IV.

Durch ein paar Beispiele will ich jetzt unser geschäftliches Gebaren

erläutern. An einem der ersten Tage, da wir in Perle waren, wollte ich

einen Stadtplan kaufen. Ich betrat eine der grossen Trödlereien in

unserer Strasse, ich glaube die nebenan von Max Blumenstich.

„Ein Stadtplan? Die neuen sind noch nicht eingetroffen, eine ältere

Ausgabe tut’s wohl auch?“ Es wurde gesucht und gekramt, zwischen

Hirschgeweihen, Kronleuchtern und alten Schatullen war absolut nichts

zu finden. Endlich brachte der Kommis ein scheussliches Tintenfass aus

Gussbronze.

„Nehmen Sie dies, das können Sie sicher brauchen! Das +müssen+ Sie

haben, eine Notwendigkeit! Nur 72 Gulden.“ Mit schmelzender Stimme

bot er seine ganze Überredungskunst auf. Ich gab ihm einen Gulden und

erhielt noch eine Nagelschere als Zugabe. Neulinge wollten aus diesen

Zuständen ein gutes Geschäft machen, mussten aber recht bald einsehen,

dass sie dabei ohne den Wirt rechneten. Der, das Traumschicksal, war

erbarmungslos; der zusammengeraffte Reichtum zerrann im Handumdrehen.

Die Überschlauen mussten nämlich für die unumgänglichsten Lebensmittel

Wahnsinnpreise zahlen oder es regnete Postaufträge. Wurden sie

zurückgewiesen, dann ereigneten sich weit ärgere Unannehmlichkeiten,

z. B. Krankheiten; die Ärzte waren unerschwinglich. Gläubiger traten

auf, die einem nie etwas geliehen hatten und forderten ihr Geld. Aber

da half keine Versicherung, sie brachten die Zeugen gleich mit. So

glich sich alles immer wieder aus, und man hatte keinen Nutzen und

keinen Schaden davon. Der unsichtbare Rechner liess nicht mit sich

handeln. Sobald ich diesen merkwürdigen Modus erfasst hatte, ging alles

gut.

Schon nach 14 Tagen kam einmal ein Diener in Livree zu uns. Sein Herr

-- er nannte irgendeinen grossartigen Namen -- warte schon ungeduldigst

auf die fünf erworbenen Zeichnungen. Er hatte den Auftrag, sie

abzuholen. Was blieb da übrig? Ich packte fünf meiner besten Blätter

ein und schrieb obendrein noch einen höflichen Entschuldigungsbrief.

Wohin diese Sachen wanderten, davon hatte ich keine Ahnung. -- --

Täglich besuchte ich das schräg gegenüberliegende Kaffeehaus. Einmal,

als ich heimkam, zeigte mir meine Frau einen Riesenkorb, gefüllt mit

prachtvollem Gemüse, Spargel, Blumenkohl, feinem Obst, sogar zwei

Rebhühner waren dabei.

„Das ist alles vom Grünmarkt, rate, was es kostete?“ fragte sie

frohlockend.

„Nun?“

„Zwanzig Kreuzer das Ganze.“

Jetzt rückte ich auch heraus und gestand, dass ich im Café für eine

Schachtel Wachsstreichhölzer fünf Gulden bezahlen musste.

Bald hatte man Hunderte in der Tasche, dann wieder nichts. Schliesslich

ging es auch ohne Geld ganz gut. Nur musste jeder einfach so tun, als

gäbe er etwas her. Gelegentlich konnte man es sogar riskieren, sich auf

nichts etwas herausgeben lassen. Es kam doch immer aufs gleiche.

Hier waren Einbildungen einfach Realitäten. Das wunderbare dabei war

nur, wie solche Vorstellungen in mehreren Köpfen zugleich auftraten.

Die Leute redeten sich in ihre Suggestionen gewaltsam hinein.

Ich will einen typischen Fall anführen. Ein wohlsituierter

Familienvater wacht eines Morgens auf in der Überzeugung, gänzlich

verarmt zu sein. Seine Frau weint, seine Bekannten bedauern ihn. Schon

schreitet der Gerichtsvollzieher zur Pfändung, es kommt zu einer

Versteigerung des Eigentums, ein neuer Besitzer zieht vielleicht schon

am selben Tag ein, Dienstmänner tragen den notwendigen Hausrat des

alten in ein armseliges, karges Häuschen. In einem Monat hat sich alles

getröstet, denn es gab auch wieder glückliche Zufälle.

Die vornehmen Leute trieben natürlich grossen Luxus. Ihr Missgeschick

lag auf anderer Seite und trat ebenso offen zutage. Daher schwoll der

Klassenneid nicht besonders an. Man oblag seiner Beschäftigung und

hatte seine Lust und seinen Ärger. Ging es halbwegs, so konnte man

zufrieden sein; allenthalben liebten die Traummenschen ihr Land und

ihre Stadt. Ich arbeitete ruhig als Zeichner des Traumspiegels und

machte vorläufig vergebliche Versuche, eine Visite bei Freund Patera

abzustatten.

Da kam leider alles mögliche dazwischen. Das eine Mal hiess es,

der Meister sei derartig mit Geschäften überlastet, dass niemand

vorgelassen werden dürfe. Ein anderes Mal war er verreist; gerade als

hätte ein verteufelter Kobold die Hand im Spiel. Da hörte ich, im

Archiv würden Audienzkarten abgegeben. Ich ging hin. Schuldbewusst wie

ein Störenfried durchschritt ich das wappengeschmückte Tor. Der Portier

schlief. Ich suchte mich auf eigene Faust zurecht zu finden und trat in

ein geräumiges Vorzimmer. Ungefähr zehn bis zwölf Amtsdiener waren hier

anwesend.

Ich wurde wohl eine Viertelstunde lang überhaupt nicht bemerkt, als

wäre ich unsichtbar. Endlich frug mich einer mürrisch, was ich wollte,

wartete jedoch die Antwort nicht ab, sondern setzte das unterbrochene

Gespräch mit einem Nachbar fort. Ein etwas gnädiger Gelaunter beugte

sich zu mir und forschte nach meinem Vorhaben. Er legte sein gelbes,

zerknittertes Gesicht in strenge Falten, tat ein paar Züge aus seiner

langen Pfeife, deutete mit derselben nach dem Nebenraum und sagte:

„Da drinnen!“

An der Türe stand: Nicht anklopfen! und „da drinnen“ +schlief+ ein

Mensch. Ja, ohne Spass, dreimal räusperte ich mich, bis einiges Leben

in die völlig erstarrte Pose tiefsten Nachdenkens kam. Dann streifte

mich ein majestätischer Verachtungsblick und eine Stimme knarrte:

„Was wollen Sie? Haben Sie eine Vorladung? Welche Papiere tragen Sie

bei sich?“

So kurz angebunden wie draussen war man hier nicht, im Gegenteil, die

Auskünfte schäumten:

„Um eine Audienzkarte zu erhalten, brauchen Sie ausser Ihrem Geburts-,

Tauf- und Trauschein das Schulaustrittszeugnis Ihres Vaters, die

Impfbestätigung Ihrer Mutter. Im Korridor links, Amtszimmer Nr. 16

machen Sie Ihre Angaben über Vermögen, Bildungsgang und Besitz von

Orden. Ein Leumundszeugnis Ihres Schwiegervaters ist erwünscht, aber

nicht unbedingt erforderlich.“

Darauf nickte er herablassend, beugte sich wieder tief über den Tisch

und schrieb, wie ich sehen konnte, mit trockener Feder. Ich blieb

ganz verdutzt stehen. Ein Glück, dass ich nicht auch alle quittierten

Rechnungen vorlegen sollte. Betreten stotterte ich:

„Es wird mir vielleicht unmöglich sein, all das Verlangte

herbeizuschaffen. Ich besitze nur einen Reisepass. Ich kam als Gast

Pateras hieher, mein Name ist so und so.“

Als ich dies vorgebracht, erlebte ich einen wahren Schrecken. Der

Gestrenge sprang unvermutet auf:

„Bitte sehr, Sie sind längst angemeldet! Ich werde Sie sofort zu Seiner

Exzellenz führen!“

Er war nun die Höflichkeit selbst. Sollte man glauben, zwei Herzen in

einer Brust? Das verstand ich nicht!

Es begann eine endlose Wanderung durch öde Gänge, Kanzleien, wo man bei

unserem Kommen wie ertappt auffuhr; kahle Säle und Kabinette, bis an

die Decke mit Akten und Mappen gefüllt. Endlich gelangten wir in einen

grossen Warteraum, wo die verschiedenartigsten Menschen herumsassen.

Mein Führer und ich wurden sogleich in eine Art Allerheiligstes

eingelassen. Exzellenz sassen ganz allein da und +warteten+. Der arme

Beamte wurde trotz seinen schönen Bücklingen recht unsanft angefahren

und verschwand.

Se. Exzellenz waren ein sehr vornehmer Mann. Das ersah man schon aus

seiner ganzen Umgebung. Aber nicht nur daraus ersah man das, auch an

ihm selbst waren Auffälligkeiten. Er hatte beispielsweise viel Gold

an seinen Kleidern aufgenäht und eine grosse Reihe aller möglichen

Ordensbänder angesteckt. Ein breites rotes ging extra noch quer über

seine Brust. Ob sich an seinem Körper weitere Hoheitszeichen befanden,

kann ich nicht bestimmt sagen. Vermutlich ja. Ich habe das nie geschaut.

Wir waren allein. Im Gegensatz zu den andern im Archivgebäude war

er sehr freundlich. Mich entzückte diese grosse Huld. Nachdem er

mich angehört hatte, sprach er zuvorkommend: „Aber das ist doch

selbstverständlich, Verehrtester! Die Karte wird Ihnen sogleich

zugeschickt werden.“ Dann erhob er sich und sprach automatisch wie zu

einer Zuhörerschaft:

„Meine Herren! Meine Herren! Im Interesse der öffentlichen

Wohlfahrt und unseres Ansehens erkennt die Regierung ihre volle

Verantwortlichkeit an. Ich stehe nicht an Ihre sämtlichen Gesuche

vor der höchsten Adresse zu vertreten. In Fragen der Armenfürsorge

finden Sie bei mir stets ein geneigtes Ohr. Unser nächstes Ziel soll

eine Vervollkommnung des Theaterwesens sein. Ich hoffe dabei auf Ihre

tatkräftige Unterstützung. Die Erfahrungen, welche wir mit der Freigabe

gewisser Institutionen im französischen Viertel gemacht haben, bürgen

uns .... meine Herren .... ich bin überzeugt, Ihnen aus der Seele

zu sprechen, wenn .... wenn .... wenn ....“ Der Redner verlor seine

Gewandtheit, er blickte mich gänzlich verwundert und gläsern an. Ich

half ihm aus der Verlegenheit, indem ich mich unter Verbeugungen und

Danksagungen empfahl. Im Herzen nahm ich keinen grossen Respekt vor dem

Archiv mit nach Hause. Ich habe seinen Frieden nicht wieder gestört.

Das was ich da erlebte, passierte allerdings nur Neulingen. Solange

man diesen Weg einschlug, wurde nie etwas Positives erreicht. Die

dringendsten Anliegen wurden wegen nebensächlichster Formfehler

zurückgesandt. Mit unentrinnbarer Sicherheit war von dieser Seite

auf eine Durchkreuzung der Pläne zu rechnen. So erhielt ich auch die

Audienzkarte zwar richtig, tags darauf aber die Mitteilung ihrer

Ungültigkeit.

Das war im Traumstaat die reinste Komödienobrigkeit. Hätte man sie

fortgenommen, es wäre alles genau so gut und so schlecht gegangen.

Diese enormen Aktenstücke -- aus aller Herren Länder zusammengekauft --

hatten mit dem Traumreich gar nichts zu tun. Um es herauszusagen, wie

es sich verhielt: die mit Papierstaub geschwängerte Atmosphäre brauchte

man zur Züchtung einer besonderen Spielart des homo sapiens, die zur

Buntheit des Ganzen beitrug.

Die +wahre+ Regierung lag wo anders. Den Besuch gab ich nach diesen

Erfahrungen vorläufig auf, um so mehr, als andere Dinge meine

Aufmerksamkeit fesselten.

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