Wie orientalische Städte aussehen, setze ich als bekannt voraus. Es
ist genau so wie bei uns, nur orientalisch. Kreuz und quer wanderten
wir durch Strassen und über Plätze, uns dabei fortwährend durch
Tausendundeinenacht-Szenen schiebend. Nach Verlauf einer halben Stunde
wurde es stiller, wir schienen an den Rand der Stadt zu gelangen. Vor
einem Hause blieb unser Führer stehen und sagte:
„Da sind wir!“
Wir sollten in ein ebenerdiges Zimmer eintreten. Das Gepäck war schon
da, ich sah es im Hofe. Ein vorzüglicher Imbiss in dem freundlichen
Gemach auf teppichbedecktem Boden, nahm mich etwas mehr für unsern Wirt
ein. Dieser zweite Agent Pateras war noch weit höflicher als der erste,
beinahe unterwürfig.
„Na, was gibts Neues im Traumstaat, Herr Teretatian“, rief ich gut
gelaunt zwischen Feigen und Weintrauben.
„Nichts Neues, nicht viel Neues! Höchstens das Theater. Davon hat der
Herr wohl schon gehört?“
„Aber keine Ahnung hab ich!“ rief ich da, erpicht auf alles, was mit
dem Traumreich zusammenhing.
„Ein neuer Einfall des Meisters! -- Das Gebäude steht schon seit
einem Monat. Einige Wagen voller Kulissen, Hintergründe, alter
Perücken, verursachten mir erst vorige Woche viel Kopfzerbrechen beim
Durchexpedieren. -- Das werden Sie hier lassen müssen, gnädige Frau“,
sprach er weiter und deutete auf eine blinkende Kochmaschine, welche
meine Gattin gerade von draussen hereinbrachte. Sie überhörte diese
Worte, denn sie blickte verzückt einem kleinen Kinde nach, das im Hofe
spielte.
„Was sagen Sie da?“ rief ich, und stiess meine Frau an.
„Ja, leider lässt sich das nicht ändern!“ antwortete er mir bedauernd.
-- „Erst kürzlich -- eine Opernsängerin -- sie wurde ganz rabiat, als
ich ihre Garderobe ausmusterte. Folgen Sie lieber meinem Rat, Sie
ersparen sich viel Scherereien.“
Sprachlos, mit aufgerissenen Augen, hörte ich diesem Menschen zu.
„Aber ich brauche doch meine Sachen“, rief ich ärgerlich.
„Der Herr weiss, dass seine Sorge grundlos ist, Sie sollen um nichts
gebracht werden, nichts vermissen. Der Herr kann sich beruhigen.“
„Wir können die Sachen vielleicht hier deponieren?“ wandte sich
jetzt meine Frau an mich, „ein paar Tage kommen wir auch mit dem
Notwendigsten aus. Dann lässt uns dein Freund die Koffer nachkommen.“
Der Agent nützte diese Bundesgenossenschaft und versuchte, mich zu
bereden:
„Auch die Opernsängerin ist jetzt zufrieden. Der Herr reist ja in keine
Wildnis, und nach zwei Tagen findet er in Perle alles, was er braucht.“
„Wie höre ich? Ich verstehe zwei Tage? Nach der Karte rechnete ich
mindestens auf eine Woche!“ -- Ich war überaus erstaunt.
„Dann ist sich der Herr nicht ganz klar über den Weg“, sagt diskret
lächelnd unser Halbarmenier. „Mehr als höchstens drei Tage würden
selbst bei öfterem Rasten nicht daraus.“
„Was darf denn eigentlich mitgenommen werden?“ liess sich jetzt meine
Frau vernehmen.
„Unser Agent für Bayern dürfte das wohl schon erwähnt haben, Madame. Es
ist die Regel, dass nur gebrauchte Sachen das Tor passieren.“
„Plunder habe ich nicht mitgebracht!“ Mir schwand die Geduld. --
„Ich sagte ‚gebraucht‘ -- nicht ‚ruiniert‘.“
„Lass ihn doch! Der Herr wird so liebenswürdig sein, unser Gepäck ein
wenig zu sichten.“
Wir gingen hinaus und unterwarfen unsere Koffer einer Inspektion. Das
Tabakluftkissen nahm ich zur Sicherheit sofort an mich. Stück für Stück
wurde geöffnet, eine merkwürdige Musterung.
Ein photographischer Apparat samt Zubehör wurde sogleich fortgestellt,
dann folgte ein Binocle, ein ausgezeichnetes Glas; beim Rasierapparat
sagte der Kerl: „Um Gottes willen!“ Das Necessaire meiner Frau wurde
genau durchstöbert. Bei unsern Kleidern schien er zu zweifeln. Als
mein schöner Reiseüberzieher nach letzter Mode daran kam -- ein Stück,
worauf ich stolz war -- meinte er: „Den wird sich der Herr gewiss
ändern lassen! Man will doch nicht auffallen!“ Als aber die Wäsche
meiner Gefährtin an der Reihe war, und der Dummkopf auch da nachsehen
wollte, fuhr ich dazwischen:
„Das bleibt, da wird nichts fortgenommen!“ Auch die Bücher wurden
scharf revidiert, doch liess man mir meine hübschen alten Sachen.
„Den Herrschaften soll nichts abgehen!..... nichts abgehen!“
wiederholte in einem fort geschäftsmässig Herr Teretatian. Dabei
entging nicht die geringste Kleinigkeit seinen Blicken.
„Jetzt ist alles in Ordnung.“ Er verbeugte sich tief. -- Mittlerweile
war es aber auch vier Uhr geworden.
In der letzten Stunde kaufte ich mir in Samarkand noch verschiedene
Dinge für die sozusagen konfiszierten. Ich erwarb einen prächtigen
alten Samovar, nicht so praktisch, aber schöner als unsere Maschine.
Als ich zurückkam, standen zwei geräumige Karren mit riesigen Rädern
bereit. Vor jeden war ein Kamel gespannt. Ich blickte zweifelnd auf
dies traurige Gefährt.
„Die Herrschaften werden gut fahren, wir haben Decken hineingebreitet.
Der Führer ist ein verlässiger Mensch und hat die Weisung, Ihren
Wünschen nachzukommen.“
[Illustration]
Beim Einsteigen ein paar reichgefüllte Proviantkörbe erblickend, war
ich wieder ganz sanft. Ich dankte und schüttelte unserem Wirt die Hand.
-- An der Spitze des Zuges ritt auf einem mähnigen Pferde der Führer,
ein kleiner Kirgise. Bei jedem Karren ein Mann, zum Schluss zwei Diener
mit gelben Mützen und dunklen Kaftanen. -- So fuhren wir dahin.
-- Ich hatte jetzt mein Abenteuer.