Durch ein paar Beispiele will ich jetzt unser geschäftliches Gebaren
erläutern. An einem der ersten Tage, da wir in Perle waren, wollte ich
einen Stadtplan kaufen. Ich betrat eine der grossen Trödlereien in
unserer Strasse, ich glaube die nebenan von Max Blumenstich.
„Ein Stadtplan? Die neuen sind noch nicht eingetroffen, eine ältere
Ausgabe tut’s wohl auch?“ Es wurde gesucht und gekramt, zwischen
Hirschgeweihen, Kronleuchtern und alten Schatullen war absolut nichts
zu finden. Endlich brachte der Kommis ein scheussliches Tintenfass aus
Gussbronze.
„Nehmen Sie dies, das können Sie sicher brauchen! Das +müssen+ Sie
haben, eine Notwendigkeit! Nur 72 Gulden.“ Mit schmelzender Stimme
bot er seine ganze Überredungskunst auf. Ich gab ihm einen Gulden und
erhielt noch eine Nagelschere als Zugabe. Neulinge wollten aus diesen
Zuständen ein gutes Geschäft machen, mussten aber recht bald einsehen,
dass sie dabei ohne den Wirt rechneten. Der, das Traumschicksal, war
erbarmungslos; der zusammengeraffte Reichtum zerrann im Handumdrehen.
Die Überschlauen mussten nämlich für die unumgänglichsten Lebensmittel
Wahnsinnpreise zahlen oder es regnete Postaufträge. Wurden sie
zurückgewiesen, dann ereigneten sich weit ärgere Unannehmlichkeiten,
z. B. Krankheiten; die Ärzte waren unerschwinglich. Gläubiger traten
auf, die einem nie etwas geliehen hatten und forderten ihr Geld. Aber
da half keine Versicherung, sie brachten die Zeugen gleich mit. So
glich sich alles immer wieder aus, und man hatte keinen Nutzen und
keinen Schaden davon. Der unsichtbare Rechner liess nicht mit sich
handeln. Sobald ich diesen merkwürdigen Modus erfasst hatte, ging alles
gut.
Schon nach 14 Tagen kam einmal ein Diener in Livree zu uns. Sein Herr
-- er nannte irgendeinen grossartigen Namen -- warte schon ungeduldigst
auf die fünf erworbenen Zeichnungen. Er hatte den Auftrag, sie
abzuholen. Was blieb da übrig? Ich packte fünf meiner besten Blätter
ein und schrieb obendrein noch einen höflichen Entschuldigungsbrief.
Wohin diese Sachen wanderten, davon hatte ich keine Ahnung. -- --
Täglich besuchte ich das schräg gegenüberliegende Kaffeehaus. Einmal,
als ich heimkam, zeigte mir meine Frau einen Riesenkorb, gefüllt mit
prachtvollem Gemüse, Spargel, Blumenkohl, feinem Obst, sogar zwei
Rebhühner waren dabei.
„Das ist alles vom Grünmarkt, rate, was es kostete?“ fragte sie
frohlockend.
„Nun?“
„Zwanzig Kreuzer das Ganze.“
Jetzt rückte ich auch heraus und gestand, dass ich im Café für eine
Schachtel Wachsstreichhölzer fünf Gulden bezahlen musste.
Bald hatte man Hunderte in der Tasche, dann wieder nichts. Schliesslich
ging es auch ohne Geld ganz gut. Nur musste jeder einfach so tun, als
gäbe er etwas her. Gelegentlich konnte man es sogar riskieren, sich auf
nichts etwas herausgeben lassen. Es kam doch immer aufs gleiche.
Hier waren Einbildungen einfach Realitäten. Das wunderbare dabei war
nur, wie solche Vorstellungen in mehreren Köpfen zugleich auftraten.
Die Leute redeten sich in ihre Suggestionen gewaltsam hinein.
Ich will einen typischen Fall anführen. Ein wohlsituierter
Familienvater wacht eines Morgens auf in der Überzeugung, gänzlich
verarmt zu sein. Seine Frau weint, seine Bekannten bedauern ihn. Schon
schreitet der Gerichtsvollzieher zur Pfändung, es kommt zu einer
Versteigerung des Eigentums, ein neuer Besitzer zieht vielleicht schon
am selben Tag ein, Dienstmänner tragen den notwendigen Hausrat des
alten in ein armseliges, karges Häuschen. In einem Monat hat sich alles
getröstet, denn es gab auch wieder glückliche Zufälle.
Die vornehmen Leute trieben natürlich grossen Luxus. Ihr Missgeschick
lag auf anderer Seite und trat ebenso offen zutage. Daher schwoll der
Klassenneid nicht besonders an. Man oblag seiner Beschäftigung und
hatte seine Lust und seinen Ärger. Ging es halbwegs, so konnte man
zufrieden sein; allenthalben liebten die Traummenschen ihr Land und
ihre Stadt. Ich arbeitete ruhig als Zeichner des Traumspiegels und
machte vorläufig vergebliche Versuche, eine Visite bei Freund Patera
abzustatten.
Da kam leider alles mögliche dazwischen. Das eine Mal hiess es,
der Meister sei derartig mit Geschäften überlastet, dass niemand
vorgelassen werden dürfe. Ein anderes Mal war er verreist; gerade als
hätte ein verteufelter Kobold die Hand im Spiel. Da hörte ich, im
Archiv würden Audienzkarten abgegeben. Ich ging hin. Schuldbewusst wie
ein Störenfried durchschritt ich das wappengeschmückte Tor. Der Portier
schlief. Ich suchte mich auf eigene Faust zurecht zu finden und trat in
ein geräumiges Vorzimmer. Ungefähr zehn bis zwölf Amtsdiener waren hier
anwesend.
Ich wurde wohl eine Viertelstunde lang überhaupt nicht bemerkt, als
wäre ich unsichtbar. Endlich frug mich einer mürrisch, was ich wollte,
wartete jedoch die Antwort nicht ab, sondern setzte das unterbrochene
Gespräch mit einem Nachbar fort. Ein etwas gnädiger Gelaunter beugte
sich zu mir und forschte nach meinem Vorhaben. Er legte sein gelbes,
zerknittertes Gesicht in strenge Falten, tat ein paar Züge aus seiner
langen Pfeife, deutete mit derselben nach dem Nebenraum und sagte:
„Da drinnen!“
An der Türe stand: Nicht anklopfen! und „da drinnen“ +schlief+ ein
Mensch. Ja, ohne Spass, dreimal räusperte ich mich, bis einiges Leben
in die völlig erstarrte Pose tiefsten Nachdenkens kam. Dann streifte
mich ein majestätischer Verachtungsblick und eine Stimme knarrte:
„Was wollen Sie? Haben Sie eine Vorladung? Welche Papiere tragen Sie
bei sich?“
So kurz angebunden wie draussen war man hier nicht, im Gegenteil, die
Auskünfte schäumten:
„Um eine Audienzkarte zu erhalten, brauchen Sie ausser Ihrem Geburts-,
Tauf- und Trauschein das Schulaustrittszeugnis Ihres Vaters, die
Impfbestätigung Ihrer Mutter. Im Korridor links, Amtszimmer Nr. 16
machen Sie Ihre Angaben über Vermögen, Bildungsgang und Besitz von
Orden. Ein Leumundszeugnis Ihres Schwiegervaters ist erwünscht, aber
nicht unbedingt erforderlich.“
Darauf nickte er herablassend, beugte sich wieder tief über den Tisch
und schrieb, wie ich sehen konnte, mit trockener Feder. Ich blieb
ganz verdutzt stehen. Ein Glück, dass ich nicht auch alle quittierten
Rechnungen vorlegen sollte. Betreten stotterte ich:
„Es wird mir vielleicht unmöglich sein, all das Verlangte
herbeizuschaffen. Ich besitze nur einen Reisepass. Ich kam als Gast
Pateras hieher, mein Name ist so und so.“
Als ich dies vorgebracht, erlebte ich einen wahren Schrecken. Der
Gestrenge sprang unvermutet auf:
„Bitte sehr, Sie sind längst angemeldet! Ich werde Sie sofort zu Seiner
Exzellenz führen!“
Er war nun die Höflichkeit selbst. Sollte man glauben, zwei Herzen in
einer Brust? Das verstand ich nicht!
Es begann eine endlose Wanderung durch öde Gänge, Kanzleien, wo man bei
unserem Kommen wie ertappt auffuhr; kahle Säle und Kabinette, bis an
die Decke mit Akten und Mappen gefüllt. Endlich gelangten wir in einen
grossen Warteraum, wo die verschiedenartigsten Menschen herumsassen.
Mein Führer und ich wurden sogleich in eine Art Allerheiligstes
eingelassen. Exzellenz sassen ganz allein da und +warteten+. Der arme
Beamte wurde trotz seinen schönen Bücklingen recht unsanft angefahren
und verschwand.
Se. Exzellenz waren ein sehr vornehmer Mann. Das ersah man schon aus
seiner ganzen Umgebung. Aber nicht nur daraus ersah man das, auch an
ihm selbst waren Auffälligkeiten. Er hatte beispielsweise viel Gold
an seinen Kleidern aufgenäht und eine grosse Reihe aller möglichen
Ordensbänder angesteckt. Ein breites rotes ging extra noch quer über
seine Brust. Ob sich an seinem Körper weitere Hoheitszeichen befanden,
kann ich nicht bestimmt sagen. Vermutlich ja. Ich habe das nie geschaut.
Wir waren allein. Im Gegensatz zu den andern im Archivgebäude war
er sehr freundlich. Mich entzückte diese grosse Huld. Nachdem er
mich angehört hatte, sprach er zuvorkommend: „Aber das ist doch
selbstverständlich, Verehrtester! Die Karte wird Ihnen sogleich
zugeschickt werden.“ Dann erhob er sich und sprach automatisch wie zu
einer Zuhörerschaft:
„Meine Herren! Meine Herren! Im Interesse der öffentlichen
Wohlfahrt und unseres Ansehens erkennt die Regierung ihre volle
Verantwortlichkeit an. Ich stehe nicht an Ihre sämtlichen Gesuche
vor der höchsten Adresse zu vertreten. In Fragen der Armenfürsorge
finden Sie bei mir stets ein geneigtes Ohr. Unser nächstes Ziel soll
eine Vervollkommnung des Theaterwesens sein. Ich hoffe dabei auf Ihre
tatkräftige Unterstützung. Die Erfahrungen, welche wir mit der Freigabe
gewisser Institutionen im französischen Viertel gemacht haben, bürgen
uns .... meine Herren .... ich bin überzeugt, Ihnen aus der Seele
zu sprechen, wenn .... wenn .... wenn ....“ Der Redner verlor seine
Gewandtheit, er blickte mich gänzlich verwundert und gläsern an. Ich
half ihm aus der Verlegenheit, indem ich mich unter Verbeugungen und
Danksagungen empfahl. Im Herzen nahm ich keinen grossen Respekt vor dem
Archiv mit nach Hause. Ich habe seinen Frieden nicht wieder gestört.
Das was ich da erlebte, passierte allerdings nur Neulingen. Solange
man diesen Weg einschlug, wurde nie etwas Positives erreicht. Die
dringendsten Anliegen wurden wegen nebensächlichster Formfehler
zurückgesandt. Mit unentrinnbarer Sicherheit war von dieser Seite
auf eine Durchkreuzung der Pläne zu rechnen. So erhielt ich auch die
Audienzkarte zwar richtig, tags darauf aber die Mitteilung ihrer
Ungültigkeit.
Das war im Traumstaat die reinste Komödienobrigkeit. Hätte man sie
fortgenommen, es wäre alles genau so gut und so schlecht gegangen.
Diese enormen Aktenstücke -- aus aller Herren Länder zusammengekauft --
hatten mit dem Traumreich gar nichts zu tun. Um es herauszusagen, wie
es sich verhielt: die mit Papierstaub geschwängerte Atmosphäre brauchte
man zur Züchtung einer besonderen Spielart des homo sapiens, die zur
Buntheit des Ganzen beitrug.
Die +wahre+ Regierung lag wo anders. Den Besuch gab ich nach diesen
Erfahrungen vorläufig auf, um so mehr, als andere Dinge meine
Aufmerksamkeit fesselten.