VI.

Alles, was man im Traumreich zu Gesicht bekam, war matt und stumpf.

Wie weit das ging, bemerkte ich eines Tages beim Rasieren. Giovanni

bediente mit gewohnter Eleganz, nur der Zustand seines Messers und des

Kupferbeckens störten; sie waren blind.

„Was soll das heissen?“ sagte ich zu dem Friseur, welcher mir eben

einen schwer verständlichen Exkurs aus Leibniz’ Monadologie vorlas,

„der Herr Assistent könnte wohl diese Sachen ein bisschen besser in

stand halten.“

„Wie beliebt?“ fragte erschrocken der grosse Philosoph mit der Miene

eines Abgestürzten.

„Ich meine, dies Becken hier könnte blitzblank und das Messer poliert

sein.“

„Ja, was will man da machen? so ist’s nun einmal. Ich hüte mich vor

Neuerungen.“

Um ihn zu fangen, wies ich auf die Spiegel und sagte: „Schauen Sie die

an, die sehen gewiss blinkend und geputzt aus.“

Da verliess ihn seine Philosophie, er sass in der Klemme: „Ja, die

Spiegel!“ Nachdenklich und zögernd entrangen sich ihm die Worte:

„Spiegel sind doch überhaupt +nichts+!“

Es war ihm augenscheinlich peinlich, davon zu sprechen.

„Ich wollte Sie nicht beleidigen!“ meinte ich freundlich und verliess

sein Lokal.

Gleichviel! Es war schön unter diesen oxydierten alten Sachen zu leben,

und ich trage kein Bedenken, nachfolgenden Brief hierher zu setzen.

Er ist ganz aus meiner damaligen Stimmung geschrieben. Ausserdem

enthält er die Schilderung eines sonderbaren Brauches, welcher zum

Kultus, von dem ich nachher reden werde, hinüberleitet. Ich meine den

+grossen Uhrbann+. Dieser Brief lag in dem Notizbuch, das man unter

meinen Lumpen fand, als das Traumreich untergegangen war. Auch das

weiter unten angegebene Verzeichnis der heiligen Sachen fand ich in

dem Buche, sonst waren die Blätter nur mit unleserlichen Schriftzügen

bedeckt; ausgenommen die Innenseite des Umschlags, auf der sich die

oberflächliche Skizze eines Stadtplans von Perle, sowie flüchtige

Angaben befanden, die ich mir zur eigenen Orientierung in den ersten

Tagen gemacht hatte.

Den Brief schrieb ich im dritten Monat meiner Anwesenheit. Es war mein

erster Versuch, eine Verbindung mit dem Ausland herzustellen. Nach zwei

Jahren erhielt ich das Schreiben als unbestellbar zurück; sein Umschlag

ist über und über mit Stempelabdrücken und Vermerken bedeckt. Brief und

Notizbuch sind die einzigen Beweisstücke aus dem Traumreich, die ich

Besuchern vorlegen kann.

Lieber Fritz!

„Ich bin im Traumreich, Du wirst es unglaublich finden. Doch ich kann

Dir nur das eine raten: Packe umgehend nach Erhalt dieses Briefes

Deine Siebensachen und komme auch hieher. Perle ist ein wahres Dorado

für Sammler, diese Stadt ist geradezu ein Museum, natürlich riesig

viel Mist, aber auch die grossartigsten Stücke. Ich habe heute eine

geschnitzte gotische Truhe, ein Paar silberne Wandleuchter (XVI.

Jahrhundert) und eine jener märchenhaften Renaissancebronzen (Knabe

auf Stier von unserm Cellini) nach denen Du immer so fahndest,

gesehen. Vorige Woche schwelgten wir in Porzellan; von den niedern

Preisen muss ich schweigen, weil ich sonst geradezu für deine

Gesundheit fürchten müsste. Und solche Kleinodien findet, wer den

Rüssel dazu hat, täglich auf Schritt und Tritt. Es gibt überhaupt

+nur Altes+, man lebt wie Grossvater im Vormärz und pfeift auf den

Fortschritt. Ja, mein Lieber, wir sind konservativ, unsere Handwerker

sind Meister im Flicken und Ausbessern. In jedem fünften Haus ein

Antiquitätenladen; hier lebt man vom Trödel. Auch architektonische

Extravaganzen wirst Du sehen, im Palast sind mindestens zwanzig

Stilarten mühelos zusammengekleistert. Und sonst noch die spasshaften

Entdeckungen! Wer’s nicht sieht, glaubt’s nicht! Damit Du meine

gute Laune begreifst, will ich dir den letzten Scherz, den ich

beobachtete, erzählen. Es ist der „+grosse Uhrbann+“ so ist hier

sein Name. Also höre einmal: Auf unserm Hauptplatze steht stämmig

und massiv ein grauer Turm, so eine Art untersetzter Campanile.

Er ist das Wohnhaus einer alten Uhr, deren Zifferblatt das obere

Drittel einnimmt. Von dieser bei Nacht transparenten Scheibe, lesen

wir unsere Normalzeit ab, und alle übrigen Uhren in Stadt und Land

werden nach ihr reguliert. Das wäre nun nichts Besonderes, wenn nicht

dieser Turm eine ganz seltsame Eigenschaft noch nebenbei hätte. Er

übt nämlich auf sämtliche Bewohner eine mysteriöse, unglaubliche

Anziehungskraft aus. Zu bestimmten Stunden wird dieses alte Gemäuer

schwarmweise von Männern und Frauen umringt. Der Fremde bleibt

verwundert stehen und betrachtet das merkwürdige Gebaren dieser

Versammlung. Die Leute stampfen nervös den Boden und blicken immer

wieder auf die langen rostigen Zeiger da oben. Fragt man sie, was da

vorgehe, so erhält man zerstreute, ausweichende Antworten. Wer noch

näher zusieht, bemerkt zwei kleine Eingänge am Fusse des Turmes.

Dahinein drängt alles. Ist die Menge gross, so bildet man Reihen,

die Frauen wachen ängstlich, die Männer wütend darüber, dass auch

alles hübsch geregelt zugehe. Je weiter die Zeiger vorrücken, desto

stärker wird die Spannung. Einer nach dem andern verschwindet; jeder

will ein bis zwei Minuten da drin bleiben. Die Heraustretenden haben

dann sämtlich tiefbefriedigte, fast glückliche Mienen. Kein Wunder,

wenn man da neugierig wird. Und ich frug auch gelegentlich einen

meiner neuen Bekannten vom Café, wie sich das mit der Uhr verhalte,

kam aber recht schlecht an. Es sei geradezu unanständig von so etwas

zu sprechen, überdies zeuge es von Dummheit. „Damit Sie es aber

ein für allemal wissen: +Es ist der grosse Uhrbann!+ schreiben Sie

sich’s auf!“ Diese Entrüstung spannte mich nur um so mehr. Meine

anfängliche Erklärung, es hier mit einer Sehenswürdigkeit, vielleicht

einer Camera obscura oder einem Panoptikum zu tun zu haben, fiel

zusammen. Kurz entschlossen riskierte ich’s auch einmal, wurde

jedoch grob enttäuscht. Weisst Du, was da drinnen war? Auch Deine

Erwartungen werden sinken. Man kommt in eine kleine, winklige, leere

Zelle, zum Teil mit rätselhaften Zeichnungen, wohl Symbolen, bedeckt.

Hinter der Mauer hört man das gewaltige Pendel mächtig hin- und

herschwingen. So! tick ...... tack ...... tick ...... tack. Über die

Steinwand strömt Wasser, ununterbrochen strömt es. Ich tat, wie

der Mann, der nach mir eintrat, blickte die Wand starr an und sagte

laut und deutlich: „+Hier stehe ich vor Dir!+“ Dann geht man wieder

hinaus. Mein Gesicht muss ziemlich verdutzt ausgesehen haben. Die

Frauen haben ihre eigene Seite mit eigenem Eingang, was wie in der

ganzen Welt durch kleine Aufschriften kenntlich gemacht ist. Aber

das Merkwürdigste: Seit dem Tage, an dem ich mir diese Erfahrungen

verschaffte, fühlte ich, wie auch mich der Zwang überkam. Zuerst

gab’s mir nur so einen kleinen Ruck, wenn ich am Turme vorbeiging,

die nächsten Tage wuchs meine Unruhe immer mehr, es +riss+ mich

geradezu hin. Ich gab also dem Blödsinn nach, kämpfen half da nichts.

Und jetzt ist’s gut. Nach dem Hauptmuster sind in der ganzen Stadt

kleinere Türme verteilt. Auf dem Lande soll jeder Bauernhof sein

Uhrwinkel haben. Ich suche Tag für Tag zur bestimmten Stunde das

meinige auf. Ja, lache mich nur aus. „Herr, hier stehe ich vor Dir!“

[Illustration]

Mit der Malerei ist nicht viel los. Man schätzt Kunstwerke

hauptsächlich als Gebrauchsgegenstände. Ein paar alte Maler leben

wohl auch verstreut. Was ich sah war dunkle, dünn gemalte Leinwand,

ein versprengter Johannistrieb Alt-Hollands. Wirklich gute Sachen,

Ruysdael, Breughel, Altdorfer und Primitive trifft man dann und

wann in reichen Häusern. Bankier Alfred Blumenstich, unser Krösus,

Direktor der traumländischen Bank, besitzt eine wertvolle Galerie,

sogar einen Rembrandt und einen echten Grünewald, von dessen Existenz

bei Euch kein Mensch eine Ahnung hat. „Die sieben Todsünden essen

das Lamm Gottes“, heisst dieses Gemälde. -- Hier gibt es keine

lustigen Farben, rein zeichnerisch ist mehr zu holen. Ich habe eine

ganz nette Stelle beim illustrierten Traumspiegel: 400 fl. und

bequeme Bedingungen. Meinen einzigen Kollegen, den Zeichner Nikolaus

Castringius, habe ich noch nicht kennen gelernt. Wenn Du kommst,

könnte ich Dich wohl bei dem Blatt unterbringen.

Nun sei mir nicht böse, dass ich schliesse. Ich hoffe auf Wiedersehen!

Dein alter Freund, Träumling und Zeichner.

N. B. Du kannst bei uns in einem romantischen Haus am Rande der Stadt

wohnen, ganz ungestört, wie auf dem Lande.“

Damals war ich noch in vergnügter Stimmung, wie aus dem Briefe

hervorgeht. Die Schattenseiten, welche sich bereits zu der Zeit

bemerkbar machten, werde ich am Ende dieses Kapitels schildern, soweit

sie mir schon zum Bewusstsein kamen. Vorläufig will ich einiges über

den Kultus -- oder was ich dafür hielt -- bemerken.

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