So deutlich, als hätte ich es erst vor einigen Wochen gesehen, steht
mir unser Wohnhaus heute noch vor Augen.
Zu ebener Erde befand sich die Stube des Friseurs, darin er selbst, ein
sehr belesener, blonder Mann, Junggeselle mit einem goldenen Zwicker.
Seine Leidenschaft war die Philosophie. Dabei liess er seine Gedanken
ordentlich austoben. Wild wucherten die Kenntnisse und er geizte
keineswegs damit. „Ich könnte Ihnen manches erzählen!“ meinte er mit
scharfen Blicken.
Weiss Gott, was er in mir vermutete, aber ich genoss von Anfang an
sein Vertrauen. „Kant, das ist der grosse Fehler. Ha, Ha! So einfach
segelt man um das Ding an sich nicht herum! Vor allem ist die Welt
ein +ethisches+ Problem, das werde ich mir nie ausreden lassen. Sehen
Sie, der Raum wirbt um die Zeit; der Vereinigungspunkt, die Gegenwart,
ist der Tod; oder, was sich genau so gut dafür setzen lässt; die
Gottheit, wenn Sie wünschen. Mitten hineingestellt, das grosse Wunder
der Fleischwerdung: das Objekt. Dieses wiederum nichts anderes als die
Aussenseite des Subjekts. Das sind Fundamentalsätze, verehrter Herr;
hier haben Sie meine ganze Theorie.“
„Ja, Sie sind eben ein Denker“, lauteten dann gewöhnlich meine
anerkennenden Worte.
Er lebte tagaus, tagein in so hohen Regionen, und der Friseurladen wäre
arg zurückgegangen, hätte es keinen Giovanni Battista gegeben. Das war
zwar nur ein Affe, aber was für einer! Ein ganz ungemein begabtes und
strebsames Tier. Neben diesem Gehilfen konnte man ruhig an das ethische
Problem gehen. Giovanni hatte von der Pike auf in diesem Geschäfte
gedient. Durch eigenmächtiges Schaumschlagen verriet sich eines Tages
sein Talent und unser Friseur fand auch in ihm das Subjekt, und nützte
seine geschickte Hand aus. Sein ruhiger, rascher und sicherer Strich
beim Rasieren war in der ganzen Gegend berühmt. Mittwochs und Samstags
besuchte er sogar die Privatkundschaft. Gar oft sahen wir ihn ernsthaft
und geschäftig mit seiner Tasche die Lange Gasse einherschlurren.
Ehrlicher und verlässiger als ein Mensch, war er die wahre Seele
dieser Verschönerungsanstalt. Nur eines schmerzte seinen Herrn: Für
Philosophie hatte er wenig Sinn.
„Sie sind Stoiker!“ rief der Friseur ihm nach langen Vorträgen zu. Er
hoffte immer noch heimlich, ihn höheren Zielen zuzuführen.
-- -- -- Ich muss es aussprechen, so oft ich an mein erstes Jahr im
Traumreich zurückdenke, überkommt mich grosse Wehmut. Es war damals
noch das meiste gut, ja zum Teil verdanke ich meine besten Tage jenen
Zeiten. Durch all die neuen Dinge angeregt, ging mir die Arbeit leicht
von der Hand. Nachmittags so um fünf traf man sich mit Bekannten im
Kaffeehaus. Dort war vom Fenster aus der ganze Verkehr zu beobachten.
Gross war er ja nicht, in Perle blieben die Leute am liebsten bei sich
in der Wohnung. In der inneren Stadt war es sogar auffallend öde und
menschenleer. Aber trotz diesem trägen Strassenleben war gerade das,
was man sah, wegen seiner Vertrautheit einem zur lieben Gewohnheit
geworden. Nach und nach drang ich immer tiefer in alles ein. Ich fand
Anhaltspunkte, feste Angeln in diesem Wirrwarr.
Die Häuser spielten da eine bedeutende Rolle. Oft war es mir, als
ob die Menschen nur ihretwegen da wären und nicht umgekehrt. Diese
Häuser, das waren die starken, wirklichen Individuen. Stumm und doch
wieder vielsagend standen sie da. Ein jedes hatte so seine bestimmte
Geschichte, man musste nur warten können und sie stückweise den alten
Bauten abtrotzen. Diese Häuser wechselten sehr mit ihren Launen.
Manche hassten sich, eiferten gegenseitig aufeinander. Es gab garstige
Brummbären unter ihnen wie die Molkerei da gegenüber; andere schienen
frech und hatten ein loses Maul, gerade mein Café ist dafür ein gutes
Beispiel. Weiter hinauf zu, das Haus wo wir wohnten, war eine vergrämte
alte Tante. Klatschsüchtig und böswillig schielten die Fenster.
Schlimm, sehr schlimm war das grosse Magazin von M. Blumenstich, derb
und jovial die Schmiede neben der Molkerei, unbekümmert, leichtsinnig
das daran gebaute kleine Häuschen des Flussaufsehers. Aber mein
besonderer Liebling war der Eckbau, der am Flusse lag: Es war die
Mühle. Die hatte ein lustiges Gesicht: sie war weiss getüncht und trug
ein moosiges Schindeldach als Kappe. Gegen die Strasse zu, hoch oben,
steckte ein klobiger Balken in der Mauer, wie eine gute Zigarre. Ein
wenig verzwickt und schlau war allerdings ihr Ausdruck um die oberen
Dachluken herum. Sie gehörte zwei Brüdern. Oder gehörten die zwei ihr,
gleich wie eine Mutter zwei Söhne hat?
[Illustration]
Ich könnte hier noch gar vieles erzählen, wüsste ich, dass meine
Leser diese komplizierten Verhältnisse auch so auffassen, wie ich
es wünsche. So glaubte ich nach einiger Zeit zu bemerken, dass die
Häuser einer Strasse etwas wie eine Familie repräsentierten. Zankte
man sich untereinander, nach aussen war man einig. Es gingen mir
hier in dem verödeten Perle Ideen auf, welche mir an den lauten
Orten der Aussenwelt nie so bewusst geworden wären. Noch weit
intimer aber drang ich in diese Verhältnisse ein, als sich mein
Geruchsinn wunderbar schärfte. Das geschah schon nach einem halben
Jahre. Von da an bestimmte meine Nase meine Sympathie und meinen
Widerwillen. Stundenlang schlich ich nun in all den alten Winkeln
umher, beschnupperte und beroch alles. Hierbei erschloss sich mir
ein ganz neues, unabsehbares Gebiet. Jedes dieser gebrauchten Geräte
teilte mir ein kleines Geheimnis mit. Meine Frau lächelte oft: es kam
ihr komisch vor, wenn ich an irgendeinem Ding, einem Buch oder einer
Spieldose, verständnisvoll herumschnüffelte. Ich war auch wirklich fast
wie ein Hund; erklären konnte ich das alles nicht so genau, das waren
Empfindungssachen so fein, dass die Worte versagen.
Zunächst war es ein ganz bestimmter, unbeschreiblicher Duft, der durch
das ganze Traumreich rann und allem anhaftete. Manchmal war er stärker
vorhanden, dann wieder spürte man ihn kaum. Wo er sehr konzentriert
war, lässt sich dieser eigentümliche Geruch als eine leichte Mischung
von Mehl und getrocknetem Stockfisch bezeichnen. Sein Entstehen konnte
ich mir nicht erklären. Weit bestimmter waren aber die Eigengerüche
einer jeden Sache. Ich analysierte sie scharf, dabei packten mich oft
starke Abneigungen. Gegen in meinem Sinne missduftende Menschen konnte
ich leicht unfreundlich werden. Aber schliesslich liessen alle diese
Geschöpfe und scheinbar leblosen Gegenstände, wenngleich durch eine
bizarre Laune zusammengebracht in ihrer Mannigfaltigkeit doch eine
unfassbare Einheit durchfühlen.