V.

So deutlich, als hätte ich es erst vor einigen Wochen gesehen, steht

mir unser Wohnhaus heute noch vor Augen.

Zu ebener Erde befand sich die Stube des Friseurs, darin er selbst, ein

sehr belesener, blonder Mann, Junggeselle mit einem goldenen Zwicker.

Seine Leidenschaft war die Philosophie. Dabei liess er seine Gedanken

ordentlich austoben. Wild wucherten die Kenntnisse und er geizte

keineswegs damit. „Ich könnte Ihnen manches erzählen!“ meinte er mit

scharfen Blicken.

Weiss Gott, was er in mir vermutete, aber ich genoss von Anfang an

sein Vertrauen. „Kant, das ist der grosse Fehler. Ha, Ha! So einfach

segelt man um das Ding an sich nicht herum! Vor allem ist die Welt

ein +ethisches+ Problem, das werde ich mir nie ausreden lassen. Sehen

Sie, der Raum wirbt um die Zeit; der Vereinigungspunkt, die Gegenwart,

ist der Tod; oder, was sich genau so gut dafür setzen lässt; die

Gottheit, wenn Sie wünschen. Mitten hineingestellt, das grosse Wunder

der Fleischwerdung: das Objekt. Dieses wiederum nichts anderes als die

Aussenseite des Subjekts. Das sind Fundamentalsätze, verehrter Herr;

hier haben Sie meine ganze Theorie.“

„Ja, Sie sind eben ein Denker“, lauteten dann gewöhnlich meine

anerkennenden Worte.

Er lebte tagaus, tagein in so hohen Regionen, und der Friseurladen wäre

arg zurückgegangen, hätte es keinen Giovanni Battista gegeben. Das war

zwar nur ein Affe, aber was für einer! Ein ganz ungemein begabtes und

strebsames Tier. Neben diesem Gehilfen konnte man ruhig an das ethische

Problem gehen. Giovanni hatte von der Pike auf in diesem Geschäfte

gedient. Durch eigenmächtiges Schaumschlagen verriet sich eines Tages

sein Talent und unser Friseur fand auch in ihm das Subjekt, und nützte

seine geschickte Hand aus. Sein ruhiger, rascher und sicherer Strich

beim Rasieren war in der ganzen Gegend berühmt. Mittwochs und Samstags

besuchte er sogar die Privatkundschaft. Gar oft sahen wir ihn ernsthaft

und geschäftig mit seiner Tasche die Lange Gasse einherschlurren.

Ehrlicher und verlässiger als ein Mensch, war er die wahre Seele

dieser Verschönerungsanstalt. Nur eines schmerzte seinen Herrn: Für

Philosophie hatte er wenig Sinn.

„Sie sind Stoiker!“ rief der Friseur ihm nach langen Vorträgen zu. Er

hoffte immer noch heimlich, ihn höheren Zielen zuzuführen.

-- -- -- Ich muss es aussprechen, so oft ich an mein erstes Jahr im

Traumreich zurückdenke, überkommt mich grosse Wehmut. Es war damals

noch das meiste gut, ja zum Teil verdanke ich meine besten Tage jenen

Zeiten. Durch all die neuen Dinge angeregt, ging mir die Arbeit leicht

von der Hand. Nachmittags so um fünf traf man sich mit Bekannten im

Kaffeehaus. Dort war vom Fenster aus der ganze Verkehr zu beobachten.

Gross war er ja nicht, in Perle blieben die Leute am liebsten bei sich

in der Wohnung. In der inneren Stadt war es sogar auffallend öde und

menschenleer. Aber trotz diesem trägen Strassenleben war gerade das,

was man sah, wegen seiner Vertrautheit einem zur lieben Gewohnheit

geworden. Nach und nach drang ich immer tiefer in alles ein. Ich fand

Anhaltspunkte, feste Angeln in diesem Wirrwarr.

Die Häuser spielten da eine bedeutende Rolle. Oft war es mir, als

ob die Menschen nur ihretwegen da wären und nicht umgekehrt. Diese

Häuser, das waren die starken, wirklichen Individuen. Stumm und doch

wieder vielsagend standen sie da. Ein jedes hatte so seine bestimmte

Geschichte, man musste nur warten können und sie stückweise den alten

Bauten abtrotzen. Diese Häuser wechselten sehr mit ihren Launen.

Manche hassten sich, eiferten gegenseitig aufeinander. Es gab garstige

Brummbären unter ihnen wie die Molkerei da gegenüber; andere schienen

frech und hatten ein loses Maul, gerade mein Café ist dafür ein gutes

Beispiel. Weiter hinauf zu, das Haus wo wir wohnten, war eine vergrämte

alte Tante. Klatschsüchtig und böswillig schielten die Fenster.

Schlimm, sehr schlimm war das grosse Magazin von M. Blumenstich, derb

und jovial die Schmiede neben der Molkerei, unbekümmert, leichtsinnig

das daran gebaute kleine Häuschen des Flussaufsehers. Aber mein

besonderer Liebling war der Eckbau, der am Flusse lag: Es war die

Mühle. Die hatte ein lustiges Gesicht: sie war weiss getüncht und trug

ein moosiges Schindeldach als Kappe. Gegen die Strasse zu, hoch oben,

steckte ein klobiger Balken in der Mauer, wie eine gute Zigarre. Ein

wenig verzwickt und schlau war allerdings ihr Ausdruck um die oberen

Dachluken herum. Sie gehörte zwei Brüdern. Oder gehörten die zwei ihr,

gleich wie eine Mutter zwei Söhne hat?

[Illustration]

Ich könnte hier noch gar vieles erzählen, wüsste ich, dass meine

Leser diese komplizierten Verhältnisse auch so auffassen, wie ich

es wünsche. So glaubte ich nach einiger Zeit zu bemerken, dass die

Häuser einer Strasse etwas wie eine Familie repräsentierten. Zankte

man sich untereinander, nach aussen war man einig. Es gingen mir

hier in dem verödeten Perle Ideen auf, welche mir an den lauten

Orten der Aussenwelt nie so bewusst geworden wären. Noch weit

intimer aber drang ich in diese Verhältnisse ein, als sich mein

Geruchsinn wunderbar schärfte. Das geschah schon nach einem halben

Jahre. Von da an bestimmte meine Nase meine Sympathie und meinen

Widerwillen. Stundenlang schlich ich nun in all den alten Winkeln

umher, beschnupperte und beroch alles. Hierbei erschloss sich mir

ein ganz neues, unabsehbares Gebiet. Jedes dieser gebrauchten Geräte

teilte mir ein kleines Geheimnis mit. Meine Frau lächelte oft: es kam

ihr komisch vor, wenn ich an irgendeinem Ding, einem Buch oder einer

Spieldose, verständnisvoll herumschnüffelte. Ich war auch wirklich fast

wie ein Hund; erklären konnte ich das alles nicht so genau, das waren

Empfindungssachen so fein, dass die Worte versagen.

Zunächst war es ein ganz bestimmter, unbeschreiblicher Duft, der durch

das ganze Traumreich rann und allem anhaftete. Manchmal war er stärker

vorhanden, dann wieder spürte man ihn kaum. Wo er sehr konzentriert

war, lässt sich dieser eigentümliche Geruch als eine leichte Mischung

von Mehl und getrocknetem Stockfisch bezeichnen. Sein Entstehen konnte

ich mir nicht erklären. Weit bestimmter waren aber die Eigengerüche

einer jeden Sache. Ich analysierte sie scharf, dabei packten mich oft

starke Abneigungen. Gegen in meinem Sinne missduftende Menschen konnte

ich leicht unfreundlich werden. Aber schliesslich liessen alle diese

Geschöpfe und scheinbar leblosen Gegenstände, wenngleich durch eine

bizarre Laune zusammengebracht in ihrer Mannigfaltigkeit doch eine

unfassbare Einheit durchfühlen.

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