Alles, was man im Traumreich zu Gesicht bekam, war matt und stumpf.
Wie weit das ging, bemerkte ich eines Tages beim Rasieren. Giovanni
bediente mit gewohnter Eleganz, nur der Zustand seines Messers und des
Kupferbeckens störten; sie waren blind.
„Was soll das heissen?“ sagte ich zu dem Friseur, welcher mir eben
einen schwer verständlichen Exkurs aus Leibniz’ Monadologie vorlas,
„der Herr Assistent könnte wohl diese Sachen ein bisschen besser in
stand halten.“
„Wie beliebt?“ fragte erschrocken der grosse Philosoph mit der Miene
eines Abgestürzten.
„Ich meine, dies Becken hier könnte blitzblank und das Messer poliert
sein.“
„Ja, was will man da machen? so ist’s nun einmal. Ich hüte mich vor
Neuerungen.“
Um ihn zu fangen, wies ich auf die Spiegel und sagte: „Schauen Sie die
an, die sehen gewiss blinkend und geputzt aus.“
Da verliess ihn seine Philosophie, er sass in der Klemme: „Ja, die
Spiegel!“ Nachdenklich und zögernd entrangen sich ihm die Worte:
„Spiegel sind doch überhaupt +nichts+!“
Es war ihm augenscheinlich peinlich, davon zu sprechen.
„Ich wollte Sie nicht beleidigen!“ meinte ich freundlich und verliess
sein Lokal.
Gleichviel! Es war schön unter diesen oxydierten alten Sachen zu leben,
und ich trage kein Bedenken, nachfolgenden Brief hierher zu setzen.
Er ist ganz aus meiner damaligen Stimmung geschrieben. Ausserdem
enthält er die Schilderung eines sonderbaren Brauches, welcher zum
Kultus, von dem ich nachher reden werde, hinüberleitet. Ich meine den
+grossen Uhrbann+. Dieser Brief lag in dem Notizbuch, das man unter
meinen Lumpen fand, als das Traumreich untergegangen war. Auch das
weiter unten angegebene Verzeichnis der heiligen Sachen fand ich in
dem Buche, sonst waren die Blätter nur mit unleserlichen Schriftzügen
bedeckt; ausgenommen die Innenseite des Umschlags, auf der sich die
oberflächliche Skizze eines Stadtplans von Perle, sowie flüchtige
Angaben befanden, die ich mir zur eigenen Orientierung in den ersten
Tagen gemacht hatte.
Den Brief schrieb ich im dritten Monat meiner Anwesenheit. Es war mein
erster Versuch, eine Verbindung mit dem Ausland herzustellen. Nach zwei
Jahren erhielt ich das Schreiben als unbestellbar zurück; sein Umschlag
ist über und über mit Stempelabdrücken und Vermerken bedeckt. Brief und
Notizbuch sind die einzigen Beweisstücke aus dem Traumreich, die ich
Besuchern vorlegen kann.
Lieber Fritz!
„Ich bin im Traumreich, Du wirst es unglaublich finden. Doch ich kann
Dir nur das eine raten: Packe umgehend nach Erhalt dieses Briefes
Deine Siebensachen und komme auch hieher. Perle ist ein wahres Dorado
für Sammler, diese Stadt ist geradezu ein Museum, natürlich riesig
viel Mist, aber auch die grossartigsten Stücke. Ich habe heute eine
geschnitzte gotische Truhe, ein Paar silberne Wandleuchter (XVI.
Jahrhundert) und eine jener märchenhaften Renaissancebronzen (Knabe
auf Stier von unserm Cellini) nach denen Du immer so fahndest,
gesehen. Vorige Woche schwelgten wir in Porzellan; von den niedern
Preisen muss ich schweigen, weil ich sonst geradezu für deine
Gesundheit fürchten müsste. Und solche Kleinodien findet, wer den
Rüssel dazu hat, täglich auf Schritt und Tritt. Es gibt überhaupt
+nur Altes+, man lebt wie Grossvater im Vormärz und pfeift auf den
Fortschritt. Ja, mein Lieber, wir sind konservativ, unsere Handwerker
sind Meister im Flicken und Ausbessern. In jedem fünften Haus ein
Antiquitätenladen; hier lebt man vom Trödel. Auch architektonische
Extravaganzen wirst Du sehen, im Palast sind mindestens zwanzig
Stilarten mühelos zusammengekleistert. Und sonst noch die spasshaften
Entdeckungen! Wer’s nicht sieht, glaubt’s nicht! Damit Du meine
gute Laune begreifst, will ich dir den letzten Scherz, den ich
beobachtete, erzählen. Es ist der „+grosse Uhrbann+“ so ist hier
sein Name. Also höre einmal: Auf unserm Hauptplatze steht stämmig
und massiv ein grauer Turm, so eine Art untersetzter Campanile.
Er ist das Wohnhaus einer alten Uhr, deren Zifferblatt das obere
Drittel einnimmt. Von dieser bei Nacht transparenten Scheibe, lesen
wir unsere Normalzeit ab, und alle übrigen Uhren in Stadt und Land
werden nach ihr reguliert. Das wäre nun nichts Besonderes, wenn nicht
dieser Turm eine ganz seltsame Eigenschaft noch nebenbei hätte. Er
übt nämlich auf sämtliche Bewohner eine mysteriöse, unglaubliche
Anziehungskraft aus. Zu bestimmten Stunden wird dieses alte Gemäuer
schwarmweise von Männern und Frauen umringt. Der Fremde bleibt
verwundert stehen und betrachtet das merkwürdige Gebaren dieser
Versammlung. Die Leute stampfen nervös den Boden und blicken immer
wieder auf die langen rostigen Zeiger da oben. Fragt man sie, was da
vorgehe, so erhält man zerstreute, ausweichende Antworten. Wer noch
näher zusieht, bemerkt zwei kleine Eingänge am Fusse des Turmes.
Dahinein drängt alles. Ist die Menge gross, so bildet man Reihen,
die Frauen wachen ängstlich, die Männer wütend darüber, dass auch
alles hübsch geregelt zugehe. Je weiter die Zeiger vorrücken, desto
stärker wird die Spannung. Einer nach dem andern verschwindet; jeder
will ein bis zwei Minuten da drin bleiben. Die Heraustretenden haben
dann sämtlich tiefbefriedigte, fast glückliche Mienen. Kein Wunder,
wenn man da neugierig wird. Und ich frug auch gelegentlich einen
meiner neuen Bekannten vom Café, wie sich das mit der Uhr verhalte,
kam aber recht schlecht an. Es sei geradezu unanständig von so etwas
zu sprechen, überdies zeuge es von Dummheit. „Damit Sie es aber
ein für allemal wissen: +Es ist der grosse Uhrbann!+ schreiben Sie
sich’s auf!“ Diese Entrüstung spannte mich nur um so mehr. Meine
anfängliche Erklärung, es hier mit einer Sehenswürdigkeit, vielleicht
einer Camera obscura oder einem Panoptikum zu tun zu haben, fiel
zusammen. Kurz entschlossen riskierte ich’s auch einmal, wurde
jedoch grob enttäuscht. Weisst Du, was da drinnen war? Auch Deine
Erwartungen werden sinken. Man kommt in eine kleine, winklige, leere
Zelle, zum Teil mit rätselhaften Zeichnungen, wohl Symbolen, bedeckt.
Hinter der Mauer hört man das gewaltige Pendel mächtig hin- und
herschwingen. So! tick ...... tack ...... tick ...... tack. Über die
Steinwand strömt Wasser, ununterbrochen strömt es. Ich tat, wie
der Mann, der nach mir eintrat, blickte die Wand starr an und sagte
laut und deutlich: „+Hier stehe ich vor Dir!+“ Dann geht man wieder
hinaus. Mein Gesicht muss ziemlich verdutzt ausgesehen haben. Die
Frauen haben ihre eigene Seite mit eigenem Eingang, was wie in der
ganzen Welt durch kleine Aufschriften kenntlich gemacht ist. Aber
das Merkwürdigste: Seit dem Tage, an dem ich mir diese Erfahrungen
verschaffte, fühlte ich, wie auch mich der Zwang überkam. Zuerst
gab’s mir nur so einen kleinen Ruck, wenn ich am Turme vorbeiging,
die nächsten Tage wuchs meine Unruhe immer mehr, es +riss+ mich
geradezu hin. Ich gab also dem Blödsinn nach, kämpfen half da nichts.
Und jetzt ist’s gut. Nach dem Hauptmuster sind in der ganzen Stadt
kleinere Türme verteilt. Auf dem Lande soll jeder Bauernhof sein
Uhrwinkel haben. Ich suche Tag für Tag zur bestimmten Stunde das
meinige auf. Ja, lache mich nur aus. „Herr, hier stehe ich vor Dir!“
[Illustration]
Mit der Malerei ist nicht viel los. Man schätzt Kunstwerke
hauptsächlich als Gebrauchsgegenstände. Ein paar alte Maler leben
wohl auch verstreut. Was ich sah war dunkle, dünn gemalte Leinwand,
ein versprengter Johannistrieb Alt-Hollands. Wirklich gute Sachen,
Ruysdael, Breughel, Altdorfer und Primitive trifft man dann und
wann in reichen Häusern. Bankier Alfred Blumenstich, unser Krösus,
Direktor der traumländischen Bank, besitzt eine wertvolle Galerie,
sogar einen Rembrandt und einen echten Grünewald, von dessen Existenz
bei Euch kein Mensch eine Ahnung hat. „Die sieben Todsünden essen
das Lamm Gottes“, heisst dieses Gemälde. -- Hier gibt es keine
lustigen Farben, rein zeichnerisch ist mehr zu holen. Ich habe eine
ganz nette Stelle beim illustrierten Traumspiegel: 400 fl. und
bequeme Bedingungen. Meinen einzigen Kollegen, den Zeichner Nikolaus
Castringius, habe ich noch nicht kennen gelernt. Wenn Du kommst,
könnte ich Dich wohl bei dem Blatt unterbringen.
Nun sei mir nicht böse, dass ich schliesse. Ich hoffe auf Wiedersehen!
Dein alter Freund, Träumling und Zeichner.
N. B. Du kannst bei uns in einem romantischen Haus am Rande der Stadt
wohnen, ganz ungestört, wie auf dem Lande.“
Damals war ich noch in vergnügter Stimmung, wie aus dem Briefe
hervorgeht. Die Schattenseiten, welche sich bereits zu der Zeit
bemerkbar machten, werde ich am Ende dieses Kapitels schildern, soweit
sie mir schon zum Bewusstsein kamen. Vorläufig will ich einiges über
den Kultus -- oder was ich dafür hielt -- bemerken.