III.

Wie orientalische Städte aussehen, setze ich als bekannt voraus. Es

ist genau so wie bei uns, nur orientalisch. Kreuz und quer wanderten

wir durch Strassen und über Plätze, uns dabei fortwährend durch

Tausendundeinenacht-Szenen schiebend. Nach Verlauf einer halben Stunde

wurde es stiller, wir schienen an den Rand der Stadt zu gelangen. Vor

einem Hause blieb unser Führer stehen und sagte:

„Da sind wir!“

Wir sollten in ein ebenerdiges Zimmer eintreten. Das Gepäck war schon

da, ich sah es im Hofe. Ein vorzüglicher Imbiss in dem freundlichen

Gemach auf teppichbedecktem Boden, nahm mich etwas mehr für unsern Wirt

ein. Dieser zweite Agent Pateras war noch weit höflicher als der erste,

beinahe unterwürfig.

„Na, was gibts Neues im Traumstaat, Herr Teretatian“, rief ich gut

gelaunt zwischen Feigen und Weintrauben.

„Nichts Neues, nicht viel Neues! Höchstens das Theater. Davon hat der

Herr wohl schon gehört?“

„Aber keine Ahnung hab ich!“ rief ich da, erpicht auf alles, was mit

dem Traumreich zusammenhing.

„Ein neuer Einfall des Meisters! -- Das Gebäude steht schon seit

einem Monat. Einige Wagen voller Kulissen, Hintergründe, alter

Perücken, verursachten mir erst vorige Woche viel Kopfzerbrechen beim

Durchexpedieren. -- Das werden Sie hier lassen müssen, gnädige Frau“,

sprach er weiter und deutete auf eine blinkende Kochmaschine, welche

meine Gattin gerade von draussen hereinbrachte. Sie überhörte diese

Worte, denn sie blickte verzückt einem kleinen Kinde nach, das im Hofe

spielte.

„Was sagen Sie da?“ rief ich, und stiess meine Frau an.

„Ja, leider lässt sich das nicht ändern!“ antwortete er mir bedauernd.

-- „Erst kürzlich -- eine Opernsängerin -- sie wurde ganz rabiat, als

ich ihre Garderobe ausmusterte. Folgen Sie lieber meinem Rat, Sie

ersparen sich viel Scherereien.“

Sprachlos, mit aufgerissenen Augen, hörte ich diesem Menschen zu.

„Aber ich brauche doch meine Sachen“, rief ich ärgerlich.

„Der Herr weiss, dass seine Sorge grundlos ist, Sie sollen um nichts

gebracht werden, nichts vermissen. Der Herr kann sich beruhigen.“

„Wir können die Sachen vielleicht hier deponieren?“ wandte sich

jetzt meine Frau an mich, „ein paar Tage kommen wir auch mit dem

Notwendigsten aus. Dann lässt uns dein Freund die Koffer nachkommen.“

Der Agent nützte diese Bundesgenossenschaft und versuchte, mich zu

bereden:

„Auch die Opernsängerin ist jetzt zufrieden. Der Herr reist ja in keine

Wildnis, und nach zwei Tagen findet er in Perle alles, was er braucht.“

„Wie höre ich? Ich verstehe zwei Tage? Nach der Karte rechnete ich

mindestens auf eine Woche!“ -- Ich war überaus erstaunt.

„Dann ist sich der Herr nicht ganz klar über den Weg“, sagt diskret

lächelnd unser Halbarmenier. „Mehr als höchstens drei Tage würden

selbst bei öfterem Rasten nicht daraus.“

„Was darf denn eigentlich mitgenommen werden?“ liess sich jetzt meine

Frau vernehmen.

„Unser Agent für Bayern dürfte das wohl schon erwähnt haben, Madame. Es

ist die Regel, dass nur gebrauchte Sachen das Tor passieren.“

„Plunder habe ich nicht mitgebracht!“ Mir schwand die Geduld. --

„Ich sagte ‚gebraucht‘ -- nicht ‚ruiniert‘.“

„Lass ihn doch! Der Herr wird so liebenswürdig sein, unser Gepäck ein

wenig zu sichten.“

Wir gingen hinaus und unterwarfen unsere Koffer einer Inspektion. Das

Tabakluftkissen nahm ich zur Sicherheit sofort an mich. Stück für Stück

wurde geöffnet, eine merkwürdige Musterung.

Ein photographischer Apparat samt Zubehör wurde sogleich fortgestellt,

dann folgte ein Binocle, ein ausgezeichnetes Glas; beim Rasierapparat

sagte der Kerl: „Um Gottes willen!“ Das Necessaire meiner Frau wurde

genau durchstöbert. Bei unsern Kleidern schien er zu zweifeln. Als

mein schöner Reiseüberzieher nach letzter Mode daran kam -- ein Stück,

worauf ich stolz war -- meinte er: „Den wird sich der Herr gewiss

ändern lassen! Man will doch nicht auffallen!“ Als aber die Wäsche

meiner Gefährtin an der Reihe war, und der Dummkopf auch da nachsehen

wollte, fuhr ich dazwischen:

„Das bleibt, da wird nichts fortgenommen!“ Auch die Bücher wurden

scharf revidiert, doch liess man mir meine hübschen alten Sachen.

„Den Herrschaften soll nichts abgehen!..... nichts abgehen!“

wiederholte in einem fort geschäftsmässig Herr Teretatian. Dabei

entging nicht die geringste Kleinigkeit seinen Blicken.

„Jetzt ist alles in Ordnung.“ Er verbeugte sich tief. -- Mittlerweile

war es aber auch vier Uhr geworden.

In der letzten Stunde kaufte ich mir in Samarkand noch verschiedene

Dinge für die sozusagen konfiszierten. Ich erwarb einen prächtigen

alten Samovar, nicht so praktisch, aber schöner als unsere Maschine.

Als ich zurückkam, standen zwei geräumige Karren mit riesigen Rädern

bereit. Vor jeden war ein Kamel gespannt. Ich blickte zweifelnd auf

dies traurige Gefährt.

„Die Herrschaften werden gut fahren, wir haben Decken hineingebreitet.

Der Führer ist ein verlässiger Mensch und hat die Weisung, Ihren

Wünschen nachzukommen.“

[Illustration]

Beim Einsteigen ein paar reichgefüllte Proviantkörbe erblickend, war

ich wieder ganz sanft. Ich dankte und schüttelte unserem Wirt die Hand.

-- An der Spitze des Zuges ritt auf einem mähnigen Pferde der Führer,

ein kleiner Kirgise. Bei jedem Karren ein Mann, zum Schluss zwei Diener

mit gelben Mützen und dunklen Kaftanen. -- So fuhren wir dahin.

-- Ich hatte jetzt mein Abenteuer.

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