endlich glaubte ich, alle von meinem brennenden Wissensdurst überzeugt

zu haben, und bat die Anwesenden, mich ein wenig aufzuklären. Dann

verstummte ich. Ich hätte auch nicht mehr weiter gekonnt, denn die

Kehle war mir ausgetrocknet. Alles war sprachlos, verwirrt, beklommen.

Zwei alte würdige Herren mit geistvollen Köpfen, in eleganter

Biedermeierkleidung, verzogen sich bereits ins Nebenzimmer. Auf sie

hatte ich meine Haupthoffnung gesetzt. Endlich sprach der Hausherr und

kratzte sich dabei die schwarzen Koteletten:

„Junger Mann, waren Sie schon einmal in der Vorstadt drüben? Sehen Sie

sich immerhin das alte Nest an.“ Seine Stimme klang scharf, und etwas

abweisend.

Man war wie von einem dumpfen Druck erlöst. Wenigstens einer

hatte gesprochen! Die Unterhaltung erstreckte sich jetzt über die

gleichgültigsten Themen. Mich beachtete kein Mensch mehr. Nur mein

Redakteur, der auch anwesend war, meinte besänftigend:

„Ja, ja, diese Zeichner!“

Damit war mir aber auch nicht gedient. In Gedanken versunken ging ich

bald heim. „Niemals werde ich dahinter kommen!“ rief ich in die Nacht.

Beim Uhrturm riss es mich. Sollte vielleicht der Uhrbann damit

zusammenhängen? Über den durfte auch nicht gesprochen werden. Das war

doch auch unanständig! Woher käme wohl sonst die Verlegenheit? Ich war

scheint’s wieder einmal ein „enfant terrible“ gewesen! Aber was soll’s

mit der Vorstadt, diesem alten Dörfchen über der Brücke, um das sich

kein Mensch kümmerte? Faule Ausflüchte! Ich wollte schon noch hinter

den Schwindel kommen! Das gelobte ich mir und ballte die Faust.

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