Das war ein ebenso interessantes wie verwickeltes Gebiet. Bis auf den
Grund sah ich nie, auch später nicht. Ich ahnte jedoch die Lösung
manches Rätsels. Wenn meine Untersuchungen negative Resultate zeigen,
so ist das nicht meine Schuld, denn gerade hier durchkreuzte ein
feindliches Geschick meine ernsten Bestrebungen, und die erreichte
Ausbeute blieb nur zu gering.
Alle grossen Religionen der alten Welt hatten im Traumland mehr oder
weniger Vertreter. Das war aber bloss äusserlich, ein aufgepappter
Flitter. Die Gebildeten gaben dies auch ohne weiteres zu. Sie waren
kluge Freigeister und konnten sich nicht so leicht einem hieratisch
starren Schema unterwerfen. Zudem waren viele helle Köpfe unter ihnen.
Aber trotzdem, es war etwas da: der fatalistische Glaube an das
spitzfindig gerechte Schicksal, und dann allerhand unverständliche und
dunkle Anschauungen. Über diese durfte hier nicht gelächelt werden. Das
bekam auch mir einmal schlecht.
Noch im ersten Vierteljahre lernte ich im Café einen sympathischen
jungen Herrn kennen, einen Baron Hektor von Brendel, durchaus vornehme
und saubere Atmosphäre, Lebemann, ein wenig neurasthenisch und müd,
aber nicht im mindesten dumm. Seine leichte, stets im Zaum gehaltene
Melancholie war es, die ihn mir von Anfang anziehend machte. Später
sahen wir uns täglich.
„Sie sind doch schon drei Jahre hier, Brendel,“ sagte ich einmal am
Stammtisch zu ihm, als wir gerade allein waren, „ich lasse es mir nicht
nehmen, hier im Traumstaat besteht irgend so ein geheimes Glaubensband,
eine Art Freimaurerorden. Wissen Sie etwas Näheres? Können Sie mich
vielleicht ein wenig einweihen? Riten? Gebräuche?“
Er sah mich von der Seite an, hüstelte und frug trocken: „Was ist Ihnen
denn aufgefallen?“
„Ach, nichts Bestimmtes, die Schicksalsideen sind ziemlich alt.
Aber sonst im allgemeinen, dieses zähe Festhalten an der gleichen
altmodischen Lebensordnung, dieser Mangel an fortschrittlicher
Gesinnung, dann sonst noch einiges!“ -- Ich erzählte ihm meine Affäre
mit dem Friseur und seinem Kupferbecken. Er hörte mich ernst an,
drehte sich langsam eine Zigarette und bemerkte mit traurigem Lächeln:
„Um ganz offen zu sein, ja, mein Lieber, es ist wohl was da. Aber viel
mehr als Sie weiss ich beim besten Willen auch nicht.“
„Also doch!“ Ich war enttäuscht. „Wissen Sie denn gar nichts darüber?
Dass ich schweigen kann, wenn es sein muss, ist selbstverständlich.“
Brendel dachte einige Augenblicke nach, dann sprach er halblaut:
„Gewissen Dingen bringt man hier Ehrfurcht entgegen, ich weiss aber
nicht, ob Sie viel davon haben, wenn ich Ihnen die paar Heiligtümer
nenne.“
„O bitte, tun Sie mir den Gefallen!“ bat ich ihn, glühend vor
Wissbegierde.
„Nun, das Ei, die Nuss, Brot, Käse, Honig, Milch, Wein und Essig sind
besonders geweiht.“
„Aha!“ rief ich frohlockend, „ein hygienischer Kult auf der Magenbasis.
Vortrefflich!“ Eines leichten Spottes konnte ich mich nicht enthalten.
„Warum denn nicht gleich Tee, Kaffee und Zucker?“
Da wandte mir Brendel den Rücken und zahlte. Ein Windstoss riss die Tür
zum Café auf, die warme feuchte Erdluft drang herein, stark gemischt
mit dem aufregenden Traumgeruch. Brendel ging mit kurzem Gruss, ich sah
ihm durch die hohen, angelaufenen Scheiben nach. -- Draussen war es
dunkel.
Nein, so hätte ich es nicht machen sollen, da hatte ich mir etwas
verscherzt. Ein anderes Mal würde ich vorsichtiger sein.
Speise und Trank allein konnten diese Religion übrigens nicht
erschöpfen. Bald darauf erfuhr ich, dass Haare, Horn, Tannenzapfen,
Pilze, Heu ebenfalls heilig seien. Sogar Pferde- und Kuhmist hatten
höhere Bedeutung. Von den inneren Organen galten Leber und Herz, unter
den Tieren die Fische für besonders wichtig. Gegerbte Häute nahmen auch
einen mysteriösen Rang ein. Hingegen waren Stahl und Eisen und einzelne
Metall-Legierungen sozusagen Antipoden jener Schätzungen. Hier traf
das Gegenteil zu: sie schienen Gefahren zu symbolisieren. All diese
Einzelheiten habe ich von Bauern und Jägern in Erfahrung gebracht; um
sie zu erlangen, sind weite Spaziergänge ins freie Land nötig gewesen.
Ich notierte mir alles, was ich diesen wortkargen Menschen im Laufe
der Zeit abgerungen habe, eine komplette Liste will ich aber, um
unnütze Längen zu vermeiden, nicht hierher setzen. Nur eines dürfte
vielleicht noch interessieren: Es gab einsame Orte in Wäldern und an
Sümpfen, wohin sich in der Dämmerung kein Wanderer wagte. Sie waren als
unheimlich verschrien, und jeder Träumer war froh, der dort nichts zu
suchen hatte.
[Illustration]
Vielleicht hätte ich mehr Klarheit erworben und würde nicht so im
Dunkel tappen, wenn ich nur ein einziges Mal den Tempel am See mit
eigenen Augen erblickt hätte. Dieses Heiligtum muss nach allem was
ich gehört habe ein märchenhaftes Wunder gewesen sein. Eine gute
Tagereise von Perle entfernt, war er am Traumsee gelegen. Künstliche
Wasserterrassen und ein stiller Park umgaben ihn. In diesem Tempel
sollen die grössten Kostbarkeiten des Traumstaates aufbewahrt worden
sein. Er war aus edelstem Material so kunstvoll erbaut, dass der
Beschauer den Eindruck einer schwebenden Architektur erhielt. Die
grösste Halle war in Braun, Grau und Grün, den Farben Pateras gehalten.
In unterirdischen, geheimnisvollen Gelassen waren die symbolischen
Statuen aufgestellt. Leider war er nur einmal im Jahre dem Besuche
zugänglich und selbst dann waren gute Protektionen nötig. Anfangs hatte
ich die Hoffnung, meine persönlichen Beziehungen zu Patera würden mir
Einlass verschaffen. Doch mein Besuch bei ihm verzögerte sich immer
mehr, und später kamen dann: +die Ereignisse+.
[Illustration]
So unermüdlich ich auch der wahren Traumreligion nachforschte, so wenig
habe ich gerade hier erreicht. Es war ein Verhängnis, wie oft ich
Anstoss erregte!
Einmal war ich bei Bankier Blumenstich geladen. Da waren eine Menge
Leute, und es herrschte eine sehr heitere Stimmung. Der Hausherr war
dekoriert worden für die Badeanstalt, welche er ins Leben gerufen
hatte. Diese Auszeichnung wurde nach Gebühr gefeiert.
Das Diner war vorüber. -- Alles rauchte und man sass gemütlich bei
Kaffee und Likör zusammen. „Hier sind die gescheitesten Leute von
ganz Perle versammelt, wenn ich heute nichts erfahre, erfahre ich nie
etwas“, dachte ich, und voll Mut platzte ich plötzlich heraus. Ich
erzählte von meinem Ärger und den fruchtlosen Bemühungen, den wahren
Kultus der Traumleute kennen zu lernen. Sehr schön klangen meine Worte,
sehr glatt; wie getrieben von innen flossen sie von meiner Zunge.
Endlich glaubte ich, alle von meinem brennenden Wissensdurst überzeugt
zu haben, und bat die Anwesenden, mich ein wenig aufzuklären. Dann
verstummte ich. Ich hätte auch nicht mehr weiter gekonnt, denn die
Kehle war mir ausgetrocknet. Alles war sprachlos, verwirrt, beklommen.
Zwei alte würdige Herren mit geistvollen Köpfen, in eleganter
Biedermeierkleidung, verzogen sich bereits ins Nebenzimmer. Auf sie
hatte ich meine Haupthoffnung gesetzt. Endlich sprach der Hausherr und
kratzte sich dabei die schwarzen Koteletten:
„Junger Mann, waren Sie schon einmal in der Vorstadt drüben? Sehen Sie
sich immerhin das alte Nest an.“ Seine Stimme klang scharf, und etwas
abweisend.
Man war wie von einem dumpfen Druck erlöst. Wenigstens einer
hatte gesprochen! Die Unterhaltung erstreckte sich jetzt über die
gleichgültigsten Themen. Mich beachtete kein Mensch mehr. Nur mein
Redakteur, der auch anwesend war, meinte besänftigend:
„Ja, ja, diese Zeichner!“
Damit war mir aber auch nicht gedient. In Gedanken versunken ging ich
bald heim. „Niemals werde ich dahinter kommen!“ rief ich in die Nacht.
Beim Uhrturm riss es mich. Sollte vielleicht der Uhrbann damit
zusammenhängen? Über den durfte auch nicht gesprochen werden. Das war
doch auch unanständig! Woher käme wohl sonst die Verlegenheit? Ich war
scheint’s wieder einmal ein „enfant terrible“ gewesen! Aber was soll’s
mit der Vorstadt, diesem alten Dörfchen über der Brücke, um das sich
kein Mensch kümmerte? Faule Ausflüchte! Ich wollte schon noch hinter
den Schwindel kommen! Das gelobte ich mir und ballte die Faust.